Malaise bolognaiseWednesday, March 10. 2010Comments
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Fick die Uni, oder: Warum Bildung im Kapitalismus immer Scheiße sein wird.
Am 11. März treffen sich 46 Bildungsminister_innen in der Wiener Hofburg um 10 Jahre Bolognaprozess abzufeiern. Für die Studibewegung ein guter Grund um wieder auf die Straße zu gehen und die „Ökonomisierung des Bildungssystems” anzuprangern. Dem Gipfel soll durch Massenblockaden die „Legitimität“ entzogen werden, den Minister_innen soll am eigenen Leib gezeigt werden, „was es heißt von Zugangsbeschränkungen betroffen zu sein”; das „Recht auf Bildung” wird eingefordert. Nun ist erstmal schön und gut für bessere Studienbedingungen auf die Straße zu gehen, völlig vergessen wird dabei jedoch, dass Bildung sich nicht im luftleeren Raum bewegt, sondern in unserer kapitalistisch verfassten Gesellschaft ganz bestimmte Ziele verfolgt. Die in ganz Europa aufkommenden Studienproteste haben sich zwar die Parole „Bildung darf keine Ware sein“ auf die Fahne geschrieben, doch fragt es sich unabhängig von möglichen kurzfristigen „Erfolgen“ nach der prinzipiellen (Un)Möglichkeit, Bildung von ökonomischen Interessen zu entkoppeln. Es verhält sich mit Bildung wie mit allen anderen Lebensbereichen innerhalb des ökonomischen Systems, sie müssen sich der ökonomischen Verwertbarkeit unterordnen. Fabriken produzieren Autos, Universitäten Bildung – entscheidend ist die zahlungsfähige Nachfrage als Basis für die Schaffung von Mehrwert bzw. Profit. Eine Hauptaufgabe des staatlichen Bildungsbetriebs im Kapitalismus ist also die Ausbildung von „Menschenrohmaterial“ zu fähigen Arbeitskräften, damit diese anschließend möglichst fachkundig für die verschiedenen Unternehmen oder auch für den Staat selber schuften können. Für uns alle konkret heißt das, dass nach den vielen Jahren Schule (plus eventuell Uni oder Ausbildung) noch viele Jahrzehnte Lohnarbeit anstehen, bevor wir dann Ende 60 endlich in Pension gehen dürfen und mit dem Leben anfangen können. Auch in der „freiesten“ Wissensproduktion, ohne Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren, kommt bei der Universität immer das selbe heraus: Humankapital für den Arbeitsmarkt. Vor diesem Hintergund ist es durchaus sinnvoll in die eigene Bildung zu investieren, um eine bessere Stellung im gesellschaftlichen Verdrängungswettbewerb zu erhalten. Spätestens ab dem Zeitpunkt, wo der letzte Österreich-Depp die Forderungen der Student_innen unterstützt, sollte jedoch die Frage gestellt werden, was mit den Studiprotesten falsch gelaufen ist. Wir möchten außerdem darauf hinweisen, dass die Ökonomisierung der Bildung kein Fehlverhaten irgendwelcher Politiker_innen ist, die mit bösen Absichten ihre „neoliberale Ideologie“ durchsetzten wollen. Im Kapitalismus sind alle Subjekte einem unpersönlich Zwang zur Verwertung und Konkurrenz unterworfen. Und diesem muss man Folge leisten, unter Androhung der Strafe des ökonomischen Untergangs. Freie und emanzipatorische Bildung wurde von den Politiker_innen nicht zu Grabe getragen, sondern lag immer schon am kapitalistischen Friedhof. Dem Bologna-Gipfel die Legitimität entziehen zu wollen ist ausgemachter Schwachsinn! Dort trifft sich keine Bande von Raubritter_innen, sondern demokratisch legitimierte Minister_innen. Der Gipfel muss als Form begriffen und kritisiert werden, indem sich die kapitalistische Gesellschaft im Politischen reflektiert. Fuck capitalism, denn: Es geht um das schöne Leben für alle! Im Kapitalismus sind die einzelnen Individuen abhängig vom Erfolg der nationalen Ökonomie in der globalen Staatenkonkurrenz. Denn vom Erfolg der eigenen Wirtschaft hängen staatliche Transferleistungen, Arbeitsplätze und eben auch Bildungchancen ab. Als aufrechte Standortnationalist_in ist es durchaus wünschenswert, dass einer gewissen Anzahl von Menschen eine gute, freie Bildung zur Verfügung gestellt wird, um dem österreichischen Staat zukünfitg Vorteile am Weltmark zu verschaffen. Vor diesem Hintergund ist die Begeisterung großer Teile der Bevölkerung für die Studienproteste, welche „mehr Geld für Bildung statt für Banken und Konzerne” fordern, zu verstehen. Es geht also um die Befriedigung eigener nationalistischer Bedürfnisse und weniger um einen emanzipatorischen Ansatz. Ist dieses subtile Konkurrenzdenken für viele Student_innen nicht sofort erkennbar, so zeigt der Umgang mit „ausländischen” Studierenden genau dies auf. Als Hauptgrund für die missliche Lage im Bildungssystem werden Massen an deutschen Student_innen wahrgenommen, die den österreichischen Bildungsmarkt überfluten. Auch Standortnationalismus heißt eben immer Ausschluss der einen und Einschluss der anderen – also einen Zwang zur Kollektivität gegen andere. Noch dazu kommt die Tatsache, dass zwar die Forderung einer „freien” Bildung durchaus Berechtigung hat, sie deswegen nichts destotrotz zum kontinuierlichen Ausschluss anderer sozialer Gruppen führt. Studieren ohne Beschränkung sollen Maturant_innen, die dem geforderten „Niveau” entsprechen. Lehrlinge, Migrant_innen und finanziell ärmere Menschen werden in diesem Konzept wenig bis kaum berücksichtigt. Fuck the state, oder: Der falschen die richtige Freiheit entgegensetzen! Diesen Umstand kann man der Mobilisierung von „bologna burns“ nicht vorwerfen, geht es ihnen doch zumindest um „Chancengleichheit”. Alle sollen die gleichen Voraussetzungen haben, damit dann im kapitalistischen Hauen und Stechen wenigsten die Gewinner_innen und Verlierer_innen gerecht aus allen sozialen Schichten verteilt sind. An dem Verwertungszwang, der den meisten Menschen das Leben zur Hölle macht, ändert sich nichts. Man baut nur an einer modernisierten Variante von Ausbeutung und Unterdrückung mit, die so wenig Diskriminierung wie möglich bietet. Alle Staatsbürger_innen sollen die gleichen „Chancen“ (und d. h. vor allem Pflicht) haben, sich gegenseitig kaputt zu konkurrieren. Sachwalter dieser jeglicher Vernunft spottenden Veranstaltung ist der Staat. Als Garant für die formelle „Freiheit” und „Gleichheit” seiner Bürger_innen sichert er die Rahmenbedingungen der kapitalistischen Gesellschaft und produziert somit materielle Ungleichheit und Unfreiheit. Die „Gleicheit” aller Warenbesitzer_innen ist die Voraussetzung für freien Warentausch; durch die „Freiheit” der staatlichen Rechtssubjekte wird der Verkauf der eigenen Arbeitskraft gewährleistet. Ausbeutung vollzieht sich nicht abseits von Recht, sondern innerhalb dieses Rahmens. Gesellschaftliche Herrschaft schlägt man nicht mit ihren eigenen Formen. Wer daher einen emanzipatorischen Anspruch erhebt, sollte nicht an den Staat appelieren und das Recht auf „freie” Bildung von ihm einfordern – sondern genau diesen kritisieren und in Frage stellen. Uns geht es nicht darum Verbesserungsvorschläge zu machen, sodern wir wollen den engen Korridor der Verbesserungsmöglichkeiten im Bestehenden bis auf seine Grundmauern niederreißen. Was das scheiß System verdient, ist nicht der Bildungsdialog, sondern ein unmissverständliches: Fuck you! autonome antifa [w] Demotreffpunkt: 11. März 2010 15:00 Uhr / Westbahnhof Fick die Uni – Block (erkennbar an Transpi und Lauti)[/b]
mit vielen der analysen hier bin ich einverstanden, bloß die gewichtung der argumente find ich nicht zutreffend.
aber erstmals sei hier richtiggestellt, dass die protestierenden studierenden bologna nicht "zu unrecht hassen", sondern differenziert kritisieren - siehe z. b. hier: http://unsereuni.at/?p=14538 mir ist sehr wohl klar, dass viele negative entwicklungen im österreichischen hochschulsystem hausgemachte politische verfehlungen sind. nichts desto trotz kann mensch den zeitlichen zusammenhang mit rapider vermarktwirtschaftlichung der hochschulbildung und dem fortschreiten des bolonga-prozesses nicht leugnen. der prozess hat die europäischen hochschulsysteme unter veränderungsdruck gesetzt - das ist jetzt grundsätzlich nicht weiter schlimm, auch vor bologna gabs genug probleme, die angegangen hätten werden müssen. bloß darf mensch sich nicht über die richtung der reformen wundern. die bologna-umsetzung in europa funktioniert nun mal nicht losgelöst von gesellschaftlichen machtverhältnissen. das universitätsgesetz 2002 wurde unter den schlagworten weniger staat, mehr privat, new public management statt mitbestimmung und internationale wettbewerbsfähigkeit erstellt - welche unis da am ende rauskommen, kann mensch sich vorher auch schon denken. bologna war der anlass für die reformen, aber dass die umsetzung NICHT in richtung demokratische und kritische hochschulen gehen wird, war in gewissem maße vorherzusehen. ein fiktives beispiel: mensch stelle sich vor, mitte der 1990er jahre hätten sich viele europäische gesundheitsministerInnen in wien zusammengetan, mit dem ziel, die krankenversicherung europaweit zu harmonisieren. der vienna process, der daraufhin in den einzelenen staaten eingeleitet wird, steht unter dem motto der harmonisierung, der verbesserung der arbeitnehmerInnenmobilität in europa und dem ziel einer allgemeinen krankenversicherung für alle bürgerInnen. ich würde wetten, dieser prozess hätte nicht für eine verbesserung der leistungen gesorgt. vermutlich wäre eine schlecht ausgestattete basisversicherung eingeführt und etliche privat zu finanzierende zusatzoptionen gefördert worden, die als fonds munter am finanzmarkt ihr unwesen treiben. die zwei-klassen-medizin wäre europäisch etabliert und ohne ausweg für die betroffenen. dürfte ich als schlecht krankenversicherte dann den vienna process hassen? ich glaub schon. wär es auch so gekommen, wenn es den vienna process nicht gegeben hätte? vielleicht. aber dann hätte sich die heimische politik zumindest nicht hinter übergeordneten vorgaben verstecken können. kann ich irgendetwas mit der tatsache anfangen, dass in der richtlinie von einer "guten krankenversicherung für alle bürgerInnen" die rede ist? nein, das kann ich mir in die haare schmieren. und so ähnlich ist es wohl auch mit bologna - der prozess war anlass für reformen, die sich natürlich im rahmen gesellschaftlicher kräfteverhältnisse entwickelt haben - und gerade im bildungsbereich werden diese mittlerweile zu einem großen teil auf europäischer ebene ausgehandelt. in dem sinn verschmelzen ursache der probleme (lissabon) und anlass der reformen (bologna) miteinander. eine fundierte kritik an der europäischen bildungspolitik, von der bologna umöglich trennbar ist, ist also mehr als nötig.
dass die studierenden z.B. nicht gegen die internationale mobilität und den gedanken eines europäischen hochschulraumes demonstrieren, ist an sich ja offensichtlich.
bologna hat die probleme zwar nicht im plan stehen gehabt, sie wurden aber auch nicht verhindert. die ursprünglich niedergeschriebene idee ist schön und gut, sie allein stellt aber dann auch noch nicht den ganzen prozess dar. und österreichs katastrophenumsetzung gilt immerhin auch noch als best practice-modell. schlussendlich haben die im bolognaprozess vorgedachten änderungen die probleme schon verursacht - eben weil sie nicht ausreichend vorgedacht wurden (oder sehr gut - wenn man bei gewissen dingen absicht unterstellt PS: meines wissens wurde vergangenen sommer in spanien von studierenden demonstriert. und auch in dänemark wurden im herbst besetzungen durchgezogen. so wie auch in frankreich und italien und anderen ländern.
das beispiel des fiktiven "vienna process" finde ich äußerst interessant und hat schon was. in meinen augen ist die frage aber auch, ob staaten etwas umsetzen, das im original-dokument tatsächlich drinnensteht oder ob sie unter diesem vorwand etwas anderes machen. ein anderes fiktives beispiel: die eu beschließt eine richtlinie für einen menschengerechteren umgang mit asylwerbern, in der drinnensteht, dass asylverfahren rasch und sauber stattfinden müssen. österreich nimmt das als grund, alle asylwerber zu inhaftieren - weil dann das verfahren noch rascher ginge, heißt es. ist die richtlinie dann der kern des bösen? ich kann die obige argumentation zum teil durchaus nachvollziehen und habe einige der probleme und einwände in meinem text auch angesprochen. aber ich glaube, dass gerade bei bologna zu viel vermengt wird
zu dem argument, dass besetzungen auch in anderen ländern stattgefunden haben: stimmt. aber das heißt nicht, dass alle studierenden überall wegen denselben problemen besetzten. der deutschsprachige raum zeichnet sich gerade dadurch aus, dass hier besonders viele fehler bei der bologna-umsetzung gemacht wurden
tut er das? soweit mir bekannt gilt österreich als musterbeispiel für die umsetzung in den augen der anderen mitglieder (was auch die these ein bisserl konterkariert, dass die probleme gar so ungewollt entstanden sind)
Dass Österreich international als Musterbeispiel gilt, ist ein Gerücht. Die Bologna-Zuständigen nennen nur ungern Best-Practice-Beispiele, die Methode des "blaming and shaming" wird bei der Überwachung des Bologna-Prozesses ebenfalls nicht angewendet. Wenn man trotzdem nachbohrt und versucht, gute Umsetzungsbeispiele zu finden, werden eher skandinavische oder nordische Staaten gelobt.
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Zehn Jahre Bologna-Reform: Eine unendliche Geschichte? ...
Tracked: Mar 12, 00:33