Ja zur Ganztagsschule, Ja zur Nacht-U-BahnThursday, January 28. 2010 Citymaut, Nacht-U-Bahn, Hausmeister, Ganztagsschule und böse Hunde: Von 11. bis 13. Februar entscheiden die Städter. Der Falter gibt Empfehlungen für die Wiener Volksbefragung ab, zwei davon habe ich verfasst. Hier meine Einschätzung zu Schule und U-Bahn Nacht-U-Bahn "In Wien fahren täglich Nachtbusse von 0.30 bis 5.00 Uhr. Ein 24-Stunden-U-Bahn-Betrieb am Wochenende kostet pro Jahr fünf Millionen Euro und bewirkt veränderte Fahrtrouten der Nachtbusse an Wochenenden. Sind Sie dafür, dass die U-Bahn am Wochenende auch in der Nacht fährt?“ Die SPÖ lässt diese Frage so klingen, als sei die Nacht-U-Bahn der größte Schwachsinn. Ist sie aber nicht. Es gibt mehrere Städte mit hoher Lebensqualität, die dieses Service am Wochenende bereits bieten – etwa Stockholm, Hamburg, Berlin. In Wien hingegen denkt man lieber zweimal darüber nach, ob man abends beim Ausgehen etwas länger bleibt. Die letzte U-Bahn? Fährt kurz nach Mitternacht davon. Das Taxi? Ist teuer. Die Nachtbusse? Brauchen lange, und viele wissen gar nicht, wo die nächste Haltestelle ist – es gibt immerhin 23 Nachtbuslinien. Vom Reumannplatz bis Kagran, von Simmering bis Ottakring. Jeder Wiener kennt die U-Bahn-Stationen, weiß, wie er von dort nachhause findet. Kein anderes öffentliches Verkehrsmittel flitzt so schnell durch die Stadt. Vergleichbare Städte haben gute Erfahrungen mit der Nacht-U-Bahn gemacht. Hamburg führte sie schon vor fünf Jahren ein, die Zahl der Fahrgäste verdreifachte sich daraufhin. Nutzten 2004 noch 30.000 Menschen an Wochenendnächten die Öffis, waren es 2005 schon 90.000. Freitagabends, samstagnachts. Alle 20 Minuten kommt in Hamburg die U-Bahn oder S-Bahn. Zusätzlich fahren einige Buslinien rund um die Uhr. Das ist notwendig für jene Menschen, die nicht direkt neben den Gleisen wohnen. Freilich kostet mehr Transport auch mehr Geld. Die Hansestadt zahlt jährlich 3,5 bis vier Millionen Euro für das Service. Von fünf Millionen Euro wird in Wien gesprochen. 101 U-Bahn-Stationen müssten am Wochenende rund um die Uhr geöffnet sein. Aber sind fünf Millionen Euro für die Stadt und ihre Verkehrsbetriebe eine derart astronomische Summe? Zum Vergleich: Die Volksbefragung kostet inklusive Werbekampagne 6,7 Millionen Euro. Die Wiener Linien befördern pro Jahr 800 Millionen Fahrgäste, heuer investieren sie 471 Millionen Euro in Infrastruktur. Allein in die Verlängerung der U-Bahn fließen davon 300 Millionen Euro. Das derzeitige Nachtbussystem kostet 6,7 Millionen Euro pro Jahr. In der Volksbefragung wird die U-Bahn nun zu Unrecht auf eine Kostenfrage reduziert. Der öffentliche Verkehr kann nicht nur anhand wirtschaftlicher Kriterien beurteilt werden. Ansonsten müsste man alle Nachtbusse abschaffen und untertags den U-Bahn-Takt verringern. Damit ließe sich noch viel mehr Geld sparen. Die Nonstop-U-Bahn ist ein Luxus, den sich andere Städte leisten. Denn er fördert auch die Mobilität und das Lebensgefühl. Wien möchte eine pulsierende Metropole und „anders“ sein – doch bitte nicht nach Mitternacht. Das gehört nun geändert. Ganztagsschule "Internationale Studien zeigen, dass die Ganztagsschule der entscheidende Erfolgsfaktor für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie darstellt sowie das Bildungsniveau der Bevölkerung deutlich hebt. Sind Sie für ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsschulen in Wien?“ Diese rhetorische Frage könnte sich die Stadtregierung sparen und ohne Zögern die Ganztagsschulen ausbauen. Diese werden dringend gebraucht. Jedes zehnte Kind von Vollzeit-Berufstätigen ist heute nachmittags unbetreut, rechnet die Arbeiterkammer vor. In Wien wünscht sich sogar die Hälfte der Eltern ein ganztägiges Schulangebot, ergab eine Befragung des Unterrichtsministeriums. Derzeit müssen Mütter und Väter mühsam eine Nachmittagsbetreuung suchen, einen Hortplatz zahlen oder wieder einmal die Großeltern um Hilfe bitten. Es braucht also Schulen, in denen die Kinder nachmittags betreut werden. Nicht nur weil Eltern bis 17 Uhr arbeiten. Sondern auch weil es dem Lernprozess der Schüler entspricht: Derzeit pressen wir Mathematik, Englisch und Geschichte in vier bis sechs Stunden am Vormittag. Hirnforscher fanden heraus, dass sich die Aufmerksamkeit von Kindern auf Vormittag und Nachmittag aufteilt. Wichtig ist ein Rhythmus aus Lern- und Erholungsphasen. Die Wiener SPÖ will nun mehr Ganztagsschulen mit verschränktem Unterricht anbieten. Unterricht, Sport und Betreuungsphasen wechseln sich ab. Kinder sollen vormittags nicht überlastet und nachmittags zusätzlich gefördert werden. Österreich ist international eine Ausnahme, kaum ein Land kennt die Halbtagsschule. Diese führt zu sozialer Ungerechtigkeit: Schüler aus reicheren oder besser gebildeten Familien werden nachmittags in den Musikunterricht oder zur Nachhilfe geschickt. Natürlich brauchen solche Kinder die Ganztagsschule weniger als sozial Schwache. Für diese gibt es keine Klavierstunden, keine Mathenachhilfe und oft auch keine Betreuung. Deswegen rät die OECD Österreich, die Ganztagsschule einzuführen. Dort werden Kinder mit Migrationshintergrund auch nachmittags eingebunden und bekommen bessere Bildungschancen. Die ÖVP warnt vor diesen Plänen. Sie befürchtet eine „Zwangstagsschule“, in der alle verpflichtend vormittags und nachmittags pauken müssen. Das ist Panikmache. Von „verpflichtenden Ganztagsschulen“ traut sich kein roter Politiker reden. Lediglich das freiwillige Angebot soll ausgedehnt werden. In jedem Bezirk will die SPÖ mindestens eine Ganztagsschule errichten. Mutig wären die Sozialdemokraten, würden sie an einer verpflichtenden Ganztagsschule für alle arbeiten. Oder wenn sie es zumindest wagten, die Wiener Bevölkerung offen zu fragen: „Soll die Halbtagsschule in eine Ganztagsschule umgewandelt werden?“ Langfristig läuft alles auf diesen Schultyp hinaus: Mütter und Väter gehen arbeiten, die Kinder brauchen nachmittags Förderung, und es sollen alle gleich viel Aufmerksamkeit auch nach zwölf Uhr bekommen. Solange die Anzahl der Ganztagsschulen begrenzt und die Halbtagsschule Normalität ist, ist das nicht gegeben. Diese Texte sind im Falter 04/10 erschienen und Teil einer größeren Covergeschichte zur Wiener Volksbefragung. Fotos: Heribert Corn / Abstimmungs-Logo: Wienwillswissen.at Der Lift des GrauensThursday, January 21. 2010 Der Schlepplift ist ein aussterbendes Fortbewegungsmittel. Warum es sich trotzdem lohnt, im Skigebiet zum Doppelbügel zu greifenBeim Sessellift wird eine Heizung eingebaut, der alte Babylift durch eine Acht-Personen-Gondel ersetzt, direkt zum Hang kommt ein Parkhaus. Zweifelsohne ist der Wahnsinn in den heimischen Wintersportorten ausgebrochen. Sie verpulvern Abermillionen Euro für Beschneiungsanlagen, neue Lifte und noch mehr Pisten, um mindestens genauso modern, komfortabel oder luxuriös wie die Nachbarregion zu wirken. Das alpine Wettrüsten fordert seine Opfer. Das Erste davon ist der Schlepplift. Immer häufiger wird er von Sesselliften oder gar Gondeln ersetzt. Jeder Wintersportler weiß, warum: Der Schlepplift ist ein Fortbewegungsmittel für Masochisten. Da muss man in der eisigen Lifttrasse hin- und herbalancieren, anstatt sich entspannt zurückzulehnen. Auch bietet der Lift keinerlei Schutz vor Wind oder Schneefall. Die Snowboarder klagen, dass ihnen der Bügel gegen den Oberschenkel drückt. Das tut schon ordentlich weh, vor allem wenn die Strecke steil wird. Warum also Schlepplift fahren? Weil es manchmal die einzige oder schnellste Beförderungsmethode ist. Weil der Bügel vielen älteren Sesselliften davondüst und es selten zu Wartezeiten wie bei der Gondel kommt. Aber auch weil so eine Fahrt mit dem Schlepplift eine Reise in die Vergangenheit ist. In eine Zeit, als Skier noch nicht krumm wie Bananen waren und Snowboarden als neuartige Trendsportart noch in weiter Ferne lag. Wer heute vor dem Drehkreuz steht und Richtung Liftwart schaut, wird womöglich an den Skikurs als Kind zurückdenken, an die vereisten Lifttrassen und die ulkige Wintermode der 80er-Jahre – mit Ganzkörperskianzug. Oder an die netten Konversationen, die man mit wildfremden Menschen führte. Nicht durch Zufall wurde der Doppelbügel bei seiner Einführung in den 1930er-Jahren auch „Sie- und-er-Bügel“ genannt. Am Schlepplift lernte man sich noch kennen. Heute ist das anders. Der Schlepplift ist ein einsames Fortbewegungsmittel geworden, man kommt dabei kaum mit Fremden ins Gespräch – denn die sitzen meistens am Sessellift. Wer es eilig hat oder ungestört alleine Ski fahren möchte, ist nun am Schlepplift richtig: Ruckzuck hat man den Bügel in der Hand. Natürlich gibt es noch immer Skigebiete mit ausschließlich Schleppliften. Sie haben zwei Vorteile: günstigere Tageskarten und vergleichsweise leere Pisten. Eines lässt sich nicht leugnen: 75 Jahre nach seiner Einführung ist die Zeit des Schlepplifts vorüber. Er lebt vor allem in der Erinnerung als „Lift des Grauens“ weiter. Fast jeder Skifahrer oder Snowboarder kann eine gute Geschichte davon erzählen: Zum Beispiel wie man sich als Kind vor dem Bügel fürchtete. Der raste auf einen zu, hang viel zu hoch in der Luft und man musste sich richtig anstrengen, um das Ding auf Popohöhe zu ziehen. Welcher Sadist hatte sich das ausgedacht? Und wer war auf die Idee gekommen, ausgerechnet auf den steilsten Hängen sauschnelle Lifte zu eröffnen? Dann fiel ein Skifahrer kurz vor dem Ausstieg hinaus und alle anderen kullerten die Lifttrasse hinab. Die steilen, gefährlichen Schlepper wurden dann als Erste durch abgehobene Seilbahnen ersetzt. Nicht nur die Skiressorts sind wahnsinnig geworden, dass sie so viel Geld in ihre Sessellifte stecken (die Geräte kosten zehnmal so viel wie ein neuer Schlepper). Auch die Konsumenten haben ein irrsinniges Bequemlichkeitsbedürfnis über der Baumgrenze entwickelt. Sie fahren Carving-Ski, die die Schwünge fast von selbst machen, wollen Schnee, selbst wenn es nicht schneit, und für die 40 Euro teure Tageskarte erwarten sie etwas anderes als den archaisch wirkenden Doppelbügel. Fazit: Der Schlepplift ist das Überbleibsel einer Zeit, als Wintersport noch deutlich unbequemer war. Wer den fehlenden Komfort in Kauf nimmt, wird mit kürzeren Wartezeiten oder sogar günstigeren Tageskarten belohnt. Diese Mobilitätskolumne ist im Falter 01-02/10 erschienen. Dank iPhone koche ich jetzt freiwilligTuesday, January 19. 2010 Es ist total degeneriert, aber ohne iPhone kann ich keine weichen Eier kochen. Ich vergesse die Zeit oder bekomme Salmonellenpanik und lasse die Dinger dann viel zu lange im heißen Wasser. Fast hätte ich meine Kochexperimente aufgegeben und nur mehr Schinken und Käse gefrühstückt. Zum Glück gibt es aber mein EiPhone. Darauf habe ich ein Programm namens „Die perfekte Eieruhr“ installiert. Klingt angeberisch, die Applikation hält aber, was sie verspricht. Sie berücksichtigt die Größe des Eis, ob dieses aus dem Kühlschrank kommt oder nicht, und auf wie viel Höhenmetern man sich gerade befindet. Dann muss man nur noch angeben, ob man das Ei flüssig, weich oder hart haben möchte, und das Gerät berechnet die richtige Kochzeit. Und zwar auf die Sekunde genau! Das ist so deppensicher, dass sogar mir Kochen plötzlich Spaß macht. Jetzt hoffe ich nur noch, dass es bald Programme wie „Der perfekte Tafelspitz“ oder „Die perfekte Lasagne“ für das iPhone gibt. Denn so werden sogar Geeks zu Chefs.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 01-02/10 veröffentlicht. Das abgebildete Ei wurde mit Hilfe der iPhone-Applikation gekocht Wovon redet diese Ministerin?Wednesday, January 13. 2010 Die Briten sperren Flüchtlinge ein, Österreich gilt als internationales Asylvorbild. Mit solchen Aussagen verblüfft die Innenministerin die Öffentlichkeit. Maria Fekter im Fact-Check.Wer die österreichische Grenze überschreitet und um Asyl ansucht, soll eingesperrt oder – wie Innenministerin Maria Fekter das ausdrückt – „anwesenheitsverpflichtet“ werden. Mit dieser Idee und ihrem Auftritt in der ORF-„Pressestunde“ sorgte sie für Protest. Doch worauf beruft sich die ÖVP-Ministerin überhaupt, wenn sie meint, eine „Anwesenheitspflicht“ sei keine Haft und Österreich sei ein weltweites Best-Practice-Beispiel? Einige Zitate* der Ministerin im Fact-Check. Meine Antwort ist, eine verfassungskonforme Regelung zu finden, die es ermöglicht, dass wir Anwesenheitspflicht von diesen Asylwerbern haben Maria Fekter plant eine „Anwesenheitspflicht“ für 28 Tage. In dieser Zeit soll geklärt werden, ob Österreich oder ein anderer Staat für das Asylverfahren des Flüchtlings zuständig ist. Der Asylwerber soll sich währenddessen nur mehr im Erstaufnahmezentrum aufhalten dürfen. Laut Ministerin ist dies verfassungskonform. Viele prominente Juristen sehen das anders. Laut Menschenrechtsprofessor und UN-Sonderberichterstatter Manfred Nowak widerspricht dieses Vorgehen Artikel 5 der Europäischen Menschenrechtskonvention. „Jeder Mensch hat ein Recht auf Freiheit und Sicherheit“, heißt es dort, und es wird aufgezählt, in welchen Fällen diese Freiheit eingeschränkt werden darf. Es ist keine Haft, das möchte ich ganz entschieden zurückweisen Die Ministerin will nichts von „Haft“ hören und beharrt darauf, dass sich die Flüchtlinge innerhalb des Erstaufnahmezentrums frei bewegen dürften. Einmal mehr widersprechen ihr Juristen. „Das ist zweifellos eine Haft, wenn man Leute zwingt, 28 Tage in einem bestimmten Transitraum oder einem Lager zu verbringen“, erklärt Verfassungsrechtler Heinz Mayer. „Rechtlich gesehen ist das eine Haft mit offenem Vollzug“, meint auch Manfred Nowak. Auch im modernen Strafvollzug ist es oft üblich, dass sich Häftlinge frei innerhalb des Gefängnisses bewegen dürfen – eingesperrt sind sie trotzdem. Wir haben diese Idee aus Großbritannien, dort gibt es diese Regelung Nein, eine solche Regelung gibt es in Großbritannien nicht – zumindest nicht so, wie sie bisher von Maria Fekter dargelegt wurde. Im Vereinigten Königreich dürfen Asylwerber nicht 28, sondern maximal sieben Tage festgehalten werden. Das betrifft auch nicht alle Asylwerber, sondern nur einen Teil davon. Jene, deren Asylverfahren geringe Erfolgsaussichten haben, landen mitunter im „Detained Fast Track Process“. In diesem Blitzverfahren wird binnen weniger Tage erstinstanzlich über den Asylstatus entschieden. Übrigens ist dieses Eilverfahren sehr umstritten, weil es dem Flüchtling wenig Möglichkeiten gibt, seine Asylgründe darzulegen. Es gibt ein EuGH-Erkenntnis in Hinblick auf die Unterbringung in einer Kaserne. Es gibt einen gewissen Rahmen vor, dass man sie (die Asylwerber, Anm.) unterbringen kann und anwesenheitsverpflichtet Fekter beruft sich auf ein Urteil – sie meint dabei allerdings kein Erkenntnis des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), sondern des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR). Im Fall „Saadi gegen das Vereinigte Königreich“ befand das Gericht 2006, dass der Staat Asylwerber bis zu sieben Tage lang einsperren darf, um ein rasches Asylverfahren zu ermöglichen. Ob dieses Urteil Österreich erlaubt, Asylwerber provisorisch festzuhalten, bezweifelt Nowak: „Der Fall Saadi wäre ganz anders ausgegangen, wäre der Asylwerber 28 Tage lang eingesperrt worden.“ Ich würde sagen: 28 Tage, ein Monat, brauchen wir im Durchschnitt, bis wir das alles abgeklärt haben Ob Österreich für einen Asylwerber zuständig ist, wird laut Fekter im Schnitt binnen 28 Tagen geklärt. Allerdings kann es vereinzelt wesentlich länger dauern. Eine parlamentarische Anfrage der Grünen ergab, dass im Jänner 2009 neun Asylwerber bereits mehr als ein Jahr und zwei davon länger als zwei Jahre auf eine Abklärung warteten. In der Erstaufnahme sind wir schon ganz, ganz schnell. Da sind wir europaweit die Besten und das Bundesasylamt hat bei ihren Verfahren auch vom UNHCR zuerkannt bekommen, dass wir in Österreich im Bundesasylamt ‚Best Practice‘ weltweit sind In der Tat gab es Lob vom UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) – allerdings nicht für die Erstaufnahme, sondern für die interne Qualitätskontrolle. „Österreich ist hier schon sehr weit. Es gibt dafür eigene Mitarbeiter im Bundesasylamt“, sagt Christoph Pinter vom österreichischen UNHCR-Büro. Nun sollen andere Länder wie Polen oder Ungarn von Beispielen wie dem österreichischen lernen. Die Erstaufnahmezentren klären ab, ob Österreich überhaupt zuständig (Anm.: für einen Asylwerber) ist. Wir sind ja nur in ganz geringen Fällen zuständig, in der überwiegenden Zahl sind wir nicht zuständig In der überwiegenden Zahl der Fälle ist Österreich sehr wohl zuständig. Wie der Sprecher der Ministerin selbst erklärt, sind nur rund ein Drittel der Asylanträge sogenannte „Dublin-Fälle“. Diese Flüchtlinge können in andere Staaten abgeschoben werden. Bei der Mehrheit findet aber in Österreich das Asylverfahren statt. * Die Zitate aus der ORF-„Pressestunde“ wurden zum Teil sinngemäß gekürzt. Dieser Artikel ist im Falter 02/09 erschienen. Foto: Heribert Corn Wie Google und iPhone die Welt veränderten - ein RückblickSunday, January 10. 2010
Anfang 2000 befand sich Apple auf dem absteigenden Ast, der Duden kannte das Verb „googeln“ noch nicht, und unsere Urlaubsfotos ließen wir auf Film entwickeln. Das alles ist Geschichte. Die Nullerjahre waren ein technologischer und gesellschaftlicher Wendepunkt
![]() - Hier klicken zum Vergrößern Als wir unser Leben ins Internet auslagerten Das Web war Anfang des Jahrtausends ein unentdecktes Land. Zugegeben, man konnte dort durch die Gegend surfen, Infos sammeln oder mit Fremden chatten. Aber genauso gut konnte man den Computer ausgeschaltet lassen, eine Zeitung aufschlagen oder mit der Nachbarin sprechen. Das Internet war ein schickes Spielzeug, eine Zukunftshoffnung. Unverzichtbar war es noch nicht. Dann aber wandelten wir immer größere Teile unseres Lebens in Nullen und Einsen, in digitalen Code, um: Die Lieblings-CD in MP3s, die Urlaubsfotos in JPGs, unser Privatleben in Facebook-Nachrichten. Diese Entwicklung hatte lange vor der Jahrtausendwende begonnen, nun aber trieb sie ein Heer an Internetusern im Eiltempo voran. Gemeinsam bauten sie das Web 2.0, plötzlich wurde es online richtig interessant. Das ist längst nicht die einzige Erkenntnis aus den letzten zehn Jahren. Das Web feuert Revolutionen an. In den USA startet Barack Obama 2007 seinen Onlinewahlkampf, im Iran organisiert sich die Protestbewegung 2009 über Twitter. Zum Ende des Jahrzehnts zeigt sich immer deutlicher, dass das Web neue Arten der Mobilisierung ermöglicht. Eigentum wird zum Kampfbegriff. Zur Jahrtausendwende leitet Napster den Untergang der Musikindustrie ein. Napster ist mittlerweile tot, geblieben ist aber der Glaubensstreit des Copy-and-Paste-Zeitalters: Funktioniert das herkömmliche Urheberrecht noch? Dass dies viele Menschen verneinen, zeigt die Gründung der Piratenpartei. Die schwedischen Piraten sitzen mittlerweile sogar im Europaparlament. Menschen als mobile Sklaven. USB-Stick, Laptop, iPhone. Unsere Geräte wurden kleiner, cleverer und mobiler. Die Flexibilität führt aber auch zu permanenter Ablenkung und dem Drang, stets erreichbar zu sein. Gute Ideen sind nicht genug. Es ist kein Zufall, dass YouTube erst 2005 startete. Ein Videoportal kann erst dann florieren, wenn genügend Menschen schnelles Internet haben. Das war 2000 nicht der Fall. Die Nullerjahre waren nicht nur eine Dekade der neuen Ideen, sondern auch der neuen Technik. Wir verbrachten einen guten Teil der Zeit damit, Kabel zu verlegen, größere Festplatten zu kaufen oder Handymasten zu errichten. Erst dann ließen sich viele clevere Einfälle umsetzen. Über das Geld denken wir später nach. 2008 nahm Google fast 22 Milliarden Dollar ein, doch mit Youtube hat es noch keinen Cent verdient. Facebook jubelte im September, weil es erstmals kein Minus machte. Viele Webdienste, Musikservices oder Nachrichtenseiten sind bisher Geldverbrennungsanlagen statt Cashcows. Diese Frage wird uns ins nächste Jahrzehnt begleiten: Wie wandelt man den regen Zulauf in Geld um? Dieser Artikel und die obige Grafik wurden im Falter 52/09 veröffentlicht. Die Bildrechte liegen bei den jeweiligen Produktherstellern
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Weihnachtswahnsinn auf TwitterSunday, January 10. 2010 Warum ich Twitter mag: Die Seite gibt Einblicke ins Leben, die man sonst nicht bekäme. Am Sonntag lese ich bei User Luca Hammer, dass er seit Stunden am Westbahnhof auf den Zug wartet. Es ist das Wochenende vor Weihnachten, und die ÖBB hat anscheinend nicht mit Schneefall und vielen Passagieren gerechnet. Der Student findet keinen Zug nach Tirol. Um 10.31 Uhr schreibt Luca: „Fuck. Ich vergaß, es ist Winter. Züge haben zwischen 100 und 200 Minuten Verspätung.“ 11.56 Uhr: „Oh, Zug verspätet sich weitere 50 Minuten.“ 12.14 Uhr: „Überlege, ein Auto zu stehlen und damit nach Tirol zu fahren.“ 13 Uhr: „Habe nun irgendeinen Zug nach Salzburg genommen. Keine Nerven mehr.“ 13.20 Uhr: „Wir bleiben mitten in der Pampa stehen. Betriebshalt. Weichen föhnen?“ 13.29 Uhr: „Wir bleiben wieder stehen.“ So geht das weiter bis um 19.47 Uhr: „Zehn Stunden von Haustür bis Haustür. Jetzt bin ich zuhause.“ Gratuliere, Luca! Und danke an ÖBB und Twitter. Diesen Wahnsinn könnte man nicht einmal erfinden.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 52/09 veröffentlicht. Screenshot: Twitter.com Eine heiße Aktion endet am kalten MorgenSunday, January 10. 2010
Das Audimax ist geräumt. Anders als in Deutschland wurden die Studierenden verhöhnt. Ein Schaden für alle
![]() Security, Polizei, Ausweiskontrollen: Es war kein Flughafen oder Gefängnis, das vergangenen Montag solcherart gesichert wurde, sondern das Hauptgebäude der Uni Wien. Frühmorgens, um 6.30 Uhr, endete die Audimax-Besetzung. Rektor Georg Winckler hatte die Polizei herbeigerufen, damit das Auditorium Maximum „aus Sicherheitsgründen“ geräumt werde. 80 Obdachlose und 15 Studierende wurden aus dem Saal gewiesen. Eine Sprecherin erklärte, es habe Brandgefahr bestanden. Die heißeste politische Aktion dieses Jahres endete also an einem eiskalten Dezembermorgen. Ohne Randale, ohne Zugeständnisse der Politik, ohne Weihnachtsfrieden wie vor 25 Jahren in der Hainburger Au – aber auch ohne nennenswerten Widerstand seitens der verbliebenen Studierenden. Sie wirkten müde. In den letzten Tagen hat sich die Bewegung aufgerieben, geschwächt und gespalten. Was bleibt übrig vom Audimaxismus? Zunächst machte er einer zunehmend interessierten Öffentlichkeit klar, wie die Freiheit an den Hochschulstudien mittlerweile eingeengt wurde, wie viel Geld den Unis fehlte. Rektoren und ÖH kritisieren das schon seit Jahren. Erst der lauten und modern vernetzten Masse der Studierenden war es gelungen, die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit darauf zu lenken. Die Politik aber ignorierte das Problem. Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) tauchte ab, selbst als tausende junge Menschen für Bildung demonstrierten. Offenen Diskussionen stellte sich der neue EU-Kommissar kaum. „Ich habe hinreichend Maßnahmen eingeleitet“, sagte er dem Standard und verwies auf 34 Millionen Euro, die er aus einem Notbudget lockermachte. Die Rektoren hatten eine Bildungsmilliarde gefordert. Der Streit ums Geld überlagerte die Debatte: Die Audimaxisten kritisierten dabei auch strukturelle Probleme, die Umsetzung des Bologna-Prozesses etwa. Die europaweite Vereinheitlichung des Hochschulsektors führte ihrer Meinung nach nicht nur zu neuen Bachelor- und Masterstudiengängen, sondern auch zu stromlinienförmiger Ausbildung und weniger Wahlfreiheit im Studium. Die Unis sollen im Eiltempo arbeitsmarkttaugliche Bachelors ausspucken, und das zum Minimaltarif. Die Studenten trafen mit ihrer Kritik an der europäischen Bildungspolitik (und ihrer nationalen Umsetzung) einen Nerv, nicht nur hierzulande. Der Audimaxismus breitete sich über die Grenzen aus, in Rom, Köln, Kopenhagen wurden Hörsäle besetzt. Gerade der internationale Vergleich ist spannend, weil er den Blick auf die Mechanismen von Politik und Medien freigibt: Während die Demonstranten bei uns schnell als „Randalierer“ und „Basiswappler“ verspottet wurden, nahmen deutsche Politiker die Anliegen ihrer Studenten ernst. Dabei hatte ihr Protest später begonnen und er fiel weniger intensiv aus als hierzulande. Die deutschen Studenten verbuchten zumindest Teilerfolge: Die Kultusminister der 16 Bundesländer forderten von den Hochschulen eine Reform des umstrittenen Bachelorstudiums. An der deutschen Umsetzung bemängelten die Betroffenen insbesondere, dass die Arbeitsbelastungen und die Zahl der Prüfungen dadurch enorm gestiegen waren. In beiden Punkten springt ihnen nun die Politik zur Seite. Auf Bundesebene gestand Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) eine Unterfinanzierung der Unis und Probleme bei der Einführung des Bachelors ein. Natürlich sind die deutschen Versprechen mit Vorsicht zu genießen. Ungeklärt ist zum Beispiel die Finanzierungsfrage zwischen Bund und Ländern. Trotzdem haben die deutschen Bildungspolitiker reagiert und Verantwortung übernommen – ganz anders als die abgetauchten österreichischen Kollegen. Auch die Medien haben sich in Österreich anders Verhalten. Sogar liberal gesinnte Journalisten diffamierten – anders als ihre Kollegen in Deutschland – den Protest von Anfang an. Während Wiener Leitartikler nur eine „Freak-Show“ oder „Tupperware-Partys“ im Audimax erkennen konnten, rief die deutsche Zeit: „Nieder mit Bologna!“ Die konservative FAZ verkündete: „Die Bologna-Blase ist geplatzt.“ Und sogar die Bild forderte Studierende auf, ihren Frust online zu artikulieren. In Deutschland, so die für Wien so bittere Erkenntnis, gibt es Journalisten, die etwas zu sagen haben, und Politiker, die reagieren. Daran, nicht am fehlenden Geld, scheiterte der Audimaxismus in erster Linie. Den Schaden tragen nicht nur Bildungspolitik und Gesellschaft, sondern auch die Politik selbst. Kein Koalitionsmitglied darf noch über Politikverdrossenheit oder Jungwählerschwund klagen, wenn so mit berechtigtem Protest junger Menschen umgegangen wird. Die ausgebliebene Bildungsdebatte ist also eine vergebene Chance, das war bereits in den letzten Wochen absehbar. Die Räumung des Audimax hat somit sogar etwas Positives. Sie ist eine Zäsur, sie fordert die Studierenden auf, über ihre Ziele und ihre praktische Umsetzung nachzudenken. Es fehlte ihnen etwa die Exitstrategie. Forderungen wie die Abschaffung der Zugangsbeschränkungen oder die Ausfinanzierung jedes Studienplatzes hatten die Audimaxisten bald gefunden. Doch auf ein Ausstiegsszenario, bei dem sie zumindest ein bisschen dazugewinnen konnten, einigten sie sich nicht. Im letzten Plenum konnten sich die Besetzer der Uni Wien nur noch darauf verständigen, dass sie Hilfe für die Obdachlosen wollen. Das kann nicht das einzige Anliegen einer Unibewegung sein. Rektor Winckler hat mit der Räumung des Hörsaals den Studierenden nun eine Verschnaufpause verschafft. Die Weihnachtsfeiertage werden viele Audimaxisten dafür nützen, den Hörsaal auch gedanklich zu verlassen, um neue und frische Protestformen zu entwickeln. Dieser Artikel ist im Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 52/09 erschienen. Foto: Peter Fuchs, APEX Lieber das Kleingedruckte lesen...Sunday, January 10. 2010 Auch wir wundern uns manchmal, wenn wir dieses Blatt aufschlagen. Zum Beispiel letzten Mittwoch. Ich nahm den Frühstückstee in die eine und die Zeitung in die andere Hand. Beim Anblick von Seite 17 hätte ich mich fast verschluckt. Was sah ich da? Kollegin Barbara Tóth in einer Werbung für das ÖVP-Casting-Spektakel Superpraktikant. Die Marketingfritzen rund um Josef „Supervizekanzler“ Pröll warben mitten im Falter mit dem Gesicht einer Falter-Redakteurin! Tóth hatte sich zuvor für die Show, die ab Jänner auf ATV läuft, beworben und ein Foto von sich unter www.superpraktikant.at hochgeladen. Dieses nutzte die ÖVP für ein Inserat. Aber darf sie das überhaupt? Darf sie sich ungefragt mit unserer Kollegin schmücken? Anscheinend ja. Denn wer sich als Prölls Superpraktikant bewirbt, gibt alle Rechte ab. Lädt man etwa ein Foto hoch, darf die ÖVP dieses für Werbung nutzen, erklärt die Webseite. Vorsicht, Internerdler! Das ist wieder so ein Fall, wo man das Kleingedruckte zuerst lesen sollte, bevor man auf „OK“ klickt.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 51/09 veröffentlicht. Screenshot: Superpraktikant.at Reißt unsere Schulen ab!Wednesday, December 16. 2009
Tafel, Glocke, Klassenbuch: Über unserer Schule liegt der Mief der autoritären Vergangenheit. Dabei gibt es längst neue Ideen
Inspektion: Ingrid Brodnig und Sibylle Hamann Die Schule ist immer ein Produkt ihrer Zeit. In Österreich ist sie das Produkt einer längst vergangenen Zeit. Ihr Grundriss stammt aus der Monarchie, ihre Rituale haben sich seit der industriellen Revolution nicht wesentlich weiterentwickelt. Dabei ist unsere Gesellschaft längst eine andere.1774 führte Maria Theresia die „Allgemeine Schulordnung“ und mit ihr die Schulpflicht ein. Damals wurde der Unterricht stark vom Militär und dessen Disziplinvorstellungen geprägt. Gehorsam war das oberste Bildungsziel. Mit dem industriellen Zeitalter setzten sich, ausgehend von Großbritannien, neue Prioritäten durch: Die Schule sollte möglichst viele berechenbar funktionierende Arbeitskräfte mit normierten Fähigkeiten hervorbringen, perfekt für das Fließband. In der „globalisierten Wissensgesellschaft“, von der alle reden, sind diese Bildungsziele eigentlich obsolet. Eine postindustrielle Arbeitswelt braucht kein homogenes Arbeiterheer mehr. Eine Einwanderungsgesellschaft muss mit Vielfalt produktiv umgehen. Sie kann es sich nicht leisten, Kinder, die nicht gleich ins System passen, auszusortieren und auszuspucken. Innovationen kann sie nur hervorbringen, wenn sie Individualität, Selbstverantwortung und Überraschungen zulässt. Dafür braucht es andere Lehrinhalte, andere Unterrichtsmethoden, eine andere Lehrerausbildung und andere Schulgebäude. In den Volksschulen, den einzigen echten Gesamtschulen in Österreich, hat dieses Umdenken in den letzten Jahren bereits stattgefunden. In den Kindergärten ist einiges in Bewegung, ebenso in den neuen Mittelschulen. Ein Erwachsener, der eine typische AHS betritt, wird sich jedoch wundern, wie wenig sich dort seit der eigenen Schulzeit verändert hat. Schulglocke, Klassenbuch, Jahrgangsklassen, all das findet sich dort. Die Gymnasien, samt ihrer Lehrergewerkschaft, verteidigen sinnentleerte Rituale und Gewohnheiten, als regiere immer noch der Kaiser in der Hofburg. Wer sich bewusst wird, wie viel Vergangenheit in der Gegenwart der Schule steckt, versteht: Es ginge auch ganz anders. Eine Übersicht. Einst war das Schulgebäude das Wohnhaus des Lehrers und seiner Frau. Heute ist es das Haus, in dem der Unterricht stattfindet, und anschließend fahren alle heim. Doch das muss nicht so sein. Schule kann auch hinausgehen: in Bibliotheken, Betriebe, auf Ämter und in die Natur; nicht nur gelegentlich bei Exkursionen, sondern systematisch. Die Walz zum Beispiel, ein privates Wiener Oberstufengymnasium, macht Biologie auf dem Bauernhof und fährt zum Sprachenlernen ins Ausland. Heutige Schulgebäude schotten sich nach außen ab; oft sind sie sogar Fremdkörper in ihrer Umgebung. Besonders problematisch ist das bei den großen Schulgebäuden der 70er-Jahre. Sie wurden für mehrere tausend Schüler und Schülerinnen konzipiert, an der Peripherie gebaut, nur dort gab es für sie Platz. Heute ereilt diese Großschulen ein ähnliches Schicksal wie Einkaufszentren: Sie sind nicht mit der Stadt verwachsen und vom öffentlichen Verkehr abgeschnitten. Die Zukunft liegt in kleineren, überschaubaren Einheiten, die auf ihre Umgebung reagieren und sie mit öffentlichen Angeboten für Nichtschüler bereichern. „Breite Schule“ heißt etwa ein Modell in den Niederlanden, das Schulen räumlich mit Bibliotheken, öffentlicher Verwaltung oder mit Wohnungen kombiniert. Die Wiener Standardschulklasse misst heute – wie zur Kaiserzeit – 63 Quadratmeter. „Man rechnete einen Quadratmeter pro Kopf, anderthalb Quadratmeter für den Lehrer und weitere anderthalb für den Ofen“, erklärt Christian Kühn, Architekt an der TU Wien. Heute sitzen zwar statt 60 nur noch 25 Kinder drin, viele Möglichkeiten bietet sie jedoch nicht. In Dänemark gibt es Schulen, die ganz ohne Klassenräume auskommen. Jeweils drei bis vier Klassen teilen sich dort eine „Lernzone“, diese besteht aus verschieden aufgestellten Tischen, PC-Arbeitsplätzen, Sitzecken und Rückzugsräumen, jeweils einer offenen Küche und einem Lehrerarbeitsraum. Als „Homebase“ der jeweiligen Klassen dienen sechseckige Bereiche, die mit Paravents von der Lernzone abgeschirmt werden. Hier drin können sich bis zu 20 Kinder plus Lehrende für kurze, intensive Phasen des Zuhörens versammeln. Das zentrale Nervensystem des österreichischen Schulgebäudes ist absurderweise der Gang, an dem entlang die Klassenzimmer aufgereiht sind, ähnlich wie in einer Kaserne. Das ist eine enorme Platzverschwendung: 30 bis 40 Prozent der Gesamtfläche sind dadurch als Verkehrsflächen blockiert und können nicht produktiv genützt werden. Denn ein Gang (samt „Gangaufsicht“) eignet sich beinahe ausschließlich dafür, sich zu langweilen oder Lärm zu machen. Eine Schule, die sich von Gängen verabschiedet, kommt mit fünf Prozent Verkehrsflächen aus. Der gewonnene Platz stünde für Bewegungs-, Spiel-, Lese-, Rückzugs- oder Essräume zur Verfügung. Das Problem: Viele Schulgebäude in Österreich stammen aus dem 19. Jahrhundert und lassen sich nur schwer radikal umbauen. Mit jeder der vielen Schulrenovierungen, die derzeit stattfinden, wird das „Gang“-Prinzip auf Jahre hinaus einbetoniert. In der ersten Klasse sitzen die Sechsjährigen, in der zweiten die Siebenjährigen: Das scheint uns selbstverständlich. Aber es war nicht immer so. Erst das Reichsvolksschulgesetz von 1869 teilte die Kinder nach Alter auf. „Das hat man dem Militär nachempfunden“, sagt Bildungsexperte Bernd Schilcher; die schulpflichtigen Kinder treten, ebenso wie die wehrpflichtigen Rekruten, ihren Dienst im Herbst an. Vor 1869 hingegen ging man davon aus, dass nicht alle denselben Reifegrad hätten. Deswegen saßen Kinder unterschiedlichen Alters in einem Raum und lernten, je nach Fach, in verschiedenen Gruppen miteinander. Zu dieser Idee finden moderne Mehrstufenklassen heute zurück: Jedes Kind lernt hier in seinem eigenen Tempo, einzeln oder in Kleingruppen. Begabungen können individueller gefördert werden. In einigen Wiener Volksschulen wird dieses Modell heute mit großem Erfolg praktiziert. Zentraler Baustein unseres Schulwesens ist die 50-Minuten-Stunde: Auf ihr bauen alle Stundenpläne auf, in ihrem Takt wechseln die Lehrer die Klassen. Warum eigentlich? Auch dies kommt vom Militär, bei dem jeweils eine Stunde lang exerziert wurde, zehn Minuten davon wurden fürs Austreten und Pfeiferauchen abgezogen. Pädagogisch mache das keinen Sinn, meint Bildungsforscherin Christa Koenne, speziell in naturwissenschaftlichen Fächern: „50 Minuten sind nicht der Rhythmus, in dem man neugierig wird. Man muss in ein Thema versinken können, damit Interesse entsteht.“ Sie schlägt längere Lernphasen vor: ein Drittel des Schuljahrs etwa für Naturwissenschaften, das zweite Drittel für Kultur, das dritte zum Wiederholen des Gelernten. Nur was regelmäßiges Üben erfordert (Rechnen, Turnen), solle wöchentlich stattfinden. Der 50-Minuten-Takt braucht ein akustisches Signal. „Die Schulglocke kommt von der Trillerpfeife“, sagt Bernd Schilcher. In den meisten Volksschulen läutet die Glocke heute gar nicht mehr oder nur, um große Pausen anzuzeigen. Solange dieselbe Lehrerin in der Klasse steht, kann sie auf Stimmungen und Konzentrationsphasen flexibel reagieren und den Stundenplan völlig ignorieren. An den AHS hingegen, wo alle 50 Minuten die Lehrperson wechselt, müsste man ohne Schulglocke das ganze System umstellen. Als Maria Theresia die Schulpflicht einführte, waren die Schulen plötzlich voll. 120 Kinder steckte man in eine Klasse. Ungefähr gleich groß ist eine Kompanie. Wie auf dem Kasernenhof reduzierte sich der Unterricht dann aufs Fehlersuchen. Wer einen Tintenklecks, einen Rechenfehler, einen falschen Ton machte, den wies der Lehrer zurecht. Der Stoff wurde in Tabellenform niedergeschrieben, in kleine Portionen aufgeteilt. Die wurden solange widergekäut, bis die meisten Schüler sie beherrschten. Der österreichische Unterricht ist von diesem Denken noch immer geprägt. Dem „Sachwissen“ wird viel Bedeutung beigemessen, während Länder wie Finnland mehr darauf achten, Kompetenzen zu vermitteln; die Fähigkeit, sich Sachwissen selbstständig anzueignen. Das Wort „Taferlklassler“ erinnert an die kleine Schiefertafel, die jedes Volksschulkind einst zum Schreiben mit dem Griffel verwendete. Die große Tafel, die an der Stirnseite des Normklassenzimmers steht, wurde um 1800 in Schottland erfunden und ist heute an der Wand festgeschraubt. Damit nagelt sie die Kinder an ihren Plätzen fest und bestimmt ihre Blickrichtung für den Frontalunterricht. Modellschulen in den 60er-Jahren versuchten, diese Starrheit mit mobilen Tafeln aufzubrechen, die auf Rollen im Raum umhergeschoben werden konnten. „Dann fiel eine Rolltafel einem Kind auf den Kopf, und es war mit der Tafelmobilität vorbei“, sagt Kühn. Heute kommt statt Kreide und Tafel oft ein Beamer oder Smartboard zum Einsatz. Am Prinzip des Frontalunterrichts ändert das nichts. Im 17. Jahrhundert hatten Schulkinder noch keine fixen Plätze. Im Raum standen Tische, in der Mitte an einem Pult saß der Lehrer. Lange waren Einzelbänke üblich, die man verrücken konnte. Die normierten Zweierschulbänke sind ein typisches Produkt des 19. Jahrhunderts. Ihre wichtigste Eigenschaft war, dass sie das Bodenwischen erleichterten. Orthopäden haben seither viel Energie in die Optimierung von Schulbänken gesteckt. Die Kinder sollten sechs Stunden lang sitzen können, ohne Fehlhaltungen davonzutragen. „Wir müssen das Sitzen den Arbeitsmedizinern entziehen“, fordert allerdings Christian Kühn. Denn Haltungsschäden vermeidet man am besten, indem man das stundenlange Sitzen ganz abschafft – und stattdessen am Boden, im Liegen, im Stehen, in Bewegung oder sonst wie lernt. 145 Jahre lang war in Österreich die Ganztagsschule normal. 1919 tauschte sie der rote Bildungsreformer Otto Glöckel durch die Halbtagsschule aus. Das war ein Kompromiss zwischen der bürgerlichen und der linken Reichshälfte: Das Bürgertum wollte, dass der Nachwuchs nachmittags für standesgemäße Exerzitien wie Musik oder Sport frei war. Die Halbtagsschule hat viel mit dem Familienideal zu tun. Kinder mittags nachhause zu schicken macht dann Sinn, wenn dort eine Hausfrau mit dem Essen auf sie wartet und mit ihnen Aufgaben macht. Je gebildeter und wohlhabender diese Hausfrau ist, desto größer ist der Bildungsvorsprung, den Kinder erwerben können. So verstärkt die Halbtagsschule die sozialen Unterschiede und hält gleichzeitig Mütter vom Arbeitsmarkt fern. Eine moderne Gesellschaft könne sich diesen Anachronismus eigentlich nicht leisten, meint Bernd Schilcher. Die 140 Millionen Euro, die jedes Jahr für Nachhilfe ausgegeben werden, beweisen, dass das System nicht funktioniert. In fast allen OECD-Staaten ist längst die Ganztagsschule, samt Essen, Sport, Musik und Förderkursen, normal. Dafür jedoch braucht man andere Schulgebäude. Die Aufteilung des Schuljahrs folgt vielen Interessen – jenen der Schüler und Schülerinnen allerdings am allerwenigsten. Die Weihnachts- und Osterferien verdanken wir der Kirche, die Semesterferien der Skiindustrie und die Sommerferien der Landwirtschaft. Zur Kaiserzeit begann der Unterricht nach der Ernte, Anfang November, und endete zu Michaelis am 29. September. Dazwischen halfen die Kinder den Eltern bei der Feldarbeit. Zusätzlich sperrten die Schulen im Sommer zu, wenn es zu heiß wurde. Heute sind wir nicht mehr so abhängig vom Wetter, doch die langen Ferien sind geblieben. Berufstätige Eltern stellt das vor gewaltige organisatorische Probleme, während in den leeren Schulgebäuden Sportanlagen, Chemielabors und alle anderen Ressourcen ungenutzt bleiben. Joseph II. führte das „Buch der Schande“ ein, das wir heute als Klassenbuch kennen. Es diente nicht nur zur Disziplinierung schlimmer Kinder, sondern auch zur Verhöhnung schlechterer Schüler, deren Fehler eingetragen wurden. In seiner äußeren Form hat sich das Klassenbuch in 200 Jahren praktisch nicht verändert. Vorne wird die Anwesenheit samt Entschuldigungen protokolliert, hinten der Lehrstoff. „Es ist ein altmodisches Instrument, das der Kontrolle dient. Auf große Teile davon kann man verzichten“, urteilt AHS-Direktorin Heidi Schrodt. In ihrer Schule, der Rahlgasse, gibt es ab der sechsten Klasse, nach dem Ende der Schulpflicht, kein Klassenbuch mehr: Die Schüler und Schülerinnen können über ihre Absenzen selbst verfügen. Wer in einem Fach mehr als 20 Prozent fehlt, muss eine Feststellungsprüfung machen. Die Absenzen sind seither deutlich zurückgegangen. Das Lehrerzimmer ist für Schüler ein geheimer Ort, den sie kaum je betreten. „Es ist Ausdruck dessen, woran das ganze System krankt“, sagt Direktorin Schrodt, „es ist ein Rückzugsraum, wo man sich vor den Schülern schützen kann.“ Zum Arbeiten taugt das Lehrerzimmer kaum. 1,40 Meter lang ist die Arbeitsfläche, die sich zwei Lehrende teilen müssen; unter Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) wurde auch noch die dazugehörige Lade eingespart. Mehr Fläche ist auch bei Neubauten nicht vorgesehen. Ein „richtiger“ Lehrerarbeitsplatz müss te technisch besser ausgestattet sein, er müsste Raum für Besprechungen und für Rückzug bieten. Gekämpft hat die AHS-Lehrergewerkschaft jedoch nie wirklich dafür, weil die wenigsten Lehrer ihren Tag in der Schule verbringen wollen. Traditionell verstehen sie das Klassenzimmer und die eigene Wohnung als ihren Arbeitsplatz, im Lehrerzimmer wollen sie nur Hefte ablegen. Dass neben dem Bild des Bundespräsidenten ein Kreuz hängt, liegt an einem Vertrag zwischen Österreich und dem Vatikan, „Schul-Konkordat“ genannt. 1962 vereinbarten die beiden Staaten, dass „in jeder Schulklasse, in der die Mehrzahl der Schüler ein christliches Religionsbekenntnis hat“, ein Kreuz zu hängen hat. Der Vertrag steht im Verfassungsrang und kann ohne Zustimmung des Heiligen Stuhls nicht geändert werden. Da längst nicht mehr alle Klassen christliche Mehrheiten haben, könnten viele Kreuze heute eigentlich abgehängt werden. Zumal das Konkordat anderen Verfassungsprinzipien widerspricht – etwa der Trennung von Staat und Kirche. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte urteilte jüngst, die Kreuze in italienischen Schulen verstoßen gegen das Gebot der Religionsfreiheit, der Staat müsse auch „die Freiheit jener schützen, die sich zu keiner Religion bekennen wollen“. Lange gehörten „Leibesübungen“ nicht in die Schule; nur Ritter wurden in Fechten und Tanzen ausgebildet. Die Turngeräte, die heute in jedem Turnsaal stehen, Kasten, Reck, Ringe oder Schwebebalken, gibt es seit 1811. Erfunden hat sie der Berliner Hilfslehrer Friedrich Ludwig Jahn, später als „Turnvater“ bekannt. Er sah in der körperlichen Ertüchtigung die Vorstufe der militärischen Ausbildung und wollte die Preußen damit für den Befreiungskrieg gegen die Franzosen stärken. 1813 nahm Jahn mit seinen Turnern an der Völkerschlacht bei Leipzig teil, man trug (mit Österreich an der Seite) den Sieg davon. Der gefürchtete Medizinball, der ebenfalls zur Standardausstattung des Turnsaals gehört, stammt aus den USA. Er dient, wie eine Hantel, zum Muskelaufbau und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von der Turner- und FKK-Bewegung nach Deutschland importiert. In einer modernen Schule könnte er zwischendurch die Schulbank ersetzen. Zum Thema „Fliegende Klassenzimmer. Eine interaktive Ausstellung über Orte zum Wachsen für alle von 6 bis 99 Jahren“. Diese Ausstellung beflügelt die Schulfantasie und ist bis 21. Februar 2010 im Kunsthaus Mürz in Mürzzuschlag zu sehen. Idee, Konzept und Gestaltung: Christian Kühn, Renate Stufer, Antje Lehn. Öffnungszeiten: Do–Sa 10–18, So 10–16 Uhr Dieser Artikel ist im Falter 51/09 erschienen und wurde von Sibylle Hamann und mir verfasst. Illustrationen: Frauke Lehn Dem Führer folgen? 6000 Menschen tun das auf TwitterFriday, December 11. 2009 Adolf Hitler ist mittlerweile auch auf Twitter. Zumindest gibt es dort einen User namens Der_Fuehrer, der Satire in Nazibrülldeutsch verfasst. „Eva schömpft, ich solle gefälligst aufrrräumen. Mein Arrrbeitszimmer sähe aus, als wäre eine Bombe hochgegangen“, schreibt Der_Fuehrer zum Beispiel. Ich gebe zu, ich habe bei diesem Satz gelacht. Aber darf man sich über Hitler amüsieren? Eine schwierige Frage, speziell für Österreicher und Deutsche. Führerwitze schwanken zwischen Satire und Geschmacklosigkeit, und nicht jeder ist ein Charlie Chaplin, der diesen Balanceakt stilsicher meisterte. Auch Der_Fuehrer auf Twitter schafft das nicht immer. Manchmal sind seine Schmähs eher mau oder sorgen für besorgtes Stirnrunzeln. Trotzdem folgen ihm bereits mehr als 6000 Menschen, lauschen jedem Wort des Zwitscherdiktators, verbreiten treu seine Botschaft. Da mache ich nicht mit. Ich habe nämlich aus der Geschichte gelernt: Im Zweifelsfall lieber nicht dem Führer folgen.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 50/09 veröffentlicht. Foto: Der große Diktator. Im Rahmen der Recherche habe ich übrigens auch einige Twitter-User um ihre Meinung zum zwitschernden Führer gefragt. Vielen Dank für die vielen Rückmeldungen! Wii echter SportThursday, December 10. 2009 Sie versprechen Bewegung, Ausdauertraining und Spaß im eigenen Wohnzimmer. Fitnessspiele boomen derzeit am Videospielmarkt. Was steckt hinter dem Hype?Ronny Kokert steht vor dem Fernseher und flattert mit den Armen. Konzentriert schaut er auf den Bildschirm. Dort ist ein fliegendes Huhn zu sehen. Das Tier flattert mit den Flügeln, genauso wie der großgewachsene Mann seine Arme schwingt. Dann landet es auf einer Plattform. Kokert bekommt 20 Punkte. „Super!“, sagt er. Er hat soeben mit seiner Körperbewegung das virtuelle Geflügel gesteuert und zur sicheren Landung gebracht. Nebenbei hat er ein paar Kalorien dabei verbrannt. Nicht, dass Kokert das nötig hätte. Der Open-Taekwondo-Weltmeister und Erfinder des Shinergy-Trainingskonzepts verbringt auch seine ganze Zeit mit Sport und Fitness. Er beobachtet aber, wie sich ein Hype rund um Videospiele entwickelt hat, die Betätigung, Krafttraining und Kalorienverzehr in den eigenen vier Wänden versprechen. Es sind längst nicht nur Kids, die ihre Eltern in der Weihnachtszeit in die Computerspielabteilung zerren, oder schießfreudige Nerds, die sich den nächsten Ego-Shooter unter dem Christbaum wünschen. Die Videospielbranche hat eine neue Zielgruppe entdeckt: Erwachsene, die sich zu dick oder zu unsportlich fühlen, aber nicht den Weg ins Fitnessstudio oder die Sporthalle finden. Der Boom begann mit „Wii Fit“. Im Vorjahr kam der Titel heraus und wurde zum Kassenschlager. Mehr als 22,5 Millionen Mal verkaufte der Hersteller Nintendo das Spiel bereits, mehr als 50.000 Mal davon in Österreich – für den heimischen Markt ist das äußerst viel. Nun haben die Japaner den Nachfolger des Spiels „Wii Fit Plus“ herausgebracht. Die Konkurrenz will mindestens genauso fit sein und veröffentlicht ein Bewegungsspiel nach dem anderen, sie heißen etwa „EA Sports Active“, „Mein Fitness Coach“ oder „Jillian Michaels Fitness Ultimatum“ und werden allesamt für die Nintendo Wii programmiert. Das ist eine Spielkonsole mit Sensor und Fernsteuerung, die die Bewegungen des Spielers messen kann. Auf diese Weise soll auch kontrolliert werden, ob die Wohnzimmersportler vor dem Fernseher brav mitturnen. Aber kann die Spielkonsole tatsächlich die Bewegung im Freien oder das Fitnesstudio ersetzen? Ronny Kokert leitet selbst ein Trainingszentrum im 8. Bezirk, hat Sportwissenschaften studiert und lehrt dieses Fach auch an der Uni Wien. Er testete für den Falter die Spiele „Wii Fit Plus“ und „EA Sports Active Personal Trainer“. Dass Menschen lieber vor dem Fernseher herumhüpfen, als im Freien joggen zu gehen, ist nichts Neues. Schon in den 70er-Jahren turnte Jane Fonda für Fitnessvideokassetten vor der Kamera, heute tun das computeranimierte Trainer. Am Bildschirm zeigen sie, wie eine Übung gemacht wird, dann ist der User dran. Ronny Kokert stellt sich vor den Fernseher. Vor ihm steht ein weißes Brett. Das sogenannte „Balance Board“ wird mit „Wii Fit Plus“ mitgeliefert und misst Gewicht und Schwerpunkt des Spielers. Das Brett weiß permanent, ob Kokert gerade mit einem Fuß oder zweien daraufsteht und wie er sein Gewicht dabei verteilt. Klingt vielversprechend. Der Sportwissenschaftler startet das bunte Spielmenü und kann nun zwischen Yoga, Krafttraining, Balancespielen und Aerobic wählen. Er probiert Haltungsübungen und Balancespiele aus. Doch schon bald zeigt sich eine Schwachstelle: Das Gerät misst nur einen Teil der Bewegungen, sein Sensor hat blinde Flecken. Das kann dazu führen, dass Menschen falsch oder gar ungesund trainieren. Kokert führt das anhand einer Aufgabe vor. Er legt sich auf den Boden, stellt die Füße aufs Balance Board, so wie der Bildschirm das anordnet. Bei der Übung „Klappmesser“ muss er seinen Oberkörper und Beine hochklappen. Diese Übung beinhaltet aber eine Gefahr: Wer den Schwung aus dem Hohlkreuz holt, belastet die Hüftmuskulatur. Das kann zu Rückenschmerzen führen. „Wenn man diese Übung falsch macht, ist das schlechter, als wenn man sie gar nicht macht“, sagt Kokert. Das Gerät erkennt keinen Unterschied zwischen der gesunden und ungesunden Variante – es lobt den Spieler auch dann, wenn er sich selbst nichts Gutes tut. Ähnliche Probleme zeigen sich beim zweiten getesteten Spiel: „EA Sports Active Personal Trainer“ ist ernster und körperlich anstrengender als „Wii Fit Plus“. Es misst die Bewegung der Spieler vor allem mittels Fernsteuerung, aber auch hier werden manche Bewegungen nicht richtig erkannt. Eine falsche Handhaltung kann dazu führen, dass eine absolvierte Übung gar nicht gezählt wird. Das sind eindeutige technische Schwächen. Die Videospiele können doch noch nicht den menschlichen Fitnesstrainer und seine Aufsicht ersetzen. Selbst wenn sie Namen wie „Fitness Coach“ oder „Personal Trainer“ tragen. Die Games haben eine andere Stärke: Sie sind noch immer Spiele und als solche artverwandt mit Super Mario und Co. Bei „Wii Fit Plus“ gibt es einige Minigames, zum Beispiel jenes mit dem fliegenden Huhn. Es schaut schon sehr wunderlich aus, wenn Ronny Kokert als erwachsener Mann vor dem Fernseher steht und mit den Armen wachelt. Das Spiel macht aber Spaß, plötzlich vergisst man die Kalorien, der spielerische Ehrgeiz setzt ein, so wie bei Super Mario. Kniebeugen, Jogging, Yoga, all das probiert Kokert auf der Wii aus. Am Ende gefällt ihm das Game mit dem Huhn am meisten. „Fitness und Training ist immer so ernst. Hier zeigt sich wieder ein spielerischer Zugang“, sagt er. Dieser Gegensatz zum strengen Fitnessdenken, bei dem man wie ein Roboter 100 Mal ein Gewicht stemmt, sagt dem Sportwissenschaftler zu. In seiner Profession sollte es darum gehen, Menschen wieder Freude an Bewegung zu geben. Vielleicht können Videospiele ein bisschen helfen. Das zeigt auch die Erfahrung des Rehabzentrums in Judendorf-Straßengel. Therapeuten setzen dort gezielt Spiele wie „Wii Fit“ ein. Etwa für Kinder, die halbseitig gelähmt sind und trainieren müssen. Für sie sind die strikten Übungen oft langweilig. Viel spannender ist es hingegen, den Nintendo einzuschalten und zu spielen. Selbst, wenn es sich dabei um Arbeit handelt. ![]() ![]() ![]() Die getesten Games - Wii Fit Plus: für die ganze Familie - EA Sports Active: für Verbissene Dieser Bericht ist im Falter 50/09 erschienen. Fotos: Heribert Corn / Nintendo / Electronic Arts Besser als der Jungbauernkalender: Nackte GeeksSunday, December 6. 2009 Mir ist es ein Rätsel, warum sich Menschen Erotikkalender kaufen. Wo – außer in Autowerkstätten und Heereskasernen – hängt man so etwas auf? Wird das nicht fad, einen Monat lang auf dieselbe Partie Busen oder Bauchmuskeln zu starren? Würde ich mir aber einen Nacktkalender zulegen, dann den London Nude Tech Calendar. Darin lassen britische Geekgirls und -boys die Hüllen fallen. Eine Spitzenidee! Denn was fällt einem ein, wenn man an nackte Nerds denkt? Dicke Typen mit ungepflegter Haut und gamprigem Blick hinter der Brille. Dass das nur ein böses Klischee ist, zeigt der Londoner Kalender. Da posiert zum Beispiel ein hübscher Web-Entrepreneur auf weißem Sofa – mit formvollendetem MacBook Pro im Schritt! Das Ganze ist außerdem für einen guten Zweck: für blinde und behinderte Studenten in Indien. Aber was machen sie hier in Österreich? Sie fotografieren lieber züchtige Jungbauern und -bäuerinnen für Kalender. Als ob es nichts Geileres gäbe, als an den Eutern einer Kuh herumzufummeln.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 49/09 veröffentlicht. Foto: London Nude Tech Calendar
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Herr Zumtobel, schütten sich so viele Fahrgäste im Zug voll?Wednesday, December 2. 2009![]() Sie testen nun ein Alkoholverbot. Schütten sich wirklich so viele Menschen im Zug zu? Wir haben zuletzt viele Beschwerden bekommen, dass Fahrgäste mit ganzen Bierkisten, mit Alkopops in Nahverkehrszüge einsteigen und diese Getränke dort konsumieren. Dann kommt es auch zu Pöbeleien. Die leeren Flaschen bleiben zurück, Alkohol wird ausgeschüttet, der fahrende Zug riecht wie eine Whiskyflasche. Wer führt sich denn so arg auf? Einerseits Jugendliche, aber nicht nur. Rund um Großveranstaltungen, Fußballspiele, Discobesuche am Wochenende erleben wir das. Dieses Verhalten betrifft nur einige wenige, wir wollen mit dieser Maßnahme aber erreichen, dass es für die restlichen 99 Prozent der Kunden besser wird. Haben Sie Angst, mit diesem Alkoholverbot Gäste zu verärgern? Wir haben das im Vorfeld abgetestet, viele Kunden sprachen sich dafür aus. Natürlich wird es den einen oder anderen geben, der das als Bevormundung empfindet. Und wenn jemand im Zug trotzdem ein Bier trinkt? Dann werden wir ihn darauf hinweisen, dass es in Vorarlberg dieses Alkoholverbot gibt. Ich denke, der Großteil wird einsichtig sein. Wenn sich jemand weiterhin danebenbenimmt, Lärm macht, pöbelt, können wir ihn von der Fahrt ausschließen. Das ist aber nicht unser Hauptziel. Uns geht es um Information und Prävention, weniger um Strafen. Das Alkoholverbot könnte auf ganz Österreich ausgeweitet werden. Wovon hängt das ab? Von den Erfahrungen der Kunden und Mitarbeiter. Wir wollen wissen: Wie geht es ihnen dabei? Ist das überhaupt umsetzbar? Das werden wir die nächsten Monate hinweg testen. "Am Apparat" ist die Telefonkolumne des Falter. Dieses Interview ist in Ausgabe 49/09 erschienen. Die obigen Fotos zeigen ÖBB-Pressesprecher Rene Zumtobel und ein Alkohol-Verbot-Hinweis aus den Londoner Öffis. Dort ist Alkoholkonsum ebenfalls nicht erlaubt. Credit: ÖBB / Flickr-Userin Annie Mole Jetzt ist es bewiesen: Zigaretten sind ein TeufelswerkWednesday, December 2. 2009Diese Glosse erschien im Falter 49/09. Der obige Screenshot zeigt die Frau, kurz bevor sie im Automaten steckenblieb. Screenshot und Video: ORF.at Was Google über unsere Gesellschaft verrätTuesday, December 1. 2009![]() Irgendwann werden wir telepathisch mit Google kommunizieren. Bis es so weit ist, versucht das Internetunternehmen unsere Gedanken zumindest zu erraten. Seit dem Frühjahr bietet es die Funktion Google Suggest an. Tippt man in der Suchmaske ein Wort ein, schlägt die Seite ähnlich lautende Sätze vor, nach denen viele Internetuser googeln. Wer etwa „ich will“ eingibt, dem wird „ich will ein Baby“, „ich will abnehmen“, „ich will sterben“ angeboten. Ohne dass Google das beabsichtigt hätte, hält es unserer Gesellschaft somit den Spiegel vor. Denn das Service zeigt, wonach sich viele Menschen heimlich im Netz erkundigen. Bei den Worten „darf ich mit“ empfiehlt die Suchmaschine zum Beispiel „darf ich mit meiner Schwester schlafen“. Überhaupt merkt man, dass Sex und Tabuthemen der Renner sind. „Wie kann ich mich selbst befriedigen“ und „wie küsst man richtig“ sind zwei total populäre Sucheingaben. Eines wundert mich angesichts dieser Fragen schon: Benutzen nur Pubertierende Google? Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 48/09 veröffentlicht. Screenshot: www.google.at
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