Das Ende der PiratenpartyTuesday, June 15. 2010
Den Downloadern geht es in Europa an den Kragen. Aber lassen sie sich den Gratisspaß im Internet verderben?
Mon dieu! Vor diesem Moment graute den französischen Internetpiraten. Sie öffneten kürzlich ihr elektronisches Postfach und sahen das E-Mail des Kulturministeriums: „Erste Verwarnung“ stand im Betreff. Bei diesem Anblick zuckt wohl jeder Pirat zusammen. Er weiß: Jetzt hat ihn der Staat ertappt, jetzt befindet er sich im Visier der Internetkontrolleure.In Frankreich trat Anfang des Jahres ein strenges Gesetz in Kraft: Wer dreimal beim Download ertappt wird, verliert seinen Internetzugang. Vielleicht wird er sogar für ein ganzes Jahr gesperrt. „Three Strikes Out“ heißt das Modell. Die konservative Regierung von Nicolas Sarkozy kennt kein Pardon beim rechtswidrigen Filesharing, also dem Gratis-Austausch von Musik, Serien und Filmen über das Internet. Die „digitale Guillotine“ nennen Kritiker diese Regelung. Aber nicht nur in Frankreich, in einigen europäischen Ländern sind die Sheriffs im Vormarsch. England plant ein ähnliches System wie Paris. In Irland sperrt der größte Internetprovider Downloader nach dem Three-Strikes-Modell aus. In Brüssel schlägt ein neuer Bericht eine härtere Gangart gegenüber den Datendieben vor. Diese europäische Diskussion ist auch für Österreich bedeutend, immerhin muss es sich in seinem Urheberrecht an die Richtlinien der EU halten. Seit gut zehn Jahren erfreut sich das rechtswidrige Filesharing im Internet großer Popularität. 1999 startete die Musiktauschbörse Napster. Aber im Vergleich zu den Datenmengen, die die User heute aus dem Netz saugen, war Napster harmlos. Damals saß man stundenlang vor dem Computer, um sich ein paar Songs zu besorgen. Heute landen Alben, vielleicht sogar das gesamte Lebenswerk eines Künstlers innerhalb weniger Minuten am Rechner. Nicht nur den Musiklabels werden die Files geklaut. Das neue Eminem-Album kursierte zwei Wochen vor dem Erscheinungstermin im Netz, vergangenes Jahr tauchte der Action-Blockbuster „Wolverine“ in Tauschbörsen auf, da waren noch nicht einmal alle Special Effects eingefügt. „Was 1999 für die Musikindustrie war, ist das Jahr 2010 für Hollywood. Das Downloaden von Filmen wird immer populärer“, meint Eric Garland von der Marktforschungsfirma BigChampagne. Filesharing nimmt nach wie vor zu, vor allem wächst die Nachfrage nach Spielfilmen, Serien und Videospielen – und auch nach elektronischen Büchern. Denn mit neuen Lesegeräten wie Apples iPad und Amazons Kindle wird das Kopieren von Gedrucktem leichter. „Ganz klar: Wir haben ein Problem“, meint Marielle Gallo. Die konservative französische Abgeordnete ist die Galionsfigur der Brüsseler Urheberrechtsrächer. Sie hat jenen Bericht verfasst, der nun für Diskussion sorgt und im Juli im Europaparlament landet. Gallo sagt, das europäische Urheberrecht sei zahnlos: „Der Bericht ist ein Startschuss für die Debatte, es geht darum, stärker über Urheberrechtsverletzungen nachzudenken.“ Mit einer Diskussion allein hätten Sozialdemokraten, Grüne und Linke im Europaparlament kein Problem. Aber sie fürchten, dass das Dokument die Vorarbeit zu härteren Sanktionen gegen private Filesharer ist. Wenn Gallos derzeitiger Entwurf abgesegnet würde, wäre das eine Weichenstellung. Zwar ist so ein Initiativbericht rechtlich nicht verpflichtend, aber es wäre eine Aufforderung an die Kommission, den Internetpiraten strenger über die Schulter zu schauen. Doch wie weit darf der Schutz des geistigen Eigentums gehen? So weit wie bei den Briten und Franzosen? Heuer wurde die französische Regierungsbehörde Hadopi gegründet. Beim ersten Urheberrechtsverstoß sendet sie eine Mail, beim zweiten einen Brief, beim dritten kommt die Netzsperre von zwei Monaten bis zu einem Jahr. Überdies droht den Downloadern eine Geldbuße von bis zu 300.000 Euro und eine maximal zweijährige Haftstrafe. Bis zu 10.000 Mails könnte Hadopi pro Monat versenden, sagte die frühere Kulturministerin Christine Albanel. Erfahrungswerte, ob Hadopi tatsächlich das gesamte französische Web patrouillieren kann, gibt es nicht, die Behörde nimmt gerade ihre Arbeit auf. Auch die Briten wollen Mahnbriefe versenden. Ein Jahr lang will die Regierung User auf Urheberrechtsverletzungen hinweisen und allein dadurch das Downloadvolumen in ganz England um 70 Prozent senken. Wird dieses Ziel nicht erreicht, drohen den Filesharern ab 2012 sogenannte „technische Maßnahmen“. Ihr Internet könnte wie in Frankreich gesperrt oder zumindest so stark gedrosselt werden, dass es keinen Sinn mehr macht, Filme oder Alben herunterzuladen. Es sind aber nicht nur Politiker oder Studiobosse, die mehr Strenge fordern. In England versuchte auch Lily Allen ein Wörtchen mitzureden. „Musikpiraterie hat gefährliche Auswirkungen auf britische Musik“, schrieb die Popsängerin in ihrem Blog. „Für junge Talente ist Filesharing ein Desaster, für neue Künstler wird es schwerer und schwerer hervorzukommen“, sagte sie und Kollegen wie James Blunt oder Patrick Wolf unterstützten sie. Schließlich sprach sich auch die Featured Artists Coalition dafür aus, Downloader mit langsamen Internetverbindungen zu bestrafen. Lily Allen wurde damals, im September des Vorjahres, für ihre Meinung beflegelt. In Internetforen nannten sie User eine „kommerzielle, seelenlose Hure“, eine „Pro-Urheberrechts-Idiotin“ und „dumm, dumm, dumm“. Dann stellte sie ihren Blog ein. „Die Beschimpfungen wurden zu viel“, erklärte sie via Twitter. Die Debatte ist exemplarisch. Auf der einen Seite stehen die Piraten, von denen viele das gesamte Urheberrecht infrage stellen und von einem Netz träumen, in dem geistiges Eigentum frei und gratis herumschwirrt – die Internetbewegung hat mittlerweile sogar ihre eigenen Vertreter in Straßburg sitzen. Im Vorjahr wurde die schwedische Piratenpartei ins Europaparlament gewählt. Auf der anderen Seite stehen die Vertreter der Kreativwirtschaft, die nicht einsehen wollen, dass Kulturgüter in einem digitalisierten Markt per Knopfdruck gratis kopiert werden können, und am liebsten ins Jahr 1998 zurück wollen. Die Fronten im Urheberrechtsstreit haben sich verhärtet. Manche Internetpiraten wünschen den Hollywoodstudios und Plattenfirmen den Bankrott. Die Lobbys der Kreativwirtschaft jonglieren wiederum mit Zahlen, bei denen man meinen könnte, die Weltwirtschaftskrise wurde in Wirklichkeit von all den Downloadern ausgelöst. Da gibt es zum Beispiel die TERA-Studie, eine Untersuchung im Auftrag der internationalen Handelskammer BASCAP. Sie warnt vor den massiven Folgen des Filesharings. Bis 2015 würden zwischen 600.000 und 1,2 Millionen europäische Arbeitsplätze durch die Downloads vernichtet (PDF-Datei hier). Diese Studie geisterte durch die Medien, doch die Berechnung ist mit Vorsicht zu genießen, warnen Experten. Basierend auf den Zahlen der Industrie wird zuerst geschätzt, wie viele CDs oder DVDs nicht gekauft werden. Dann geht die TERA-Studie davon aus, dass jeder vernichtete Job in der Kreativwirtschaft einen weiteren Job außerhalb der Industrie mit sich reißt. Das Social Science Research Council, eine amerikanische Forschungseinrichtung, kritisierte diese Berechnungen (Stellungnahme als PDF). Und dann gibt es auch Ökonomen wie den Harvard-Forscher Felix Oberholzer-Gee. Er hinterfragt, ob das Downloaden von Raubkopien dem Verkauf von CDs überhaupt schadet. „Es ist falsch, dass jede gestohlene Kopie ein nicht gekaufter Tonträger ist“, sagt der gebürtige Schweizer. Er glaubt viel mehr, dass eine Verlagerung und Aufwertung komplementärer Güter stattfindet: Beispielsweise geben die Leute heute weniger für Tonträger, aber deutlich mehr für Konzerte aus. Die Forscher streiten über die volkswirtschaftlichen Auswirkungen des Filesharings, jede Seite legt ihre eigenen Studien vor. Fakt ist jedenfalls, dass für Musikstücke weniger Geld ausgegeben wird. Vor zehn Jahren wurden in Österreich mit CDs, Platten, Minidiscs noch 312,5 Millionen Euro erwirtschaftet, 2009 waren es gerade noch 182 Millionen Euro – inklusive digitaler Einnahmen. Auch in Österreich tun sich erfolgreiche Musiker schwer, von ihrer Musik zu leben. Viele touren landauf, landab, andere schreiben Werbejingles. Das wollen manche Politiker nicht weiter hinnehmen. Das Problem an den neuen Gesetzen ist aber, dass sie in Bürgerrechte eingreifen. In Frankreich stellt sich die Frage, inwieweit der Zugang zu Information und zum Internet ein Menschenrecht ist. Wenn dreimal illegal gedownloadet wird, egal von wem, wird dem ganzen Haushalt die Leitung gesperrt. Wer der französischen Regierungsbehörde Hadopi einmal ins Visier gerät, wird überwacht. Laut Gesetz ist dann der Internetanbieter verpflichtet, die Urheberrechtsverstöße seiner User zu überwachen – die Provider werden zu privaten Hilfssheriffs, wenn man so will. „Ich will auch nicht, dass der Postler meine Briefe liest“, klagt daher Eva Lichtenberger, grüne Europaparlamentarierin. Die Grünen und die Sozialdemokraten sind über die Bestrebungen des Gallo-Berichts alles andere als glücklich. „Die Balance ist aber schwierig“, konzediert die EU-Abgeordnete Evelyn Regner (SPÖ). Bürgerrechte vs. Urheberrechtschutz? Darauf wurden bisher nur unbefriedigende Antworten gefunden. Es gibt aber auch technische Einwände gegen die Netzsperre: Alle Restriktionen haben bisher versagt. Das Internet wurde als dezentrales Netz konzipiert, damit es auch einen Atomkrieg überstehen kann. Jetzt stellt sich heraus, dass sich diese dezentrale Struktur prima dazu eignet, Raubkopien weiterzureichen. Seitdem Napster wegen Urheberrechtsklagen zusperren musste, fanden die Piraten viele neue Möglichkeiten, um lizensiertes Material aus dem Netz zu fischen. Noch bevor das französische Hadopi-Gesetz in Kraft trat, gab es online schon Anleitungen, um die staatliche Kontrolle zu umgehen. Zum Beispiel können User ihren Datenverkehr in einem sogenannten VPN-Tunnel verstecken, einer verschlüsselten Verbindung, die nicht einmal der Internetprovider durchleuchten kann. Eric Garland beobachtet die Downloader seit 1999. Sein Marktforschungsunternehmen BigChampagne zeichnet die Filesharing-Trends für die Film- und Musikindustrie auf. Er bezweifelt, dass ein härteres Urheberrecht das Problem lösen könne. „In den USA haben wir 30.000 Menschen verklagt. Aber das hat nichts genützt“, sagt er und glaubt nicht an Strafen, sondern an attraktive legale Online-Angebote. „Man kann es mit der Peitsche probieren, aber das Zuckerbrot ist besser.“ Das ist die andere Haltung, die man in der Pirateriedebatte einnehmen kann: Manche glauben aus tiefer Überzeugung, dass es im Internetzeitalter einen neuen Deal zwischen Konsument und Künstler braucht. Andere haben schlichtweg resigniert und sehen keine andere Überlebenschance, als neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Zwei der beliebtesten Vorschläge sind Spotify und die staatliche Kulturflatrate. Spotify ist das Paradies für Musikjunkies – Ziel des Onlinedienstes ist es, seinen Usern irgendwann jedes Lied anzubieten. Die Musik wird nicht mehr auf die Festplatte gespeichert, sondern übers Netz gestreamt. Ohne Zeitverzögerung kann der Kunde Millionen Titel anhören. Entweder er nutzt die Gratisversion und nimmt dafür zwischendurch Werbung in Kauf, oder er zahlt rund zehn Euro im Monat, um auch offline oder per Handy die Musik hören zu können. Wie das funktioniert? Spotify hat Verträge mit allen großen Plattenfirmen und vielen Indielabels abgeschlossen. In Schweden, Norwegen, Finnland, Holland, Großbritannien, Spanien und Frankreich können die Konsumenten davon Gebrauch machen. Binnen 20 Monaten sammelte der Service 7,7 Millionen Kunden. Das andere Modell nennt sich Kulturflatrate. Jeder Internetuser soll einen monatlichen Betrag zahlen, etwa fünf oder zehn Euro. Dafür würde das Downloaden legalisiert und das eingenommene Geld an die Künstler aufgeteilt werden. Diese Pauschalabgabe fordern die österreichischen Grünen. „Die Einführung eines geringen monatlichen Aufschlags auf die Online-Gebühren ist eine geeignete Anpassung an die digitale Revolution“, heißt es in ihrem Grundsatzpapier zum Urheberrecht. Beide Modelle haben glühende Anhänger und laute Kritiker. Spotifys Abrechnung sei zu intransparent, bemängeln insbesondere die unabhängigen Künstler und fürchten, übergangen zu werden. Die Kulturflatrate hingegen wird von der Musikindustrie bekämpft – sie nennt das Modell eine Zwangsabgabe und hat Angst, die Einnahmen aus dem herkömmlichen Verkauf von Tonträgern zu verlieren. Wer zahlt dann noch für CDs, wenn man im Internet die staatliche Erlaubnis zum Download bekommt? Stärkere staatliche Überwachung, Internetsperren, Flatrates, Geldstrafen, Provider als Hilfssheriffs. Noch ist nicht klar, welchen Weg Europa einschlägt. Fest steht nur: Zehn Jahre nach dem Aufstieg und Niedergang von Napster fehlen noch immer die richtigen Antworten auf die Piraterie. Jetzt müssen sich die französischen Downloader fürchten. Oder doch nicht? Die Abmahnbriefe aus dem Kulturministerium entpuppten sich als Fälschung. Die Regierungsbehörde Hadopi wird erst Ende des Monats Warnungen versenden. Irgendein Spaßvogel hatte vorab die getürkten E-Mails ausgeschickt – vermutlich um für Verwirrung zu sorgen und das Kulturministerium mit den E-Mails aufgebrachter Franzosen zu überschwemmen. Eine typische Piratenaktion eben. ------------------------------ Böse Downloads Für diesen Artikel wurden unter anderem BigChampagne-Chef Eric Garland und Harvard-Professor Felix Oberholzer-Gee interviewt, sie waren vergangene Woche bei den Wiener Tagen der Musikwirtschaftsforschung zu Gast, die die Musikuniversität veranstaltete. Dort wurde gefragt: „Wie böse ist das File-Sharing?“ Paris Das französische Hadopi-Gesetz will Downloader nach der dritten Verwarnung aus dem Internet sperren. Die Regel ist auch als „Three Strikes“-Modell bekannt, der Begriff kommt ursprünglich vom Baseball. Wer den Ball dort dreimal nicht trifft, muss vom Platz London Am 12. Juni trat der „Digital Economy Act“ in Kraft, jenes britische Gesetz, das unter anderem Urheberrechtsverletzungen stärker ahndet. Im ersten Jahr wird nur ermahnt und evaluiert, dann könnte es zu technischen Maßnahmen kommen Straßburg Im Juli wird voraussichtlich im Plenum des Europäischen Parlaments über den Gallo-Bericht abgestimmt. Er schlägt eine härtere Gangart gegenüber Internetpiraten vor. Sozialdemokraten, Grüne und Linke sprechen sich gegen den derzeitigen Entwurf aus ------------------------------ Malaise bolognaiseWednesday, March 10. 2010
Bologna ist nicht schuld an der Bildungsmisere. Im Gegenteil: Das große europäische Hochschulprojekt hätte gute Antworten auf sie
![]() Alles begann mit der Unterschrift von Caspar Einem. Der österreichische Sozialdemokrat unterzeichnete als erster europäischer Wissenschaftsminister die Bologna-Erklärung, damals am 19. Juni 1999 in der gleichnamigen Stadt. Von einem „Europa des Wissens“ ist in diesem Dokument die Rede und vom „Aufbau eines europäischen Hochschulraums“, von „Mobilität“ und „internationaler Wettbewerbsfähigkeit“ (Dokument als PDF hier). Mittlerweile haben sich 46 europäische Länder diesem gemeinsamen Ziel verpflichtet – von Österreich bis Portugal, von Norwegen bis zur Türkei. Doch von den hehren Idealen von einst scheint nicht viel geblieben zu sein. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man die Kommentare mancher deutscher Qualitätszeitungen oder die Brandschriften der Audimax-Besetzer liest. Da wird von einem „wissenschaftsfernen Zwangskorsett“, der „Zerstörung der Universitäten“ oder dem „neoliberalen Umbau der europäischen Hochschullandschaft“ gesprochen. Am Donnerstag und Freitag wird in Wien und Budapest die Ministerkonferenz stattfinden, die Audimaxisten planen einen Gegengipfel, Demonstrationen und Sitzblockaden in den Straßen Wiens. Während die europäischen Wissenschaftsminister in der Hofburg über die nächsten zehn Jahre Bildungsreform nachdenken, erklären die Studierenden draußen „why we hate Bologna“. Sie hassen Bologna zu Unrecht. Der Prozess hat mehr gute als schlechte Seiten. Er ist ein Projekt der europäischen Integration und will einen einheitlichen europäischen Hochschulraum schaffen, in dem Menschen ohne Hürden in andere Länder studieren gehen und der akademische Austausch nicht an der Landesgrenze endet. Über die neuen Bachelor- und Masterstudien schimpfen viele. Sie lösten das bisherige Diplomstudium und den Abschluss als Magister ab. Doch das ist nur die Architektur, das Gerüst der Reform. Die Idee dahinter ist, dass ein möglichst großer Teil der Gesamtbevölkerung Zugang zu höherer Bildung bekommen soll – auch jene, deren Eltern keine Akademiker sind oder die erst im zweiten Bildungsweg auf die Hochschule finden. Im Mittelpunkt der Uni sollen nicht mehr Professoren oder Vorlesende stehen, sondern der Student und die Studentin. Unterstützung, Beratung und Studienpläne, die Rücksicht auf die Studierenden nehmen, all das sehen die Bologna-Dokumente vor, wenn man unter Begriffen wie „studierendenzentriertes Lernen“ oder „soziale Dimension“ nachliest (z.B. im Leuven-Kommuniqué, PDF hier). Heimische Studenten werden da den Kopf schütteln. Ihre Erfahrungen sind ganz andere: Mit Verweis auf die italienische Stadt wurde ihr Studium gestrafft, ihre Wahlfreiheit und Entfaltungsmöglichkeit wurden eingeschränkt. So hässliche Begriffe wie „Voraussetzungsketten“ oder „Erweiterungscurricula“ verhindern, dass sie selbst die Geschwindigkeit oder den Schwerpunkt ihres Studiums bestimmen. Ihre Wut darüber ist berechtigt, doch sie trifft nicht die Verantwortlichen: Bologna hat mit diesen Fehlentwicklungen nichts zu tun. Das ist das große Missverständnis. Und es erklärt, warum ausgerechnet österreichische und deutsche Studierende in Scharen gegen den neuen europäischen Hochschulraum demonstrieren, nicht aber Dänen oder Spanier. In den deutschsprachigen Ländern diente Bologna den Universitäten als Vorwand, um bei den Massenstudien einen Sparkurs durchzusetzen. Auch die deutsche Politologin Gesine Schwan schrieb unlängst in der Welt: „An den aktuellen Missständen ist weniger Bologna schuld als vor allem die chronische Finanzmisere“. Miese Studienbedingungen wurden der Reform zugeschrieben. Das war nicht zuletzt deswegen möglich, weil der ganze Prozess auf Freiwilligkeit beruht und bei schlechter Umsetzung keine Sanktionen drohen. So haben die Nationalstaaten zuallererst jene Punkte verwirklicht, die ihnen gerade gelegen kamen. Auch ist Bologna in einer Zeit des marktradikalen Denkens entstanden, als Universitäten aufgefordert wurden, ihren Nutzen für die Wirtschaft unter Beweis zu stellen oder in internationalen Wettbewerb zu treten. Schon in der Gründungserklärung steht, dass der Bachelor „eine für den europäischen Arbeitsmarkt relevante Qualifikationsebene“ attestieren soll. Diese Facette missfällt selbst manchen Befürwortern. „Der Bildungsgedanke ist in den Hintergrund getreten, und die Anwendbarkeit des Studiums hat eine Gewichtung bekommen, die überschätzt wird“, sagt Erstunterzeichner Caspar Einem heute. Über Schlagworte wie „Employability“, die Beschäftigungsfähigkeit, lässt sich vortrefflich streiten. Aber es wäre zu einfach, den gesamten Prozess auf diesen Aspekt zu reduzieren. Das wäre so, als würde man die gesamte EU nur mit dem „Teuro“ gleichsetzen. Für Holländer oder Briten ist die österreichische Kritik schwer nachvollziehbar, die europäischen Studierenden hassen die Reform nicht: „Bologna will sicherstellen, dass jeder europäische Student die gleichen Chancen hat“, sagt die Rumänin Ligia Deca. Sie sitzt der Europäischen Studentenunion vor und ist somit die höchste europäische Studentenvertreterin. „Wir wollen Bologna nicht abschaffen, sondern es kritisch überwachen.“ Die Reform hätte das Potenzial, europaweit den Studierenden den Rücken zu stärken. Statt Manifeste dagegen zu verfassen, könnten sich die Audimaxisten in ihren Forderungen auf Originaldokumente berufen: Da haben auch österreichische Wissenschaftsminister Ideen wie einer „sozialen Dimension“ oder „studierendenzentriertem Lernen“ zugestimmt. Wartelisten, Knock-out-Prüfungen und unzumutbare Studienpläne widersprechen dem. Die Studentenproteste haben die Symptome der Malaise bolognaise, der angekränkelten Umsetzung von Bologna, verdeutlicht. Alles wieder zurückzudrehen wäre aber Unsinn. Die nächsten zehn Jahre könnten viel mehr dazu dienen, die Reform zur Gänze umzusetzen und die Hochschulen damit studentenfreundlicher zu machen. Im Sinne der „sozialen Dimension“ könnten die Nationalstaaten zum Beispiel mehr Teilzeitstudien, flexiblere Kursangebote für Berufstätige oder gezielte Förderung für Migrantenkinder einführen. Der Nachbesserungsbedarf ist enorm. Selbst die Mobilität der europäischen Studenten stieg innerhalb der ersten Dekade nicht wesentlich, das Auslandssemester ist weiterhin das Privileg einer Minderheit – obwohl die Mobilität doch ein Kernanliegen der Reform war. 1999 bis 2009 war eine Zeit der Umstrukturierung: Der Magister wurde abgeschafft, europaweit wurden ähnliche Systeme und gemeinsame Begriffe eingeführt. Viel mehr als die grobe Kontur eines europäischen Hochschulraums ist aber noch nicht zu erkennen. Die Vision kam nicht im Hörsaal oder den Unigremien an. Das muss sich ändern, wenn Bologna zu einem wirklichen Erfolg werden soll. Dieser Text ist im Falter 10/10 erschienen. Illustration: Jochen Schievink „Wir brauchen Leistungsdruck“Tuesday, March 2. 2010 ÖVP-Wissenschaftsministerin Beatrix Karl über die Generation Praktikum, ihren Ruf als Liberale und den kleinen Unterschied zwischen Männern und FrauenBeatrix Karl gilt als Liberale, kommt selbst von der Uni und wird nächste Woche wieder mitten im Rampenlicht stehen. Am 11. und 12. März findet in Wien und Budapest der große Bologna-Gipfel statt. Die ÖVP-Wissenschaftsministerin weiß aber nur zu gut, dass viele Studenten zu Recht wütend sind. Sie spricht über die Verfehlungen bei Bologna und die unfairen Anforderungen an Jungakademiker. Falter: Frau Ministerin, mussten Sie jemals bei einer Vorlesung am Boden sitzen oder vor der Tür draußen stehen? Beatrix Karl: Ich habe Rechtswissenschaften in Graz studiert, das war schon damals ein Massenstudium. Dass ich jemals vor der Türe war, daran kann ich mich nicht erinnern. Aber die vollen Hörsäle kenne ich sehr wohl. Immer mehr Studenten haben weniger Geld und müssen nebenher arbeiten. Wie sehen Sie diesen Leistungsdruck? Karl: Wir brauchen einen gewissen Leistungsdruck. Unsere Absolventinnen und Absolventen sollen ja hochqualifiziert sein. Mit Sicherheit hat aber der Druck aus der Arbeitswelt zugenommen, Stichwort Generation Praktikum. Früher war es egal, wie lange man studiert hat. Bei den heutigen Jobausschreibungen ist am besten, man wurde in Mindestzeit fertig, hat fünf Sprachen gelernt und einige Auslandsaufenthalte vorzuweisen. In der Praxis geht das aber nicht. Die Uni macht es ihren Studierenden nicht leicht, im Eiltempo zu studieren. Karl: In den Massenstudien ist es tatsächlich schwierig. Zum Beispiel, wenn es Wartelisten gibt oder man in Seminare nicht mehr hineinkommt. Zugleich haben wir aber viele Studienrichtungen ohne überfüllte Hörsäle. Deswegen wollen Sie eine Studienplatzbewirtschaftung: Die Zahl der Studienplätze soll festgeschrieben werden, und pro Studienplatz gibt es eine fixe Summe für die Uni. Karl: Da geht es um die Frage, wie wir künftig die Universitäten finanzieren sollen. An den Fachhochschulen haben wir mit der Studienplatzfinanzierung sehr gute Erfahrungen gemacht, derzeit diskutieren wir das im Rahmen des Hochschuldialogs. Die Wirtschaftsuniversität hat etwa 24.000 Studierende. Könnte beim Hochschuldialog herauskommen, dass es nur mehr 15.000 sein sollen? Karl: Das wäre jetzt zu weit vor-gegriffen. Aber Studienplatzbewirtschaftung heißt für Sie auch weniger Studierende in manchen Fächern? Karl: Darauf kann es hinauslaufen. Ist es nicht falsch, irgendein Fach zu begrenzen? Immerhin hat Österreich nur eine Akademikerquote von 18 Prozent, weit unter dem OECD-Schnitt. Karl: Mein klares Ziel ist es, die Akademikerquote zu erhöhen. Aber: Mehr Studierende führen nicht zwangsläufig zu mehr Akademikern. Gerade in den Massenstudien haben wir viele Drop-outs. Vergleichen Sie etwa das Medizinstudium einst und heute: Vor den Aufnahmeprüfungen hörten rund 50 Prozent auf, heute sind es nur mehr fünf Prozent. Wie wollen Sie mehr Akademiker bekommen? Karl: Indem wir die Drop-out-Quoten senken. Da müssen wir bereits bei der Studienwahlentscheidung ansetzen. Viele denken zu wenig darüber nach, was sie studieren sollen, werden zu wenig in der Schule damit konfrontiert. Es kann nicht sein, dass 60 Prozent der Studienanfänger in bloß zehn Prozent der Fächer gehen. Wie es in diesen Fächern dann aussieht, können Sie sich vorstellen. Nicht jeder will Atomphysiker werden. Karl: Wir wollen auch nicht alle zu Atomphysikern machen. Aber Sie sprechen etwas Wichtiges an: Man muss die Neugierde für Naturwissenschaften schon früh bei den Kindern wecken. Die Studierenden klagen über zu wenig Wahlfreiheit im Studium. So wurden etwa die freien Wahlfächer abgebaut. Widerspricht das nicht dem Geist der Universität? Karl: Mit dieser Beschränkung bin ich auch nicht einverstanden, die Studierenden sollen Wahlmöglichkeiten haben. Ich werde mit den Verantwortlichen sprechen. Die Studienpläne werden ja von den Universitäten erstellt. Als Ministerin können Sie nicht nur Gespräche führen, sondern das auch gesetzlich vorschreiben. Karl: Die Universitäten sind autonom, eine gesetzliche Änderung strebe ich derzeit nicht an. Zuerst will ich mit den Verantwortlichen nach Lösungen suchen. Bald findet der Bologna-Gipfel statt. Es hagelt Kritik an Bologna. War die Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraums ein Fehler? Karl: Die Bologna-Idee ist sehr gut. Die Mobilität der Studierenden soll gefördert werden, sie sollen dadurch bessere Chancen bekommen. Auf nationaler Ebene sind aber eine Reihe von Umsetzungsfehlern passiert. Nun geht es um die Weiterentwicklung. Was lief falsch? Karl: Teilweise wurde in die Bachelorstudien zu viel Inhalt hineingepfercht. Man kann nicht acht Semester Diplomstudium in sechs Semester Bakkalaureat hineinpressen. Auch wurden Wahlfächer gestrichen, das ist nicht kreativ. Würden Sie jungen Menschen raten, nur bis zum Bachelor zu studieren? Viele glauben, dass sie dann schlechte Chancen am Arbeitsmarkt haben. Karl: Das erinnert mich an die Umstellung im Jusstudium. Früher erhielten Juristen sofort das Doktorat – ohne Dissertation. Dann wurde der Magister eingeführt, es gab helle Aufregung. Die Rechtsanwaltskammer meinte: Ein Magister kann nicht Rechtsanwalt sein. Mittlerweile ist das aber ganz normal, und so wird das auch beim Bachelor sein. Dieser akademische Abschluss wird in der Arbeitswelt anerkannt werden. Noch ist es aber nicht so. Verstehen Sie die Skepsis vieler Studenten? Karl: Ja. Auch weil der Bachelor im öffentlichen Dienst noch nicht voll anerkannt ist. Mein Vorgänger wollte das ändern. Hier sehe ich auch die zuständige Beamtenministerin Heinisch-Hosek (von der SPÖ, Anm.) gefordert. ![]() Nun sind Sie seit fünf Jahren in der Politik. Sie liefen nicht durch die Kaderschmieden wie die Junge Volkspartei. Wie wurden Sie politisch sozialisiert? Karl: Mein Großvater und mein Vater waren Bürgermeister, da bekommt man politisches Denken hautnah mit. Mich hat die Politik aber nicht so fasziniert, dass ich selbst aktiv geworden wäre. Zuerst war mir mein beruflicher Werdegang wichtig: Studium, Dissertation, Habilitation. Dann interessierte ich mich immer mehr für Sozialpolitik. Als Arbeits- und Sozialrechtlerin kann man Recht und Politik nicht immer zur Gänze trennen. Sie reden gerne über Frauenförderung an den Universitäten. Karl: Wir haben Gott sei Dank sehr viele weibliche Studierende. Aber für Frauen wird die Luft immer dünner, je höher es nach oben geht. Das hat verschiedene Gründe. Einerseits die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Wissenschaft ist kein Job, bei dem ich zwischen acht und 16 Uhr forsche und dann den Bleistift fallen lasse. Deswegen wären Kinderbetreuungseinrichtungen mit flexiblen Öffnungszeiten an allen Universitäten wichtig. Und die anderen Gründe, warum so wenig Frauen forschen? Karl: Das sind oft kleine Unterschiede. An einem Institut mit weiblichen und männlichen Assistenten bleibt das Administrative meist bei den Frauen hängen. Männer widmen sich mehr der Forschung, schaufeln sich frei. Das ist wichtig: Man muss dranbleiben und sich einem Forschungsprojekt über einen Zeitraum fast ausschließlich widmen können. Was halten Sie von einer Quote? Karl: Wir haben im Universitätsgesetz bereits eine 40-Prozent-Frauenquote. Allerdings nur für die Uni-Gremien, wo wieder administrative Aufgaben für Frauen anfallen. Was halten Sie von einer Quote bei den Professoren? Karl: Ich bin keine große Quotenanhängerin, und Quoten allein sind zu wenig. Derzeit bin ich noch dabei, mir einen Überblick über mögliche Maßnahmen zu verschaffen. Im Ministerium haben wir auch Förderprogramme dafür. Sie gelten als Liberale. Wie liberal sind Sie wirklich? Karl: Diese Frage kann ich so allgemein kaum beantworten. Beispiel Adoptionsrecht für Homosexuelle. Sind Sie dafür? Karl: Nein. Ich finde die eingetragene Partnerschaft gut, aber ein Adoptionsrecht geht zu weit. Unsere Gesellschaft ist noch nicht bereit dafür. Sehen Sie sich überhaupt als Liberale? Karl: Eher schon. Sie hören sich mehr wie eine Pragmatikerin als eine Ideologin an. Karl: Ja, ich habe keine politische Vergangenheit, sondern bin eine Quereinsteigerin. Daher würde ich mich eher als Sachpolitikerin bezeichnen, weniger als Ideologin. Was haben Sie in fünf Jahren Politik gelernt? Karl: Dass Politik anders funktioniert als Wissenschaft. Von der Wissenschaft bin ich gewohnt, mich in Themen einzuarbeiten. Die Politik ist schnelllebiger. Wenn Journalisten anrufen, kann ich nicht sagen: „Ich muss mich jetzt einlesen, fragen Sie mich in drei Tagen wieder.“ Da wird nicht gewartet. Derzeit warten die Studierenden, was beim Hochschuldialog herauskommt. Können Sie ihnen garantieren, dass sich etwas ändern wird? Karl: Ich erwarte mir beim Hochschuldialog Empfehlungen, und die werden dann auch politisch relevant sein. Aber geben Sie eine Garantie? Karl: Garantie, Garantie. Ich kann nicht garantieren, welche Maßnahmen kommen, ich habe auch einen Koalitionspartner. In einigen Punkten bin ich aber mit den Studierenden auf Linie, etwa bei der Umsetzung von Bologna. Und dann gibt es Themen, wo wir unterschiedlicher Meinungen sind. Aber ich denke, das ist normal so. Dieses Interview ist im Falter 09/10 erschienen. Fotos: Heribert Corn Eine heiße Aktion endet am kalten MorgenSunday, January 10. 2010
Das Audimax ist geräumt. Anders als in Deutschland wurden die Studierenden verhöhnt. Ein Schaden für alle
![]() Security, Polizei, Ausweiskontrollen: Es war kein Flughafen oder Gefängnis, das vergangenen Montag solcherart gesichert wurde, sondern das Hauptgebäude der Uni Wien. Frühmorgens, um 6.30 Uhr, endete die Audimax-Besetzung. Rektor Georg Winckler hatte die Polizei herbeigerufen, damit das Auditorium Maximum „aus Sicherheitsgründen“ geräumt werde. 80 Obdachlose und 15 Studierende wurden aus dem Saal gewiesen. Eine Sprecherin erklärte, es habe Brandgefahr bestanden. Die heißeste politische Aktion dieses Jahres endete also an einem eiskalten Dezembermorgen. Ohne Randale, ohne Zugeständnisse der Politik, ohne Weihnachtsfrieden wie vor 25 Jahren in der Hainburger Au – aber auch ohne nennenswerten Widerstand seitens der verbliebenen Studierenden. Sie wirkten müde. In den letzten Tagen hat sich die Bewegung aufgerieben, geschwächt und gespalten. Was bleibt übrig vom Audimaxismus? Zunächst machte er einer zunehmend interessierten Öffentlichkeit klar, wie die Freiheit an den Hochschulstudien mittlerweile eingeengt wurde, wie viel Geld den Unis fehlte. Rektoren und ÖH kritisieren das schon seit Jahren. Erst der lauten und modern vernetzten Masse der Studierenden war es gelungen, die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit darauf zu lenken. Die Politik aber ignorierte das Problem. Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) tauchte ab, selbst als tausende junge Menschen für Bildung demonstrierten. Offenen Diskussionen stellte sich der neue EU-Kommissar kaum. „Ich habe hinreichend Maßnahmen eingeleitet“, sagte er dem Standard und verwies auf 34 Millionen Euro, die er aus einem Notbudget lockermachte. Die Rektoren hatten eine Bildungsmilliarde gefordert. Der Streit ums Geld überlagerte die Debatte: Die Audimaxisten kritisierten dabei auch strukturelle Probleme, die Umsetzung des Bologna-Prozesses etwa. Die europaweite Vereinheitlichung des Hochschulsektors führte ihrer Meinung nach nicht nur zu neuen Bachelor- und Masterstudiengängen, sondern auch zu stromlinienförmiger Ausbildung und weniger Wahlfreiheit im Studium. Die Unis sollen im Eiltempo arbeitsmarkttaugliche Bachelors ausspucken, und das zum Minimaltarif. Die Studenten trafen mit ihrer Kritik an der europäischen Bildungspolitik (und ihrer nationalen Umsetzung) einen Nerv, nicht nur hierzulande. Der Audimaxismus breitete sich über die Grenzen aus, in Rom, Köln, Kopenhagen wurden Hörsäle besetzt. Gerade der internationale Vergleich ist spannend, weil er den Blick auf die Mechanismen von Politik und Medien freigibt: Während die Demonstranten bei uns schnell als „Randalierer“ und „Basiswappler“ verspottet wurden, nahmen deutsche Politiker die Anliegen ihrer Studenten ernst. Dabei hatte ihr Protest später begonnen und er fiel weniger intensiv aus als hierzulande. Die deutschen Studenten verbuchten zumindest Teilerfolge: Die Kultusminister der 16 Bundesländer forderten von den Hochschulen eine Reform des umstrittenen Bachelorstudiums. An der deutschen Umsetzung bemängelten die Betroffenen insbesondere, dass die Arbeitsbelastungen und die Zahl der Prüfungen dadurch enorm gestiegen waren. In beiden Punkten springt ihnen nun die Politik zur Seite. Auf Bundesebene gestand Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) eine Unterfinanzierung der Unis und Probleme bei der Einführung des Bachelors ein. Natürlich sind die deutschen Versprechen mit Vorsicht zu genießen. Ungeklärt ist zum Beispiel die Finanzierungsfrage zwischen Bund und Ländern. Trotzdem haben die deutschen Bildungspolitiker reagiert und Verantwortung übernommen – ganz anders als die abgetauchten österreichischen Kollegen. Auch die Medien haben sich in Österreich anders Verhalten. Sogar liberal gesinnte Journalisten diffamierten – anders als ihre Kollegen in Deutschland – den Protest von Anfang an. Während Wiener Leitartikler nur eine „Freak-Show“ oder „Tupperware-Partys“ im Audimax erkennen konnten, rief die deutsche Zeit: „Nieder mit Bologna!“ Die konservative FAZ verkündete: „Die Bologna-Blase ist geplatzt.“ Und sogar die Bild forderte Studierende auf, ihren Frust online zu artikulieren. In Deutschland, so die für Wien so bittere Erkenntnis, gibt es Journalisten, die etwas zu sagen haben, und Politiker, die reagieren. Daran, nicht am fehlenden Geld, scheiterte der Audimaxismus in erster Linie. Den Schaden tragen nicht nur Bildungspolitik und Gesellschaft, sondern auch die Politik selbst. Kein Koalitionsmitglied darf noch über Politikverdrossenheit oder Jungwählerschwund klagen, wenn so mit berechtigtem Protest junger Menschen umgegangen wird. Die ausgebliebene Bildungsdebatte ist also eine vergebene Chance, das war bereits in den letzten Wochen absehbar. Die Räumung des Audimax hat somit sogar etwas Positives. Sie ist eine Zäsur, sie fordert die Studierenden auf, über ihre Ziele und ihre praktische Umsetzung nachzudenken. Es fehlte ihnen etwa die Exitstrategie. Forderungen wie die Abschaffung der Zugangsbeschränkungen oder die Ausfinanzierung jedes Studienplatzes hatten die Audimaxisten bald gefunden. Doch auf ein Ausstiegsszenario, bei dem sie zumindest ein bisschen dazugewinnen konnten, einigten sie sich nicht. Im letzten Plenum konnten sich die Besetzer der Uni Wien nur noch darauf verständigen, dass sie Hilfe für die Obdachlosen wollen. Das kann nicht das einzige Anliegen einer Unibewegung sein. Rektor Winckler hat mit der Räumung des Hörsaals den Studierenden nun eine Verschnaufpause verschafft. Die Weihnachtsfeiertage werden viele Audimaxisten dafür nützen, den Hörsaal auch gedanklich zu verlassen, um neue und frische Protestformen zu entwickeln. Dieser Artikel ist im Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 52/09 erschienen. Foto: Peter Fuchs, APEX Die Zeitung ist tot, es lebe die ZeitungWednesday, November 25. 2009
Web frisst Print, die Krise schlägt zu. Trotzdem gibt es Zeitungen, die mit ungewöhnliche Ideen bestechen oder sich sogar neu erfinden. Ein Blick in die Welt der Zeitungsdesigner
![]() In ganz Europa stehen Zeitungen unter Druck. Die Lesegewohnheiten ändern sich, viele Menschen warten nicht mehr auf die Zeitung am Frühstückstisch, sondern holen sich ihre Nachrichten gleich aus dem Netz. Die Wirtschaftskrise verschärft dieses Phänomen. Anzeigenumsätze sinken, Medienhäuser entlassen Journalisten. Doch wie können Zeitungen darauf reagieren? Wie müssen sich Printmedien neu positionieren? Antworten gibt es beim European Newspaper Award. Dieser zeichnet jährlich herausragende Publikationen für ihr Konzept und ihre Gestaltung aus. Der Hauptpreis „European Newspaper of the Year“ wird in den Kategorien überregional erscheinende Zeitung, Regionalzeitung und Lokalzeitung vergeben. Die diesjährigen Gewinner stammen aus Portugal, Deutschland sowie Schweden und zeigen, welche Veränderungen am Printmarkt bevorstehen und wie sich Medien neu erfinden. Portugal: Rundum-Innovation „Wir wollen alles wegwerfen, was in herkömmlichen Zeitungen nicht funktioniert, und eine neue Zeitung bauen“, sagt Art-Director Nick Mrozowski. Tageszeitungen sind üblicherweise nach Ressorts aufgeteilt (Politik, Wirtschaft, Chronik, Kultur, Sport). Die Portugiesen haben ein anderes System: Zuerst bringen sie einen knackigen Nachrichtenüberblick, genannt „Radar“. Hier landen die wichtigsten Meldungen des Tages, kurz erzählt zur schnellen Orientierung. Danach startet die zweite große Sektion: „Zoom“. Die Texte werden länger, die Artikel bringen mehr Hintergrund. Analyse, Reportage und Essays finden sich hier. Qualitätsjournalismus ja, aber peppig aufgemacht. In i werden keine herkömmlichen Pressekonferenzfotos abgedruckt, bei denen Politiker am Podium sitzen und ein Fotograf sie abknipst. Um solche Szenen anders zu erzählen, schickt das Blatt mitunter Illustratoren zu wichtigen Politikveranstaltungen. Sie sollen die Atmosphäre einfangen und auf ihre Weise darstellen. Das Überraschendste ist aber, dass die Zeitung ausgerechnet im Krisenjahr 2009 erstmals erschien. Ein großes portugiesisches Baukonglomerat finanziert das Blatt, 15 Millionen Euro darf die Zeitung in den ersten vier Jahren kosten, dann soll sie profitabel werden. Derzeit beträgt die Auflage 30.000 Stück. Ab Jänner wird sie verdoppelt. Die Jury des European Newspaper Awards lobt i als „Rundum-Innovation“. Die Zeitungsmacher spielen sogar mit dem Gedanken, dass Online Print eines Tages überholen wird. „Vielleicht ist unsere Webseite in fünf Jahren wichtiger als die Zeitung“, sagt Mitgründer Macedo. Er fürchtet sich nicht vor dieser Vorstellung. Deutschland: Zeitung für Leser „Kontinuität und Qualitätsjournalismus“ versprach auch Chefredakteur Joachim Dorfs, als am 20. Juni die erste Ausgabe des überarbeiteten Blattes erschien. Die Regionalzeitung hat eine Auflage von 150.000 Stück und ist trotz der Neugestaltung bemüht, nicht zu bunt zu wirken. So sind die Bilder farbig und auf der Titelseite gibt es ein schönes großes Foto, das ein wichtiges Tagesthema ankündigt, insgesamt hat der Platz für Illustrationen aber abgenommen. „Mit Bildern sollte man vorsichtig sein, weil man leicht verwechselbar oder beliebig wird“, sagt Art-Director Dirk Steininger. Sein Blatt ist die Antithese zu jenen Zeitungen, die zuletzt größere Fotos und mehr Weißraum einfügten und nun weniger Platz für ihre Artikel haben. So haben die Stuttgarter eine neue, größere Schrift eingeführt und trotzdem ihre langen Texte beibehalten. Diese Änderung soll einerseits der älter werdenden Leserschaft entgegenkommen, die eine leichter lesbare Typografie will, und andererseits dem seriösen Ruf der Zeitung entsprechen. Immerhin beinhaltet die Stuttgarter Zeitung viele Geschichten, die deutsche Journalisten gerne als „Lesestücke“ bezeichnen. Das vermittelt das textlastige Layout. „Man möchte sich zurücklehnen und einfach nur lesen“, befand ein Jury-Mitglied. Schweden: Technik bringt’s Die Skandinavier beherrschen aber ihr Handwerk. Sie legen viel Wert auf die Bildauswahl, produzieren eine übersichtliche und leserfreundliche Zeitung. Chefredakteur Magnus Karlsson macht den technischen Wandel für den Erfolg mitverantwortlich. Zum Beispiel engagiert sein Blatt viele Fotografen aus der Region. Diese senden ihre Bilder oft kurz vor Redaktionsschluss aus entlegenen Ortschaften ein. Bevor es mobiles Internet gegeben hat, war das unmöglich. Für noch wichtiger hält der Chefredakteur das neue redaktionelle System, es handelt sich um ein schwedisches Programm genannt „Newspilot“, das die rasche Layoutierung von Zeitungsseiten ermöglicht. „In 45 Minuten ist eine Seite erstellt“, sagt Karlsson. Die restliche Zeit können seine Mitarbeiter dann für Feinheiten aufbringen: bessere Zwischentitel, aufwendigere Designs oder gutgeschriebene Infoboxen. Gerade diese Art von Leserservice lobte die Jury. Dazu zählt auch, dass sich unter jedem Artikel E-Mail-Adresse und Telefondurchwahl des zuständigen Redakteurs finden. Größere Vielfalt Vom 25. bis 27. April 2010 findet im Wiener Rathaus der „European Newspaper Congress 2009“ statt, dort werden die Zeitungspreise vergeben. Die Ehrung gibt einen Einblick in Trends am Printmarkt: Viele Zeitungen setzen vermehrt auf Hintergrundberichterstattung, die Qualität der Bildauswahl rückt in den Vordergrund. Für Haika Hinze, Art-Directorin der Zeit und Jurymitglied beim European Newspaper Award, ist die spannendste Erkenntnis, dass die Zeitungen so unterschiedliche Richtungen einschlagen, von den innovativen Portugiesen bis zu den traditionell denkenden Stuttgartern. „Ich nehme wieder eine größere inhaltliche Vielfalt als vor drei, vier Jahren wahr“, meint sie. Die Frage, wie die Zukunft der Zeitung aussehen wird, ist noch lange nicht endgültig geklärt. Dieser Bericht ist im Falter 48/09 erschienen. Bilder: European Newspaper Award / i / Stuttgarter Zeitung / Smålandsposten Auf zur Weltklasse!Thursday, November 12. 2009
Die Zustände an heimischen Unis sind desaströs. Wie kann man sie verbessern? Ein Blick ins Ausland zeigt es
Dieser Artikel ist im Falter 46/09 erschienen. Illustration: Jochen Schievink 1. Nur her mit den Studenten Steigen die Studierendenzahlen, geht das in Österreich als Horrormeldung durch. Dabei haben wir hierzulande nur 18 Prozent Akademiker, weit weniger als der OECD-Schnitt (27 Prozent) und nur halb so viele wie in Finnland. Gerade die nordischen Länder zeigen, dass viele Studierende doch leistbar sind. Drei Viertel aller 19-Jährigen besuchen in Finnland eine Uni oder Fachhochschule. Die Finnen geben 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts dafür aus, während es in Österreich nur 1,3 Prozent sind. Andere Länder kämpfen um möglichst viele Studenten. Großbritannien möchte, dass jeder zweite Jugendliche inskribiert. Das resultiert aus der Überzeugung, dass mehr Bildung zu weniger Arbeitslosigkeit, höheren Einkommen, mehr Steuereinnahmen und besseren Chancen im internationalen Wettbewerb führt. Auch in Österreich zeigt sich, dass Akademiker weit seltener arbeitslos sind – selbst wenn sie solche „Orchideenfächer“ wie Theaterwissenschaft belegt haben. Pro zusätzlichem Bildungsjahr steigt der Nettostundenlohn durchschnittlich um acht Prozent, berechnet das Institut für Höhere Studien. 2. Gute Gehälter für Dozenten Wenn von Weltklasse-Universitäten die Rede ist, fallen schnell Namen wie Harvard oder Yale. Amerikanische Hochschulen sind mit den europäischen aber nicht vergleichbar, sie werden nur zu 45 Prozent vom Staat finanziert, der Rest kommt aus privater Hand. Ein Jahr in Harvard kostet die Studenten 33.696 Dollar. Interessanter ist da schon der Vergleich mit der Schweiz. Sie hat zwei renommierte Universitäten, die im internationalen Vergleich brillieren: die ETH Zürich und die Uni Zürich. Wie machen die das? Mit guten Einkommen. Das Anfangsgehalt eines Professors an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich beträgt 180.000 Euro im Jahr. Die Uni Zürich ist in einigen Studienrichtungen auch ein Massenbetrieb, trotzdem ist die Lehrsituation vergleichsweise gut. Dort kommen 56 Studierende auf einen Professor, an der Uni Wien sind es 194. Dabei gibt es auch in der Schweiz einen grundsätzlich offenen Hochschulzugang. 3. Baut mehr Fachhochschulen Es gibt zwei Möglichkeiten, die jetzigen Probleme zu lösen: mehr Geld oder einen Abbau der Studienplätze und Zugangsbeschränkungen in Massenfächern. „Ich sehe nicht, warum irgendein Studienfach in Österreich eingeschränkt werden sollte“, sagt der deutsche Hochschulforscher Ulrich Teichler angesichts der niedrigen Akademikerquote. Mehr Akademiker brauchen mehr ausfinanzierte Studienplätze, das fordern nicht nur die Audimax-Besetzer, sondern auch die Rektoren. Insbesondere der Fachhochschulsektor ist unterrepräsentiert. Nur rund zwölf Prozent der Studenten inskribieren an einer FH. Dabei wollen viele eine praxisorientierte Ausbildung, kommen an den FHs nicht unter und weichen dann auf die überfüllten Unis aus. Das ginge auch anders. In Österreich und Finnland gibt es seit circa 15 Jahren das FH-System, nur wurde dieses im hohen Norden wesentlich ausgebaut. Heute ist mehr als die Hälfte der Studierenden an der Ammattikorkeakoulu, der finnischen FH, der Rest an den Unis. Doch muss ein Ausbau der Studienplätze nicht heißen, dass man gar nicht mehr über Zugangsbeschränkungen sprechen darf. Die Forderung, ein Land solle unbegrenzt Ärzte ausbilden, ist unrealistisch. Unis sollen überdies wissen, wie viele Menschen bei ihnen Platz haben. Bei restriktiven Beschränkungen steigt aber die Gefahr, dass plötzlich Arbeitskräfte fehlen. Es ist schwierig zu sagen, wie viele ausgebildete Lehrer oder Ärzte ein Land in fünf Jahren benötigt. In den Niederlanden etwa werben sich Schulen gegenseitig die Lehrer ab, weil es zu wenige gibt. Hessen lockt mit einem Beamtenstatus für Pädagogen, um diese aus anderen Bundesländern anzustellen. 4. Kindergärtner an die Unis Es ist kein Zufall, dass sich ausgerechnet die Kindergärtnerinnen und Kindergärtner dem Studierendenprotest angeschlossen haben. Sie fühlen sich von der Hochschulpolitik benachteiligt. Zu Recht, denn „Krankenschwester“ oder „Kindergärtner“ kann man hierzulande nicht studieren, anderswo sehr wohl. An der Uni Helsinki gibt es strenge Auswahlkriterien für alle Erziehungswissenschaften, auch für die Kindergärtner. Sie studieren im Bachelorsystem. Die heimischen Pädagogen wünschen sich eine Anhebung der Kindergartenausbildung auf akademisches Niveau, das würde nicht nur der gesellschaftlichen Bedeutung dieser Profession gerecht werden – es würde das gesamte Berufsbild aufwerten. Das gleiche gilt für andere mittlere Berufe, wie Diplomkrankenschwestern. Eine Wissensgesellschaft entsteht nicht dadurch, dass plötzlich alle Architektur und Biologie studieren, sondern dass andere Professionen wissenschaftlich aufgewertet werden. 5. Klärt die Maturanten auf Jus, BWL, Psychologie. Viele Maturanten sind bei der Studienwahl unkreativ und bereuen das spätestens dann, wenn sie in Massenvorlesungen sitzen, Knock-out-Prüfungen erleben oder nur abstrakte, praxisferne Dinge lernen. Dabei gibt es Projekte, um Maturanten über die Studienbedingungen vorab zu informieren. Die holländische Webseite Studychoice.nl bietet zum Beispiel eine Übersicht über 2500 Ausbildungsangebote in den Niederlanden. Mit ein paar Mausklicks können Interessierte die passende Uni für sich suchen. Sie geben dabei ein Fach, das sie interessiert, und Kriterien für die Studienauswahl an – von der Jobtauglichkeit bis hin zu den Mietpreisen in der Universitätsstadt. Das Onlinesystem liefert eine Übersicht und Rankings von Studenten, die dort bereits studiert haben. Nun will auch die Österreichische Hochschülerschaft die Studienberatung ausbauen. Sie plant ebenfalls eine Web-Plattform, die den Maturanten transparente Infos zum jeweiligen Studium und zur Fakultät gibt. Zusätzlich hat sie ein Pilotprojekt gestartet, bei dem Schüler Lehrveranstaltungen an Hochschulen besuchen können. Das hört sich alles gut an. Das Problem ist nur: Der Staat finanziert solche Projekte nicht flächendeckend. 6. Weniger Abhängigkeit von Eltern Besserverdiener finanzieren dem eigenen Nachwuchs das Studium, für alle anderen gibt es Stipendien. Das klingt einleuchtend, in der Realität wird dieses Versprechen aber nicht ausreichend eingelöst. „Österreichische Studierende sind von ihren Eltern extrem abhängig. Der Staat kompensiert nicht genug“, attestiert Dominic Orr. Er forscht in Hannover für die Hochschul-Informations-System GmbH und erstellt die Bildungsstudie Eurostudent. Mit Tabellen, Grafiken, Sockeldiagrammen rechnet er vor, was manche Studis spüren: Wer aus einer sozial benachteiligten Schicht kommt, hat es schwieriger, sein Studium zu finanzieren. Die Stipendien decken nicht den Lebensbedarf ab, also müssen die Studis zusätzlich arbeiten. Dabei gibt es ganz andere Konzepte. Jeder Schwede kann eine staatliche Studienförderung von 777 Euro pro Monat bekommen, 35 Prozent sind geschenkt, der Rest geliehen. Wem der Kredit nicht geheuer ist, kann darauf verzichten. Das Geld dient für Miete, Essen, Lebenserhaltungskosten. Studiengebühren gibt es keine. Die schwedische Mentalität ist deswegen anders. Für die Maturanten ist es weniger wichtig, wie reich die Eltern sind und welches Studienfach Mama und Papa genehm ist. Sie werden wie Erwachsene behandelt, von denen 70 Prozent einen staatlichen Kredit aufnehmen, der niedrig verzinst ist. Das Ganze ist auch ein Kompromiss für den Staat, um möglichst vielen ein Studium zu ermöglichen, das Budget aber nicht allzu sehr zu belasten. 7. Brain Gain statt Brain Drain Der Student aus dem Ausland ist hierzulande gefürchtet, die Schwemme an Numerus-clausus-Flüchtlingen wird beklagt. Andere Länder haben schon früher Lösungen für den Ansturm ausländischer Studierender gefunden. Zwischen Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden gibt es etwa seit 1996 Ausgleichszahlungen für all jene, die beim Nachbarn studieren. Es ist auch eine Einstellungsfrage, wie man internationale Studierende empfängt. Die ETH Zürich spricht zum Beispiel von einer eigenen „Strategie für die Rekrutierung der weltweit besten Studierenden“. 30 bis 50 Prozent der Master-Studenten und mehr als die Hälfte der Doktoranden sollen aus dem Ausland stammen. Beim Master selektiert die ETH. Um genügend Bewerber zu haben, gründete sie ein Stipendium für besonders gute internationale Master-Studenten. Sie sollen sich das Leben im teuren Zürich leisten können. 8. Qualität messen Jedes Jahr fallen die heimischen Unis in internationalen Hochschul-Rankings weiter zurück. In der Tabelle des Time Magazine belegt die Uni Wien nur Platz 132, das ist um 17 Ränge schlechter als im Jahr zuvor. Die Uni Zürich hat sich hingegen unter die besten Hundert hinaufgekämpft. Die Kritik an diesen Rankings ist berechtigt. Wenn eine Uni viele Zitierungen in Fachzeitschriften aufweist, sagt das nicht viel über die Zustände im Hörsaal aus. Trotzdem sind internationale Vergleiche Annäherungen, um die Schwächen im Hochschulsektor zu erkennen. Warum schneidet die Uni Wien im Time-Ranking so schlecht ab? Weil das Betreuungsverhältnis zwischen Dozenten und Studis miserabelst eingestuft wird. Viele Studenten werden dem beipflichten. Die OECD tüftelt an einem eigenen Hochschulvergleich, der ähnlich wie Pisa die Qualität der Lehre messen soll. Parallel dazu können auch Nationalstaaten den Erfolg ihrer Unis hinterfragen. In Großbritannien etwa erfasst die nationale Statistikagentur HESA jedes Jahr, wie viele Absolventen ohne Job dastehen und in welchen Branchen die Akademiker landen. Hierzulande fehlt eine solche Absolventenstudie. Bildungspolitiker tappen im Dunkeln. 9. Benachteiligten gezielt helfen Apropos England: Die HESA misst zudem, wie viele Kinder aus bildungsfernen Schichten an den einzelnen Unis landen. Engagierte Einrichtungen bekommen Fördergelder. Jährlich gibt es 160 Millionen Euro für gezielte Maßnahmen, um benachteiligte Gruppen an die Unis zu holen. Zum Beispiel bekommen britische neun- bis 13-Jährige einen Studierenden als Mentor zugeteilt, der sie längerfristig unterstützt. Weiters gibt es 190 Millionen Euro, um Drop-outs bei diesen Gruppen zu verhindern. 10. Bessere Schulen für bessere Unis Geld, Geld, Geld – das brauchen heimische Unis, wenn sie mehr Akademiker ausbilden sollen. Mindestens genauso wichtig ist allerdings ein Umdenken im Bildungssystem. Derzeit werden viele Zehnjährige in städtische Hauptschulen abgeschoben, eine Einbahnstraße in Richtung weniger Bildung, höhere Arbeitslosigkeit. Für sie stellt sich meist gar nicht die Frage, ob der Hochschulzugang frei sein soll oder alle alles studieren dürfen. Wenn 75 Prozent der Finnen eine FH oder Uni belegen, liegt das insbesondere daran, dass sie das Schulsystem überhaupt so weit gebracht hat. Resümee Ein klares Bekenntnis zu mehr Studierenden, gut bezahlte Professoren, Qualitätskontrolle an Hochschulen und gezielte Fördermaßnahmen. Man muss die Uni nicht von Grund auf neu erfinden, um sie zu verbessern. Es hilft bereits, sich in der Welt umzusehen.
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