Lauter, schriller, billigerMonday, May 17. 2010 Die Qualitätsmedien stehen am Abgrund, die Schreihälse geben den Ton an, erklärt der Soziologe Kurt ImhofWie schädlich sind schlechte Medien für die Demokratie? Dazu forscht der Schweizer Kurt Imhof. Sein Urteil ist ernüchternd. Der Soziologe attestiert der Medienlandschaft einen Qualitätszerfall seit den Siebzigerjahren, der sich nun auf Politik und Gesellschaft auswirkt und Rechtspopulisten beflügelt. Welche Lösungen es geben könnte und welche Rolle das Internet dabei spielt, erklärt er im Gespräch. Falter: Herr Imhof, bei Ihren Thesen bekommt man den Eindruck: Wir verdummen alle und schuld sind die Medien. Was läuft in Ihren Augen falsch? Kurt Imhof: Durch die Kommerzialisierung ist das Qualitätsbewusstsein für Journalismus verlorengegangen. Dieses Bewusstsein, dass guter Journalismus die Voraussetzung für Demokratie ist. Aber wenn wir von Schuldigen sprechen, sollten wir die Verhältnisse nicht vergessen: Tatsächlich haben die Medien nicht mehr die nötigen Ressourcen. Ihre Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr, und das Publikum macht immer weniger einen Unterschied zwischen Qualitäts- und anderen Medien. Warum nicht? Imhof: Das wurde stark von der Gratiskultur befördert. Wenn man Informationen kostenlos beziehen kann und diese Informationen scheinbar ausreichen, um sich in der Welt zu bewegen, dann können die Leserinnen und Leser nicht mehr zwischen gutem und schlechtem Journalismus unterscheiden. Wir können auch nicht vom Publikum verlangen, dass es die Zeitungen der 60er- und 70er-Jahre mit den gegenwärtigen vergleicht und feststellt: Herrgott nochmal, wir haben nur noch Human Interest, Personalisierung und Skandalisierung! Was finden Sie am Human Interest, dem Fokus auf menschliche Geschichten, so schlimm? Imhof: Human Interest bezieht sich auf Charakterdefizite, persönliches Versagen und Abweichungen von der Norm. Diese subjektive Innerlichkeit des Menschen zu betrachten, ist sehr viel einfacher, als über Sachverhalte zu informieren. Das ist eine Komplexitätsreduktion und fördert auch den Wahlerfolg populistischer Akteure. Was halten Sie für den richtigen journalistischen Umgang mit den Rechtspopulisten? Imhof: Die Nachrichtenwertlogik müsste im Grunde verleugnet werden. Wenn die FPÖ etwas einbringt, ist das spektakulär und die Medien reagieren darauf. Das widerspricht aber dem Gebot der Aufklärung: Bei der sollte die sanfte Gewalt des besseren Arguments überzeugen – und nicht der Schreihals. Und die Folgen? Imhof: Die Gefahr kann man ganz drastisch auf den Punkt bringen. In den 20er- und 30er-Jahren kamen die Austrofaschisten und die NSDAP mit ihren medienwirksamen Aktionsformen zum Erfolg, weil sie in Österreich und Deutschland über eine Mehrheit rein kommerzialisierter Medien verfügten. In der Schweiz hingegen trafen sie auf ein Mediensystem, das primär von der Parteizeitung geprägt war, und erhielten keine Resonanz. Das heißt, die Struktur der öffentlichen Kommunikation entscheidet über die Struktur des politischen Systems. Wir sind nicht so weit wie in der Zwischenkriegszeit. Diese hat uns aber gelehrt, auf die öffentliche Kommunikation zu achten. Heute haben wir doch eine viel größere Medienpluralität. Widerspricht das nicht Ihrer These? Imhof: Nein, was als Pluralität erscheint, ist eine Nivellierung nach unten. Der Medienkonsum orientiert sich ganz stark an Generationen und Bildungsschichten. Die hoch emotionalisierten politischen Ereignisse erreichen bei den qualitativ schlechtesten Medien die höchste Resonanz und sind für politische Kampagnen ausschlaggebend. Das politische Personal muss sich immer stärker auf die Billigmedien ausrichten, und das verändert die Qualität der öffentlichen Auseinandersetzung. Was wäre Ihr Gegenentwurf? Imhof: Es braucht drei Maßnahmen. Wir müssen zum einen die Medienkompetenz an den Schulen fördern. Jugendliche können nicht mehr zwischen Qualitätsmedien und Billigmedien unterscheiden. Dabei ist das eine Voraussetzung, um die Demokratie aufrechtzuerhalten. Zweitens brauchen wir eine unabhängige Beobachtung der Medienqualität selbst, also ein Jahrbuch, das einen Qualitätsvergleich macht und die Wirkungen des Qualitätszerfalls aufzeigt. Drittens müssen wir uns im Klaren sein, dass die Medien nicht mehr über rein kommerzielle Einnahmen gesichert werden können. Es braucht im Printbereich Stiftungsmodelle mit zivilgesellschaftlichen und öffentlichen Mitteln, die qualitativ hochwertigen Journalismus sichern. Der Staat soll also einspringen, weil sich die herkömmlichen Medien nicht mehr rentieren? Imhof: Ja, klar. Wir sind uns einig, dass wir den öffentlichen Verkehr mit öffentlichen Mitteln fördern sollen. Natürlich sollen wir auch den öffentlichen Informationsverkehr auf diese Weise fördern. Und wie soll Ihr Stiftungsmodell aussehen? Imhof: Das gibt es so noch nicht. Es muss so eingerichtet werden, dass zivilgesellschaftliche und öffentliche Mittel vorhanden sind und der Staat nicht lenkend eingreifen kann. Im angelsächsischen Raum finden sich Medien, die bereits durch einzelne Stiftungen unterstützt werden. In den USA fördert eine Stiftung zum Beispiel Recherchejournalismus. Diese gutrecherchierten Artikel können sich dann Medien billig kaufen. Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Solche Stiftungen werden oft von der Privatwirtschaft finanziert. Wie kann man verhindern, dass Medien zum Sprachrohr großer Konzerne werden? Imhof: Diese Institutionen muss man so zusammensetzen, dass ihre Unabhängigkeit gewährleistet ist. Und man muss die Mittelvergabe an klare Qualitätskriterien knüpfen. Die andere Lösung wäre, dass Menschen wieder Geld für gute Medien ausgeben. Imhof: Das setzt aber voraus, dass die Qualitätsunterschiede überhaupt wieder beim Publikum wahrgenommen werden – und dass die Qualität steigt. Kurt Imhof ist Soziologe und Publizistikwissenschaftler an der Universität Zürich. Der 54-Jährige war im Rahmen der Hedy Lamarr Lectures zu Gast in Wien und sprach über die mediale Wissensvermittlung im Wandel Imhof: Ja, wir beobachten eine Nivellierung nach unten. Die internationalen Qualitätsmedien stehen alle am Abgrund. Le Monde, Guardian, Süddeutsche, FAZ, NZZ etc. müssen sparen. Bei der New York Times gibt es eine akute Übernahmegefahr durch den wichtigsten mexikanischen Telekomunternehmer. Die Verlegerfamilie denkt über einen Verkauf der Zeitung nach, solange noch etwas herauszuholen ist. Besteht das Problem darin, dass Medien wie ein normales Produkt gehandelt werden? Imhof: Ja, in der Moderne waren Medien die meiste Zeit Weltanschauungsorgane, Aufklärungs- oder Gesinnungsmedien. Sie hatten in erster Linie den Staatsbürger im Auge, nicht den Medienkonsumenten. Aber heute will doch keiner von sich sagen, dass er Gesinnungsjournalismus macht. Imhof: Das stimmt. Der Weg zurück zu den Weltanschauungsmedien ist nicht möglich, schon deshalb, weil die Parteien kein Geld haben. Es ist aber wichtig, unabhängige Meinungsblätter zu haben, mit qualitativ hochwertigem Journalismus auf Basis ressourcenstarker Redaktionen. Seit wann beobachten Sie diesen Verfall der Qualität? Imhof: Wir haben die wichtigsten Kommunikationsereignisse der letzten 100 Jahre in der deutschsprachigen Schweiz analysiert. Der drastische Einbruch begann in den 70er-Jahren, wurde in den 80er- und 90er-Jahren beschleunigt. Und jetzt sind wir so weit, dass die politischen Wirkungen auch sichtbar werden. Viele Menschen hoffen nun auf das Internet und die neuen Medien: Facebook, Twitter und Co. Sehen Sie hier das Potenzial zu verstärkter öffentlicher Kommunikation und mehr Kontrolle? Imhof: Da müssen wir zwei Unterscheidungen machen. Erstens: Die Qualitätsmedien haben Ableger im Internet, im Regelfall findet sich dort die qualitativ dünnere Ausgabe der Originalmedien mit wesentlich mehr Agenturmeldungen und schlechter ausgestatteten Redaktionen. Aber immerhin kann man die internationalen Qualitätszeitungen Le Monde, New York Times etc. online lesen. Zweitens haben wir die neuen Interaktionsmedien wie Twitter und Facebook, also die Social Networks. Dort verfassen die Leute in erster Linie Botschaften über sich selbst oder ihre subjektive Befindlichkeit und inszenieren sich selbst. Wir haben es hier nicht mit Kommunikation zu tun, die alle etwas angeht, sondern mit Kommunikation, die nur die Gemeinschaft etwas angeht. Und zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft besteht ein Unterschied. Im Internet gibt es für jeden Menschen seine Community. Der Autonarr besucht ein Autoforum, der Anhänger einer Partei spricht mit Gleichgesinnten. Zerbröselt die Gesellschaft im Netz? Imhof: Sie löst sich in Gemeinschaften auf. Aber die Moderne ist abhängig von einer gesellschaftlichen Organisationsform. Bei den Mehrheitsabstimmungen prägen Bürgerinnen und Bürger die Demokratie, die sich gar nicht kennen. Dafür brauchen wir eine – über die Gemeinschaft hinausgehende – öffentliche Kommunikation. Also die klassischen Medien. Imhof: Ja. Aber klassische Medien kann es im Internet oder anderswo geben. Die Übermittlungsform ist nicht das Entscheidende. Nur eine gutausgestattete Redaktion macht den Unterschied. Dieses Interview ist im Falter 16/10 erschienen. Credits: Jochen Schievink / Heribert Corn
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Der ORF und die NeonazisWednesday, March 31. 2010 Strache gegen den ORF, Rechtsradikale gegen Strache, die ÖVP gegen den ORF, der ORF gegen die Prinzipien von Qualitätsjournalismus – eine Affäre mit lauter VerlierernBericht: Ingrid Brodnig und Martin Gantner Damit hatte Philipp R. nicht gerechnet. Über Nacht wurde er zum bekanntesten Rechtsradikalen Österreichs. Die Parteien streiten darüber, was der 19-Jährige bei einer FPÖ-Veranstaltung vielleicht gesagt oder nicht gesagt hat. Journalisten diskutieren, ob der Wiener vom ORF instrumentalisiert wurde. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ob er sich der Wiederbetätigung schuldig machte. Und Philipp selbst? Er sitzt in der Wohnung seiner Mutter, trägt eine Jogginghose, ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „Leben ist Kampf“ und ärgert sich. „Wenn ich gewusst hätte, dass das so endet“, sagt er, „dann hätte ich da nicht mitgemacht.“ Am liebsten hätte er sich niemals vom ORF filmen lassen. Eine 30-minütige Fernsehreportage stellte das Leben des jungen Skinheads auf den Kopf. Die Reportage handelt vom trostlosen Alltag des Wieners: von den Geldsorgen, die ihn und seine Mutter plagen, von den fehlenden Perspektiven, die den jungen Mann ohne Schulabschluss und ohne Jobchancen umtreiben, bis hin zur Wut, die er spürt, wenn er über „die Ausländer“ schimpft. Der ORF-Journalist Ed Moschitz hatte Philipp mehrere Monate lang begleitet. Die Zuschauer erleben einen desillusionierten 19-Jährigen auf seinem Weg zum Arbeitsamt und beobachten, wie der Bursche gemeinsam mit seinem Freund vor Gericht erscheinen muss. Moschitz zeigt einen jungen Menschen in seiner ganzen Widersprüchlichkeit: hin- und hergerissen zwischen dumpfem Ausländerhass und Zuneigung zu seinem türkischen Nachbarn, der auf derselben Stiege wohnt. Übrig bleibt vor allem eine Frage: Wie viel hat der Philipp im Fernsehen mit dem echten Philipp aus dem Gemeindebau zu tun? Der ORF fuhr mit den Rechtsradikalen auch zu einer Wahlkampfveranstaltung der FPÖ in Wiener Neustadt, wo die Jungs hinwollten. Dort stellten sie sich demonstrativ mit Transparenten vor linke Gegendemonstranten und reihten sich ein, um Fotos und Autogramme von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache zu bekommen. „Sieg Heil!“ will dieser dann aus dem Mund von einem der Skins gehört haben. Strache wirft dem Küniglberg Manipulation und Moschitz Anstiftung zum Neonazismus vor. Der ORF dementiert. Die Interessen der Politik Die beiden beschuldigten Skinheads bestreiten mittlerweile selbst, in Wiener Neustadt „Sieg Heil!“ gerufen zu haben. Auch das ausgestrahlte Material lässt starke Zweifel an Straches Version aufkommen. Doch den FPÖ-Chef hindert das nicht daran, sich weiter als Opfer des ORF zu gerieren. Er spricht vom „Küniglgate“ und von gebührenfinanzierten Neonazis. Den Freiheitlichen bietet der Fall eine willkommene Ablenkung von ihrer Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz. Mit ihrem Eiertanz rund um das Verbotsgesetz hatte sie die FPÖ einmal mehr ins rechte Eck gestellt. Auch die ÖVP fordert auf einmal gebetsmühlenartig hehren Qualitätsjournalismus und unverzerrte Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein. Kritiker befürchten, es gehe den Schwarzen nur um die Vormachtstellung auf dem Küniglberg. Nun schaltet sich auch der grüne Sicherheitssprecher Peter Pilz ein und erstattete am Montag Anzeige gegen unbekannt. Er habe den Verdacht, dass Polizeibeamte auf die Skinheads Druck ausübten und zur Falschaussage im Interesse der FPÖ zwangen. Der Fall hat aber auch eine andere Dimension als das politische Hickhack. Es geht dabei um die Frage: Was dürfen Journalisten – und was nicht? Wann legen sie Spuren, statt diesen nur zu folgen? Ist es legitim, einem jungen Rechtsradikalen Geld zu geben, damit er sich T-Shirts mit einschlägigen Sprüchen kauft? Die Aussagen der Skinheads und Falter-Recherchen lassen die Arbeitsmethoden des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in einem zweifelhaften Licht erscheinen. Dieser Bericht erschien als Cover-Geschichte im Falter 13/10 Am Küniglberg liegen die Nerven blank. Dem zuständigen Redakteur, Ed Moschitz, wird eine öffentliche Stellungnahme per Weisung untersagt. Nur in der „Zeit im Bild“ durfte er sprechen, um seine Arbeitsweise zu verteidigen. Kaum ein Mitarbeiter will zitiert werden. Sie alle wissen, dass viel auf dem Spiel steht: Für den ORF geht es um seine Glaubwürdigkeit als öffentlich-rechtlicher Sender. Für die „Schauplatz“-Redaktion um den hart erarbeiteten Ruf eines Teams, das für seine Sozialreportagen über die Jahre hinweg zu Recht mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Einer, der Stellung beziehen muss, ist Christian Schüller, Sendungsverantwortlicher vom „Schauplatz“. Er sitzt vergangenen Donnerstag müde in der ORF-Kantine. Die Anstrengungen der letzten Tage sind ihm anzusehen. Er sagt: „Die Kritik der FPÖ ist haltlos. Die Sendung wird die Vorwürfe klar widerlegen.“ Man könne noch so viele Bänder auswerten, auf keinem werde man die von Strache behaupteten Naziparolen finden. „Niemand wurde zu irgendwas gezwungen.“ Die ORF-Führung sprach bisher immer von je 100 Euro, die die beiden Skinheads für die Erlaubnis zum Filmen bekommen hätten. Laut Unternehmenssprecher Pius Strobl scheinen in der ORF-Buchhaltung keine weiteren Zahlungen auf. Die Skinheads widersprechen einander in Details, behaupten aber beide, es sei mehr Geld geflossen. Philipp sagt, es seien 100 Euro pro Drehtag gewesen. Wie Falter-Recherchen im ORF ergaben, dürften die jungen Männer jedenfalls mehr Geld als 200 Euro erhalten haben. 50 Euro bekam zum Beispiel Philipp – bevor er vor laufender Kamera einen rechtsradikalen Shop betrat. Von dem Geld kaufte sich der Skinhead eine Fahne und zwei T-Shirts. Eines davon ist das schwarze Leiberl mit der Aufschrift „Leben ist Kampf“, das er jetzt zuhause trägt. „Leben ist Kampf“ heißt auch ein Song aus dem rechtsradikalen Milieu. Ein Propagandafilm der Nationalsozialisten trug den Titel „Alles Leben ist Kampf“. Das Geld, das an die beiden Rechtsradikalen floss, wird von ORF-Vertretern das eine Mal als notwendiges Übel für eine heikle Recherche, das andere Mal als normales Vorgehen bezeichnet. Im „Club 2“ vergangenen Donnerstag holte Johannes Fischer, Chef der ORF-Magazine, einen Zettel heraus. Er las vor, dass nicht nur der ORF, sondern auch ZDF, NDR, das Schweizer Fernsehen und der Westdeutsche Rundfunk für die Abtretung von Persönlichkeitsrechten oder für etwaige Aufwandsentschädigungen Geld bezahlen würden. Beim Zuschauer konnte der Eindruck entstehen, als sei es auch bei den deutschen Kollegen das Normalste der Welt, dass Journalisten ihre Interviewpartner bezahlen. Das stimmt nicht. Natürlich gebe es beim ZDF Aufwandsentschädigungen, sagt Andreas Wunn, Chef vom Dienst der ZDF-Chefredaktion. Gefilmte bekämen manchmal Geld, wenn sie aufgrund eines Drehtermins nicht arbeiten könnten oder einen anderen Termin verpassten. „Grundsätzlich wird aber kein Geld an Protagonisten gezahlt“, sagt Wunn, der so renommierte Magazine wie „Frontal 21“, „ZDF Reporter“ und „ZDF Reportage“ mitverantwortet. Die Kollegen in Deutschland „Ich stelle die Situation nicht her, über die ich berichte“, sagt auch Harald Lüders, ein anderer Mitarbeiter des ZDF. Er leitet die Reportageredaktion in Mainz und will die Recherchemethoden des ORF nicht näher kommentieren – für seine eigene Redaktion stellt er jedoch klar: Geld für Neonazis kommt nicht infrage. „Da besteht die Gefahr, dass man Menschen motiviert, sich selbst zu produzieren“, erklärt er. Denn die Leute könnten durch Zahlungen zusätzlich bestrebt sein, der Kamera etwas Sehenswertes zu bieten. Wer trägt dann Schuld an einem Hitlergruß im Fernsehen? Derjenige, der die Hand zum Gruße hob? Oder jene Person, die zuvor Geld gegeben hat, um einen Rechtsradikalen vor die Kamera zu bekommen? Karlheinz Kopf, Mediensprecher der ÖVP, ortet jedenfalls journalistische Verfehlungen im ORF: „Mein Interesse richtet sich nicht so sehr darauf, ob der ‚Sieg Heil!‘-Ruf wirklich stattgefunden hat – das werden die Gerichte klären –, sondern darauf, ob die Burschen vom Redakteur täglich bezahlt, mit einschlägigen Utensilien ausgestattet und im Produktionsfahrzeug zu einer politischen Kundgebung gefahren wurden.“ Dann nämlich hätte die Redaktion aus einer Reportage fiktionales Programm gemacht und eindeutig Grenzen des journalistisch Erlaubten überschritten. In der Filmwissenschaft gibt es für Situationen, die erst durch den Journalisten selbst geschaffen werden, einen Fachausdruck: das Pseudoereignis. „Ein Pseudoereignis ist ein Geschehen, das ohne das Zutun oder den Ausblick auf ein Mediengeschehen nicht zustande gekommen wäre. ‚Falsche‘ oder ‚täuschende‘ Ereignisse also, die ohne die Anwesenheit von Medien niemals passiert wären.“ Absurderweise stammt dieses Zitat aus der Magisterarbeit von Ed Moschitz selbst, dem verantwortlichen Redakteur. Er hat seine Diplomarbeit dem Thema „Authentizität in realitätsnahen Fernsehformaten“ gewidmet, sich dort mit der Echtheit, Inszenierung und Manipulation von Reportagen auseinandergesetzt. Umso verwunderlicher ist seine eigene Recherchemethode. Eine zweifelhafte Bilanz Am 12. März fahren Moschitz und sein Filmteam die Skinheads auf deren Wunsch hin mit dem Auto nach Wiener Neustadt. Zuerst bringt der Redakteur die Rechtsradikalen zur Strache-Veranstaltung, dann tritt er an den FPÖ-Chef selbst heran und fragt: „Herr Strache, Verzeihung, warum haben die Rechtsradikalen bei Ihrer Ansprache so besonders gejubelt?“ Strache gibt an, keine Neonazis während seiner Rede wahrgenommen zu haben. Erst als er das Fernsehteam sieht, will er Naziparolen gehört haben und wirft Moschitz vor, ein „Agent provocateur“ zu sein. Und die Dinge nehmen ihren Lauf. Die Justiz wird noch einige Zeit damit zu tun haben, sämtliche Vorwürfe – haltlose wie berechtigte – zu überprüfen. Ein Gutachter wird feststellen, ob das ORF-Band tatsächlich manipuliert wurde, wie das Strache behauptet, oder ob die Naziparolen nie existiert haben, wie die Aussagen der Skinheads und von Moschitz nahelegen. Weiters wird gegen die Neonazis ermittelt, ob sie sich der Wiederbetätigung schuldig gemacht haben. Und bei der Exekutive wird nachgeforscht, ob Polizisten tatsächlich Amtsmissbrauch, Anstiftung zum Amtsmissbrauch oder Nötigung begangen haben. Doch schon jetzt ist klar, dass der ORF-„Schauplatz“ kein Glanzstück des freien Journalismus war – sondern eine fragwürdige Reportage, die den Küniglberg in Erklärungsnotstand brachte und das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erschütterte. Bedauerlich dabei ist, dass die ethische und juristische Debatte nun das eigentliche Thema überschattet: Hätte der „Schauplatz“ korrekt gearbeitet, hätte man die Skinheads nicht bezahlt und zu einer Jubelveranstaltung für Heinz-Christian Strache geführt, dann wären die 30 Minuten Reportage ein tolles journalistisches Lehrstück gewesen, das die Innensicht eines jungen Rechtsradikalen nachzeichnet und dem Zuseher erklärt, was einen 19-Jährigen heute dazu bewegt, Adolf Hitler anzuhimmeln und Strache-Veranstaltungen zu besuchen. Statt die Frage zu stellen, was das Bildungssystem, das Arbeitsamt oder der Staat dagegen tun können, streiten Politiker nun über Details einer Fernsehproduktion und tragen ihre Scharmützel aus. Übrig bleibt Philipp. Er sitzt in seiner Wohnung im Wiener Gemeindebau und erlebt gerade seine 15 Minuten zweifelhaften Ruhms. Job ist keiner in Sicht. Auch über die Gräuel des Zweiten Weltkriegs oder die Situation von Migranten in Österreich hat er in dieser Zeit nichts dazugelernt. Nur eines weiß er nun mit Sicherheit: „Ins Fernsehen will ich nach dieser Geschichte nie wieder.“ Das obige Foto zeigt Philipp R. / Credit: Heribert Corn Mein neuer Freund, der ZiegelsteinWednesday, March 10. 2010 Bisher dachte ich, dass Facebook ein Freundschaftsportal sei. Tatsächlich ist es aber auch ein Feindschaftsportal. Es eignet sich hervorragend für Spott, Mobbing und andere Bösartigkeiten. Das habe ich von einem neuen Freund, dem Ziegelstein, gelernt. Auf Facebook hat ein Student die Fangruppe „Kann dieser seelenlose Ziegelstein mehr Freunde haben als H.C. Strache?“ gegründet. Binnen weniger Tage traten 80.000 Menschen bei. Gemeinsam haben wir dem FPÖ-Chef gezeigt: Sogar einen seelenlosen Ziegelstein mögen die Leute lieber. Die Aktion beweist, wie großartig Social Networks sind. Sie bringen Menschen mit gemeinsamen Anliegen zusammen. Man kann der Lieblingsband folgen, andere Leute mit demselben schrägen Hobby finden oder zusammen lästern. Die Idee mit dem Ziegelstein ist übrigens geklaut. Schon vorher gab es die Gruppe „Kann dieses Brezel mehr Fans als Tokio Hotel haben?“ Sehr beruhigend, dass Rechtspopulisten und schlechte Teeniebands im Netz am meisten gedisst werden.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Diese Kolumne wurde in Ausgabe 07/10 veröffentlicht. Bild: Facebook / Der seelenlose Ziegelstein Ein wenig Spaß statt VisionenTuesday, October 6. 2009
Junge Strache-Wähler sind keine rechten Deppen, meint Jugendforscherin Beate Großegger. Jede Partei könnte sie erreichen. Ein Gespräch über die missverstandene Generation
![]() Die Jugend rebelliert nicht, sie arrangiert sich mit dem herrschenden System. Dies ist eines der Ergebnisse, das man der neuesten Studie des Instituts für Jugendkulturforschung entnehmen kann. Für diese wurden Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis 26 Jahren befragt. Beate Großegger, wissenschaftliche Leiterin des Instituts, erklärt, wie problematisch die Ergebnisse tatsächlich sind und warum junge Menschen die FPÖ wählen. Frau Großegger, fehlt es der Jugend an Visionen? Beate Großegger: Jugendliche können sich Visionen heute nicht mehr leisten. Die Halbwertszeit des gesellschaftlich relevanten Wissens wird immer kürzer. Was die Politik heute konzipiert, ist vielleicht übermorgen überholt. Da macht es nicht groß Sinn, weit in die Zukunft zu blicken. Jugendliche konzentrieren sich auf das Hier und Jetzt. Die Gesellschaftsutopien, die die Jugendkultur in den 70er- und 80er-Jahren beflügelten, gibt es nicht mehr. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Jungen frustriert auf dem Sofa hocken. Sie versuchen, in einer Gesellschaft, die sie nicht zu 100 Prozent gutheißen, mitzumachen. Wir beobachten, dass sich Jugendliche erstaunlich stark selbst disziplinieren. Wie meinen Sie das? Großegger: Jugendliche leiden unter Leistungsdruck, sie fühlen sich oft überfordert. Sie lehnen sich aber nicht dagegen auf. Aussteigen ist heute kein Thema mehr, außer punktuell am Wochenende. Warum wehren sich die Jungen nicht? Großegger: Die Elterngeneration, die selbst in ihrer Jugend auf Opposition setzte, hat nicht wirklich etwas Vorzeigbares erreicht. Die Jugendlichen sagen: „Mein Vater, meine Mutter hatten Visionen, und was ist passiert? Nichts.“ Da haben sie einen sehr kritischen, fast sezierenden Blick. Aber ist der Druck, den die Mädchen und Burschen verspüren, real? Großegger: Der ist sehr real. Jugendliche haben auch das Gefühl, dass sie von ihrem Umfeld nur dann geliebt werden, wenn sie die entsprechende Leistung bringen. Für mich als Jugendforscherin ist das fast schockierend. Was zeichnet die Jugendlichen heute aus? Großegger: Es gibt drei grundsätzliche Faktoren. Erstens: Sie sind unheimlich sicherheitsorientiert. Die Welt ist viel komplexer, überfordernder, es gibt einen engen Arbeitsmarkt, eine schwierige wirtschaftliche Situation – das verunsichert und führt zu einem Sicherheitsbedürfnis. Zweitens: Sie sind erlebnis- und stimulanzorientiert. Die Sensationsspirale dreht sich immer schneller. Schauen wir uns die Politik und den Erfolg von H.C. Strache an. Der spielt auf dieser Klaviatur wunderbar, platziert Aufreger und bringt sich ins Gespräch. Und der dritte Faktor? Großegger: Die Jugendlichen wollen sich selbst verwirklichen. Nicht im politischen Sinn. Man will machen, was einem Spaß macht. Wir sehen einen Trend zur Subjektivierung. Das heißt, Jugendliche denken nicht mehr in Systemzusammenhängen. Was sie über Gesellschaft und Politik denken, leiten sie aus ihren Alltagserfahrungen ab. Die heutige Elterngeneration macht den Fehler, dass sie in Systembegriffen argumentiert. Begriffe, die die Jungen nicht unbedingt verstehen. Welche Begriffe zum Beispiel? Großegger: Gesellschaft. Im Interview mit einer 18-Jährigen hatte ich ein Aha-Erlebnis. Wir sprachen über Gesellschaftspolitik, und sie wusste nicht so recht, worauf ich hinaus will. Ich fragte: „Was verstehst du unter Gesellschaft?“ Sie meinte: „Na ja, meine Familie, meine Freunde, das ist meine Gesellschaft.“ Ich fragte, was Politik für sie ist. Da sagte sie: „Politik, das ist weiter oben für mich.“ Die Politik dockt nicht an ihrer Lebenswelt an. Dockt die FPÖ da besser an? Großegger: Ja, viele Junge fühlen sich da vertreten. Sie haben nicht das Gefühl, dass sie zu dumm für Politik sind. Unlängst sprach ich mit einer 17-jährigen FPÖ-Wählerin. Die Mutter wählte Rot, der Vater Schwarz. Für sie kam aber nur Blau infrage. Sie hatte mit jungen Türken Probleme, beim Ausgehen kam es zu tätlichen Konflikten. Jetzt fühlt sie sich unsicher, hat nicht den Eindruck, dass das irgendjemand ernst nimmt. Was müssten denn die anderen Parteien machen, um so jemanden nicht an die FPÖ zu verlieren? Großegger: Sie müssten die Welt aus den Augen der Jugendlichen sehen und respektieren, was die in ihrem Alltag wahrnehmen. Und sie müssten anders kommunizieren. Die FPÖ kommuniziert sehr professionell. Wir werden immer gefragt: Sollen jetzt andere Parteien Strache kopieren? Weltanschaulich natürlich nicht. Aber was die Kommunikation betrifft, warum nicht Bilder einsetzen, emotionalisieren, Leute begeistern? Aber heißt das nicht: warum nicht populistischer werden? Großegger: Wenn Sie es nur dabei belassen, ja. Aber auch Sie als Journalistin müssen sich überlegen, wie Sie eine Geschichte aufhängen. Sie können nicht mit dem Abstraktesten beginnen, sondern müssen einen spannenden Einstieg schreiben und die Leute in Ihren Text reinholen. Machen Sie sich Sorgen um unsere Demokratie? Großegger: Das ist so eine typische Erwachsenenfrage. Ich nehme an, Sie wollen wissen, ob es einen Rechtsruck in der Jugend gibt. Da würde ich sagen: nein. Es ist kurzsichtig, sämtliche jungen Blauwähler als rechte Deppen zu stigmatisieren. Für sie ist die FPÖ das kleinere Übel. Wir sehen, dass junge Blauwähler und Blauwählerinnen nicht die Weltanschauung, sondern die politische Performance wählen. Schon klar, dass die Jugendlichen keine Neonazis sind. Aber letztlich ist nicht nur entscheidend, warum man jemanden wählt, sondern wen man wählt. Und welche Personen dann im Parlament sitzen. Großegger: Mit Wünschbarkeiten kann man nicht in die Debatte hineingehen. Wer will, dass Jugendliche nicht Blau wählen, muss ein besseres Angebot machen. Viele Jugendliche, die heute die FPÖ wählen, sind weltanschaulich nicht rechts. Das ist das Gute an der Sache: Sie wären für etwas anderes zu gewinnen, wenn es ein entsprechendes Angebot gäbe. Jetzt haben wir viel über die FPÖ-Wähler gesprochen. Aber was ist mit den politisch Aktiven? Ist das wirklich nur noch so eine kleine Gruppe? Großegger: Die politisch Aktiven waren immer eine kleine Gruppe. Nur früher hat eine breite Mehrheit diesen politischen Aktivismus mitgetragen. In den späten 60ern war das eine ganz kleine Minderheit, primär Studierende. Aber die hatten nicht nur eine Universitätsreform im Auge, sondern sahen über den Tellerrand hinaus. Über den Tellerrand hinaus zu schauen, ist heute nichtmehr mehrheitsfähig. Warum? Großegger: Die Leute sind mit dem, womit sie sich konfrontiert sehen, schon überlastet. In den letzten Jahrzehnten waren immer die Bildungseliten diejenigen, die sich engagierten. Sie konnten sich diesen Luxus leisten, die anderen rackerten sich in ihrem Alltag ab. Heute können sich auch die Bildungseliten das immer weniger leisten. Ist die Bildungselite als solche in Gefahr? Großegger: Ja, sie hat nicht mehr den Spielraum zu experimentieren, gesellschaftliche Visionen zu spinnen. Denn die Bildungselite soll in Mindeststudienzeit mit Auslandspraktika und Fremdsprachen studieren. Und dann schnell einen Job finden. Dieses Interview ist im Falter 41/09 erschienen. Das obige Foto zeigt drei Jugendliche am Nova Rock Festival. Foto: Heribert Corn
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