Tuesday, October 6. 2009
Junge Strache-Wähler sind keine rechten Deppen, meint Jugendforscherin Beate Großegger. Jede Partei könnte sie erreichen. Ein Gespräch über die missverstandene Generation

Die Jugend rebelliert nicht, sie arrangiert sich mit dem herrschenden System. Dies ist eines der Ergebnisse, das man der neuesten Studie des Instituts für Jugendkulturforschung entnehmen kann. Für diese wurden Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis 26 Jahren befragt. Beate Großegger, wissenschaftliche Leiterin des Instituts, erklärt, wie problematisch die Ergebnisse tatsächlich sind und warum junge Menschen die FPÖ wählen.
Frau Großegger, fehlt es der Jugend an Visionen?
Beate Großegger: Jugendliche können sich Visionen heute nicht mehr leisten. Die Halbwertszeit des gesellschaftlich relevanten Wissens wird immer kürzer. Was die Politik heute konzipiert, ist vielleicht übermorgen überholt. Da macht es nicht groß Sinn, weit in die Zukunft zu blicken. Jugendliche konzentrieren sich auf das Hier und Jetzt. Die Gesellschaftsutopien, die die Jugendkultur in den 70er- und 80er-Jahren beflügelten, gibt es nicht mehr. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Jungen frustriert auf dem Sofa hocken. Sie versuchen, in einer Gesellschaft, die sie nicht zu 100 Prozent gutheißen, mitzumachen. Wir beobachten, dass sich Jugendliche erstaunlich stark selbst disziplinieren.
Wie meinen Sie das?
Großegger: Jugendliche leiden unter Leistungsdruck, sie fühlen sich oft überfordert. Sie lehnen sich aber nicht dagegen auf. Aussteigen ist heute kein Thema mehr, außer punktuell am Wochenende.
Warum wehren sich die Jungen nicht?
Großegger: Die Elterngeneration, die selbst in ihrer Jugend auf Opposition setzte, hat nicht wirklich etwas Vorzeigbares erreicht. Die Jugendlichen sagen: „Mein Vater, meine Mutter hatten Visionen, und was ist passiert? Nichts.“ Da haben sie einen sehr kritischen, fast sezierenden Blick.
Aber ist der Druck, den die Mädchen und Burschen verspüren, real?
Großegger: Der ist sehr real. Jugendliche haben auch das Gefühl, dass sie von ihrem Umfeld nur dann geliebt werden, wenn sie die entsprechende Leistung bringen. Für mich als Jugendforscherin ist das fast schockierend.
Was zeichnet die Jugendlichen heute aus?
Großegger: Es gibt drei grundsätzliche Faktoren. Erstens: Sie sind unheimlich sicherheitsorientiert. Die Welt ist viel komplexer, überfordernder, es gibt einen engen Arbeitsmarkt, eine schwierige wirtschaftliche Situation – das verunsichert und führt zu einem Sicherheitsbedürfnis. Zweitens: Sie sind erlebnis- und stimulanzorientiert. Die Sensationsspirale dreht sich immer schneller. Schauen wir uns die Politik und den Erfolg von H.C. Strache an. Der spielt auf dieser Klaviatur wunderbar, platziert Aufreger und bringt sich ins Gespräch.
Und der dritte Faktor?
Großegger: Die Jugendlichen wollen sich selbst verwirklichen. Nicht im politischen Sinn. Man will machen, was einem Spaß macht. Wir sehen einen Trend zur Subjektivierung. Das heißt, Jugendliche denken nicht mehr in Systemzusammenhängen. Was sie über Gesellschaft und Politik denken, leiten sie aus ihren Alltagserfahrungen ab. Die heutige Elterngeneration macht den Fehler, dass sie in Systembegriffen argumentiert. Begriffe, die die Jungen nicht unbedingt verstehen.
Welche Begriffe zum Beispiel?
Großegger: Gesellschaft. Im Interview mit einer 18-Jährigen hatte ich ein Aha-Erlebnis. Wir sprachen über Gesellschaftspolitik, und sie wusste nicht so recht, worauf ich hinaus will. Ich fragte: „Was verstehst du unter Gesellschaft?“ Sie meinte: „Na ja, meine Familie, meine Freunde, das ist meine Gesellschaft.“ Ich fragte, was Politik für sie ist. Da sagte sie: „Politik, das ist weiter oben für mich.“ Die Politik dockt nicht an ihrer Lebenswelt an.
Dockt die FPÖ da besser an?
Großegger: Ja, viele Junge fühlen sich da vertreten. Sie haben nicht das Gefühl, dass sie zu dumm für Politik sind. Unlängst sprach ich mit einer 17-jährigen FPÖ-Wählerin. Die Mutter wählte Rot, der Vater Schwarz. Für sie kam aber nur Blau infrage. Sie hatte mit jungen Türken Probleme, beim Ausgehen kam es zu tätlichen Konflikten. Jetzt fühlt sie sich unsicher, hat nicht den Eindruck, dass das irgendjemand ernst nimmt.
Was müssten denn die anderen Parteien machen, um so jemanden nicht an die FPÖ zu verlieren?
Großegger: Sie müssten die Welt aus den Augen der Jugendlichen sehen und respektieren, was die in ihrem Alltag wahrnehmen. Und sie müssten anders kommunizieren. Die FPÖ kommuniziert sehr professionell. Wir werden immer gefragt: Sollen jetzt andere Parteien Strache kopieren? Weltanschaulich natürlich nicht. Aber was die Kommunikation betrifft, warum nicht Bilder einsetzen, emotionalisieren, Leute begeistern?
Aber heißt das nicht: warum nicht populistischer werden?
Großegger: Wenn Sie es nur dabei belassen, ja. Aber auch Sie als Journalistin müssen sich überlegen, wie Sie eine Geschichte aufhängen. Sie können nicht mit dem Abstraktesten beginnen, sondern müssen einen spannenden Einstieg schreiben und die Leute in Ihren Text reinholen.
Machen Sie sich Sorgen um unsere Demokratie?
Großegger: Das ist so eine typische Erwachsenenfrage. Ich nehme an, Sie wollen wissen, ob es einen Rechtsruck in der Jugend gibt. Da würde ich sagen: nein. Es ist kurzsichtig, sämtliche jungen Blauwähler als rechte Deppen zu stigmatisieren. Für sie ist die FPÖ das kleinere Übel. Wir sehen, dass junge Blauwähler und Blauwählerinnen nicht die Weltanschauung, sondern die politische Performance wählen.
Schon klar, dass die Jugendlichen keine Neonazis sind. Aber letztlich ist nicht nur entscheidend, warum man jemanden wählt, sondern wen man wählt. Und welche Personen dann im Parlament sitzen.
Großegger: Mit Wünschbarkeiten kann man nicht in die Debatte hineingehen. Wer will, dass Jugendliche nicht Blau wählen, muss ein besseres Angebot machen. Viele Jugendliche, die heute die FPÖ wählen, sind weltanschaulich nicht rechts. Das ist das Gute an der Sache: Sie wären für etwas anderes zu gewinnen, wenn es ein entsprechendes Angebot gäbe.
Jetzt haben wir viel über die FPÖ-Wähler gesprochen. Aber was ist mit den politisch Aktiven? Ist das wirklich nur noch so eine kleine Gruppe?
Großegger: Die politisch Aktiven waren immer eine kleine Gruppe. Nur früher hat eine breite Mehrheit diesen politischen Aktivismus mitgetragen. In den späten 60ern war das eine ganz kleine Minderheit, primär Studierende. Aber die hatten nicht nur eine Universitätsreform im Auge, sondern sahen über den Tellerrand hinaus. Über den Tellerrand hinaus zu schauen, ist heute nichtmehr mehrheitsfähig.
Warum?
Großegger: Die Leute sind mit dem, womit sie sich konfrontiert sehen, schon überlastet. In den letzten Jahrzehnten waren immer die Bildungseliten diejenigen, die sich engagierten. Sie konnten sich diesen Luxus leisten, die anderen rackerten sich in ihrem Alltag ab. Heute können sich auch die Bildungseliten das immer weniger leisten.
Ist die Bildungselite als solche in Gefahr?
Großegger: Ja, sie hat nicht mehr den Spielraum zu experimentieren, gesellschaftliche Visionen zu spinnen. Denn die Bildungselite soll in Mindeststudienzeit mit Auslandspraktika und Fremdsprachen studieren. Und dann schnell einen Job finden.
Dieses Interview ist im Falter 41/09 erschienen. Das obige Foto zeigt drei Jugendliche am Nova Rock Festival. Foto: Heribert Corn
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