Wednesday, March 18. 2009
Zwei Unterrichtsstunden mehr? Der Reformstau liegt anderswo. Die Finnen weisen den richtigen Bildungsweg
Packt SPÖ-Unterrichtsministerin Claudia Schmied endlich ein richtig heißes Eisen an? Auf den ersten Blick sieht es so aus: Die Ministerin stellt einfach die Sonderstellung der Lehrer infrage und schickt sie zwei Stunden länger in den Unterricht - ohne zuvor die Gewerkschaft zu konsultieren. Boulevard und Neidgenossenschaft applaudieren.
Wer näher hinschaut, erkennt jedoch, dass es sich bei Schmieds Plänen nur um ein Sparprogramm und nicht um eine Bildungsreform handelt. Die Unterrichtsministerin hat vergangene Woche lediglich vorgeschlagen, dass Lehrer im Rahmen der 40-Stunden-Woche zwei Stunden zusätzlich unterrichten sollen, damit sich der Staat trotz Wirtschaftskrise Bildungsmaßnahmen wie kleinere Klassen und Förderkurse leisten kann.
Die Statistik zeigt tatsächlich, dass unsere Lehrer im internationalen Vergleich vergleichsweise selten in der Klasse stehen. In Unterstufengymnasien und Hauptschulen stehen sie pro Jahr 607 Stunden an der Tafel. Im OECD-Schnitt sind es über 100 Stunden mehr. Da hört sich Schmieds Idee zunächst sinnvoll an.
Auf den zweiten Blick ist ihr Plan leider unausgegoren. Er berücksichtigt nicht, dass es Unterschiede gibt, welcher Lehrer wie viele Stunden unterrichtet. Ob ein Pädagoge Turnen oder Mathematik lehrt, an einer Volksschule oder in der AHS-Unterstufe arbeitet, ist sehr entscheidend dafür, wie viel Zeitaufwand mit einer Unterrichtsstunde verbunden ist.
Das alleine ist nicht das größte Manko an Schmieds Vorschlag. Das Gefeilsche über 100 Minuten Unterricht mehr oder weniger lenkt von den großen Reformbrocken ab, etwa einer Zukunftsvision für den Lehrberuf in diesem Land.
Österreichische Schulen - und das ist das grundsätzliche Problem des heimischen Bildungswesens, fördern nicht alle Kinder gleich. Noch immer fühlen sich viele Lehrer nicht für die Motivation eines schlechten Schülers verantwortlich. Lieber erklären sie Kinder für zu dumm oder zu faul, anstatt sie zu unterstützen.
Hier müsste moderne Bildungspolitik ansetzen. Viel klüger wäre es gewesen, wenn Schmied die Stundenerhöhung in ein Gesamtkonzept für die Lehrprofession eingebettet hätte. Eine allgemeine Reform des Dienstrechts sowie der Lehrerausbildung wäre dringend notwendig. Schulen sollen ihr Unterrichtspersonal selbst aussuchen dürfen, es muss vor allem Möglichkeiten geben, unfähige Lehrer aus dem Klassenzimmer zu befördern anstatt lernschwache Schüler.
Derzeit haben es ausgerechnet die ambitionierten Lehrer schwer. In den Konferenzzimmern bläst ihnen ein eiskalter Wind aus Richtung jener Kollegen entgegen, die ihren Job nur als Überbrückungsmöglichkeit bis zur Pension sehen. Gleichzeitig fehlt es an Anerkennung und Aufstiegsmöglichkeiten. Das Dienstrecht bietet den Hochmotivierten keine Belohnung an: Sie stecken in einem starren Gehaltsschema.
Schmieds Vorschlag verschärft diese Situation auch noch, weil er pauschal für alle Lehrer zwei Stunden mehr bringt. Wer seinen Unterricht gründlich vorbereitet, der wird diese zwei Stunden deutlicher wahrnehmen als diejenigen, die schnell ein Video rauskramen, wenn sie wieder einmal keinen Stoff geplant haben.
Wer Reformen wagen will, der muss einmal mehr zu den Finnen blicken: Sie sind Pisa-Sieger, aber ihre Lehrer verbringen vergleichsweise wenig Zeit in den Klassen. Wer an der Gesamtschule arbeitet, unterrichtet pro Jahr 589 Stunden - also sogar ein bisschen weniger als bei uns. Trotzdem ist das finnische Schulsystem viel mehr vom Leistungsgedanken geprägt: Schon bei der Ausbildung wird kräftig ausgesiebt. Nur jeder zehnte Bewerber ergattert einen Platz fürs Lehramtstudium. Dafür ist Lehrer ein höchst angesehener Beruf in der finnischen Gesellschaft. Ganz im Gegensatz zu Österreich: Hier darf jeder Maturant Lehramt studieren. Wer seine Ausbildung abschließt, landet auf einer Warteliste - der Garant für eine spätere Anstellung im Schulbetrieb.
Wenn die Regierung über die Arbeitswelt der Lehrer reden will, dann sollte sie wesentliche Themen wie Dienstrecht, Aufnahmeprüfungen oder den Ausbau der Kündigungsmöglichkeit ansprechen.
In der aktuellen Debatte wird auch ausgeblendet, dass es noch andere Einsparpotenziale gibt - allen voran in der Schulverwaltung. Österreich ist bekannt dafür, Unsummen für seine Schulbürokratie zu verheizen. Bund und Länder wollen mitreden und ihre Posten nach Parteibuch vergeben. Auch hier dient Finnland als Vorbild. Der finnische Verwaltungsapparat ist wesentlich effizienter. Von der ersten bis zur sechsten Klasse investieren die Nordeuropäer pro Schüler rund 5600 Dollar. Im bildungsschwächeren Österreich sind es fast 3000 Dollar mehr.
Schmieds Vorschlag, mit mehr Unterricht Geld zu sparen, ist also zu wenig. Die Ministerin hätte Lob verdient, wenn sie es wagen würde, die unnützen Doppelgleisigkeiten abzubauen. Doch bei so einer Idee würde sie noch auf wesentlich mehr Widerstand stoßen als jetzt. Da würde Fritz Neugebauer, der sogar von der konservativen Presse "die sprechende Betonstatue" genannt wird, zu einer Stahlbetonwand werden.
Allein so weit kommt es nicht. Hierzulande reicht es, ein bisschen an der Unterrichtszeit herumzudrehen, um den Eindruck zu erwecken, eine essenzielle Bildungsreform auf Schiene gebracht zu haben.
Dieser Kommentar ist im Falter 10/09 erschienen.
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