Mädels, schmeißt den Computer an!Saturday, October 10. 2009
Beim Wiener Girl Geek Dinner treffen sich Frauen mit Vorliebe für Elektronik. Ja, die gibt es
Manchmal schlagen die Herzen von Technikfreaks höher. Zum Beispiel, wenn sie jemanden mit einschlägigen T-Shirts sehen. Auf solchen Leiberln stehen dann kryptische Botschaften wie „127.0.0.1“ oder Sprüche wie „Die Regierung hat mich beauftragt, die Welt zu retten – Captain Kirk“. Der Eingeweihte weiß, hier handelt es sich um einen Gleichgesinnten. Die Person schraubt an PCs herum oder mag Science-Fiction.Weibliche Computerfreaks haben aber ein Problem. Meistens tragen nur Typen solche T-Shirts. Das hat nicht nur mit Mode zu tun, sondern auch mit der Tatsache, dass technikverliebte Frauen eine Minderheit sind. Natürlich versenden Userinnen E-Mails und chatten fleißig auf Facebook mit, aber im Informatikstudium, den Diskussionsveranstaltungen rund ums Web 2.0 oder den Internetfirmen sind sie in der Unterzahl. Um jene Frauen zu vernetzen, die bloggen, programmieren oder die Technik schlichtweg fasziniert, wurden die Girl Geek Dinners erfunden. Das sind Abendveranstaltungen mit Essen, bei denen sich diese Zielgruppe kennenlernt und austauscht. Jeder weibliche Geek, also Computerfreak, ist willkommen. Seit einigen Monaten gibt es die Treffen auch in Wien. „Die Girl Geeks füllen eine Lücke, von der ich gar nicht wusste, dass sie existiert“, meint Lena Doppel. Sie lehrt an der Angewandten Medientechnologie. Als „Girl“ würde man die 42-Jährige nicht mehr bezeichnen, bei den Dinners gibt es aber eine große Bandbreite – von jungen Bloggerinnen bis zu reiferen Selbstständigen. Es geht um die Gemeinsamkeit. „Ich habe in meiner Jugend sehr damit gekämpft, dass es keinen richtigen Begriff für mich gegeben hat. Damals war noch nicht von ‚Geeks‘ und ‚Nerds‘ die Rede. Und von Leuten, die sich für Technik interessierten, hieß es, die seien männlich und hätten Brillen mit sieben Dioptrien“, sagt Doppel. Geek war früher ein Schimpfwort für streberhafte Außenseiter und ihre verschrobenen Hobbys. Seitdem wir alle mit den Geräten arbeiten und technische Hilfe brauchen, steigt ihr gesellschaftliches Ansehen.Jetzt soll verdeutlicht werden, dass es auch weibliche Geeks gibt. „Meine Erfahrung ist: Ich muss erst ein paar Schlagworte gebrauchen, um klarzumachen, dass ich mich auskenne“, sagt Jana Herwig, 35, Web-2.0-Expertin und Medienforscherin an der Universität Wien. Sie war auch eine der Mitinitiatorinnen des ersten Wiener Dinners. Die Idee der Girl Geek Dinner ist schon um den Globus gereist. Sie stammt von der Londonerin Sarah Blow, einer Softwareentwicklerin, die sich eines Abends fürchterlich ärgern musste. Sie saß in einer Runde von Computerfreaks. Nur weil die zierliche Mittzwanzigerin eine Frau ist, wurde sie automatisch für eine Marketingmitarbeiterin gehalten. Die Girl Geek Dinners sind also nicht nur eine Möglichkeit für technikaffine Frauen, sich kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen. Sie sind auch ein Statement. Nämlich dass Technologie oft weiblicher ist, als man denkt. --- Das nächste Girl Geek Dinner in Wien findet am Montag, dem 12. Oktober, ab 18 Uhr Dieser Artikel ist im Falter 41/09 erschienen. Fotos: Karola Riegler Schwangere Teenager: Drüber reden, aber richtigWednesday, October 29. 2008
Falsche Aufklärung und Hürden bei der "Pille danach": Warum in Österreich zu viele Teenager schwanger werden
Auf den ersten Blick schaut es hier wie bei einer normalen Ärztefortbildung aus. Ein Pharmaunternehmen hat Werbung aufgestellt, bunte Broschüren liegen am Tisch. Eine Rednerin präsentiert ihre PowerPoint-Folie. Doch es ist kein Pillenhersteller, der am Samstag vor zwei Wochen sein neues Präparat vorstellt, kein Primar, der Testergebnisse präsentiert. 40 Frauenärzte sind ins Wiener Hotel Modul gekommen, um zu erfahren, wie sie am besten mit jungen Patientinnen umgehen. Sie nehmen am ersten Workshop teil, der sie auf die "Mädchensprechstunde" vorbereiten soll. Das ist ein Programm, bei dem Lehrer mit Schülerinnen zum Frauenarzt gehen, damit dieser mit ihnen über Verhütung und Sexualität redet. In Deutschland gibt es solche Sprechstunden seit vier Jahren. "Ich habe dort selbst so einen Workshop mitgemacht und mich gefragt, warum es das nicht auch bei uns gibt", sagt der Ottakringer Frauenarzt Michael Elnekheli, Präsident des Berufsverbands österreichischer Gynäkologen. Er hat das Projekt nun importiert. Österreichweit sollen künftig Mädchensprechstunden stattfinden. Der Zeitpunkt dafür ist günstig gewählt: Denn vermehrt wird über ungewollt schwangere Mädchen berichtet. Nach dem ersten Mal schwanger: Die amerikanische Komödie "Juno" widmet sich einem heiklen Thema auf charmante Weise. In letzter Zeit berichten auch heimische Medien zunehmend über ungewollte Teenie-Schwangerschaften. Tageszeitungen schreiben über abtreibende Teenager, junge Mütter und ungeschützten Sex unter Jugendlichen. Manches davon ist übertrieben. Denn die Zahl der Elf- bis Achtzehnjährigen, die ein Kind gebären, nimmt seit Jahren langsam ab. 1432 junge Mütter verzeichnete die Statistik Austria 2007. Trotzdem muss Österreich auf diese Zahl nicht stolz sein. Der internationale Vergleich zeigt, dass es hierzulande sehr viele junge Mütter gibt, die wider Willen schwanger werden. Laut dem UN-Weltbevölkerungsbericht kommen auf Tausend 15- bis 19-Jährige 11 Geburten. Das ist der schlechteste Schnitt in ganz Westeuropa. Zum Vergleich: In Deutschland sind es pro Tausend Teenager neun Neugeborene, in der Schweiz vier und in Frankreich eine. Kümmert sich der Staat nicht genug um die Aufklärung? Könnten ungewollte Schwangerschaften verhindert werden, wenn die Politik sich stärker einmischt? Wer mit Sexualpädagogen und Ärzten spricht, hört Kritik. Ein praktisches Beispiel bringt Frauenarzt Elnekheli, der in seiner Patchworkfamilie zwei 14-jährige Töchter an unterschiedlichen Schulen hat. "Bei der einen hat die Aufklärung gut funktioniert. Bei der anderen war das kein Thema", erzählt er. Das zeigt ein grundsätzliches Problem: In Österreich überlässt es der Staat oft Einzelnen, wie sie mit Aufklärung und Verhütung umgehen sollen - auch an den Schulen. Sexualerziehung als Pflichtfach, in Ländern wie Schweden und Dänemark gibt es das längst. In Österreich ist es ein Unterrichtsprinzip. Das heißt, das Thema kann in verschiedenen Fächern einfließen - muss es aber nicht. Nur im Lehrplan für Biologie ist Sexualkunde dezidiert verankert. Kein Wunder, dass das oft an den Biologen hängenbleibt. Und die gehen die Sache dann häufig sehr technisch-biologisch an. "Es gibt eine Barriere vom Wissen zur Umsetzung", sagt Beate Wimmer-Puchinger, Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien. Viele Experten wünschen sich eine praxisnähere Aufklärung im Unterricht. Dass das von Schule zu Schule variiert, missfällt auch der Stadt. Deswegen bietet sie nun flächendeckend in vier Gemeindebezirken Workshops an: Im 2., 15., 16. und 17. Bezirk kommen Sexualpädagogen zu den 13- und 14-Jährigen in die Klasse und reden offen über Sex. Jungs und Mädels stellen dort anonyme Fragen. Zum Beispiel: "Kann man sich von einem O.B. entjungfern?" "Ist es normal, dass es nach dem zehnten Mal Sex noch wehtut?" "Wie viel Alkohol muss man trinken, um ein Kind zu verlieren?" Vielen Jugendlichen fehlt der Bezug zum eigenen Körper. Vor allem Burschen informieren sich durch Pornos. Dann gibt es Jungs, die fragen: "Meine Freundin steht nicht darauf, wenn ich sie fiste. Was kann ich tun?" "Gerade bei so einer starken Sexualisierung der Gesellschaft braucht man Sexualerziehung, um Irrtümer und Unsicherheiten zu beseitigen", sagt Bettina Weidinger vom Österreichischen Institut für Sexualpädagogik, die selbst Workshops an Wiener Schulen durchführt.Diese Aufklärung ist auch Schwangerschaftsprophylaxe. Denn gerade die Mädchen, die Kinder gebären, tun das meist nicht aus einer bewussten Entscheidung heraus. Oft merken sie erst, dass sie schwanger sind, wenn es zu spät zum Abtreiben ist. "Das ist eine Mischung von Verdrängen und fehlender Körperkompetenz", sagt Hebamme Uschi Reim-Hofer von der Einrichtung YoungMum, die schwangere Teenager begleitet. Auf tausend 15- bis 19-Jährige kommen in Westeuropa durchschnittlich sechs Geburten. Österreich ist hier absolutes Schlusslicht. Anderswo gibt es dieses Problem nicht. Die Mehrzahl der europäischen Länder bietet die Pille danach rezeptfrei an. In französischen und britischen Schulen kann die Schulkrankenschwester das Medikament sogar verteilen. Kritiker fürchten, dass das Präparat dann zu leichtfertig eingenommen wird. "Von unserer Seite gibt es ein klares Nein zur Pille danach ohne Rezept", sagt Daniela Klinser, Pressesprecherin von Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky (ÖVP). "Die Pille danach könnte sehr viel Leid verhindern", meint hingegen Wimmer-Puchinger. Keine Pille danach und praxisferner Aufklärungsunterricht. Das sind nur zwei Kritikpunkte, die zeigen, dass sich der Staat aus dem Thema stark heraushält. Wenn die Politik klare Regeln scheut, hängt es aber letztlich vom Einzelnen ab, wie er mit Verhütung umgeht: vom jeweiligen Lehrer, ob er seine Schülerinnen zur Mädchensprechstunde beim Frauenarzt bringt, und vom jeweiligen Apotheker, ob er eine Teenagerschwangerschaft verhindert oder nicht. (erschienen in Falter 44/08)
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