„Ich habe es satt“Tuesday, November 3. 2009
Der Uni-Streik weitet sich aus. Wie legitim ist der Studentenprotest? Wie unerträglich sind die Zustände im Hörsaal? Ein Streitgespräch
![]() 34 Millionen Euro genügen ihnen nicht. Das Angebot von Wissenschaftsministers Hahn ist den Audimax-Besetzern zu wenig. Sie fordern eine grundsätzliche Debatte über Bildungspolitik. Der Falter lud daher zum Streitgespräch. WU-Rektor Christoph Badelt, ÖH-Chefin Sigrid Maurer, Audimax-Besetzer Julian Schmid und Bildungsforscher Erich Ribolits über mangelnde politische Visionen und Universitäten als Erfüllungsgehilfen privatwirtschaftlicher Interessen. Falter: Herr Schmid, Sie sind seit Tag eins bei der Audimax-Besetzung dabei. Warum? Julian Schmid: Die Situation wurde für uns Studierende in den vergangenen zehn Jahren immer unerträglicher. Nun geht es einerseits um sehr aktuelle, konkrete Probleme wie die Studieneingangsphasen, die Knock-out-Prüfungen ermöglichen. Oder die Zugangsbeschränkungen für Masterstudien, bei denen Leute fürchten müssen, mit einem minderwertigen Bachelortitel auf den Arbeitsmarkt geschmissen zu werden. Andererseits geht es aber auch ganz generell um den Bologna-Prozess, also die gesamteuropäische Perspektive und die zunehmende Ökonomisierung der Bildung, die der Uni ihre Lebendigkeit nimmt. Herr Badelt, haben Sie Verständnis für diese Anliegen? Christoph Badelt: Teilweise. Wir haben seit Jahrzehnten eine krasse Unterfinanzierung der Universitäten. Das führt zu sehr schlechten Studienbedingungen in mehreren Fächern. Insgesamt sind ein Viertel der Studierenden davon betroffen. Andererseits glaube ich, dass der Bologna-Prozess eine wirkliche Chance für die Europäisierung und Internationalisierung der Ausbildung ist. Sie werden als potenzieller Nachfolger von ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn gehandelt. Würde Sie das Amt angesichts des universitären Flächenbrands überhaupt reizen? ![]() Christoph Badelt, 58, ist Rektor der Wirtschaftsuniversität und Vorsitzender der Universitätenkonferenz Frau Maurer, wie fänden Sie denn einen Wissenschaftsminister namens Christoph Badelt? Sigrid Maurer: Na ja. Grundsätzlich ist es reizvoll, da er sich im System auskennt. Gleichzeitig haben wir diametral entgegengesetzte Ansichten zu Themen wie Bildungszugang und Studiengebühren. Herr Badelt, Sie sind für Zugangsbeschränkungen an den Unis. Damit würden Sie den freien Hochschulzugang doch letztlich abschaffen. Badelt: Das ist eine Unterstellung. Meine Position ist erstens: Wir brauchen eine höhere Akademikerquote. Zweitens brauchen wir eine kostendeckende Finanzierung der Universitäten, die Kapazitäten einplant. Nur dort, wo die Kapazitäten nicht ausreichen, muss der Zugang geregelt werden. Maurer: Aber das ist doch der falsche Schluss! Anstatt den Zugang zu beschränken, müssen mehr Studienplätze angeboten werden. Badelt: Ja, aber Faktum ist, dass pro Jahr 6000 junge Menschen an der WU studieren wollen und dass Sie diesen Leuten vorgaukeln, hier sei eh alles wunderbar. Später kommen diese Studenten dann drauf, dass dem nicht so ist, sie sind frustriert und demonstrieren. Derzeit werden die Studierenden hinausgeprüft und hinausgeekelt. Das ist ein unwürdiger Zustand, gegen den ich ankämpfe. Schmid: Für mich klingt das sehr stark nach kommunistischer Planwirtschaft. Wer kann heute seriös entscheiden, wie viele Studienplätze heute und welche Akademiker in 20 Jahren benötigt werden? Es muss einfach mehr Geld ins Bildungssystem. Und da erwarte ich mir, dass sich die Universitätenkonferenz vor die Regierung stellt und von Faymann, Pröll und dem künftigen Wissenschaftsminister mehr Geld für Bildung fordert. Badelt: Sie unterstellen mir Dinge, die ich nie gesagt habe. Ich teile Ihre Meinung, dass man nicht prognostizieren kann, wie viele Studienplätze in der Kommunikationswissenschaft oder den Wirtschaftswissenschaften in 20 Jahren gebraucht werden. Aber es muss festgesetzt werden, wie viel Platz eine Institution bietet. Das ist in Mittelschulen, Kindergärten und Fachhochschulen nicht anders. Die Politik muss klar definieren, wie viele Ausbildungsplätze sie in den verschiedenen Studien anbietet. ![]() Sigrid Maurer, 24, ist Vorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft Badelt: Zum Beispiel. In Folge müsste man dann eine sachliche Diskussion darüber führen, ob auch jeder das studieren können soll, was er studieren möchte. Herr Ribolits, ist aus Sicht des Bildungsforschers eine Studienplatzbewirtschaftung tatsächlich notwendig? Erich Ribolits: Ich würde es nicht in den Vordergrund stellen. Wir haben in Österreich bei Gott nicht zu viele Akademiker, nicht einmal zu viele Maturanten. Es wäre also in erster Linie notwendig, das System auszubauen. Früher oder später wird man auch über vernünftige Formen der Steuerung reden müssen. Was würde es denn kosten, wenn man jedem Studierenden sein Wunschstudium finanzierte? Badelt: Die WU hat ein jährliches Gesamtbudget von 95 Millionen Euro. Wir haben aber heute ungefähr viermal mehr Studienanfänger als vorhandene Plätze. Das heißt, Sie müssten diese Universität noch dreimal zusätzlich bauen. Und das betrifft nur die WU. Die Universitätenkonferenz fordert daher, dass zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts ins Hochschulbudget, inklusive den Fachhochschulen, fließen. Das würde auch der Empfehlung der Europäischen Union entsprechen. Aber dafür bräuchten wir eine Milliarde Euro mehr pro Jahr. Schmid: Mich stört diese Verlogenheit des ganzen Systems. Sie selbst haben in den 70er-Jahren studiert. Damals konnte das auch mein Vater tun, weil Bruno Kreisky die Studiengebühren abgeschafft hat. Minister Hahn war selbst elf Jahre lang Bummelstudent. In der Zwischenzeit hat sich die Wirtschaftsleistung Österreichs verdoppelt, aber Sie und Minister Hahn stellen sich jetzt vor mich und meine Generation hin und sagen: Es ist kein Geld mehr da. Badelt: Das habe ich nicht gesagt. Ich könnte Ihnen dutzende Beispiele nennen, bei denen aus meiner Sicht Steuergeld verschleudert wird. Von der Neuwagenprämie bis hin zum Koralmtunnel. ![]() Julian Schmid, 20, studiert VWL und Politikwissenschaft und nimmt seit Beginn an der Besetzung des Audimax teil Badelt: Aber Sie fordern von der Politik eben nicht nur Geld, sondern tausend andere Sachen auch, die ich nicht unterstützen kann. Ginge es nur um Geld und bessere Ausbildungsbedingungen, dann stünde ich sofort neben ihnen in der ersten Reihe auf der Straße. An welchen Punkten stoßen Sie sich konkret? Badelt: Dass die Studieneingangsphase abgeschafft werden soll. Das jetzige Auswahlverfahren ist unwürdig, menschenverachtend und bildungspolitisch verrückt. Daher will ich eine Studieneingangsphase, bei der nicht an einem ganz bestimmten Tag festgelegt wird, wer weiterstudieren darf, sondern bei der nach einer gewissen Zeit ein Querschnitt der Inhalte geprüft wird. Ich glaube, dass wir uns hinsichtlich der gesellschaftspolitischen Ziele wenig unterscheiden, dass wir möglichst viele Leute in die höhere Ausbildung bringen wollen, und zwar aus allen sozialen Schichten. Ich sage Ihnen aber eines: Ich bin jetzt sieben Jahre lang Rektor und war davor vier Jahre lang Vizerektor. Ich habe es satt, dass mir alle möglichen Politiker versprechen: Wenn wir einmal an die Macht kommen, gibt es mehr Geld für die Unis. Und derweil werden die Verhältnisse hier immer katastrophaler. Schmid: Aber es ist kein Ende dieser Politik absehbar. Und deswegen brauchen wir jetzt den Schulterschluss. Noch einmal zurück zur grundsätzlichen Forderung der Studenten: keine Zugangsbeschränkungen, keine Studiengebühren und ein ausreichendes Lehrangebot für alle. Wäre das für den Staat leistbar? Badelt: Das weiß ich nicht. Warum hat das nie jemand berechnet? Das ist doch absurd. Badelt: Weil die Frage, wie viele Studierende wir in Österreich haben sollen, aufgrund der Diktion des freien Hochschulzugangs immer tabuisiert wurde. Es rechnete nie jemand nach, was das das System kostet. Man ließ sich immer überraschen, was auf uns zukommt. Wenn wir das heutige Budget der WU pro Studierenden hernehmen, haben wir ungefähr die Hälfte dessen, was die Fachhochschulstudiengänge bekommen, obwohl diese nicht denselben Forschungsauftrag haben wie wir. Wir bekommen also ungefähr nur ein Viertel dessen, was wir bekommen müssten. Die Uni-Debatte wird vom finanziellen Aspekt dominiert. Vergessen wir dabei auf andere wichtige Fragen? ![]() Erich Ribolits, 61, ist Bildungsforscher an der Universität Wien Aber befasst sich die Politik überhaupt mit so grundsätzlichen Überlegungen, gibt es da auch eine gesellschaftspolitische Vision? Maurer: Die Politik unterliegt bloßem outputorientiertem Denken. Es geht nie um die Frage, welchen Mehrwert Universitäten für die Stabilität einer Gesellschaft haben können. Es geht immer nur um Effizienz und niedrige Drop-out-Quoten, die in Österreich im Übrigen gar nicht so schlecht sind. Politiker scheint allein der wirtschaftliche Nutzen, den ein Studierender bringt, zu interessieren. Das ist die Denkweise im Ministerium. Und die greift zu kurz. Badelt: Auch auf die Gefahr hin, wieder als Epigone von Johannes Hahn verstanden zu werden, möchte ich festhalten: Ich glaube schon, dass der Minister eine Vision von Bildung verfolgt, auch wenn ich diese Vision nicht vollständig teile. Er möchte ja das Studium beim Bachelor weiter verschulen und erst beim Master weiter vertiefen. Schmid: Auch ich möchte dem Minister eine gewisse Vision nicht absprechen, nur für viele Studenten handelt es sich da um eine Horrorvision. Die Art und Weise, wie er den Bologna-Prozess umsetzt, macht die Universitäten zu Erfüllungsgehilfen privatwirtschaftlicher Interessen. Badelt: Ich kann ihre Sorgen teilweise nachvollziehen. Aber als Rektor der WU kann ich mich der Forderung „Bildung statt Ausbildung“ nicht anschließen. 90 Prozent meiner Studierenden wollen einen guten Job, und den möchte ich ihnen ermöglichen. Nehmen wir an, die Regierung würde eine Bildungsmilliarde anbieten. Ribolits: Das wäre ein Anfang. Es würde allerdings den grundsätzlichen Charakter der Bewegung im Audimax ziemlich beschneiden. Denn die großen Probleme, wie die zunehmende Ökonomisierung und Verschulung der Unis, würden wieder nicht gelöst. Freie Wahlfächer wurden mit dem Bologna-Prozess praktisch abgeschafft. Die Möglichkeit einer individuellen Studiengestaltung hat stark abgenommen. Begrüßen Sie das? Badelt: Es ist der Preis, den man zahlt, wenn Studierende nach drei Jahren mit einem Bachelortitel erfolgreich in den Arbeitsmarkt können sollen. Julian Schmid, Sie sind vom Bologna-System selbst auch betroffen, Sie sind Bachelorstudent. Schmid: Ich studiere Politikwissenschaften auf der Hauptuniversität und wollte auf der WU das Fach Sozialpolitik belegen. Selbst dieses Fach konnte ich mir aber nicht anrechnen lassen. Genau darin liegt das Problem: Das Bologna-System, das die Europäisierung und Flexibilisierung der Hochschulen verspricht, ist eine Mär. Man kann nicht einmal innerhalb derselben Stadt flexibel zwischen den Instituten wählen. Badelt: Aber das ist nicht die Schuld von Bologna. Schmid: Stimmt. Man könnte das Bologna-System ja grundsätzlich begrüßen, aber die Art der Umsetzung macht das Studieren in vielen Fächern nicht mehr möglich. Badelt: Da gibt es in der Tat Probleme. Das muss künftig viel flexibler gehandhabt werden können. Herr Badelt, wie soll die Universität in zehn Jahren aussehen? Dieses Streitgespräch ist im Falter 45/09 erschienen. Moderation gemeinsam mit Martin Gantner. Fotos: Heribert Corn & Daniel Novotny Sie wünschen sich also eine Uni, die im internationalen Wettbewerb bestehen kann? Badelt: Natürlich. Maurer: Auch wir wollen gute Wissenschaft, die internationalen Rankings arbeiten aber mit fragwürdigen Kriterien. Nur weil eine Universität in den letzten Jahren ein paar Nobelpreisträger hervorgebracht hat, ist sie noch lange nicht die beste Uni der Welt. Der Fokus muss der sein, dass wir so vielen Menschen wie möglich den Zugang zur Bildung ermöglichen und dass auch soziale Durchlässigkeit gegeben ist. In den letzten zwei Wochen ist der Eindruck entstanden, dass die ÖH zu einem Zaungast dieser Bewegung degradiert wurde. Schmid: Hier wird von Politik und Medien der Versuch unternommen, ÖH und Audimax-Plenum auseinanderzudividieren. Wir haben im Plenum beschlossen, dass genau das nicht passieren soll. Aber die ÖH vertritt das Plenum nicht. Maurer: Nein. Wir als ÖH sind schließlich dazu da, 250.000 Studierende in ganz Österreich zu vertreten. Aber warum konnte die Hochschülerschaft nicht selbst so einen Protest aufstellen, wie das im Audimax klappte. Maurer: Das Spannende an diesem Protest ist, dass er wie ein Netzwerk ohne Führung funktioniert, und das hält ihn am Leben. Ribolits: Es gab in der Vergangenheit ja bereits ähnliche Besetzungen. Denken Sie an jene in Hainburg. Eine spontane Bewegung, die im Übrigen dadurch umgebracht wurde, dass man sie an den Verhandlungstisch geholt hat. Ich finde die gegenwärtige Konstellation daher durchaus sinnvoll. Auf der einen Seite die politisch legitimierte ÖH, auf der anderen Seite die soziale Bewegung, die wir im Audimax erleben. Letztere können ganz andere Forderungen stellen. Wie soll der Konflikt dann aber gelöst werden? Maurer: Wer sagt, dass dieser Konflikt gelöst werden muss? Der Protest soll schließlich der Beginn eines längeren Prozesses sein. Schmid: Dem stimme ich zu. Wir fordern nichts weniger als einen fundamentalen Wechsel in der Bildungspolitik. Und bis das erreicht ist, bleiben wir im Audimax. Das ist mehr als nur eine PartyWednesday, October 28. 2009
Diese Studentengeneration will studieren, darf es aber nicht. Deswegen steigt sie nun auf die Barrikaden
![]() Kein Politiker, kein Journalist, kein Rektor hatte es kommen sehen. Vergangenen Donnerstag besetzten hunderte Studierende das Audimax, halten dort seither die Stellung und fordern mehr Geld sowie ein Umdenken von ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn. Ihre Schmerzgrenze wurde erreicht, deshalb revoltieren die Studenten und Studentinnen nun. Seit Jahren haben sich die Zustände an den heimischen Universitäten zusehends verschlechtert, der Streit um die Studiengebühren ist längst nicht mehr Hauptthema. Unabhängig davon wurden die Hörsäle voller, die Seminarplätze umkämpfter. Saßen in den 90er-Jahren 20 Studierende in einem Seminar, sind es heute oft 60 bis 80. Hinzu kommt, dass mit 1. Oktober das novellierte Universitätsgesetz (UG) in Kraft trat. Es schränkt die Rechte der Studenten ein. Die Universitäten, die viele noch in Erinnerung haben, gibt es nicht mehr. Heute müssen die Studienanfänger in vielen Fächern eine Eingangsphase bestehen, ehe sie weiterstudieren dürfen. Selbst die Bewegungsfreiheit jener, die erfolgreich strebern, ist eingeschränkt. Ein Beispiel dafür sind die freien Wahlfächer. Diese wurden eingeführt, damit angehende Akademiker Schwerpunkte in ihrer Bildung setzen und sich vertiefen können. Doch für Bachelorstudenten gibt es keine Wahlfächer mehr, nur "Erweiterungscurricula" - das sind vorgeschnürte Pakete, die ihre Auswahl einengen. "In den drei Semestern, in denen ich studiere, hat sich mein Studium massiv verändert", klagt Julian Schmid, 20, der Politikwissenschaft und VWL belegt. "Aus einem spannenden Studium, in dem ich mich vertiefen konnte, wurde ein verschultes System." Zwei Seminare, die er zuletzt besuchte, werden ihm nun nicht angerechnet. Es ist der Frust über solche Erlebnisse und die Angst um die eigene Zukunft, die die Studierenden nun ins Audimax treibt. Wer heute ein Bachelorstudium absolviert, fürchtet oftmals, keinen Platz im gewünschten Masterstudium zu bekommen. So geht es etwa der 20-jährigen Sara Scheiflinger, die Volkswirtschaftslehre an der Hauptuni studiert. "Danach möchte ich Sozioökonomie belegen. Aber ich bin unsicher, ob ich einen Platz bekomme", sagt sie. Seit diesem Semester dürfen die Universitäten qualitative Zugangsbeschränkungen für den Master auswählen. Oft geht es um ein oder zwei absolvierte Vorlesungen, die entscheiden, ob jemand Platz im Wunschstudium erhält. Zugangsbeschränkungen, weniger Wahlfreiheiten, überfüllte Lehrveranstaltungen. Junge Menschen wollen studieren, dürfen das aber nicht - oder nur begrenzt. "Die Lage muss unerträglich sein, wenn selbst die Studierenden mit ihrer hohen Anpassungsbereitschaft rebellieren", sagt Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. Er glaubt nicht, dass die Jungen von einem Tag auf den anderen politischer wurden, sondern dass ihnen die Zustände keine Wahl mehr lassen. Sie steigen auf die Barrikaden, weil sie in einem überlasteten System stecken. Wo bleibt die Diskussion dazu? In Deutschland hat die schwarz-gelbe Koalition gleich zum Antritt angekündigt, die Bildungs- und Forschungsausgaben in den nächsten vier Jahren um insgesamt zwölf Milliarden Euro zu erhöhen. Hierzulande hingegen gibt es nur Lippenbekenntnisse, Sorgen der Studenten werden derzeit ignoriert, teils wird ihr Protest sogar als Party diffamiert. Dabei sollte man den Frust der Studierenden nicht unterschätzen. Das zeigt allein die Tatsache, dass keine große Studentenorganisation wie die Hochschülerschaft hinter dem Protest steckt. Es waren einzelne Studierende, die sich kurzerhand zusammenschlossen und das Audimax besetzten. Sara Scheiflinger und Julian Schmid gehören dazu. Sie waren von Beginn an dabei, haben Flugzettel verteilt und gemerkt, wie groß das Interesse ist. "Die Leute kamen und fragten, ob sie selbst auch Flyer verteilen können", sagt Scheiflinger. Und Schmid fügt hinzu: "Normalerweise ist es so, dass hundert Flyer einen Menschen erreichen. Aber in diesem Fall erreichte ein Flyer hundert Menschen." Dieser Artikel ist im Falter 44/09 erschienen. Das obige Foto zeigt das Audimax am Tag 1 der Besetzung / Credit: Bernhard Riedmann Wieso hat ein Polizist auf Sie eingeprügelt, Herr Zendron?Tuesday, May 5. 2009![]() Traditionell marschiert die KPÖ am 1. Mai in Linz auf. Diesmal endete die Demo mit fünf Festnahmen und einigen Verletzten. Die Polizei macht dafür vermummte Demonstranten verantwortlich, die KPÖ Polizeiübergriffe. Ein ORF-Video zeigt einen Polizisten, der mehrfach mit einem Schlagstock auf einen Mann einschlägt. Das Prügelopfer ist Rainer Zendron, Vizerektor der Linzer Kunst-Uni. Wie ist es zur Eskalation gekommen? Ich habe selbst nicht so viel mitbekommen. Ich wollte dem Demonstrationszug vom Hauptplatz aus zusehen - wie ich das jedes Jahr tue. Als die KPÖ nicht daherkam, bin ich der Demonstration entgegenmarschiert, bis zum Sammelpunkt in der Blumau. Dort stießen Sie auf Polizei? Ja, sie hatten einige Demonstranten eingekesselt. Die Polizei sagt, dass einige vermummt waren, ich habe aber keine Vermummten gesehen. Mein Eindruck war eher, dass es der Polizei um Provokation ging. Wie meinen Sie das? Es hieß: Der KPÖ-Zug darf erst losgehen, wenn alle Eingekesselten ihren Namen abgeben und sich fotografieren lassen. Dann habe ich gesehen, wie ein Polizist eine Frau verhaften wollte. Ich bin dort hingegangen, um etwas zu sagen. Aber so weit bin ich gar nicht gekommen. Die Polizisten haben mich niedergestoßen. Der Niedergeknüppelte im Video, das sind Sie? Ja, aber in der Situation habe ich das gar nicht gespürt. Wahrscheinlich wegen des Adrenalinrausches. Ich habe mich am Boden zusammengerollt, um mich zu schützen. Dann haben sie mir Handschellen angelegt und mich verhaftet. Das Ganze hat nur fünf Minuten gedauert. Wann wurden Sie wieder freigelassen? Am Abend. Ich wurde wegen versuchtem Widerstand gegen die Staatsgewalt angezeigt. Ich bedaure aber nicht, dass es mich erwischte. Denn normalerweise trifft so etwas Leute, die man leicht als Randalierer abtut. Am Apparat ist die Telefonkolumne des Falter. Dieses Interview ist in Ausgabe 19/09 erschienen. Das Bild ist ein Screenshot aus dem besagten ORF-Video. /// Update: Rainer Zendron hat seine Funktion als Vizerektor der Kunstuni Linz bis zur Klärung des Sachverhalts ruhend gestellt
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