May 192010
 

Facebook hat das Vertrauen seiner Kunden missbraucht, der Staat darf dem Monopolisten nicht weiter zusehen





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Facebook und die Privatsphäre: ein Krampf. Nein, diese Fotos sind nicht für alle bestimmt. Nein, der eigene Name darf nicht für Werbezwecke benutzt werden. Nein, die Hobbys gehen die Menschen da draußen genauso wenig an.



Viele User sind wütend. Ständig ändert das Webportal seine Privatsphäre-Bestimmungen, dauernd will es Information an einem vorbeischummeln und für alle sichtbar veröffentlichen. Um das zu verhindern, müssen die Benutzer einen Dschungel an Menüs und Untermenüs durchforsten, Dutzende Kästchen an- oder ausklicken. Trotzdem fehlt ihnen der Überblick, welche Daten Facebook weitergibt. Der Onlinedienst fordert die totale Transparenz, selbst lebt er aber pure Intransparenz.



Die Wut ist berechtigt. Diesmal schreien nicht die üblichen Verdächtigen, Datenschützer und Webskeptiker, die es eh schon immer besser wussten. Diesmal melden sich die Rädelsführer des Internet zu Wort. Das Technikmagazin Wired warnt: „Facebook gerät außer Kontrolle.“ Die US-Sozialwissenschaftlerin Danah Boyd sagt: „Menschen werden überlistet, hinters Licht geführt, genötigt und verwirrt, damit sie Dinge machen, deren Konsequenzen sie nicht verstehen.“



Wer nie auf Facebook war, wird diese Emotion womöglich nicht nachvollziehen können. Viele Benutzer sind enttäuscht. Sie traten der Seite bei, weil sie ihnen eine bessere Kontrolle über ihre eigenen Daten versprach. Einst hatte Facebook einen guten Ruf unter den Social Networks. Hier konnte man mit Freunden Nachrichten und Fotos austauschen, ohne sich vor fremden Blicken zu fürchten. Heute ist es umgekehrt: Facebook hat 400 Millionen Mitglieder und nutzt seine Vorherrschaft aus. Seit Dezember ist jedes Profil automatisch öffentlich. Auf dem Freundschaftsportal fand ein Paradigmenwechsel statt. Aus dem Prinzip „alles ist verborgen“ wurde „alles ist offen“. Die Privatsphäre-Bestimmungen des Unternehmens sind mittlerweile länger als die amerikanische Verfassung.



Natürlich geht es ums Geld, natürlich sammeln die Manager von Facebook fleißig Daten, um diese in Bares umzuwandeln. Für Mark Zuckerberg, den 26-jährigen Firmengründer, ist Transparenz aber nicht nur ein Geschäfts-, es ist sogar sein gewünschtes Gesellschaftsmodell. Er sieht die Privatsphäre als „überholtes“ Konzept, als „alte Konvention“, die nicht mehr dem Zeitgeist entspräche. „Mark glaubt wirklich an Transparenz und die Vision einer offenen Gesellschaft, deswegen will er die Menschen auch in diese Richtung drängen“, sagt etwa Sheryl Sandberg, Chief Operating Officer des Webdienstes. Natürlich ist es Zuckerbergs Recht, einen lockeren Umgang mit dem Schutz der eigenen Privatsphäre zu pflegen. Problematisch wird es aber dann, wenn er diesen Transparenzterror auf alle 400 Millionen Facebook-Mitglieder ausdehnt.



Facebook ist heute ungeschlagen die Nummer eins unter den Social Networks. Die Betreiber der Seite wissen ganz genau, dass die User wenige Alternativen haben. Wir Internetjunkies sind in die Facebook-Falle getappt und befreien uns trotzdem nicht daraus. Warum? Weil die Plattform einen Mehrwert bietet. Wer heute Facebook verlässt, verliert zwar nicht die besten Freunde – aber einen Teil seines sozialen Umfelds, darunter ehemalige Studienkollegen oder Freunde aus dem Ausland. Natürlich könnte man anderen sozialen Netzwerken beitreten, doch dort trifft man nicht den ganzen virtuellen Bekanntenkreis an. Deswegen bleiben viele zähneknirschend und hoffen, dass Facebook irgendwann ihre Unzufriedenheit erkennt.



Der Markt regelt sich doch nicht von allein. Facebook ist ein gutes Beispiel dafür. Viele hofften, dass User durch Proteste und Massenaustritte Druck ausüben und eine neue Dialogkultur zwischen Unternehmen und Konsument entstehen könnte. Bisher geschah das nicht, vielmehr fand ein Katz-und-Maus-Spiel statt. Alle paar Monate fallen Facebook neue Transparenztricks ein. Wenn daraufhin der Widerstand groß genug wird, gibt Facebook unter Umständen nach. Und alle jubeln.



Man darf Facebook nicht dankbar sein, bloß weil es sensible Daten mit Respekt behandelt und sagt, was damit passiert. Das sollte das Recht der Konsumenten sein. Weil Facebook de facto ein Monopolist ist, müssen Wettbewerbsbehörden umso strenger darauf pochen. Sogar in den USA wird der Ruf nach Regulation lauter. Auch die EU könnte geschlossener auftreten. Facebook hat seinen Firmensitz zwar in Kalifornien, muss sich aber an europäische Datenschutzstandards halten.



Gibt es Auswege abseits der staatlichen Kontrolle? In der Internetcommunity sammelten vier amerikanische Studenten binnen kurzer Zeit 170.000 Dollar an Spendengeldern. Sie wollen bis September die „Diaspora“ entwickeln – eine Alternative zu Facebook, bei der die Information der Mitglieder nicht zentral gespeichert wird. Stattdessen soll jeder User seine Daten selbst verwalten.



Klingt sympathisch. Noch sind das aber nur gutgemeinte Worte. Und davon gab es in den letzten Jahren mehr als genug: Ein Start-up-Unternehmen nach dem anderen beteuerte, wie vertrauenswürdig es sei – und wurde dann zur Datenkrake. Macht korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut, merkt man hier. Deswegen ist es an der Zeit, nicht mehr auf gute Absichten zu vertrauen, sondern strikte Vorgaben zu machen. Wer tatsächlich Gutes im Sinn hat, wird sich daran nicht stoßen.







Interessante Links:



- Danah Boyd: Facebook and radical transparency

- Electronic Frontier Foundation: Wie Facebook mit der Zeit seine Privacy-Bestimmungen veränderte

- Tolle Grafik der New York Times: Wie schwierig es ist, sein Profil abzuschotten

- Warum bleiben Menschen trotz allem auf Facebook? Medienwissenschaftlerin und Bloggerin Nancy Baym hat das sehr gut in der Ich-Perspektive erklärt

- Facebook-Parodie Openbook: Facebook helps you connect and share with the people in your life. Whether you want to or not.







Dieser Kommentar ist im Falter 20/10 erschienen. Foto: Flickr-User William Brawley

May 182010
 

Andere Magazine verlieren Leser, Neon legt trotz Wirtschaftskrise an Auflage zu. Wie das junge Lifestyle-Magazin das schafft



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Für Sabine Jenewein ist das Leben vor allem eines: ungewiss. Will sie nach dem Studium nach Indien gehen und dort Kindern Deutsch beibringen? Will sie Lehrerin an einer Wiener Schule werden oder ins ländliche Tirol zurück? Oder will sie ganz etwas anderes machen? „Es gibt so viele Möglichkeiten. Und in meinem Bekanntenkreis fragt sich jeder: Mach ich das Richtige? Will ich etwas anderes machen?“, sagt die 21-Jährige. Weil sie unsicher ist, liest sie Neon. Das Monatsmagazin ist eine der jüngsten Erfolgsgeschichten am deutschen Zeitschriftenmarkt. Und das, obwohl es erst neulich mit gefälschten Interviews Schlagzeilen machte.



Neon spricht junge Erwachsene wie die Tirolerin Jenewein an, die sich irgendwo zwischen Einführungsvorlesung und den ersten Erfolgen im Berufsleben, zwischen Nestflucht und eigener Familiengründung befinden. Ausgabe für Ausgabe signalisiert das Magazin: Ich verstehe dich, du bist nicht allein mit deinen Hoffnungen und Zukunftssorgen.



/Auf dem angeschlagenen deutschen Printmarkt sind viele Herausgeber schon glücklich, wenn sie wenigstens keine Leser verlieren. Renommierte Zeitungen wie die Süddeutsche streichen Stellen, viele Anzeigen sind längst ins Internet abgewandert, dorthin, wo die Jungen sind. Zumindest könnte man das glauben. Neon ist der Beweis, dass junge Erwachsene sehr wohl noch Zeitungen kaufen. Das Magazin stellt Fragen, über die viele abends mit ihren Freunden diskutieren oder insgeheim nachdenken: Bin ich ein böser Mensch, wenn ich meinem besten Freund den Erfolg nicht vergönne? Was tut man, wenn man beim Zusammenziehen stilistisch völlig auseinander liegt? Woran erkenne ich, dass ich das Falsche studiere? „Es gibt immer einen Artikel, bei dem ich mir denke: Das spricht mir aus der Seele“, sagt Jenewein, sie steht stellvertretend für viele andere Neon-Käufer: etwa den 31-jährigen PR-Fachmann Stefan, der über die lustigen Rubriken schmunzelt, und den 19-jährigen Maturanten Daniel, der sich für die „Problemchen“ seiner Altersgruppe interessiert. In Deutschland hat Neon laut Media-Analyse 930.000 Leser, der Verkauf steigt in Zeiten der Krise. Aber geht es dem Heft um Auflage oder um Aufklärung? Kann man es als Bravo für Bobos abtun?



Das Konzept entwickelten Münchner Journalisten – mit dem Geld des Gruner+Jahr-Verlags erschien 2003 die erste Nummer. Neon ist mainstreamig, das Cover gefällig. Vielleicht ist es aber mehr als der Versuch, Mittzwanzigern bedrucktes Papier anzudrehen. Vielleicht ist es sogar die Zukunft des Magazinmarkts: für jedes Lebensgefühl die richtige Publikation. Man muss nur wissen, worüber sich die jeweilige Zielgruppe den Kopf zerbricht.



Darin ist Timm Klotzek Experte. Er hat Neon mitentwickelt, ist mit Michael Ebert Chefredakteur und sitzt in seinem Büro in der Münchner Redaktion. Gegenüber liegt der triste Parkplatz eines Diskonters. Wäre da nicht das Logo von Gruner+Jahr, kein Mensch würde glauben, dass ausgerechnet hier, in diesem unscheinbaren Bürohaus außerhalb des Stadtzentrums, das Hochglanzmagazin entsteht. „Neonartig ist ein eigener Begriff geworden“, sagt Klotzek, „Wir haben eine eigene Art der Fotografie, einen identifikatorischen Journalismus, bei dem die Leute nicken und sagen können:, Verstehe ich, das geht mir genauso.‘“



Der Chefredakteur ist 37, also älter als die eigentliche Zielgruppe, und hat bereits Kinder. Er kann aber viel über die klassischen Neon-Leser erzählen: Sie wollen im Leben vorankommen, irgendwann haben sie es satt, auf WG-Partys die Schuhe auszuziehen und Chili con Carne zu essen. „Gleichzeitig fahren sie durch eine Vorstadt, wo diese Doppelhaushälften mit Garage stehen, und denken sich:, Oh Gott, bei mir ist es auch bald so weit, so wollte ich doch niemals enden.‘“



/Die Schwierigkeit des Erwachsenwerdens beschreibt auch die 21-Jährige Jenewein. Sie erzählt von ihren Eltern in der Tiroler Heimat, die eine Lehre machten, früh heirateten, Kinder kriegten, ein Haus bauten. Viele 20- bis 30-Jährige sehen das Leben ihrer Eltern und können damit nichts anfangen. Das war schon vor 50 Jahren so, nur hat sich diese Phase der existenziellen Unsicherheit und des Selbstfindungsprozesses verlängert. Die gesellschaftliche Sicherheit bröckelte Stück für Stück weg. Der Job? Nur ein Praktikum. Heiraten? Wer weiß, ob das hält. Kinder? Vielleicht in fünf Jahren. Aus diesem Gefühl heraus entstand der Neon-Slogan: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden.“ Eine Zeit lang war das auch die Unterzeile am Cover.



Neon greift Themen auf, die Mittzwanziger beschäftigen. Die gerechte Verteilung zwischen Frauen und Männern beispielsweise. Aber da wird nicht mehr die Abtreibungsdebatte der 70er-Jahre geführt, sondern über den Sexismus 2.0 berichtet. „Im Internet kocht und häkelt die Frau, das große Wort führt der Mann“, schreibt Neon. Und Leserinnen wie Sabine Jenewein nicken. Ja, das stört sie auch.



Freilich bietet Neon einen Mix aus Erklärjournalismus, Unterhaltungselementen, gefälliger Popberichterstattung und politischen Reportagen. Vor allem ist es aber Identifikationsfläche. Bereits beim Cover wird darauf geachtet, dass die hübschen Menschen natürlich aussehen. Bildchef Jakob Feigl setzt nur behutsam Photoshop ein. „Man muss das Gefühl haben, man ist auf Augenhöhe“, meint er. Oft schauen die Fotos aus, als handle es sich um Schnappschüsse von der letzten Party. Tatsächlich engagiert das Magazin renommierte Fotografen, der Großteil der abgedruckten Bilder wird eigens für das Blatt geschossen.



Überraschend ist, dass vor Neon keiner diese Lücke am Medienmarkt besetzte. Im Gegenteil: Neon entstand erst, nachdem sein Vorgängermagazin gescheitert war. Die Süddeutsche stellte 2002 ihre beliebte Jugendbeilage Jetzt ein, auch 8000 Protestunterschriften und eine Demonstration änderten nichts daran. Klotzek und der Großteil des Neon-Gründungsteams arbeiteten damals dort, dann trat die Stern-Chefredaktion, die zu Gruner+Jahr gehört, an sie heran. Sie bekamen die Chance, ein neues Magazin zu entwerfen. 2006 wurden Klotzek und Ebert vom Medium Magazin als „Journalisten des Jahres“ ausgezeichnet.



Über den Medienmarkt sagt dieser Erfolg viel aus. In den letzten Jahren werden Publikationen zunehmend für ein spezielles Publikum maßgeschneidert. Zuletzt brachte Gruner+Jahr gleich drei Lifestyle-Magazine für Männer heraus: Beef legt besonderen Wert auf deftiges Kochen, Gala Men auf Mode, Business Punk auf Wirtschaft.



„Ich glaube, in absehbarer Zeit wird es keine riesigen Zeitschriften mehr geben. Es wird kleiner, spezifischer“, sagt Klotzek. Er selbst hat das Neon-Prinzip nun weiterentwickelt und leitet auch Nido, ein Magazin speziell für junge Eltern. Wieder geht es um Lebensgefühljournalismus: Statt die besten Kinderwägen zu testen, wird laut darüber nachgedacht, ob die eigenen Kinder das Sexleben zerstören.



Natürlich kann man sich über diese Art von Journalismus lustigmachen. Nido, das Magazin für die Restsexualität junger Eltern, Business Punk, die Bravo für BWL-Studenten. Einige Kollegen zeigen offen ihre Häme. „Manche finden, es sei ein Zeitgeistblättchen für eine merkwürdig unpolitische Generation. So wichtig für die Aufklärung des Abendlands wie ein Actimel-Joghurt“, schrieb etwa der Spiegel.



Andere Journalisten verwundert diese Kritik: „Natürlich ist das kein Spiegel für Junge“, sagt Armin Wolf. Der ORF-Moderator analysierte für seine Master-Arbeit die politische Berichterstattung von Neon. „Das sind solide Geschichten, die auch im Stern oder im Profil stehen könnten“, meint er. Für ein Lifestyle-Magazin behandelt Neon überraschend viele Politikthemen, es fliegt seine Journalisten eigens nach Gaza, Pakistan oder New Orleans, wo diese manchmal wochenlang an Reportagen recherchieren. Der Vorwurf, Neon sei unpolitisch, stimmt und ist falsch zugleich. Das Blatt kann in diesem Punkt nicht mit Nachrichtenmagazinen konkurrieren, aber es ist schon etwas förderlicher für die Aufklärung als ein Joghurt-Drink.



/Einen Skandal hat Neon in sieben Jahren erlebt: den Fall Ingo Mocek. Der Journalist schrieb über Popmusik und sollte Stars wie Beyoncé Knowles oder Snoop Dogg interviewen. Stattdessen erfand er Passagen oder ganze Gespräche. Als das im März aufflog, entließ ihn Neon. Die Chefredaktion trat selbst an die Leser. „Es gibt überhaupt kein Interesse, das zu vertuschen“, meint Klotzek, „wir haben gesagt:, Da ist was ganz Schlimmes bei uns passiert, da gibt es nichts schönzureden.‘“ Das Hochglanzmagazin leistet sich als eine von wenigen deutschen Redaktionen eine eigene Dokumentation. Das heißt, jedes Fakt in jedem Artikel wird von einer Mitarbeiterin noch einmal überprüft. Der entlassene Journalist habe die Kollegen hinters Licht geführt, sagt der Chefredakteur. Gleichzeitig hat Neon bei freien Autoren nach wie vor einen guten Ruf, hier werden angemessene Honorare und Recherchereisen bezahlt. Für die großen Reportagen gibt es mitunter vierstellige Summen. Mittlerweile eine Ausnahme, selbst in der deutschen Medienbranche.



Das ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum Neon funktioniert. Hier findet kein billiger Schmuddeljournalismus statt wie in vielen anderen Lifestyle-Publikationen. Zwischen Gesichtscremetests und bezahlten Kosmetikinseraten verwischt dort oft die Grenze zwischen unabhängiger Berichterstattung und Werbung. Viele Artikel sind vorhersehbar. Angeblich interessieren sich Frauen im Winter für Keksebacken und im Sommer für die Bikinidiät. Männer hingegen schauen Sport und trainieren den nicht vorhandenen Waschbrettbauch. Oder wie Timm Klotzek das sagt: „Der Frauenmagazinmarkt funktioniert über Psychodruck. Die sagen:, So hat dein Kleiderschrank auszuschauen, so dein Hintern, so dein Sexleben.‘ Die Männerzeitschriften sind hingegen in der Regel so ein bisschen schmierig. Wenn Besuch kommt, der einem wichtig ist, räumen viele das Männermagazin vom Couchtisch.“



Mit solchen Zeitungen kann auch Neon-Leserin Sabine Jenewein nichts anfangen. „Die besten Modetipps für den Sommer? Das hat nichts mit meinem Leben zu tun“, sagt sie. So banal die Lektion klingen mag, so sehr ergibt sie Sinn: Medien sind dann ganz besonders erfolgreich, wenn sie an den Lebensalltag der Menschen andocken. Und wenn einen zwischendurch ein paar sympathische Gesichter anlachen, schadet das auch nicht.









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Neon in Zahlen

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231.136 Stück wurden im Schnitt im ersten Quartal 2010 verkauft



124.940 Exemplare waren es fünf Jahre zuvor, das ist eine Steigerung um 85 Prozent



2003 erschien das Magazin erstmals



34 Mitarbeiter zählt die Redaktion heute



20 bis 35 Jahre alt sind die meisten Leser



2 Chefredakteure gibt es, Timm Klotzek und Michael Ebert







Dieser Artikel ist im Falter 19/10 erschienen. Illustration: Bianca Tschaikner / Cover: Neon

May 182010
 







Geeks sollten jetzt besser nicht weiterlesen. Das könnte ihren Blutdruck erhöhen. Denn es gibt Aussagen, bei denen zucken Technikfreaks aus, die können sie nicht unkommentiert im Raum stehen lassen. Eine davon ist: „Der Internet Explorer ist viel besser als Firefox.“ Oder: „Computerspiele sind nur für Kinder.“ Oder: „Das Beste an Star Wars sind die Ewoks.“ Wired.com veröffentlichte die „Top 20 Ways to Provoke a Geek Argument“. Also eine Anleitung, wie man computeraffine Menschen auf die Palme bringt. Ich muss zugeben: Es wirkt. Ich bin schon ganz grantig. Als Geek ist man ständig mit Ignoranz konfrontiert. Nein, der Internet Explorer ist ein furchtbarer Webbrowser. Nein, Computerspiele sind nicht nur für Kinder. Und nein: Die nervigen Ewoks sind das Allerschlimmste an Star Wars! Warum ist das so schwer zu verstehen? So, jetzt ist mein Kasterl gefüllt, jetzt werde ich mir zur Beruhigung ein paar YouTube-Videos anschauen. Vielleicht gibt es ja eines, wo den Ewoks etwas Böses passiert.







Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Diese Kolumne wurde in Ausgabe 19/10 veröffentlicht. Das obige (absolut großartige) YouTube-Video möchte all den Ewoks-Hassern die felligen Kreaturen ans Herz legen

May 182010
 

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Klugscheißer sind ätzend. Wenige Wesenszüge sind dermaßen unsympathisch wie permanentes Besserwissen. Leider finden sich solche Ungustln auch im Netz. Auf Twitter gibt es Menschen, die permanent nach Fehlern anderer suchen. Einer davon nennt sich Der_Oberlehrer. Er sendet wildfremden Usern Nachrichten wie: „Ich möchte Dich auf einen Fehler aufmerksam machen. Du hast ‚Terasse‘ geschrieben. Es muss aber ‚Terrasse‘ heißen.“ Natürlich ärgern sich viele über den selbsternannten Sprachpolizisten. Andererseits ist der Oberlehrer auch eine tragische Figur. „ELIMINIERE ALLE RECHTSCHREIBFEHLER“ nennt er seine Mission. Eine Sisyphusaufgabe. Gegen die sprachlichen Unreinheiten auf Twitter anzukämpfen ist in etwa so, als würde man jede Spammail einzeln beantworten wollen. Die User schludern ihre Kurznachrichten ins Web, vielen ist die Rechtschreibung völlig schnurz. Wer dem Oberlehrer eins auswischen will, soll einfach weiterhin viele Fehla machn. Terasse, Terase, Teerasse!





Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Diese Kolumne wurde in Ausgabe 18/10 veröffentlicht. Screenshot: twitter.com/der_oberlehrer

May 182010
 





Haha, ich habe es schon immer gewusst. Nur jetzt ist es auch wissenschaftlich belegt: Man wird nicht schlauer, bloß weil man am Computer Gedächtnisspiele spielt. Die boomen seit ein paar Jahren, Nintendo verkauft zum Beispiel „Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging“. Und viele Erwachsene geben tatsächlich Geld dafür aus, um in ihrer Freizeit Gedächtnisübungen zu machen. Doch das fördert nicht die mentale Fitness, sagen britische Forscher. Sie führten mit der BBC eine große Studie durch. 11.500 Menschen nahmen daran teil, die einen betrieben Gehirntraining am Computer, die anderen nicht. Nach sechs Wochen zeigte sich kein Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Alles nur ein guter Marketinggag also. Da lob ich mir herkömmliche Computerspiele. Die tun nicht so, als wären sie unabdingbar für unser geistiges Wohlbefinden, da geht es nur um Unterhaltung. Das finde ich viel sympathischer: Manchmal muss man sich einfach zurücklehnen und seine Zeit mit etwas absolut Nutzlosem verschwenden.







Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Diese Kolumne wurde in Ausgabe 17/10 veröffentlicht

May 182010
 

Brigitte Kulovits-Rupp ist die erste Frau an der Spitze des ORF-Stiftungsrats. Sie fordert mehr Geld für echtes Programm und die Einführung ethischer Richtlinien





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Es war eine echte Überraschung. Brigitte Kulovits-Rupp wurde zur neuen Vorsitzenden des Stiftungsrats gewählt. Und das mit deutlicher Mehrheit. 31 der 35 Stiftungsräte stimmten für die SPÖ-Kandidatin, erstmals führt eine Frau das oberste Kontrollgremium am Küniglberg an. Die ÖVP sicherte sich im Gegenzug die Leitung des Finanz- und Programmausschusses. „Alten Proporz“ nennt die Presse das, „politische Willkür“ sieht das Profil. Wie denkt Kulovits-Rupp über ihre Wahl? Wie nimmt sie den Einfluss der Politik wahr? Und welche Schwerpunkte will sie in den kommenden vier Jahren setzen? Darüber sprach Kulovits-Rupp in ihrem ersten Interview als Vorsitzende, das sie dieser Zeitung gab.



Falter: Frau Kulovits-Rupp, sind Sie eine Proporzlösung?



Brigitte Kulovits-Rupp: Nein, ich bin keine Proporzlösung. Es ging darum, einen mehrheitstauglichen Kandidaten oder eine mehrheitstaugliche Kandidatin zu finden, und es gab sehr großen Zuspruch für meine Person, nicht nur von Rot und Schwarz.



Dabei waren ursprünglich nicht Sie, sondern ein unabhängiger Vorsitzender geplant. Warum kam es nicht dazu?



Kulovits-Rupp: Ich weiß nicht, von wem das geplant gewesen sein soll. Die Entscheidung, wer dem Stiftungsrat vorsitzt, fällt im Stiftungsrat. Die Mitglieder sind weisungsgebunden und unabhängig und haften für ihre Beschlüsse mit dem Privatvermögen. Ich glaube nicht, dass diese Personen am Gängelband irgendwelcher Entscheidungsträger hängen.



Nun wird aber ein Teil der Stiftungsräte von der Politik berufen. Sie sind überdies die Wunschkandidatin der SPÖ, ihr Vize der Kandidat der ÖVP. Inwiefern passt das mit dem Anspruch der Unabhängigkeit zusammen?



Kulovits-Rupp: Der Stiftungsrat wird zum Teil von der Politik beschickt, natürlich spielt sich das nicht in einem Vakuum ab, sondern hat gesellschaftspolitische Relevanz. Auch in der Gesellschaft spielen die Parteien eine Rolle. Mich irritiert, dass dem Stiftungsrat jahrelang vorgeworfen wird, er ist ein zerstrittener Haufen und kriegt nichts auf die Reihe. Und nun haben wir einen Beschluss mit sehr breiter Mehrheit, und es heißt daraufhin, es würde gemauschelt. Es ist der Sache nicht dienlich, das immer nur negativ zu kommentieren. Ich hoffe, dass der Stiftungsrat in Zukunft gemeinsam nach außen hin auftreten kann.



Sie möchten sich als Vorsitzende künftig auch stärker mit dem ORF-Programm befassen. Was wollen Sie da diskutieren?



Kulovits-Rupp: In den letzten Jahren hat sich der Stiftungsrat großteils mit Finanzfragen beschäftigt. Natürlich sind geordnete Finanzen die Voraussetzung für ein gut funktionierendes Unternehmen. Der eigentliche Zweck des ORF ist es aber, Programm zu machen. Es ist an der Zeit, dem mehr Augenmerk zu schenken. Der ORF strahlt im Jahr an die 120.000 Programmstunden aus, doch in der letzten Zeit stand immer weniger Geld fürs Programm zur Verfügung. Dabei sind gerade die Eigenproduktionen beim Publikum beliebt, und wenn man mehr Eigenproduktionen will, muss man entsprechende Mittel zur Verfügung stellen.



Die ÖVP pocht aber weiterhin auf einen Sparkurs. Widerspricht das nicht Ihren Vorstellungen?



Kulovits-Rupp: Sparen ist kein Selbstzweck. Es ist klar, dass das Unternehmen ein Strukturproblem hat. Dieses gilt es zu lösen. Aber man muss festlegen, was der Kernbereich des ORF ist. In den letzten Jahren hatten wir eine Diskussion über die Definition des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Da gibt es zwei Extrempositionen. Die einen meinen, der ORF soll nur das machen, womit niemand Geld verdienen kann. Er soll eine elektronische Wiener Zeitung werden. Auf der anderen Seite gibt es den Anspruch eines Vollprogramms, mit allem, was dazugehört, jeder Sportart, allen Sportrechten. Da wird man einzeln klären müssen: Kann, will und muss ich mir das leisten?



Und wie definieren Sie den öffentlich-rechtlichen Auftrag?


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Brigitte Kulovits-Rupp sitzt seit 2001 im ORF-Stiftungsrat, die 51-Jährige leitet in ihrem Hauptberuf die Öffentlichkeitsabteilung der Arbeiterkammer Burgenland. Vor der Wahl zur neuen Vorsitzenden führte sie bereits den Programmausschuss. Ihre ersten Erfahrungen im ORF sammelte sie 1978, als sie am kritischen Jugendmagazin „Ohne Maulkorb“ mitarbeitete. Kulovits-Rupp studierte Publizistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaften, ist verheiratet und hat drei Kinder

Kulovits-Rupp: Ich bin über das Ergebnis des EU-Verfahrens froh. Da wurde festgestellt, dass es sich um ein Vollprogramm handeln soll, von Kultur, über Information, Sport bis hin zur Unterhaltung. Es geht um ein Programmbouquet. Ich glaube, dass wir den Wünschen der Zuseher auch über neue Spartenkanäle entgegenkommen können. Das wird durch das neue ORF-Gesetz möglich. Wie diese Kanäle im Detail aussehen sollen, wird eine große Herausforderung sein.



In den letzten Monaten gab es immer wieder Diskussionen über die Unvereinbarkeit, darüber, was ein ORF-Moderator in seiner Freizeit tun, womit er zusätzlich Geld verdienen darf. Sind Sie für niedergeschriebene einheitliche Regeln?



Kulovits-Rupp: Ja. Diesen Punkt habe ich mir vorgenommen und auch schon Gespräche geführt. Natürlich muss man unterscheiden, ob jemand fest beim ORF angestellt ist oder nur nebenbei für ihn arbeitet, ob jemand eine Informations- oder eine Unterhaltungssendung moderiert, ob er Redakteur oder Programmverantwortlicher ist. Man wird nicht jeden Einzelfall mit Richtlinien regeln können, aber Grundsätze soll es schon geben.



Sollen ethische Fragen generell schriftlich geregelt werden?



Kulovits-Rupp: Ja, im Zuge der Diskussion um die „Schauplatz“-Reportage wurde auch die Einsetzung einer Arbeitsgruppe zu Programmrichtlinien zugesichert. Ich finde es eine wichtige Aufgabe, zu regeln, was für Journalisten zulässig ist und was nicht. Dadurch gibt man den Mitarbeitern auch eine gewisse Sicherheit.



Im Parlament liegt derzeit das neue ORF-Gesetz. Wie denken Sie darüber?



Kulovits-Rupp: Das Gesetz schafft klarere Spielregeln, auch was die Aufsicht betrifft. Die unabhängige Medienbehörde ist grundsätzlich gut, Klärungsbedarf besteht aber noch, was mit der Verantwortung und Haftung passiert, wenn diese Behörde Beschlüsse des Stiftungsrats aufhebt.



Ihr Vorgänger, Klaus Pekarek, sprach sogar von einer Entmachtung des Stiftungsrats durch die Medienbehörde.



Kulovits-Rupp: Das sind scharfe Worte, die das plakativ ausdrücken. Ich denke, dieser Punkt ist noch nicht ausdiskutiert und es wird darauf ankommen, wie die Formulierung letztlich verfasst ist und ausgelegt werden kann.



Macht es einen Unterschied, dass Sie nun die erste Frau an der Spitze des Stiftungsrats sind?



Kulovits-Rupp: Einen großen sogar. In den letzten Tagen gab es sehr bissige Kommentare, auch einen Leitartikel, in dem ich als Person und meine Kollegin Margit Hauft (Anm.: die neue Leiterin des Programmausschusses) sehr kritisch betrachtet wurden. Ich glaube, das passierte auch deswegen, weil wir Frauen sind. Und sollte ich in meiner Position keine gute Figur machen, wird es jene geben, die sagen: „Na eh klar, ist halt so, weil sie eine Frau ist.“



Wirkt sich die Tatsache, dass Sie eine Frau sind, auf die Führung des Stiftungsrats aus?



Kulovits-Rupp: Ich denke schon. Ich kann mich an stundenlange Diskussionen im Gremium erinnern, in denen nicht erkennbar war, worum es ging. Mir erschien das als Hahnenkämpfe. Ich schätze effizientes Arbeiten und Diskussionen, in denen nahezu jede Facette beleuchtet wird. Aber ich halte wenig davon, das als Podium für Selbstdarstellung zu nutzen.



Jetzt brodelt schon wieder die Gerüchteküche. Es heißt, die ORF-Direktoren könnten frühzeitig ausgetauscht werden, also vor Ende 2011. Ist da was dran?



Kulovits-Rupp: Diese Frage stellt sich derzeit nicht, die Diskussion halte ich für überflüssig.



Im ORF gibt es immer solche Gerüchte, sie werden auch bewusst lanciert. Ist der ORF eine Schlangengrube?



Kulovits-Rupp: Er ist zumindest heikles Terrain. Als Schlangengrube würde ich ihn nicht bezeichnen. Unter Journalisten versucht jeder, dem anderen voraus zu sein, Entwicklungen vorwegzunehmen und als Erster auf einer Neuigkeit zu sitzen. Vielleicht führt das manchmal zu solchen Spekulationen, näher will ich mich dazu aber nicht äußern.





Dieses Interview ist im Falter 17/10 erschienen. Credits: Flickr-User Martin & Julia / ORF Kundendienst

May 172010
 

/Michel Reimon, grüner Spitzenkandidat im Burgenland, will volksnah sein und wirbt mit seiner Handynummer. „Ruf! Mich! An!“ steht auf dem Wahlplakat. Wir kamen dieser Aufforderung nach.



Falter: Hallo, Sie wollten einen Anruf von uns.



Mitarbeiterin: Nein, nicht dass ich davon wüsste.



Doch, ich bin mir ziemlich sicher. Das steht auf Ihrem Plakat.



Mitarbeiterin: Ach so! Bitte, wie kann ich weiterhelfen?



Wir haben uns gefragt, warum wir Sie anrufen sollen.



Mitarbeiterin: Um uns Ihre Meinung zu sagen oder mit unserem Spitzenkandidaten zu diskutieren. (…) Er ist in einer Sitzung, kann Sie aber zurückrufen.



Gut, dann probiere ich es später noch einmal.



Falter (eine Stunde später): Hallo, spreche ich mit Michel Reimon?



Michel Reimon: Ja.



Sie wollten, dass wir Sie anrufen?



Reimon: Kommt drauf an, wer Sie sind.



Ingrid Brodnig vom Falter. Warum sollen wir Sie denn anrufen?



Reimon: Das ist eine Aktion der Bürgernähe. Wir haben bewusst keine Botschaft aufs Plakat geschrieben, warum man anrufen soll. Die meisten Leute melden sich aber wegen Umweltproblemen.



Gab es auch Scherzanrufe?



Reimon: Nein, bis jetzt nicht.



Ist das Ihre richtige Nummer?



Reimon: Klar, so steht sie auch im Telefonbuch.



Ist diese Aktion nicht populistisch?



Reimon: Nein, denn Reden allein reicht nicht, es kommt auch auf die Arbeit an. Uns geht es darum, an die Leute heranzukommen. Im Burgenland ist das aufgrund der großen Distanzen schwierig.



Sie möchten also mit jedem einzelnen Wähler persönlich telefonieren?



Reimon: Nein. Ich hoffe doch, dass wir mehr Wähler haben werden, als ich telefonmäßig schaffe.





Am Apparat ist die Telefonkolumne des Falter. Dieses Interview ist in Ausgabe 16/10 erschienen. Credit: Grüne Burgenland