Ein gestohlenes iPhone bekommt man niemals zurück? Falsch!Friday, July 3. 2009![]() Auf einer Landkarte wird dargestellt, wo sich das iPhone befindet. Infos: MobileMe-Webseite Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 26/09 veröffentlicht. Wir haben alle einen Vogel!Tuesday, June 30. 2009 Ein Aufstand im Iran, ein Moonwalk am Karlsplatz oder ein beiläufiger Gedanke der Nachbarin: Twitter.com macht süchtig und verändert die Gesellschaft.Die deutsche Userin „wortkomplex“ ist neidig: „Nachbarskinder haben ein Planschbecken. Ich nur Kaffee.“ Ihre amerikanische Twitter-Kollegin „worksplay“ zitiert ein Michael-Jackson-Lied: „Heal the world, make it a better place, for you and for me and the entire human race.“ Und im Iran schreibt „oxfordgirl“: „Reasons to remove regime: 160 children under age of 16 on death row.“ Von Alltagsbeobachtungen bis zu politischen Forderungen. All das trudelt zur selben Zeit auf Twitter.com ein. Twitter ist wie eine Droge. Es macht süchtig, und man versteht den Reiz erst, wenn man es selbst ausprobiert hat. Auf den ersten Blick wirkt die Idee ziemlich banal: Menschen melden sich online an, um Kurznachrichten mit maximal 140 Zeichen zu verfassen. „Was machst du gerade?“, fragt das Eingabefeld. Mancher Benutzer antwortet treuherzig, dass er momentan am Bahnhof sitzt, ein Wurstsemmerl isst oder zum Donauinselfest fährt. Andere nutzen das Service, um interessante Zeitungsartikel oder Webseiten zu empfehlen. „Microblogging“ nennen sich diese Aktivitäten. Ob die Menschheit solche Infohäppchen tatsächlich braucht? Bis vor kurzem gab es daran große Zweifel. Dann fanden die Wahlen im Iran statt. Plötzlich ließ sich nicht mehr leugnen, dass sich Twitter für politische Mobilisierung und Berichterstattung aus dem Untergrund eignet. In Teheran tauscht sich die Protestbewegung über Onlinedienste wie diesen aus. Die sogenannten Tweets mit bis zu 140 Zeichen sind lang genug für das Wesentliche. „Bestätigt: heute, fünf Uhr nachmittags, Vali-Asr-Platz. Unterstützer der Freiheit trägt Schwarz, um den Gefallenen Tribut zu zollen“, schreibt der eine. Und ein anderer sagt: „Razzia gegen Journalisten: Berichten zufolge wurden Journalisten in Boushehr, Mashad und Rasht verhaftet.“ Warum eignet sich Twitter so gut zum Mobilisieren? Was gefällt den Usern daran? Ist diese Kommunikation wirklich so revolutionär? Schuld an dem ganzen Gezwitscher (das bedeutet Twitter im Englischen) sind der Programmierer Jack Dorsey, der Grafiker Biz Stone und Evan Williams, der kaufmännische Kopf. Die drei gründeten Twitter 2006 – aus einer Notlage heraus. Ihr damaliges Start-up-Unternehmen Odeo lief nicht gut. Man brainstormte über neue Geschäftsideen. Und da kam Dorsey mit dem entscheidenden Vorschlag auf: Wie wäre ein Onlineservice, bei dem man anderen mitteilt, was man gerade macht? So könnte man zum Beispiel dem Freundeskreis sagen, wo gerade eine heiße Party steigt. Von ihrem internettauglichem Handy oder dem Computer am Arbeitsplatz loggen sich auch österreichische Mitglieder ein. Viele stammen aus der Onlinecommunity, sind Studenten oder haben Jobs, bei denen sie am PC sitzen. Jetzt können sie jede Wartezeit auch noch mit Mininachrichten überbrücken. 37 Millionen Menschen riefen weltweit im Mai 2009 Twitter.com auf, sagt Marktforscher ComScore. In den USA ist das Portal nun die drittgrößte Social-Networking-Plattform nach den Freundschaftsportalen Facebook und MySpace. Schauspieler Ashton Kutcher hat mehr als 2,5 Millionen „Follower“ – das sind Twitter-User, die seine Beiträge abonnieren. Und auch Startalkerin Oprah Winfrey stieg im Frühjahr ein. Ihre erste Nachricht an die Community: „FEELING REALLY 21st CENTURY.“ Ob solche Promis wirklich selbst hinter der Tastatur sitzen und ob man dadurch Oprah tatsächlich näher kommt, ist eine andere Frage. Die User schätzen an der Seite, „dass man bei Fragen fast immer Antworten bekommt. Und zwar gute Antworten!!“, schreibt Mitglied „SonjaSchiff“. „Ich mag die knackigen Infohappen. Bei Interesse klick ich einfach auf den dazugehörigen Link, um mich näher zu informieren“, sagt „afredd“. „Twittern ist wie im Kaffeehaus sitzen und mit Freunden und Kollegen über Interessantes und Belangloses reden“, meint „cschlemmer“. Und das sind nur ein paar der Antworten, die man erhält, wenn man mitzwitschert. Das Potenzial als Mobilisierungstool endet nicht mit dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf oder den Demos in Teheran. Vergangene Woche sammelten sich plötzlich einige dutzend Wiener am Karlsplatz. Es war keine politische Protestaktion, sondern ein spontaner Aufmarsch von Michael-Jackson-Fans. Auf Twitter.com kam die Idee eines Massen-Moonwalks auf, sie wurde schnell zirkuliert. „Heute 18/19h Karlsplatz. Kriegen wir den Massmoonwalk hin?“, schrieb zum Beispiel Mitinitiator und Gap-Herausgeber Niko Alm. Waren dann 100 oder sogar 200 Menschen am Karlsplatz? Das ist nicht wichtig. Viel entscheidender ist, dass plötzlich so ein schräges, spontanes Event stattfindet: Die Menge baute ein Soundsystem auf, tanzte zu Michael-Jackson-Platten, und ein paar Verrückte stiegen bekleidet in den Teich. Die Proteste in Teheran und der Spaß-Flashmob in Wien nutzen dieselbe Infrastruktur. Twitter kann man sich wie einen riesigen, rauschenden Informationsfluss vorstellen. Egal, ob in New York ein Flugzeug im Hudson River landet oder in China ein Sack Reis umfällt, hier ist es nachzulesen. Und weil die Benutzer Twitter nach Stichworten durchsuchen können und spannende Texte besonders schnell an andere User weitergeleitet werden, ist Twitter oft schneller als CNN oder Onlinezeitungen. Manchmal sind die Tweets auch falsch. Absurd zu glauben, es wäre anders. „Die Stärke von Twitter, dass so viel Information über den Kanal geht, ist gleichzeitig auch die Schattenseite“, sagt Wolfgang Reinhardt, Informatiker an der Uni Paderborn. Wer nicht im Rauschen untergehen will, muss lernen, aus der Flut an Informationen richtig zu selektieren: Will man eine Scheinnähe zu Promis aufbauen, dann empfiehlt sich ein Blick auf den Account von Demi Moore. Möchte man über Neuigkeiten im Web informiert sein? Da kann man beim New York Times-Technikkolumnisten David Pogue mitlesen. Und wen beides langweilt, der kann so schrille Kunstfiguren wie den Taubenvergrämer verfolgen. ![]() Diese Geschichte ist im Falter 27/09 erschienen. Illustrationen: Jochen Schievink Twitter wächst rasant. In Österreich besuchten im Mai 2008 gerade einmal 1000 Menschen die Webseite. Ein Jahr später waren es laut ComScore 94.000. Es ist ein typisches Web-2.0-Schicksal, dass die Seite noch keinen einzigen Cent eingenommen hat. Erst im Februar trieb Twitter weitere 35 Millionen Dollar von Investoren auf – insgesamt stecken in der Firma 55 Millionen Dollar. Das ist Risikokapital von Unternehmen wie Benchmark Capital und Institutional Venture Partners. Sie streben riesige Gewinne an. Zum Vergleich: Das Videoportal YouTube wurde für 1,65 Milliarden Euro an Google verkauft. Mittlerweile ist man in der Branche vorsichtiger geworden. Denn der Ansturm der User lässt sich nicht so leicht in Bares verwandeln. Heuer möchte Twitter erstmals mit dem Geldverdienen beginnen. Dann könnten Firmen wie der Computerhersteller Dell oder die Coffeeshop-Kette Starbucks für ihre Mitgliedschaft zahlen. Kein Wunder: Dell hat erst kürzlich bekanntgegeben, dass es mittels Marketingmaßnahmen auf Twitter drei Millionen Dollar umgesetzt hat. Selbst für den Fall, dass Twitter insolvent wird, geht es nicht so sehr darum, welcher Anbieter sich durchsetzt. Sondern darum, dass Menschen einen neuen Kommunikationsdrang entdeckt haben, von dem sie bis vor kurzem nichts wussten. Das zeigte auch der vergangene Donnerstag. Da brach Twitter zwischenzeitlich unter dem Ansturm an Usern zusammen. Wieder einmal erschien der „Fail Whale“ – dieses Logo symbolisiert, dass Twitter gerade überlastet ist. Zu viele Menschen wollten gleichzeitig über den Tod des „King of Pop“ nachlesen oder Abschied nehmen. Binnen einer Stunde trafen mehr als hunderttausend Kurzkommentare auf der Online-Plattform ein. Als John F. Kennedy 1963 erschossen wurde, standen viele Menschen fassungslos vor den Fernsehapparaten. Als Lady Diana 1997 bei einem Autounfall ums Leben kam, lief CNN, und man rief sich gegenseitig am Handy an. Von Michael Jacksons Tod erfuhren viele im Netz. Oder sie strömten dann nachträglich ins Web. Egal, ob die Firma Twitter heißt oder nicht. Dieses neue Informations- und Mitteilungsbedürfnis ist nicht mehr wegzubekommen. Weiterführende Links: - Diese Twitter-Autoren sollte man zu Recht online verfolgen - Wie mache ich da mit? Eine kurze Einstiegshilfe für Twitter
Posted by Ingrid Brodnig
at
16:25
| Comments (2)
| Trackbacks (0)
Defined tags for this entry: neue medien, twitter
Die Zombies mach ich platt! Aber wirklich nur im SpielFriday, June 26. 2009Bild von Jana Herwig, die das Kunstprojekt "Games Don't Kill" startete Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 25/09 veröffentlicht. Bild: Jana Herwig (via Flickr) I Love DirtTuesday, June 23. 2009
Das Nova Rock ist eine Festivalmaschine, die Dreck und ein Lebensgefühl produziert
Aus der Ferne wirken sie wie Ameisen: Hintereinander gehen sie einen Feldweg entlang; sie tragen Zelte, Rucksäcke, sehr viel Bier und T-Shirts, auf denen Namen von Heavy-Metal-Bands oder Slogans wie „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“ stehen.Tag 0 – Bier anschleppen Am Donnerstag treffen zehntausende Menschen auf einer riesigen Wiese im östlichen Burgenland ein. Am nächsten Tag wird hier in der Gemeinde Nickelsdorf das Nova Rock beginnen, Österreichs mit Abstand größtes Rockfestival. 50.000 Menschen täglich werden kommen, um Bands wie Metallica, Nine Inch Nails, Faith No More, Slipknot oder die Toten Hosen zu sehen. 2000 Mitarbeiter, 450 Mobiltoiletten und zwei Bühnen warten auf sie, eine davon soll die größte Bühne Europas sein. Der Festivalmarkt boomt heftiger als je zuvor. Nova Rock debütierte vor fünf Jahren als Festival mit Harter-Buben-Musik, das buntere und poppigere Frequency findet heuer im August bereits zum neunten Mal statt. Gemeinsam locken die beiden größten Rockfestivals Österreichs alljährlich weit über 200.000 Besucher ins Land. Für viele 16- bis 25-Jährigen ist das nicht bloß ein dreitägiger Konzertmarathon, sondern Ausdruck eines Lebensgefühls. Eine beliebte Webseite der internationalen Festivalcommunity nennt sich I-Love-Dirt.com. Ich liebe Dreck. Der rote Nickelsdorfer Bürgermeister Gerhard Zapfl freut sich über die Aufmerksamkeit der Medienvertreter. Wenn sie ihn darum bitten, zeigt er ihnen den 1600-Einwohner-Ort persönlich: rechts der Bäcker, links die Trafik und da hinten der Bahnhof. Viel mehr gibt es in Nickelsdorf nicht zu sehen. Kein Wunder, dass sich Zapfl darum bemüht, das Festival in seiner Grenzgemeinde zu halten. Nicht nur, weil der Ort mit der Lustbarkeitsabgabe das Gemeindebudget auffettet. Der Bürgermeister glaubt auch an einen Imagegewinn: „Nickelsdorf hatte immer den Ruf: Hier gibt es einen Stau an der Grenze und lange Wartezeiten.“ Und selbst der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl lobt die Veranstalter und hofft auf Synergieeffekte: „Die jungen Leute, die hierherkommen, sind auch potenzielle Touristen in der Zukunft.“ Während Niessl am Telefon über den Nutzen für die Region spricht, karren die Festivalbesucher Ausrüstung und Proviant herbei. Auch Theodor Duval trifft am Donnerstagabend ein. Der 22-jährige Wiener hat gerade seinen Zivildienst hinter sich und will Volksschullehrer werden. Theo ist ein Nova-Rock-Veteran und hat das Spektakel noch kein einziges Mal versäumt. Zum Beweis trägt er alle Eintrittsbänder wie Trophäen am Handgelenk. Die Musik ist wichtig, aber nicht alles: „Wenn mich die Bands einmal nicht so reizen, werde ich trotzdem kommen, solange ich weiß, dass viele Freunde hier sind.“ Theo zeltet diesmal in einer großen Gruppe und freut sich auf Krachmacher wie Limp Bizkit, Gogol Bordello und die Toten Hosen. Während der drei Tage wird er viel Dosenbier kaufen und seine Sammlung um ein weiteres Nova-Rock-T-Shirt erweitern. Um nicht ins Minus zu kommen, wird er möglichst viele vergessene Pfandbecher einsammeln. Wenn er wollte, könnte er aber auch sein gesamtes Geld am Gelände verprassen: Großfestivals sind eine Mischung aus Konzertspektakel, Campingtrip und Besuch eines Vergnügungsparks. Und noch bevor das erste Konzert auf den großen Bühnen begonnen hat, wird gefeiert. Theo tanzt bis in die Morgenstunden des Freitag. Tag 1 – Chillen Es ist noch früh, aber langsam erwacht die Festivalcommunity. Wenn die Sonne scheint, heizen sich die Zelte extrem schnell auf. „Raus und chillen“ heißt es dann. Die kurze Nacht gehört dazu. „Wenn ich auf ein Festival fahr, bin ich nicht auf Entspannung oder Schlaf aus“, erklärt Theo. Er sitzt mit seinen Kumpels noch am Campingplatz, als die erste Band die Hauptbühne betritt. Aber am Anfang spielen ohnedies nur die kleinen Fische. Als um 13 Uhr die fünfköpfige Metal-Band Xenesthis auftritt, schauen ein paar hundert Menschen zu. „Wir freuen uns, hier heute die Blue Stage eröffnen zu dürfen. Gebt’s Gas mit uns“, animiert Sängerin Katrin Bernhardt die handverlesene Zuhörerschaft. Kleine österreichische Acts bekommen für ihre Auftritte gerade einmal eine niedrige dreistellige Gage, spielen hauptsächlich, um bekannt zu werden. „Nova Rock ist eine wahnsinnige Chance, Leute von der eigenen Musik zu überzeugen“, sagt Bernhardt. Die Festivalmaschine ist auch eine Antwort auf die Krise, in der die Musikindus-trie seit Jahren steckt. Während die CD-Umsätze sinken, werden Konzerte als Einnahmequelle immer wichtiger, erklimmen die Gagen der bekannten Bands schwindelerregende Höhen. Nova-Rock-Veranstalter Ewald Tatar schätzt, dass sich die Honorare für Festivalbands in den letzten drei Jahren verdoppelt haben. Brancheninsider sprechen von siebenstelligen Eurosummen, die ein Headliner wie Metallica einstreift – ein Millionenbetrag für einen Abend. Tatar hat nicht nur das Nickelsdorfer Event ins Leben gerufen, er ist überhaupt eine zentrale Figur am heimischen Festivalmarkt. Gemeinsam mit Harry Jenner, dem Frequency-Veranstalter, leitet er in Wien ein Firmenkonglomerat, das den österreichischen Freiluftkonzertmarkt dominiert: Nuke, Lovely Days, Two Days A Week – all das stammt vom selben Team. Bei Zahlen sind die Veranstalter sehr zurückhaltend. Was die Organisation so eines Festivals kostet? „Zwischen drei und sechs Millionen Euro.“ Wie viel das Sponsoring bringt? „Das kann ich so nicht sagen.“ Wie viel Bier fließt? „Diese Zahl kenne ich, nenne sie aber nicht.“ Wäre Landeshauptman Niessl hier, er würde sich über den ersten Nachmittag freuen. Sein Bundesland präsentiert sich buchstäblich von seiner Sonnenseite. Die Warnung der Veranstalter vor Unwettern wird jedoch weitgehend ignoriert. Viele verabsäumen es, ihr Zelt richtig zu sichern. Ein Fehler. Als Metallica spätabends die Bühne betreten, setzen Sturm und Regen ein. Binnen weniger Minuten sind sogar jene nass, die einen Poncho tragen. Nine Inch Nails, die die zweite Bühne bedröhnen, haben sogar mit einem Stromausfall zu kämpfen, und während Metallica von der Hauptbühne böllern, große Flammen aufsteigen lassen und mit roten Feuerwerkskörpern die Nacht erhellen, suchen Tausende nur eines: den Ausgang. An diesem Abend bricht die Festivalstimmung ein. Der Schlamm bedeckt alles. Tag 2 – Depression Gatsch fühlt sich nicht ansatzweise so lustig an, wie er auf all den Festivalfotos seit Woodstock aussieht. Einige Irre wälzen sich im Schlamm, aber die meisten verstecken sich im Zelt. Es ist saukalt, es regnet. Und viele Besucher haben die ganze Nacht gefroren. Beim Dorfwirt sitzen Marion und Tina. Die beiden 16-Jährigen haben Pizza gegessen und rauchen jetzt eine Zigarette. Ihr Zelt ist völlig durchnässt. Trotzdem gefällt ihnen ihr erstes Festival – ein Abenteuer, bei dem man viele verrückte Leute kennenlernt. Aber nicht alle Bekanntschaften sind nett. Vor den zwei Burgenländerinnen entblößen Typen plötzlich ihre Genitalien. Oder eine Gruppe 40-Jähriger kommt am Zelt vorbei und schüchtert die Festivaldebütantinnen ein: „Um Mitternacht kommen wir zu euch ins Zelt.“ Hat sich zwar nicht als wahr erwiesen, gefürchtet haben sich die beiden Freundinnen aber trotzdem. Eine junge Frau zeigt heuer eine Vergewaltigung an; mehr will die Polizei dazu nicht sagen. Das gängigste Verbrechen ist Diebstahl. Theos Freund sind Handy und Geldtasche gestohlen worden, während er schlief. Als Theo am zweiten Abend während des Auftritts von In Extremo ganz vorne bei der Bühne steht, wird die Stimmung plötzlich unangenehm. Taschendiebe gehen um. „Die haben mindestens 30 Leuten bestohlen“, weiß Theo. Er selbst hat Glück gehabt. Die patrouillierende Polizei versucht, Langfinger durch schiere Präsenz einzuschüchtern. Die am Gelände installierten Überwachungskameras können zwar nicht helfen, jeden Kriminellen zu schnappen – aber wenn am Campingplatz ein Feuer ausbrechen sollte, sehen das Polizei und Feuerwehr sehr schnell. Mehr als 2000 Menschen arbeiten am Nova Rock. Einer, der die Übersicht hat, ist Andreas Kalaschek. Als Produktionsleiter koordiniert er alle Bereiche außer der Bühnenarbeit. In seinem Container im Backstagebereich hängt ein großer Plan vom Festivalgelände. Den Großteil des Tages hat er damit verbracht, den Regensee vor der Bühne abzupumpen und zumindest die neuralgischen Stellen des Festivalgeländes mit Hackschnitzeln zu bestreuen. Dennoch bleibt die Situation trostlos, auf den verschlammten Wegen kommt man selbst mit Gummistiefeln kaum voran. In den letzten Jahren haben die Festivalorganisatoren immer wieder Sicherheitsverbesserungen vorgenommen. Zum Beispiel wurde der Eingang zum Wellenbrecher neu gestaltet – also jener Bereich direkt vor der Bühne, der durch Sperren vorm Druck des restlichen Publikums geschützt wird. Viele Besucher dringen aber gar nicht bis zum Wellenbrecher vor. Sie geben sich die Konzerte aus sicherer Entfernung oder verbringen ihre Zeit hauptsächlich im Zelt und bei Bier. Der 17-jährige Oberösterreicher Christian Altendorfer gehört zu ihnen: Er hat mehr als 100 Euro Eintrittsgeld gezahlt – vor allem für die Gaudi auf dem Campingplatz. Bei Schlechtwetter besucht er den Dorfwirt: „Ich finde das eine Frechheit. Wenn es regnet, bekommt man nirgendwo mehr einen Poncho.“ Eigene Regenkleidung einzupacken findet er uncool. Tag 3 – Vollgas Viele Berufstätige müssen Sonntagnachmittag abreisen. Pech gehabt, denn jetzt scheint die burgenländische Sonne wieder. Das Campinggelände sieht mittlerweile aus wie eine Müllhalde. Bierdosen, Zeltleichen, verlorene Schuhe. Manche Besucher basteln aus dem gesammelten Abfall kuriose Dinge, andere sitzen noch immer vor dem Zelt. „Steh auf, steh auf! Du kannst ned alle Konzerte versäumen“, schimpft eine junge Frau ihren Freund, der im Campingstuhl döst. Auf der Bühne spielen gerade Madsen, unweit davon steht eine lange Schlange vor dem Bankomat. 2,5 Stunden wartet man hier, wenn man frisches Bargeld braucht. Wieviel die Leute ausgeben? „So 70 Euro“, erklärt eine Wienerin ganz vorne. „Keine Ahnung“, meint ein Typ weiter hinten, „ich achte da nicht drauf.“ Im Hintergrund springen Menschen vom Bungee-Jumping-Kran. Das kostet 48 Euro. Ein Cheeseburger kostet 4,50 Euro. Die faschierten Laberln heißen hier „Bouletten“, und am Pommesstand sprechen die Mitarbeiter Holländisch. Edson Almeida ist mit seinen Kollegen aus den Niederlanden angereist, um Fritten zu verkaufen. Anfang Juni waren sie beim Rock am Ring in Deutschland, nach Nova Rock geht es wieder auf ein Festival in die Niederlande, dessen Namen er nicht kennt. Hinter all den Standln steckt das Gastro Team Bremen, der Marktführer im Festivalbereich. „Unsere Firma kauft zentral die Rechte der Gastronomie ein und agiert dann wie ein Makler“, indem es die Standplätze an die einzelnen Standler vermietet, erklärt Sascha Ebner vom Gastro Team. Sponsoring ist auch hier Teil des Geschäfts. Die Bierstände ziert das gelbe Ottakringer-Logo. Vier Euro kostet das Krügerl vor der Bühne, dazu kommt ein Euro Pfand pro Becher. Der Preis wird in Absprache zwischen Veranstalter, Brauerei und Gastro Team erstellt. Auch Ebner verrät nicht, wie viel Alkohol verkauft wird. Er sagt nur, dass der durchschnittliche Festivalbesucher an einem Wochenende zwölf Liter Flüssigkeit zu sich nimmt; und dass die Österreicher konsumfreudiger seien als die Deutschen – speziell bei den Spirituosen. Das meistverkaufte Mischgetränk ist Wodka-Red-Bull. Wenn die Sonne scheint, steigt der Durst. Viele sind nur für den Headliner des Abends hier: die Toten Hosen. Hinter der Bühne ist Campino bereits eingetroffen. Seine Band spielt backstage Tischtennis, er gibt Interviews. Die Hosen sind die beliebteste Festivalband im deutschsprachigen Raum. Der Frontmann sagt: „Ich vergleich uns gerne mit britischen Fußballteams. Wir gehen da raus und hören erst auf zu rennen, wenn der Schiedsrichter abpfeift.“ Campinos Bühnenpräsenz hat nicht nur mit purer Power, sondern auch mit hochgradiger Professionalität zu tun. „In jeder Stadt, in der wir spielen, bestelle ich mir eine Lokalzeitung“, sagt er. Als die Hosen um 23 Uhr auf die Bühne gehen, weiß ihr Sänger genau, in welcher Ortschaft er spielt und dass es hier gestern furchtbar geregnet hat. Später wird er das Publikum fragen, wer aus Eisenstadt, Wien, Bratislava kommt, und Anspielungen auf den österreichischen Fußball machen. Zeitweise war es in den vergangenen 48 Stunden unerträglich nass und kalt; Zelte gingen kaputt, und Geldbörsen wurden gestohlen. Man stand eine Ewigkeit vor der Dusche an, bezahlte zu viel Geld für minderwertiges Essen und musste auf komplett versaute Dixi-Klos. Aber es gibt Momente, da vergisst man all die Mühsal und wird plötzlich eins mit der Masse. An diesem Abend passiert genau das, als Campino kurz nach Mitternacht in die Menschenmassen stürzt und von tausenden Händen weggetragen wird. Schließlich taucht er auf dem hohen Soundturm gegenüber der Bühne wieder auf und zündet eine rote Leuchtfackel. Jetzt tanzt sogar die 40-jährige Rot-Kreuz-Ärztin im Wellenbrecher. Man muss die Musik der Hosen gar nicht mögen, um zu diesem Zeitpunkt Endorphine zu spüren. Übers ganze Gesicht grinst auch Christoph Doppelhofer. Er ist der Glückliche, den Campino aus der Masse herausfischt und auf der Bühne mitsingen lässt. Der 19-jährige Steirer lässt sich die Chance nicht entgehen und gibt alles. „Ich bin ein bisschen eine Bühnensau“, gesteht er, „aber das Geilste ist, dass ich mir eine Sache vor dem Konzert vorgenommen habe: Ich will mit den Hosen auf der Bühne stehen.“ Während Christoph in Richtung Ausgang geht, klopfen ihm ständig Unbekannte auf die Schulter: „Klasse gemacht!“ Irgendwie ist Christoph einer von ihnen. Und irgendwie standen sie alle mit ihm auf der Bühne. Foto-Galerie vom Nova Rock (zum Vergrößern draufklicken): Diese Reportage ist im Falter 25/09 erschienen. Das Falter-Cover wurde von Heribert Corn (www.corn.at) fotografiert. Piraten am FestlandTuesday, June 23. 2009
Erstmals zieht eine Piratenpartei ins EU-Parlament ein. Was das für Europa bedeutet
Accesoirs für den modernen Piraten. Zum Beispiel ein Poster, das Hollywood den Kampf ansagt Er ist ein typischer Piratenwähler: Mit seinen 21 Jahren kennt er keine Welt ohne Computer. Sein Studium als Webprogrammierer zeigt, welche zentrale Rolle das Internet in seinem Leben spielt. Und er fühlt sich gerade in seiner digitalen Freiheit bedroht, kritisiert die neuen schwedischen Gesetze, die das Abhören im Netz erleichtern, die Kriminalisierung von Downloadern und das Patentsystem, das in seinen Augen die Monopolisierung des Wissens mit sich bringt. Das sind auch drei zentrale Themen der Piratenpartei. Genau genommen ist das schon fast das gesamte Programm der Internetbewegung. Es reichte, um bei der Europawahl 7,13 Prozent der Stimmen und einen Sitz im EU-Parlament zu erlangen. Wenn der Lissabonvertrag in Kraft tritt, bekommt die Partei sogar noch ein zweites Mandat. In ganz Europa ist das eine Sensation. Zum ersten Mal schafft eine derartige Gruppierung den Einzug ins Parlament. Das Telefon von Spitzenkandidat Christian Engström läutet ununterbrochen. Ständig fragen ihn ausländische Journalisten, wofür seine Partei überhaupt steht. "Ich freue mich über die Aufmerksamkeit", meint er und bietet eine einfache Erklärung für den Wahlsieg: "Wir sind deswegen so erfolgreich, weil es viele neue Gesetze und Vorschläge gab, die die Freiheit im Internet einschränken." Der 49-jährige Programmierer ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was man sich unter einem Piraten vorstellt. Er lebt als verheirateter Familienvater im Stockholmer Vorort Nacka. Sein Wahlprogramm beinhaltet Vorschläge, die für Wutanfälle in der Musik- und Filmbranche sorgen: Wer heute ein Lied schreibt, kann sich bis über den Tod hinaus das Urheberrecht und Tantiemen sichern. Die Piraten lehnen dieses Konzept ab. Sie wollen geistiges Eigentum künftig nur noch fünf Jahre schützen, dann soll es der Allgemeinheit gehören. Ihre Vision ist eine Gesellschaft, in der Wissen und Kultur allen zugänglich sind. Ob jedes Filmstudio und jedes Plattenlabel diesen Wandel überlebt, ist ihnen egal. Oder Bekleidung für die Piratin, die zu ihrer Meinung steht Im April wurden dort vier Männer zu einem Jahr Haft und Schadenersatz in der Höhe von 30 Millionen Kronen (2,79 Millionen Euro) verurteilt. Ihnen wurde Beihilfe zu schweren Urheberrechtsverletzungen vorgeworfen. Denn sie gelten als die Betreiber des Internetportals The Pirate Bay, der weltweit populärsten Anlaufstelle für Filesharer. Das Urteil sollte ein Exempel statuieren für jene, die rotzfrech gegen das Urheberrecht verstoßen. In Wirklichkeit führte der Prozess dazu, dass der Graben zwischen Downloadern und Urheberrechtsverfechtern sich noch weiter auftat. Die schwedische Debatte zeigt, dass einige Bürger Filesharing nur als harmloses Vergehen sehen. Auch in Österreich denken das viele, ergibt eine Umfrage von GfK-Austria: 41 Prozent der Internetuser empfinden die Verwendung von Raubkopien als Kavaliersdelikt. Die Raubkopie ist demnach sogar salonfähiger als der Diebstahl der Sonntagszeitung. In Schweden mobilisierte das Pirate-Bay-Urteil viele Wähler - gerade die jungen, die vielleicht nicht einmal abgestimmt hätten. Unter den 18- bis 22-Jährigen ist die Piratenpartei sogar die stärkste Partei. Drei Jahre zuvor hatte die Bewegung bei den Parlamentswahlen bloß 0,6 Prozent der Stimmen erlangt. Es wäre aber zu einfach, den Erfolg der Internetpiraten nur auf die Downloaddebatte zu reduzieren, meinen schwedische Politologen. "Ihr Parteiprogramm erinnert an die Forderungen der Bürgerrechtsorganisationen", sagt Henrik Oscarsson von der Universität Göteborg. Die Piratpartiet wäre nicht so populär, würde sie nicht existierende Ängste ansprechen und umstrittene Legislatur kritisieren - zum Beispiel jenes Gesetz, das der schwedischen Funküberwachungsbehörde (FRA) das Abhören von Internetverbindungen ohne richterlichen Befehl erlaubt. Dieses Wahlplakat gibt es ebenfalls im Onlineshop der Piratpartiet zu kaufen. Und auch in Österreich gibt es einen kleinen Ableger der Piratenpartei. Der 25-jährige Publizistikstudent Max Lalouschek sitzt dort im Vorstand. Sein Weltbild schaut folgendermaßen aus: Die bürgerlichen Freiheiten werden im Internet immer weiter beschnitten. Die Musikindustrie befindet sich in einem aussichtslosen Kampf gegen die Masse der Filesharer. Dass Downloads Künstlern schaden können, ist für ihn unvorstellbar. Vielmehr seien sie eine Möglichkeit für unbekannte Bands, mehr Aufmerksamkeit zu erlangen. "Ich kaufe seither nicht weniger Musik, sondern andere", meint er. Das Geld, das junge Leute nicht mehr für CDs ausgeben, fließe dann eben in Konzertbesuche. Viele Musiker merken allerdings nichts davon. Und die Branchenvertreter verweisen auf insgesamt sinkende Einnahmen. 2008 brach der Umsatz der Musikindustrie erneut um acht Prozent auf 185 Millionen Euro ein, sagt der Verband der heimischen Musikindustrie (IFPI). Die Piraten haben jedenfalls Konjunktur. So schnell wird keine andere Partei den schwedischen Erfolg nachmachen, aber die Themen der Internetbewegung sind zeitgemäß. Gewissermaßen könnte man die Downloadbewegung sogar mit der frühen grünen Bewegung vergleichen. Damals hatten die Grünen auch nur ein zentrales Thema: den Umweltschutz. Und sie zwangen andere Parteien, sich damit auseinanderzusetzen. Christian Engström, der Pirat mit der Entertaste, sucht jetzt nach Verbündeten in der EU. "Wir werden uns einer politischen Fraktion anschließen", meint der designierte Parlamentarier und denkt an die Grünen oder Liberalen. Die wirkliche Leistung der Piraten ist aber nicht unbedingt das, was sie in Straßburg bewirken, sondern dass sie ein Minderheitenthema aufgewertet haben. In allen europäischen Ländern existieren umstrittene Gesetze zur Kontrolle der neuen Medien. Und obwohl es immer Kritik aus der Onlinecommunity und vereinzelten Medien gab, galten die Onlinedebatten als politischer Nebenschauplatz. Die traditionellen Parteien beschäftigen sich nur in Ausnahmefällen damit - selbst im Stockholmer Riksdag. Die schwedischen Piraten haben vorgeführt, dass hier die Politik der Gesellschaft hinterherhinkt, dass Parteien mit Internetthemen sehr wohl Stimmen gewinnen oder verlieren können. Und das wird sich auch in Europa schnell herumsprechen. Dieser Bericht erschien im Falter 24/09. Baba und Fall net! Der Computer als UnfallquelleTuesday, June 23. 2009
Dass die Maschinen unser Feind sind, vermuten wir schon länger. Jetzt wurde aber auch statistisch belegt, wie gesundheitsschädigend der Computer ist. Im American Journal of Preventive Medicine weisen Forscher nach, dass es extrem häufig zu Unfällen mit Computerbeteiligung kommt. Einmal fällt jemandem der Bildschirm auf den Fuß, dann stolpert ein Kleinkind über den PC. In den Jahren 1994 bis 2006 mussten fast 79.000 Amerikaner deswegen in die Notaufnahme. Vergesst also Arnold Schwarzenegger als Terminator und die Zylonen aus Battlestar Galactica, so sieht die wirkliche Rache der Maschinen aus. Nur wie können wir uns davor schützen? Vielleicht mit einer Gefahrenbeilage für Büroarbeiter, der Helmpflicht beim Mausklick oder gar der Rückkehr zum Kugelschreiber? Verzweifeln müssen wir aber nicht: Die Gadgets und Computer werden immer kleiner und leichter. Das verringert auch ihr Gefahrenpotenzial. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass die Maschinen nicht intelligent genug werden, um diesen Trick zu durchschauen.
Diese Maschine ist auch höchst gefährlich. Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 24/09 veröffentlicht.
Posted by Ingrid Brodnig
at
19:44
| Comments (0)
| Trackbacks (0)
Defined tags for this entry: digitalia, neue medien
"Wählt euch doch selbst!"Tuesday, June 23. 2009 In Wien streiten die Grünen darüber, was die Partei unter einer Öffnung verstehtDas grüne Pflänzlein wächst nicht mehr, seine Blätter vertrocknen. Die EU-Wahl war die sechste Wahl in Folge, bei der die Partei Stimmen verlor. Als Reaktion kündigte Vorsitzende Eva Glawischnig noch am Wahlabend an, dass sie rasch die angekündigte Parteireform umsetzen wolle. Mehrfach nahm die Parteichefin das Wort "Öffnung" in den Mund - die Grünen sollen sich öffnen, damit neue Menschen bei ihnen andocken können. In Wien versuchen zur selben Zeit circa 300 Menschen, bei der Partei anzudocken. Sie stoßen nicht nur auf Freude - sondern vielfach auf Skepsis, Ablehnung und sogar Häme. Die Parteispitze und ihre Basis, das war bei den Grünen schon immer eine schwierige Geschichte, da einfache Mitglieder auf den Landesversammlungen die Spitzenkandidaten wählen und selbst Parteipromis von der Liste streichen können. Diesmal kommt der Aufstand aber von außen statt von innen. Anfang April tat sich eine Gruppe von Bloggern zusammen, um bei der ihnen nahestehenden Partei etwas zu verändern. Sie starteten die Internetplattform "Grüne Vorwahlen" und riefen Sympathisanten zum Mitmachen auf. "Die Grünen brauchen Veränderung. Darum wählen wir das Gemeinderatsteam für 2010", heißt es unter www.gruenevorwahlen.at. Die Idee: Im Herbst wählen die Grünen ihre Kandidaten für die Wienwahl 2010. Auf der Landesversammlung stimmen sie ab, wer einen Listenplatz ergattert und künftig im Gemeinderat sitzt. Die grünen Vorwähler möchten, dass möglichst viele neue Gesichter dort zu sehen sind und mitbestimmen, wer in Wien für die Grünen kandidiert. "Wir hatten uns nach der letzten Nationalratswahl und auch nach der Nichtnominierung von Johannes Voggenhuber gedacht, dass die Grünen eine Öffnung brauchen", sagt Helge Fahrnberger. Der gut vernetzte Blogger ist einer der Initiatoren. Seinem Ruf sind bisher 355 Menschen gefolgt, sie haben das Formular auf der Webseite ausgefüllt und an die Grünen gesendet. Eine einheitliche Agenda der Vorwähler lässt sich nicht erkennen. Da beteiligen sich Leute, die früher bei der Kommunistischen Jugend waren, und solche, die zur ÖVP gehörten. Drei Dinge haben aber viele gemein: Sie fühlen sich den Grünen nahe, sind aber nicht sonderlich zufrieden und wollen jetzt mitreden. Im Netz erklären sie zum Beispiel: "Ich bin Vorwähler, weil die Grünen für mich wieder wählbar werden sollen." "Ich bin Vorwählerin, damit die Grünen keine normale Partei werden." "Ich bin Vorwählerin, weil mir grüne Politik wichtig ist." "Ich bin Vorwähler, weil mir nur nachher gscheit reden zu fad ist." Einen warmen Willkommensgruß haben diese Leute jedenfalls nicht erhalten. Stattdessen streitet der Landesvorsitz seit zweieinhalb Monaten, wie man mit den Vorwählern umgehen solle. Die einen sagen: Nur her damit! Die anderen fühlen sich überrannt, lehnen die Idee generell ab oder möchten nur wenige, handverlesene Vorwähler als sogenannte Unterstützer zur Listenwahl im Herbst zulassen. Derzeit verhandeln die Grünen, wem sie den Unterstützerstatus geben. "Meine Haltung ist: Wir sollten die Vorwähler möglichst großzügig aufnehmen", meint Klubobfrau Maria Vassilakou. In den grünen Reihen gibt es jene, die sich für die Vorwahlen einsetzen - zum Beispiel die bloggenden Gemeinderäte Marco Schreuder oder Christoph Chorherr. Die Skepsis vieler Kollegen hat dabei auch ihre Gründe: Immerhin will die Partei sicherstellen, dass nicht die Größe des Freundeskreises eines Kandidaten darüber entscheidet, ob er auf dem Wahlzettel aufscheint. Gleichzeitig ist vielen Funktionären ein Anliegen, dass es ihren neuen Unterstützern mit der Beteiligung auch ernst ist. Die defensive Haltung wirft allerdings zunehmend ein schlechtes Licht auf die Partei, die sich gerne mit ihrer Basisdemokratie schmückt. Medien berichten vom "Unmut auf Twitter" und "vagen Kriterien", die für die Aufnahme der möglichen Unterstützer gelten. Die Stimmung unter den Vorwählern könnte nun kaum schlechter sein. Manche denken laut über eine Rücknahme sämtlicher Unterstützeranträge nach. "Wählt euch doch selbst!", liest man. Die Grünen Vorwahlen könnten ein erster Schritt hin zur Öffnung sein, die die Partei selbst propagiert. Die Wiener Debatte wirft Fragen auf, die auch auf Bundesebene im Rahmen der Parteireform aufkommen. Was verstehen die Grünen zum Beispiel unter Basisdemokratie? Wer ist die vielzitierte grüne Basis überhaupt? Derzeit zeigt sich, dass einige Funktionäre da sehr genaue Vorstellungen haben. Ihnen reicht es nicht, wenn jemand sein Kreuzerl bei den Grünen macht oder auf dem eigenen Blog dafür wirbt. Viel wichtiger sind klassische Formen der Beteiligung: Flugzettel verteilen, in der Bezirksgruppe sitzen. Bisher scheint nur eines sicher: Wer die grüne Basis ist, das bestimmt der Parteiapparat selbst. ---- Mobilisierung ohne Presseaussendung: Was die Politik daraus lernen kann Die Grünen Vorwahlen sind nicht nur innenpolitisch interessant. Sie geben auch einen Einblick, wie Mobilisierung im Web 2.0, also dem Mitmachinternet, funktioniert. Bevor die Internetplattform online ging, trafen die Initiatoren Ende März eine Handvoll Blogger, um das Projekt den Web-multiplikatoren vorzustellen. Tags darauf wurde im Netz schon fleißig für das Projekt geworben, auf Blogs, Facebook und Twitter. So stießen auch Journalisten aus herkömmlichen Medien auf die Grünen Vorwahlen. "Ganz ohne Presseaussendung oder Pressekonferenz", sagt Helge Fahrnberger, einer der drei Initiatoren. Er hat ein Diagramm erstellt, das zeigt, zu welchem Zeitpunkt besonders viele Menschen auf die Webseite zugriffen - und wie das Internetprojekt allmählich populärer wurde. Die erste Welle gab es zum Start der Seite, die zweite, als einige Zeitungen im April von dem Projekt berichteten. Vergangene Woche schnellten die Zugriffszahlen dann in die Höhe. Die Plattform verzeichnete fast 2500 Besucher pro Tag. Der Hintergrund: Die Grünen hatten bekanntgegeben, dass nicht alle Vorwähler einfach so zur Wahl zugelassen würden. Auf orf.at und in anderen Medien wurde darüber berichtet. Das Ganze ist auch ein Lehrstück, wie eine Partei unbeholfen reagiert und dadurch erst recht eine unliebsame Debatte lostritt. Das beste Beispiel stammt von Anfang Mai: Da flog auf, dass jemand aus der grünen Parteizentrale auf die Vorwahlen-Webseite zugegriffen hatte. Dort bietet ein Bannergenerator den Internetusern die Möglichkeit, Slogans zu erstellen, die ihr Engagement für die Grünen Vorwahlen begründen. Die unbekannte Person aus der Parteizentrale machte sich über das Engagement lustig, tippte Sprüche ein wie: "Ich bin Vorwählerin, weil ich an Märchen und Heilsversprechungen glaube" oder: "Ich bin Vorwähler, weil ich den ganzen Tag vorm Internet sitze und keine Freunde habe." Als das bekannt wurde, sorgte es für Empörung - und weitere Zugriffe auf die Webseite. Wer auch immer diese Sprüche eintippte, klüger wäre es gewesen, die Grünen Vorwahlen totzuschweigen. Das Internet merkt sich nämlich solche Scherze. Diese beiden Texte sind im Falter 24/09 erschienen. Bild: Grüne Vorwahlen Facebook, die perfekte Vorlage für SatireTuesday, June 23. 2009 Preisfrage: Was ist Facebook? A) Eine Social-Networking-Seite, auf der zig Millionen Menschen persönliche Netzwerke spannen. B) Der größte Feind eines produktiven Arbeitstags. C) Ein Webportal mit Kultstatus, das stilbildend für die Nullerjahre ist. Ja, stimmt. Alle drei Antworten sind richtig. Facebook ist medial omnipräsent. Und deswegen bildet der Onlinedienst auch die perfekte Vorlage für politische Satire. Dafür gibt es einige Beispiele im Netz. Ein besonders lustiges ist auf der Webseite des Senders Radio Free Europe zu finden. Die Redaktion hat die Ereignisse der vergangenen Woche im Facebook-Stil zusammengefasst. Da steht zum Beispiel die Statusmeldung des EU-Parlaments: "EU Parliament has invited 375 million Europeans to vote. 3 accepted, 235 said maybe, 140 declined." Außerdem kann man dort nachlesen, dass Weißrussland und Russland nicht mehr Facebook-Freunde sind. Das ist doppelt witzig: weil es die Politik aufs Korn nimmt - und ebenso den Exhibitionismus von uns Facebook-Usern.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 24/09 veröffentlicht. Bild: Radio Free Europe / Radio Liberty Hartnäckig wie FeuerkrautTuesday, June 23. 2009
Die feministische Historikerin Gerda Lerner stellt ihre fesselnde politische Autobiografie in Wien vor
Gerda Lerner: Feuerkraut. Aus dem Amerikanischen von Andrea Holzmann-Jenkins und Gerda Lerner. Czernin, 515 S., 27 Euro Die 89-Jährige wurde als feministische Historikerin bekannt. Sie war eine der Ersten, die den Spuren folgten, die Frauen in der Geschichte hinterlassen haben. Aber bevor die gebürtige Wienerin ihre wissenschaftliche Laufbahn in ihren 40ern einschlug, hatte sie schon ein sehr bewegtes und sehr politisches Leben. Gerda Kronstein (später Lerner) wuchs in einer wohlhabenden jüdischen Wiener Familie auf, schon als Jugendliche setzte sie sich gegen den Austrofaschismus ein. Später wurde sie von den Nazis inhaftiert. Der Vater, ein Apotheker, hätte verhaftet werden sollen, und floh deswegen schon früh vor den Nationalsozialisten nach Liechtenstein. Die 17-jährige Tochter und ihre Mutter wurden als Faustpfand vorübergehend eingesperrt, um den Vater zur Rückkehr zu erpressen. Das funktionierte nicht. Und nach der Freilassung konnte Lerner in die USA emigrieren. "Die Österreicher hören das nicht gerne", sagt sie, "aber der Antisemitismus war in Österreich viel brutaler als in Deutschland. Ich hatte damals einen Besucher aus Deutschland zu Gast. Er kam nach Wien, nachdem er schon fünf Jahre unter Hitler in Deutschland gelebt hatte - und er war schockiert. Er sagte:, Solche Verfolgung habe ich überhaupt noch nie gesehen.'" In ihrer Autobiografie "Feuerkraut" erinnert sie sich, wie Juden auf der Straße gedemütigt und jüdische Geschäfte am helllichten Tag ausgeraubt wurden - selbst als das noch gar nicht die offizielle Politik der NS-Führung war. Das Buch ist nicht nur spannend, weil es ein Stück Zeitgeschichte vermittelt. Sondern auch, weil es die Familiengeschichte der Kronsteins erzählt. ",Feuerkraut' liest sich wie ein Roman", befand die New York Times. Die Autorin analysiert die Beziehung zwischen ihrem Vater, ihrer Mutter und ihr durchaus kritisch. Da wird die Doppelmoral im gutbürgerlichen Wien, die unglückliche Ehe ihrer Eltern und schließlich die Entfremdung von der Mutter beschrieben. An manchen Stellen liest sich das fast wie eine Beichte. Lerner bereut Jahrzehnte später, dass es bis zum frühen Tod ihrer Mutter nie eine richtige Aussprache gab. Sie schreibt: "Die Schuld der Überlebenden ist zu einem Klischee geworden. Wie es sich jedoch anfühlt, ist etwas anderes. Man kann eine Wand drum herum aufbauen; man kann Zement in sein Herz gießen; man kann auf den Gräbern tanzen. In Wirklichkeit lähmt sie einen, diese unheilvolle Krankheit, die man ein Leben lang in sich trägt. Es ist mehr als die Schuld, überlebt zu haben. Es ist die Schuld, missverstanden und falsch geurteilt zu haben." Es fiel ihr schwer, manches öffentlich auszusprechen. "Wenn meine Eltern noch am Leben wären, hätte ich das Buch nicht schreiben können", sagt sie. Das Buch ist auch eine Aufarbeitung des Erlebten. Die Verfolgung unter der NS-Zeit legt sich wie ein Schatten über die gesamte Biografie. "Ich bin relativ gut davongekommen. Als Holocaustüberlebende, als Emigrant ist mir fast nichts geschehen. Aber ich wollte aufzeigen, dass dieses, Nichts' ein vollständig verheerendes Erlebnis war. Das hat mein ganzes Leben beeinflusst." In den Wochen im Gefängnis schloss sie fast mit ihrem Leben ab. Auf engem Raum bekommt sie nur die halben Essensrationen, weil sie Jüdin ist, und hat keine Aussicht auf ein faires Verfahren. Sie schreibt: "Ich feierte meinen 18. Geburtstag im Gefängnis. Ich wollte hinaus und meine Prüfung (die Matura, Anm. d. Red.) machen und irgendwann an der Universität studieren. Ich wollte meinem Freund nach Amerika folgen. Ich wollte meiner Mutter und meiner Schwester helfen, aus Nazideutschland hinauszukommen. Ich wollte wirklich leben. Aber um zu überleben, musste ich tapferer werden, als ich es war, und um das zu werden, musste ich akzeptieren, dass ich möglicherweise hier sterben würde." Ihre jüngst ins Deutsche übersetzte Autobiografie ist jenen gewidmet, "die in dunklen Zeiten Anstand bewahrten, sich gegen Gleichschaltung wehrten und niemals ihre Hoffnung auf die Kraft der Demokratie verloren". Das ist auch ihr kompromissloser Anspruch an sich selbst. Lerner ist ein sehr ernster, beharrlicher Mensch. Es gibt nur wenige Dinge, die sie bereut. Eines davon sind aber die ideologischen Scheuklappen, die sie bei ihrem Blick auf die Sowjetunion anlegte. Die frühe Rebellion, die politische Grundhaltung erklären auch, warum Lerner letztlich zu einer erfolgreichen Forscherin wurde. Die zweite Hälfte des Buchs beschreibt die Nachkriegsjahre in den USA, in denen sie den Feminismus für sich entdeckte. Egal ob als ausgebeutete Arbeitskraft im New Yorker Bonbongeschäft, als Aktivistin in der kommunistischen Partei oder als Mutter zweier Schulkinder, sie erfuhr immer wieder, wie Frauen marginalisiert wurden. Als sie sich dann in den 50er-Jahren an der New School for Social Research fürs Geschichtsstudium einschrieb, gab es keine feministische Geschichte. "Ich habe immer gefragt:, Wo sind die Frauen?'", erzählt Lerner. Noch mit 89 Jahren regt sie sich darüber auf, dass ihr damals erklärt wurde, die Frauen seien Illiteraten und für die Geschichte unbedeutsam gewesen. Falsch. Lerner konnte in ihrer Forschung bedeutsame Frauen ausfindig machen. Zum Beispiel die Schwestern Sarah und Angelina Grimké, die zwei einzigen weißen Frauen aus den Südstaaten, die in der Antisklavereibewegung aktiv waren. Lerners späteres Buch über schwarze Frauen im weißen Amerika war wegweisend. "Wenn ich bei meinem Geschichtsstudium jünger gewesen wäre, wenn ich 18 Jahre alt gewesen wäre, dann hätte man auch mich gehirnwaschen können. Die Professoren haben alle das Gleiche behauptet. Und ich habe immer gesagt: Das ist nicht wahr." Und zum Schluss hatte sie einen nicht unerheblichen Anteil daran, dass dieses Geschichtsbild umgestoßen wurde. Dieser Artikel ist im Falter 24/09 erschienen.
Posted by Ingrid Brodnig
at
19:08
| Comments (0)
| Trackbacks (0)
Defined tags for this entry: biografie, feminismus, frauenforschung, holocaust, nationalsozialismus, politik", portrait, rezension
Ein Mädchen als GeldmaschineWednesday, June 17. 2009
Miley Cyrus ist das Postergirl des Disney-Konzerns. Ihr neuer Kinofilm gibt den jungen Fans, wonach diese sich sehnen: die Illusion einer heilen Welt
Wer vergangenen Mittwochnachmittag ein Wiener Multiplex besuchte, sah ein ungewöhnlich junges Publikum. An den Kinokassen standen hauptsächlich kleine Mädchen, die kaum über den Schalter blicken konnten. Manche hatten die Eltern dabei, andere die Schulfreundin. Aber alle kamen für einen jungen Hollywoodstar: Miley Cyrus.Wer nicht gerade zur Gruppe der Acht- bis Zwölfjährigen zählt oder Kinder in diesem Alter hat, dem sagt der Name vermutlich nichts. Doch für die Kids ist die 16-jährige Amerikanerin ein richtiger Star. Sie ist die Protagonistin der Disney-Serie "Hannah Montana", die nun auch einen gleichnamigen Film bekommt. Darin geht es um die brave Teenagerin Miley Stewart (gespielt von Miley Cyrus). Tagsüber ist sie eine normale Schülerin und nachts heimlich der Popstar Hannah Montana. Eine Doppellebengeschichte, die mit den Fantasien der Kinder spielt: Welches Mädchen träumt nicht davon, auch einmal berühmt und von allen geliebt zu werden? Die Werbebranche nennt die Acht- bis Zwölfjährigen "Tweens", weil sie "between" der richtigen Kindheit und dem "Teen"-Dasein stecken. Disney umgarnt speziell diese Altersgruppe mit Sendungen wie "Hannah Montana". Auch in Österreich gibt es richtige Fans. Etwa die zwölfjährige Gymnasiastin Janine. Sie steht im Kino beim Popcorntresen und sagt: "Hannah Montana ist wie im echten Leben. Sie vertraut ihrer besten Freundin alles an, und wenn die beiden sich einmal streiten, dann versöhnen sie sich gleich wieder. Wie bei uns." Janines beste Freundin steht daneben und nickt. Disneys Marketingmaschine läuft rund um den Jungstar Miley Cyrus und ihr Alter Ego im Film auf Hochtouren. Mit dem Taschengeld können sich die Tweens Merchandisingprodukte kaufen, vom simplen Stickerheft bis zum Hannah-Montana-Bettzeug. Die Traumfabrik rund um Mickey Mouse füllt zwar schon seit Jahrzehnten die Kinderzimmer dieser Welt mit Ramsch. Neu ist aber die Dimension, die das Disney'sche Geschäftsmodells hat: Jungstars wie Miley Riley bringen mittlerweile auch ihre eigenen Alben heraus und gehen auf Tournee. Der Soundtrack zum Film belegte vergangene Woche übrigens Platz acht in den Ö3-Charts. Damit hat sich auch der Druck auf die jungen Akteure erhöht: Sie sollen nicht nur süß aussehen, halbwegs singen und tanzen können. Von ihnen wird zusätzlich verlangt, dass sie ein Privatleben im Sinne der Disney-Ideale führen. Also kein Alkohol, kein Sex und immer gute Manieren. Miley Cyrus verdient gut damit. Ihr Jahreseinkommen wird auf 25 Millionen Dollar geschätzt, ihre Konzerte sind ausverkauft. Im Frühjahr erschien die offizielle Biografie der 16-Jährigen. Dabei sind Tweens auf den ersten Blick eine finanzschwache Zielgruppe: Sie haben kein eigenes Einkommen, sondern nur ein bisschen Taschengeld. Doch dieses Taschengeld können sie mit Spielzeug oder Hannah-Montana-Stickers verprassen. Und wenn nichts mehr übrig ist, dann gibt es immer noch die Eltern, Tanten oder Omas, die mit dem quengelnden Nachwuchs ins Kino gehen. Ist gute Vermarktung der einzige Grund für die Tween-Begeisterung? Diese Erklärung wäre zu einfach. Es zeigt sich, dass in den letzten Jahren jene Teenieproduktionen zum Publikumshit werden, die artige Kinder zeigen. In Disney-Filmen wie "Hannah Montana" oder dem "High School Musical" geht es eher um gute Noten anstatt um Rebellion. Gerade weil diese Streifen einen großen Bogen um reale Konfliktthemen wie Drogen oder zerrüttete Familienverhältnisse machen, werden sie vom erwachsenen Publikum ignoriert - und gleichzeitig von vielen Tweens geliebt. Ja sogar manch älterer Teenager bewundert Miley Cyrus. Das zeigt ein Blick in aktuelle Jugendmagazine. Welches man auch aufschlägt, die 16-Jährige blickt einem darin entgegen. "Die Disney-Stars sind so erfolgreich, weil sie eine Sehnsucht nach heiler Welt widerspiegeln. Eine Welt, in der Schulen noch sauber sind, in der es tolle Cliquen gibt, in der Gemeinschaftsgefühl noch zählt. Werte, die in Deutschland zusehends verlorengehen", erklärt Tom Junkersdorf, Chefredakteur der Bravo - also jenem Jugendmagazin, in dem auch Dr. Sommer seine Sprechstunde hält und Jugendliche sich nackt abbilden lassen. Serien wie "Hannah Montana" stehen für eine Rückkehr zu traditionellen Werten. Diese gewinnen in den Jugendstudien der letzten Jahre zunehmend Bedeutung. Das Heile-Welt-Konzept funktioniert, weil ihm die jungen Stars selbst in ihrer Freizeit entsprechen müssen. Frühere Teeniesymbole wie Britney Spears oder Lindsay Lohan haben das saubere Disney-Image mit Skandalen zwischen Partyleben und Entziehungskur befleckt. Nun wacht der Konzern über seine Nachwuchstalente umso strenger. Als zum Beispiel Miley Cyrus in einem Konzertfilm unangeschnallt im Auto saß, gab es schon Zoff. Und als die Vanity Fair Fotos abdruckte, die ihren nackten Rücken zeigten, musste sich das Mädchen bei den Fans entschuldigen. Miley Cyrus ist nicht nur auf der Bühne eine Kunstfigur - ihre gesamte Persönlichkeit wirkt wie auf Disneys Reißbrett entworfen. Ihr Vater ist Country-Star Billy Ray Cyrus. Sie schwört dem Sex vor der Ehe ab, trägt als Symbol dafür einen sogenannten Purity-Ring. Und ihre letzte Geburtstagsfeier veranstaltete sie im Disneyland bei Los Angeles - eine große Party mit Mickey Mouse und antialkoholischen Getränken. Bisher hat das Image des braven Mädchens keine groben Kratzer abbekommen. In Interviews erklärt die 16-Jährige, Partys interessieren sie nicht. Lieber hüte sie Schweine auf der elterlichen Farm. Obwohl die Teeniestars längst in der Pubertät sind, müssen sie in ihrem Privatleben Enthaltsamkeit geloben. Paparazzi überwachen rund um die Uhr, ob sie dieses Gelöbnis auch einhalten. Die Filme haben ebenso einen widersprüchlichen Umgang mit Körperlichkeit. Da gibt es keinen Sex, aber alle sehen so aus wie Unterwäschemodels und sind stets perfekt gestylt. Nicht einmal alibimäßig kommt ein Jugendlicher vor, der etwas dicker ist oder gar eine Zahnspange trägt. Vielleicht gehört die hübsche Fassade zu den hübschen christlichen Werten von Hannah Montana. Vielleicht ist es aber auch eine weitere Möglichkeit, Geld zu machen. "Filme und Fernsehserien beeinflussen modische Trends sehr stark. Das sah man etwa bei, Beverly Hills 90210', als Burschen plötzlich begannen, wie in der Serie Koteletten zu tragen. Oder als man überall Mädchen sah, die die gleiche Frisur wie Rachel aus, Friends' hatten", sagt Robert Thompson, Medien- und Popkulturforscher von der Syracuse University. Disney ist auf solche Fanbedürfnisse ausgerichtet: Wenn die Mädchen aussehen wollen wie ihr Idol, dann können sie sich Miley-Stewart-Röcke kaufen oder den Hannah-Montana-Lipgloss auftragen. Dabei sind ihre Fans meist erst zwischen acht und zwölf Jahre alt. Aber Miley Cyrus muss sich jetzt sowieso nach einer anderen Zielgruppe umsehen. Mit 16 befinden sich Kinderkarrieren oft jenseits ihres Höhepunkts und die große Frage ist, ob man den Sprung ins Erwachsenengeschäft schafft. So manch ein It-Girl (das "It" steht für das "gewisse Etwas") ist an Drogen oder Paparazzi gescheitert. Auch Miley Cyrus wird ständig auf diese Gefahr angesprochen. In der Zeitschrift Mädchen erklärt sie erst neulich darauf: "Ich arbeite daran, nicht wie Britney Spears zu werden." Dieser Satz gibt auch Einblick in das Leben eines Teeniestars. Denn das hat wenig mit dem "gewissen Etwas", aber sehr viel mit harter Knochenarbeit zu tun. ---- Der Film Dieser Artikel ist im Falter 23/09 erschienen. Fotos: Disney Reich dank iPhone - ein IrrglaubeWednesday, June 17. 2009 Goldgräberstimmung unter den Hobbyprogrammierern: Als bekannt wurde, wie leicht man Software fürs iPhone entwickeln kann, haben sich viele Geeks hinter die Tastatur geklemmt und ihre eigenen Programme entworfen - von Bürotools bis zu Computerspielen. Sie träumen davon, unter den Top 10 der Bezahlsoftware zu landen und mit tausenden Downloads viel Geld zu machen. Kein Wunder: Viele iPhone-Besitzer kaufen zusätzliche Applikationen. Und in Zeitschriften wird berichtet, wie Programmierer dank Apple ordentlich Kohle scheffeln. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht: Denn selbst wenn die eigene Software in den Apple-Charts landet, hat man nicht zwangsläufig ausgesorgt. Das berichtet der kalifornische Entwickler Rick Strom in seinem Blog. Sein Kommunikationstool "Zen Jar" belegt Platz 34. Bei mehr als 36.000 Applikationen ein hohes Ranking. Trotzdem verdient er damit nur circa 20 Euro am Tag. Für dieses Geld könnte er auch hobbymäßig Webseiten kreieren - oder Autos waschen.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 23/09 veröffentlicht. Falsche Freunde - Phishing-Attacke auf FacebookWednesday, June 17. 2009Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 21/09 veröffentlicht. Was niemand sehen sollWednesday, June 17. 2009
Deutschland sperrt Seiten mit Kinderpornografie. Wie wirksam ist die Zensur im Namen des Opferschutzes?
Der heimische Internetuser kann sich frei im Web bewegen. Er tippt eine Adresse ein - und schon landet er auf der gewünschten Webseite. Egal, ob es sich dabei um eine harmlose Seite wie Wikipedia oder um eine mit Kinderpornografie handelt.Doch so grenzenlos wie das Internet bei uns erscheint, ist es nicht überall - auch nicht in einigen demokratischen Staaten. Länder wie Norwegen, Italien, Großbritannien oder die USA haben Zugangssperren für Webseiten errichtet, auf denen pornografisches Material von Minderjährigen liegt. Jetzt wird auch Deutschland aktiv. Die schwarz-rote Regierung hat bereits einen Vertrag mit den fünf größten Internetanbietern abgeschlossen. Spätestens ab Herbst werden sie den Aufruf von Kinderpornoseiten blockieren. Wer dann eine Adresse mit einschlägigen Bildern oder Videos ansteuert, soll umgeleitet werden - zu einem roten Stoppschild. Gleichzeitig arbeitet die Regierung an einem Gesetz zur Bekämpfung der Kinderpornografie im Internet. Es soll eine rechtliche Grundlage schaffen, dass Internetprovider zukünftig auch gar keine Wahl haben, ob sie Webseiten abriegeln wollen oder nicht. Auch in Österreich wird der Ruf nach Sper-ren lauter. Der oberösterreichische Landtag hat Anfang Mai einstimmig die Bundesregierung aufgefordert, nach deutschem Vorbild Zensurlisten einzuführen. Justizministerin Claudia Bandion-Ortner (ÖVP) verfolgt die Debatte ebenfalls mit Interesse. Sie hat gleich nach ihrem Antritt als Ressortleiterin den Schutz von Kindern zu ihrem Lieblingsthema erkoren. Eine Gesetzesänderung hat sie schon durchgebracht: Ab Juni wird nicht nur der Besitz, sondern bereits das Betrachten von Kinderpornografie im Internet strafbar. In den letzten Jahren nahmen die Meldungen von kriminellen Bildern und Videos Minderjähriger zu. Vergangenes Jahr verzeichnete das Innenministerium fast 3000 verwertbare Hinweise. Acht Jahre zuvor waren es noch rund 600 Fälle gewesen. Es handelt sich nicht nur um Aufnahmen von Jugendlichen - die Bilder zeigen auch Kleinkinder und Babys. Wie gefragt solche Seiten sind, zeigte zuletzt die "Operation Sledgehammer". Da loggte die Polizei drei Tage lang mit. 1500 Österreicher griffen in dieser Zeit auf eine Webseite mit Kinderpornografie zu. Trotz der gesellschaftlichen Ächtung von Kinderpornografie, gibt es laute Kritik an den Internetsperren. Kritiker fürchten, dass auch andere Seiten blockiert werden könnten - sogar ohne richterliche Genehmigung. Hinzu kommt, dass die Websperren technisch leicht zu knacken sind. Denn die Blockaden lassen sich alle umgehen - besonders unwirksam ist die deutsche Methode mittels sogenannter DNS-Sperren (siehe Marginalspalte). Auf Youtube kursieren bereits Videos mit Titeln wie: "Internetsperre umgehen in 27 Sekunden". Professionell agierende Pädophile werden die Websperren dabei gar nicht wahrnehmen: Sie agieren in viel uneinsichtigeren Winkeln des Internets, tauschen in geschlossenen Gruppen ihre Bilder aus und nutzen Verschlüsselungstechnik. Die Kritik an den Sperren kommt vor allem von der Netzcommunity. "Zugangssperren einzuführen, das ist, als würde man ein Melanom mit Make-up abdecken", meint Andreas Wildberger, Generalsekretär der ISPA, dem Verband der österreichischen Internetprovider. Er hält es für wichtiger, Webseiten mit kriminellem Inhalt gänzlich aus dem Netz zu entfernen als nur den Zugang dazu einzuschränken. Dieser Weg wird in Österreich bereits beschritten: Seit elf Jahren gibt es die Stopline, eine Meldestelle für Kinderpornoseiten. Sie versucht, durch internationale Vernetzung Inhalte aus dem Web zu drängen. Dolch Meldestellen wie die Stopline stoßen in jenen Ländern an ihre Grenzen, in denen es keinen ausreichenden Opferschutz gibt. In der Debatte geht es aber nicht nur um den Kampf gegen Kinderpornografie. Den Kritikern geht es vor allem um die Informationsfreiheit. "Man schafft mit Kinderpornosperren eine Zensurinfrastruktur", meint Wildberger. Eine berechtigte Sorge? Immer wieder werden Sperrlisten aus anderen Staaten bekannt - und darauf finden sich nicht nur Kinderpornoseiten. Auf der australischen Liste landeten etwa auch Glücksspielangebote. In Schweden erwog die Polizei, das Onlineportal The Pirate Bay zu blockieren. Die Seite ist keine Anlaufstelle für Pädophile, sondern für Raubkopierer. Die Diskussion in Deutschland zeigt, dass sich Lobbyisten aus anderen Bereichen ebenfalls für Netzzensur interessieren. So begrüßte Dieter Gorny vom deutschen Bundesverband der Musikindustrie die Pläne der Regierung und sagte: "Es geht um gesellschaftlich gewünschte Regulierung im Internet, dazu gehört auch der Schutz des geistigen Eigentums." Online-Casinos, Hardcore-Pornos, Download-Portale. Im Internet gibt es einige Angebote, die großen Teilen der Gesellschaft missfallen. Die Idee, ein sauberes Internet zu schaffen, ist dabei nicht neu. Sie wird seit Jahren von autoritären Ländern wie China propagiert. Mit diesem Argument blockieren die Behörden dort auch den Internetauftritt von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International. Der Unterschied zwischen China und westlichen Demokratien mit Websperre ist freilich riesig. Aber gerade dann, wenn die Kontrolle an der staatlichen Zensur fehlt, gibt es Kritik. Und das ist auch in Deutschland der Fall: Die große Koalition plant in ihrem Gesetzesentwurf, dass Ermittler selbst bestimmen, welche Webseiten auf der Kinderpornoliste landen. Kein Richter bekäme demnach das Dokument zu Gesicht oder müsste es absegnen. Selbst Befürworter von Internetsperren kritisieren die fehlende Kontrolle der Exekutive. "Das Problem ist, dass man sich wenig Mühe gegeben hat, die Angst derjenigen zu nehmen, die eine Zensur fürchten", meint etwa Medienforscherin Korinna Kuhnen, die das Buch "Kinderpornographie und Internet" verfasst hat. Wie die Debatte im Bundestag ausgeht, beeinflusst auch die österreichische Politik - und wird darüber mitentscheiden, wie laut die Rufe nach eingeschränkter Bewegungsfreiheit im Netz werden. Dieser Artikel ist im Falter 21/09 erschienen. Bild: Deutsches Familienministerium Tipps für die technophobe FrauSunday, May 24. 2009![]() Ein rosa Mini-Netbook von Dell. Eignet sich zum Rezepte ansehen oder zum Kalorienzählen. Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 20/09 veröffentlicht. Bild: Della Gezwitscher statt Literatur: der Twitter-RomanSunday, May 24. 2009Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 20/09 veröffentlicht.
(Page 1 of 5, totaling 74 entries)
» next page
Competition entry by David Cummins powered by Serendipity v1.0 |
TagsQuicksearchAboutIngrid Brodnig ist Redakteurin bei der Wiener Stadtzeitung Falter und berichtet über Politik und Medien. ![]() Blog abonnierenBlogrollCreative Commons |
