"Du bist Bombe!"Wednesday, May 5. 2010
Was ist nur los mit diesen Kids? Warum reden sie so seltsam? In Wien entwickelt eine Migrantengeneration ihren eigenen Slang. Höchste Zeit, ihnen zuzuhören
![]() „Wie geht’s, Hurensohn?“, „Seas Wixer!“ So begrüßen sie sich. „Wir sind Prater“, „Gemma Lugner“. So vertreiben sie sich ihre Zeit. „Du bist Bombe!“ „Oida, i pock di net.“ So machen sie einander Komplimente. In den Wiener Gürtelkäfigen, den Parkanlagen und Gemeindebauten haben die Nachkommen der einstigen Gastarbeiter ihre eigene Sprache gefunden. Artikel und Präposition werden überflüssig, die Kinder sprechen einen Mix aus Wienerisch, Serbisch, Türkisch und anderen Einflüssen. Ghettodeutsch. Türkendeutsch, Jugendsprache. In Wien gibt es noch keinen eindeutigen Begriff dafür. Wer an einem warmen Frühlingstag durch den Prater flaniert, hört aber überall diesen Slang. „Oida, komm jetzt. Du bist mit mir“, sagt ein Mädchen. Sie zieht ihre Freundin am Arm und will Karussell fahren. „Nein, heast, ich bin nicht mit dir!“, widerspricht die andere. Ein paar Meter entfernt steht eine Gruppe von Jungs. Sie sind erst 14 bis 16 Jahre alt, aber schon extrem cool: Mit Baseballkappe, ärmellosem Shirt und abgebrühtem Blick – der eine trägt den türkischen Halbmond am Halsketterl, der andere die tschetschenische Flagge am Kapperl. „Wir sind TKP“, stellen sich die Burschen vor – so als ob die ganze Welt wüsste, dass „TKP“ der Theodor-Körner-Park in Meidling ist. Die Grünanlage ist der Mittelpunkt der Gang, gerne gehen sie auch in den Prater. Hier, neben Achterbahnen und Schießbuden, treffen sich viele Kids aus Meidling, Rudolfsheim-Fünfhaus und Brigittenau. Eine Clique aus dem 20. Bezirk ist gerade eingetroffen. „Gemma Space Shot“, sagt die eine. „Willst du Schlange warten?“, fragt die andere und zeigt auf die Wartenden. Ein Bursche fällt ihnen ins Gespräch. „Wo ist Tabak“, will er wissen. Und dann auf Türkisch: „Tabak nerede?“ „Tabak nerede“ ist auf Türkisch mindestens genau so falsch wie „Wo ist Tabak?“ auf Deutsch. Untereinander sprechen die Kids eine vereinfachte Form ihrer Muttersprache oder des Deutschen. „Halbsprachigkeit“ nennen Politiker das und warnen vor Ghettobildung. „Die Entwicklung zu Parallel- und Gegengesellschaften hat längst stattgefunden“, sagt die FPÖ. Selbst die Grünen sind alarmiert. „Viele Kinder beherrschen weder ihre Muttersprache noch Deutsch ordentlich. Das ist die schlechteste Voraussetzung für einen jungen Menschen“, meint die grüne Bildungssprecherin Susanne Jerusalem. Es ist klar, dass im kommenden Wahlkampf viel über diese Jugendlichen geredet werden wird. In den Wiener Pflichtschulen hat bereits jedes zweite Kind Migrationshintergrund. Ich ficke deine Mutter! Dieser Artikel ist die Cover-Geschichte des Falter 18/10 Solche Wörter lernt man, wenn man das Jugendzentrum im 20. Bezirk besucht. Im Freien sitzen ein paar Halbstarke, sie reden Türkisch, spucken viel auf den Boden und erzählen sich, wie cool sie sind. Wenn einer von außen an sie herantritt, tun sich die Burschen schwer. Auf Deutsch wirken sie unsicher, auf Türkisch werden sie ordinär und machen obszöne Handbewegungen. Dann spucken sie wieder auf den Boden. Pubertierende Jugendliche, die um Anerkennung in ihrer Clique kämpfen und sich gegenseitig verbal befetzen: „Ich ficke deine Mutter, ich ficke deine Muschi.“ Das sind die Kids, über die sich die FPÖ echauffiert. Aber die Kritik der Rechtspopulisten greift zu kurz. Diese Burschen sind selbst das, was sie als Schimpfwort sehen: Opfer. Viele hatten schlechte Startbedingungen. Ihre Eltern stammen aus bildungsfernen Schichten, unser Schulsystem sondert die Kinder mit zehn aus. Wer in Deutsch Probleme hat, landet schnell in der Hauptschule. Viele dieser Teenager verstehen Worte wie „Budget“ oder „Schattenseite“ nicht. Sie werden niemals eloquent beim Bewerbungsgespräch auftreten können. Wer Glück hat, macht nach der Hauptschule eine Lehre. Viele sind arbeitslos. Sprache wäre für die Burschen die große Aufstiegschance. Das inkludiert auch, dass sie ihre Muttersprache beherrschen – egal, ob Türkisch, Bosnisch oder Englisch. Wer seine Muttersprache richtig spricht, lernt leichter Deutsch. Das zeigen linguistische Studien. Die Sprachforscherin Katharina Brizić hat die Eltern von Wiener Grundschülern mit Migrationshintergrund interviewt und stellte fest: Jene Kinder, die zuhause Deutsch sprechen, sind in der Schule besonders schlecht in Deutsch. Klingt überraschend, ist aber logisch. Wenn die Eltern zuhause ein fehlerhaftes Deutsch sprechen, lernen die Kinder das falsch. Gleichzeitig geht Sprachpotenzial verloren. Zum Beispiel erzählen Eltern ihren Kindern keine Geschichten mehr, dazu fehlt ihnen das Vokabular in der neuen Sprache. Doch gerade das Märchenerzählen hilft Kindern beim Spracherwerb. Angesichts solcher Erkenntnisse müsste sich die Integrationspolitik gänzlich neu orientieren. Die Botschaft sollte sein: Türken, lernt Türkisch! Serben, lernt Serbisch! Des sog i di Derzeit hängt es vom Zufall und vom Einsatz jedes Einzelnen ab, ob er seine Muttersprache lernt. Die 25-jährige Linda Say hat sich als Jugendliche dazu aufgerafft. Sie begann, selbstständig türkische Bücher zu lesen. „Türkisch und Deutsch sind zwei schöne Sprachen. Man sollte sie richtig sprechen können“, meint Say heute. Sie arbeitet als biomedizinische Analytikerin und schreibt nebenher für das Migrantenmagazin Biber. Das Türkisch in den Gürtelkäfigen hat nur wenig mit der Schriftsprache der Istanbuler Bildungsbürger zu tun. Vielen jungen Migranten wurde nie die Grammatik ihrer Muttersprache erklärt. Kinder brauchen aber Sprachunterricht. Man stelle sich vor, die österreichische Landjugend, zum Beispiel in der Südsteiermark, würde nicht Schriftdeutsch lernen. Bis zum Schuleintritt können viele Kinder den dritten und vierten Fall nicht unterscheiden. „Des sog i di“, sagen sie in der Klasse. Und der Lehrer bessert sie aus: „Das heißt nicht: ‚Das sag ich dich.‘ Das heißt: ‚Das sag ich dir.‘“ Ähnlich ist das bei den Kindern der Gastarbeiter. Linda Say hat sich selbst die türkische Schriftsprache angeeignet, aber nur wenige haben diese Energie. Oft sind es überdies jene, die ohnehin schon erfolgreich in der Schule strebern. Say ging ins Gymnasium, studiert nun auch Arabisch. Für Biber führt sie Interviews auf Türkisch oder wird für eine Woche auf Recherche nach Istanbul geschickt. Da sieht man den Nutzen der Zweisprachigkeit: Eine Millionenstadt wie Wien bräuchte viel mehr Ärzte, Juristen, Polizisten oder Lehrer, die eine Einwanderersprache beherrschen. Aber haben Aufsteiger wie Linda Say und Problemfälle wie die Burschen im Jugendzentrum überhaupt etwas gemein? Ja, denn sie alle würden von muttersprachlicher Förderung profitieren. Das erkennen mittlerweile immer mehr Schulen. In der Schopenhauerstraße 79, einer engagierten Hauptschule im 18. Bezirk, wird etwa dreisprachig unterrichtet: Auf Deutsch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Türkisch. „Grčka“ statt „Griechenland“ Freitag, 10 Uhr. In der Geografiestunde präsentieren die Schüler ihre Gruppenarbeit. Zwei Mädchen stehen an der Tafel, sie haben ein Plakat zum Thema Griechenland, genauer gesagt zu „Grčka“, gemalt. Der Text ist Serbisch, Ivana übersetzt ihn für die Klasse ins Deutsche. „Die Fläche ist 130.000 Quadratkilometer, also die Fläche beträgt 130.000 Quadratkilometer“, sagt die 15-Jährige. Man merkt, wie sehr die Jugendlichen mitdenken müssen, um für die anderen Schüler zu dolmetschen. Dadurch lernen sie aber kompliziertere Begriffe wie „Nachbarstaat“ oder „angrenzend“ in ihrer Muttersprache – und auf Deutsch. Die 4B der Schopenhauerstraße ist eine jener Klassen, über die Politiker reden: Nur ein Schüler spricht zuhause Deutsch. Der Rest verwendet eine Sprache des ehemaligen Jugoslawiens, Türkisch, Ungarisch, Rumänisch, Farsi oder Urdu Pandschabi. Mit dem dreisprachigen Projekt sollen die Kinder ihren Wortschatz erweitern. Viele Schulen hätten gute Ideen, es fehlt aber an flächendeckenden Angeboten, an muttersprachlichen Lehrern und Pädagogen, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten können. Und nicht jeder heißt die mehrsprachigen Schulprojekte gut. Die Kronen Zeitung schrieb vergangene Woche: „Aufregung herrscht an der Kooperativen Mittelschule in der Leibnizgasse in Favoriten. In einer ersten Klasse werden die Angaben für die Mathematik-Hausübung in Deutsch, Türkisch und Serbokroatisch verfasst. Zwar haben 90 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund, doch die Aufgaben sind als kinderleicht zu bewerten.“ Das Schulsystem spiegelt die gesellschaftliche Anerkennung einzelner Sprachen wider. Während man an fast jedem Gymnasium in Italienisch oder Französisch, manchmal sogar in Altgriechisch maturieren kann, gibt es noch immer kein türkisches Lehramtsstudium. Dabei kommt die Stadtbevölkerung viel häufiger mit Türkisch in Kontakt, marschiert viel öfter über den Brunnenmarkt als über die Akropolis. Ivana, das serbischsprachige Mädchen aus der 4B, steht noch immer an der Tafel und führt ihre Präsentation fort. „Griechenland ist in EU seit 1981“, sagt sie. Solche Artikel und Satzstellungsfehler passieren der Schülerin manchmal, sie kam vor sechs Jahren nach Österreich. Oft täuschen solche sprachlichen Schnitzer darüber hinweg, dass es sich um intelligente Kinder handelt. Im Gespräch sagt Ivana gescheite Sätze wie: „Hier geht es uns besser. In Serbien hatten wir keine Perspektive.“ Volim te über alles Die neue Sprache der Migrantenkinder entsteht teils durch fehlende Sprachkompetenz, teils ist sie auch selbstgewählt. „Mit den Lehrern tue ich auf brav“, sagt Ivana, „aber mit Freunden rede ich ein schmutziges Deutsch.“ Wenn sie chattet, missachtet sie jegliche Rechtschreibregeln. „Nichts“ wird zu „niks“, „jetzt“ wird „jez“, aus „Freunde“ plötzlich „frojnde“. Das schaut für deutsche Muttersprachler komisch aus, für slawischsprachige Kinder wirken diese Formulierungen stimmig. Gewissermaßen deuten sie die deutsche Rechtschreibung für sich um – oder, wie die Soziolinguistin İnci Dirim sagt: „Sie eignen sich die Sprache der Mehrheit an.“ Das Ergebnis klingt manchmal ziemlich unterhaltsam. „Du bist Bombe!“, sagen die Teenager. „Heast, Wixa, was ist mit du?“, grüßen sie sich. Und wenn Ivana ihrer besten Freundin im Chat gute Nacht sagt, schreibt sie: „VTÜA“. Kurz für: „Volim te über alles.“ Ich liebe dich über alles. Bilinguale Menschen hupfen häufig zwischen den Sprachen hin und her. Ein Satz beginnt in der Muttersprache und endet auf Deutsch. Wenn das französische Diplomatenkind so etwas macht, finden das alle charmant. Wenn der türkische Migrant das tut, wird es fast schon als Anschlag auf den ganzen deutschsprachigen Kulturkreis gedeutet. Dabei sind solche neuen Mischformen ganz normal, Linguisten sprechen von „Code-Switching“. Der Dialekt der ethnischen Minderheit heißt „Ethnolekt“. Jiddisch ist das bekannteste Beispiel dafür, es ist eine Mischung aus Mittelhochdeutsch, Slawisch und Hebräisch. „Ethnolektale Entwicklungen zeigen, dass Menschen mit Sprache arbeiten. Ich sehe das eher als Zeichen von Integration“, sagt Dirim, die eine Professur am Wiener Institut für Germanistik innehat. Gleichzeitig sei die Schule gefordert: Sie muss darauf achten, dass Kinder die Schriftsprache lernen. Manche Länder haben einen offeneren Umgang mit Zweisprachigkeit. In Kanada ist es normal, wenn Kinder im Unterricht eine Frage auf Arabisch stellen – selbst wenn der Lehrer kein Arabisch spricht. Dann übersetzt die Klasse gemeinsam die Frage. „Interkulturelles Lernen“ nennen das Pädagogen, die Kinder bekommen dabei Selbstvertrauen in die eigene Sprache. Selbstvertrauen wird nämlich unterschätzt. Wenn Kinder einen selbstsicheren Umgang mit ihrer Muttersprache haben, lernen sie besser Deutsch. Das zeigte eine Studie der Uni Wien. Dabei wurden türkische Kinder in ihrer Muttersprache individuell betreut und ihre Selbstsicherheit beim Türkischreden gefördert. In der Folge erzielten sie bessere Leistungen – auch in Deutsch. Sprache als Kampfplatz Doch gerade das Selbstvertrauen wird von Rechtsparteien attackiert. Die FPÖ will Migrantenkindern sogar verbieten, in der Pause ihre Muttersprache zu sprechen. Neu sind solche Kulturkämpfe nicht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand in französischen Schulhöfen der Hinweis: „Es ist verboten, auf den Boden zu spucken und Bretonisch zu sprechen.“ Manche sehen Sprache noch immer als kulturelle Arena, in der sich nur eine Nation, ein Volk durchsetzen kann. Realistisch betrachtet nützen solche Kampfansagen aber nichts. Die Burschen, die vor dem Jugendzentrum sitzen und wenig Zukunftschancen haben, werden nicht plötzlich brillant Deutsch parlieren – bloß weil sie am Tag ein paar Minuten mehr mit Deutsch konfrontiert sind. Die TKP-Gang wird nicht plötzlich die Sprache ihrer Eltern ablegen, das würde ja eine Entfremdung von der Familie bedeuten. Gleichzeitig wird die Gesellschaft diese Kinder aber auch nicht los. Ob du’s glaubst oder nicht, Oida. Das obige Bild zeigt die Jungs von der TKP-Gang. Sultan, Muhammed, Imran und Talha sind zwischen 14 und 16 Jahre alt. Sie haben haben indische, türkische und tschetschenische Wurzeln. Credit: Katharina Gossow Die tiefgreifende Angst der Generation MilchkaffeeThursday, March 18. 2010 „Reiche Eltern für alle“ wollen sie, „freie For$chung“ mit Dollarzeichen lehnen sie ab, und am liebsten wäre ihnen „Luxus für alle, statt Profit für wenige“. Die Transparente der Demonstranten sind plakativ und unterhaltsam. Aber was wollen uns die Studierenden damit überhaupt sagen? Antworten darauf gibt es im neuen Buch „Uni brennt“, das von Audimaxisten – nämlich der Arbeitsgruppe Buchveröffentlichung – herausgegeben wurde und Beiträge namhafter Autoren sowie engagierter Studenten versammelt.Angst dominiert das Buch. Vor allem jene, die Universität werde von einer Stätte freier Bildung zu einer Fabrik für gleichgeschaltete Fachidioten umgebaut. „Ein wesentliches Moment des zeitgenössischen Bildungsbegriffs ist die Reduzierung des Denkens, Forschens und Redens über Bildung und Lernen auf Erziehung, Schulung und Ausbildung. Es herrscht ein transitives Bildungsverständnis vor, nach dem Menschen als Objekte gesehen werden“, schreibt etwa der Soziologe Paul Kellermann. Der Bildungsbegriff wurde umgedeutet, die Hochschulen dementsprechend reformiert. Plötzlich war überall von Outcome, Rankings und Employability die Rede. Welche Auswirkungen das für den Einzelnen hat, erklären Lehrende und Studierende. „schon in der grundschule habe ich als den wichtigsten lerninhalt gleichsam mit der lauwarmen vanillemilch aufgesogen, dass es später für mich keine arbeitsstelle geben wird. (…) zu einem zeitpunkt also, als ich noch nicht einmal wusste, was ein job ist, habe ich gelernt, dass ich ihn begehre, erstrebe und wünsche, ohne ihn erlangen zu können“, schreibt etwa die Literaturwissenschaftsabsolventin Stefanie Grutsch, Jahrgang 81, in ihrem Beitrag über die „generation milchkaffee“. Neu ist diese Kritik natürlich nicht, aber in mehr als 40 Texten auf 318 Seiten ergibt sich doch das Stimmungsbild einer Bewegung, deren Unbehagen tiefer greift als bloßer Ärger über schlechte Studienbedingungen und volle Hörsäle. Wer die gesellschaftlichen Ängste der Audimaxisten und die Bedeutung manch eines Demo-Transparents nicht verstanden hat, sollte hier nachlesen. Infos zum Buch - Podiumsdiskussion am Do, 18. März, im Depot (7., Breitegasse 3), 19 Uhr, mit Autorin Marlene Streeruwitz, Bildungsexperte Erich Ribolits u.a. >> Blog der AG Buchveröffentlichung - Hg. von Stefan Heissenberger, Viola Mark, Susanne Schramm, Peter Sniesko, Rahel Sophia Süß: Uni brennt. Turia + Kant, 318 S., € 24,–. >> Verlagsinformation Diese Rezension wurde im Falter 11/10 veröffentlicht. Bild: Turia + Kant Malaise bolognaiseWednesday, March 10. 2010
Bologna ist nicht schuld an der Bildungsmisere. Im Gegenteil: Das große europäische Hochschulprojekt hätte gute Antworten auf sie
![]() Alles begann mit der Unterschrift von Caspar Einem. Der österreichische Sozialdemokrat unterzeichnete als erster europäischer Wissenschaftsminister die Bologna-Erklärung, damals am 19. Juni 1999 in der gleichnamigen Stadt. Von einem „Europa des Wissens“ ist in diesem Dokument die Rede und vom „Aufbau eines europäischen Hochschulraums“, von „Mobilität“ und „internationaler Wettbewerbsfähigkeit“ (Dokument als PDF hier). Mittlerweile haben sich 46 europäische Länder diesem gemeinsamen Ziel verpflichtet – von Österreich bis Portugal, von Norwegen bis zur Türkei. Doch von den hehren Idealen von einst scheint nicht viel geblieben zu sein. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man die Kommentare mancher deutscher Qualitätszeitungen oder die Brandschriften der Audimax-Besetzer liest. Da wird von einem „wissenschaftsfernen Zwangskorsett“, der „Zerstörung der Universitäten“ oder dem „neoliberalen Umbau der europäischen Hochschullandschaft“ gesprochen. Am Donnerstag und Freitag wird in Wien und Budapest die Ministerkonferenz stattfinden, die Audimaxisten planen einen Gegengipfel, Demonstrationen und Sitzblockaden in den Straßen Wiens. Während die europäischen Wissenschaftsminister in der Hofburg über die nächsten zehn Jahre Bildungsreform nachdenken, erklären die Studierenden draußen „why we hate Bologna“. Sie hassen Bologna zu Unrecht. Der Prozess hat mehr gute als schlechte Seiten. Er ist ein Projekt der europäischen Integration und will einen einheitlichen europäischen Hochschulraum schaffen, in dem Menschen ohne Hürden in andere Länder studieren gehen und der akademische Austausch nicht an der Landesgrenze endet. Über die neuen Bachelor- und Masterstudien schimpfen viele. Sie lösten das bisherige Diplomstudium und den Abschluss als Magister ab. Doch das ist nur die Architektur, das Gerüst der Reform. Die Idee dahinter ist, dass ein möglichst großer Teil der Gesamtbevölkerung Zugang zu höherer Bildung bekommen soll – auch jene, deren Eltern keine Akademiker sind oder die erst im zweiten Bildungsweg auf die Hochschule finden. Im Mittelpunkt der Uni sollen nicht mehr Professoren oder Vorlesende stehen, sondern der Student und die Studentin. Unterstützung, Beratung und Studienpläne, die Rücksicht auf die Studierenden nehmen, all das sehen die Bologna-Dokumente vor, wenn man unter Begriffen wie „studierendenzentriertes Lernen“ oder „soziale Dimension“ nachliest (z.B. im Leuven-Kommuniqué, PDF hier). Heimische Studenten werden da den Kopf schütteln. Ihre Erfahrungen sind ganz andere: Mit Verweis auf die italienische Stadt wurde ihr Studium gestrafft, ihre Wahlfreiheit und Entfaltungsmöglichkeit wurden eingeschränkt. So hässliche Begriffe wie „Voraussetzungsketten“ oder „Erweiterungscurricula“ verhindern, dass sie selbst die Geschwindigkeit oder den Schwerpunkt ihres Studiums bestimmen. Ihre Wut darüber ist berechtigt, doch sie trifft nicht die Verantwortlichen: Bologna hat mit diesen Fehlentwicklungen nichts zu tun. Das ist das große Missverständnis. Und es erklärt, warum ausgerechnet österreichische und deutsche Studierende in Scharen gegen den neuen europäischen Hochschulraum demonstrieren, nicht aber Dänen oder Spanier. In den deutschsprachigen Ländern diente Bologna den Universitäten als Vorwand, um bei den Massenstudien einen Sparkurs durchzusetzen. Auch die deutsche Politologin Gesine Schwan schrieb unlängst in der Welt: „An den aktuellen Missständen ist weniger Bologna schuld als vor allem die chronische Finanzmisere“. Miese Studienbedingungen wurden der Reform zugeschrieben. Das war nicht zuletzt deswegen möglich, weil der ganze Prozess auf Freiwilligkeit beruht und bei schlechter Umsetzung keine Sanktionen drohen. So haben die Nationalstaaten zuallererst jene Punkte verwirklicht, die ihnen gerade gelegen kamen. Auch ist Bologna in einer Zeit des marktradikalen Denkens entstanden, als Universitäten aufgefordert wurden, ihren Nutzen für die Wirtschaft unter Beweis zu stellen oder in internationalen Wettbewerb zu treten. Schon in der Gründungserklärung steht, dass der Bachelor „eine für den europäischen Arbeitsmarkt relevante Qualifikationsebene“ attestieren soll. Diese Facette missfällt selbst manchen Befürwortern. „Der Bildungsgedanke ist in den Hintergrund getreten, und die Anwendbarkeit des Studiums hat eine Gewichtung bekommen, die überschätzt wird“, sagt Erstunterzeichner Caspar Einem heute. Über Schlagworte wie „Employability“, die Beschäftigungsfähigkeit, lässt sich vortrefflich streiten. Aber es wäre zu einfach, den gesamten Prozess auf diesen Aspekt zu reduzieren. Das wäre so, als würde man die gesamte EU nur mit dem „Teuro“ gleichsetzen. Für Holländer oder Briten ist die österreichische Kritik schwer nachvollziehbar, die europäischen Studierenden hassen die Reform nicht: „Bologna will sicherstellen, dass jeder europäische Student die gleichen Chancen hat“, sagt die Rumänin Ligia Deca. Sie sitzt der Europäischen Studentenunion vor und ist somit die höchste europäische Studentenvertreterin. „Wir wollen Bologna nicht abschaffen, sondern es kritisch überwachen.“ Die Reform hätte das Potenzial, europaweit den Studierenden den Rücken zu stärken. Statt Manifeste dagegen zu verfassen, könnten sich die Audimaxisten in ihren Forderungen auf Originaldokumente berufen: Da haben auch österreichische Wissenschaftsminister Ideen wie einer „sozialen Dimension“ oder „studierendenzentriertem Lernen“ zugestimmt. Wartelisten, Knock-out-Prüfungen und unzumutbare Studienpläne widersprechen dem. Die Studentenproteste haben die Symptome der Malaise bolognaise, der angekränkelten Umsetzung von Bologna, verdeutlicht. Alles wieder zurückzudrehen wäre aber Unsinn. Die nächsten zehn Jahre könnten viel mehr dazu dienen, die Reform zur Gänze umzusetzen und die Hochschulen damit studentenfreundlicher zu machen. Im Sinne der „sozialen Dimension“ könnten die Nationalstaaten zum Beispiel mehr Teilzeitstudien, flexiblere Kursangebote für Berufstätige oder gezielte Förderung für Migrantenkinder einführen. Der Nachbesserungsbedarf ist enorm. Selbst die Mobilität der europäischen Studenten stieg innerhalb der ersten Dekade nicht wesentlich, das Auslandssemester ist weiterhin das Privileg einer Minderheit – obwohl die Mobilität doch ein Kernanliegen der Reform war. 1999 bis 2009 war eine Zeit der Umstrukturierung: Der Magister wurde abgeschafft, europaweit wurden ähnliche Systeme und gemeinsame Begriffe eingeführt. Viel mehr als die grobe Kontur eines europäischen Hochschulraums ist aber noch nicht zu erkennen. Die Vision kam nicht im Hörsaal oder den Unigremien an. Das muss sich ändern, wenn Bologna zu einem wirklichen Erfolg werden soll. Dieser Text ist im Falter 10/10 erschienen. Illustration: Jochen Schievink „Wir brauchen Leistungsdruck“Tuesday, March 2. 2010 ÖVP-Wissenschaftsministerin Beatrix Karl über die Generation Praktikum, ihren Ruf als Liberale und den kleinen Unterschied zwischen Männern und FrauenBeatrix Karl gilt als Liberale, kommt selbst von der Uni und wird nächste Woche wieder mitten im Rampenlicht stehen. Am 11. und 12. März findet in Wien und Budapest der große Bologna-Gipfel statt. Die ÖVP-Wissenschaftsministerin weiß aber nur zu gut, dass viele Studenten zu Recht wütend sind. Sie spricht über die Verfehlungen bei Bologna und die unfairen Anforderungen an Jungakademiker. Falter: Frau Ministerin, mussten Sie jemals bei einer Vorlesung am Boden sitzen oder vor der Tür draußen stehen? Beatrix Karl: Ich habe Rechtswissenschaften in Graz studiert, das war schon damals ein Massenstudium. Dass ich jemals vor der Türe war, daran kann ich mich nicht erinnern. Aber die vollen Hörsäle kenne ich sehr wohl. Immer mehr Studenten haben weniger Geld und müssen nebenher arbeiten. Wie sehen Sie diesen Leistungsdruck? Karl: Wir brauchen einen gewissen Leistungsdruck. Unsere Absolventinnen und Absolventen sollen ja hochqualifiziert sein. Mit Sicherheit hat aber der Druck aus der Arbeitswelt zugenommen, Stichwort Generation Praktikum. Früher war es egal, wie lange man studiert hat. Bei den heutigen Jobausschreibungen ist am besten, man wurde in Mindestzeit fertig, hat fünf Sprachen gelernt und einige Auslandsaufenthalte vorzuweisen. In der Praxis geht das aber nicht. Die Uni macht es ihren Studierenden nicht leicht, im Eiltempo zu studieren. Karl: In den Massenstudien ist es tatsächlich schwierig. Zum Beispiel, wenn es Wartelisten gibt oder man in Seminare nicht mehr hineinkommt. Zugleich haben wir aber viele Studienrichtungen ohne überfüllte Hörsäle. Deswegen wollen Sie eine Studienplatzbewirtschaftung: Die Zahl der Studienplätze soll festgeschrieben werden, und pro Studienplatz gibt es eine fixe Summe für die Uni. Karl: Da geht es um die Frage, wie wir künftig die Universitäten finanzieren sollen. An den Fachhochschulen haben wir mit der Studienplatzfinanzierung sehr gute Erfahrungen gemacht, derzeit diskutieren wir das im Rahmen des Hochschuldialogs. Die Wirtschaftsuniversität hat etwa 24.000 Studierende. Könnte beim Hochschuldialog herauskommen, dass es nur mehr 15.000 sein sollen? Karl: Das wäre jetzt zu weit vor-gegriffen. Aber Studienplatzbewirtschaftung heißt für Sie auch weniger Studierende in manchen Fächern? Karl: Darauf kann es hinauslaufen. Ist es nicht falsch, irgendein Fach zu begrenzen? Immerhin hat Österreich nur eine Akademikerquote von 18 Prozent, weit unter dem OECD-Schnitt. Karl: Mein klares Ziel ist es, die Akademikerquote zu erhöhen. Aber: Mehr Studierende führen nicht zwangsläufig zu mehr Akademikern. Gerade in den Massenstudien haben wir viele Drop-outs. Vergleichen Sie etwa das Medizinstudium einst und heute: Vor den Aufnahmeprüfungen hörten rund 50 Prozent auf, heute sind es nur mehr fünf Prozent. Wie wollen Sie mehr Akademiker bekommen? Karl: Indem wir die Drop-out-Quoten senken. Da müssen wir bereits bei der Studienwahlentscheidung ansetzen. Viele denken zu wenig darüber nach, was sie studieren sollen, werden zu wenig in der Schule damit konfrontiert. Es kann nicht sein, dass 60 Prozent der Studienanfänger in bloß zehn Prozent der Fächer gehen. Wie es in diesen Fächern dann aussieht, können Sie sich vorstellen. Nicht jeder will Atomphysiker werden. Karl: Wir wollen auch nicht alle zu Atomphysikern machen. Aber Sie sprechen etwas Wichtiges an: Man muss die Neugierde für Naturwissenschaften schon früh bei den Kindern wecken. Die Studierenden klagen über zu wenig Wahlfreiheit im Studium. So wurden etwa die freien Wahlfächer abgebaut. Widerspricht das nicht dem Geist der Universität? Karl: Mit dieser Beschränkung bin ich auch nicht einverstanden, die Studierenden sollen Wahlmöglichkeiten haben. Ich werde mit den Verantwortlichen sprechen. Die Studienpläne werden ja von den Universitäten erstellt. Als Ministerin können Sie nicht nur Gespräche führen, sondern das auch gesetzlich vorschreiben. Karl: Die Universitäten sind autonom, eine gesetzliche Änderung strebe ich derzeit nicht an. Zuerst will ich mit den Verantwortlichen nach Lösungen suchen. Bald findet der Bologna-Gipfel statt. Es hagelt Kritik an Bologna. War die Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraums ein Fehler? Karl: Die Bologna-Idee ist sehr gut. Die Mobilität der Studierenden soll gefördert werden, sie sollen dadurch bessere Chancen bekommen. Auf nationaler Ebene sind aber eine Reihe von Umsetzungsfehlern passiert. Nun geht es um die Weiterentwicklung. Was lief falsch? Karl: Teilweise wurde in die Bachelorstudien zu viel Inhalt hineingepfercht. Man kann nicht acht Semester Diplomstudium in sechs Semester Bakkalaureat hineinpressen. Auch wurden Wahlfächer gestrichen, das ist nicht kreativ. Würden Sie jungen Menschen raten, nur bis zum Bachelor zu studieren? Viele glauben, dass sie dann schlechte Chancen am Arbeitsmarkt haben. Karl: Das erinnert mich an die Umstellung im Jusstudium. Früher erhielten Juristen sofort das Doktorat – ohne Dissertation. Dann wurde der Magister eingeführt, es gab helle Aufregung. Die Rechtsanwaltskammer meinte: Ein Magister kann nicht Rechtsanwalt sein. Mittlerweile ist das aber ganz normal, und so wird das auch beim Bachelor sein. Dieser akademische Abschluss wird in der Arbeitswelt anerkannt werden. Noch ist es aber nicht so. Verstehen Sie die Skepsis vieler Studenten? Karl: Ja. Auch weil der Bachelor im öffentlichen Dienst noch nicht voll anerkannt ist. Mein Vorgänger wollte das ändern. Hier sehe ich auch die zuständige Beamtenministerin Heinisch-Hosek (von der SPÖ, Anm.) gefordert. ![]() Nun sind Sie seit fünf Jahren in der Politik. Sie liefen nicht durch die Kaderschmieden wie die Junge Volkspartei. Wie wurden Sie politisch sozialisiert? Karl: Mein Großvater und mein Vater waren Bürgermeister, da bekommt man politisches Denken hautnah mit. Mich hat die Politik aber nicht so fasziniert, dass ich selbst aktiv geworden wäre. Zuerst war mir mein beruflicher Werdegang wichtig: Studium, Dissertation, Habilitation. Dann interessierte ich mich immer mehr für Sozialpolitik. Als Arbeits- und Sozialrechtlerin kann man Recht und Politik nicht immer zur Gänze trennen. Sie reden gerne über Frauenförderung an den Universitäten. Karl: Wir haben Gott sei Dank sehr viele weibliche Studierende. Aber für Frauen wird die Luft immer dünner, je höher es nach oben geht. Das hat verschiedene Gründe. Einerseits die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Wissenschaft ist kein Job, bei dem ich zwischen acht und 16 Uhr forsche und dann den Bleistift fallen lasse. Deswegen wären Kinderbetreuungseinrichtungen mit flexiblen Öffnungszeiten an allen Universitäten wichtig. Und die anderen Gründe, warum so wenig Frauen forschen? Karl: Das sind oft kleine Unterschiede. An einem Institut mit weiblichen und männlichen Assistenten bleibt das Administrative meist bei den Frauen hängen. Männer widmen sich mehr der Forschung, schaufeln sich frei. Das ist wichtig: Man muss dranbleiben und sich einem Forschungsprojekt über einen Zeitraum fast ausschließlich widmen können. Was halten Sie von einer Quote? Karl: Wir haben im Universitätsgesetz bereits eine 40-Prozent-Frauenquote. Allerdings nur für die Uni-Gremien, wo wieder administrative Aufgaben für Frauen anfallen. Was halten Sie von einer Quote bei den Professoren? Karl: Ich bin keine große Quotenanhängerin, und Quoten allein sind zu wenig. Derzeit bin ich noch dabei, mir einen Überblick über mögliche Maßnahmen zu verschaffen. Im Ministerium haben wir auch Förderprogramme dafür. Sie gelten als Liberale. Wie liberal sind Sie wirklich? Karl: Diese Frage kann ich so allgemein kaum beantworten. Beispiel Adoptionsrecht für Homosexuelle. Sind Sie dafür? Karl: Nein. Ich finde die eingetragene Partnerschaft gut, aber ein Adoptionsrecht geht zu weit. Unsere Gesellschaft ist noch nicht bereit dafür. Sehen Sie sich überhaupt als Liberale? Karl: Eher schon. Sie hören sich mehr wie eine Pragmatikerin als eine Ideologin an. Karl: Ja, ich habe keine politische Vergangenheit, sondern bin eine Quereinsteigerin. Daher würde ich mich eher als Sachpolitikerin bezeichnen, weniger als Ideologin. Was haben Sie in fünf Jahren Politik gelernt? Karl: Dass Politik anders funktioniert als Wissenschaft. Von der Wissenschaft bin ich gewohnt, mich in Themen einzuarbeiten. Die Politik ist schnelllebiger. Wenn Journalisten anrufen, kann ich nicht sagen: „Ich muss mich jetzt einlesen, fragen Sie mich in drei Tagen wieder.“ Da wird nicht gewartet. Derzeit warten die Studierenden, was beim Hochschuldialog herauskommt. Können Sie ihnen garantieren, dass sich etwas ändern wird? Karl: Ich erwarte mir beim Hochschuldialog Empfehlungen, und die werden dann auch politisch relevant sein. Aber geben Sie eine Garantie? Karl: Garantie, Garantie. Ich kann nicht garantieren, welche Maßnahmen kommen, ich habe auch einen Koalitionspartner. In einigen Punkten bin ich aber mit den Studierenden auf Linie, etwa bei der Umsetzung von Bologna. Und dann gibt es Themen, wo wir unterschiedlicher Meinungen sind. Aber ich denke, das ist normal so. Dieses Interview ist im Falter 09/10 erschienen. Fotos: Heribert Corn Der Aufstand der ElternWednesday, February 17. 2010
Drei von vier Wienern fordern eine Ganztagsschule. Konservative Bildungspolitiker kommen in Bedrängnis
![]() 78 Prozent sagten also Ja. Sie stimmten für die Einführung einer flächendeckenden Ganztagsschule, so das Zwischenergebnis vom Dienstag. Über die Bedeutung der Volksbefragung wird derzeit heftig gestritten, bisher sind 276.834 Stimmen gezählt, nach dem derzeitigen Stand hat rund ein Viertel der Wahlberechtigten mitgestimmt. Eines ist aber offensichtlich: Es gibt den großen gesellschaftlichen Wunsch, dass die Schule auch am Nachmittag für ihre Kinder da ist. Erziehung, Förderung, Herzensbildung. Das sind zunehmend Aufgaben, die auch die Schule übernehmen muss. In Wien gibt es besonders viele Familien, bei denen beide Elternteile arbeiten. Der Ruf nach mehr Nachmittagsbetreuung ist in der Hauptstadt besonders laut: 71 Prozent der Wiener Eltern würden ein ganztägiges Schulangebot für ihre Kinder nutzen, weitere elf Prozent tun das schon jetzt, ergab erst kürzlich die Elternbefragung des Ministeriums (Studie als PDF hier). Somit äußern acht von zehn Eltern den Wunsch, dass ihr Nachwuchs nachmittags von der Schule betreut und gefördert wird. Die Sozialdemokraten erkennen das Thema. Die Ganztagsschule ist die logische Antwort auf den veränderten Berufsalltag, sie kommt vielen Jungfamilien entgegen, die mühevoll ein Nachmittagsprogramm für ihren Nachwuchs organisieren müssen und oft nicht mit der Qualität der Betreuung zufrieden sind: So kann es auch passieren, dass die Kinder ihre Nachmittage nur in dunklen Räumen ohne Bewegungsfreiheit verbringen oder gar keine richtige Hilfe bei den Hausaufgaben bekommen. Das ist aber nicht einmal das wichtigste Argument für die Ganztagsschule. „Sie beseitigt auch wesentliche soziale Unterschiede“, sagt etwa Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch. Eine Schule, die die Kinder nicht um zwölf Uhr nachhause schickt, muss mehr Verantwortung für die Sprösslinge übernehmen. Jene Kinder, die derzeit keine Nachhilfe gezahlt bekommen, die nachmittags nicht in den Schwimmkurs oder Klavierunterricht geschickt werden oder die außerhalb der Schule vielleicht selten Deutsch sprechen, profitieren am meisten von ihr. Deswegen empfiehlt die OECD schon jetzt, dass Österreich die Ganztagsschule ausbaut. Das würde speziell Migrantenkindern helfen. Jetzt kommt es auf die Umsetzung an. In der Stadt werden derzeit 23 Volksschulen und vier Hauptschulen ganztägig geführt, gerade in den Innenstadtbezirken gibt es nur wenige Standorte. Die SPÖ verspricht auf den Stimmzetteln nun ein flächendeckendes Angebot, die ÖVP warnt vor einer „Zwangstagsschule“, in der künftig alle Kinder landen. Doch das ist eine unberechtigte Sorge: Richtige Ganztagsschulen lassen sich nicht über Nacht errichten. Es braucht dafür zum Beispiel auch andere Schulgebäude, in denen Kinder nicht nur pauken, sondern frei herumlaufen, musizieren oder sich ausruhen können.Eine „verschränkte Ganztagsschule“ will die SPÖ, bei der sich Unterricht, Freizeit und Förderprogramme abwechseln. Anwesenheitspflicht herrscht dort von acht bis 16 Uhr, bis 17.30 Uhr gibt es zusätzlich ein freiwilliges Betreuungsangebot. Die Abwechslung von Lern- und Ruhephasen entspricht der Art, wie Kinder lernen: Statt am Vormittag den geballten Stoff in ihre Köpfe hineinzupressen, sind in der Ganztagsschule Lern- und Ruhephasen auf Vormittag und Nachmittag verteilt. In fünf bis sieben Jahren soll es in jedem Bezirk eine solche Ganztagsschule geben, ausgenommen AHS. Für die Gymnasien ist der Bund und nicht das Land zuständig. Es mag zaghaft wirken, dass die SPÖ nur in kleinen Schritten das Angebot ausbaut. Doch das ist die vorsichtige Strategie der Genossen. Die wollen nach und nach der Bevölkerung schmackhaft machen, dass Schulen nicht schon mittags zusperren. Ideologisch wünscht sich die SPÖ dieses Modell natürlich langfristig. „Im internationalen Vergleich sind jene Länder besonders erfolgreich, die die Gesamtschule als Regelschule haben“, sagt etwa Stadtrat Oxonitsch, der sich aber davor hütet, von „Verpflichtung“ oder gar „Zwang“ zu sprechen. Die 78 Prozent Zustimmung geben der SPÖ nun Rückendeckung bei der Auseinandersetzung mit konservativen Bildungspolitikern und Lehrergewerkschaftern, die auf freiwillige Nachmittagsbetreuung pochen und damit den flächendeckenden Ausbau erschweren. Das Ergebnis zeigt auch, dass sich die Gesellschaft verändert hat und viele Menschen dazu stehen. Mit ihrem Ja haben sie nicht nur für bessere Betreuung am Nachmittag gestimmt, sondern auch signalisiert, dass der staatliche Bildungsauftrag nicht um zwölf Uhr Mittag enden kann und danach die Eltern alleine verantwortlich sind, welche Chancen ihre Kinder im Leben bekommen. VOLKSBEFRAGUNG Laut Zwischenergebnis vom Dienstag nahmen 26 Prozent der Wahlberechtigten an der Volksbefragung teil, einige Briefwahlstimmen werden aber noch ausgezählt. Eine klare Mehrheit sprach sich für Hundeführerschein, Hausmeister und Ganztagsschule aus, ein knappes Ja zeichnet sich für die Nacht-U-Bahn ab. Das Endergebnis mit allen Briefwahlstimmen wird für den 24. Februar erwartet Dieser Artikel ist im Falter 07/10 erschienen. Fotos: Heribert Corn und Wienwillswissen.at Ja zur Ganztagsschule, Ja zur Nacht-U-BahnThursday, January 28. 2010 Citymaut, Nacht-U-Bahn, Hausmeister, Ganztagsschule und böse Hunde: Von 11. bis 13. Februar entscheiden die Städter. Der Falter gibt Empfehlungen für die Wiener Volksbefragung ab, zwei davon habe ich verfasst. Hier meine Einschätzung zu Schule und U-Bahn Nacht-U-Bahn "In Wien fahren täglich Nachtbusse von 0.30 bis 5.00 Uhr. Ein 24-Stunden-U-Bahn-Betrieb am Wochenende kostet pro Jahr fünf Millionen Euro und bewirkt veränderte Fahrtrouten der Nachtbusse an Wochenenden. Sind Sie dafür, dass die U-Bahn am Wochenende auch in der Nacht fährt?“ Die SPÖ lässt diese Frage so klingen, als sei die Nacht-U-Bahn der größte Schwachsinn. Ist sie aber nicht. Es gibt mehrere Städte mit hoher Lebensqualität, die dieses Service am Wochenende bereits bieten – etwa Stockholm, Hamburg, Berlin. In Wien hingegen denkt man lieber zweimal darüber nach, ob man abends beim Ausgehen etwas länger bleibt. Die letzte U-Bahn? Fährt kurz nach Mitternacht davon. Das Taxi? Ist teuer. Die Nachtbusse? Brauchen lange, und viele wissen gar nicht, wo die nächste Haltestelle ist – es gibt immerhin 23 Nachtbuslinien. Vom Reumannplatz bis Kagran, von Simmering bis Ottakring. Jeder Wiener kennt die U-Bahn-Stationen, weiß, wie er von dort nachhause findet. Kein anderes öffentliches Verkehrsmittel flitzt so schnell durch die Stadt. Vergleichbare Städte haben gute Erfahrungen mit der Nacht-U-Bahn gemacht. Hamburg führte sie schon vor fünf Jahren ein, die Zahl der Fahrgäste verdreifachte sich daraufhin. Nutzten 2004 noch 30.000 Menschen an Wochenendnächten die Öffis, waren es 2005 schon 90.000. Freitagabends, samstagnachts. Alle 20 Minuten kommt in Hamburg die U-Bahn oder S-Bahn. Zusätzlich fahren einige Buslinien rund um die Uhr. Das ist notwendig für jene Menschen, die nicht direkt neben den Gleisen wohnen. Freilich kostet mehr Transport auch mehr Geld. Die Hansestadt zahlt jährlich 3,5 bis vier Millionen Euro für das Service. Von fünf Millionen Euro wird in Wien gesprochen. 101 U-Bahn-Stationen müssten am Wochenende rund um die Uhr geöffnet sein. Aber sind fünf Millionen Euro für die Stadt und ihre Verkehrsbetriebe eine derart astronomische Summe? Zum Vergleich: Die Volksbefragung kostet inklusive Werbekampagne 6,7 Millionen Euro. Die Wiener Linien befördern pro Jahr 800 Millionen Fahrgäste, heuer investieren sie 471 Millionen Euro in Infrastruktur. Allein in die Verlängerung der U-Bahn fließen davon 300 Millionen Euro. Das derzeitige Nachtbussystem kostet 6,7 Millionen Euro pro Jahr. In der Volksbefragung wird die U-Bahn nun zu Unrecht auf eine Kostenfrage reduziert. Der öffentliche Verkehr kann nicht nur anhand wirtschaftlicher Kriterien beurteilt werden. Ansonsten müsste man alle Nachtbusse abschaffen und untertags den U-Bahn-Takt verringern. Damit ließe sich noch viel mehr Geld sparen. Die Nonstop-U-Bahn ist ein Luxus, den sich andere Städte leisten. Denn er fördert auch die Mobilität und das Lebensgefühl. Wien möchte eine pulsierende Metropole und „anders“ sein – doch bitte nicht nach Mitternacht. Das gehört nun geändert. Ganztagsschule "Internationale Studien zeigen, dass die Ganztagsschule der entscheidende Erfolgsfaktor für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie darstellt sowie das Bildungsniveau der Bevölkerung deutlich hebt. Sind Sie für ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsschulen in Wien?“ Diese rhetorische Frage könnte sich die Stadtregierung sparen und ohne Zögern die Ganztagsschulen ausbauen. Diese werden dringend gebraucht. Jedes zehnte Kind von Vollzeit-Berufstätigen ist heute nachmittags unbetreut, rechnet die Arbeiterkammer vor. In Wien wünscht sich sogar die Hälfte der Eltern ein ganztägiges Schulangebot, ergab eine Befragung des Unterrichtsministeriums. Derzeit müssen Mütter und Väter mühsam eine Nachmittagsbetreuung suchen, einen Hortplatz zahlen oder wieder einmal die Großeltern um Hilfe bitten. Es braucht also Schulen, in denen die Kinder nachmittags betreut werden. Nicht nur weil Eltern bis 17 Uhr arbeiten. Sondern auch weil es dem Lernprozess der Schüler entspricht: Derzeit pressen wir Mathematik, Englisch und Geschichte in vier bis sechs Stunden am Vormittag. Hirnforscher fanden heraus, dass sich die Aufmerksamkeit von Kindern auf Vormittag und Nachmittag aufteilt. Wichtig ist ein Rhythmus aus Lern- und Erholungsphasen. Die Wiener SPÖ will nun mehr Ganztagsschulen mit verschränktem Unterricht anbieten. Unterricht, Sport und Betreuungsphasen wechseln sich ab. Kinder sollen vormittags nicht überlastet und nachmittags zusätzlich gefördert werden. Österreich ist international eine Ausnahme, kaum ein Land kennt die Halbtagsschule. Diese führt zu sozialer Ungerechtigkeit: Schüler aus reicheren oder besser gebildeten Familien werden nachmittags in den Musikunterricht oder zur Nachhilfe geschickt. Natürlich brauchen solche Kinder die Ganztagsschule weniger als sozial Schwache. Für diese gibt es keine Klavierstunden, keine Mathenachhilfe und oft auch keine Betreuung. Deswegen rät die OECD Österreich, die Ganztagsschule einzuführen. Dort werden Kinder mit Migrationshintergrund auch nachmittags eingebunden und bekommen bessere Bildungschancen. Die ÖVP warnt vor diesen Plänen. Sie befürchtet eine „Zwangstagsschule“, in der alle verpflichtend vormittags und nachmittags pauken müssen. Das ist Panikmache. Von „verpflichtenden Ganztagsschulen“ traut sich kein roter Politiker reden. Lediglich das freiwillige Angebot soll ausgedehnt werden. In jedem Bezirk will die SPÖ mindestens eine Ganztagsschule errichten. Mutig wären die Sozialdemokraten, würden sie an einer verpflichtenden Ganztagsschule für alle arbeiten. Oder wenn sie es zumindest wagten, die Wiener Bevölkerung offen zu fragen: „Soll die Halbtagsschule in eine Ganztagsschule umgewandelt werden?“ Langfristig läuft alles auf diesen Schultyp hinaus: Mütter und Väter gehen arbeiten, die Kinder brauchen nachmittags Förderung, und es sollen alle gleich viel Aufmerksamkeit auch nach zwölf Uhr bekommen. Solange die Anzahl der Ganztagsschulen begrenzt und die Halbtagsschule Normalität ist, ist das nicht gegeben. Diese Texte sind im Falter 04/10 erschienen und Teil einer größeren Covergeschichte zur Wiener Volksbefragung. Fotos: Heribert Corn / Abstimmungs-Logo: Wienwillswissen.at Eine heiße Aktion endet am kalten MorgenSunday, January 10. 2010
Das Audimax ist geräumt. Anders als in Deutschland wurden die Studierenden verhöhnt. Ein Schaden für alle
![]() Security, Polizei, Ausweiskontrollen: Es war kein Flughafen oder Gefängnis, das vergangenen Montag solcherart gesichert wurde, sondern das Hauptgebäude der Uni Wien. Frühmorgens, um 6.30 Uhr, endete die Audimax-Besetzung. Rektor Georg Winckler hatte die Polizei herbeigerufen, damit das Auditorium Maximum „aus Sicherheitsgründen“ geräumt werde. 80 Obdachlose und 15 Studierende wurden aus dem Saal gewiesen. Eine Sprecherin erklärte, es habe Brandgefahr bestanden. Die heißeste politische Aktion dieses Jahres endete also an einem eiskalten Dezembermorgen. Ohne Randale, ohne Zugeständnisse der Politik, ohne Weihnachtsfrieden wie vor 25 Jahren in der Hainburger Au – aber auch ohne nennenswerten Widerstand seitens der verbliebenen Studierenden. Sie wirkten müde. In den letzten Tagen hat sich die Bewegung aufgerieben, geschwächt und gespalten. Was bleibt übrig vom Audimaxismus? Zunächst machte er einer zunehmend interessierten Öffentlichkeit klar, wie die Freiheit an den Hochschulstudien mittlerweile eingeengt wurde, wie viel Geld den Unis fehlte. Rektoren und ÖH kritisieren das schon seit Jahren. Erst der lauten und modern vernetzten Masse der Studierenden war es gelungen, die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit darauf zu lenken. Die Politik aber ignorierte das Problem. Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) tauchte ab, selbst als tausende junge Menschen für Bildung demonstrierten. Offenen Diskussionen stellte sich der neue EU-Kommissar kaum. „Ich habe hinreichend Maßnahmen eingeleitet“, sagte er dem Standard und verwies auf 34 Millionen Euro, die er aus einem Notbudget lockermachte. Die Rektoren hatten eine Bildungsmilliarde gefordert. Der Streit ums Geld überlagerte die Debatte: Die Audimaxisten kritisierten dabei auch strukturelle Probleme, die Umsetzung des Bologna-Prozesses etwa. Die europaweite Vereinheitlichung des Hochschulsektors führte ihrer Meinung nach nicht nur zu neuen Bachelor- und Masterstudiengängen, sondern auch zu stromlinienförmiger Ausbildung und weniger Wahlfreiheit im Studium. Die Unis sollen im Eiltempo arbeitsmarkttaugliche Bachelors ausspucken, und das zum Minimaltarif. Die Studenten trafen mit ihrer Kritik an der europäischen Bildungspolitik (und ihrer nationalen Umsetzung) einen Nerv, nicht nur hierzulande. Der Audimaxismus breitete sich über die Grenzen aus, in Rom, Köln, Kopenhagen wurden Hörsäle besetzt. Gerade der internationale Vergleich ist spannend, weil er den Blick auf die Mechanismen von Politik und Medien freigibt: Während die Demonstranten bei uns schnell als „Randalierer“ und „Basiswappler“ verspottet wurden, nahmen deutsche Politiker die Anliegen ihrer Studenten ernst. Dabei hatte ihr Protest später begonnen und er fiel weniger intensiv aus als hierzulande. Die deutschen Studenten verbuchten zumindest Teilerfolge: Die Kultusminister der 16 Bundesländer forderten von den Hochschulen eine Reform des umstrittenen Bachelorstudiums. An der deutschen Umsetzung bemängelten die Betroffenen insbesondere, dass die Arbeitsbelastungen und die Zahl der Prüfungen dadurch enorm gestiegen waren. In beiden Punkten springt ihnen nun die Politik zur Seite. Auf Bundesebene gestand Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) eine Unterfinanzierung der Unis und Probleme bei der Einführung des Bachelors ein. Natürlich sind die deutschen Versprechen mit Vorsicht zu genießen. Ungeklärt ist zum Beispiel die Finanzierungsfrage zwischen Bund und Ländern. Trotzdem haben die deutschen Bildungspolitiker reagiert und Verantwortung übernommen – ganz anders als die abgetauchten österreichischen Kollegen. Auch die Medien haben sich in Österreich anders Verhalten. Sogar liberal gesinnte Journalisten diffamierten – anders als ihre Kollegen in Deutschland – den Protest von Anfang an. Während Wiener Leitartikler nur eine „Freak-Show“ oder „Tupperware-Partys“ im Audimax erkennen konnten, rief die deutsche Zeit: „Nieder mit Bologna!“ Die konservative FAZ verkündete: „Die Bologna-Blase ist geplatzt.“ Und sogar die Bild forderte Studierende auf, ihren Frust online zu artikulieren. In Deutschland, so die für Wien so bittere Erkenntnis, gibt es Journalisten, die etwas zu sagen haben, und Politiker, die reagieren. Daran, nicht am fehlenden Geld, scheiterte der Audimaxismus in erster Linie. Den Schaden tragen nicht nur Bildungspolitik und Gesellschaft, sondern auch die Politik selbst. Kein Koalitionsmitglied darf noch über Politikverdrossenheit oder Jungwählerschwund klagen, wenn so mit berechtigtem Protest junger Menschen umgegangen wird. Die ausgebliebene Bildungsdebatte ist also eine vergebene Chance, das war bereits in den letzten Wochen absehbar. Die Räumung des Audimax hat somit sogar etwas Positives. Sie ist eine Zäsur, sie fordert die Studierenden auf, über ihre Ziele und ihre praktische Umsetzung nachzudenken. Es fehlte ihnen etwa die Exitstrategie. Forderungen wie die Abschaffung der Zugangsbeschränkungen oder die Ausfinanzierung jedes Studienplatzes hatten die Audimaxisten bald gefunden. Doch auf ein Ausstiegsszenario, bei dem sie zumindest ein bisschen dazugewinnen konnten, einigten sie sich nicht. Im letzten Plenum konnten sich die Besetzer der Uni Wien nur noch darauf verständigen, dass sie Hilfe für die Obdachlosen wollen. Das kann nicht das einzige Anliegen einer Unibewegung sein. Rektor Winckler hat mit der Räumung des Hörsaals den Studierenden nun eine Verschnaufpause verschafft. Die Weihnachtsfeiertage werden viele Audimaxisten dafür nützen, den Hörsaal auch gedanklich zu verlassen, um neue und frische Protestformen zu entwickeln. Dieser Artikel ist im Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 52/09 erschienen. Foto: Peter Fuchs, APEX Reißt unsere Schulen ab!Wednesday, December 16. 2009
Tafel, Glocke, Klassenbuch: Über unserer Schule liegt der Mief der autoritären Vergangenheit. Dabei gibt es längst neue Ideen
Inspektion: Ingrid Brodnig und Sibylle Hamann Die Schule ist immer ein Produkt ihrer Zeit. In Österreich ist sie das Produkt einer längst vergangenen Zeit. Ihr Grundriss stammt aus der Monarchie, ihre Rituale haben sich seit der industriellen Revolution nicht wesentlich weiterentwickelt. Dabei ist unsere Gesellschaft längst eine andere.1774 führte Maria Theresia die „Allgemeine Schulordnung“ und mit ihr die Schulpflicht ein. Damals wurde der Unterricht stark vom Militär und dessen Disziplinvorstellungen geprägt. Gehorsam war das oberste Bildungsziel. Mit dem industriellen Zeitalter setzten sich, ausgehend von Großbritannien, neue Prioritäten durch: Die Schule sollte möglichst viele berechenbar funktionierende Arbeitskräfte mit normierten Fähigkeiten hervorbringen, perfekt für das Fließband. In der „globalisierten Wissensgesellschaft“, von der alle reden, sind diese Bildungsziele eigentlich obsolet. Eine postindustrielle Arbeitswelt braucht kein homogenes Arbeiterheer mehr. Eine Einwanderungsgesellschaft muss mit Vielfalt produktiv umgehen. Sie kann es sich nicht leisten, Kinder, die nicht gleich ins System passen, auszusortieren und auszuspucken. Innovationen kann sie nur hervorbringen, wenn sie Individualität, Selbstverantwortung und Überraschungen zulässt. Dafür braucht es andere Lehrinhalte, andere Unterrichtsmethoden, eine andere Lehrerausbildung und andere Schulgebäude. In den Volksschulen, den einzigen echten Gesamtschulen in Österreich, hat dieses Umdenken in den letzten Jahren bereits stattgefunden. In den Kindergärten ist einiges in Bewegung, ebenso in den neuen Mittelschulen. Ein Erwachsener, der eine typische AHS betritt, wird sich jedoch wundern, wie wenig sich dort seit der eigenen Schulzeit verändert hat. Schulglocke, Klassenbuch, Jahrgangsklassen, all das findet sich dort. Die Gymnasien, samt ihrer Lehrergewerkschaft, verteidigen sinnentleerte Rituale und Gewohnheiten, als regiere immer noch der Kaiser in der Hofburg. Wer sich bewusst wird, wie viel Vergangenheit in der Gegenwart der Schule steckt, versteht: Es ginge auch ganz anders. Eine Übersicht. Einst war das Schulgebäude das Wohnhaus des Lehrers und seiner Frau. Heute ist es das Haus, in dem der Unterricht stattfindet, und anschließend fahren alle heim. Doch das muss nicht so sein. Schule kann auch hinausgehen: in Bibliotheken, Betriebe, auf Ämter und in die Natur; nicht nur gelegentlich bei Exkursionen, sondern systematisch. Die Walz zum Beispiel, ein privates Wiener Oberstufengymnasium, macht Biologie auf dem Bauernhof und fährt zum Sprachenlernen ins Ausland. Heutige Schulgebäude schotten sich nach außen ab; oft sind sie sogar Fremdkörper in ihrer Umgebung. Besonders problematisch ist das bei den großen Schulgebäuden der 70er-Jahre. Sie wurden für mehrere tausend Schüler und Schülerinnen konzipiert, an der Peripherie gebaut, nur dort gab es für sie Platz. Heute ereilt diese Großschulen ein ähnliches Schicksal wie Einkaufszentren: Sie sind nicht mit der Stadt verwachsen und vom öffentlichen Verkehr abgeschnitten. Die Zukunft liegt in kleineren, überschaubaren Einheiten, die auf ihre Umgebung reagieren und sie mit öffentlichen Angeboten für Nichtschüler bereichern. „Breite Schule“ heißt etwa ein Modell in den Niederlanden, das Schulen räumlich mit Bibliotheken, öffentlicher Verwaltung oder mit Wohnungen kombiniert. Die Wiener Standardschulklasse misst heute – wie zur Kaiserzeit – 63 Quadratmeter. „Man rechnete einen Quadratmeter pro Kopf, anderthalb Quadratmeter für den Lehrer und weitere anderthalb für den Ofen“, erklärt Christian Kühn, Architekt an der TU Wien. Heute sitzen zwar statt 60 nur noch 25 Kinder drin, viele Möglichkeiten bietet sie jedoch nicht. In Dänemark gibt es Schulen, die ganz ohne Klassenräume auskommen. Jeweils drei bis vier Klassen teilen sich dort eine „Lernzone“, diese besteht aus verschieden aufgestellten Tischen, PC-Arbeitsplätzen, Sitzecken und Rückzugsräumen, jeweils einer offenen Küche und einem Lehrerarbeitsraum. Als „Homebase“ der jeweiligen Klassen dienen sechseckige Bereiche, die mit Paravents von der Lernzone abgeschirmt werden. Hier drin können sich bis zu 20 Kinder plus Lehrende für kurze, intensive Phasen des Zuhörens versammeln. Das zentrale Nervensystem des österreichischen Schulgebäudes ist absurderweise der Gang, an dem entlang die Klassenzimmer aufgereiht sind, ähnlich wie in einer Kaserne. Das ist eine enorme Platzverschwendung: 30 bis 40 Prozent der Gesamtfläche sind dadurch als Verkehrsflächen blockiert und können nicht produktiv genützt werden. Denn ein Gang (samt „Gangaufsicht“) eignet sich beinahe ausschließlich dafür, sich zu langweilen oder Lärm zu machen. Eine Schule, die sich von Gängen verabschiedet, kommt mit fünf Prozent Verkehrsflächen aus. Der gewonnene Platz stünde für Bewegungs-, Spiel-, Lese-, Rückzugs- oder Essräume zur Verfügung. Das Problem: Viele Schulgebäude in Österreich stammen aus dem 19. Jahrhundert und lassen sich nur schwer radikal umbauen. Mit jeder der vielen Schulrenovierungen, die derzeit stattfinden, wird das „Gang“-Prinzip auf Jahre hinaus einbetoniert. In der ersten Klasse sitzen die Sechsjährigen, in der zweiten die Siebenjährigen: Das scheint uns selbstverständlich. Aber es war nicht immer so. Erst das Reichsvolksschulgesetz von 1869 teilte die Kinder nach Alter auf. „Das hat man dem Militär nachempfunden“, sagt Bildungsexperte Bernd Schilcher; die schulpflichtigen Kinder treten, ebenso wie die wehrpflichtigen Rekruten, ihren Dienst im Herbst an. Vor 1869 hingegen ging man davon aus, dass nicht alle denselben Reifegrad hätten. Deswegen saßen Kinder unterschiedlichen Alters in einem Raum und lernten, je nach Fach, in verschiedenen Gruppen miteinander. Zu dieser Idee finden moderne Mehrstufenklassen heute zurück: Jedes Kind lernt hier in seinem eigenen Tempo, einzeln oder in Kleingruppen. Begabungen können individueller gefördert werden. In einigen Wiener Volksschulen wird dieses Modell heute mit großem Erfolg praktiziert. Zentraler Baustein unseres Schulwesens ist die 50-Minuten-Stunde: Auf ihr bauen alle Stundenpläne auf, in ihrem Takt wechseln die Lehrer die Klassen. Warum eigentlich? Auch dies kommt vom Militär, bei dem jeweils eine Stunde lang exerziert wurde, zehn Minuten davon wurden fürs Austreten und Pfeiferauchen abgezogen. Pädagogisch mache das keinen Sinn, meint Bildungsforscherin Christa Koenne, speziell in naturwissenschaftlichen Fächern: „50 Minuten sind nicht der Rhythmus, in dem man neugierig wird. Man muss in ein Thema versinken können, damit Interesse entsteht.“ Sie schlägt längere Lernphasen vor: ein Drittel des Schuljahrs etwa für Naturwissenschaften, das zweite Drittel für Kultur, das dritte zum Wiederholen des Gelernten. Nur was regelmäßiges Üben erfordert (Rechnen, Turnen), solle wöchentlich stattfinden. Der 50-Minuten-Takt braucht ein akustisches Signal. „Die Schulglocke kommt von der Trillerpfeife“, sagt Bernd Schilcher. In den meisten Volksschulen läutet die Glocke heute gar nicht mehr oder nur, um große Pausen anzuzeigen. Solange dieselbe Lehrerin in der Klasse steht, kann sie auf Stimmungen und Konzentrationsphasen flexibel reagieren und den Stundenplan völlig ignorieren. An den AHS hingegen, wo alle 50 Minuten die Lehrperson wechselt, müsste man ohne Schulglocke das ganze System umstellen. Als Maria Theresia die Schulpflicht einführte, waren die Schulen plötzlich voll. 120 Kinder steckte man in eine Klasse. Ungefähr gleich groß ist eine Kompanie. Wie auf dem Kasernenhof reduzierte sich der Unterricht dann aufs Fehlersuchen. Wer einen Tintenklecks, einen Rechenfehler, einen falschen Ton machte, den wies der Lehrer zurecht. Der Stoff wurde in Tabellenform niedergeschrieben, in kleine Portionen aufgeteilt. Die wurden solange widergekäut, bis die meisten Schüler sie beherrschten. Der österreichische Unterricht ist von diesem Denken noch immer geprägt. Dem „Sachwissen“ wird viel Bedeutung beigemessen, während Länder wie Finnland mehr darauf achten, Kompetenzen zu vermitteln; die Fähigkeit, sich Sachwissen selbstständig anzueignen. Das Wort „Taferlklassler“ erinnert an die kleine Schiefertafel, die jedes Volksschulkind einst zum Schreiben mit dem Griffel verwendete. Die große Tafel, die an der Stirnseite des Normklassenzimmers steht, wurde um 1800 in Schottland erfunden und ist heute an der Wand festgeschraubt. Damit nagelt sie die Kinder an ihren Plätzen fest und bestimmt ihre Blickrichtung für den Frontalunterricht. Modellschulen in den 60er-Jahren versuchten, diese Starrheit mit mobilen Tafeln aufzubrechen, die auf Rollen im Raum umhergeschoben werden konnten. „Dann fiel eine Rolltafel einem Kind auf den Kopf, und es war mit der Tafelmobilität vorbei“, sagt Kühn. Heute kommt statt Kreide und Tafel oft ein Beamer oder Smartboard zum Einsatz. Am Prinzip des Frontalunterrichts ändert das nichts. Im 17. Jahrhundert hatten Schulkinder noch keine fixen Plätze. Im Raum standen Tische, in der Mitte an einem Pult saß der Lehrer. Lange waren Einzelbänke üblich, die man verrücken konnte. Die normierten Zweierschulbänke sind ein typisches Produkt des 19. Jahrhunderts. Ihre wichtigste Eigenschaft war, dass sie das Bodenwischen erleichterten. Orthopäden haben seither viel Energie in die Optimierung von Schulbänken gesteckt. Die Kinder sollten sechs Stunden lang sitzen können, ohne Fehlhaltungen davonzutragen. „Wir müssen das Sitzen den Arbeitsmedizinern entziehen“, fordert allerdings Christian Kühn. Denn Haltungsschäden vermeidet man am besten, indem man das stundenlange Sitzen ganz abschafft – und stattdessen am Boden, im Liegen, im Stehen, in Bewegung oder sonst wie lernt. 145 Jahre lang war in Österreich die Ganztagsschule normal. 1919 tauschte sie der rote Bildungsreformer Otto Glöckel durch die Halbtagsschule aus. Das war ein Kompromiss zwischen der bürgerlichen und der linken Reichshälfte: Das Bürgertum wollte, dass der Nachwuchs nachmittags für standesgemäße Exerzitien wie Musik oder Sport frei war. Die Halbtagsschule hat viel mit dem Familienideal zu tun. Kinder mittags nachhause zu schicken macht dann Sinn, wenn dort eine Hausfrau mit dem Essen auf sie wartet und mit ihnen Aufgaben macht. Je gebildeter und wohlhabender diese Hausfrau ist, desto größer ist der Bildungsvorsprung, den Kinder erwerben können. So verstärkt die Halbtagsschule die sozialen Unterschiede und hält gleichzeitig Mütter vom Arbeitsmarkt fern. Eine moderne Gesellschaft könne sich diesen Anachronismus eigentlich nicht leisten, meint Bernd Schilcher. Die 140 Millionen Euro, die jedes Jahr für Nachhilfe ausgegeben werden, beweisen, dass das System nicht funktioniert. In fast allen OECD-Staaten ist längst die Ganztagsschule, samt Essen, Sport, Musik und Förderkursen, normal. Dafür jedoch braucht man andere Schulgebäude. Die Aufteilung des Schuljahrs folgt vielen Interessen – jenen der Schüler und Schülerinnen allerdings am allerwenigsten. Die Weihnachts- und Osterferien verdanken wir der Kirche, die Semesterferien der Skiindustrie und die Sommerferien der Landwirtschaft. Zur Kaiserzeit begann der Unterricht nach der Ernte, Anfang November, und endete zu Michaelis am 29. September. Dazwischen halfen die Kinder den Eltern bei der Feldarbeit. Zusätzlich sperrten die Schulen im Sommer zu, wenn es zu heiß wurde. Heute sind wir nicht mehr so abhängig vom Wetter, doch die langen Ferien sind geblieben. Berufstätige Eltern stellt das vor gewaltige organisatorische Probleme, während in den leeren Schulgebäuden Sportanlagen, Chemielabors und alle anderen Ressourcen ungenutzt bleiben. Joseph II. führte das „Buch der Schande“ ein, das wir heute als Klassenbuch kennen. Es diente nicht nur zur Disziplinierung schlimmer Kinder, sondern auch zur Verhöhnung schlechterer Schüler, deren Fehler eingetragen wurden. In seiner äußeren Form hat sich das Klassenbuch in 200 Jahren praktisch nicht verändert. Vorne wird die Anwesenheit samt Entschuldigungen protokolliert, hinten der Lehrstoff. „Es ist ein altmodisches Instrument, das der Kontrolle dient. Auf große Teile davon kann man verzichten“, urteilt AHS-Direktorin Heidi Schrodt. In ihrer Schule, der Rahlgasse, gibt es ab der sechsten Klasse, nach dem Ende der Schulpflicht, kein Klassenbuch mehr: Die Schüler und Schülerinnen können über ihre Absenzen selbst verfügen. Wer in einem Fach mehr als 20 Prozent fehlt, muss eine Feststellungsprüfung machen. Die Absenzen sind seither deutlich zurückgegangen. Das Lehrerzimmer ist für Schüler ein geheimer Ort, den sie kaum je betreten. „Es ist Ausdruck dessen, woran das ganze System krankt“, sagt Direktorin Schrodt, „es ist ein Rückzugsraum, wo man sich vor den Schülern schützen kann.“ Zum Arbeiten taugt das Lehrerzimmer kaum. 1,40 Meter lang ist die Arbeitsfläche, die sich zwei Lehrende teilen müssen; unter Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) wurde auch noch die dazugehörige Lade eingespart. Mehr Fläche ist auch bei Neubauten nicht vorgesehen. Ein „richtiger“ Lehrerarbeitsplatz müss te technisch besser ausgestattet sein, er müsste Raum für Besprechungen und für Rückzug bieten. Gekämpft hat die AHS-Lehrergewerkschaft jedoch nie wirklich dafür, weil die wenigsten Lehrer ihren Tag in der Schule verbringen wollen. Traditionell verstehen sie das Klassenzimmer und die eigene Wohnung als ihren Arbeitsplatz, im Lehrerzimmer wollen sie nur Hefte ablegen. Dass neben dem Bild des Bundespräsidenten ein Kreuz hängt, liegt an einem Vertrag zwischen Österreich und dem Vatikan, „Schul-Konkordat“ genannt. 1962 vereinbarten die beiden Staaten, dass „in jeder Schulklasse, in der die Mehrzahl der Schüler ein christliches Religionsbekenntnis hat“, ein Kreuz zu hängen hat. Der Vertrag steht im Verfassungsrang und kann ohne Zustimmung des Heiligen Stuhls nicht geändert werden. Da längst nicht mehr alle Klassen christliche Mehrheiten haben, könnten viele Kreuze heute eigentlich abgehängt werden. Zumal das Konkordat anderen Verfassungsprinzipien widerspricht – etwa der Trennung von Staat und Kirche. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte urteilte jüngst, die Kreuze in italienischen Schulen verstoßen gegen das Gebot der Religionsfreiheit, der Staat müsse auch „die Freiheit jener schützen, die sich zu keiner Religion bekennen wollen“. Lange gehörten „Leibesübungen“ nicht in die Schule; nur Ritter wurden in Fechten und Tanzen ausgebildet. Die Turngeräte, die heute in jedem Turnsaal stehen, Kasten, Reck, Ringe oder Schwebebalken, gibt es seit 1811. Erfunden hat sie der Berliner Hilfslehrer Friedrich Ludwig Jahn, später als „Turnvater“ bekannt. Er sah in der körperlichen Ertüchtigung die Vorstufe der militärischen Ausbildung und wollte die Preußen damit für den Befreiungskrieg gegen die Franzosen stärken. 1813 nahm Jahn mit seinen Turnern an der Völkerschlacht bei Leipzig teil, man trug (mit Österreich an der Seite) den Sieg davon. Der gefürchtete Medizinball, der ebenfalls zur Standardausstattung des Turnsaals gehört, stammt aus den USA. Er dient, wie eine Hantel, zum Muskelaufbau und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von der Turner- und FKK-Bewegung nach Deutschland importiert. In einer modernen Schule könnte er zwischendurch die Schulbank ersetzen. Zum Thema „Fliegende Klassenzimmer. Eine interaktive Ausstellung über Orte zum Wachsen für alle von 6 bis 99 Jahren“. Diese Ausstellung beflügelt die Schulfantasie und ist bis 21. Februar 2010 im Kunsthaus Mürz in Mürzzuschlag zu sehen. Idee, Konzept und Gestaltung: Christian Kühn, Renate Stufer, Antje Lehn. Öffnungszeiten: Do–Sa 10–18, So 10–16 Uhr Dieser Artikel ist im Falter 51/09 erschienen und wurde von Sibylle Hamann und mir verfasst. Illustrationen: Frauke Lehn Auf zur Weltklasse!Thursday, November 12. 2009
Die Zustände an heimischen Unis sind desaströs. Wie kann man sie verbessern? Ein Blick ins Ausland zeigt es
Dieser Artikel ist im Falter 46/09 erschienen. Illustration: Jochen Schievink 1. Nur her mit den Studenten Steigen die Studierendenzahlen, geht das in Österreich als Horrormeldung durch. Dabei haben wir hierzulande nur 18 Prozent Akademiker, weit weniger als der OECD-Schnitt (27 Prozent) und nur halb so viele wie in Finnland. Gerade die nordischen Länder zeigen, dass viele Studierende doch leistbar sind. Drei Viertel aller 19-Jährigen besuchen in Finnland eine Uni oder Fachhochschule. Die Finnen geben 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts dafür aus, während es in Österreich nur 1,3 Prozent sind. Andere Länder kämpfen um möglichst viele Studenten. Großbritannien möchte, dass jeder zweite Jugendliche inskribiert. Das resultiert aus der Überzeugung, dass mehr Bildung zu weniger Arbeitslosigkeit, höheren Einkommen, mehr Steuereinnahmen und besseren Chancen im internationalen Wettbewerb führt. Auch in Österreich zeigt sich, dass Akademiker weit seltener arbeitslos sind – selbst wenn sie solche „Orchideenfächer“ wie Theaterwissenschaft belegt haben. Pro zusätzlichem Bildungsjahr steigt der Nettostundenlohn durchschnittlich um acht Prozent, berechnet das Institut für Höhere Studien. 2. Gute Gehälter für Dozenten Wenn von Weltklasse-Universitäten die Rede ist, fallen schnell Namen wie Harvard oder Yale. Amerikanische Hochschulen sind mit den europäischen aber nicht vergleichbar, sie werden nur zu 45 Prozent vom Staat finanziert, der Rest kommt aus privater Hand. Ein Jahr in Harvard kostet die Studenten 33.696 Dollar. Interessanter ist da schon der Vergleich mit der Schweiz. Sie hat zwei renommierte Universitäten, die im internationalen Vergleich brillieren: die ETH Zürich und die Uni Zürich. Wie machen die das? Mit guten Einkommen. Das Anfangsgehalt eines Professors an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich beträgt 180.000 Euro im Jahr. Die Uni Zürich ist in einigen Studienrichtungen auch ein Massenbetrieb, trotzdem ist die Lehrsituation vergleichsweise gut. Dort kommen 56 Studierende auf einen Professor, an der Uni Wien sind es 194. Dabei gibt es auch in der Schweiz einen grundsätzlich offenen Hochschulzugang. 3. Baut mehr Fachhochschulen Es gibt zwei Möglichkeiten, die jetzigen Probleme zu lösen: mehr Geld oder einen Abbau der Studienplätze und Zugangsbeschränkungen in Massenfächern. „Ich sehe nicht, warum irgendein Studienfach in Österreich eingeschränkt werden sollte“, sagt der deutsche Hochschulforscher Ulrich Teichler angesichts der niedrigen Akademikerquote. Mehr Akademiker brauchen mehr ausfinanzierte Studienplätze, das fordern nicht nur die Audimax-Besetzer, sondern auch die Rektoren. Insbesondere der Fachhochschulsektor ist unterrepräsentiert. Nur rund zwölf Prozent der Studenten inskribieren an einer FH. Dabei wollen viele eine praxisorientierte Ausbildung, kommen an den FHs nicht unter und weichen dann auf die überfüllten Unis aus. Das ginge auch anders. In Österreich und Finnland gibt es seit circa 15 Jahren das FH-System, nur wurde dieses im hohen Norden wesentlich ausgebaut. Heute ist mehr als die Hälfte der Studierenden an der Ammattikorkeakoulu, der finnischen FH, der Rest an den Unis. Doch muss ein Ausbau der Studienplätze nicht heißen, dass man gar nicht mehr über Zugangsbeschränkungen sprechen darf. Die Forderung, ein Land solle unbegrenzt Ärzte ausbilden, ist unrealistisch. Unis sollen überdies wissen, wie viele Menschen bei ihnen Platz haben. Bei restriktiven Beschränkungen steigt aber die Gefahr, dass plötzlich Arbeitskräfte fehlen. Es ist schwierig zu sagen, wie viele ausgebildete Lehrer oder Ärzte ein Land in fünf Jahren benötigt. In den Niederlanden etwa werben sich Schulen gegenseitig die Lehrer ab, weil es zu wenige gibt. Hessen lockt mit einem Beamtenstatus für Pädagogen, um diese aus anderen Bundesländern anzustellen. 4. Kindergärtner an die Unis Es ist kein Zufall, dass sich ausgerechnet die Kindergärtnerinnen und Kindergärtner dem Studierendenprotest angeschlossen haben. Sie fühlen sich von der Hochschulpolitik benachteiligt. Zu Recht, denn „Krankenschwester“ oder „Kindergärtner“ kann man hierzulande nicht studieren, anderswo sehr wohl. An der Uni Helsinki gibt es strenge Auswahlkriterien für alle Erziehungswissenschaften, auch für die Kindergärtner. Sie studieren im Bachelorsystem. Die heimischen Pädagogen wünschen sich eine Anhebung der Kindergartenausbildung auf akademisches Niveau, das würde nicht nur der gesellschaftlichen Bedeutung dieser Profession gerecht werden – es würde das gesamte Berufsbild aufwerten. Das gleiche gilt für andere mittlere Berufe, wie Diplomkrankenschwestern. Eine Wissensgesellschaft entsteht nicht dadurch, dass plötzlich alle Architektur und Biologie studieren, sondern dass andere Professionen wissenschaftlich aufgewertet werden. 5. Klärt die Maturanten auf Jus, BWL, Psychologie. Viele Maturanten sind bei der Studienwahl unkreativ und bereuen das spätestens dann, wenn sie in Massenvorlesungen sitzen, Knock-out-Prüfungen erleben oder nur abstrakte, praxisferne Dinge lernen. Dabei gibt es Projekte, um Maturanten über die Studienbedingungen vorab zu informieren. Die holländische Webseite Studychoice.nl bietet zum Beispiel eine Übersicht über 2500 Ausbildungsangebote in den Niederlanden. Mit ein paar Mausklicks können Interessierte die passende Uni für sich suchen. Sie geben dabei ein Fach, das sie interessiert, und Kriterien für die Studienauswahl an – von der Jobtauglichkeit bis hin zu den Mietpreisen in der Universitätsstadt. Das Onlinesystem liefert eine Übersicht und Rankings von Studenten, die dort bereits studiert haben. Nun will auch die Österreichische Hochschülerschaft die Studienberatung ausbauen. Sie plant ebenfalls eine Web-Plattform, die den Maturanten transparente Infos zum jeweiligen Studium und zur Fakultät gibt. Zusätzlich hat sie ein Pilotprojekt gestartet, bei dem Schüler Lehrveranstaltungen an Hochschulen besuchen können. Das hört sich alles gut an. Das Problem ist nur: Der Staat finanziert solche Projekte nicht flächendeckend. 6. Weniger Abhängigkeit von Eltern Besserverdiener finanzieren dem eigenen Nachwuchs das Studium, für alle anderen gibt es Stipendien. Das klingt einleuchtend, in der Realität wird dieses Versprechen aber nicht ausreichend eingelöst. „Österreichische Studierende sind von ihren Eltern extrem abhängig. Der Staat kompensiert nicht genug“, attestiert Dominic Orr. Er forscht in Hannover für die Hochschul-Informations-System GmbH und erstellt die Bildungsstudie Eurostudent. Mit Tabellen, Grafiken, Sockeldiagrammen rechnet er vor, was manche Studis spüren: Wer aus einer sozial benachteiligten Schicht kommt, hat es schwieriger, sein Studium zu finanzieren. Die Stipendien decken nicht den Lebensbedarf ab, also müssen die Studis zusätzlich arbeiten. Dabei gibt es ganz andere Konzepte. Jeder Schwede kann eine staatliche Studienförderung von 777 Euro pro Monat bekommen, 35 Prozent sind geschenkt, der Rest geliehen. Wem der Kredit nicht geheuer ist, kann darauf verzichten. Das Geld dient für Miete, Essen, Lebenserhaltungskosten. Studiengebühren gibt es keine. Die schwedische Mentalität ist deswegen anders. Für die Maturanten ist es weniger wichtig, wie reich die Eltern sind und welches Studienfach Mama und Papa genehm ist. Sie werden wie Erwachsene behandelt, von denen 70 Prozent einen staatlichen Kredit aufnehmen, der niedrig verzinst ist. Das Ganze ist auch ein Kompromiss für den Staat, um möglichst vielen ein Studium zu ermöglichen, das Budget aber nicht allzu sehr zu belasten. 7. Brain Gain statt Brain Drain Der Student aus dem Ausland ist hierzulande gefürchtet, die Schwemme an Numerus-clausus-Flüchtlingen wird beklagt. Andere Länder haben schon früher Lösungen für den Ansturm ausländischer Studierender gefunden. Zwischen Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden gibt es etwa seit 1996 Ausgleichszahlungen für all jene, die beim Nachbarn studieren. Es ist auch eine Einstellungsfrage, wie man internationale Studierende empfängt. Die ETH Zürich spricht zum Beispiel von einer eigenen „Strategie für die Rekrutierung der weltweit besten Studierenden“. 30 bis 50 Prozent der Master-Studenten und mehr als die Hälfte der Doktoranden sollen aus dem Ausland stammen. Beim Master selektiert die ETH. Um genügend Bewerber zu haben, gründete sie ein Stipendium für besonders gute internationale Master-Studenten. Sie sollen sich das Leben im teuren Zürich leisten können. 8. Qualität messen Jedes Jahr fallen die heimischen Unis in internationalen Hochschul-Rankings weiter zurück. In der Tabelle des Time Magazine belegt die Uni Wien nur Platz 132, das ist um 17 Ränge schlechter als im Jahr zuvor. Die Uni Zürich hat sich hingegen unter die besten Hundert hinaufgekämpft. Die Kritik an diesen Rankings ist berechtigt. Wenn eine Uni viele Zitierungen in Fachzeitschriften aufweist, sagt das nicht viel über die Zustände im Hörsaal aus. Trotzdem sind internationale Vergleiche Annäherungen, um die Schwächen im Hochschulsektor zu erkennen. Warum schneidet die Uni Wien im Time-Ranking so schlecht ab? Weil das Betreuungsverhältnis zwischen Dozenten und Studis miserabelst eingestuft wird. Viele Studenten werden dem beipflichten. Die OECD tüftelt an einem eigenen Hochschulvergleich, der ähnlich wie Pisa die Qualität der Lehre messen soll. Parallel dazu können auch Nationalstaaten den Erfolg ihrer Unis hinterfragen. In Großbritannien etwa erfasst die nationale Statistikagentur HESA jedes Jahr, wie viele Absolventen ohne Job dastehen und in welchen Branchen die Akademiker landen. Hierzulande fehlt eine solche Absolventenstudie. Bildungspolitiker tappen im Dunkeln. 9. Benachteiligten gezielt helfen Apropos England: Die HESA misst zudem, wie viele Kinder aus bildungsfernen Schichten an den einzelnen Unis landen. Engagierte Einrichtungen bekommen Fördergelder. Jährlich gibt es 160 Millionen Euro für gezielte Maßnahmen, um benachteiligte Gruppen an die Unis zu holen. Zum Beispiel bekommen britische neun- bis 13-Jährige einen Studierenden als Mentor zugeteilt, der sie längerfristig unterstützt. Weiters gibt es 190 Millionen Euro, um Drop-outs bei diesen Gruppen zu verhindern. 10. Bessere Schulen für bessere Unis Geld, Geld, Geld – das brauchen heimische Unis, wenn sie mehr Akademiker ausbilden sollen. Mindestens genauso wichtig ist allerdings ein Umdenken im Bildungssystem. Derzeit werden viele Zehnjährige in städtische Hauptschulen abgeschoben, eine Einbahnstraße in Richtung weniger Bildung, höhere Arbeitslosigkeit. Für sie stellt sich meist gar nicht die Frage, ob der Hochschulzugang frei sein soll oder alle alles studieren dürfen. Wenn 75 Prozent der Finnen eine FH oder Uni belegen, liegt das insbesondere daran, dass sie das Schulsystem überhaupt so weit gebracht hat. Resümee Ein klares Bekenntnis zu mehr Studierenden, gut bezahlte Professoren, Qualitätskontrolle an Hochschulen und gezielte Fördermaßnahmen. Man muss die Uni nicht von Grund auf neu erfinden, um sie zu verbessern. Es hilft bereits, sich in der Welt umzusehen. „Ich habe es satt“Tuesday, November 3. 2009
Der Uni-Streik weitet sich aus. Wie legitim ist der Studentenprotest? Wie unerträglich sind die Zustände im Hörsaal? Ein Streitgespräch
![]() 34 Millionen Euro genügen ihnen nicht. Das Angebot von Wissenschaftsministers Hahn ist den Audimax-Besetzern zu wenig. Sie fordern eine grundsätzliche Debatte über Bildungspolitik. Der Falter lud daher zum Streitgespräch. WU-Rektor Christoph Badelt, ÖH-Chefin Sigrid Maurer, Audimax-Besetzer Julian Schmid und Bildungsforscher Erich Ribolits über mangelnde politische Visionen und Universitäten als Erfüllungsgehilfen privatwirtschaftlicher Interessen. Falter: Herr Schmid, Sie sind seit Tag eins bei der Audimax-Besetzung dabei. Warum? Julian Schmid: Die Situation wurde für uns Studierende in den vergangenen zehn Jahren immer unerträglicher. Nun geht es einerseits um sehr aktuelle, konkrete Probleme wie die Studieneingangsphasen, die Knock-out-Prüfungen ermöglichen. Oder die Zugangsbeschränkungen für Masterstudien, bei denen Leute fürchten müssen, mit einem minderwertigen Bachelortitel auf den Arbeitsmarkt geschmissen zu werden. Andererseits geht es aber auch ganz generell um den Bologna-Prozess, also die gesamteuropäische Perspektive und die zunehmende Ökonomisierung der Bildung, die der Uni ihre Lebendigkeit nimmt. Herr Badelt, haben Sie Verständnis für diese Anliegen? Christoph Badelt: Teilweise. Wir haben seit Jahrzehnten eine krasse Unterfinanzierung der Universitäten. Das führt zu sehr schlechten Studienbedingungen in mehreren Fächern. Insgesamt sind ein Viertel der Studierenden davon betroffen. Andererseits glaube ich, dass der Bologna-Prozess eine wirkliche Chance für die Europäisierung und Internationalisierung der Ausbildung ist. Sie werden als potenzieller Nachfolger von ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn gehandelt. Würde Sie das Amt angesichts des universitären Flächenbrands überhaupt reizen? ![]() Christoph Badelt, 58, ist Rektor der Wirtschaftsuniversität und Vorsitzender der Universitätenkonferenz Frau Maurer, wie fänden Sie denn einen Wissenschaftsminister namens Christoph Badelt? Sigrid Maurer: Na ja. Grundsätzlich ist es reizvoll, da er sich im System auskennt. Gleichzeitig haben wir diametral entgegengesetzte Ansichten zu Themen wie Bildungszugang und Studiengebühren. Herr Badelt, Sie sind für Zugangsbeschränkungen an den Unis. Damit würden Sie den freien Hochschulzugang doch letztlich abschaffen. Badelt: Das ist eine Unterstellung. Meine Position ist erstens: Wir brauchen eine höhere Akademikerquote. Zweitens brauchen wir eine kostendeckende Finanzierung der Universitäten, die Kapazitäten einplant. Nur dort, wo die Kapazitäten nicht ausreichen, muss der Zugang geregelt werden. Maurer: Aber das ist doch der falsche Schluss! Anstatt den Zugang zu beschränken, müssen mehr Studienplätze angeboten werden. Badelt: Ja, aber Faktum ist, dass pro Jahr 6000 junge Menschen an der WU studieren wollen und dass Sie diesen Leuten vorgaukeln, hier sei eh alles wunderbar. Später kommen diese Studenten dann drauf, dass dem nicht so ist, sie sind frustriert und demonstrieren. Derzeit werden die Studierenden hinausgeprüft und hinausgeekelt. Das ist ein unwürdiger Zustand, gegen den ich ankämpfe. Schmid: Für mich klingt das sehr stark nach kommunistischer Planwirtschaft. Wer kann heute seriös entscheiden, wie viele Studienplätze heute und welche Akademiker in 20 Jahren benötigt werden? Es muss einfach mehr Geld ins Bildungssystem. Und da erwarte ich mir, dass sich die Universitätenkonferenz vor die Regierung stellt und von Faymann, Pröll und dem künftigen Wissenschaftsminister mehr Geld für Bildung fordert. Badelt: Sie unterstellen mir Dinge, die ich nie gesagt habe. Ich teile Ihre Meinung, dass man nicht prognostizieren kann, wie viele Studienplätze in der Kommunikationswissenschaft oder den Wirtschaftswissenschaften in 20 Jahren gebraucht werden. Aber es muss festgesetzt werden, wie viel Platz eine Institution bietet. Das ist in Mittelschulen, Kindergärten und Fachhochschulen nicht anders. Die Politik muss klar definieren, wie viele Ausbildungsplätze sie in den verschiedenen Studien anbietet. ![]() Sigrid Maurer, 24, ist Vorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft Badelt: Zum Beispiel. In Folge müsste man dann eine sachliche Diskussion darüber führen, ob auch jeder das studieren können soll, was er studieren möchte. Herr Ribolits, ist aus Sicht des Bildungsforschers eine Studienplatzbewirtschaftung tatsächlich notwendig? Erich Ribolits: Ich würde es nicht in den Vordergrund stellen. Wir haben in Österreich bei Gott nicht zu viele Akademiker, nicht einmal zu viele Maturanten. Es wäre also in erster Linie notwendig, das System auszubauen. Früher oder später wird man auch über vernünftige Formen der Steuerung reden müssen. Was würde es denn kosten, wenn man jedem Studierenden sein Wunschstudium finanzierte? Badelt: Die WU hat ein jährliches Gesamtbudget von 95 Millionen Euro. Wir haben aber heute ungefähr viermal mehr Studienanfänger als vorhandene Plätze. Das heißt, Sie müssten diese Universität noch dreimal zusätzlich bauen. Und das betrifft nur die WU. Die Universitätenkonferenz fordert daher, dass zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts ins Hochschulbudget, inklusive den Fachhochschulen, fließen. Das würde auch der Empfehlung der Europäischen Union entsprechen. Aber dafür bräuchten wir eine Milliarde Euro mehr pro Jahr. Schmid: Mich stört diese Verlogenheit des ganzen Systems. Sie selbst haben in den 70er-Jahren studiert. Damals konnte das auch mein Vater tun, weil Bruno Kreisky die Studiengebühren abgeschafft hat. Minister Hahn war selbst elf Jahre lang Bummelstudent. In der Zwischenzeit hat sich die Wirtschaftsleistung Österreichs verdoppelt, aber Sie und Minister Hahn stellen sich jetzt vor mich und meine Generation hin und sagen: Es ist kein Geld mehr da. Badelt: Das habe ich nicht gesagt. Ich könnte Ihnen dutzende Beispiele nennen, bei denen aus meiner Sicht Steuergeld verschleudert wird. Von der Neuwagenprämie bis hin zum Koralmtunnel. ![]() Julian Schmid, 20, studiert VWL und Politikwissenschaft und nimmt seit Beginn an der Besetzung des Audimax teil Badelt: Aber Sie fordern von der Politik eben nicht nur Geld, sondern tausend andere Sachen auch, die ich nicht unterstützen kann. Ginge es nur um Geld und bessere Ausbildungsbedingungen, dann stünde ich sofort neben ihnen in der ersten Reihe auf der Straße. An welchen Punkten stoßen Sie sich konkret? Badelt: Dass die Studieneingangsphase abgeschafft werden soll. Das jetzige Auswahlverfahren ist unwürdig, menschenverachtend und bildungspolitisch verrückt. Daher will ich eine Studieneingangsphase, bei der nicht an einem ganz bestimmten Tag festgelegt wird, wer weiterstudieren darf, sondern bei der nach einer gewissen Zeit ein Querschnitt der Inhalte geprüft wird. Ich glaube, dass wir uns hinsichtlich der gesellschaftspolitischen Ziele wenig unterscheiden, dass wir möglichst viele Leute in die höhere Ausbildung bringen wollen, und zwar aus allen sozialen Schichten. Ich sage Ihnen aber eines: Ich bin jetzt sieben Jahre lang Rektor und war davor vier Jahre lang Vizerektor. Ich habe es satt, dass mir alle möglichen Politiker versprechen: Wenn wir einmal an die Macht kommen, gibt es mehr Geld für die Unis. Und derweil werden die Verhältnisse hier immer katastrophaler. Schmid: Aber es ist kein Ende dieser Politik absehbar. Und deswegen brauchen wir jetzt den Schulterschluss. Noch einmal zurück zur grundsätzlichen Forderung der Studenten: keine Zugangsbeschränkungen, keine Studiengebühren und ein ausreichendes Lehrangebot für alle. Wäre das für den Staat leistbar? Badelt: Das weiß ich nicht. Warum hat das nie jemand berechnet? Das ist doch absurd. Badelt: Weil die Frage, wie viele Studierende wir in Österreich haben sollen, aufgrund der Diktion des freien Hochschulzugangs immer tabuisiert wurde. Es rechnete nie jemand nach, was das das System kostet. Man ließ sich immer überraschen, was auf uns zukommt. Wenn wir das heutige Budget der WU pro Studierenden hernehmen, haben wir ungefähr die Hälfte dessen, was die Fachhochschulstudiengänge bekommen, obwohl diese nicht denselben Forschungsauftrag haben wie wir. Wir bekommen also ungefähr nur ein Viertel dessen, was wir bekommen müssten. Die Uni-Debatte wird vom finanziellen Aspekt dominiert. Vergessen wir dabei auf andere wichtige Fragen? ![]() Erich Ribolits, 61, ist Bildungsforscher an der Universität Wien Aber befasst sich die Politik überhaupt mit so grundsätzlichen Überlegungen, gibt es da auch eine gesellschaftspolitische Vision? Maurer: Die Politik unterliegt bloßem outputorientiertem Denken. Es geht nie um die Frage, welchen Mehrwert Universitäten für die Stabilität einer Gesellschaft haben können. Es geht immer nur um Effizienz und niedrige Drop-out-Quoten, die in Österreich im Übrigen gar nicht so schlecht sind. Politiker scheint allein der wirtschaftliche Nutzen, den ein Studierender bringt, zu interessieren. Das ist die Denkweise im Ministerium. Und die greift zu kurz. Badelt: Auch auf die Gefahr hin, wieder als Epigone von Johannes Hahn verstanden zu werden, möchte ich festhalten: Ich glaube schon, dass der Minister eine Vision von Bildung verfolgt, auch wenn ich diese Vision nicht vollständig teile. Er möchte ja das Studium beim Bachelor weiter verschulen und erst beim Master weiter vertiefen. Schmid: Auch ich möchte dem Minister eine gewisse Vision nicht absprechen, nur für viele Studenten handelt es sich da um eine Horrorvision. Die Art und Weise, wie er den Bologna-Prozess umsetzt, macht die Universitäten zu Erfüllungsgehilfen privatwirtschaftlicher Interessen. Badelt: Ich kann ihre Sorgen teilweise nachvollziehen. Aber als Rektor der WU kann ich mich der Forderung „Bildung statt Ausbildung“ nicht anschließen. 90 Prozent meiner Studierenden wollen einen guten Job, und den möchte ich ihnen ermöglichen. Nehmen wir an, die Regierung würde eine Bildungsmilliarde anbieten. Ribolits: Das wäre ein Anfang. Es würde allerdings den grundsätzlichen Charakter der Bewegung im Audimax ziemlich beschneiden. Denn die großen Probleme, wie die zunehmende Ökonomisierung und Verschulung der Unis, würden wieder nicht gelöst. Freie Wahlfächer wurden mit dem Bologna-Prozess praktisch abgeschafft. Die Möglichkeit einer individuellen Studiengestaltung hat stark abgenommen. Begrüßen Sie das? Badelt: Es ist der Preis, den man zahlt, wenn Studierende nach drei Jahren mit einem Bachelortitel erfolgreich in den Arbeitsmarkt können sollen. Julian Schmid, Sie sind vom Bologna-System selbst auch betroffen, Sie sind Bachelorstudent. Schmid: Ich studiere Politikwissenschaften auf der Hauptuniversität und wollte auf der WU das Fach Sozialpolitik belegen. Selbst dieses Fach konnte ich mir aber nicht anrechnen lassen. Genau darin liegt das Problem: Das Bologna-System, das die Europäisierung und Flexibilisierung der Hochschulen verspricht, ist eine Mär. Man kann nicht einmal innerhalb derselben Stadt flexibel zwischen den Instituten wählen. Badelt: Aber das ist nicht die Schuld von Bologna. Schmid: Stimmt. Man könnte das Bologna-System ja grundsätzlich begrüßen, aber die Art der Umsetzung macht das Studieren in vielen Fächern nicht mehr möglich. Badelt: Da gibt es in der Tat Probleme. Das muss künftig viel flexibler gehandhabt werden können. Herr Badelt, wie soll die Universität in zehn Jahren aussehen? Dieses Streitgespräch ist im Falter 45/09 erschienen. Moderation gemeinsam mit Martin Gantner. Fotos: Heribert Corn & Daniel Novotny Sie wünschen sich also eine Uni, die im internationalen Wettbewerb bestehen kann? Badelt: Natürlich. Maurer: Auch wir wollen gute Wissenschaft, die internationalen Rankings arbeiten aber mit fragwürdigen Kriterien. Nur weil eine Universität in den letzten Jahren ein paar Nobelpreisträger hervorgebracht hat, ist sie noch lange nicht die beste Uni der Welt. Der Fokus muss der sein, dass wir so vielen Menschen wie möglich den Zugang zur Bildung ermöglichen und dass auch soziale Durchlässigkeit gegeben ist. In den letzten zwei Wochen ist der Eindruck entstanden, dass die ÖH zu einem Zaungast dieser Bewegung degradiert wurde. Schmid: Hier wird von Politik und Medien der Versuch unternommen, ÖH und Audimax-Plenum auseinanderzudividieren. Wir haben im Plenum beschlossen, dass genau das nicht passieren soll. Aber die ÖH vertritt das Plenum nicht. Maurer: Nein. Wir als ÖH sind schließlich dazu da, 250.000 Studierende in ganz Österreich zu vertreten. Aber warum konnte die Hochschülerschaft nicht selbst so einen Protest aufstellen, wie das im Audimax klappte. Maurer: Das Spannende an diesem Protest ist, dass er wie ein Netzwerk ohne Führung funktioniert, und das hält ihn am Leben. Ribolits: Es gab in der Vergangenheit ja bereits ähnliche Besetzungen. Denken Sie an jene in Hainburg. Eine spontane Bewegung, die im Übrigen dadurch umgebracht wurde, dass man sie an den Verhandlungstisch geholt hat. Ich finde die gegenwärtige Konstellation daher durchaus sinnvoll. Auf der einen Seite die politisch legitimierte ÖH, auf der anderen Seite die soziale Bewegung, die wir im Audimax erleben. Letztere können ganz andere Forderungen stellen. Wie soll der Konflikt dann aber gelöst werden? Maurer: Wer sagt, dass dieser Konflikt gelöst werden muss? Der Protest soll schließlich der Beginn eines längeren Prozesses sein. Schmid: Dem stimme ich zu. Wir fordern nichts weniger als einen fundamentalen Wechsel in der Bildungspolitik. Und bis das erreicht ist, bleiben wir im Audimax. Das ist mehr als nur eine PartyWednesday, October 28. 2009
Diese Studentengeneration will studieren, darf es aber nicht. Deswegen steigt sie nun auf die Barrikaden
![]() Kein Politiker, kein Journalist, kein Rektor hatte es kommen sehen. Vergangenen Donnerstag besetzten hunderte Studierende das Audimax, halten dort seither die Stellung und fordern mehr Geld sowie ein Umdenken von ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn. Ihre Schmerzgrenze wurde erreicht, deshalb revoltieren die Studenten und Studentinnen nun. Seit Jahren haben sich die Zustände an den heimischen Universitäten zusehends verschlechtert, der Streit um die Studiengebühren ist längst nicht mehr Hauptthema. Unabhängig davon wurden die Hörsäle voller, die Seminarplätze umkämpfter. Saßen in den 90er-Jahren 20 Studierende in einem Seminar, sind es heute oft 60 bis 80. Hinzu kommt, dass mit 1. Oktober das novellierte Universitätsgesetz (UG) in Kraft trat. Es schränkt die Rechte der Studenten ein. Die Universitäten, die viele noch in Erinnerung haben, gibt es nicht mehr. Heute müssen die Studienanfänger in vielen Fächern eine Eingangsphase bestehen, ehe sie weiterstudieren dürfen. Selbst die Bewegungsfreiheit jener, die erfolgreich strebern, ist eingeschränkt. Ein Beispiel dafür sind die freien Wahlfächer. Diese wurden eingeführt, damit angehende Akademiker Schwerpunkte in ihrer Bildung setzen und sich vertiefen können. Doch für Bachelorstudenten gibt es keine Wahlfächer mehr, nur "Erweiterungscurricula" - das sind vorgeschnürte Pakete, die ihre Auswahl einengen. "In den drei Semestern, in denen ich studiere, hat sich mein Studium massiv verändert", klagt Julian Schmid, 20, der Politikwissenschaft und VWL belegt. "Aus einem spannenden Studium, in dem ich mich vertiefen konnte, wurde ein verschultes System." Zwei Seminare, die er zuletzt besuchte, werden ihm nun nicht angerechnet. Es ist der Frust über solche Erlebnisse und die Angst um die eigene Zukunft, die die Studierenden nun ins Audimax treibt. Wer heute ein Bachelorstudium absolviert, fürchtet oftmals, keinen Platz im gewünschten Masterstudium zu bekommen. So geht es etwa der 20-jährigen Sara Scheiflinger, die Volkswirtschaftslehre an der Hauptuni studiert. "Danach möchte ich Sozioökonomie belegen. Aber ich bin unsicher, ob ich einen Platz bekomme", sagt sie. Seit diesem Semester dürfen die Universitäten qualitative Zugangsbeschränkungen für den Master auswählen. Oft geht es um ein oder zwei absolvierte Vorlesungen, die entscheiden, ob jemand Platz im Wunschstudium erhält. Zugangsbeschränkungen, weniger Wahlfreiheiten, überfüllte Lehrveranstaltungen. Junge Menschen wollen studieren, dürfen das aber nicht - oder nur begrenzt. "Die Lage muss unerträglich sein, wenn selbst die Studierenden mit ihrer hohen Anpassungsbereitschaft rebellieren", sagt Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. Er glaubt nicht, dass die Jungen von einem Tag auf den anderen politischer wurden, sondern dass ihnen die Zustände keine Wahl mehr lassen. Sie steigen auf die Barrikaden, weil sie in einem überlasteten System stecken. Wo bleibt die Diskussion dazu? In Deutschland hat die schwarz-gelbe Koalition gleich zum Antritt angekündigt, die Bildungs- und Forschungsausgaben in den nächsten vier Jahren um insgesamt zwölf Milliarden Euro zu erhöhen. Hierzulande hingegen gibt es nur Lippenbekenntnisse, Sorgen der Studenten werden derzeit ignoriert, teils wird ihr Protest sogar als Party diffamiert. Dabei sollte man den Frust der Studierenden nicht unterschätzen. Das zeigt allein die Tatsache, dass keine große Studentenorganisation wie die Hochschülerschaft hinter dem Protest steckt. Es waren einzelne Studierende, die sich kurzerhand zusammenschlossen und das Audimax besetzten. Sara Scheiflinger und Julian Schmid gehören dazu. Sie waren von Beginn an dabei, haben Flugzettel verteilt und gemerkt, wie groß das Interesse ist. "Die Leute kamen und fragten, ob sie selbst auch Flyer verteilen können", sagt Scheiflinger. Und Schmid fügt hinzu: "Normalerweise ist es so, dass hundert Flyer einen Menschen erreichen. Aber in diesem Fall erreichte ein Flyer hundert Menschen." Dieser Artikel ist im Falter 44/09 erschienen. Das obige Foto zeigt das Audimax am Tag 1 der Besetzung / Credit: Bernhard Riedmann Diese Frau ist keine Tante mehrWednesday, October 21. 2009
Helga Hauptmann ist seit 1969 Kindergärtnerin. Nur zögerlich entdeckt die Politik ihre Nöte
![]() Vier Kinder sitzen an einem runden Tisch. Sie nehmen Salzteig und Zahnstocher und basteln daraus Igel. Manche Tiere sind dick, manche dünn. Manche haben viele, manche wenige Stacheln. Die Kindergärtnerin schaut zu und hilft, wenn einer mehr Teig oder Stocher braucht. Selbstgebastelte Igel, Laternen, Sonnenblumen. Das erinnert an die eigene Kindheit. Noch immer hängen in den Kindergärten bunte Handabdrücke an der Wand, das Mobiliar ist für Zwergerln gemacht. Doch hier hat sich etwas Grundsätzliches verändert: Der Kindergarten wurde von einer Aufbewahrungsstätte zum Bildungsort. „Wir sagen nicht mehr ‚basteln‘, sondern werken“, meint Helga Hauptmann. Kaum jemand verkörpert den Wandel so gut wie sie. Als sie 1969 anfing, war sie noch „Tante Helga“ für die Kinder. Heute ist es ihr wichtig, als Kindergartenpädagogin gesehen zu werden. Seit 1996 leitet sie im zweiten Bezirk den Betriebskindergarten der Bank Austria, eine bunte, fröhliche Einrichtung der Wiener Kinderfreunde. Weniger fröhlich ging es vergangenen Samstag zu. Rund 2000 Menschen demonstrierten am Ring für besseren Lohn, mehr Freiraum für Pädagogik und kleinere Gruppen. Ihr Frust hängt mit der Geschichte des Kindergartens zusammen. Sie beginnt für Hauptmann in den 60er-Jahren. Frauen hatten damals eingeschränkte Berufsmöglichkeiten. Frisörin oder Verkäuferin wollte die heute 57-Jährige nicht werden. So wurde sie Kindergärtnerin. Mit 18 kam sie an ihren ersten Arbeitsplatz, einen Kindergarten in der Josefstadt. „Ich hatte damals 30 Kinder in meiner Gruppe. Da gab es keine Pädagogik. Ich war froh, wenn ich sie alle zum Essen brachte“, erinnert sich Hauptmann. Kindergärtnerinnen arbeiteten wie Animateure im Club Med. Sie sangen ein Lied vor, die Kleinen stimmten ein. Sie klebten etwas zusammen, die Kleinen versuchten das auch. Ob ein Kind das besonders gut oder besonders schlecht machte, für diese Frage blieb keine Zeit. Doch je mehr die Wissenschaft über die Entwicklung der Intelligenz herausfand, desto lauter wurde der Ruf nach Frühförderung. „Bis zum fünften Lebensjahr sind bereits 50 Prozent des Endpotenzials entwickelt“, sagt Hauptmann heute. Als sie in ihrem Beruf anfing, wurden Schwächen oder Störungen wie Sprachfehler, Legasthenie bei Kindern schlichtweg ignoriert. Oft reagierten Erwachsene erst, wenn die Probleme überdeutlich wurden: wenn ein Kind im Unterricht immer schlechter mitkam oder dauernd gehänselt wurde. Im Betriebskindergarten, den Helga Hauptmann leitet, achten die Pädagoginnen auf frühe Warnsignale. Wenn ein Kind Bilder immer in der falschen Reihenfolge auflegt, von rechts nach links statt von links nach rechts, kann das Legasthenie bedeuten. Dann empfehlen sie einen Besuch beim Entwicklungspsychologen. Über die Jahre lernten die Kindergärtnerinnen dazu. Immer häufiger sprachen sie über Pädagogik. Hauptmann begann sich dafür zu interessieren, besuchte einen Kurs nach dem anderen. Sie befasste sich mit Spielpädagogik, mathematischer Frühförderung, Entwicklungspsychologie. Ihre Kolleginnen von heute treten mit großen Erwartungen und Visionen an. Das Problem ist nur: Es fehlt an Geld und Personal. Der Start des Wiener Gratiskindergartens verschärft die Situation momentan. Zu viele Kinder treffen auf zu wenige Pädagoginnen. Laut Gesetz dürfen bis zu 25 Kinder in einer Gruppe sein. Dabei empfiehlt die EU, dass auf eine Pädagogin nur sechs bis acht Kinder kommen sollen. Die mangelnden Ressourcen machen Erzieherinnen mürbe. „Wir wissen, was möglich wäre“, sagt Hauptmann. Doch es fehlt an Mitteln. Allzu große Gruppen sind schlecht für Kinder und Pädagoginnen. Wenn 20 Kinder miteinander spielen, wird es laut. Das ist auch in Hauptmanns Kindergarten zu hören. Im Hof düsen die Knöpfe auf Tretrollern vorbei. Andere sausen die rote Rutsche hinab. Hauptmann ist den Stress gewohnt. Sie hat das Glück, dass ihr Betriebskindergarten mehr Personal hat, als gesetzlich vorgeschrieben wäre. Viele Einrichtungen tun sich aber schwer, Mitarbeiter zu finden. Der Job ist anstrengend, die Bezahlung schlecht, kaum ein Mann nimmt die Last in Kauf. Was verdient Helga Hauptmann nach 35 Jahren im Job? 2000 Euro netto. Wenig Geld, große Gruppen, Stress. Das sind nur Symptome, gegen die die Kindergärtnerinnen langsam ankämpfen. Letztlich geht es um die Anerkennung ihrer Arbeit mit Ein- bis Fünfjährigen, die in den letzten Jahrzehnten immer herausfordernder wurde. Kommendes Jahr könnte Hauptmann in Pension gehen. Doch sie mag ihren Kindergarten im zweiten Bezirk. Abends, als sie zusperrt, stehen 20 Igel auf dem Holztablett. Dicke, dünne, kleine, große, realistische und unförmige. Die Kindergartenpädagogin hat in ihrem Leben sicher schon hunderte Sonnenblumen, Lampions, Pappmachéherzen angefertigt und bei der Kons-truktion von tausend weiteren zugeschaut. „Es geht nicht um das Werk, es geht um den Weg dahin“, sagt sie. Als sie anfing, erwarteten sich Eltern hübsche Geschenke zum Vater- und Muttertag. Oftmals bastelten dann die Pädagoginnen Igel und Schnecken. Heute geht es darum, dass die Kinder das Bestmögliche machen und dabei lernen. Auch wenn das Ergebnis dann vielleicht ein Seeigel und kein Landigel ist. Dieser Artikel ist im Falter 42/09 erschienen. Foto: Heribert Corn Wenn nach der Schule niemand wartetWednesday, September 2. 2009
Verwahrlosung, Gewalt, Armut. Immer mehr Schüler brauchen Hilfe, aber nicht nur von Lehrern
![]() Hernals: Ein Zwölfjähriger geht von der Schule mit seinem Kumpel heim. Da fängt ihn eine Gruppe älterer Kinder ab. Sie schlagen ihn, nehmen ihm den MP3-Player ab, reißen seinem Freund das Fahrrad aus der Hand und geben es nicht zurück. Der Junge erzählt das seinem Klassenvorstand. Währing: Im Unterricht bekommen die Schüler eine Aufgabe. Sie sollen ihr jetziges Kinderzimmer und ihr Traumzimmer zeichnen. Da findet die Lehrerin heraus, dass ein Bursche gar kein Zimmer, nicht einmal ein Bett hat. Er pendelt zwischen drei Haushalten hin und her, jenem des Vaters, der Mutter und der Großmutter. Dort schläft er dann auf einer Matratze. Rudolfsheim-Fünfhaus: Ein Mädchen wendet sich nach der Stunde an den Klassenvorstand. Sie will von ihrem streng religiösen Elternhaus weg. Aber sie ist noch nicht volljährig. Ein Psychologe für 10.000 Kinder Drei Fälle, die sich an Wiener Schulen ereignet haben. Teils im Gymnasium, teils in der Hauptschule. Sie spiegeln eine Seite der Schule wider, die immer relevanter wird: ihre soziale Bedeutung. Gerade wenn es um gesellschaftliche Aufgaben abseits der Bildung geht, bekommen Lehrer wenig Hilfe. Zwar arbeiten in Wien auch Beratungslehrer und Schulpsychologen, aber die Mittel sind knapp. Insgesamt gibt es in Wien 25 Vollzeitstellen für Schulpsychologen. Auf 10.000 Kinder kommt also nur ein Psychologe. Viele Lehrer fühlen sich überfordert und überlastet. Das zeigt auch ein Bericht des Fonds Soziales Wien, der im Juli öffentlich wurde. Er beschreibt die Situation im 15. Bezirk, der für den hohen Migrantenanteil und die strukturelle Armut bekannt ist. Die „veränderte soziale Situation der Schüler“ überfordere die Lehrer. Nun kündigt die Stadtregierung ein Pilotprojekt mit Schulsozialarbeit an, im heurigen Schuljahr soll es in Rudolfsheim-Fünfhaus starten. Einen genauen Zeitpunkt gibt es noch nicht, zuerst wird eine Expertenrunde einberufen. „Wir setzen uns im September zusammen und klären: Was sind die Rahmenbedingungen? Was soll erfüllt werden?“, sagt Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ). Der Ruf nach Schulsozialarbeit wird lauter, weil sich die Gesellschaft verändert hat. In den Städten wurden viele Hauptschulen zu Auffangbecken sozialer Problemfälle. Dort sitzen dann Kinder, die anderswo nicht unterkommen oder deren Eltern das Bildungssystem überfordert. Alle anderen flüchten in die AHS, in der wiederum Kinder sitzen, die vor ein paar Jahrzehnten in der Hauptschule gelandet wären. Heute versucht man, auch leistungsschwache und mitunter lästige Schüler zu fördern, möglichst vielen die Matura zu ermöglichen. Das führt gleichzeitig dazu, dass die Heterogenität in den Gymnasialklassen und die Belastung der Lehrer gestiegen sind. Schule als Elternersatz Es wäre aber zu einfach, die neuen Anforderungen auf die Zusammensetzung der Klassen oder die vielen Migrantenkinder zu reduzieren, die oftmals aus bildungsfernen Schichten stammen. Gesamtgesellschaftlich hat sich das Familienleben verändert. „Früher gab es eine klassische Trennung: Die Familie ist für die Erziehung, die Schule für die Bildung zuständig. Heute übernimmt die Schule immer mehr die Aufgaben der Familie“, sagt Johann Bacher, Soziologe an der Johannes-Kepler-Universität in Linz. Statt nur zu unterrichten, müssen Lehrer auch einen Teil der Erziehungsarbeit leisten. „Oft bringen wir den Kindern bei, Bitte und Danke zu sagen“, erzählt Eva Posad, Lehrerin am Gymnasium Geblergasse. Quer durch die Gesellschaft haben Väter und Mütter weniger Zeit für ihre Kinder. Das liegt nicht nur daran, dass drei Viertel der Mütter erwerbstätig sind. Auch die Arbeitszeiten sind flexibler geworden. Wenn der Elektrodiskonter bis 20 Uhr offen hat, kommt Papa frühestens um 20.30 Uhr heim. „Die Schule hinkt der Gesellschaft hinterher“, meint Bacher. In seinen Augen wäre eine der wichtigsten Reaktionen darauf die Einführung der Ganztagsschule. In dieser passt das Lehrpersonal nicht nur nachmittags auf die Kinder auf, es fördert sie auch beim Lernen, kontrolliert, ob die Aufgaben gemacht wurden, und bietet Sport- und Fitnessangebote. In Finnland gibt es das schon Es gibt die großen Reformideen, um die Schule zu einem Lebensraum zu machen, der gesellschaftliche Aufgaben übernehmen kann. Und es gibt kleinere Projekte, die ein erster Schritt in diese Richtung wären, etwa die Schulsozialarbeit. Was in Wien angedacht wird, ist in anderen Bundesländern schon längst umgesetzt: An dutzenden niederösterreichischen Schulen stehen Sozialarbeiter bereit, das Angebot gibt es dort seit zehn Jahren und ist mittlerweile so gefragt, dass es eine Warteliste gibt. Auch wer in Helsinki die vielgerühmte finnische Gesamtschule besucht, wird dort nicht nur Lehrer und Direktoren antreffen, sondern zusätzliche Berufsgruppen: Das reicht vom Sonderlehrer über den Schülerberater bis hin zum Sozialarbeiter, der tageweise anwesend ist (siehe Kasten). Dass andere Disziplinen in die Schule kommen, zeigt, dass das Bildungssystem differenzierter wird. Ein natürlicher Schritt: Wenn die Gesellschaft komplexer wird und neue Erwartungen an die Schule gerichtet werden, braucht es Experten dafür. Was bringt den Schülern diese Differenzierung? Geht es nur darum, dass die Pädagogen weniger stöhnen? „Ich fände das auf jeden Fall gut“, meint Oliver K., der heute eine Gärtnerlehre abschließt. Der 18-Jährige war das, was die Bildungsbürokratie ein verhaltensauffälliges Kind nennt. Er störte permanent den Unterricht, brachte die Lehrerin zur Verzweiflung, klebte das Klassenbuch zusammen und Kaugummi auf den Sessel. Dann flog er von der Hauptschule. Ein alleingelassenes Kind Olivers Geschichte erzählt nicht nur, wie Lehrer immer öfter an solchen Jugendlichen scheitern – sondern auch, wie viel Sozialarbeit bewirken kann. Denn an seiner neuen Hauptschule besuchte der Bursche jede Woche die Schulpsychologin. „Das hat mir sehr geholfen. Wir konnten über alles, auch über private Dinge reden“, sagt er. Nach dem Rausschmiss kam er auch mit Sozialarbeitern von Back on Stage in Kontakt, der mobilen Jugendarbeit in Wien. Mit ihnen ging er Billard spielen oder ins Kino – beides Freizeitaktivitäten, die er mit seiner Mutter nie unternommen hatte. Sie erzog den Jungen allein, der Vater hatte sich schon lange aus dem Staub gemacht. Zuhause wurde der Junge ignoriert. Da gab es keine gemeinsamen Ausflüge am Wochenende wie in anderen Familien. „Ich hab meiner Mutter nicht einmal sagen müssen: ‚Du, ich komm heut nicht heim.‘ Auch nicht als ich 14 Jahre alt war“, erinnert sich Oliver. Seine Klassenkollegen beneideten ihn damals. Er hingegen hätte lieber eine Mutter gehabt, die sich um ihn sorgt. Vielleicht kann Schulsozialarbeit Jugendlichen wie Oliver helfen, noch bevor sie im System aufgefallen sind oder von der Schule fliegen. Oft sind es auch nur die kleinen Katastrophen, die die Kinder belasten und ablenken. Etwa der Streit mit der besten Freundin oder Zerwürfnisse in der Clique. Der Trägerverein Young bietet Sozialarbeit an niederösterreichischen Schulen an und führt darüber Statistik. Am häufigsten kommen Schüler wegen Problemen mit ihren Freunden. Am zweithäufigsten geht es um Gewalt. Kindern oder Jugendlichen fällt es oft leichter, an jemanden heranzutreten, der nicht ihr Lehrer ist, der sie nicht von Klasse zu Klasse begleitet und benoten muss. „Wir erreichen in der Schule Jugendliche, die sonst nie das Jugendamt aufsuchen würden“, sagt Margot Müller, Sozialarbeiterin und Geschäftsführerin von Young. Die Schule umkrempeln Österreichische Lehrer bekommen nur wenig Hilfe von außen. Auf 29 Lehrer kommt eine „pädagogisch unterstützende Kraft“. Bildungsforscher verstehen darunter zum Beispiel Beratungslehrer, Psychologen, Logopäden. Im Vergleich mit anderen OECD- und EU-Ländern ist das ein schlechtes Ergebnis. International kommt durchschnittlich eine pädagogisch unterstützende Kraft auf jeweils 16 Lehrer, ergab heuer die länderübergreifende Lehrerbefragung Talis. Die Pädagogen selbst wünschen sich eine Entlastung. Manch ein Direktor hat sogar schon die Unterstützung von Sozialarbeitern angeregt. „Wir hätten gerne einmal im Monat eine Sozialarbeiterin bei uns“, sagt Erika Tiefenbacher, Schulleiterin der Hauptschule Schopenhauerstraße im 18. Bezirk. Die Expertenrunde im September wäre eine passende Gelegenheit, über die gesellschaftlichen Veränderungen und die neuen Aufgaben der Schule zu sprechen. Denn wenn sie mehr als eine Wissenseinrichtung sein soll, muss die Schule umgekrempelt werden. Dieser Artikel ist im Falter 36/09 erschienen. Der mit den kleinen NadelstichenTuesday, May 5. 2009
Jürgen Rainer ist der Inbegriff des Lehrergewerkschafters. Wie denkt so ein Funktionär?
Fast wären die Verhandlungen an Jürgen Rainer gescheitert. Montagabend stellte er sich vor den prunkvollen Audienzsaal im Unterrichtsministerium und sagte: "Wir sind noch weit von einer Einigung entfernt." Hinter der Flügeltür saßen zu diesem Zeitpunkt noch Ministerin Claudia Schmied (SPÖ) und die Lehrervertreter. Schon Stunden zuvor war eine Einigung zwischen Schmied und der Gewerkschaft erwartet worden (siehe auch Kommentar Seite 6).Kurz vor Schluss muckte Rainer noch einmal auf. Er ist der Chefgewerkschafter der Lehrer der berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) - jener 22.000 Menschen, die etwa an Handelsakademien, HTLs oder Kindergartenschulen unterrichten. Der unauffällige Mann mit den weißen Haaren und den kräftigen Augenbrauen hat noch nie in seinem Leben so viel Aufmerksamkeit bekommen wie in den letzten Wochen. Der Boulevard diskutiert über Lehrerarbeitszeit, der Stammtisch schimpft über die Bewegungsstarre der Funktionäre. Und im ORF werden selbst Gewerkschafter aus der zweiten Reihe interviewt, solche wie Rainer. Als Hardliner hat sich der 58-Jährige in den vergangenen Wochen hervorgetan. Seine Diktion war schärfer als die seiner Kollegen. Einmal drohte er mit einem "Flächenbrand" im gesamten öffentlichen Dienst, dann kündigte er eine "Politik der kleinen Nadelstiche" an. Rainer ist der Inbegriff eines schwarzen Lehrergewerkschafters. Er gehört der Fraktion christlicher Gewerkschafter an, ist natürlich ÖVP-Mitglied. "Wenn einer im Chor singen will, muss er im Chor sein", sagt er zu den Verschränkungen zwischen Volkspartei und Gewerkschaft. Der Handelsakademielehrer hat den klassischen Hürdenlauf eines Funktionärs hinter sich: Er war Obmann des gewerkschaftlichen Betriebsausschusses an seiner Schule, leitete die Fachgruppe für Lehrende in kaufmännischen Berufen. Dann kam er nach Wien, zuerst als Dienststellenreferent, seit 2003 ist er Chefgewerkschafter. "Die Leute sind froh, wenn einer die Arbeit macht", sagt er. Folgt man seinen Ausführungen, ist seine Karriere eher Zufall: Lehrer wurde er aus finanzieller Not. Er hatte sein BWL-Studium noch nicht abgeschlossen, früh geheiratet und musste eine Familie ernähren. Also ging er an die Handelsakademie. Heute unterrichtet Rainer nicht mehr. Auch sein Aufstieg als Funktionär sei nicht geplant gewesen, sagt Rainer. Er habe langsam jene Ämter übernommen, die andere irgendwann zurücklegten. Aber das ist wohl nur die eine Seite der Geschichte. Die andere Seite zeigt einen jungen Lehrer, der früh zur Partei ging und gezielt Diskussionsveranstaltungen besuchte, um sich zu Wort zu melden und seine Debattierfähigkeiten zu schärfen. Rainer war schon ehrgeizig, als er noch im Landesschulrat der Steiermark saß. Damals wollte er vom einfachen Lehrer zum Direktor aufsteigen. Als das nicht klappte, kletterte er die Gewerkschaftsleiter empor: "Ich wollte nie die zweite Geige spielen." Bei bildungspolitischen Gesprächen bekommt Rainer einen Tunnelblick. Er sieht vor allem die Befindlichkeiten der Lehrer, alles, was ihnen schon weggenommen wurde. Auf Kritik lässt sich der Gewerkschafter oft nicht ein. Wenn man ihn zum Beispiel auf die schwarzen Schafe unter den Lehrern anspricht, die im Unterricht nur ein Video einlegen und sich zurücklehnen, sagt er: "Ich glaube nicht, dass es solche Lehrer gibt." Die pädagogischen Vorstellungen des Steirers lassen sich mit einer Illustration beschreiben. Rainer nimmt ein Blatt Papier und kritzelt darauf die Gauß'sche Kurve. Für ihn stellt sie die Intelligenzverteilung innerhalb der Bevölkerung dar. "50 Prozent haben einen IQ über hundert, 50 Prozent einen unter hundert." Anhand der Kurve erklärt er auch die Unzufriedenheit mit dem Schulsystem. "Der Grund für die Nachhilfe ist nicht, dass Lehrer versagen, sondern dass die Ziele der Eltern zu hoch gegriffen sind", sagt er. Soll heißen: Viele Kinder sind eben zu dumm. Solche Aussagen sind Grund für das schlechte Image der Lehrervertreter. Aber vieles, was Rainer sagt, wird auch in den Konferenzzimmern beklagt. Da sehen sich die Lehrer mit immer heterogeneren Klassen konfrontiert, kommen mit dem Stoff nicht durch. Der Lehrerstreit hat dazu geführt, dass die Neuanmeldungen bei der Gewerkschaft gestiegen sind. Die Beamtenvertreter sind die einzigen Gewinner im Lehrerstreit. Auch wenn es sich in dieser Montagnacht für Jürgen Rainer nicht so anfühlen mag. "Ich muss die Krot fressen. Ich bin der wahre Verlierer am Tisch", sagt er, während die Ministerin vor der Kamera steht. Er ärgert sich, dass seine BMHS-Lehrer besonders von den Zulagenkürzungen betroffen sind. Sie bekommen weniger Geld für Überstunden. Trotzdem hat Rainer letztlich zugestimmt. Er weiß: Es hätte auch noch viel schlimmer kommen können. --- Zur Person Jürgen Rainer hat BWL und dann Wirtschaftspädagogik studiert. Er ist der Gewerkschaftschef an den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS), weiters leitet er den Zentralausschuss für BMHS-Bundeslehrer. Rainer ist somit der Standesvertreter von 22.000 Lehrern Dieses Portrait ist im Falter 17/09 erschienen. Foto: Heribert Corn / www.corn.at Nach dem Lehrerstreit folgt die Schulreform. Schön wär'sWednesday, April 22. 2009 Josef Pröll hat sich den Frieden mit der Gewerkschaft teuer erkauft. Der schwarze Finanzminister hat doch noch irgendwo 240 Millionen Euro gefunden und diese dem Unterrichtsministerium zugeschanzt. Dabei hatte Pröll wochenlang wiederholt: Es gibt nicht mehr Geld, es gibt nicht mehr Geld. Die Signalwirkung des großkoalitionären Kompromisses ist nun umso fataler. Die renitenteste der Gewerkschaften wird belohnt. Und das Ministerium von Claudia Schmied bekommt mehr Geld, weil es seine Mietzahlungen hinausschieben darf.Da stellt sich die Frage, wie andere Ressorts darüber denken - bei denen auch massiv gespart wird. Im Gegensatz zu den Schulen müssen die Unis weiterhin ihre Mieten zahlen, wie kommen die dazu? Auch bei anderen Beamten muss gespart werden. Wie werden die jetzt auf die Pröll'sche Umverteilung reagieren? Dass die Lehrer Hilfe aus dem Finanzministerium bekommen haben, hängt nicht mit Sachargumenten zusammen, sondern mit dem Einfluss der Beamtengewerkschaft in der ÖVP. Also jener Partei, die bei jeder anderen Gelegenheit betont, dass alle den Gürtel enger schnallen müssen. Bis auf die Gewerkschaft gibt es im Lehrerstreit nur Verlierer: Die Ministerin wurde zum Feindbild an den Schulen, die Regierung hat gezeigt, wie löchrig so ein Globalbudget wirklich ist. Und die Lehrer sind jetzt umso mehr Buhmänner und Buhfrauen. Nun reden alle davon, dass endlich eine inhaltliche Schuldebatte geführt werden soll. Total unrealistisch. Denn am Verhandlungstisch werden wieder die selben Protagonisten Platz nehmen. Und die haben gerade sehr gut vorgeführt, zu welchen Kompromissen sie in der Lage sind. Dieser Kommentar ist im Falter 17/09 erschienen. Das obere Bild ist ein Screenshot aus der Budgetrede des Finanzministers, anzusehen auf YouTube.
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