Mit der Nase fast am SchneeFriday, February 26. 2010
Gold für die heimischen Snowboarder? In Vancouver könnte es jetzt klappen
![]() "Die Anspannung steigt von Tag zu Tag“, sagt Benjamin Karl. Derzeit trainiert der 24-Jährige im kanadischen Winterresort Sun Peaks, sechs Autostunden von Vancouver entfernt. Kommenden Samstag wird er das wichtigste Rennen seiner bisherigen Karriere fahren: Den Parallel-Riesentorlauf bei den Olympischen Spielen. Der Niederösterreicher ist einer der Favoriten, er kommt als Weltcupführender und als Weltmeister im Parallelslalom auf den Whistler Mountain. „Mein Ziel ist auf jeden Fall eine Medaille“, sagt Karl, „am liebsten die goldene.“ Wer in Vancouver teilnimmt, muss so etwas sagen. Trotzdem: Eine Goldmedaille ist überfällig. Das österreichische Team dominiert die alpinen Snowboard-Wettbewerbe. Neben Karl stehen erfolgreiche Routiniers wie Andreas Prommegger, Doris Günther oder Sigi Grabner auf dem Brett, Letzterer gewann vor vier Jahren in Turin die olympische Bronze. Der erste Stockerlplatz wäre nicht nur eine große Errungenschaft für den einzelnen Athleten: Eine solche Auszeichnung würde auch der gesamten Disziplin helfen. Raceboarder sind zu Exoten geworden. Nur noch selten sieht man auf den Pisten ihre stark taillierten Boards, nur noch wenige Boarder tragen Hardboots statt Softboots. Ihre Disziplin droht zu einem Randsport wie Skispringen zu werden: Da gibt es zwar tolle Athleten, die wenigsten Hobbysportler hüpfen aber jemals eine Skisprungschanze hinunter. Seit 14 Jahren steht Benjamin Karl auf seinem Brett. „Es kostet sehr viel Übung, diesen Sport zu können“, sagt er. Den Raceboardern geht es nicht darum, große Sprünge oder ausgefallene Stunts zu machen. Hier kommt es auf Geschwindigkeit und aufs perfekte Kantenfahren an. ![]() Benjamin Karl Für die Zuseher ist der Parallel-Riesentorlauf auch deshalb spannend, weil es ein Wettkampf Mann gegen Mann – oder eben Frau gegen Frau – ist. Auf der einen Seite stehen rote, auf der anderen blaue Stangen. Zeitgleich starten zwei Athleten. Wer zuerst unten ankommt, hat gewonnen. So die vereinfachte Erklärung. Es ist ein unberechtigtes Klischee, dass Snowboarder immer nur im Schnee hocken und die Spaßtruppe bei Olympia sind. Seit 2002 ist der Parallel-Riesentorlauf eine olympische Disziplin, die Snowboarder selbst sind Profisportler, die über das ganze Jahr hinweg trainieren: Im Winter am Hang, im Sommer in der Kraftkammer. Im Vergleich zum Skikader sind der Betreuerstab und die Ressourcen für Boarder aber klein. Für acht Olympiateilnehmer gibt es vier Betreuer: zwei Trainer, einen Physiotherapeuten und einen Servicemann. Karl kann von seinem Sport sehr gut leben. Wäre er allerdings als Skifahrer so erfolgreich, würde sein Gesicht Tiefkühlkost anpreisen und Titelseiten von Massenblättern schmücken. Als Snowboarder ist es schwierig, über die Runden zu kommen oder Sponsoren zu finden. Besonders für den Nachwuchs ist das ein Problem. „3500 bis 5000 Euro kostet das Material pro Jahr. Die breite Masse muss sich das selbst kaufen“, sagt Tom Weninger, Snowboardtrainer im Europacup, bei dem viele Jungtalente starten. Nun ist Vancouver eine Chance. „Eine Medaille wäre wichtig für die Positionierung innerhalb des ÖSV“, sagt auch Snowboard-Chefkoordinator Christian Galler. Abseits des Skizirkus werden andere Disziplinen in der Regel kaum wahrgenommen. Die geringe Wertschätzung zeigt sich bereits darin, dass der ÖSV noch immer die Abkürzung für „Österreichischer Skiverband“ ist. Von Snowboard keine Rede. Athleten wie Benjamin Karl geht es auch darum, wieder Begeisterung für ihren Sport zu wecken. „Ein einzelner Mann ist dafür aber viel zu wenig. Wenn eine Mannschaft insgesamt stark ist, bekommt sie Aufmerksamkeit“, meint er. Am liebsten hätte der Rennläufer nicht nur eine einzige Medaille für sich selbst, sondern drei für das ganze Team. Das würde sicherlich für einigen Rummel sorgen, nicht nur in Vancouver. Fernsehübertragung Der Parallel-Riesentorlauf der Damen beginnt am Freitag, 26. Februar, um 19 Uhr. Jener der Herren läuft tags darauf zur selben Zeit. Der ORF überträgt das Finale Diese Sport-Geschichte ist im Falter 08/10 erschienen. Fotos: www.GEPA-pictures.com Ich schnüffle auch durch fremde DatenFriday, February 19. 2010 Ich muss zugeben, dass ich eine Facebook-Stalkerin bin. Auf dem Freundschaftsportal habe ich schon hunderte private Fotos von fremden und halbfremden Menschen durchgeschaut. Zum Beispiel weiß ich jetzt, dass eine ehemalige Studienkollegin Capoeira-Unterricht nimmt und einen äußerst knackigen Trainer hat. Auch habe ich sämtliche Fotos vom Junggesellinnenabend einer Bekannten durchgeklickt. Der halbnackte Stripper und der Gesichtsausdruck der Braut sind mir dabei nicht entgangen. Keine Ahnung, warum erwachsene Menschen solche Bilder hochladen und allen zugänglich machen. Vielleicht kennen sie sich nicht aus oder denken: „Das werden eh nur Freunde anklicken.“ Falsch gedacht! Ich schnüffle auch durch Alben, die mich absolut nichts angehen. Deswegen folgender Tipp an alle Fotojunkies: Nehmt euch doch fünf Minuten Zeit und überarbeitet eure Privatsphäre-Einstellungen. Auch ich schütze meine Bilder vor fremden Blicken. Ich will doch nicht gestalkt werden.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Das Foto zeigt eine Postkarte aus meinem Büro Der Aufstand der ElternWednesday, February 17. 2010
Drei von vier Wienern fordern eine Ganztagsschule. Konservative Bildungspolitiker kommen in Bedrängnis
![]() 78 Prozent sagten also Ja. Sie stimmten für die Einführung einer flächendeckenden Ganztagsschule, so das Zwischenergebnis vom Dienstag. Über die Bedeutung der Volksbefragung wird derzeit heftig gestritten, bisher sind 276.834 Stimmen gezählt, nach dem derzeitigen Stand hat rund ein Viertel der Wahlberechtigten mitgestimmt. Eines ist aber offensichtlich: Es gibt den großen gesellschaftlichen Wunsch, dass die Schule auch am Nachmittag für ihre Kinder da ist. Erziehung, Förderung, Herzensbildung. Das sind zunehmend Aufgaben, die auch die Schule übernehmen muss. In Wien gibt es besonders viele Familien, bei denen beide Elternteile arbeiten. Der Ruf nach mehr Nachmittagsbetreuung ist in der Hauptstadt besonders laut: 71 Prozent der Wiener Eltern würden ein ganztägiges Schulangebot für ihre Kinder nutzen, weitere elf Prozent tun das schon jetzt, ergab erst kürzlich die Elternbefragung des Ministeriums (Studie als PDF hier). Somit äußern acht von zehn Eltern den Wunsch, dass ihr Nachwuchs nachmittags von der Schule betreut und gefördert wird. Die Sozialdemokraten erkennen das Thema. Die Ganztagsschule ist die logische Antwort auf den veränderten Berufsalltag, sie kommt vielen Jungfamilien entgegen, die mühevoll ein Nachmittagsprogramm für ihren Nachwuchs organisieren müssen und oft nicht mit der Qualität der Betreuung zufrieden sind: So kann es auch passieren, dass die Kinder ihre Nachmittage nur in dunklen Räumen ohne Bewegungsfreiheit verbringen oder gar keine richtige Hilfe bei den Hausaufgaben bekommen. Das ist aber nicht einmal das wichtigste Argument für die Ganztagsschule. „Sie beseitigt auch wesentliche soziale Unterschiede“, sagt etwa Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch. Eine Schule, die die Kinder nicht um zwölf Uhr nachhause schickt, muss mehr Verantwortung für die Sprösslinge übernehmen. Jene Kinder, die derzeit keine Nachhilfe gezahlt bekommen, die nachmittags nicht in den Schwimmkurs oder Klavierunterricht geschickt werden oder die außerhalb der Schule vielleicht selten Deutsch sprechen, profitieren am meisten von ihr. Deswegen empfiehlt die OECD schon jetzt, dass Österreich die Ganztagsschule ausbaut. Das würde speziell Migrantenkindern helfen. Jetzt kommt es auf die Umsetzung an. In der Stadt werden derzeit 23 Volksschulen und vier Hauptschulen ganztägig geführt, gerade in den Innenstadtbezirken gibt es nur wenige Standorte. Die SPÖ verspricht auf den Stimmzetteln nun ein flächendeckendes Angebot, die ÖVP warnt vor einer „Zwangstagsschule“, in der künftig alle Kinder landen. Doch das ist eine unberechtigte Sorge: Richtige Ganztagsschulen lassen sich nicht über Nacht errichten. Es braucht dafür zum Beispiel auch andere Schulgebäude, in denen Kinder nicht nur pauken, sondern frei herumlaufen, musizieren oder sich ausruhen können.Eine „verschränkte Ganztagsschule“ will die SPÖ, bei der sich Unterricht, Freizeit und Förderprogramme abwechseln. Anwesenheitspflicht herrscht dort von acht bis 16 Uhr, bis 17.30 Uhr gibt es zusätzlich ein freiwilliges Betreuungsangebot. Die Abwechslung von Lern- und Ruhephasen entspricht der Art, wie Kinder lernen: Statt am Vormittag den geballten Stoff in ihre Köpfe hineinzupressen, sind in der Ganztagsschule Lern- und Ruhephasen auf Vormittag und Nachmittag verteilt. In fünf bis sieben Jahren soll es in jedem Bezirk eine solche Ganztagsschule geben, ausgenommen AHS. Für die Gymnasien ist der Bund und nicht das Land zuständig. Es mag zaghaft wirken, dass die SPÖ nur in kleinen Schritten das Angebot ausbaut. Doch das ist die vorsichtige Strategie der Genossen. Die wollen nach und nach der Bevölkerung schmackhaft machen, dass Schulen nicht schon mittags zusperren. Ideologisch wünscht sich die SPÖ dieses Modell natürlich langfristig. „Im internationalen Vergleich sind jene Länder besonders erfolgreich, die die Gesamtschule als Regelschule haben“, sagt etwa Stadtrat Oxonitsch, der sich aber davor hütet, von „Verpflichtung“ oder gar „Zwang“ zu sprechen. Die 78 Prozent Zustimmung geben der SPÖ nun Rückendeckung bei der Auseinandersetzung mit konservativen Bildungspolitikern und Lehrergewerkschaftern, die auf freiwillige Nachmittagsbetreuung pochen und damit den flächendeckenden Ausbau erschweren. Das Ergebnis zeigt auch, dass sich die Gesellschaft verändert hat und viele Menschen dazu stehen. Mit ihrem Ja haben sie nicht nur für bessere Betreuung am Nachmittag gestimmt, sondern auch signalisiert, dass der staatliche Bildungsauftrag nicht um zwölf Uhr Mittag enden kann und danach die Eltern alleine verantwortlich sind, welche Chancen ihre Kinder im Leben bekommen. VOLKSBEFRAGUNG Laut Zwischenergebnis vom Dienstag nahmen 26 Prozent der Wahlberechtigten an der Volksbefragung teil, einige Briefwahlstimmen werden aber noch ausgezählt. Eine klare Mehrheit sprach sich für Hundeführerschein, Hausmeister und Ganztagsschule aus, ein knappes Ja zeichnet sich für die Nacht-U-Bahn ab. Das Endergebnis mit allen Briefwahlstimmen wird für den 24. Februar erwartet Dieser Artikel ist im Falter 07/10 erschienen. Fotos: Heribert Corn und Wienwillswissen.at Das kaputte GeschäftThursday, February 11. 2010
Alles runterladen und nichts zahlen: wie aus knausrigen Internetusern wieder profitable Musikkunden werden könnten
![]() Ist das die Zukunft des Musikhörens? Fast alle Musik der Welt steht auf Knopfdruck zur Verfügung, vom Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker über die aktuelle Platte von Robbie Williams bis hin zu Ernst Moldens Bubenliedern. Aber nicht erst nach Bezahlung wie beim Download-Shop iTunes und auch nicht in mieser Klangqualität wie beim Gratis-Videoportal YouTube. Das momentan spannendste kommerzielle Musikangebot im Internet schlägt einen anderen Weg vor. Bei Spotify wird Musik nicht mehr auf die Festplatte gespeichert, sondern in passabler Qualität übers Netz gestreamt. Ohne Zeitverzögerung kann der Kunde auf mehr als sieben Millionen Titel zugreifen. Entweder er nutzt die Gratisversion und nimmt dafür zwischendurch Werbung in Kauf. Oder er zahlt rund zehn Euro im Monat, kann dann aber auch offline und per Handy Musik hören. Spotify ist ein großer Hoffnungsträger der Musikindustrie. Illegale Downloads, die grassierende Gratismentalität der User und der schleichende Tod des Tonträgers setzen den Labels seit zehn Jahren heftig zu. Selbst Urheberrechtsverschärfungen und gerichtliche Klagen gegen Internetpiraten konnten bislang nichts an den Einbrüchen auf dem Tonträgermarkt ändern. In Österreich etwa wurden vor zehn Jahren mit CDs, Platten, Minidiscs noch 312,5 Millionen Euro erwirtschaftet. 2008 waren es nur noch 185 Millionen Euro – und diese Summe beinhaltet sogar die Einkünfte aus MP3s und anderen Onlineangeboten. Nun suchen alle nach neuen Einnahmequellen. ![]() IFPI-Geschäftsführer Franz Medwenitsch nennt Spotify eine "Erfolgsstory" Zwei sehr konträre Lösungsmodelle werden oft vorgeschlagen: zum einen die sogenannte Musikflatrate, eine staatlich verordnete Abgabe für alle Internetuser; zum anderen das Musik-Abo von kommerziellen Diensten wie Spotify, bei dem sich User ein Programm auf den Rechner laden und auf Millionen Titel zugreifen können. Der Onlinedienst Spotify hat Verträge mit allen großen Plattenfirmen und vielen Indielabels abgeschlossen. In Schweden, Norwegen, Finnland, Großbritannien, Spanien und Frankreich gibt es das Angebot bereits. Und hierzulande? „Österreich liegt auf der Roadmap“, sagt Alexander Shapiro, ein Berater des Unternehmens. Gespräche mit österreichischen Firmen habe es schon gegeben, ein geeigneter Partner sei aber nicht gefunden worden. Verlockend für den Konsumenten, verwirrend für die Künstler. Spotify ist das Liebkind der großen Labels, sie besitzen Anteile an der Firma. Es wird kritisiert, dass die größeren Labels bessere Deals haben als die kleineren. Auch hierzulande gibt es Plattenfirmen, deren Songs bereits auf dem Abo-Dienst laufen, die aber noch keinen Cent gesehen haben. Das sind die großen Gefahren im Onlinegeschäft: Die Abrechnungsmodelle sind oft intransparent, Indie-Labels haben schlechte Verhandlungspositionen. Die entscheidende Frage aber ist, ob Spotify jemals lukrativ wird. Der Service startete im Oktober 2008 in Schweden und hat heute sieben Millionen Kunden. Doch 95 Prozent davon bezahlen – nichts. Spotify möchte langfristig gegen die Gratismentalität ankämpfen. Zunächst sollen die User in Massen mit dem kostenlosen werbegestützten Modell angelockt werden; dann werden ihnen die Vorteile der Premiumversion schmackhaft gemacht: bessere Klangqualität sowie die Nutzung offline und am Handy. Aber ob dieses Konzept aufgeht, darüber streiten derzeit alle. Nicht nur illegale Downloads, die generelle Gratismentalität ist das Problem der Musikbranche. Viele Junge kaufen weder CDs noch Tracks bei iTunes, sondern hören Musik auf Seiten wie MySpace, YouTube und Last.fm. Das kostet nichts und ist legal. Was also, wenn Spotify mit seinem Musik-Abo scheitert? Wenn die User nicht mehr freiwillig bezahlen? Dann werden sie dazu gezwungen. Das ist der andere Lösungsvorschlag. ![]() Volker Grassmuck sieht die Kultur-Flatrate als einzige Lösung Die Rechnung funktioniert in etwa so: In Österreich gibt es fast drei Millionen Breitband-Internetanschlüsse; wenn von jedem davon fünf Euro monatlich eingenommen würden, ergäbe das beinahe 180 Millionen Euro pro Jahr. Das Modell klingt utopisch, hat aber ernstzunehmende Befürworter. Volker Grassmuck, Mediensoziologe an der Universität São Paulo, ist einer davon. Am 10. Februar wird er im Rahmen der Musikwirtschaftsdialoge über die Flatrate diskutieren. „Anfangs war ich auch sehr skeptisch, ob sie umsetzbar sei. Aber mittlerweile gehe ich davon aus“, meint er. Man könne das Downloadverhalten der User anonym erfassen, etwa über repräsentative Marktforschung und technische Kontrollverfahren. Das Geld ginge dann an Künstler, deren Werke heruntergeladen, also von der Öffentlichkeit nachgefragt werden. Somit würde Musik vermehrt zu einem gesellschaftlich geförderten Kulturgut, anstatt Ware auf dem freien Markt zu sein. Die deutschen Grünen setzen sich für dieses Modell ein, die Regierung der Isle of Man plant einen Pilotversuch, in Branchenkreisen wird auch hierzulande darüber diskutiert – wenn auch nur leise. „Unter den Labels ist es schon ein großes Thema“, sagt Clara Luzia. Sie diskutiert gerade im VTMÖ, dem Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen, Musikverlage und Musikproduzenten Österreichs, mit ihren Kollegen über die Pauschalabgabe. Das Beispiel von Clara Luzia zeigt, wie schwierig der Musikmarkt geworden ist. Die Singer/Songwriterin ist in ihrem Segment, dem österreichischen Indiepop, eine namhafte Größe. Sie bekommt gute Plattenkritiken, füllt Konzertsäle und wird nicht nur auf FM4, sondern auch auf Ö3 gespielt. Müsste sie nur auf ihre Band achten, könnte sie unter Umständen davon leben. Sie führt allerdings auch ein kleines Label namens Asinella Records, das österreichische Künstler herausbringt. „Und weil ich dieses Label habe“, sagt sie, „geht sich die Rechnung hinten und vorne nicht aus.“ Das ist ein Teil der Realität, den viele Internetpiraten oder ungeneröse Webuser allzu gerne ausblenden. Sie reden sich darauf hinaus, doch Eintrittskarten für Konzerte und Band-T-Shirts zu kaufen. Doch davon bleibt wenig beim Künstler: Clara Luzia verkauft wie viele andere auch ihre Shirts zum Selbstkostenpreis; von der Gage für den Auftritt werden zuerst Fahrkosten und Bookinggebühren abgezogen, der Rest wird auf alle Bandmitglieder aufgeteilt. „Entweder die Bands und kleinen Indielabels verabschieden sich vom Gedanken, von der Musik leben zu können. Oder man braucht eine Lösung“, meint die Musikerin. Grundsätzlich kann sie sich für die Idee der Flatrate erwärmen. „Ich fände das gerechtfertigt. Die Leute, die Internetzugang haben, sollen auch dafür bezahlen, dass sie diese Inhalte im Internet finden.“ Freilich: Ob eine Flatrate sinnvoll ist oder nicht, hängt von ihrer konkreten Umsetzung ab. Für die Urheberrechtsbesitzer stellt sich die schwierige Frage, nach welchem Schlüssel das Geld aufgeteilt würde. Viele Konsumenten werden einen anderen Einwand haben: Warum sollen sie die Zeche zahlen, wenn sie selbst nichts illegal herunterladen? Für Volker Grassmuck ist die Flatrate eine Querfinanzierung, die es in anderen Bereichen auch gibt. Die Leerkassettenvergütung zahlt man bereits für jeden CD-Rohling, unabhängig davon, ob auf diesen dann wirklich Musik gebrannt wird oder nicht. Auch die Rundfunkgebühren fallen für alle Fernsehbesitzer an, selbst wenn sie nur RTL und Pro7 einschalten. „Auch Menschen, die keine Kinder haben, finanzieren mit ihren Steuern die öffentlichen Schulen“, sagt Grassmuck. Nicht jeder sieht das so. „Die Kultur-Flatrate ist ein Enteignungs- und Steuermodell, das Unternehmertum durch Bürokratie ersetzen will“, meint etwa Franz Medwenitsch, der Geschäftsführer des Verbands der heimischen Musikwirtschaft (IFPI). Als Vertreter der Musikindustrie missfällt ihm die staatliche verordnete Zwangsabgabe. „Sie wirft viel mehr Fragen auf, als sie je beantworten könnte“, sagt Medwenitsch. Die Kultur-Flatrate wäre auch eine direkte Konkurrenz zu kommerziellen Bezahlmodellen. Welcher Konsument würde noch für einen Song auf iTunes zahlen, wenn er mit der Flatrate die Erlaubnis zum Gratisdownload bekommt? Wie würde sich das auf den Verkauf von CDs auswirken? Mehr Fragen als Antworten. Das trifft auf beide Modelle zu. Auch gibt es Experten, die sich keine Rettung der Branche mehr erwarten. Die fetten Jahre seien vorbei, meint etwa der Elektronikproduzent Wolfgang Schögl alias I-Wolf. „Das wird sich nicht mehr rentieren“, sagt er und weicht als Musiker selbst auf Film- und Bühnenproduktionen aus, wo es noch Geld gibt. Andere komponieren Werbejingles oder touren permanent durch die Lande. Eine Gemeinsamkeit haben das Konzept der Kultur-Flatrate und jenes von Spotify: Sie gehen von einer anderen Musiknutzung in Zukunft aus. Durch die Digitalisierung wurde Musik zur unbeschränkt zugänglichen Ware. Am PC lässt sich alles kopieren, herunterladen, versenden. Das Album wirkt wie das anachronistische Überbleibsel einer Zeit, als man noch in den Plattenladen ging oder Radiosendungen auf Kassette aufnahm. Einst arbeitete Walter Gröbchen selbst für das legendäre Ö3-Radiomagazin „Musicbox“. Heute hat er Spotify auf seinem Laptop installiert – und ist davon angetan. Er sieht in Abo-Diensten mehr Hoffnung als Gefahren. „Die Vorstellung ist schon faszinierend, zu jeder Zeit jede Musik der Welt hören zu können“, meint Gröbchen, der auch das Label Monkey Music leitet. Er kann sich vorstellen, dass man Musik künftig nicht als Tonträger besitzen, sondern eher über Streamingangebote hören wird. Egal ob die Kultur-Flatrate jemals von einer Regierung per Gesetz eingeführt wird oder ob Spotify am Markt überlebt: Beide Konzepte weisen auf eine Zukunft hin, in der Musik nicht mehr in kleinen Dosen, zum Beispiel als Album oder einzelner Download, feilgeboten wird. Stattdessen kauft man sich den generellen Zugang und kann dann alles anhören, was es gibt. Dieser Artikel ist im Falter 05/10 erschienen. Illustration: PM Hoffmann Fotos: privat / Corn / Grassmuck Bei echtem Protest wird auch die Jury ausgebuhtThursday, February 11. 2010
Der Protestsongcontest ist eine Mischung aus Castingshow und Gesellschaftskritik. Verstimmungen sind einkalkuliert
![]() Die Cremeschnitten gehören zu den 10 Finalisten Darum ging es zum Beispiel in zwei Einsendungen. Aus rund 200 Liedern wurden die 25 besten gewählt, sie durften ins Halbfinale. Hier in der Veranstaltungshalle im 15. Bezirk traten die Bands entweder live auf oder spielten ihren Song auf CD vor, im Finale muss dann alles live sein. Zehn Bands kamen weiter. Die Endrunde findet am 12. Februar im Wiener Rabenhof statt. An diesem Tag begann 1934 der österreichische Bürgerkrieg, auch der Rabenhof wurde beschossen. Seit sieben Jahren gibt es musikalischen Widerstand im Rabenhof-Theater. Von dort stammt die Idee, Kooperationspartner ist FM4. Mathias Zsutty ist im Sender dafür zuständig und moderierte auch die Vorausscheidung. Auf der Bühne fragte er jeden Kandidaten, wogegen er protestiert. Manche hätten sich vorab eine Antwort überlegen sollen. Was einen guten Protestsong ausmacht? „Für mich ist wichtig, dass es ein konkretes Anliegen gibt“, sagt Zsutty. Auch heuer scheiterten im Halbfinale vor allem jene Bands, die keine klare Botschaft hatten. Das Lied „Start the Revolution“ wollte zum Beispiel zum Aufstand aufrufen, doch welche Revolution war gemeint? Das verrieten die Musiker nicht – und schieden aus. Die zehn Finalisten treten kommenden Freitag an (die Songs kann man hier anhören). Darunter vielversprechende Acts wie die Band pauT, die mit Kontrabass, Klarinette und E-Gitarre gegen all die klugen Ratschläge antritt, oder der Beschwerdechor St. Pölten, der die Tristesse in der Provinz gemeinsam besingt. Der Gewinner kann dann einen Abend im Rabenhof veranstalten und wird auf FM4 fleißig gespielt. Die Musik und die gesellschaftskritischen Texte sind dabei nur der halbe Spaß. Die ausgeflippten Bühneneinlagen und böse Kommentare von der Jury gehören mittlerweile auch schon bei der Vorauswahl dazu. Im Finale wird der Ton dann noch rauer. Da passiert es regelmäßig, dass die Jury – insbesondere die Falter-Kolumnistin Doris Knecht – ausgebuht wird. Zsutty stört das nicht, im Gegenteil: „Das macht auch den Charme der Veranstaltung aus: Das Publikum kann sich einmischen, sogar mit Buhrufen.“ Dieser Bericht ist für das Feuilleton im Falter 05/10 erschienen. Foto: Julia Fuchs Ein Gadget für uncoole Apple-JüngerThursday, February 11. 2010 Ich wollte diese Woche wirklich, wirklich nichts über den iPad schreiben. Doch ich bin gescheitert. Egal welche Webseite ich besuchte, egal welche Zeitung ich aufschlug, überall ging es um die neueste Revolution aus dem Hause Apple. Ich habe nach spannenden anderen Neuigkeiten gesucht, aber es gab nur dieses eine Thema. Bisher war ich ein bekennendes Apple-Fangirl, doch dieser Hype nervt. Wenn das so weitergeht, kaufe ich mir das Gerät aus Protest nicht. Ich habe es satt, das Gesicht von Firmenchef Steve Jobs zu sehen, der mir in regelmäßigen Abständen einredet, welches teure Gadget ich unbedingt kaufen muss. Mittlerweile gibt es nichts Uncooleres, als ein Apple-Jünger zu sein. Die halbe Welt besitzt bereits ein iPhone, fast jeder Kaffeehaustisch wird zugepflastert mit silbernen Mac Book Pros, und beim Joggen tragen alle ihre weißen Ohrstöpsel. Mir ist das schon peinlich, deswegen habe ich mir schwarze Ohrstöpsel für mein iPhone gekauft. Das wird Steve Jobs bestimmt ärgern.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 03/10 veröffentlicht. Foto: Flickr-User Matt Buchanan Irgendwann werden unsere Hirne platzenWednesday, February 10. 2010 Preisfrage: Der Tag hat 24 Stunden, wie viel Zeit davon verbringen amerikanische Kinder vor elektronischen Geräten? 7,5 Stunden im Schnitt. Forscher hat das ziemlich verblüfft. Die dachten, der Medienkonsum der Acht- bis 18-Jährigen könne gar nicht mehr steigen. Vor fünf Jahren betrug er bereits 6,5 Stunden. Aber wer soll den Kids einen Vorwurf machen? Es gibt genug Erwachsene, die ihre Finger nicht vom Blackberry lassen können. Besonders fasziniert mich, wie Jugendliche ihre Zeit vor den Geräten nützen. Sie multitasken, schauen fern, während sie im Web surfen, hören Musik, während sie chatten. Und so stopfen sie in ihre 7,5 Stunden Knöpferldrücken fast elf Stunden an Medieninhalten. Entweder ist das total verrückt und irgendwann werden ihre Hirne platzen. Oder es ist die Zukunft und wir werden künftig supereffizient mit unserer beschränkten Zeit umgehen. Die Studie legt Ersteres nahe. Kids mit extremem Medienkonsum haben schlechtere Noten. Boah, das hätten Mama und Papa sicher nicht vermutet.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 04/10 veröffentlicht. Foto: Flickr-User Shadowmancer78 Mit Vollgas ins Web! Die waghalsigen Pläne der AutoindustrieWednesday, February 10. 2010Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 03/10 veröffentlicht. Das obige Foto zeigt den Audi A8 mit Google Earth. Credit: Audi
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