Generation NeonTuesday, May 18. 2010
Andere Magazine verlieren Leser, Neon legt trotz Wirtschaftskrise an Auflage zu. Wie das junge Lifestyle-Magazin das schafft
![]() Für Sabine Jenewein ist das Leben vor allem eines: ungewiss. Will sie nach dem Studium nach Indien gehen und dort Kindern Deutsch beibringen? Will sie Lehrerin an einer Wiener Schule werden oder ins ländliche Tirol zurück? Oder will sie ganz etwas anderes machen? „Es gibt so viele Möglichkeiten. Und in meinem Bekanntenkreis fragt sich jeder: Mach ich das Richtige? Will ich etwas anderes machen?“, sagt die 21-Jährige. Weil sie unsicher ist, liest sie Neon. Das Monatsmagazin ist eine der jüngsten Erfolgsgeschichten am deutschen Zeitschriftenmarkt. Und das, obwohl es erst neulich mit gefälschten Interviews Schlagzeilen machte. Neon spricht junge Erwachsene wie die Tirolerin Jenewein an, die sich irgendwo zwischen Einführungsvorlesung und den ersten Erfolgen im Berufsleben, zwischen Nestflucht und eigener Familiengründung befinden. Ausgabe für Ausgabe signalisiert das Magazin: Ich verstehe dich, du bist nicht allein mit deinen Hoffnungen und Zukunftssorgen. Auf dem angeschlagenen deutschen Printmarkt sind viele Herausgeber schon glücklich, wenn sie wenigstens keine Leser verlieren. Renommierte Zeitungen wie die Süddeutsche streichen Stellen, viele Anzeigen sind längst ins Internet abgewandert, dorthin, wo die Jungen sind. Zumindest könnte man das glauben. Neon ist der Beweis, dass junge Erwachsene sehr wohl noch Zeitungen kaufen. Das Magazin stellt Fragen, über die viele abends mit ihren Freunden diskutieren oder insgeheim nachdenken: Bin ich ein böser Mensch, wenn ich meinem besten Freund den Erfolg nicht vergönne? Was tut man, wenn man beim Zusammenziehen stilistisch völlig auseinander liegt? Woran erkenne ich, dass ich das Falsche studiere? „Es gibt immer einen Artikel, bei dem ich mir denke: Das spricht mir aus der Seele“, sagt Jenewein, sie steht stellvertretend für viele andere Neon-Käufer: etwa den 31-jährigen PR-Fachmann Stefan, der über die lustigen Rubriken schmunzelt, und den 19-jährigen Maturanten Daniel, der sich für die „Problemchen“ seiner Altersgruppe interessiert. In Deutschland hat Neon laut Media-Analyse 930.000 Leser, der Verkauf steigt in Zeiten der Krise. Aber geht es dem Heft um Auflage oder um Aufklärung? Kann man es als Bravo für Bobos abtun?Das Konzept entwickelten Münchner Journalisten – mit dem Geld des Gruner+Jahr-Verlags erschien 2003 die erste Nummer. Neon ist mainstreamig, das Cover gefällig. Vielleicht ist es aber mehr als der Versuch, Mittzwanzigern bedrucktes Papier anzudrehen. Vielleicht ist es sogar die Zukunft des Magazinmarkts: für jedes Lebensgefühl die richtige Publikation. Man muss nur wissen, worüber sich die jeweilige Zielgruppe den Kopf zerbricht. Darin ist Timm Klotzek Experte. Er hat Neon mitentwickelt, ist mit Michael Ebert Chefredakteur und sitzt in seinem Büro in der Münchner Redaktion. Gegenüber liegt der triste Parkplatz eines Diskonters. Wäre da nicht das Logo von Gruner+Jahr, kein Mensch würde glauben, dass ausgerechnet hier, in diesem unscheinbaren Bürohaus außerhalb des Stadtzentrums, das Hochglanzmagazin entsteht. „Neonartig ist ein eigener Begriff geworden“, sagt Klotzek, „Wir haben eine eigene Art der Fotografie, einen identifikatorischen Journalismus, bei dem die Leute nicken und sagen können:, Verstehe ich, das geht mir genauso.‘“ Der Chefredakteur ist 37, also älter als die eigentliche Zielgruppe, und hat bereits Kinder. Er kann aber viel über die klassischen Neon-Leser erzählen: Sie wollen im Leben vorankommen, irgendwann haben sie es satt, auf WG-Partys die Schuhe auszuziehen und Chili con Carne zu essen. „Gleichzeitig fahren sie durch eine Vorstadt, wo diese Doppelhaushälften mit Garage stehen, und denken sich:, Oh Gott, bei mir ist es auch bald so weit, so wollte ich doch niemals enden.‘“ Die Schwierigkeit des Erwachsenwerdens beschreibt auch die 21-Jährige Jenewein. Sie erzählt von ihren Eltern in der Tiroler Heimat, die eine Lehre machten, früh heirateten, Kinder kriegten, ein Haus bauten. Viele 20- bis 30-Jährige sehen das Leben ihrer Eltern und können damit nichts anfangen. Das war schon vor 50 Jahren so, nur hat sich diese Phase der existenziellen Unsicherheit und des Selbstfindungsprozesses verlängert. Die gesellschaftliche Sicherheit bröckelte Stück für Stück weg. Der Job? Nur ein Praktikum. Heiraten? Wer weiß, ob das hält. Kinder? Vielleicht in fünf Jahren. Aus diesem Gefühl heraus entstand der Neon-Slogan: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden.“ Eine Zeit lang war das auch die Unterzeile am Cover.Neon greift Themen auf, die Mittzwanziger beschäftigen. Die gerechte Verteilung zwischen Frauen und Männern beispielsweise. Aber da wird nicht mehr die Abtreibungsdebatte der 70er-Jahre geführt, sondern über den Sexismus 2.0 berichtet. „Im Internet kocht und häkelt die Frau, das große Wort führt der Mann“, schreibt Neon. Und Leserinnen wie Sabine Jenewein nicken. Ja, das stört sie auch. Freilich bietet Neon einen Mix aus Erklärjournalismus, Unterhaltungselementen, gefälliger Popberichterstattung und politischen Reportagen. Vor allem ist es aber Identifikationsfläche. Bereits beim Cover wird darauf geachtet, dass die hübschen Menschen natürlich aussehen. Bildchef Jakob Feigl setzt nur behutsam Photoshop ein. „Man muss das Gefühl haben, man ist auf Augenhöhe“, meint er. Oft schauen die Fotos aus, als handle es sich um Schnappschüsse von der letzten Party. Tatsächlich engagiert das Magazin renommierte Fotografen, der Großteil der abgedruckten Bilder wird eigens für das Blatt geschossen. Überraschend ist, dass vor Neon keiner diese Lücke am Medienmarkt besetzte. Im Gegenteil: Neon entstand erst, nachdem sein Vorgängermagazin gescheitert war. Die Süddeutsche stellte 2002 ihre beliebte Jugendbeilage Jetzt ein, auch 8000 Protestunterschriften und eine Demonstration änderten nichts daran. Klotzek und der Großteil des Neon-Gründungsteams arbeiteten damals dort, dann trat die Stern-Chefredaktion, die zu Gruner+Jahr gehört, an sie heran. Sie bekamen die Chance, ein neues Magazin zu entwerfen. 2006 wurden Klotzek und Ebert vom Medium Magazin als „Journalisten des Jahres“ ausgezeichnet. Über den Medienmarkt sagt dieser Erfolg viel aus. In den letzten Jahren werden Publikationen zunehmend für ein spezielles Publikum maßgeschneidert. Zuletzt brachte Gruner+Jahr gleich drei Lifestyle-Magazine für Männer heraus: Beef legt besonderen Wert auf deftiges Kochen, Gala Men auf Mode, Business Punk auf Wirtschaft. „Ich glaube, in absehbarer Zeit wird es keine riesigen Zeitschriften mehr geben. Es wird kleiner, spezifischer“, sagt Klotzek. Er selbst hat das Neon-Prinzip nun weiterentwickelt und leitet auch Nido, ein Magazin speziell für junge Eltern. Wieder geht es um Lebensgefühljournalismus: Statt die besten Kinderwägen zu testen, wird laut darüber nachgedacht, ob die eigenen Kinder das Sexleben zerstören. Natürlich kann man sich über diese Art von Journalismus lustigmachen. Nido, das Magazin für die Restsexualität junger Eltern, Business Punk, die Bravo für BWL-Studenten. Einige Kollegen zeigen offen ihre Häme. „Manche finden, es sei ein Zeitgeistblättchen für eine merkwürdig unpolitische Generation. So wichtig für die Aufklärung des Abendlands wie ein Actimel-Joghurt“, schrieb etwa der Spiegel. Andere Journalisten verwundert diese Kritik: „Natürlich ist das kein Spiegel für Junge“, sagt Armin Wolf. Der ORF-Moderator analysierte für seine Master-Arbeit die politische Berichterstattung von Neon. „Das sind solide Geschichten, die auch im Stern oder im Profil stehen könnten“, meint er. Für ein Lifestyle-Magazin behandelt Neon überraschend viele Politikthemen, es fliegt seine Journalisten eigens nach Gaza, Pakistan oder New Orleans, wo diese manchmal wochenlang an Reportagen recherchieren. Der Vorwurf, Neon sei unpolitisch, stimmt und ist falsch zugleich. Das Blatt kann in diesem Punkt nicht mit Nachrichtenmagazinen konkurrieren, aber es ist schon etwas förderlicher für die Aufklärung als ein Joghurt-Drink. Einen Skandal hat Neon in sieben Jahren erlebt: den Fall Ingo Mocek. Der Journalist schrieb über Popmusik und sollte Stars wie Beyoncé Knowles oder Snoop Dogg interviewen. Stattdessen erfand er Passagen oder ganze Gespräche. Als das im März aufflog, entließ ihn Neon. Die Chefredaktion trat selbst an die Leser. „Es gibt überhaupt kein Interesse, das zu vertuschen“, meint Klotzek, „wir haben gesagt:, Da ist was ganz Schlimmes bei uns passiert, da gibt es nichts schönzureden.‘“ Das Hochglanzmagazin leistet sich als eine von wenigen deutschen Redaktionen eine eigene Dokumentation. Das heißt, jedes Fakt in jedem Artikel wird von einer Mitarbeiterin noch einmal überprüft. Der entlassene Journalist habe die Kollegen hinters Licht geführt, sagt der Chefredakteur. Gleichzeitig hat Neon bei freien Autoren nach wie vor einen guten Ruf, hier werden angemessene Honorare und Recherchereisen bezahlt. Für die großen Reportagen gibt es mitunter vierstellige Summen. Mittlerweile eine Ausnahme, selbst in der deutschen Medienbranche.Das ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum Neon funktioniert. Hier findet kein billiger Schmuddeljournalismus statt wie in vielen anderen Lifestyle-Publikationen. Zwischen Gesichtscremetests und bezahlten Kosmetikinseraten verwischt dort oft die Grenze zwischen unabhängiger Berichterstattung und Werbung. Viele Artikel sind vorhersehbar. Angeblich interessieren sich Frauen im Winter für Keksebacken und im Sommer für die Bikinidiät. Männer hingegen schauen Sport und trainieren den nicht vorhandenen Waschbrettbauch. Oder wie Timm Klotzek das sagt: „Der Frauenmagazinmarkt funktioniert über Psychodruck. Die sagen:, So hat dein Kleiderschrank auszuschauen, so dein Hintern, so dein Sexleben.‘ Die Männerzeitschriften sind hingegen in der Regel so ein bisschen schmierig. Wenn Besuch kommt, der einem wichtig ist, räumen viele das Männermagazin vom Couchtisch.“ Mit solchen Zeitungen kann auch Neon-Leserin Sabine Jenewein nichts anfangen. „Die besten Modetipps für den Sommer? Das hat nichts mit meinem Leben zu tun“, sagt sie. So banal die Lektion klingen mag, so sehr ergibt sie Sinn: Medien sind dann ganz besonders erfolgreich, wenn sie an den Lebensalltag der Menschen andocken. Und wenn einen zwischendurch ein paar sympathische Gesichter anlachen, schadet das auch nicht. ------------------- Neon in Zahlen ------------------- 231.136 Stück wurden im Schnitt im ersten Quartal 2010 verkauft 124.940 Exemplare waren es fünf Jahre zuvor, das ist eine Steigerung um 85 Prozent 2003 erschien das Magazin erstmals 34 Mitarbeiter zählt die Redaktion heute 20 bis 35 Jahre alt sind die meisten Leser 2 Chefredakteure gibt es, Timm Klotzek und Michael Ebert Dieser Artikel ist im Falter 19/10 erschienen. Illustration: Bianca Tschaikner / Cover: Neon Eine heiße Aktion endet am kalten MorgenSunday, January 10. 2010
Das Audimax ist geräumt. Anders als in Deutschland wurden die Studierenden verhöhnt. Ein Schaden für alle
![]() Security, Polizei, Ausweiskontrollen: Es war kein Flughafen oder Gefängnis, das vergangenen Montag solcherart gesichert wurde, sondern das Hauptgebäude der Uni Wien. Frühmorgens, um 6.30 Uhr, endete die Audimax-Besetzung. Rektor Georg Winckler hatte die Polizei herbeigerufen, damit das Auditorium Maximum „aus Sicherheitsgründen“ geräumt werde. 80 Obdachlose und 15 Studierende wurden aus dem Saal gewiesen. Eine Sprecherin erklärte, es habe Brandgefahr bestanden. Die heißeste politische Aktion dieses Jahres endete also an einem eiskalten Dezembermorgen. Ohne Randale, ohne Zugeständnisse der Politik, ohne Weihnachtsfrieden wie vor 25 Jahren in der Hainburger Au – aber auch ohne nennenswerten Widerstand seitens der verbliebenen Studierenden. Sie wirkten müde. In den letzten Tagen hat sich die Bewegung aufgerieben, geschwächt und gespalten. Was bleibt übrig vom Audimaxismus? Zunächst machte er einer zunehmend interessierten Öffentlichkeit klar, wie die Freiheit an den Hochschulstudien mittlerweile eingeengt wurde, wie viel Geld den Unis fehlte. Rektoren und ÖH kritisieren das schon seit Jahren. Erst der lauten und modern vernetzten Masse der Studierenden war es gelungen, die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit darauf zu lenken. Die Politik aber ignorierte das Problem. Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) tauchte ab, selbst als tausende junge Menschen für Bildung demonstrierten. Offenen Diskussionen stellte sich der neue EU-Kommissar kaum. „Ich habe hinreichend Maßnahmen eingeleitet“, sagte er dem Standard und verwies auf 34 Millionen Euro, die er aus einem Notbudget lockermachte. Die Rektoren hatten eine Bildungsmilliarde gefordert. Der Streit ums Geld überlagerte die Debatte: Die Audimaxisten kritisierten dabei auch strukturelle Probleme, die Umsetzung des Bologna-Prozesses etwa. Die europaweite Vereinheitlichung des Hochschulsektors führte ihrer Meinung nach nicht nur zu neuen Bachelor- und Masterstudiengängen, sondern auch zu stromlinienförmiger Ausbildung und weniger Wahlfreiheit im Studium. Die Unis sollen im Eiltempo arbeitsmarkttaugliche Bachelors ausspucken, und das zum Minimaltarif. Die Studenten trafen mit ihrer Kritik an der europäischen Bildungspolitik (und ihrer nationalen Umsetzung) einen Nerv, nicht nur hierzulande. Der Audimaxismus breitete sich über die Grenzen aus, in Rom, Köln, Kopenhagen wurden Hörsäle besetzt. Gerade der internationale Vergleich ist spannend, weil er den Blick auf die Mechanismen von Politik und Medien freigibt: Während die Demonstranten bei uns schnell als „Randalierer“ und „Basiswappler“ verspottet wurden, nahmen deutsche Politiker die Anliegen ihrer Studenten ernst. Dabei hatte ihr Protest später begonnen und er fiel weniger intensiv aus als hierzulande. Die deutschen Studenten verbuchten zumindest Teilerfolge: Die Kultusminister der 16 Bundesländer forderten von den Hochschulen eine Reform des umstrittenen Bachelorstudiums. An der deutschen Umsetzung bemängelten die Betroffenen insbesondere, dass die Arbeitsbelastungen und die Zahl der Prüfungen dadurch enorm gestiegen waren. In beiden Punkten springt ihnen nun die Politik zur Seite. Auf Bundesebene gestand Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) eine Unterfinanzierung der Unis und Probleme bei der Einführung des Bachelors ein. Natürlich sind die deutschen Versprechen mit Vorsicht zu genießen. Ungeklärt ist zum Beispiel die Finanzierungsfrage zwischen Bund und Ländern. Trotzdem haben die deutschen Bildungspolitiker reagiert und Verantwortung übernommen – ganz anders als die abgetauchten österreichischen Kollegen. Auch die Medien haben sich in Österreich anders Verhalten. Sogar liberal gesinnte Journalisten diffamierten – anders als ihre Kollegen in Deutschland – den Protest von Anfang an. Während Wiener Leitartikler nur eine „Freak-Show“ oder „Tupperware-Partys“ im Audimax erkennen konnten, rief die deutsche Zeit: „Nieder mit Bologna!“ Die konservative FAZ verkündete: „Die Bologna-Blase ist geplatzt.“ Und sogar die Bild forderte Studierende auf, ihren Frust online zu artikulieren. In Deutschland, so die für Wien so bittere Erkenntnis, gibt es Journalisten, die etwas zu sagen haben, und Politiker, die reagieren. Daran, nicht am fehlenden Geld, scheiterte der Audimaxismus in erster Linie. Den Schaden tragen nicht nur Bildungspolitik und Gesellschaft, sondern auch die Politik selbst. Kein Koalitionsmitglied darf noch über Politikverdrossenheit oder Jungwählerschwund klagen, wenn so mit berechtigtem Protest junger Menschen umgegangen wird. Die ausgebliebene Bildungsdebatte ist also eine vergebene Chance, das war bereits in den letzten Wochen absehbar. Die Räumung des Audimax hat somit sogar etwas Positives. Sie ist eine Zäsur, sie fordert die Studierenden auf, über ihre Ziele und ihre praktische Umsetzung nachzudenken. Es fehlte ihnen etwa die Exitstrategie. Forderungen wie die Abschaffung der Zugangsbeschränkungen oder die Ausfinanzierung jedes Studienplatzes hatten die Audimaxisten bald gefunden. Doch auf ein Ausstiegsszenario, bei dem sie zumindest ein bisschen dazugewinnen konnten, einigten sie sich nicht. Im letzten Plenum konnten sich die Besetzer der Uni Wien nur noch darauf verständigen, dass sie Hilfe für die Obdachlosen wollen. Das kann nicht das einzige Anliegen einer Unibewegung sein. Rektor Winckler hat mit der Räumung des Hörsaals den Studierenden nun eine Verschnaufpause verschafft. Die Weihnachtsfeiertage werden viele Audimaxisten dafür nützen, den Hörsaal auch gedanklich zu verlassen, um neue und frische Protestformen zu entwickeln. Dieser Artikel ist im Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 52/09 erschienen. Foto: Peter Fuchs, APEX Was niemand sehen sollWednesday, June 17. 2009
Deutschland sperrt Seiten mit Kinderpornografie. Wie wirksam ist die Zensur im Namen des Opferschutzes?
Der heimische Internetuser kann sich frei im Web bewegen. Er tippt eine Adresse ein - und schon landet er auf der gewünschten Webseite. Egal, ob es sich dabei um eine harmlose Seite wie Wikipedia oder um eine mit Kinderpornografie handelt.Doch so grenzenlos wie das Internet bei uns erscheint, ist es nicht überall - auch nicht in einigen demokratischen Staaten. Länder wie Norwegen, Italien, Großbritannien oder die USA haben Zugangssperren für Webseiten errichtet, auf denen pornografisches Material von Minderjährigen liegt. Jetzt wird auch Deutschland aktiv. Die schwarz-rote Regierung hat bereits einen Vertrag mit den fünf größten Internetanbietern abgeschlossen. Spätestens ab Herbst werden sie den Aufruf von Kinderpornoseiten blockieren. Wer dann eine Adresse mit einschlägigen Bildern oder Videos ansteuert, soll umgeleitet werden - zu einem roten Stoppschild. Gleichzeitig arbeitet die Regierung an einem Gesetz zur Bekämpfung der Kinderpornografie im Internet. Es soll eine rechtliche Grundlage schaffen, dass Internetprovider zukünftig auch gar keine Wahl haben, ob sie Webseiten abriegeln wollen oder nicht. Auch in Österreich wird der Ruf nach Sperren lauter. Der oberösterreichische Landtag hat Anfang Mai einstimmig die Bundesregierung aufgefordert, nach deutschem Vorbild Zensurlisten einzuführen. Justizministerin Claudia Bandion-Ortner (ÖVP) verfolgt die Debatte ebenfalls mit Interesse. Sie hat gleich nach ihrem Antritt als Ressortleiterin den Schutz von Kindern zu ihrem Lieblingsthema erkoren. Eine Gesetzesänderung hat sie schon durchgebracht: Ab Juni wird nicht nur der Besitz, sondern bereits das Betrachten von Kinderpornografie im Internet strafbar. In den letzten Jahren nahmen die Meldungen von kriminellen Bildern und Videos Minderjähriger zu. Vergangenes Jahr verzeichnete das Innenministerium fast 3000 verwertbare Hinweise. Acht Jahre zuvor waren es noch rund 600 Fälle gewesen. Es handelt sich nicht nur um Aufnahmen von Jugendlichen - die Bilder zeigen auch Kleinkinder und Babys. Wie gefragt solche Seiten sind, zeigte zuletzt die "Operation Sledgehammer". Da loggte die Polizei drei Tage lang mit. 1500 Österreicher griffen in dieser Zeit auf eine Webseite mit Kinderpornografie zu. Trotz der gesellschaftlichen Ächtung von Kinderpornografie, gibt es laute Kritik an den Internetsperren. Kritiker fürchten, dass auch andere Seiten blockiert werden könnten - sogar ohne richterliche Genehmigung. Hinzu kommt, dass die Websperren technisch leicht zu knacken sind. Denn die Blockaden lassen sich alle umgehen - besonders unwirksam ist die deutsche Methode mittels sogenannter DNS-Sperren. Auf Youtube kursieren bereits Videos mit Titeln wie: "Internetsperre umgehen in 27 Sekunden". Professionell agierende Pädophile werden die Websperren dabei gar nicht wahrnehmen: Sie agieren in viel uneinsichtigeren Winkeln des Internets, tauschen in geschlossenen Gruppen ihre Bilder aus und nutzen Verschlüsselungstechnik. Die Kritik an den Sperren kommt vor allem von der Netzcommunity. "Zugangssperren einzuführen, das ist, als würde man ein Melanom mit Make-up abdecken", meint Andreas Wildberger, Generalsekretär der ISPA, dem Verband der österreichischen Internetprovider. Er hält es für wichtiger, Webseiten mit kriminellem Inhalt gänzlich aus dem Netz zu entfernen als nur den Zugang dazu einzuschränken. Dieser Weg wird in Österreich bereits beschritten: Seit elf Jahren gibt es die Stopline, eine Meldestelle für Kinderpornoseiten. Sie versucht, durch internationale Vernetzung Inhalte aus dem Web zu drängen. Dolch Meldestellen wie die Stopline stoßen in jenen Ländern an ihre Grenzen, in denen es keinen ausreichenden Opferschutz gibt. In der Debatte geht es aber nicht nur um den Kampf gegen Kinderpornografie. Den Kritikern geht es vor allem um die Informationsfreiheit. "Man schafft mit Kinderpornosperren eine Zensurinfrastruktur", meint Wildberger. Eine berechtigte Sorge? Immer wieder werden Sperrlisten aus anderen Staaten bekannt - und darauf finden sich nicht nur Kinderpornoseiten. Auf der australischen Liste landeten etwa auch Glücksspielangebote. In Schweden erwog die Polizei, das Onlineportal The Pirate Bay zu blockieren. Die Seite ist keine Anlaufstelle für Pädophile, sondern für Raubkopierer. Die Diskussion in Deutschland zeigt, dass sich Lobbyisten aus anderen Bereichen ebenfalls für Netzzensur interessieren. So begrüßte Dieter Gorny vom deutschen Bundesverband der Musikindustrie die Pläne der Regierung und sagte: "Es geht um gesellschaftlich gewünschte Regulierung im Internet, dazu gehört auch der Schutz des geistigen Eigentums." Online-Casinos, Hardcore-Pornos, Download-Portale. Im Internet gibt es einige Angebote, die großen Teilen der Gesellschaft missfallen. Die Idee, ein sauberes Internet zu schaffen, ist dabei nicht neu. Sie wird seit Jahren von autoritären Ländern wie China propagiert. Mit diesem Argument blockieren die Behörden dort auch den Internetauftritt von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International. Der Unterschied zwischen China und westlichen Demokratien mit Websperre ist freilich riesig. Aber gerade dann, wenn die Kontrolle an der staatlichen Zensur fehlt, gibt es Kritik. Und das ist auch in Deutschland der Fall: Die große Koalition plant in ihrem Gesetzesentwurf, dass Ermittler selbst bestimmen, welche Webseiten auf der Kinderpornoliste landen. Kein Richter bekäme demnach das Dokument zu Gesicht oder müsste es absegnen. Selbst Befürworter von Internetsperren kritisieren die fehlende Kontrolle der Exekutive. "Das Problem ist, dass man sich wenig Mühe gegeben hat, die Angst derjenigen zu nehmen, die eine Zensur fürchten", meint etwa Medienforscherin Korinna Kuhnen, die das Buch "Kinderpornographie und Internet" verfasst hat. Wie die Debatte im Bundestag ausgeht, beeinflusst auch die österreichische Politik - und wird darüber mitentscheiden, wie laut die Rufe nach eingeschränkter Bewegungsfreiheit im Netz werden. Dieser Artikel ist im Falter 21/09 erschienen. Bild: Deutsches Familienministerium Wallraff, ein Mann mit MissionTuesday, December 16. 2008 Günter Wallraff berichtet von den neuen Abgründen des Arbeitsmarkts. Eine Begegnung in WienGünter Wallraff könnte sich zurücklehnen und nur mehr Geschichten erzählen. Wie er sich in den 70er-Jahren als Hans Esser verkleidet in die Bild-Lokalredaktion einschlich oder wie er in den 80ern die Rolle von Ali Levent Sinirlioglu, dem türkischen Gastarbeiter, annahm. In 38 Sprachen wurde sein Buch „Ganz unten“ übersetzt, in dem er beschreibt, wie er als Ali die Drecksarbeit der Deutschen machte. Die Schweden haben ihm mit einer Wortneuschöpfung sogar ein Denkmal gesetzt: „Wallraffa“ nennen es die Skandinavier, wenn ein Journalist unter falscher Identität recherchiert. Wallraffen, das tut der 66-Jährige noch heute. Der hagere Mann mit Oberlippenbart und Brille erzählt gerne vor Publikum, wie er sich in große Konzerne einschleicht. Seit einem Jahr publiziert der Journalist wieder in der Zeit, berichtet von den betrügerischen Geschäften im Callcenter oder vom menschenverachtenden Umgang mit den Mitarbeitern einer Brotbackfabrik. Vergangene Woche besuchte er Wien auf Einladung des Renner-Instituts. Noch immer zieht der Mann, der Hans Esser war, das Publikum an. Der Saal ist bis zur letzten Reihe gefüllt. Wallraff liest vor, wie er sich in die Brotfabrik hineinschmuggelte, wie er am Fließband die Aufbackbrötchen für Lidl abpackte. Wie er sich gleich am ersten Tag die Hand am heißen Blech verbrannte. Der Schichtleiter zeigte kein Mitleid dafür. „Ihr seid billiger als neue Bleche“, erklärte er die Unternehmensphilosophie. Es sind Sätze wie dieser, die Wallraff antreiben. Seine Reportagen zeichnen sich nicht unbedingt dadurch aus, dass er Skandale aufdeckt. Er macht viel eher alltägliche Ausbeutung plastisch sichtbar. „Wenn ich etwas selber erlebe, habe ich eine ganz andere Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit, als wenn ich es vom Hörensagen erfahre“, meint Wallraff. Er sei schon in der Schule schlecht in abstrakten Fächern gewesen, wollte den Inhalt lieber „spüren“. Aber es steckt nicht nur journalistische Neugier, sondern auch politische Überzeugung in diesem Mann, der sich freiwillig wie Dreck behandeln lässt. Wallraff ist halb Journalist, halb Aktivist. In der Brötchenfabrik wollte er beispielsweise einen Streik anzetteln. Wallraff ist ein überzeugter Linker, der sich dann besonders freut, wenn er die Unbarmherzigkeit von Kapitalisten decouvriert. Bei der Veranstaltung erzählt er eine sehr bezeichnende Anekdote: In den 70ern recherchierte er im Versicherungshaus Gerling, setzte sich eines Tages in Botenuniform zum Mittagstisch der Direktoren. „Das endete damit, dass der Vorstandsdirektor zu mir sagte:, Sehen Sie mal, das ist wie im Tierreich. Da frisst erst einmal der männliche Löwe, und was er übriglässt, das kriegt die Löwin mit den Jungen. Und danach kommen die Schakale dran. Ich würde sagen, das ist gewachsen. Das ist Natur.‘“ Wallraff nahm diese Aussage damals auf Tonband auf. Er lacht noch heute, wenn er sich zurückerinnert, wie er das Band einem Massenpublikum vorspielte. Die Auseinandersetzung mit den Angstmachern gefällt Wallraff. Dafür geht er Risiken ein. Als er in den 70ern in Griechenland gegen die Militärdiktatur demonstriert, wird er aufgegriffen und gefoltert. Als in den 90ern der deutsche Geschäftsmann Helmut Hofer im Iran gesteinigt werden soll, will Wallraff heimlich an seiner Stelle ins Gefängnis. Heute ist er froh, dass Hofer doch noch freigelassen wurde: „Aber es hätte mir sogar Spaß gemacht, mich mit so einem Terrorregime anzulegen. Die hätten mich wahrscheinlich nicht umgebracht, aber es hätte mich eine Zeitlang bei Laune gehalten.“ So umtriebig wie Wallraff ist, wundert es einen, dass es zwischendurch so ruhig um ihn geworden war. Der Journalist war krank, wurde an der Bandscheibe operiert, musste das Gehen neu erlernen. Heute läuft er Marathon. Warum er wieder Reportagen schreibt? „Die Situation ist danach. Es ist schlimmer als zu Beginn meiner Arbeit. Die Angst geht in den Betrieben um. Da werde ich gebraucht.“ Wallraff meint das ernst. Er glaubt, dass es auf ihn ankommt. „Meine Arbeit hat bewusstseinsverändernde Wirkung“, meint er. Noch heute werde er von der türkischen Bevölkerung auf das Buch „Ganz unten“ angesprochen, das bei vielen Gastarbeitern ein neues Selbstvertrauen geweckt habe. Auch in der Brotbackfabrik, die Lidl beliefert, bekommen die Arbeiter nun 24 Prozent mehr Lohn. Ein paar Jahre will er noch recherchieren. 2009 erscheinen ein neues Buch mit Reportagen und ein Kinofilm, für den Wallraff mit versteckter Kamera filmte. Gleichzeitig bereitet er sich auf eine Zeit vor, wenn die Verkleidung im Schrank bleibt. Gemeinsam mit der deutschen Gewerkschaft will er eine Stiftung für junge Journalisten begründen, die im Wallraff-Stil Missstände aufdecken. „Ich muss daran denken, wer in meine Rolle schlüpft, wenn ich das Ganze altersbedingt nicht mehr schaffe.“ Dieser Text ist im Falter 51/08 erschienen.
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