Reißt unsere Schulen ab!Wednesday, December 16. 2009
Tafel, Glocke, Klassenbuch: Über unserer Schule liegt der Mief der autoritären Vergangenheit. Dabei gibt es längst neue Ideen
Inspektion: Ingrid Brodnig und Sibylle Hamann Die Schule ist immer ein Produkt ihrer Zeit. In Österreich ist sie das Produkt einer längst vergangenen Zeit. Ihr Grundriss stammt aus der Monarchie, ihre Rituale haben sich seit der industriellen Revolution nicht wesentlich weiterentwickelt. Dabei ist unsere Gesellschaft längst eine andere.1774 führte Maria Theresia die „Allgemeine Schulordnung“ und mit ihr die Schulpflicht ein. Damals wurde der Unterricht stark vom Militär und dessen Disziplinvorstellungen geprägt. Gehorsam war das oberste Bildungsziel. Mit dem industriellen Zeitalter setzten sich, ausgehend von Großbritannien, neue Prioritäten durch: Die Schule sollte möglichst viele berechenbar funktionierende Arbeitskräfte mit normierten Fähigkeiten hervorbringen, perfekt für das Fließband. In der „globalisierten Wissensgesellschaft“, von der alle reden, sind diese Bildungsziele eigentlich obsolet. Eine postindustrielle Arbeitswelt braucht kein homogenes Arbeiterheer mehr. Eine Einwanderungsgesellschaft muss mit Vielfalt produktiv umgehen. Sie kann es sich nicht leisten, Kinder, die nicht gleich ins System passen, auszusortieren und auszuspucken. Innovationen kann sie nur hervorbringen, wenn sie Individualität, Selbstverantwortung und Überraschungen zulässt. Dafür braucht es andere Lehrinhalte, andere Unterrichtsmethoden, eine andere Lehrerausbildung und andere Schulgebäude. In den Volksschulen, den einzigen echten Gesamtschulen in Österreich, hat dieses Umdenken in den letzten Jahren bereits stattgefunden. In den Kindergärten ist einiges in Bewegung, ebenso in den neuen Mittelschulen. Ein Erwachsener, der eine typische AHS betritt, wird sich jedoch wundern, wie wenig sich dort seit der eigenen Schulzeit verändert hat. Schulglocke, Klassenbuch, Jahrgangsklassen, all das findet sich dort. Die Gymnasien, samt ihrer Lehrergewerkschaft, verteidigen sinnentleerte Rituale und Gewohnheiten, als regiere immer noch der Kaiser in der Hofburg. Wer sich bewusst wird, wie viel Vergangenheit in der Gegenwart der Schule steckt, versteht: Es ginge auch ganz anders. Eine Übersicht. Einst war das Schulgebäude das Wohnhaus des Lehrers und seiner Frau. Heute ist es das Haus, in dem der Unterricht stattfindet, und anschließend fahren alle heim. Doch das muss nicht so sein. Schule kann auch hinausgehen: in Bibliotheken, Betriebe, auf Ämter und in die Natur; nicht nur gelegentlich bei Exkursionen, sondern systematisch. Die Walz zum Beispiel, ein privates Wiener Oberstufengymnasium, macht Biologie auf dem Bauernhof und fährt zum Sprachenlernen ins Ausland. Heutige Schulgebäude schotten sich nach außen ab; oft sind sie sogar Fremdkörper in ihrer Umgebung. Besonders problematisch ist das bei den großen Schulgebäuden der 70er-Jahre. Sie wurden für mehrere tausend Schüler und Schülerinnen konzipiert, an der Peripherie gebaut, nur dort gab es für sie Platz. Heute ereilt diese Großschulen ein ähnliches Schicksal wie Einkaufszentren: Sie sind nicht mit der Stadt verwachsen und vom öffentlichen Verkehr abgeschnitten. Die Zukunft liegt in kleineren, überschaubaren Einheiten, die auf ihre Umgebung reagieren und sie mit öffentlichen Angeboten für Nichtschüler bereichern. „Breite Schule“ heißt etwa ein Modell in den Niederlanden, das Schulen räumlich mit Bibliotheken, öffentlicher Verwaltung oder mit Wohnungen kombiniert. Die Wiener Standardschulklasse misst heute – wie zur Kaiserzeit – 63 Quadratmeter. „Man rechnete einen Quadratmeter pro Kopf, anderthalb Quadratmeter für den Lehrer und weitere anderthalb für den Ofen“, erklärt Christian Kühn, Architekt an der TU Wien. Heute sitzen zwar statt 60 nur noch 25 Kinder drin, viele Möglichkeiten bietet sie jedoch nicht. In Dänemark gibt es Schulen, die ganz ohne Klassenräume auskommen. Jeweils drei bis vier Klassen teilen sich dort eine „Lernzone“, diese besteht aus verschieden aufgestellten Tischen, PC-Arbeitsplätzen, Sitzecken und Rückzugsräumen, jeweils einer offenen Küche und einem Lehrerarbeitsraum. Als „Homebase“ der jeweiligen Klassen dienen sechseckige Bereiche, die mit Paravents von der Lernzone abgeschirmt werden. Hier drin können sich bis zu 20 Kinder plus Lehrende für kurze, intensive Phasen des Zuhörens versammeln. Das zentrale Nervensystem des österreichischen Schulgebäudes ist absurderweise der Gang, an dem entlang die Klassenzimmer aufgereiht sind, ähnlich wie in einer Kaserne. Das ist eine enorme Platzverschwendung: 30 bis 40 Prozent der Gesamtfläche sind dadurch als Verkehrsflächen blockiert und können nicht produktiv genützt werden. Denn ein Gang (samt „Gangaufsicht“) eignet sich beinahe ausschließlich dafür, sich zu langweilen oder Lärm zu machen. Eine Schule, die sich von Gängen verabschiedet, kommt mit fünf Prozent Verkehrsflächen aus. Der gewonnene Platz stünde für Bewegungs-, Spiel-, Lese-, Rückzugs- oder Essräume zur Verfügung. Das Problem: Viele Schulgebäude in Österreich stammen aus dem 19. Jahrhundert und lassen sich nur schwer radikal umbauen. Mit jeder der vielen Schulrenovierungen, die derzeit stattfinden, wird das „Gang“-Prinzip auf Jahre hinaus einbetoniert. In der ersten Klasse sitzen die Sechsjährigen, in der zweiten die Siebenjährigen: Das scheint uns selbstverständlich. Aber es war nicht immer so. Erst das Reichsvolksschulgesetz von 1869 teilte die Kinder nach Alter auf. „Das hat man dem Militär nachempfunden“, sagt Bildungsexperte Bernd Schilcher; die schulpflichtigen Kinder treten, ebenso wie die wehrpflichtigen Rekruten, ihren Dienst im Herbst an. Vor 1869 hingegen ging man davon aus, dass nicht alle denselben Reifegrad hätten. Deswegen saßen Kinder unterschiedlichen Alters in einem Raum und lernten, je nach Fach, in verschiedenen Gruppen miteinander. Zu dieser Idee finden moderne Mehrstufenklassen heute zurück: Jedes Kind lernt hier in seinem eigenen Tempo, einzeln oder in Kleingruppen. Begabungen können individueller gefördert werden. In einigen Wiener Volksschulen wird dieses Modell heute mit großem Erfolg praktiziert. Zentraler Baustein unseres Schulwesens ist die 50-Minuten-Stunde: Auf ihr bauen alle Stundenpläne auf, in ihrem Takt wechseln die Lehrer die Klassen. Warum eigentlich? Auch dies kommt vom Militär, bei dem jeweils eine Stunde lang exerziert wurde, zehn Minuten davon wurden fürs Austreten und Pfeiferauchen abgezogen. Pädagogisch mache das keinen Sinn, meint Bildungsforscherin Christa Koenne, speziell in naturwissenschaftlichen Fächern: „50 Minuten sind nicht der Rhythmus, in dem man neugierig wird. Man muss in ein Thema versinken können, damit Interesse entsteht.“ Sie schlägt längere Lernphasen vor: ein Drittel des Schuljahrs etwa für Naturwissenschaften, das zweite Drittel für Kultur, das dritte zum Wiederholen des Gelernten. Nur was regelmäßiges Üben erfordert (Rechnen, Turnen), solle wöchentlich stattfinden. Der 50-Minuten-Takt braucht ein akustisches Signal. „Die Schulglocke kommt von der Trillerpfeife“, sagt Bernd Schilcher. In den meisten Volksschulen läutet die Glocke heute gar nicht mehr oder nur, um große Pausen anzuzeigen. Solange dieselbe Lehrerin in der Klasse steht, kann sie auf Stimmungen und Konzentrationsphasen flexibel reagieren und den Stundenplan völlig ignorieren. An den AHS hingegen, wo alle 50 Minuten die Lehrperson wechselt, müsste man ohne Schulglocke das ganze System umstellen. Als Maria Theresia die Schulpflicht einführte, waren die Schulen plötzlich voll. 120 Kinder steckte man in eine Klasse. Ungefähr gleich groß ist eine Kompanie. Wie auf dem Kasernenhof reduzierte sich der Unterricht dann aufs Fehlersuchen. Wer einen Tintenklecks, einen Rechenfehler, einen falschen Ton machte, den wies der Lehrer zurecht. Der Stoff wurde in Tabellenform niedergeschrieben, in kleine Portionen aufgeteilt. Die wurden solange widergekäut, bis die meisten Schüler sie beherrschten. Der österreichische Unterricht ist von diesem Denken noch immer geprägt. Dem „Sachwissen“ wird viel Bedeutung beigemessen, während Länder wie Finnland mehr darauf achten, Kompetenzen zu vermitteln; die Fähigkeit, sich Sachwissen selbstständig anzueignen. Das Wort „Taferlklassler“ erinnert an die kleine Schiefertafel, die jedes Volksschulkind einst zum Schreiben mit dem Griffel verwendete. Die große Tafel, die an der Stirnseite des Normklassenzimmers steht, wurde um 1800 in Schottland erfunden und ist heute an der Wand festgeschraubt. Damit nagelt sie die Kinder an ihren Plätzen fest und bestimmt ihre Blickrichtung für den Frontalunterricht. Modellschulen in den 60er-Jahren versuchten, diese Starrheit mit mobilen Tafeln aufzubrechen, die auf Rollen im Raum umhergeschoben werden konnten. „Dann fiel eine Rolltafel einem Kind auf den Kopf, und es war mit der Tafelmobilität vorbei“, sagt Kühn. Heute kommt statt Kreide und Tafel oft ein Beamer oder Smartboard zum Einsatz. Am Prinzip des Frontalunterrichts ändert das nichts. Im 17. Jahrhundert hatten Schulkinder noch keine fixen Plätze. Im Raum standen Tische, in der Mitte an einem Pult saß der Lehrer. Lange waren Einzelbänke üblich, die man verrücken konnte. Die normierten Zweierschulbänke sind ein typisches Produkt des 19. Jahrhunderts. Ihre wichtigste Eigenschaft war, dass sie das Bodenwischen erleichterten. Orthopäden haben seither viel Energie in die Optimierung von Schulbänken gesteckt. Die Kinder sollten sechs Stunden lang sitzen können, ohne Fehlhaltungen davonzutragen. „Wir müssen das Sitzen den Arbeitsmedizinern entziehen“, fordert allerdings Christian Kühn. Denn Haltungsschäden vermeidet man am besten, indem man das stundenlange Sitzen ganz abschafft – und stattdessen am Boden, im Liegen, im Stehen, in Bewegung oder sonst wie lernt. 145 Jahre lang war in Österreich die Ganztagsschule normal. 1919 tauschte sie der rote Bildungsreformer Otto Glöckel durch die Halbtagsschule aus. Das war ein Kompromiss zwischen der bürgerlichen und der linken Reichshälfte: Das Bürgertum wollte, dass der Nachwuchs nachmittags für standesgemäße Exerzitien wie Musik oder Sport frei war. Die Halbtagsschule hat viel mit dem Familienideal zu tun. Kinder mittags nachhause zu schicken macht dann Sinn, wenn dort eine Hausfrau mit dem Essen auf sie wartet und mit ihnen Aufgaben macht. Je gebildeter und wohlhabender diese Hausfrau ist, desto größer ist der Bildungsvorsprung, den Kinder erwerben können. So verstärkt die Halbtagsschule die sozialen Unterschiede und hält gleichzeitig Mütter vom Arbeitsmarkt fern. Eine moderne Gesellschaft könne sich diesen Anachronismus eigentlich nicht leisten, meint Bernd Schilcher. Die 140 Millionen Euro, die jedes Jahr für Nachhilfe ausgegeben werden, beweisen, dass das System nicht funktioniert. In fast allen OECD-Staaten ist längst die Ganztagsschule, samt Essen, Sport, Musik und Förderkursen, normal. Dafür jedoch braucht man andere Schulgebäude. Die Aufteilung des Schuljahrs folgt vielen Interessen – jenen der Schüler und Schülerinnen allerdings am allerwenigsten. Die Weihnachts- und Osterferien verdanken wir der Kirche, die Semesterferien der Skiindustrie und die Sommerferien der Landwirtschaft. Zur Kaiserzeit begann der Unterricht nach der Ernte, Anfang November, und endete zu Michaelis am 29. September. Dazwischen halfen die Kinder den Eltern bei der Feldarbeit. Zusätzlich sperrten die Schulen im Sommer zu, wenn es zu heiß wurde. Heute sind wir nicht mehr so abhängig vom Wetter, doch die langen Ferien sind geblieben. Berufstätige Eltern stellt das vor gewaltige organisatorische Probleme, während in den leeren Schulgebäuden Sportanlagen, Chemielabors und alle anderen Ressourcen ungenutzt bleiben. Joseph II. führte das „Buch der Schande“ ein, das wir heute als Klassenbuch kennen. Es diente nicht nur zur Disziplinierung schlimmer Kinder, sondern auch zur Verhöhnung schlechterer Schüler, deren Fehler eingetragen wurden. In seiner äußeren Form hat sich das Klassenbuch in 200 Jahren praktisch nicht verändert. Vorne wird die Anwesenheit samt Entschuldigungen protokolliert, hinten der Lehrstoff. „Es ist ein altmodisches Instrument, das der Kontrolle dient. Auf große Teile davon kann man verzichten“, urteilt AHS-Direktorin Heidi Schrodt. In ihrer Schule, der Rahlgasse, gibt es ab der sechsten Klasse, nach dem Ende der Schulpflicht, kein Klassenbuch mehr: Die Schüler und Schülerinnen können über ihre Absenzen selbst verfügen. Wer in einem Fach mehr als 20 Prozent fehlt, muss eine Feststellungsprüfung machen. Die Absenzen sind seither deutlich zurückgegangen. Das Lehrerzimmer ist für Schüler ein geheimer Ort, den sie kaum je betreten. „Es ist Ausdruck dessen, woran das ganze System krankt“, sagt Direktorin Schrodt, „es ist ein Rückzugsraum, wo man sich vor den Schülern schützen kann.“ Zum Arbeiten taugt das Lehrerzimmer kaum. 1,40 Meter lang ist die Arbeitsfläche, die sich zwei Lehrende teilen müssen; unter Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) wurde auch noch die dazugehörige Lade eingespart. Mehr Fläche ist auch bei Neubauten nicht vorgesehen. Ein „richtiger“ Lehrerarbeitsplatz müss te technisch besser ausgestattet sein, er müsste Raum für Besprechungen und für Rückzug bieten. Gekämpft hat die AHS-Lehrergewerkschaft jedoch nie wirklich dafür, weil die wenigsten Lehrer ihren Tag in der Schule verbringen wollen. Traditionell verstehen sie das Klassenzimmer und die eigene Wohnung als ihren Arbeitsplatz, im Lehrerzimmer wollen sie nur Hefte ablegen. Dass neben dem Bild des Bundespräsidenten ein Kreuz hängt, liegt an einem Vertrag zwischen Österreich und dem Vatikan, „Schul-Konkordat“ genannt. 1962 vereinbarten die beiden Staaten, dass „in jeder Schulklasse, in der die Mehrzahl der Schüler ein christliches Religionsbekenntnis hat“, ein Kreuz zu hängen hat. Der Vertrag steht im Verfassungsrang und kann ohne Zustimmung des Heiligen Stuhls nicht geändert werden. Da längst nicht mehr alle Klassen christliche Mehrheiten haben, könnten viele Kreuze heute eigentlich abgehängt werden. Zumal das Konkordat anderen Verfassungsprinzipien widerspricht – etwa der Trennung von Staat und Kirche. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte urteilte jüngst, die Kreuze in italienischen Schulen verstoßen gegen das Gebot der Religionsfreiheit, der Staat müsse auch „die Freiheit jener schützen, die sich zu keiner Religion bekennen wollen“. Lange gehörten „Leibesübungen“ nicht in die Schule; nur Ritter wurden in Fechten und Tanzen ausgebildet. Die Turngeräte, die heute in jedem Turnsaal stehen, Kasten, Reck, Ringe oder Schwebebalken, gibt es seit 1811. Erfunden hat sie der Berliner Hilfslehrer Friedrich Ludwig Jahn, später als „Turnvater“ bekannt. Er sah in der körperlichen Ertüchtigung die Vorstufe der militärischen Ausbildung und wollte die Preußen damit für den Befreiungskrieg gegen die Franzosen stärken. 1813 nahm Jahn mit seinen Turnern an der Völkerschlacht bei Leipzig teil, man trug (mit Österreich an der Seite) den Sieg davon. Der gefürchtete Medizinball, der ebenfalls zur Standardausstattung des Turnsaals gehört, stammt aus den USA. Er dient, wie eine Hantel, zum Muskelaufbau und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von der Turner- und FKK-Bewegung nach Deutschland importiert. In einer modernen Schule könnte er zwischendurch die Schulbank ersetzen. Zum Thema „Fliegende Klassenzimmer. Eine interaktive Ausstellung über Orte zum Wachsen für alle von 6 bis 99 Jahren“. Diese Ausstellung beflügelt die Schulfantasie und ist bis 21. Februar 2010 im Kunsthaus Mürz in Mürzzuschlag zu sehen. Idee, Konzept und Gestaltung: Christian Kühn, Renate Stufer, Antje Lehn. Öffnungszeiten: Do–Sa 10–18, So 10–16 Uhr Dieser Artikel ist im Falter 51/09 erschienen und wurde von Sibylle Hamann und mir verfasst. Illustrationen: Frauke Lehn Dem Führer folgen? 6000 Menschen tun das auf TwitterFriday, December 11. 2009 Adolf Hitler ist mittlerweile auch auf Twitter. Zumindest gibt es dort einen User namens Der_Fuehrer, der Satire in Nazibrülldeutsch verfasst. „Eva schömpft, ich solle gefälligst aufrrräumen. Mein Arrrbeitszimmer sähe aus, als wäre eine Bombe hochgegangen“, schreibt Der_Fuehrer zum Beispiel. Ich gebe zu, ich habe bei diesem Satz gelacht. Aber darf man sich über Hitler amüsieren? Eine schwierige Frage, speziell für Österreicher und Deutsche. Führerwitze schwanken zwischen Satire und Geschmacklosigkeit, und nicht jeder ist ein Charlie Chaplin, der diesen Balanceakt stilsicher meisterte. Auch Der_Fuehrer auf Twitter schafft das nicht immer. Manchmal sind seine Schmähs eher mau oder sorgen für besorgtes Stirnrunzeln. Trotzdem folgen ihm bereits mehr als 6000 Menschen, lauschen jedem Wort des Zwitscherdiktators, verbreiten treu seine Botschaft. Da mache ich nicht mit. Ich habe nämlich aus der Geschichte gelernt: Im Zweifelsfall lieber nicht dem Führer folgen.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 50/09 veröffentlicht. Foto: Der große Diktator. Im Rahmen der Recherche habe ich übrigens auch einige Twitter-User um ihre Meinung zum zwitschernden Führer gefragt. Vielen Dank für die vielen Rückmeldungen! Wii echter SportThursday, December 10. 2009 Sie versprechen Bewegung, Ausdauertraining und Spaß im eigenen Wohnzimmer. Fitnessspiele boomen derzeit am Videospielmarkt. Was steckt hinter dem Hype?Ronny Kokert steht vor dem Fernseher und flattert mit den Armen. Konzentriert schaut er auf den Bildschirm. Dort ist ein fliegendes Huhn zu sehen. Das Tier flattert mit den Flügeln, genauso wie der großgewachsene Mann seine Arme schwingt. Dann landet es auf einer Plattform. Kokert bekommt 20 Punkte. „Super!“, sagt er. Er hat soeben mit seiner Körperbewegung das virtuelle Geflügel gesteuert und zur sicheren Landung gebracht. Nebenbei hat er ein paar Kalorien dabei verbrannt. Nicht, dass Kokert das nötig hätte. Der Open-Taekwondo-Weltmeister und Erfinder des Shinergy-Trainingskonzepts verbringt auch seine ganze Zeit mit Sport und Fitness. Er beobachtet aber, wie sich ein Hype rund um Videospiele entwickelt hat, die Betätigung, Krafttraining und Kalorienverzehr in den eigenen vier Wänden versprechen. Es sind längst nicht nur Kids, die ihre Eltern in der Weihnachtszeit in die Computerspielabteilung zerren, oder schießfreudige Nerds, die sich den nächsten Ego-Shooter unter dem Christbaum wünschen. Die Videospielbranche hat eine neue Zielgruppe entdeckt: Erwachsene, die sich zu dick oder zu unsportlich fühlen, aber nicht den Weg ins Fitnessstudio oder die Sporthalle finden. Der Boom begann mit „Wii Fit“. Im Vorjahr kam der Titel heraus und wurde zum Kassenschlager. Mehr als 22,5 Millionen Mal verkaufte der Hersteller Nintendo das Spiel bereits, mehr als 50.000 Mal davon in Österreich – für den heimischen Markt ist das äußerst viel. Nun haben die Japaner den Nachfolger des Spiels „Wii Fit Plus“ herausgebracht. Die Konkurrenz will mindestens genauso fit sein und veröffentlicht ein Bewegungsspiel nach dem anderen, sie heißen etwa „EA Sports Active“, „Mein Fitness Coach“ oder „Jillian Michaels Fitness Ultimatum“ und werden allesamt für die Nintendo Wii programmiert. Das ist eine Spielkonsole mit Sensor und Fernsteuerung, die die Bewegungen des Spielers messen kann. Auf diese Weise soll auch kontrolliert werden, ob die Wohnzimmersportler vor dem Fernseher brav mitturnen. Aber kann die Spielkonsole tatsächlich die Bewegung im Freien oder das Fitnesstudio ersetzen? Ronny Kokert leitet selbst ein Trainingszentrum im 8. Bezirk, hat Sportwissenschaften studiert und lehrt dieses Fach auch an der Uni Wien. Er testete für den Falter die Spiele „Wii Fit Plus“ und „EA Sports Active Personal Trainer“. Dass Menschen lieber vor dem Fernseher herumhüpfen, als im Freien joggen zu gehen, ist nichts Neues. Schon in den 70er-Jahren turnte Jane Fonda für Fitnessvideokassetten vor der Kamera, heute tun das computeranimierte Trainer. Am Bildschirm zeigen sie, wie eine Übung gemacht wird, dann ist der User dran. Ronny Kokert stellt sich vor den Fernseher. Vor ihm steht ein weißes Brett. Das sogenannte „Balance Board“ wird mit „Wii Fit Plus“ mitgeliefert und misst Gewicht und Schwerpunkt des Spielers. Das Brett weiß permanent, ob Kokert gerade mit einem Fuß oder zweien daraufsteht und wie er sein Gewicht dabei verteilt. Klingt vielversprechend. Der Sportwissenschaftler startet das bunte Spielmenü und kann nun zwischen Yoga, Krafttraining, Balancespielen und Aerobic wählen. Er probiert Haltungsübungen und Balancespiele aus. Doch schon bald zeigt sich eine Schwachstelle: Das Gerät misst nur einen Teil der Bewegungen, sein Sensor hat blinde Flecken. Das kann dazu führen, dass Menschen falsch oder gar ungesund trainieren. Kokert führt das anhand einer Aufgabe vor. Er legt sich auf den Boden, stellt die Füße aufs Balance Board, so wie der Bildschirm das anordnet. Bei der Übung „Klappmesser“ muss er seinen Oberkörper und Beine hochklappen. Diese Übung beinhaltet aber eine Gefahr: Wer den Schwung aus dem Hohlkreuz holt, belastet die Hüftmuskulatur. Das kann zu Rückenschmerzen führen. „Wenn man diese Übung falsch macht, ist das schlechter, als wenn man sie gar nicht macht“, sagt Kokert. Das Gerät erkennt keinen Unterschied zwischen der gesunden und ungesunden Variante – es lobt den Spieler auch dann, wenn er sich selbst nichts Gutes tut. Ähnliche Probleme zeigen sich beim zweiten getesteten Spiel: „EA Sports Active Personal Trainer“ ist ernster und körperlich anstrengender als „Wii Fit Plus“. Es misst die Bewegung der Spieler vor allem mittels Fernsteuerung, aber auch hier werden manche Bewegungen nicht richtig erkannt. Eine falsche Handhaltung kann dazu führen, dass eine absolvierte Übung gar nicht gezählt wird. Das sind eindeutige technische Schwächen. Die Videospiele können doch noch nicht den menschlichen Fitnesstrainer und seine Aufsicht ersetzen. Selbst wenn sie Namen wie „Fitness Coach“ oder „Personal Trainer“ tragen. Die Games haben eine andere Stärke: Sie sind noch immer Spiele und als solche artverwandt mit Super Mario und Co. Bei „Wii Fit Plus“ gibt es einige Minigames, zum Beispiel jenes mit dem fliegenden Huhn. Es schaut schon sehr wunderlich aus, wenn Ronny Kokert als erwachsener Mann vor dem Fernseher steht und mit den Armen wachelt. Das Spiel macht aber Spaß, plötzlich vergisst man die Kalorien, der spielerische Ehrgeiz setzt ein, so wie bei Super Mario. Kniebeugen, Jogging, Yoga, all das probiert Kokert auf der Wii aus. Am Ende gefällt ihm das Game mit dem Huhn am meisten. „Fitness und Training ist immer so ernst. Hier zeigt sich wieder ein spielerischer Zugang“, sagt er. Dieser Gegensatz zum strengen Fitnessdenken, bei dem man wie ein Roboter 100 Mal ein Gewicht stemmt, sagt dem Sportwissenschaftler zu. In seiner Profession sollte es darum gehen, Menschen wieder Freude an Bewegung zu geben. Vielleicht können Videospiele ein bisschen helfen. Das zeigt auch die Erfahrung des Rehabzentrums in Judendorf-Straßengel. Therapeuten setzen dort gezielt Spiele wie „Wii Fit“ ein. Etwa für Kinder, die halbseitig gelähmt sind und trainieren müssen. Für sie sind die strikten Übungen oft langweilig. Viel spannender ist es hingegen, den Nintendo einzuschalten und zu spielen. Selbst, wenn es sich dabei um Arbeit handelt. ![]() ![]() ![]() Die getesten Games - Wii Fit Plus: für die ganze Familie - EA Sports Active: für Verbissene Dieser Bericht ist im Falter 50/09 erschienen. Fotos: Heribert Corn / Nintendo / Electronic Arts Besser als der Jungbauernkalender: Nackte GeeksSunday, December 6. 2009 Mir ist es ein Rätsel, warum sich Menschen Erotikkalender kaufen. Wo – außer in Autowerkstätten und Heereskasernen – hängt man so etwas auf? Wird das nicht fad, einen Monat lang auf dieselbe Partie Busen oder Bauchmuskeln zu starren? Würde ich mir aber einen Nacktkalender zulegen, dann den London Nude Tech Calendar. Darin lassen britische Geekgirls und -boys die Hüllen fallen. Eine Spitzenidee! Denn was fällt einem ein, wenn man an nackte Nerds denkt? Dicke Typen mit ungepflegter Haut und gamprigem Blick hinter der Brille. Dass das nur ein böses Klischee ist, zeigt der Londoner Kalender. Da posiert zum Beispiel ein hübscher Web-Entrepreneur auf weißem Sofa – mit formvollendetem MacBook Pro im Schritt! Das Ganze ist außerdem für einen guten Zweck: für blinde und behinderte Studenten in Indien. Aber was machen sie hier in Österreich? Sie fotografieren lieber züchtige Jungbauern und -bäuerinnen für Kalender. Als ob es nichts Geileres gäbe, als an den Eutern einer Kuh herumzufummeln.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 49/09 veröffentlicht. Foto: London Nude Tech Calendar
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Herr Zumtobel, schütten sich so viele Fahrgäste im Zug voll?Wednesday, December 2. 2009 ', WIDTH, 1, HEIGHT, 1);" onmouseout="return nd();" >![]() Sie testen nun ein Alkoholverbot. Schütten sich wirklich so viele Menschen im Zug zu? Wir haben zuletzt viele Beschwerden bekommen, dass Fahrgäste mit ganzen Bierkisten, mit Alkopops in Nahverkehrszüge einsteigen und diese Getränke dort konsumieren. Dann kommt es auch zu Pöbeleien. Die leeren Flaschen bleiben zurück, Alkohol wird ausgeschüttet, der fahrende Zug riecht wie eine Whiskyflasche. Wer führt sich denn so arg auf? Einerseits Jugendliche, aber nicht nur. Rund um Großveranstaltungen, Fußballspiele, Discobesuche am Wochenende erleben wir das. Dieses Verhalten betrifft nur einige wenige, wir wollen mit dieser Maßnahme aber erreichen, dass es für die restlichen 99 Prozent der Kunden besser wird. Haben Sie Angst, mit diesem Alkoholverbot Gäste zu verärgern? Wir haben das im Vorfeld abgetestet, viele Kunden sprachen sich dafür aus. Natürlich wird es den einen oder anderen geben, der das als Bevormundung empfindet. Und wenn jemand im Zug trotzdem ein Bier trinkt? Dann werden wir ihn darauf hinweisen, dass es in Vorarlberg dieses Alkoholverbot gibt. Ich denke, der Großteil wird einsichtig sein. Wenn sich jemand weiterhin danebenbenimmt, Lärm macht, pöbelt, können wir ihn von der Fahrt ausschließen. Das ist aber nicht unser Hauptziel. Uns geht es um Information und Prävention, weniger um Strafen. Das Alkoholverbot könnte auf ganz Österreich ausgeweitet werden. Wovon hängt das ab? Von den Erfahrungen der Kunden und Mitarbeiter. Wir wollen wissen: Wie geht es ihnen dabei? Ist das überhaupt umsetzbar? Das werden wir die nächsten Monate hinweg testen. "Am Apparat" ist die Telefonkolumne des Falter. Dieses Interview ist in Ausgabe 49/09 erschienen. Die obigen Fotos zeigen ÖBB-Pressesprecher Rene Zumtobel und ein Alkohol-Verbot-Hinweis aus den Londoner Öffis. Dort ist Alkoholkonsum ebenfalls nicht erlaubt. Credit: ÖBB / Flickr-Userin Annie Mole Jetzt ist es bewiesen: Zigaretten sind ein TeufelswerkWednesday, December 2. 2009Diese Glosse erschien im Falter 49/09. Der obige Screenshot zeigt die Frau, kurz bevor sie im Automaten steckenblieb. Screenshot und Video: ORF.at Was Google über unsere Gesellschaft verrätTuesday, December 1. 2009![]() Irgendwann werden wir telepathisch mit Google kommunizieren. Bis es so weit ist, versucht das Internetunternehmen unsere Gedanken zumindest zu erraten. Seit dem Frühjahr bietet es die Funktion Google Suggest an. Tippt man in der Suchmaske ein Wort ein, schlägt die Seite ähnlich lautende Sätze vor, nach denen viele Internetuser googeln. Wer etwa „ich will“ eingibt, dem wird „ich will ein Baby“, „ich will abnehmen“, „ich will sterben“ angeboten. Ohne dass Google das beabsichtigt hätte, hält es unserer Gesellschaft somit den Spiegel vor. Denn das Service zeigt, wonach sich viele Menschen heimlich im Netz erkundigen. Bei den Worten „darf ich mit“ empfiehlt die Suchmaschine zum Beispiel „darf ich mit meiner Schwester schlafen“. Überhaupt merkt man, dass Sex und Tabuthemen der Renner sind. „Wie kann ich mich selbst befriedigen“ und „wie küsst man richtig“ sind zwei total populäre Sucheingaben. Eines wundert mich angesichts dieser Fragen schon: Benutzen nur Pubertierende Google? Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 48/09 veröffentlicht. Screenshot: www.google.at
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