Ein Pirat erzählt von seinem TagwerkWednesday, September 1. 2010
Peter Sunde droht ein Jahr Haft, weil er mit seinem Download-Portal Pirate Bay einen Millionenschaden verursacht haben soll. Nun plant er den nächsten Coup
Für die einen ist er ein Verbrecher, ein Dieb. Für die anderen ein Held und Vordenker des Internets. Der 31-jährige Schwede Peter Sunde ist einer der Gründer der Website The Pirate Bay. Sie ermöglicht Usern, Filme, Serien oder Musik runterzuladen, ohne einen Cent dafür zu zahlen. In einem Gerichtsverfahren, das international Aufmerksamkeit erhielt, wurden Sunde und seine drei Kollegen in Schweden zu einem Jahr Haft und 2,7 Millionen Euro Schadenersatz verurteilt – das Urteil ist nicht rechtskräftig.Sunde sagt, er lasse sich davon nicht beirren, er kämpfe gegen das Urteil an und ist sich keiner Schuld bewusst. Nun will er ein zweites Mal das Web auf den Kopf stellen und hat den Bezahldienst Flattr gestartet. Bei diesem können User kleine Beträge an Blogs oder Webdienste spenden. Über sein neues Projekt, faire Bezahlung im Netz und über seine Vorstellung des Urheberrechts wird Sunde am Donnerstag in Wien diskutieren. Schon vorab hat sein Besuch für Aufregung gesorgt: Der geladene Vertreter der Film- und Musikindustrie hat seine Teilnahme an der Veranstaltung abgesagt. Falter: Herr Sunde, Sie sind laut Gericht Komplize bei unzähligen Urheberrechtsverletzungen. Deswegen will Werner Müller von der Musik- und Filmindustrie nicht mit Ihnen auf einem Podium sitzen und diskutieren. Was antworten Sie ihm? Peter Sunde: Er hat abgesagt, weil er es wahrscheinlich schwer hätte, diese Diskussion mit mir zu gewinnen. Ich bin auf der Seite des Volkes, er ist auf der Seite des Geldes. Das ist wohl der Grund. Herr Müller sieht das anders. Er will nicht mit einem „strafrechtlich verurteilten“ Piraten reden. Sie wurden immerhin zu einem Jahr Haft verurteilt. Sunde: Dieses Urteil ist nicht rechtskräftig. Bevor es kein rechtskräftiges Urteil gibt, bin ich ebenso wenig verurteilt wie Herr Müller. Wir haben das erstinstanzliche Urteil angefochten, und ich bin mir sicher, dass wir das Verfahren gewinnen werden. Wenn nicht in zweiter Instanz, dann höchstgerichtlich. Bevor wir The Pirate Bay starteten, haben wir uns rechtlich schlau gemacht. Es gibt einige ähnliche Fälle in Schweden, wo kein Rechtsverstoß festgestellt wurde. Viele Musiker oder Filmstudios darben dahin, während potenzielle Kunden Raubkopien downloaden und nichts zahlen. Auch mithilfe der Pirate Bay. Das soll fair sein? Sunde: Alle Studien zeigen: Wenn Menschen downloaden, entwickeln sie ein stärkeres Interesse für Musik und Filme. Sie geben mehr Geld für Kultur aus. Und es gibt viele Künstler, die anfangs ihre Musik gratis anbieten, damit sie bekannter werden und daraufhin Geld verdienen. Viele Musiker stellen ihre Lieder aber ganz bewusst nicht gratis ins Internet. Das passiert ohne deren Zustimmung. Sunde: In aller Fairness: Das wird man nicht stoppen können. So funktioniert das Internet nun mal, so sind wir Menschen. Ich habe von meinen Freunden immer Musik kopiert, auch als es nur Kassetten gab. Kopieren ist Teil der menschlichen Natur. Wer den Austausch im Internet stoppen will, müsste alles abdrehen und nur noch einzelne Dienste zulassen, die rund um die Uhr überwacht werden. Wieso das denn? Sunde: Ein freies Internet bedeutet, dass niemand die Webaktivitäten überwachen kann. Wenn man den Datenaustausch verhindern will, muss man das gesamte Internet permanent kontrollieren. Filesharing findet auf unterschiedliche Weise statt, nicht nur über BitTorrent- oder FTP-Dienste. Wenn Sie nur eine Art der Technologie sperren, funktioniert das nicht. Dann wechseln wir einfach zu anderen Technologien. Entweder Sie haben ein offenes Internet oder ein Netzwerk, das totalitär kontrolliert wird. Wollen Sie also das Urheberrecht zur Gänze abschaffen? Sunde: Darum geht es gar nicht. Das Urheberrecht soll an die heutige Welt angeglichen werden. Die Leute reden nur ungern über Urheberrecht, weil das so ein sprödes Thema ist. Das führt dazu, dass die großen Konzerne aufmarschieren und ihre Bedingungen diktieren können. Am Ende werden die Leute verarscht. Beim Copyright sollte es aber in erster Linie darum gehen, was gut für die Gesellschaft ist, und erst in zweiter Linie um die Firmen. Sie reden von „großen Konzernen“, die die Leute „verarschen“. Es ist doch völlig legitim, dass Mitarbeiter einer Plattenfirma auch Geld verdienen wollen. Sunde: Ich rede auch nicht von den Arbeitern in den guten Firmen. Die sollten ein Einkommen haben. Das ist nicht das Problem. Die Situation ist unfair. In Schweden gibt es vier große Plattenfirmen. Wenn man einen Song herausbringen will, muss man mit ihnen einen Vertrag abschließen, seine Seele verkaufen und 95 Prozent aller Einnahmen abgeben. Das sind Sklavenverträge. Die Leute, die tatsächlich etwas kreieren, verdienen nicht an der Musik. Sie verdienen ihr Geld auf anderem Weg. Zum Beispiel mit Konzerten. Und was wäre Ihre Lösung für dieses „Sklavensystem“, von dem Sie sprechen? Sunde: Wir hören andauernd, wie viel Geld die Tonträgerindustrie verliert. Aber sie verliert nicht tatsächlich Geld, sie macht nur weniger Gewinn. Wir sollten nicht mehr darüber reden, wie die Geld machen können. Wir sollten lieber darüber reden, wie sich mehr und mehr Menschen an Kultur oder an Musik beteiligen können. Nun haben Sie Flattr gegründet. Dort spendet man kleine Beiträge an Blogger oder Onlinezeitungen. Wollen Sie so die Leute stärker involvieren? Sunde: Ja, denn jeder beteiligt sich gern an etwas, was er mag. Wenn man auf ein Konzert geht, kauft man das T-Shirt. Nicht weil das T-Shirt so toll aussieht, sondern weil es ein Symbol ist, wofür man steht. Ich glaube, mit Flattr ist das ähnlich. Man zeigt jemandem, dass man ihn mag, indem man ihm „flattert“. Im Wesentlichen ist das der Grund, warum Flattr funktionieren könnte. Es spricht das menschliche Bedürfnis an, an Dingen teilzuhaben. Es ist eine der Erkenntnisse der Pirate Bay, dass im Internet niemand für Inhalte zahlt, weil es keine simplen und fairen Bezahlmodelle gibt. Bei all den Unmengen an Information lässt sich nur noch schwer ein Preis festsetzen. Die großen Firmen verlangen Summen, die die Leute nicht zahlen. Der Konsument soll also selbst entscheiden, was ihm Inhalte wert sind? Und das soll funktionieren? Sunde: Ja, wir können längst nicht mehr für alle Informationen zahlen, die wir konsumieren wollen oder müssen. Deswegen müssen wir den Wert von Information überdenken. Im Netz ist zwar alles frei erhältlich, darum ist das Internet so mächtig. Trotzdem kann man Lösungen finden, um weiterhin Geld zu verdienen. Ihre Lösung lautet? Sunde: Sie zahlen im Monat einen kleinen Betrag, mindestens zwei Euro, bei uns ein. Dann gehen Sie ins Internet, wenn Sie einen Eintrag mit einem Flattr-Knopf finden, können Sie darauf klicken. Am Ende des Monats rechnen wir aus, auf wie viele Knöpfe Sie gedrückt haben, und teilen das Geld dann gleichmäßig auf. Das Geld kann an jene gehen, die ein Video erstellt haben, die einen Artikel in einer Onlinezeitung, einen Blogeintrag oder sogar einen Kommentar auf einen Blogeintrag geschrieben haben. Die Idee ist: Jeder kann auf seiner Webseite den Flattr-Knopf anbringen. Und jeder, der sich bei Flattr registriert, kann Geld hergeben und empfangen. Und zehn Prozent aller Transaktionen gehen an Sie. Sunde: Das sind die Betriebskosten für Flattr, unsere Mitarbeiter und Server kosten Geld. Aber wir möchten diese Provision herabsetzen. Wir fangen mit zehn Prozent an und senken es mit der Zeit, zum Beispiel auf fünf Prozent. Das ist psychologisch besser, als mit zwei Prozent anzufangen und dann auf fünf Prozent zu gehen. Welche Webseiten machen da mit? Sunde: Noch sind wir in einer Testphase, großteils sind es Blogs. Aber auch einige größere Webangebote machen mit. Zum Beispiel die deutschen Zeitungen taz und der Freitag, oder Wikileaks. Bei hunderttausenden Online-Angeboten können Sie bereits den Flattr-Knopf drücken. Und unsere Mitglieder werden immer mehr. Im Moment haben wir ungefähr 30.000 User. Die taz nahm im Juli 1420 Euro über Flattr ein. Davon kann doch keine Zeitung leben. Sunde: Flattr wurde nicht für große Firmen konzipiert, die etliche Mitarbeiter anstellen. Es geht vielmehr um normale Leute und kleine Organisationen. Der deutsche Podcaster Tim Pritlove hat im Juli mehr als 1000 Euro eingenommen. Für eine einzelne Person ist das viel Geld. Aber es geht nicht nur ums Finanzielle, sondern auch um die Wertschätzung. Die Leute bekommen Anerkennung. Blogger sollen davon leben können? Sunde: Das Modell der Zukunft ist wohl, dass es viele Modelle geben wird. Wer Geld machen will, muss verschiedene Einnahmequellen finden. Da gibt es noch einen ganz anderen Trend: Immer mehr Zeitungen wollen ihre Onlinenachrichten nicht mehr herschenken. Rupert Murdoch verlangt etwa ein Pfund für den Zugang zur Webseite der Times. Sunde: Er unterschätzt dabei den Wettbewerb. Ich finde das sogar ein bisschen arrogant. Den Leuten ist die Zeitungsinformation nicht mehr so viel wert. Wahrscheinlich werden die treuen Leser anfangs Geld zahlen und sich am Ende aufregen, weil es das anderswo gratis gibt. Ich glaube, die Times wird dadurch Leser und letztlich ihre Marktposition verlieren. Das ist eine kurzsichtige Strategie, besser wäre es, einen Weg zu finden, dass jeder für alles zahlt. Zum Beispiel eine Art freiwillige Steuer. Inhalte einzusperren, das funktioniert im Internet nicht. Nehmen wir an, der Konsument kann selbst den Preis festlegen. Dann konsumieren die Leute vielleicht mehr und mehr, zahlen aber weniger und weniger. Sunde: Die meisten, die mit dem Internet aufwuchsen, zahlen schon heute nichts mehr. Bei steigendem Wettbewerb fallen normalerweise die Preise. Im Internet fiel der Preis sogar auf null. Mit dieser Lösung würden die Einnahmen wieder steigen, weniger als null kann es nicht sein. Meinen Sie das ernst: Man soll froh sein, dass man Krümel verdient, weil es könnte noch weniger sein? Sunde: Nein, es geht nicht nur um ein bisschen Geld. All die kleinen Beträge werden sich insgesamt zu einer riesigen Summe addieren. Die Menschen geben auch immer mehr Geld aus, nur kaufen sie damit physische Dinge wie Gewand, Handys oder Konzerttickets. Wir müssen Wege finden, dass sie einen Teil ihres Geldes ins Internet stecken. Ein Zeitungssterben ist schon heute zu bemerken – was nützt es, wenn alle fleißig flattern, aber nur ein paar Cent spenden? Sunde: Dieses Zeitungssterben kommt sowieso, das gehört zum technologischen Wandel dazu. Viele Zeitungen sollten tatsächlich sterben, weil sie nicht mehr in die heutige Ordnung passen. Man kann nicht wie Murdoch sagen: „So stelle ich mir die Welt vor.“ Diese Macht hat er nicht mehr, sie wurde ihm weggenommen und den Leuten zurückgegeben. Er muss sich an seine Leser anpassen, nicht umgekehrt. Das bringt der technologische Wandel mit sich. In Schweden sind heute die meisten Zeitungen gratis, weil die U-Bahn-Zeitung plötzlich gratis auflag. Das Internet hat dazu geführt, dass jeder selbst kreativ werden kann. Jeder kann sein Wort verbreiten. Ich glaube, dass Blogs künftig einflussreicher und fachkundiger werden. Und dann bleiben uns nur noch ganz wenige Zeitungen und noch weniger Journalisten, die anständig recherchieren. Soll so das Ergebnis ausschauen? Sunde: Ich bezweifle Ihre Prognose. Es ist doch offensichtlich, dass die Leute bereit sind zu zahlen. Wir zahlen zum Beispiel Steuern. Ich selbst bin ein großer Fan des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, weil es wahrscheinlich das beste Instrument zur Wahrheitsfindung ist. Bezahlinhalte wie jene von Murdoch sind hingegen unausgewogen, sie berücksichtigen das politische Interesse ihres Eigentümers. Vielleicht sollten wir weniger übers Geldverdienen nachdenken und mehr darüber, wer dieses Geld verdient. Zur Person Peter Sunde gründete gemeinsam mit Gottfrid Svartholm und Fredrik Neij die Pirate Bay. Er wurde wegen Mithilfe zu Copyright-Verletzung erstinstanzlich verurteilt, das Urteil ist nicht rechtskräftig. Heuer startete er den Bezahldienst Flattr. The Pirate Bay startete 2003 und ist eine der populärsten Anlaufstellen für Internetpiraten. Sie funktioniert wie eine Suchmaschine, über die Downloader Zugang zu urheberrechtlich geschützten Filmen und Musik erhalten Flattr wurde heuer gestartet und ist ein sogenannter „Micropayment“-Dienst. User zahlen Beträge ein und können Geld an Blogger oder andere Onlineangebote spenden. Peter Sunde und Linus Olsson gründeten den Dienst, noch befindet er sich in einer Testphase Die Diskussion Die Grünen veranstalten das Sommergespräch „Kunst im digitalen Zeitalter“. Am Podium sitzen der grüne Nationalratsabgeordnete Wolfgang Zinggl, DJane Electric Indigo, die grüne Europaparlamentarierin Eva Lichtenberger und Peter Sunde. Die Veranstaltung ist auf Englisch, Eintritt gratis Do., 19.8., 19 Uhr im Museumsquartier Hof 8 Dieses Interview ist im Falter 33/10 erschienen. Diese Kolumne wurde in Ausgabe 33/10 veröffentlicht. Bild: Josephine Olsson (Kopimi Lizenz) Das Ende der PiratenpartyTuesday, June 15. 2010
Den Downloadern geht es in Europa an den Kragen. Aber lassen sie sich den Gratisspaß im Internet verderben?
Mon dieu! Vor diesem Moment graute den französischen Internetpiraten. Sie öffneten kürzlich ihr elektronisches Postfach und sahen das E-Mail des Kulturministeriums: „Erste Verwarnung“ stand im Betreff. Bei diesem Anblick zuckt wohl jeder Pirat zusammen. Er weiß: Jetzt hat ihn der Staat ertappt, jetzt befindet er sich im Visier der Internetkontrolleure.In Frankreich trat Anfang des Jahres ein strenges Gesetz in Kraft: Wer dreimal beim Download ertappt wird, verliert seinen Internetzugang. Vielleicht wird er sogar für ein ganzes Jahr gesperrt. „Three Strikes Out“ heißt das Modell. Die konservative Regierung von Nicolas Sarkozy kennt kein Pardon beim rechtswidrigen Filesharing, also dem Gratis-Austausch von Musik, Serien und Filmen über das Internet. Die „digitale Guillotine“ nennen Kritiker diese Regelung. Aber nicht nur in Frankreich, in einigen europäischen Ländern sind die Sheriffs im Vormarsch. England plant ein ähnliches System wie Paris. In Irland sperrt der größte Internetprovider Downloader nach dem Three-Strikes-Modell aus. In Brüssel schlägt ein neuer Bericht eine härtere Gangart gegenüber den Datendieben vor. Diese europäische Diskussion ist auch für Österreich bedeutend, immerhin muss es sich in seinem Urheberrecht an die Richtlinien der EU halten. Seit gut zehn Jahren erfreut sich das rechtswidrige Filesharing im Internet großer Popularität. 1999 startete die Musiktauschbörse Napster. Aber im Vergleich zu den Datenmengen, die die User heute aus dem Netz saugen, war Napster harmlos. Damals saß man stundenlang vor dem Computer, um sich ein paar Songs zu besorgen. Heute landen Alben, vielleicht sogar das gesamte Lebenswerk eines Künstlers innerhalb weniger Minuten am Rechner. Nicht nur den Musiklabels werden die Files geklaut. Das neue Eminem-Album kursierte zwei Wochen vor dem Erscheinungstermin im Netz, vergangenes Jahr tauchte der Action-Blockbuster „Wolverine“ in Tauschbörsen auf, da waren noch nicht einmal alle Special Effects eingefügt. „Was 1999 für die Musikindustrie war, ist das Jahr 2010 für Hollywood. Das Downloaden von Filmen wird immer populärer“, meint Eric Garland von der Marktforschungsfirma BigChampagne. Filesharing nimmt nach wie vor zu, vor allem wächst die Nachfrage nach Spielfilmen, Serien und Videospielen – und auch nach elektronischen Büchern. Denn mit neuen Lesegeräten wie Apples iPad und Amazons Kindle wird das Kopieren von Gedrucktem leichter. „Ganz klar: Wir haben ein Problem“, meint Marielle Gallo. Die konservative französische Abgeordnete ist die Galionsfigur der Brüsseler Urheberrechtsrächer. Sie hat jenen Bericht verfasst, der nun für Diskussion sorgt und im Juli im Europaparlament landet. Gallo sagt, das europäische Urheberrecht sei zahnlos: „Der Bericht ist ein Startschuss für die Debatte, es geht darum, stärker über Urheberrechtsverletzungen nachzudenken.“ Mit einer Diskussion allein hätten Sozialdemokraten, Grüne und Linke im Europaparlament kein Problem. Aber sie fürchten, dass das Dokument die Vorarbeit zu härteren Sanktionen gegen private Filesharer ist. Wenn Gallos derzeitiger Entwurf abgesegnet würde, wäre das eine Weichenstellung. Zwar ist so ein Initiativbericht rechtlich nicht verpflichtend, aber es wäre eine Aufforderung an die Kommission, den Internetpiraten strenger über die Schulter zu schauen. Doch wie weit darf der Schutz des geistigen Eigentums gehen? So weit wie bei den Briten und Franzosen? Heuer wurde die französische Regierungsbehörde Hadopi gegründet. Beim ersten Urheberrechtsverstoß sendet sie eine Mail, beim zweiten einen Brief, beim dritten kommt die Netzsperre von zwei Monaten bis zu einem Jahr. Überdies droht den Downloadern eine Geldbuße von bis zu 300.000 Euro und eine maximal zweijährige Haftstrafe. Bis zu 10.000 Mails könnte Hadopi pro Monat versenden, sagte die frühere Kulturministerin Christine Albanel. Erfahrungswerte, ob Hadopi tatsächlich das gesamte französische Web patrouillieren kann, gibt es nicht, die Behörde nimmt gerade ihre Arbeit auf. Auch die Briten wollen Mahnbriefe versenden. Ein Jahr lang will die Regierung User auf Urheberrechtsverletzungen hinweisen und allein dadurch das Downloadvolumen in ganz England um 70 Prozent senken. Wird dieses Ziel nicht erreicht, drohen den Filesharern ab 2012 sogenannte „technische Maßnahmen“. Ihr Internet könnte wie in Frankreich gesperrt oder zumindest so stark gedrosselt werden, dass es keinen Sinn mehr macht, Filme oder Alben herunterzuladen. Es sind aber nicht nur Politiker oder Studiobosse, die mehr Strenge fordern. In England versuchte auch Lily Allen ein Wörtchen mitzureden. „Musikpiraterie hat gefährliche Auswirkungen auf britische Musik“, schrieb die Popsängerin in ihrem Blog. „Für junge Talente ist Filesharing ein Desaster, für neue Künstler wird es schwerer und schwerer hervorzukommen“, sagte sie und Kollegen wie James Blunt oder Patrick Wolf unterstützten sie. Schließlich sprach sich auch die Featured Artists Coalition dafür aus, Downloader mit langsamen Internetverbindungen zu bestrafen. Lily Allen wurde damals, im September des Vorjahres, für ihre Meinung beflegelt. In Internetforen nannten sie User eine „kommerzielle, seelenlose Hure“, eine „Pro-Urheberrechts-Idiotin“ und „dumm, dumm, dumm“. Dann stellte sie ihren Blog ein. „Die Beschimpfungen wurden zu viel“, erklärte sie via Twitter. Die Debatte ist exemplarisch. Auf der einen Seite stehen die Piraten, von denen viele das gesamte Urheberrecht infrage stellen und von einem Netz träumen, in dem geistiges Eigentum frei und gratis herumschwirrt – die Internetbewegung hat mittlerweile sogar ihre eigenen Vertreter in Straßburg sitzen. Im Vorjahr wurde die schwedische Piratenpartei ins Europaparlament gewählt. Auf der anderen Seite stehen die Vertreter der Kreativwirtschaft, die nicht einsehen wollen, dass Kulturgüter in einem digitalisierten Markt per Knopfdruck gratis kopiert werden können, und am liebsten ins Jahr 1998 zurück wollen. Die Fronten im Urheberrechtsstreit haben sich verhärtet. Manche Internetpiraten wünschen den Hollywoodstudios und Plattenfirmen den Bankrott. Die Lobbys der Kreativwirtschaft jonglieren wiederum mit Zahlen, bei denen man meinen könnte, die Weltwirtschaftskrise wurde in Wirklichkeit von all den Downloadern ausgelöst. Da gibt es zum Beispiel die TERA-Studie, eine Untersuchung im Auftrag der internationalen Handelskammer BASCAP. Sie warnt vor den massiven Folgen des Filesharings. Bis 2015 würden zwischen 600.000 und 1,2 Millionen europäische Arbeitsplätze durch die Downloads vernichtet (PDF-Datei hier). Diese Studie geisterte durch die Medien, doch die Berechnung ist mit Vorsicht zu genießen, warnen Experten. Basierend auf den Zahlen der Industrie wird zuerst geschätzt, wie viele CDs oder DVDs nicht gekauft werden. Dann geht die TERA-Studie davon aus, dass jeder vernichtete Job in der Kreativwirtschaft einen weiteren Job außerhalb der Industrie mit sich reißt. Das Social Science Research Council, eine amerikanische Forschungseinrichtung, kritisierte diese Berechnungen (Stellungnahme als PDF). Und dann gibt es auch Ökonomen wie den Harvard-Forscher Felix Oberholzer-Gee. Er hinterfragt, ob das Downloaden von Raubkopien dem Verkauf von CDs überhaupt schadet. „Es ist falsch, dass jede gestohlene Kopie ein nicht gekaufter Tonträger ist“, sagt der gebürtige Schweizer. Er glaubt viel mehr, dass eine Verlagerung und Aufwertung komplementärer Güter stattfindet: Beispielsweise geben die Leute heute weniger für Tonträger, aber deutlich mehr für Konzerte aus. Die Forscher streiten über die volkswirtschaftlichen Auswirkungen des Filesharings, jede Seite legt ihre eigenen Studien vor. Fakt ist jedenfalls, dass für Musikstücke weniger Geld ausgegeben wird. Vor zehn Jahren wurden in Österreich mit CDs, Platten, Minidiscs noch 312,5 Millionen Euro erwirtschaftet, 2009 waren es gerade noch 182 Millionen Euro – inklusive digitaler Einnahmen. Auch in Österreich tun sich erfolgreiche Musiker schwer, von ihrer Musik zu leben. Viele touren landauf, landab, andere schreiben Werbejingles. Das wollen manche Politiker nicht weiter hinnehmen. Das Problem an den neuen Gesetzen ist aber, dass sie in Bürgerrechte eingreifen. In Frankreich stellt sich die Frage, inwieweit der Zugang zu Information und zum Internet ein Menschenrecht ist. Wenn dreimal illegal gedownloadet wird, egal von wem, wird dem ganzen Haushalt die Leitung gesperrt. Wer der französischen Regierungsbehörde Hadopi einmal ins Visier gerät, wird überwacht. Laut Gesetz ist dann der Internetanbieter verpflichtet, die Urheberrechtsverstöße seiner User zu überwachen – die Provider werden zu privaten Hilfssheriffs, wenn man so will. „Ich will auch nicht, dass der Postler meine Briefe liest“, klagt daher Eva Lichtenberger, grüne Europaparlamentarierin. Die Grünen und die Sozialdemokraten sind über die Bestrebungen des Gallo-Berichts alles andere als glücklich. „Die Balance ist aber schwierig“, konzediert die EU-Abgeordnete Evelyn Regner (SPÖ). Bürgerrechte vs. Urheberrechtschutz? Darauf wurden bisher nur unbefriedigende Antworten gefunden. Es gibt aber auch technische Einwände gegen die Netzsperre: Alle Restriktionen haben bisher versagt. Das Internet wurde als dezentrales Netz konzipiert, damit es auch einen Atomkrieg überstehen kann. Jetzt stellt sich heraus, dass sich diese dezentrale Struktur prima dazu eignet, Raubkopien weiterzureichen. Seitdem Napster wegen Urheberrechtsklagen zusperren musste, fanden die Piraten viele neue Möglichkeiten, um lizensiertes Material aus dem Netz zu fischen. Noch bevor das französische Hadopi-Gesetz in Kraft trat, gab es online schon Anleitungen, um die staatliche Kontrolle zu umgehen. Zum Beispiel können User ihren Datenverkehr in einem sogenannten VPN-Tunnel verstecken, einer verschlüsselten Verbindung, die nicht einmal der Internetprovider durchleuchten kann. Eric Garland beobachtet die Downloader seit 1999. Sein Marktforschungsunternehmen BigChampagne zeichnet die Filesharing-Trends für die Film- und Musikindustrie auf. Er bezweifelt, dass ein härteres Urheberrecht das Problem lösen könne. „In den USA haben wir 30.000 Menschen verklagt. Aber das hat nichts genützt“, sagt er und glaubt nicht an Strafen, sondern an attraktive legale Online-Angebote. „Man kann es mit der Peitsche probieren, aber das Zuckerbrot ist besser.“ Das ist die andere Haltung, die man in der Pirateriedebatte einnehmen kann: Manche glauben aus tiefer Überzeugung, dass es im Internetzeitalter einen neuen Deal zwischen Konsument und Künstler braucht. Andere haben schlichtweg resigniert und sehen keine andere Überlebenschance, als neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Zwei der beliebtesten Vorschläge sind Spotify und die staatliche Kulturflatrate. Spotify ist das Paradies für Musikjunkies – Ziel des Onlinedienstes ist es, seinen Usern irgendwann jedes Lied anzubieten. Die Musik wird nicht mehr auf die Festplatte gespeichert, sondern übers Netz gestreamt. Ohne Zeitverzögerung kann der Kunde Millionen Titel anhören. Entweder er nutzt die Gratisversion und nimmt dafür zwischendurch Werbung in Kauf, oder er zahlt rund zehn Euro im Monat, um auch offline oder per Handy die Musik hören zu können. Wie das funktioniert? Spotify hat Verträge mit allen großen Plattenfirmen und vielen Indielabels abgeschlossen. In Schweden, Norwegen, Finnland, Holland, Großbritannien, Spanien und Frankreich können die Konsumenten davon Gebrauch machen. Binnen 20 Monaten sammelte der Service 7,7 Millionen Kunden. Das andere Modell nennt sich Kulturflatrate. Jeder Internetuser soll einen monatlichen Betrag zahlen, etwa fünf oder zehn Euro. Dafür würde das Downloaden legalisiert und das eingenommene Geld an die Künstler aufgeteilt werden. Diese Pauschalabgabe fordern die österreichischen Grünen. „Die Einführung eines geringen monatlichen Aufschlags auf die Online-Gebühren ist eine geeignete Anpassung an die digitale Revolution“, heißt es in ihrem Grundsatzpapier zum Urheberrecht. Beide Modelle haben glühende Anhänger und laute Kritiker. Spotifys Abrechnung sei zu intransparent, bemängeln insbesondere die unabhängigen Künstler und fürchten, übergangen zu werden. Die Kulturflatrate hingegen wird von der Musikindustrie bekämpft – sie nennt das Modell eine Zwangsabgabe und hat Angst, die Einnahmen aus dem herkömmlichen Verkauf von Tonträgern zu verlieren. Wer zahlt dann noch für CDs, wenn man im Internet die staatliche Erlaubnis zum Download bekommt? Stärkere staatliche Überwachung, Internetsperren, Flatrates, Geldstrafen, Provider als Hilfssheriffs. Noch ist nicht klar, welchen Weg Europa einschlägt. Fest steht nur: Zehn Jahre nach dem Aufstieg und Niedergang von Napster fehlen noch immer die richtigen Antworten auf die Piraterie. Jetzt müssen sich die französischen Downloader fürchten. Oder doch nicht? Die Abmahnbriefe aus dem Kulturministerium entpuppten sich als Fälschung. Die Regierungsbehörde Hadopi wird erst Ende des Monats Warnungen versenden. Irgendein Spaßvogel hatte vorab die getürkten E-Mails ausgeschickt – vermutlich um für Verwirrung zu sorgen und das Kulturministerium mit den E-Mails aufgebrachter Franzosen zu überschwemmen. Eine typische Piratenaktion eben. ------------------------------ Böse Downloads Für diesen Artikel wurden unter anderem BigChampagne-Chef Eric Garland und Harvard-Professor Felix Oberholzer-Gee interviewt, sie waren vergangene Woche bei den Wiener Tagen der Musikwirtschaftsforschung zu Gast, die die Musikuniversität veranstaltete. Dort wurde gefragt: „Wie böse ist das File-Sharing?“ Paris Das französische Hadopi-Gesetz will Downloader nach der dritten Verwarnung aus dem Internet sperren. Die Regel ist auch als „Three Strikes“-Modell bekannt, der Begriff kommt ursprünglich vom Baseball. Wer den Ball dort dreimal nicht trifft, muss vom Platz London Am 12. Juni trat der „Digital Economy Act“ in Kraft, jenes britische Gesetz, das unter anderem Urheberrechtsverletzungen stärker ahndet. Im ersten Jahr wird nur ermahnt und evaluiert, dann könnte es zu technischen Maßnahmen kommen Straßburg Im Juli wird voraussichtlich im Plenum des Europäischen Parlaments über den Gallo-Bericht abgestimmt. Er schlägt eine härtere Gangart gegenüber Internetpiraten vor. Sozialdemokraten, Grüne und Linke sprechen sich gegen den derzeitigen Entwurf aus ------------------------------ Piraten ohne Bucht?Thursday, July 16. 2009 Das Flaggschiff der Internetpiraten ist untergegangen. Ungefähr so könnte man die Ereignisse rund um The Pirate Bay beschreiben. Die schwedische Webseite war bisher die erste Anlaufstelle für alle, die sich Filme, Serien oder Musik herunterladen wollten, ohne dafür zu bezahlen. Vor kurzem wurden ihre Betreiber zu je einem Jahr Haft sowie insgesamt 2,7 Millionen Euro Schadenersatz verurteilt. Nun haben sie die Seite für das doppelte Geld verkauft. 5,5 Millionen Euro zahlte das Unternehmen Global Gaming Factory für thepiratebay.org. Die börsenotierte Firma will dort künftig auf legale Weise Downloads anbieten, ohne die Konsumenten dafür zur Kasse zu bitten. Wie das funktioniert? Das ist ziemlich unklar. Fix ist nur, dass der Community der Verkauf missfällt. Im Pirate-Bay-Blog stehen hunderte verärgerte Kommentare. Die User verlassen die Webseite wie ein sinkendes Schiff. An der Popularität des Downloadens wird das aber nichts ändern. Ob mit oder ohne Pirate Bay: Piraten finden immer eine neue Bucht.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 28/09 veröffentlicht. Piraten ohne Bucht?Thursday, July 16. 2009 Das Flaggschiff der Internetpiraten ist untergegangen. Ungefähr so könnte man die Ereignisse rund um The Pirate Bay beschreiben. Die schwedische Webseite war bisher die erste Anlaufstelle für alle, die sich Filme, Serien oder Musik herunterladen wollten, ohne dafür zu bezahlen. Vor kurzem wurden ihre Betreiber zu je einem Jahr Haft sowie insgesamt 2,7 Millionen Euro Schadenersatz verurteilt. Nun haben sie die Seite für das doppelte Geld verkauft. 5,5 Millionen Euro zahlte das Unternehmen Global Gaming Factory für thepiratebay.org. Die börsenotierte Firma will dort künftig auf legale Weise Downloads anbieten, ohne die Konsumenten dafür zur Kasse zu bitten. Wie das funktioniert? Das ist ziemlich unklar. Fix ist nur, dass der Community der Verkauf missfällt. Im Pirate-Bay-Blog stehen hunderte verärgerte Kommentare. Die User verlassen die Webseite wie ein sinkendes Schiff. An der Popularität des Downloadens wird das aber nichts ändern. Ob mit oder ohne Pirate Bay: Piraten finden immer eine neue Bucht.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 28/09 veröffentlicht. Piraten am FestlandTuesday, June 23. 2009
Erstmals zieht eine Piratenpartei ins EU-Parlament ein. Was das für Europa bedeutet
Accesoirs für den modernen Piraten. Zum Beispiel ein Poster, das Hollywood den Kampf ansagt Er ist ein typischer Piratenwähler: Mit seinen 21 Jahren kennt er keine Welt ohne Computer. Sein Studium als Webprogrammierer zeigt, welche zentrale Rolle das Internet in seinem Leben spielt. Und er fühlt sich gerade in seiner digitalen Freiheit bedroht, kritisiert die neuen schwedischen Gesetze, die das Abhören im Netz erleichtern, die Kriminalisierung von Downloadern und das Patentsystem, das in seinen Augen die Monopolisierung des Wissens mit sich bringt. Das sind auch drei zentrale Themen der Piratenpartei. Genau genommen ist das schon fast das gesamte Programm der Internetbewegung. Es reichte, um bei der Europawahl 7,13 Prozent der Stimmen und einen Sitz im EU-Parlament zu erlangen. Wenn der Lissabonvertrag in Kraft tritt, bekommt die Partei sogar noch ein zweites Mandat. In ganz Europa ist das eine Sensation. Zum ersten Mal schafft eine derartige Gruppierung den Einzug ins Parlament. Das Telefon von Spitzenkandidat Christian Engström läutet ununterbrochen. Ständig fragen ihn ausländische Journalisten, wofür seine Partei überhaupt steht. "Ich freue mich über die Aufmerksamkeit", meint er und bietet eine einfache Erklärung für den Wahlsieg: "Wir sind deswegen so erfolgreich, weil es viele neue Gesetze und Vorschläge gab, die die Freiheit im Internet einschränken." Der 49-jährige Programmierer ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was man sich unter einem Piraten vorstellt. Er lebt als verheirateter Familienvater im Stockholmer Vorort Nacka. Sein Wahlprogramm beinhaltet Vorschläge, die für Wutanfälle in der Musik- und Filmbranche sorgen: Wer heute ein Lied schreibt, kann sich bis über den Tod hinaus das Urheberrecht und Tantiemen sichern. Die Piraten lehnen dieses Konzept ab. Sie wollen geistiges Eigentum künftig nur noch fünf Jahre schützen, dann soll es der Allgemeinheit gehören. Ihre Vision ist eine Gesellschaft, in der Wissen und Kultur allen zugänglich sind. Ob jedes Filmstudio und jedes Plattenlabel diesen Wandel überlebt, ist ihnen egal. Oder Bekleidung für die Piratin, die zu ihrer Meinung steht Im April wurden dort vier Männer zu einem Jahr Haft und Schadenersatz in der Höhe von 30 Millionen Kronen (2,79 Millionen Euro) verurteilt. Ihnen wurde Beihilfe zu schweren Urheberrechtsverletzungen vorgeworfen. Denn sie gelten als die Betreiber des Internetportals The Pirate Bay, der weltweit populärsten Anlaufstelle für Filesharer. Das Urteil sollte ein Exempel statuieren für jene, die rotzfrech gegen das Urheberrecht verstoßen. In Wirklichkeit führte der Prozess dazu, dass der Graben zwischen Downloadern und Urheberrechtsverfechtern sich noch weiter auftat. Die schwedische Debatte zeigt, dass einige Bürger Filesharing nur als harmloses Vergehen sehen. Auch in Österreich denken das viele, ergibt eine Umfrage von GfK-Austria: 41 Prozent der Internetuser empfinden die Verwendung von Raubkopien als Kavaliersdelikt. Die Raubkopie ist demnach sogar salonfähiger als der Diebstahl der Sonntagszeitung. In Schweden mobilisierte das Pirate-Bay-Urteil viele Wähler - gerade die jungen, die vielleicht nicht einmal abgestimmt hätten. Unter den 18- bis 22-Jährigen ist die Piratenpartei sogar die stärkste Partei. Drei Jahre zuvor hatte die Bewegung bei den Parlamentswahlen bloß 0,6 Prozent der Stimmen erlangt. Es wäre aber zu einfach, den Erfolg der Internetpiraten nur auf die Downloaddebatte zu reduzieren, meinen schwedische Politologen. "Ihr Parteiprogramm erinnert an die Forderungen der Bürgerrechtsorganisationen", sagt Henrik Oscarsson von der Universität Göteborg. Die Piratpartiet wäre nicht so populär, würde sie nicht existierende Ängste ansprechen und umstrittene Legislatur kritisieren - zum Beispiel jenes Gesetz, das der schwedischen Funküberwachungsbehörde (FRA) das Abhören von Internetverbindungen ohne richterlichen Befehl erlaubt. Dieses Wahlplakat gibt es ebenfalls im Onlineshop der Piratpartiet zu kaufen. Und auch in Österreich gibt es einen kleinen Ableger der Piratenpartei. Der 25-jährige Publizistikstudent Max Lalouschek sitzt dort im Vorstand. Sein Weltbild schaut folgendermaßen aus: Die bürgerlichen Freiheiten werden im Internet immer weiter beschnitten. Die Musikindustrie befindet sich in einem aussichtslosen Kampf gegen die Masse der Filesharer. Dass Downloads Künstlern schaden können, ist für ihn unvorstellbar. Vielmehr seien sie eine Möglichkeit für unbekannte Bands, mehr Aufmerksamkeit zu erlangen. "Ich kaufe seither nicht weniger Musik, sondern andere", meint er. Das Geld, das junge Leute nicht mehr für CDs ausgeben, fließe dann eben in Konzertbesuche. Viele Musiker merken allerdings nichts davon. Und die Branchenvertreter verweisen auf insgesamt sinkende Einnahmen. 2008 brach der Umsatz der Musikindustrie erneut um acht Prozent auf 185 Millionen Euro ein, sagt der Verband der heimischen Musikindustrie (IFPI). Die Piraten haben jedenfalls Konjunktur. So schnell wird keine andere Partei den schwedischen Erfolg nachmachen, aber die Themen der Internetbewegung sind zeitgemäß. Gewissermaßen könnte man die Downloadbewegung sogar mit der frühen grünen Bewegung vergleichen. Damals hatten die Grünen auch nur ein zentrales Thema: den Umweltschutz. Und sie zwangen andere Parteien, sich damit auseinanderzusetzen. Christian Engström, der Pirat mit der Entertaste, sucht jetzt nach Verbündeten in der EU. "Wir werden uns einer politischen Fraktion anschließen", meint der designierte Parlamentarier und denkt an die Grünen oder Liberalen. Die wirkliche Leistung der Piraten ist aber nicht unbedingt das, was sie in Straßburg bewirken, sondern dass sie ein Minderheitenthema aufgewertet haben. In allen europäischen Ländern existieren umstrittene Gesetze zur Kontrolle der neuen Medien. Und obwohl es immer Kritik aus der Onlinecommunity und vereinzelten Medien gab, galten die Onlinedebatten als politischer Nebenschauplatz. Die traditionellen Parteien beschäftigen sich nur in Ausnahmefällen damit - selbst im Stockholmer Riksdag. Die schwedischen Piraten haben vorgeführt, dass hier die Politik der Gesellschaft hinterherhinkt, dass Parteien mit Internetthemen sehr wohl Stimmen gewinnen oder verlieren können. Und das wird sich auch in Europa schnell herumsprechen. Dieser Bericht erschien im Falter 24/09. So unverfroren wie echte PiratenThursday, April 2. 2009 Eines muss man den Jungs von The Pirate Bay lassen: Sie pfeifen wirklich auf alles. Die schwedische Piratenbucht ist die berüchtigtste und populärste Webseite, um Zugang zu kopierten Filme, Serien und Musik zu erhalten - ohne auch nur einen Cent zu zahlen. Während internationale Medien seit Wochen darauf warten, ob ein Gericht in Stockholm die Pirate-Bay-Betreiber wegen Urheberrechtsverletzung verknackt, machen diese ungeniert weiter. Fredrik Neij, Gottfrid Svartholm und Peter Sunde sind bekannt dafür, dass sie die Musik- und Filmindustrie gerne öffentlich anpöbeln. Jetzt haben sie einen neuen Affront begangen. Sie bieten neuerdings ein Service für Facebook an. Es ermöglicht Mitgliedern des Freundschaftsportals, einander Dateien aus der Pirate Bay weiterzureichen. So wird Downloaden noch einfacher. Kein Wunder, dass die Musikindustrie rotiert. Der Piratenbegriff passt für die drei Skandinavier Neij, Svartholm und Sunde perfekt. Bei so viel Unverfrorenheit schaut selbst Captain Hook wie eine Memme aus.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 14/09 veröffentlicht. Im Falter habe ich übrigens vor einem Jahr einen längeren Artikel zur Pirate Bay verfasst. Gebrauchte MP3s, ziemlich unromantischTuesday, December 23. 2008
Wer kann sich noch an die Zeit erinnern, da man als Schüler seine letzten Schillinge zusammenkratzte und eine gebrauchte CD kaufte? Dann kam das Internet, langsam wurden die ersten MP3s gesaugt. Irgendwann war der Secondhand-Musikhändler nur noch eine blasse Jugenderinnerung. Eine kurze Anekdote, die den Untergang der Musikindustrie beschreibt. Dieser Tage kommt aber wieder Bewegung ins Plattengeschäft. In den USA gibt es einen Flohmarkt für digitalisierte Musik. Für ein paar Cent können Internetuser auf Bopaboo.com „gebrauchte“ MP3s kaufen. Klingt gut. Rechtlich gesehen ist das Ganze äußerst umstritten, die Musikindustrie ärgert sich schon jetzt. Abseits des Wirbels ist eines aber klar: Die romantische Jugenderfahrung, dass man sich mit dem letzten Taschengeld Musik aus zweiter Hand kauft, wird es so nicht mehr geben. Egal ob die Teenager auf dubiosen Seiten Alben downloaden oder ein Lied auf YouTube anklicken – Musik ist zwar noch eine Leidenschaft, aber kein Luxusgut mehr.
![]() Für Nostalgiker: Das Mixtape am USB-Stick. Siehe auch Thinkgeek.com. Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 51/08 veröffentlicht.
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