Wednesday, September 16. 2009
Jungsein ist schwer, aber Altern ist auch kein Vergnügen. Ein Plädoyer für Abrüstung im Generationenkonflikt
Eine Replik von Klaus Nüchtern
Noch nie war die Jugend so daneben wie heute! Dieser Befund wird zurzeit auffallend häufig ausgestellt. Die Presse, einsamer Stachel im Fleisch des gerontokratischen Establishments, beklagte erst unlängst die Duldungsstarre einer Generation, die widerstandslos dabei zusehe, wie ihre Lebenschancen von einer Heerschar lebenslustiger Frühpensionisten verjubelt würden. Als nun auch noch FM4-Redakteur Martin Blumenau in seinem Webjournal die acht Thesen referierte, in denen Meredith „Alphamädchen“ Haaf im SZ-Magazin die eigene Generation der 25-Jährigen als geschwätzig, unpolitisch, ängstlich und mimosenhaft kritisierte, sprang Ingrid Brodnig der oberste Knopf vom Polo-Shirt. Vergangene Woche verwehrte sie sich an dieser Stelle gegen die Zumutung, ihre Altersgruppe einerseits als unpolitisch und phlegmatisch zu denunzieren, ihr andererseits aber die Lösung sämtlicher gesellschaftlicher Probleme zu delegieren.
Sind die Fronten nun geklärt? Auf die Gefahr hin, als altersmilde (= freundlicher alter Sack) abgestempelt zu werden, möchte ich hier ein paar Abrüstungsvorschläge machen. Es verdient zum Beispiel erwähnt zu werden, dass Blumenau Haafs Thesen zwar zustimmend, aber auch ohne die weitverbreitete frühsenile Selbstgefälligkeit jener vortrug, die auf einmal immer schon ganz wilde Hunde gewesen sein wollen. Wenn man Blumenau etwas vorwerfen kann, dann ist es noch am ehesten die haltlose Idealisierung der Twentysomethings zur „Kernschicht der Innovation“. Dass sich bei diesen „Wagemut schon mit Lebenserfahrung kreuzen kann“, soll nicht bestritten werden. Es ist dies jedoch weniger eine Frage des Alters als der gesellschaftlichen und ökonomischen Umstände, unter denen Generationen sich formieren. Und die sind, wie Haaf zu Recht feststellt, für viele Junge von der Angst bestimmt, „keinen Platz in dieser Welt zu finden“.
Unlängst habe ich in einem Zug das Gespräch zweier junger Frauen belauscht, die kurz vor bzw. nach der Matura standen. Die Ältere der beiden, die gerne Medizin studieren würde, hatte gerade irgendeine Auszeit in Neuseeland hinter sich (vermutlich verbunden mit einem Eintrag im Lebenslauf, der gut aussieht, aber auf dem Arbeitsmarkt auch nichts bringt) und gab der Jüngeren kundige Hinweise darauf, für welche Praktika sie sich schon frühzeitig anmelden müsse. Einige davon hatte sie schon absolviert – unbezahlt, versteht sich –, und sollte es mit der Aufnahme an eine der zahlreichen Unis, für die sie sich beworben hatte, in absehbarer Zeit nichts werden, würde sie eben weitere Praktika sammeln.
Ich muss leider gestehen, dass meine Erstreaktion so etwas wie Verachtung war für ein dermaßen entwickeltes Ausmaß vermutlich auch noch leerlaufender Lebenstüchtigkeit. Dabei war der Umstand, dass ich und andere privilegierte Angehörige meiner Generation es ganz anders erlebt haben, gewiss nicht unser Verdienst. Für mich war die Uni noch ein Biotop, in dem ich mich – weitgehend suspendiert von den Nützlichkeitsimperativen einer durchkapitalisierten Gesellschaft – mit Ästhetik befassen und um Erkenntnis ringen würde. Ich hatte ziemlich viel Zeit, mich abseits jeglicher Berufspragmatik umzuschauen, mich in der Hochschulpolitik zu engagieren und den Herrgott hin und wieder einen guten Mann sein zu lassen. Aus der Sicht heutiger Twenty-somethings muss das als paradiesisch (oder völlig weltfremd) erscheinen.
Gewiss, der Generationenvertrag (den noch nie irgendjemand unterzeichnet hat) ist argen Belastungen ausgesetzt; und gewiss ist der Wohlfahrtsstaat, wie der Sozialforscher Bernd Marin unlängst anmerkte, nicht dazu da, von seinen letzten Nutznießern mit ins Grab genommen zu werden. Dennoch sehe ich keinen Grund für eine Martialisierung des Generationenkonflikts, erst recht nicht, wenn er mit Ressentiments und popkultureller Distinktionshuberei einhergeht, die tatsächliche Interessenkonflikte und Klassengegensätze eher verschleiern als erklären.
Das Generationenspiel muss in Gang gehalten werden, meint der Sozialwissenschaftler Heinz Bude. Soll heißen: Menschen müssen lernen, altersadäquate Rollen und Aufgaben zu übernehmen. Die fallen aber nicht vom Himmel, sondern müssen gesellschaftlich erzeugt werden. Das mit Häme bedachte Berufsjugendlichentum und die Unfähigkeit zu altern sind nur die Schattenseite einer neuen Freiheit, die mit einer gestiegenen Lebenserwartung und einem neuen Lebensabschnittsdesign einhergeht. Früher legten sich Frauen irgendwann einmal eine brettharte Dauerwelle zu und wurden hinfort einer postsexuellen Existenzform zugerechnet; heute bekommen sie in diesem Alter ihr erstes Kind.
Die Grenzen zwischen den Alterskohorten werden nicht zuletzt deswegen diffus, weil langanhaltende Kontinuitäten – hoher Wohlstand, kein Krieg – generationenübergreifend wirksam sind, was wiederum zur Dramatisierung von Lebensstil- und Mediennutzungsdifferenzen führt. Damit muss man umgehen lernen. Wie in so vielen Fällen empfiehlt es sich auch hier, locker zu bleiben und Nachsicht zu üben. Dass die 35-Jährigen ihre Freitag-Taschen abgeben müssen und Leute erst ab 60 zu Bob-Dylan-Konzerten zugelassen werden, kann ja kaum der Weisheit letzter Schluss sein. Und noch eins: Das Schlimme am alten Sack ist nicht das Alter, sondern die Sackhaftigkeit. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war der alte früher mal ein junger Sack.
Diese Replik von Klaus Nüchtern erschien im Falter 38/09. Vielen Dank an den Autor, dass er einer Veröffentlichung in diesem Blog zustimmte. Foto: privat
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Ich habe es satt, als Mittzwanzigerin für alle Probleme in der Gesellschaft verantwortlich gemacht zu werden Rechtsradikale, Komasäufer, Schulversager. Wer sind die heute 20- bis 29-Jährigen überhaupt? Über meine Altersgruppe habe ich mir schon viel
Tracked: Sep 16, 12:35