Wednesday, September 16. 2009
ZDF-Intendant Markus Schächter über Promiformate, Bildungsauftrag und den schwierigen Fernsehmarkt
Es geht um nichts Geringeres als die Zukunft des ORF, wenn diesen Donnerstag die Parlamentsenquete zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk stattfindet. Zu Gast ist auch ZDF-Intendant Markus Schächter. Er diskutiert auf einem international besetzten Podium über den Rundfunk in Europa. Im Interview erklärt er, ob er sich von Brüssel gegängelt fühlt und wie ein qualitätsvolles Programm aussehen könnte.
Falter: Herr Intendant, Marcel Reich-Ranicki lehnte im Herbst den Deutschen Fernsehpreis ab. Sie bezeichneten den Auftritt als „Sternstunde des Fernsehens“. Wie schlecht ist es denn um das Fernsehen bestellt?
Markus Schächter: Ich bewertete Thomas Gottschalks hervorragend-elegantes Eingehen auf die schwierige Situation als „Sternstunde des Fernsehens“. Was das Fernsehen in Deutschland angeht, so sagen die Fachleute, dass es zu den besten der Welt zähle. Im November erhalte ich für die Performance des ZDF den Emmy-Award. Wir haben den kompetitivsten Fernsehmarkt in Europa. Da sind auch schlechte und katastrophale Sendungen dabei, aber auch außerordentlich viel Hochwertiges.
Was wäre denn eine solche katastrophale Sendung?
Schächter: Ein aktuelles Beispiel aus diesem Jahr ist „Erwachsen auf Probe“ von RTL. (Anm. der Red.: Bei der Sendung bekommen Teenagerpaare Babys anvertraut.)
Welche intellektuellen Angebote muss ein öffentlich-rechtlicher Sender machen, um sich zu behaupten?
Schächter: Wir wollen uns durch interessantes Programm unterscheiden. Aktuell haben wir gerade mit hochwertigen Dokumentationen große Erfolge. Mit „Terra X“ zum Beispiel oder der Dokumentarreihe „Die Deutschen“. Die Kunst besteht darin, dem Publikum nicht mit einer Oberlehrerattitüde gegenüberzutreten, sondern Informationen anschaulich zu vermitteln. Wenn ich historische Ereignisse als spannende Geschichten inszeniere, erreiche ich Menschen, die ein dickes Geschichtsbuch nicht zur Hand nehmen würden. Viele unserer Dokumentationen erreichen mehr Zuschauer als Unterhaltungsshows.
Der ORF warb nun den Societyberichterstatter Dominic Heinzl vom Privatsender ATV ab. Aber hat so ein Format überhaupt Platz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk?
Schächter: Auch wir haben mit „Leute heute“ ein Promiformat im Programm. Boulevardthemen sind Teil unserer Gesellschaft, warum sollten wir sie ignorieren? Wichtig ist, dass man mit der gebotenen journalistischen Distanz an diese Themen herangeht und sie auch insgesamt angemessen gewichtet, das heißt nicht überbetont.
Läuft der ORF Gefahr, sich mit seinem starken Entertainmentprogramm und den dazugekauften US-Serien in eine Privatisierungsdebatte zu manövrieren?
Schächter: Der ORF hatte immer den Vorteil, über zwei Kanäle zu verfügen, mit denen er unterschiedliche Zuschauergruppen erreichen kann. Darum habe ich ihn immer beneidet. In seinem Senderverbund zeigt der ORF eines der dichtesten Kulturangebote Europas, auch in seinen Anstrengungen auf 3sat. Komplementär muss es aber auch Unterhaltung geben. Ein Wort zu den amerikanischen Serien: Bei uns in Deutschland zerreißt sich das Feuilleton das Maul, weil wir, ARD und ZDF, zu wenig von diesem neuen Format hätten! Was nun?
Im ZDF messen Sie ja jetzt auch den Public Value. Wie funktioniert das?
Schächter: Die Maßeinheit dafür ist noch nicht entdeckt. Aber in der Tat haben wir den „3-Stufen-Test“. Bei neuen Telemedienangeboten müssen wir unserem Kontrollgremium, dem ZDF-Fernsehrat, ausführliche Konzepte vorlegen und diese auch veröffentlichen. Dritte können Stellungnahmen abgeben. Es gibt ein unabhängiges Gutachten über die Auswirkungen auf den Wettbewerb. Schließlich wird abgewogen, welche publizistische Relevanz das Angebot hat und ob es finanzierbar ist.
Was zählt denn zu den sogenannten „Telemedienangeboten“?
Schächter: Das ist ein Begriff aus dem Staatsvertrag. Gemeint sind alle Onlineangebote und der Teletext.
Die EU hat Ihnen diese Auflagen für Webinhalte gegeben. Mischt sich die Union da zu sehr ein?
Schächter: Der 3-Stufen-Test ist Ergebnis eines politischen Kompromisses zwischen Brüssel und den deutschen Ländern, die Träger des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind. Das Verfahren ist nicht zu beanstanden.
Gehört das Internet überhaupt noch zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?
Schächter: Selbstverständlich. Sowohl die EU wie auch das Bundesverfassungsgericht haben eindeutig bestätigt, dass unser Programmauftrag technologieneutral ist. Das schließt den Onlinebereich ein.
Sie dämmen nun ihr hauseigenes Onlineangebot um 70 Prozent ein, weil das der neue Rundfunkstaatsvertrag verlangt. Was bleibt denn dann noch online übrig?
Schächter: 30 Prozent. Nein, im Ernst, es ist in der Tat so, dass am Ende des 3-Stufen-Tests viele ältere Angebote nach einem Jahr aus dem Netz verschwunden sein müssen. Das ist schade für die Zuschauer, die dann ältere Sendungen oder begleitende Informationen nicht mehr finden werden.
Wenn Zuseher künftig alles auf Abruf im Web ansehen können, warum sollte sich dann noch jemand vor den Fernseher hocken?
Schächter: Das entspannte Fernsehen, zurückgelehnt im Wohnzimmer mit der Fernbedienung in der Hand, wird noch sehr lange einen großen Anteil der Nutzung ausmachen. Ich muss dabei nicht entscheiden, welches Genre ich gerade sehen will, sondern lasse mich einfach von einem der Programme fesseln. Aber der Anteil der zeitversetzten Nutzung wird zunehmen. Das Publikum wird souverän in seiner Mediennutzung.
Wird sich in fünf oder zehn Jahren überhaupt noch jemand vor den Fernseher setzen, um gezielt eine Ausstrahlung anzusehen?
Schächter: Ja, sehr viele Menschen werden wichtige Ereignisse, Weltmeisterschaften, Olympische Spiele, Shows wie „Wetten, dass …?“ noch immer zeitgleich im Fernsehen verfolgen, eben weil es live ist.
Auch Sie spüren politischen Druck. Die Unionsparteien wollen Ihren Chefredakteur, Nikolaus Brender, austauschen. Bleiben Sie dabei, dass Brender Ihr Kandidat ist?
Schächter: Ja.
In Deutschland gibt es den Fall Brender. In Österreich wurde ein neues ORF-Gesetz angedacht, das den Einfluss der Regierung massiv ausgeweitet hätte. Gibt es eine Tendenz, dass die Politik wieder vermehrt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mitsprechen will?
Schächter: Dass die Politik Einfluss nehmen möchte, gehört zu ihrem Wesen. Es gibt in unserer Rundfunkordnung aber klare Regeln und Instanzen.
Besorgte Medienbeobachter fordern nun zum Beispiel, dass in ein neues ORF-Gesetz dezidiert die politische Unabhängigkeit des ORF hineingeschrieben wird. Ist das eine kluge Idee?
Schächter: Ich habe nicht öffentlich zu beurteilen, was medienpolitisch in Ihrem Land klug wäre und was nicht.
Sinkende Quoten, fallende Werbeeinnahmen und rund 100 Millionen Euro Verlust im Vorjahr: Wie ernst ist die Situation des ORF?
Schächter: Alle Fernsehsysteme in Europa haben eine schwere Zeit. Wir hatten massive Werbeeinbrüche Mitte der 90er-Jahre, als die kommerziellen Sender in Deutschland ihren Höhenflug begannen. Wir haben damals drastische Sparprogramme aufgelegt und uns intern umstrukturiert. Heute stehen wir wieder stabil in der Landschaft.
Auch der ORF konkurriert mit deutschen Privatsendern. Diese ziehen mit ihren Regionalfenstern österreichische Werbegelder ab, ohne genuin österreichisches Programm anzubieten. Sehen Sie das als Problem für den österreichischen Fernsehmarkt?
Schächter: Märkte verändern sich. Und sie sind, wie man derzeit sieht, extrem konjunkturabhängig. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Medienpolitik in Österreich müssen angesichts der Lage neue Finanzierungswege finden.
Was könnte ein solcher Weg sein? Höhere Rundfunkgebühren?
Schächter: Ich bin ZDF-Intendant, kein medienpolitischer Berater.
Dieses Interview ist im Falter 38/09 veröffentlicht. Foto: Screenshot aus "Club 2"
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