Herr Reimon, warum möchten Sie von uns angerufen werden?Monday, May 17. 2010 Michel Reimon, grüner Spitzenkandidat im Burgenland, will volksnah sein und wirbt mit seiner Handynummer. „Ruf! Mich! An!“ steht auf dem Wahlplakat. Wir kamen dieser Aufforderung nach.Falter: Hallo, Sie wollten einen Anruf von uns. Mitarbeiterin: Nein, nicht dass ich davon wüsste. Doch, ich bin mir ziemlich sicher. Das steht auf Ihrem Plakat. Mitarbeiterin: Ach so! Bitte, wie kann ich weiterhelfen? Wir haben uns gefragt, warum wir Sie anrufen sollen. Mitarbeiterin: Um uns Ihre Meinung zu sagen oder mit unserem Spitzenkandidaten zu diskutieren. (...) Er ist in einer Sitzung, kann Sie aber zurückrufen. Gut, dann probiere ich es später noch einmal. Falter (eine Stunde später): Hallo, spreche ich mit Michel Reimon? Michel Reimon: Ja. Sie wollten, dass wir Sie anrufen? Reimon: Kommt drauf an, wer Sie sind. Ingrid Brodnig vom Falter. Warum sollen wir Sie denn anrufen? Reimon: Das ist eine Aktion der Bürgernähe. Wir haben bewusst keine Botschaft aufs Plakat geschrieben, warum man anrufen soll. Die meisten Leute melden sich aber wegen Umweltproblemen. Gab es auch Scherzanrufe? Reimon: Nein, bis jetzt nicht. Ist das Ihre richtige Nummer? Reimon: Klar, so steht sie auch im Telefonbuch. Ist diese Aktion nicht populistisch? Reimon: Nein, denn Reden allein reicht nicht, es kommt auch auf die Arbeit an. Uns geht es darum, an die Leute heranzukommen. Im Burgenland ist das aufgrund der großen Distanzen schwierig. Sie möchten also mit jedem einzelnen Wähler persönlich telefonieren? Reimon: Nein. Ich hoffe doch, dass wir mehr Wähler haben werden, als ich telefonmäßig schaffe. "Am Apparat" ist die Telefonkolumne des Falter. Dieses Interview ist in Ausgabe 16/10 erschienen. Credit: Grüne Burgenland Lauter, schriller, billigerMonday, May 17. 2010 Die Qualitätsmedien stehen am Abgrund, die Schreihälse geben den Ton an, erklärt der Soziologe Kurt ImhofWie schädlich sind schlechte Medien für die Demokratie? Dazu forscht der Schweizer Kurt Imhof. Sein Urteil ist ernüchternd. Der Soziologe attestiert der Medienlandschaft einen Qualitätszerfall seit den Siebzigerjahren, der sich nun auf Politik und Gesellschaft auswirkt und Rechtspopulisten beflügelt. Welche Lösungen es geben könnte und welche Rolle das Internet dabei spielt, erklärt er im Gespräch. Falter: Herr Imhof, bei Ihren Thesen bekommt man den Eindruck: Wir verdummen alle und schuld sind die Medien. Was läuft in Ihren Augen falsch? Kurt Imhof: Durch die Kommerzialisierung ist das Qualitätsbewusstsein für Journalismus verlorengegangen. Dieses Bewusstsein, dass guter Journalismus die Voraussetzung für Demokratie ist. Aber wenn wir von Schuldigen sprechen, sollten wir die Verhältnisse nicht vergessen: Tatsächlich haben die Medien nicht mehr die nötigen Ressourcen. Ihre Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr, und das Publikum macht immer weniger einen Unterschied zwischen Qualitäts- und anderen Medien. Warum nicht? Imhof: Das wurde stark von der Gratiskultur befördert. Wenn man Informationen kostenlos beziehen kann und diese Informationen scheinbar ausreichen, um sich in der Welt zu bewegen, dann können die Leserinnen und Leser nicht mehr zwischen gutem und schlechtem Journalismus unterscheiden. Wir können auch nicht vom Publikum verlangen, dass es die Zeitungen der 60er- und 70er-Jahre mit den gegenwärtigen vergleicht und feststellt: Herrgott nochmal, wir haben nur noch Human Interest, Personalisierung und Skandalisierung! Was finden Sie am Human Interest, dem Fokus auf menschliche Geschichten, so schlimm? Imhof: Human Interest bezieht sich auf Charakterdefizite, persönliches Versagen und Abweichungen von der Norm. Diese subjektive Innerlichkeit des Menschen zu betrachten, ist sehr viel einfacher, als über Sachverhalte zu informieren. Das ist eine Komplexitätsreduktion und fördert auch den Wahlerfolg populistischer Akteure. Was halten Sie für den richtigen journalistischen Umgang mit den Rechtspopulisten? Imhof: Die Nachrichtenwertlogik müsste im Grunde verleugnet werden. Wenn die FPÖ etwas einbringt, ist das spektakulär und die Medien reagieren darauf. Das widerspricht aber dem Gebot der Aufklärung: Bei der sollte die sanfte Gewalt des besseren Arguments überzeugen – und nicht der Schreihals. Und die Folgen? Imhof: Die Gefahr kann man ganz drastisch auf den Punkt bringen. In den 20er- und 30er-Jahren kamen die Austrofaschisten und die NSDAP mit ihren medienwirksamen Aktionsformen zum Erfolg, weil sie in Österreich und Deutschland über eine Mehrheit rein kommerzialisierter Medien verfügten. In der Schweiz hingegen trafen sie auf ein Mediensystem, das primär von der Parteizeitung geprägt war, und erhielten keine Resonanz. Das heißt, die Struktur der öffentlichen Kommunikation entscheidet über die Struktur des politischen Systems. Wir sind nicht so weit wie in der Zwischenkriegszeit. Diese hat uns aber gelehrt, auf die öffentliche Kommunikation zu achten. Heute haben wir doch eine viel größere Medienpluralität. Widerspricht das nicht Ihrer These? Imhof: Nein, was als Pluralität erscheint, ist eine Nivellierung nach unten. Der Medienkonsum orientiert sich ganz stark an Generationen und Bildungsschichten. Die hoch emotionalisierten politischen Ereignisse erreichen bei den qualitativ schlechtesten Medien die höchste Resonanz und sind für politische Kampagnen ausschlaggebend. Das politische Personal muss sich immer stärker auf die Billigmedien ausrichten, und das verändert die Qualität der öffentlichen Auseinandersetzung. Was wäre Ihr Gegenentwurf? Imhof: Es braucht drei Maßnahmen. Wir müssen zum einen die Medienkompetenz an den Schulen fördern. Jugendliche können nicht mehr zwischen Qualitätsmedien und Billigmedien unterscheiden. Dabei ist das eine Voraussetzung, um die Demokratie aufrechtzuerhalten. Zweitens brauchen wir eine unabhängige Beobachtung der Medienqualität selbst, also ein Jahrbuch, das einen Qualitätsvergleich macht und die Wirkungen des Qualitätszerfalls aufzeigt. Drittens müssen wir uns im Klaren sein, dass die Medien nicht mehr über rein kommerzielle Einnahmen gesichert werden können. Es braucht im Printbereich Stiftungsmodelle mit zivilgesellschaftlichen und öffentlichen Mitteln, die qualitativ hochwertigen Journalismus sichern. Der Staat soll also einspringen, weil sich die herkömmlichen Medien nicht mehr rentieren? Imhof: Ja, klar. Wir sind uns einig, dass wir den öffentlichen Verkehr mit öffentlichen Mitteln fördern sollen. Natürlich sollen wir auch den öffentlichen Informationsverkehr auf diese Weise fördern. Und wie soll Ihr Stiftungsmodell aussehen? Imhof: Das gibt es so noch nicht. Es muss so eingerichtet werden, dass zivilgesellschaftliche und öffentliche Mittel vorhanden sind und der Staat nicht lenkend eingreifen kann. Im angelsächsischen Raum finden sich Medien, die bereits durch einzelne Stiftungen unterstützt werden. In den USA fördert eine Stiftung zum Beispiel Recherchejournalismus. Diese gutrecherchierten Artikel können sich dann Medien billig kaufen. Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Solche Stiftungen werden oft von der Privatwirtschaft finanziert. Wie kann man verhindern, dass Medien zum Sprachrohr großer Konzerne werden? Imhof: Diese Institutionen muss man so zusammensetzen, dass ihre Unabhängigkeit gewährleistet ist. Und man muss die Mittelvergabe an klare Qualitätskriterien knüpfen. Die andere Lösung wäre, dass Menschen wieder Geld für gute Medien ausgeben. Imhof: Das setzt aber voraus, dass die Qualitätsunterschiede überhaupt wieder beim Publikum wahrgenommen werden – und dass die Qualität steigt. Kurt Imhof ist Soziologe und Publizistikwissenschaftler an der Universität Zürich. Der 54-Jährige war im Rahmen der Hedy Lamarr Lectures zu Gast in Wien und sprach über die mediale Wissensvermittlung im Wandel Imhof: Ja, wir beobachten eine Nivellierung nach unten. Die internationalen Qualitätsmedien stehen alle am Abgrund. Le Monde, Guardian, Süddeutsche, FAZ, NZZ etc. müssen sparen. Bei der New York Times gibt es eine akute Übernahmegefahr durch den wichtigsten mexikanischen Telekomunternehmer. Die Verlegerfamilie denkt über einen Verkauf der Zeitung nach, solange noch etwas herauszuholen ist. Besteht das Problem darin, dass Medien wie ein normales Produkt gehandelt werden? Imhof: Ja, in der Moderne waren Medien die meiste Zeit Weltanschauungsorgane, Aufklärungs- oder Gesinnungsmedien. Sie hatten in erster Linie den Staatsbürger im Auge, nicht den Medienkonsumenten. Aber heute will doch keiner von sich sagen, dass er Gesinnungsjournalismus macht. Imhof: Das stimmt. Der Weg zurück zu den Weltanschauungsmedien ist nicht möglich, schon deshalb, weil die Parteien kein Geld haben. Es ist aber wichtig, unabhängige Meinungsblätter zu haben, mit qualitativ hochwertigem Journalismus auf Basis ressourcenstarker Redaktionen. Seit wann beobachten Sie diesen Verfall der Qualität? Imhof: Wir haben die wichtigsten Kommunikationsereignisse der letzten 100 Jahre in der deutschsprachigen Schweiz analysiert. Der drastische Einbruch begann in den 70er-Jahren, wurde in den 80er- und 90er-Jahren beschleunigt. Und jetzt sind wir so weit, dass die politischen Wirkungen auch sichtbar werden. Viele Menschen hoffen nun auf das Internet und die neuen Medien: Facebook, Twitter und Co. Sehen Sie hier das Potenzial zu verstärkter öffentlicher Kommunikation und mehr Kontrolle? Imhof: Da müssen wir zwei Unterscheidungen machen. Erstens: Die Qualitätsmedien haben Ableger im Internet, im Regelfall findet sich dort die qualitativ dünnere Ausgabe der Originalmedien mit wesentlich mehr Agenturmeldungen und schlechter ausgestatteten Redaktionen. Aber immerhin kann man die internationalen Qualitätszeitungen Le Monde, New York Times etc. online lesen. Zweitens haben wir die neuen Interaktionsmedien wie Twitter und Facebook, also die Social Networks. Dort verfassen die Leute in erster Linie Botschaften über sich selbst oder ihre subjektive Befindlichkeit und inszenieren sich selbst. Wir haben es hier nicht mit Kommunikation zu tun, die alle etwas angeht, sondern mit Kommunikation, die nur die Gemeinschaft etwas angeht. Und zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft besteht ein Unterschied. Im Internet gibt es für jeden Menschen seine Community. Der Autonarr besucht ein Autoforum, der Anhänger einer Partei spricht mit Gleichgesinnten. Zerbröselt die Gesellschaft im Netz? Imhof: Sie löst sich in Gemeinschaften auf. Aber die Moderne ist abhängig von einer gesellschaftlichen Organisationsform. Bei den Mehrheitsabstimmungen prägen Bürgerinnen und Bürger die Demokratie, die sich gar nicht kennen. Dafür brauchen wir eine – über die Gemeinschaft hinausgehende – öffentliche Kommunikation. Also die klassischen Medien. Imhof: Ja. Aber klassische Medien kann es im Internet oder anderswo geben. Die Übermittlungsform ist nicht das Entscheidende. Nur eine gutausgestattete Redaktion macht den Unterschied. Dieses Interview ist im Falter 16/10 erschienen. Credits: Jochen Schievink / Heribert Corn
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Ein wenig Spaß statt VisionenTuesday, October 6. 2009
Junge Strache-Wähler sind keine rechten Deppen, meint Jugendforscherin Beate Großegger. Jede Partei könnte sie erreichen. Ein Gespräch über die missverstandene Generation
![]() Die Jugend rebelliert nicht, sie arrangiert sich mit dem herrschenden System. Dies ist eines der Ergebnisse, das man der neuesten Studie des Instituts für Jugendkulturforschung entnehmen kann. Für diese wurden Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis 26 Jahren befragt. Beate Großegger, wissenschaftliche Leiterin des Instituts, erklärt, wie problematisch die Ergebnisse tatsächlich sind und warum junge Menschen die FPÖ wählen. Frau Großegger, fehlt es der Jugend an Visionen? Beate Großegger: Jugendliche können sich Visionen heute nicht mehr leisten. Die Halbwertszeit des gesellschaftlich relevanten Wissens wird immer kürzer. Was die Politik heute konzipiert, ist vielleicht übermorgen überholt. Da macht es nicht groß Sinn, weit in die Zukunft zu blicken. Jugendliche konzentrieren sich auf das Hier und Jetzt. Die Gesellschaftsutopien, die die Jugendkultur in den 70er- und 80er-Jahren beflügelten, gibt es nicht mehr. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Jungen frustriert auf dem Sofa hocken. Sie versuchen, in einer Gesellschaft, die sie nicht zu 100 Prozent gutheißen, mitzumachen. Wir beobachten, dass sich Jugendliche erstaunlich stark selbst disziplinieren. Wie meinen Sie das? Großegger: Jugendliche leiden unter Leistungsdruck, sie fühlen sich oft überfordert. Sie lehnen sich aber nicht dagegen auf. Aussteigen ist heute kein Thema mehr, außer punktuell am Wochenende. Warum wehren sich die Jungen nicht? Großegger: Die Elterngeneration, die selbst in ihrer Jugend auf Opposition setzte, hat nicht wirklich etwas Vorzeigbares erreicht. Die Jugendlichen sagen: „Mein Vater, meine Mutter hatten Visionen, und was ist passiert? Nichts.“ Da haben sie einen sehr kritischen, fast sezierenden Blick. Aber ist der Druck, den die Mädchen und Burschen verspüren, real? Großegger: Der ist sehr real. Jugendliche haben auch das Gefühl, dass sie von ihrem Umfeld nur dann geliebt werden, wenn sie die entsprechende Leistung bringen. Für mich als Jugendforscherin ist das fast schockierend. Was zeichnet die Jugendlichen heute aus? Großegger: Es gibt drei grundsätzliche Faktoren. Erstens: Sie sind unheimlich sicherheitsorientiert. Die Welt ist viel komplexer, überfordernder, es gibt einen engen Arbeitsmarkt, eine schwierige wirtschaftliche Situation – das verunsichert und führt zu einem Sicherheitsbedürfnis. Zweitens: Sie sind erlebnis- und stimulanzorientiert. Die Sensationsspirale dreht sich immer schneller. Schauen wir uns die Politik und den Erfolg von H.C. Strache an. Der spielt auf dieser Klaviatur wunderbar, platziert Aufreger und bringt sich ins Gespräch. Und der dritte Faktor? Großegger: Die Jugendlichen wollen sich selbst verwirklichen. Nicht im politischen Sinn. Man will machen, was einem Spaß macht. Wir sehen einen Trend zur Subjektivierung. Das heißt, Jugendliche denken nicht mehr in Systemzusammenhängen. Was sie über Gesellschaft und Politik denken, leiten sie aus ihren Alltagserfahrungen ab. Die heutige Elterngeneration macht den Fehler, dass sie in Systembegriffen argumentiert. Begriffe, die die Jungen nicht unbedingt verstehen. Welche Begriffe zum Beispiel? Großegger: Gesellschaft. Im Interview mit einer 18-Jährigen hatte ich ein Aha-Erlebnis. Wir sprachen über Gesellschaftspolitik, und sie wusste nicht so recht, worauf ich hinaus will. Ich fragte: „Was verstehst du unter Gesellschaft?“ Sie meinte: „Na ja, meine Familie, meine Freunde, das ist meine Gesellschaft.“ Ich fragte, was Politik für sie ist. Da sagte sie: „Politik, das ist weiter oben für mich.“ Die Politik dockt nicht an ihrer Lebenswelt an. Dockt die FPÖ da besser an? Großegger: Ja, viele Junge fühlen sich da vertreten. Sie haben nicht das Gefühl, dass sie zu dumm für Politik sind. Unlängst sprach ich mit einer 17-jährigen FPÖ-Wählerin. Die Mutter wählte Rot, der Vater Schwarz. Für sie kam aber nur Blau infrage. Sie hatte mit jungen Türken Probleme, beim Ausgehen kam es zu tätlichen Konflikten. Jetzt fühlt sie sich unsicher, hat nicht den Eindruck, dass das irgendjemand ernst nimmt. Was müssten denn die anderen Parteien machen, um so jemanden nicht an die FPÖ zu verlieren? Großegger: Sie müssten die Welt aus den Augen der Jugendlichen sehen und respektieren, was die in ihrem Alltag wahrnehmen. Und sie müssten anders kommunizieren. Die FPÖ kommuniziert sehr professionell. Wir werden immer gefragt: Sollen jetzt andere Parteien Strache kopieren? Weltanschaulich natürlich nicht. Aber was die Kommunikation betrifft, warum nicht Bilder einsetzen, emotionalisieren, Leute begeistern? Aber heißt das nicht: warum nicht populistischer werden? Großegger: Wenn Sie es nur dabei belassen, ja. Aber auch Sie als Journalistin müssen sich überlegen, wie Sie eine Geschichte aufhängen. Sie können nicht mit dem Abstraktesten beginnen, sondern müssen einen spannenden Einstieg schreiben und die Leute in Ihren Text reinholen. Machen Sie sich Sorgen um unsere Demokratie? Großegger: Das ist so eine typische Erwachsenenfrage. Ich nehme an, Sie wollen wissen, ob es einen Rechtsruck in der Jugend gibt. Da würde ich sagen: nein. Es ist kurzsichtig, sämtliche jungen Blauwähler als rechte Deppen zu stigmatisieren. Für sie ist die FPÖ das kleinere Übel. Wir sehen, dass junge Blauwähler und Blauwählerinnen nicht die Weltanschauung, sondern die politische Performance wählen. Schon klar, dass die Jugendlichen keine Neonazis sind. Aber letztlich ist nicht nur entscheidend, warum man jemanden wählt, sondern wen man wählt. Und welche Personen dann im Parlament sitzen. Großegger: Mit Wünschbarkeiten kann man nicht in die Debatte hineingehen. Wer will, dass Jugendliche nicht Blau wählen, muss ein besseres Angebot machen. Viele Jugendliche, die heute die FPÖ wählen, sind weltanschaulich nicht rechts. Das ist das Gute an der Sache: Sie wären für etwas anderes zu gewinnen, wenn es ein entsprechendes Angebot gäbe. Jetzt haben wir viel über die FPÖ-Wähler gesprochen. Aber was ist mit den politisch Aktiven? Ist das wirklich nur noch so eine kleine Gruppe? Großegger: Die politisch Aktiven waren immer eine kleine Gruppe. Nur früher hat eine breite Mehrheit diesen politischen Aktivismus mitgetragen. In den späten 60ern war das eine ganz kleine Minderheit, primär Studierende. Aber die hatten nicht nur eine Universitätsreform im Auge, sondern sahen über den Tellerrand hinaus. Über den Tellerrand hinaus zu schauen, ist heute nichtmehr mehrheitsfähig. Warum? Großegger: Die Leute sind mit dem, womit sie sich konfrontiert sehen, schon überlastet. In den letzten Jahrzehnten waren immer die Bildungseliten diejenigen, die sich engagierten. Sie konnten sich diesen Luxus leisten, die anderen rackerten sich in ihrem Alltag ab. Heute können sich auch die Bildungseliten das immer weniger leisten. Ist die Bildungselite als solche in Gefahr? Großegger: Ja, sie hat nicht mehr den Spielraum zu experimentieren, gesellschaftliche Visionen zu spinnen. Denn die Bildungselite soll in Mindeststudienzeit mit Auslandspraktika und Fremdsprachen studieren. Und dann schnell einen Job finden. Dieses Interview ist im Falter 41/09 erschienen. Das obige Foto zeigt drei Jugendliche am Nova Rock Festival. Foto: Heribert Corn Die Stadt mit den falschen EigenschaftenSaturday, April 4. 2009
Kaffeehaus, Klassik, Kaiserzeit: darauf reduzieren Touristen Wien. Genau das soll sich nun ändern
![]() Ihre letzten Minuten in Wien verbringen sie am Computer. Die beiden jungen Frauen sitzen im Internetcafé ihres Hostels auf der Mariahilfer Straße und tippen Nachrichten an ihre Freunde zuhause in Montreal. Margot Porter und Jessica Léger sind Anfang 20, haben den Studienabschluss in der Tasche und reisen nun durch Europa. Knapp drei Tage waren sie in Wien, bald startet ihr Flugzeug. Draußen nieselt es. Vienna? Hier hatten die beiden viel Pech. Die Klimt-Ausstellung hatte gerade geschlossen, die Oper war zu teuer. "Aber die Hofburg war groß und beeindruckend", sagt Margot. "Und die Leute sind wirklich freundlich", findet Jessica. Die beiden Kanadierinnen sind typische Wientouristen. Sie haben Schönbrunn, das Haus der Musik und den Naschmarkt besucht, beim Demel Kaffee und Kuchen bestellt. Wien, davon haben sich die beiden tolle Sehenswürdigkeiten versprochen, ein kulturelles Erlebnis und alte Bauten. Ähnlich wie der Durchschnittstourist. Der verbringt genau 2,2 Tage in der Stadt, gibt pro Tag 286 Euro aus und ist im Schnitt 41 Jahre alt. Solche Zahlen sind wichtig. Im Vorjahr gab es in der Stadt mehr als zehn Millionen Nächtigungen, allein dadurch wurden 487 Millionen Euro umgesetzt. Die Wertschöpfung durch den Tourismus wird noch viel höher, auf rund vier Milliarden Euro, geschätzt. Der Tourismus ist ein enormer Wirtschaftsmotor. Heuer stottert die Maschine aber. Bereits im Februar gab es zehn Prozent weniger Übernachtungen in Wien, weltweit sinken die Zimmerpreise. Mitten in der Wirtschaftskrise feilt der Wiener Tourismusverband, kurz WienTourismus genannt, an seinem Image. Fast 11.000 potenzielle Besucher und Besucherinnen wurden online befragt, was sie von Wien denken. "Wir wollten wissenschaftlich abklopfen, wo wir stehen", sagt Norbert Kettner, Direktor von WienTourismus. Diese Woche werden die Ergebnisse präsentiert. Sie dienen als Ausgangsbasis für den zukünftigen Werbeauftritt der Stadt. Vom Slogan bis hin zu den Uniformen in der Tourismusinformation steht alles zur Debatte. Ein Neuanfang? Die Umfrage liefert deutliche Resultate. Wien wird für Schönbrunn, die Oper, die Sicherheit und die Donau geschätzt. Angebote, die Zeitlosigkeit, Kultiviertheit, Eleganz vermitteln. Dass Wien auch dynamisch ist, hier tolle Partys abgehen oder die Kreativszene pulsiert, glauben die Befragten hingegen weniger. Im Vergleich mit Amsterdam, Barcelona, Berlin, Paris und Prag schätzen sie das Nachtleben hierzustadt als besonders fad ein. Das empfindet Kettner als Problem. "Wenn das Image einer Stadt zu traditionell ist, dann heißt es: Ja, Wien muss man einmal besuchen. Aber nicht heuer", sagt er. Ein Reisesziel wie Wien wird auch als Once in a lifetime-Destination bezeichnet. Die Gefahr ist nicht, dass Wien international in Vergessenheit gerät. Sondern dass es trotz seiner Bekanntheit nicht als Urlaubsdestination in Betracht gezogen wird, weil die Stadt zu verschlafen, wie in einer Zeitblase wirkt. "Wenn man an Wochenenddestinationen innerhalb Europas denkt, fallen einem sofort Städte wie Rom, London, Berlin ein", sagt der Marketingexperte Gérald Stein (siehe Interview unten). Das sind auch Städte, die das Image einer pulsierenden Metropole vermitteln - einem Urlaubsziel, das man jedes Jahr aufs Neue besuchen kann, weil sie sich ständig verändert. Das klassische Wien wird hingegen für Gebäude und Kunstwerke geliebt, die schon Jahrhunderte überdauert haben. Wie sich die Stadt für Urlauber darstellt, zeigt sich beim Stephansplatz. Rechts der Dom, links der Mannerschnittenshop und in der Mitte Fiaker. Ein Pärchen um die vierzig steigt aus der Kutsche. Sie sind fünf Tage in Wien und haben schon viel gesehen. "Nur eines haben wir noch nicht herausgefunden: Wo ist hier was los? So ein Ort wie der Prenzlauer Berg in Berlin?", fragt der deutsche Gast Klaus Schulz. Vielleicht tun sich die Touristen schwer, das Wiener Nachtleben zu finden, weil es über die Stadt verstreut ist - vom Gürtel über die Schleifmühlgasse bis hin zum Prater. Vielleicht gibt es aber auch zu wenig Angebot. "Die Branche selber schätzt das Nachtleben noch kritischer ein als die Touristen", sagt Stefan Bachleitner, dessen Agentur Skills die Umfrage durchgeführt hat. Ergebnisse wie dieses sollten die Stadtregierung und die Bewohner aufrütteln. Ist es wirklich notwendig, dass über jeden neuen Kanaldeckel gestritten wird? Während Wien sich über sein Weltkulturerbe von gestern Gedanken macht, bauen Städte wie Barcelona oder Berlin Monumente. Und so etwas lockt dann zusätzliche Touristen an, weil das Gefühl entsteht, in dieser Stadt tut sich etwas. WienTourismus muss auf dem aufbauen, was die Stadt bietet. "Wir können nicht einen Nachtclub selber aufsperren, aber wir können schauen, wie wir das Vorhandene noch gezielter kommunizieren", sagt Direktor Kettner. Er will eine klassische Marketingmethode anwenden: das Trittbrettprinzip. Das funktioniert, indem man mit dem bestehenden Image der Stadt zusätzliche Werte verbindet. Kettners Lieblingsbeispiel dafür ist der Wiener Life Ball: Das riesige Charity-Event für Menschen mit Aids entspringt der zutiefst österreichischen Balltradition, hat aber ein moderneres, aufgeschlosseneres und schrilleres Flair. Nicht nur die Vermarkter Wiens haben Angst, dass ihre Destination verschnarcht wirken könnte. Städte mit geschichtlich stark geprägtem Profil können nicht so leicht ihr Image erneuern. Sie sind im Ausland längst ein Begriff, ihr Name wurde noch in verschiedenste Sprachen übersetzt. Egal ob es Vienna, Vienne, Bec oder London, Londres, Londra heißt, da schießen einem sofort Bilder in den Kopf. Umso mehr sind viele traditionsreiche Destinationen bemüht, modern aufzutreten. Die Briten werben mit Sprüchen wie "London: schwarze Taxis in zwölf Farben." Paris fördert Veranstaltungen, die dem typischen Bild der Stadt widersprechen. Ein knalliges Wien zu zeigen, diese Idee ist freilich nicht besonders originell. Neu ist aber, dass die Stärken und Schwächen der Stadt genau abgefragt wurden und die Kommunikation der Marke Wien präzise darauf abgestimmt werden soll. Womöglich steht am Ende dieses Prozesses eine Werbelinie, die das imperiale Erbe kommuniziert - aber trotzdem den Eindruck vermittelt, dass in Wien etwas aufregend Neues passiert. Die bisherige Werbelinie war da nicht so peppig. "Vienna waits for you" lautet der Slogan. Und der ungünstige Eindruck entsteht: "Kein Problem, liebe Touristen, wenn ihr erst in der Pension kommt! Das Schloss Schönbrunn reißen wir bis dahin sicher nicht ab." Vielleicht sind die Wiener Sorgen auch Luxusprobleme. Immerhin ist die Stadt eine beliebte Destination. In Europa haben nur London, Paris, Rom, Dublin, Prag und Barcelona mehr Nächtigungen aus dem Ausland, ergeben die Zahlen aus dem Jahr 2007. Somit hat Wien mehr internationale Touristen als Berlin, Amsterdam oder Stockholm. Wien lebt gut von seinem kaiserlich-königlichem Ruf. Das zeigt sich auch in der Maysedergasse. Dort liegt der Eingang zum Restaurant Sacher. Nein, nicht der große Eingangsbereich mit der weinroten Markise, sondern der unscheinbarere Zugang zum Restaurant. Zwei junge Polinnen fotografieren einander davor, die beiden sind Schwestern. "Wir sind hierhergekommen, weil wir einen Film über Sissi gesehen haben", sagt die eine. Ein Kitschbild, bei dem sich vielen Wienern die Haare aufstellen. "Was Touristen an einer Destination schätzen, muss nicht dem entsprechen, was Einheimische daran mögen", sagt Peggy Bendel von der Marketingagentur DCI. Sie kennt viele Beispiele, bei denen die Einwohner mit dem Werbeauftritt ihrer Heimat unglücklich waren. Australier ärgerten sich, dass ausgerechnet "Crocodile Dundee"-Darsteller Paul Hogan ihr Land bewarb, viele Schotten fühlen sich auf Kilts und das Seeungeheuer von Loch Ness reduziert. Aber was wäre Schottland ohne diese Stereotype für den durchschnittlichen Touristen? Womöglich nur ein weiteres Land mit schlechtem Wetter. Wien als Stadt im 21. Jahrhundert - dafür sind auch die beiden Kanadierinnen Margot Porter und Jessica Léger nicht angereist. "Wien, das ist die Stadt der Musik", sagt Jessica. Sie meint damit die Oper. Clubs, Partys, Popkonzerte interessiert sie hier gar nicht. "Wir haben in Kanada das ganze Jahr tolle Indiebands wie Arcade Fire oder Feist. Wenn wir verreisen, wollen wir etwas Anderes sehen." ---- "Das verfestigt den Eindruck, dass Wien eine schlafende Stadt ist"Wie vermarktet man ein Urlaubsziel? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Tourismusexperte Gérald Stein seit 15 Jahren. Er ist der Vizepräsident der französischen Reisekommunikationsagentur DDB Travel & Tourism und hat davor beim Tourismusverband der Region Paris gearbeitet. Falter: Herr Stein, Wien feilt an seiner Marke. Sehen Sie Schwächen beim touristischen Image der Stadt? Gérald Stein: Die Frage ist, ob Wien wirklich als Urlaubsdestination in Erwägung gezogen wird. Die Bekanntheit der Stadt ist kein Problem. Jeder kennt Wien, zumindest in Europa. Die Leute haben eine klare Vorstellung von Wien dank alter Filme wie „Sissi“ und der Musik, dem Kulturerbe. Aber ziehen die Leute Wien für ihren nächsten Urlaub in Betracht? Vielleicht kann Wien hier etwas verbessern. Was könnte man da tun? Stein: Man muss die Leute überraschen, ihnen eine Destination zeigen, die sie nicht erwarten. Ein möglicher Weg ist, Veranstaltungen in der Stadt groß anzukündigen. Das bedeutet nicht, dass Wien unbedingt eine Veranstaltung mit klassischer Musik bewerben muss. Das verfestigt den bestehenden Eindruck eher, dass Wien eine schlafende Stadt ist. Es würde nicht den Eindruck einer pulsierenden Stadt wie Barcelona oder Berlin vermitteln. Ich glaube, man sollte lieber die Leute überraschen, damit sie sagen: „Ach so? Das ist Wien?“ Sie haben auch im Pariser Tourismusverband gearbeitet. Sehen Sie Parallelen zwischen Wien und Paris? Stein: Ja, denn beide Städte haben ein Image, bei dem man an Charme, an gutes Essen, an Lebenskunst denkt, gutes art de vivre. Aber bei beiden Städten fühlt man nicht unbedingt die Notwendigkeit, jetzt dorthin zu reisen. Das geht einigen Destinationen so. Ich habe schon vor 20 Jahren gesagt: „Schauen wir doch einmal nach Prag!“ Aber bis heute war ich nicht dort. Solche Urlaubsziele nennen Sie eine „Once in a lifetime“-Destination. Jeder will irgendwann einmal dort hin, aber nicht unbedingt dieses Jahr. Wie streift man so ein Image ab? Stein: In Paris werden Ausstellungen beworben, die massiv vom herkömmlichen Bild der Stadt abweichen. Es geht darum, die eigene Marke mit solchen Veranstaltungen zu assoziieren. Das ist eine Möglichkeit, das eigene Image zu verändern: Man kooperiert mit einem Event, das für Werte steht, die man selbst vermitteln möchte. Können Sie ein Beispiel geben, welche Veranstaltungen Paris bewirbt? Stein: Ja, zum Beispiel fand im Grand Palais eine Walt-Disney-Ausstellung statt. Das ist ein sehr netter Ausstellungsort, der ins historische Zentrum von Paris passt. Und das Pariser Tourismusbüro kommuniziert neue Events wie dieses, um zu zeigen, dass dort dauernd etwas passiert. Paris, die „Stadt der Liebe“, macht auch Werbung für Sportevents wie die Rugby-Weltmeisterschaft, um ein anderes Bild zu vermitteln. In Wien gibt es aber viele Menschen, die lieber keine Veränderung wollen. Stein: Diesen Widerstand kenne ich. Als ich beim Elsässer Tourismusbüro gearbeitet habe, hatten wir es auch schwer. Im Dezember kamen zum Beispiel keine Touristen, alles war zu. Dabei gab es gerade zu dieser Zeit zwei sehr schöne Weihnachtsmärkte. Wir haben lange gebraucht, um die Hoteliers zu überzeugen, dass sie im Dezember aufsperren. Anfangs kam Kritik, nach zwei Jahren hob das Ganze aber richtig ab. Ich glaube, das Elsass hat heute fast zwei Millionen Besucher pro Jahr und überall gibt es neue Adventmärkte. Die beiden Texte wurden im Falter 14/09 veröffentlicht. Illustration: PM Hoffmann (www.pmhoffmann.de) / Foto: privat "Es muss sich Gewaltiges ändern"Friday, March 20. 2009
Experte Bernd Schilcher über die Schuldebatte und falsche Erwartungen, die Lehrer an ihren Beruf stellen
![]() Bernd Schilcher, 68, war Anfang der 90er-Jahre Präsident des steirischen Landesschulrats. Der schwarze Bildungsexperte stößt mit seinen schulpolitischen Ideen viele Parteikollegen vor den Kopf. Im Vorjahr leitete er im Auftrag von Ministerin Schmied die Schulreformkommission und entwickelte die Eckpfeiler der „Neuen Mittelschule“ mit. Foto: J. J. Kucek Falter: Bildungsministerin Schmied will, dass Lehrer pro Woche zwei Stunden mehr unterrichten. Ist das sinnvoll? Bernd Schilcher: Ja, kurzfristig fürs Budget und mittelfristig für Schüler und Lehrer. Wenn Lehrer künftig von acht bis 16 Uhr an der Schule sind und dort ihren Arbeitsplatz haben, würde das die Professionalisierung enorm steigern. Erstens sind Lehrer, die auch nachmittags für ihre Schüler erreichbar sind, wertvoller. Wenn Schmieds Vorschlag auch dazu dient, die Halbtagsschulen langsam in Ganztagsschulen zu überführen, ist das sehr sinnvoll. So haben Lehrer mehr Gelegenheit, Beziehungen zu ihren Schülern aufzubauen. Und die sind die Voraussetzungen für gutes Lernen. Zweitens geht es darum, dass Lehrer derzeit Stundenlöhner sind. Das führt dazu, dass man für alles extra bezahlt werden will, und gehört geändert. Mit ihrem Vorschlag will Schmied aber in erster Linie Geld sparen. Schilcher: So wurde das zumindest angekündigt. Ich glaube auch, dass die Ministerin wirklich Geld braucht. Wenn 90 Prozent der Ausgaben Personalkosten sind, kann sie nur hier Geld hereinbringen. Die Doppelgleisigkeiten zwischen Bund und Ländern sind aber auch sehr teuer. Hier könnte man ebenfalls ansetzen. Schilcher: Stimmt. Unsere gesamten Verwaltungskosten liegen jährlich etwa 600 Millionen Euro über dem OECD-Schnitt. Da hat sich noch niemand drübergetraut. Nur das nützt im Augenblick nichts. Wenn die Ministerin jetzt anfängt, die Strukturen zu ändern, zeigt das in fünf bis zehn Jahren Wirkung. Aber sie braucht schon nächstes Jahr Geld für Neuerungen wie den Kleingruppenunterricht. Da muss sie dort eingreifen, wo es möglich ist: bei den Lehrern. In der Öffentlichkeit entsteht der Eindruck, dass Lehrer automatisch blockieren. Schilcher: Da finde ich die Rolle der Gewerkschaft problematisch. In England und in Amerika haben die Gewerkschaften eingesehen, dass es nicht nur ihre Aufgabe ist, dass Lehrer genug verdienen und nicht zu viel arbeiten. Sie haben gesagt: Wir müssen auch Bedingungen schaffen, damit Lehrer gerne unterrichten. Es ist die Frage, ob sich eine Gewerkschaft als Mauer versteht oder als Reformpfeiler, der die Situation verbessern will. Haben die Lehrer nicht auch eine verzerrte Wahrnehmung der Arbeitswelt? Schilcher: Ja, an der Uni werden Lehrer ausgebildet, die dann sofort in die Schule gehen und Menschen auf ein Leben vorbereiten, das sie selbst nicht kennen. Ich hab dem Landesschulrat vorgeschlagen, dass jeder, der fünf Jahre berufstätig war, für den Lehrposten vorgezogen wird. Auch ein Taxichauffeur. Aber der einzelne Lehrer kann für dieses System nichts. Die Schuld liegt bei jenen, die das System durchschauen müssten und es nicht tun – oder dafür zu feig sind. Jetzt haben wir eine Ministerin, die nicht feig ist. Sie will langfristig wirklich etwas ändern. Nur mit wem soll sie das tun? Die ÖVP wird da nicht mitziehen. Schilcher: Ja, womöglich nicht. Das ist aber eine kurzsichtige Politik, weil es nicht darum gehen sollte, ob jemand ein Roter, ein Schwarzer oder ein Grüner ist. Noch besser wäre es gewesen, wenn die Ministerin nicht nur die Ausdehnung des Unterrichts vorgeschlagen, sondern gleich ein Gesamtpaket für den Lehrberuf vorgelegt hätte. Schilcher: So ein Gesamtpaket ist wichtig, aber schwierig, weil alles mit allem verwoben ist. Wenn man zum Beispiel neue Lehrer mit einer anderen Grundeinstellung gegenüber Schülern will, gibt es sofort das Problem: Wo sollen die ausgebildet werden? An der Uni oder an den Pädagogischen Hochschulen? Macht diese Doppelgleisigkeit überhaupt Sinn? Und wenn wir sie beseitigen, was passiert mit den Einkommen? Da bräuchte man dann ein einheitliches Besoldungsrecht für alle Lehrer. Heißt das, man kann nur kleine Änderungen, keine Reformen machen? Schilcher: Ideal wäre, man einigt sich auf ein großes Paket, kennt alle groben Ziele und setzt kleine Arbeitsgruppen ein, die in ihrem Teilbereich immer das Gesamtziel vor Augen haben. Wichtig wäre ein anderes Lehrerbild. Nur wie bekommen wir das? Schilcher: Zuerst muss man ein paar Vorurteile beseitigen. Viele ältere Lehrer glauben etwa, sie arbeiten in einem Halbtagsjob, bekommen dafür aber ein Vollgehalt. In den 60er-Jahren hatten wir einen schlimmen Lehrermangel, damals hieß es:, Komm, werde Lehrer, hier musst du nur halbtags arbeiten.‘ Und viele glaubten das. Zur Arbeitszeit muss man aber auch sagen, dass Lehrer in Finnland noch weniger in der Klasse stehen. Schilcher: Ja, die Finnen machen sehr viel Weiterbildung und jeder Zweite hat eine Sonderausbildung. Ein Lehrer hat sich zum Beispiel auf Finnisch für Ausländer spezialisiert, der andere auf die psychische Unterstützung. Wenn ein Schüler schlecht Finnisch kann oder Probleme mit Gewalt hat, kommt er aus der normalen Klasse raus und in eine Kleingruppe. Bis das Kind firm genug ist und zurück in die Klasse kommt. Dieses System ist viel beweglicher. Warum ist unser Schulsystem so starr? Schilcher: Weil es ein Derivat des Militärs ist. Als Österreich 1866 die Schlacht bei Königgrätz verlor, haben die Generäle die Schuld auf das Schulsystem geschoben. Es hieß, dass unsere Soldaten zu drei Viertel Analphabeten gewesen seien. Die Schulreform drei Jahre später hat dann die preußische Militärschule übernommen. Die 50-Minuten-Stunde ist zum Beispiel vom Exerzieren kopiert. Die Trillerpfeife wurde zur Pausenklingel. Wie kann man die Lehrer zum Umdenken bringen? Schilcher: Mein Ansatz ist das überzeugende Beispiel. Man könnte sagen, jeder Lehramtsstudent muss ein Praktikum in einer Modellschule machen. Wenn er danach in eine normale Schule kommt, wird er sagen: „Dreht eure Klingel ab, arbeitet im Team.“ Das funktioniert wirklich. In Österreich sind wir oft besser darin, Modellschulen einzuführen als flächendeckende Reformen. Schilcher: Das glaube ich nicht. Ich glaube, die Leute müssen erst einmal in diesem Modell gearbeitet haben. Bis jetzt haben sie es oft nur oberflächlich angesehen. Derzeit löst aber selbst ein harmloser Vorschlag wie zwei zusätzliche Stunden Unterricht einen riesigen Streit aus. Schilcher: Das stimmt. Aber die Lehrer ahnen natürlich, dass es sich nur um die Spitze des Eisbergs handelt. Jeder, der denken kann, weiß, man muss Gewaltiges in den Schulen verändern. Doch die Grundhaltung ist: „Ja, wir brauchen Veränderung. Nur nicht bei mir.“ Dieses Interview ist im Falter 11/09 erschienen. "Das Netz verstärkt die soziale Kluft"Wednesday, February 18. 2009 Die Sozialwissenschaftlerin Danah Boyd über den Reiz und die Abgründe von Freundschaftsseiten wie Facebook509.000 Besucher in einem Monat. In nur einem Jahr hat sich die Zahl der Österreicher, die das Freundschaftsportal Facebook aufsuchen, beinahe verfünffacht. Wer sich mit der Anziehungskraft von Social-Network-Seiten beschäftigt, wird bald auf die Arbeiten von Danah Boyd stoßen. Die amerikanische Sozialforscherin hat sich schon früh damit auseinandergesetzt, wie Jugendliche Dienste wie Facebook oder MySpace nutzen. Sie hat mehr als 10.000 Onlineprofile analysiert und Interviews mit Teenagern in 17 verschiedenen US-Staaten geführt. Hier erzählt sie, wieso diese Seiten Teil der Jugendkultur wurden, warum nun auch ältere Menschen darauf hineinkippen und soziale Differenzen trotzdem nicht überwunden werden. Falter: Frau Boyd, viele Eltern sehen, wie sich ihre Kinder auf Seiten wie Facebook herumtreiben, und machen sich Sorgen. Was gefällt Teenagern an diesen Onlinediensten? Danah Boyd: Sie sprechen junge Menschen an, weil sie ein Ort sind, um Freunde zu treffen. Auch dann, wenn man sich nicht persönlich treffen kann. Viele Menschen glauben, dass Teenager dort Fremde kennenlernen. Ist das der Fall? Boyd: Großteils nein. Hauptsächlich besuchen junge Leute Social-Network-Seiten, um Freunde zu treffen. Die öffentliche Vorstellung schaut so aus, dass ein naives Kind online geht und durch Zufall einen gefährlichen Fremden trifft. Bei näherer Betrachtung sieht man aber: Jene Minderjährigen, die im Internet Unbekannte kennenlernen, sind oft isoliert und decken damit ein soziales Bedürfnis ab. Also betrifft das hauptsächlich Jugendliche ohne Freunde, die online Anschluss suchen? Boyd: Andere Menschen im Web kennenzulernen kann sich für manche Jugendliche als positives Erlebnis gestalten. Ein typisches Beispiel wäre ein homosexueller Junge, der es in der Schule schwer hat und ins Netz geht, um andere schwule Teenager zu finden. Aber das kann doch auch gefährlich sein. Boyd: Es gibt Jugendliche, die nach einer falschen Form der Bestätigung online suchen. Oft haben solche Teenager familiäre Probleme und suchen auf ungesunde Weise nach Unterstützung. Eine Gefahr sind da auch Pädophile. Boyd: Tatsächlich? Haben Sie sich die Daten angesehen? Die Zahlen zeigen eindeutig: Wenn man von Kindesmissbrauch redet, muss man sich in erster Linie um Kinder in ihren eigenen vier Wänden sorgen. Die Fälle aus dem Internet laufen nach einem einheitlichen Muster ab: Sie betreffen 14- bis 17-jährige Teenager und Männer in ihren Zwanzigern. In der Regel wissen die Jugendlichen, dass sie sich für sexuelle Kontakte treffen. Und sie tun das wiederholt. Diese Vorstellung ist viel angsteinflößender als die Idee, dass das zufällig passiert. Die Teenager wissen, dass sie sich selbst in eine schlechte Situation begeben. Aber warum tun sie das? Diese Jugendlichen zeigen eine Unmenge an psychosozialen Problemen. Und was machen wir? Wir beschuldigen die Technologie, anstatt den Teenagern zu helfen. Das ist gestört. Mal abgesehen von Problemfällen, wie verhält sich denn der durchschnittliche Teenager auf Seiten wie MySpace? Boyd: Typische Teenager können vielleicht an einem Abend pro Woche ihre Freunde treffen, aber sie hätten gerne mehr Kontakt zu ihnen. Wenn sie also heimkommen, machen sie Aufgaben und loggen sich dann in ihr Onlineprofil ein. Im Grunde pflegen sie dort ihre persönlichen Kontakte. Das hängt damit zusammen, dass sie so wenig ausgehen dürfen. Das Onlineprofil eines durchschnittlichen amerikanischen Jugendlichen ist dabei relativ langweilig. Es listet die Hobbys auf, zeigt Unterhaltungen mit Freunden und wirklich banale Bilder. Da wir in einem sehr religiösen Land leben, beinhaltet es üblicherweise auch irgendeine Widmung für Gott. Wirklich? Boyd: Ja. Vielen Europäern ist unklar, wie religiös mein Land ist. Außerhalb der größeren Städte sind wir eine tiefgläubige Nation. Nicht auf eine gottesfürchtige Weise, aber viele Amerikaner gehen sonntags in die Kirche, sprechen über ihre Beziehung mit Gott. Im MySpace-Profil gibt es etwa die Rubrik namens "Hero". Viele Kinder, die ich interviewt habe, geben dort, Jesus' oder, Gott' an. Social-Network-Sites, so haben Sie einmal geschrieben, spiegeln alles Gute und alles Schlechte in unserer Gesellschaft wider. Aber verändern sie auch die Beziehungen unter Jugendlichen? Boyd: Neue Medien hatten schon immer einen Einfluss darauf, wie wir miteinander umgehen. Denken Sie an das Telefon. Plötzlich konnte man von zuhause aus nach der Schule mit Freunden sprechen. Social-Networks heben das auf eine neue Ebene: Man spricht nicht zu zweit, sondern mit der ganzen Alterskohorte. Diese Art der Kommunikation ist so, als würde man den Pausenhof mit nachhause bringen. Wenn man 200 Freunde auf Facebook hat, wird die Konversation dann nicht sehr oberflächlich? Boyd: Sie übersehen die mangelnde Tiefe unserer Alltagsgespräche. Wenn jemand einen Lebensmittelladen besucht, werden auch viele Leute gegrüßt. Aber hat das Tiefe? Nicht wirklich. Es handelt sich um Kontaktpflege. Und was man online am augenscheinlichsten sieht, ist eine ähnliche Art der Kontaktpflege. Junge Menschen wissen aber sehr wohl, wann eine Konversation bloß die Aufrechterhaltung eines Kontaktes und wann ein tiefer gehendes Gespräch ist. Es kommen aber auch neue Kommunikationsebenen hinzu. Facebook hat zum Beispiel den "News Feed". Der zeigt an, was die Freunde so tun, welche Nachrichten sie zuletzt veröffentlicht haben. Boyd: Dadurch entsteht ein besseres Bewusstsein über das eigene Umfeld, darüber, was Freunde gerade machen, was sie denken. Die Leute sehen das nicht als Ersatz für Freundschaft, aber es ermöglicht ihnen ein gemeinsames Grundwissen. Auch bei Erwachsenen. Ich habe einen HIV-Infizierten interviewt, der sich unsicher war, was er seinen Freunden über seinen Krankheitsfortschritt erzählen sollte. Er konnte nicht zu einer Dinnerparty gehen und sagen: "Hallo, meine Blutwerte sind gerade gut." Oder: "Hallo, meine Blutwerte sind gerade schlecht." Das war ihm unangenehm. Gleichzeitig wusste er aber, dass seine Freunde neugierig waren und sich nur nicht trauten, ihn anzusprechen. Also hat er einen Blog eröffnet und dort seinen Zustand beschrieben. Seine Freunde konnten das nachlesen, wenn sie wollten. Er hat daraufhin gemerkt: An schlechten Tagen haben sie ihn angerufen und zum Essen eingeladen - ohne ein Wort über den Blog zu verlieren. Für ihn war das verblüffend, wie er so die Krankheit mit seinen Freunden behandeln konnte. Beliebtsein ist für Teenager immens wichtig. Nun findet auf Seiten wie Facebook und MySpace sehr viel Selbstdarstellung statt. Erhöht das den sozialen Druck? Boyd: Der Druck ist ja schon da. Als Social-Network-Sites aufkamen, dachten Teenagers, dass eine Vielzahl an Freunden hohe Popularität bedeutet. Schnell haben sie gemerkt, dass das nicht stimmt. Die Beliebtheit wird noch immer am Schulhof entschieden. Es geht um die Gleichaltrigen dort. Das ist ein gutes Beispiel, wie eine Technologie neue Möglichkeiten bietet, aber das soziale Umfeld entscheidet. Ist es für amerikanische Teenager überhaupt möglich, nicht auf Seiten wie Facebook oder MySpace zu sein? Boyd: Ja. Wenn die eigenen Freunde das nicht verwenden, wird man es selbst auch nicht tun. Es geht um die Norm unter Gleichaltrigen, man will Teil dieser Norm sein. In Österreich melden sich auch zunehmend ältere User bei Facebook an. Eine Mittzwanzigerin sagte zu mir: Nicht auf Facebook zu sein, das erinnere sie an das Gefühl, kein Handy zu haben. Boyd: In den Staaten waren die 20-Jährigen von Anfang an dabei. Spannend ist derzeit, dass auch die 40-Jährigen beitreten. Verwenden ältere Menschen diese Dienste anders als Teenager? Boyd: Ältere Leute wühlen ihre Vergangenheit auf, sie kontaktieren alte Freunde. Teenager stöbern nicht Kinder aus der Volksschulzeit auf, wie das Erwachsene tun. Ältere Menschen nutzen die Seiten auch seltener für den ständigen Austausch. Sie schreiben nicht dauernd "Hallo, wie geht's?" auf andere Profile. Junge Leute hingegen nutzen es als einen primären Treffpunkt. MySpace und Facebook sind die zwei großen globalen Konkurrenten, Facebook wird aber populärer. Was macht den Erfolg aus? Boyd: Die beiden Seiten haben eine unterschiedliche Geschichte. Facebook startete in Harvard, verbreitete sich über die Colleges. 2006 öffnete sich die Seite für alle. Auch die Berichterstattung ist unterschiedlich, die Leute nahmen die beiden Seiten anders wahr: Manche sahen MySpace als gefährlich und "ghettolike", während es andere spaßig und "club-like" fanden. Facebook wurde hingegen als das gute Kind dargestellt, während es andere lahm fanden. Obwohl die Technik dahinter recht ähnlich ist, haben sich die Anhänger der beiden Seiten entlang sozialer Bruchlinien aufgeteilt. Wie meinen Sie das? Heißt das, dass ärmere Kinder eher in MySpace und reichere eher auf Facebook landen? Boyd: Es ist etwas komplexer als das. Es geht um Lebensstil, Status und Zugehörigkeit. Wer für eine Eliteuni prädestiniert ist, wird - angesichts der Vorgeschichte der beiden Seiten - eher Teil der Facebook-Welt sein. Wer Teil der urbanen, musikinteressierten Szene ist, wer keinen Collegebesuch plant, wird eher MySpace verwenden. Es geht nicht rein ums Geld, es geht um viele sozioökonomische Faktoren. Facebook wird immer populärer. Vielleicht nimmt diese Trennung ja ab. Boyd: Stimmt, aber man darf nicht vergessen: Die unterschiedlichen Klassen in den USA mögen sich nicht gerade. Wir haben diesen mystischen Glauben, dass das Internet jede soziale Kluft überwinden wird. Das tut es nicht, es verstärkt sie. Oft sprechen wir gar nicht über die Unmenge an unverhohlenem Rassismus auf diesen Seiten, dabei sieht man dort Jugendliche, die über "diese Neger" sprechen. Das zeigt, wie sich Rassismus online fortsetzt. Wie werden sich die Social-Network-Seiten weiterentwickeln? Boyd: Eines ist klar: Sie werden mobil. Wir wissen nur noch nicht, wie. Das Problem ist, dass Mobilfunkanbieter alles kontrollieren. Wenn Sie ein iPhone haben und Ihr Freund einen BlackBerry und Sie Orange verwenden und er British Telecom, funktionieren viele Dinge nicht. Dinge, die möglich wären, wenn Sie beide ein iPhone und beide den gleichen Anbieter hätten. Aber ich habe zum Beispiel ein iPhone und Facebook darauf installiert. Und Sie haben ja auch ein iPhone. Da können wir doch kommunizieren. Boyd: Das ist nicht dasselbe. Sie verwenden eine Webapplikation auf Ihrem Handy, aber Facebook nutzt dabei keinerlei Services, bei denen Sie geortet werden. Dabei ist die Bestimmung des eigenen Ortes eine Schlüsselkomponente bei mobiler Kommunikation. Wenn ich ein Foto mache, will ich wissen, wer mit mir im Raum ist, und ich will dieses Bild automatisch auf deren Profile hochladen. Ich will wissen, ob sich Freunde von mir gerade in meiner Nähe aufhalten. All das wird noch kommen. Wir wissen nur nicht, wann und wie. Google hat gerade so ein Service namens Latitude gestartet. Boyd: Das ist so ein Versuch. Derzeit ist es aber noch nicht einmal für die meisten Handys erhältlich, obwohl die Diskussion über Privatsphäre bereits begonnen hat. Mal sehen, wie sich das entwickelt. ---- Danah Boyd ist eine amerikanische Sozialwissenschaftlerin, die für ihre Arbeiten über Social Network Seiten bekannt ist. Die 31-Jährige hat ihre Doktorarbeit an der University of California, School of Information abgeschlossen, forscht nun bei Microsoft Research New England und ist wissenschaftliches Mitglied an der Harvard Universität (Berkman Center for Internet and Society). Unter www.zephoria.org finden sich ihr Blog und ihre Publikationen ---- Das rasante Wachstum der Freundschaftsseiten (Angaben für Österreich, Besucherzahlen in Prozent) ![]() StudiVZ ist in Österreich die populärste Social-Network-Seite. ![]() MySpace ist auf Platz 2, wuchs zuletzt aber nur rechts langsam. ![]() Facebook - die Besucherzahlen wurden in einem Jahr fast verfünffacht. Quelle: Marktforschungsinstitut ComScore. Verglichen wurde die Anzahl der Besucher der Webseite (Unique Visitors) im Dezember 2008 mit der Anzahl im Vergleichsmonat des Vorjahres. ---- Für alle, die online noch keine Freunde haben: kurze Einführung in Sachen Facebook & Co. Social-Network-Seiten Klingt spröde, ist aber der korrekte Begriff für Freundschaftsportale wie Facebook. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sich User dort registrieren, ein Profil anlegen und sich miteinander vernetzen, also virtuell "Freunde" werden. MySpace, StudiVZ, Facebook Die drei wichtigsten Freundschaftsportale hierzulande (siehe Grafik). StudiVZ wird vor allem von Studenten aus dem deutschsprachigen Raum genutzt, MySpace ist die erste Anlaufstelle für Bands und deren Fans. Facebook ist weniger bunt, hat MySpace aber nun als weltweite Nummer eins abgelöst. Freundschaft Ein inflationär verwendeter Begriff im Web. Trotzdem freunden sich die meisten User nur mit Menschen an, die sie zumindest flüchtig aus dem realen Leben kennen. Die Online-Kumpels tauchen dann in der Freundeliste auf. Aber Vorsicht: Mit zu wenigen Kontakten wirkt man unsozial, mit zu vielen nicht vertrauenswürdig. Profil Die virtuelle Visitenkarte, auf der Hobbys, Kontaktdaten und Fotos aufscheinen. Außerdem gibt es eine Statusmeldung, durch die der User mitteilt, was er gerade tut. Da stehen Meldungen wie "Harald isst ein Eis". Hört sich unspektakulär an, das ständige Lesen von fremden Statusmeldungen kann aber süchtig machen. Dieser Artikel ist im Falter Falter 08/09 erschienen. Fotos: Adam Tinworth / James Duncan Davidson
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