Die Zeitung ist tot, es lebe die ZeitungWednesday, November 25. 2009
Web frisst Print, die Krise schlägt zu. Trotzdem gibt es Zeitungen, die mit ungewöhnliche Ideen bestechen oder sich sogar neu erfinden. Ein Blick in die Welt der Zeitungsdesigner
![]() In ganz Europa stehen Zeitungen unter Druck. Die Lesegewohnheiten ändern sich, viele Menschen warten nicht mehr auf die Zeitung am Frühstückstisch, sondern holen sich ihre Nachrichten gleich aus dem Netz. Die Wirtschaftskrise verschärft dieses Phänomen. Anzeigenumsätze sinken, Medienhäuser entlassen Journalisten. Doch wie können Zeitungen darauf reagieren? Wie müssen sich Printmedien neu positionieren? Antworten gibt es beim European Newspaper Award. Dieser zeichnet jährlich herausragende Publikationen für ihr Konzept und ihre Gestaltung aus. Der Hauptpreis „European Newspaper of the Year“ wird in den Kategorien überregional erscheinende Zeitung, Regionalzeitung und Lokalzeitung vergeben. Die diesjährigen Gewinner stammen aus Portugal, Deutschland sowie Schweden und zeigen, welche Veränderungen am Printmarkt bevorstehen und wie sich Medien neu erfinden. Portugal: Rundum-Innovation „Wir wollen alles wegwerfen, was in herkömmlichen Zeitungen nicht funktioniert, und eine neue Zeitung bauen“, sagt Art-Director Nick Mrozowski. Tageszeitungen sind üblicherweise nach Ressorts aufgeteilt (Politik, Wirtschaft, Chronik, Kultur, Sport). Die Portugiesen haben ein anderes System: Zuerst bringen sie einen knackigen Nachrichtenüberblick, genannt „Radar“. Hier landen die wichtigsten Meldungen des Tages, kurz erzählt zur schnellen Orientierung. Danach startet die zweite große Sektion: „Zoom“. Die Texte werden länger, die Artikel bringen mehr Hintergrund. Analyse, Reportage und Essays finden sich hier. Qualitätsjournalismus ja, aber peppig aufgemacht. In i werden keine herkömmlichen Pressekonferenzfotos abgedruckt, bei denen Politiker am Podium sitzen und ein Fotograf sie abknipst. Um solche Szenen anders zu erzählen, schickt das Blatt mitunter Illustratoren zu wichtigen Politikveranstaltungen. Sie sollen die Atmosphäre einfangen und auf ihre Weise darstellen. Das Überraschendste ist aber, dass die Zeitung ausgerechnet im Krisenjahr 2009 erstmals erschien. Ein großes portugiesisches Baukonglomerat finanziert das Blatt, 15 Millionen Euro darf die Zeitung in den ersten vier Jahren kosten, dann soll sie profitabel werden. Derzeit beträgt die Auflage 30.000 Stück. Ab Jänner wird sie verdoppelt. Die Jury des European Newspaper Awards lobt i als „Rundum-Innovation“. Die Zeitungsmacher spielen sogar mit dem Gedanken, dass Online Print eines Tages überholen wird. „Vielleicht ist unsere Webseite in fünf Jahren wichtiger als die Zeitung“, sagt Mitgründer Macedo. Er fürchtet sich nicht vor dieser Vorstellung. Deutschland: Zeitung für Leser „Kontinuität und Qualitätsjournalismus“ versprach auch Chefredakteur Joachim Dorfs, als am 20. Juni die erste Ausgabe des überarbeiteten Blattes erschien. Die Regionalzeitung hat eine Auflage von 150.000 Stück und ist trotz der Neugestaltung bemüht, nicht zu bunt zu wirken. So sind die Bilder farbig und auf der Titelseite gibt es ein schönes großes Foto, das ein wichtiges Tagesthema ankündigt, insgesamt hat der Platz für Illustrationen aber abgenommen. „Mit Bildern sollte man vorsichtig sein, weil man leicht verwechselbar oder beliebig wird“, sagt Art-Director Dirk Steininger. Sein Blatt ist die Antithese zu jenen Zeitungen, die zuletzt größere Fotos und mehr Weißraum einfügten und nun weniger Platz für ihre Artikel haben. So haben die Stuttgarter eine neue, größere Schrift eingeführt und trotzdem ihre langen Texte beibehalten. Diese Änderung soll einerseits der älter werdenden Leserschaft entgegenkommen, die eine leichter lesbare Typografie will, und andererseits dem seriösen Ruf der Zeitung entsprechen. Immerhin beinhaltet die Stuttgarter Zeitung viele Geschichten, die deutsche Journalisten gerne als „Lesestücke“ bezeichnen. Das vermittelt das textlastige Layout. „Man möchte sich zurücklehnen und einfach nur lesen“, befand ein Jury-Mitglied. Schweden: Technik bringt’s Die Skandinavier beherrschen aber ihr Handwerk. Sie legen viel Wert auf die Bildauswahl, produzieren eine übersichtliche und leserfreundliche Zeitung. Chefredakteur Magnus Karlsson macht den technischen Wandel für den Erfolg mitverantwortlich. Zum Beispiel engagiert sein Blatt viele Fotografen aus der Region. Diese senden ihre Bilder oft kurz vor Redaktionsschluss aus entlegenen Ortschaften ein. Bevor es mobiles Internet gegeben hat, war das unmöglich. Für noch wichtiger hält der Chefredakteur das neue redaktionelle System, es handelt sich um ein schwedisches Programm genannt „Newspilot“, das die rasche Layoutierung von Zeitungsseiten ermöglicht. „In 45 Minuten ist eine Seite erstellt“, sagt Karlsson. Die restliche Zeit können seine Mitarbeiter dann für Feinheiten aufbringen: bessere Zwischentitel, aufwendigere Designs oder gutgeschriebene Infoboxen. Gerade diese Art von Leserservice lobte die Jury. Dazu zählt auch, dass sich unter jedem Artikel E-Mail-Adresse und Telefondurchwahl des zuständigen Redakteurs finden. Größere Vielfalt Vom 25. bis 27. April 2010 findet im Wiener Rathaus der „European Newspaper Congress 2009“ statt, dort werden die Zeitungspreise vergeben. Die Ehrung gibt einen Einblick in Trends am Printmarkt: Viele Zeitungen setzen vermehrt auf Hintergrundberichterstattung, die Qualität der Bildauswahl rückt in den Vordergrund. Für Haika Hinze, Art-Directorin der Zeit und Jurymitglied beim European Newspaper Award, ist die spannendste Erkenntnis, dass die Zeitungen so unterschiedliche Richtungen einschlagen, von den innovativen Portugiesen bis zu den traditionell denkenden Stuttgartern. „Ich nehme wieder eine größere inhaltliche Vielfalt als vor drei, vier Jahren wahr“, meint sie. Die Frage, wie die Zukunft der Zeitung aussehen wird, ist noch lange nicht endgültig geklärt. Dieser Bericht ist im Falter 48/09 erschienen. Bilder: European Newspaper Award / i / Stuttgarter Zeitung / Smålandsposten Banalitäten und Egomarketing - der Twitter-SchwachsinnFriday, March 20. 2009![]() Eine Zwitschermeldung von ZiB-Moderator Armin Wolf Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 12/09 veröffentlicht. Das Bild stammt von Armin Wolfs Twitter-Account. Rettung am SonntagTuesday, January 27. 2009 Die Presse startet eine Sonntagszeitung. Sie sieht ambitioniert aus. Ihre Markteinführung fällt in die AnzeigenflauteDer erste Blick bietet eine Überraschung. Das Logo der Presse war bisher blau, im Prototypen ihrer neuen Sonntagszeitung sind die Lettern hingegen weiß und weinrot umrandet. „Die Presse“ ist da groß zu lesen. Eine Zeile darunter steht: „am Sonntag“. Das neue Produkt soll im März erscheinen und ein Sonntagsblatt mit Qualitätsjournalismus sein. Dem Falter gelang es, schon vorab einen Blick auf die Zeitung zu werfen. Es war nicht Betriebsspionage. Die Presse hatte die Falter-Mitarbeiterin unwissentlich zum Produkttest geladen. Keine Frage, die Zeitung hat ein flottes Design. Die Bilder sind groß, das Layout verspielt. Man ist magazinlastiger, weniger nachrichtenorientiert. Viele Elemente erinnern an den Falter: Schon auf der Titelseite findet sich eine Marginalspalte, die Kolumnisten sind mittels Zeichnung und nicht mittels Foto abgebildet, durch das Blatt führt ein Farbleitsystem, das bei der Orientierung zwischen den unterschiedlichen Ressorts hilft. Auch inhaltlich gibt es Parallelen: Der „Narr der Woche“ dolmt Fehltritte auf dem politischen Parkett (siehe Kasten auf Seite 22). Keine herkömmliche Tageszeitung, sondern ein eigenständiges Produkt mit anderen Ressorts und anderer journalistischer Gewichtung will die Presse am Sonntag sein. Egal ob im Reisereportagenteil „Globo“ oder in der Wirtschaft namens „Eco“, überall menschelt es. Da gibt es ein Porträt von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon und ein Doppelinterview mit Erste-Bank-Chef Andreas Treichl und Opernball-Organisatorin Desirée Treichl-Stürgkh. Zumindest in der Theorie: Der Prototyp der neuen Zeitung beinhaltet keine ausformulierten Artikel, sondern nur Blindtexte. Es ist ein gewagter Plan. Im März soll bereits die erste Ausgabe der Sonntagszeitung in Plastikbeuteln aushängen, auf den Türmatten der Presse-Abonnenten landen. In der Branche wird indes die Wirtschaftskrise spürbar, Anzeigeneinbrüche führen zu dünneren Zeitungen. Chefredakteur Michael Fleischhacker will, dass sein neues Produkt antizyklisch der Krise trotzt und einen Teil der Werbeverluste ausgleicht. Aber bei der Einführung der Sonntagszeitung geht es auch um die Frage, wie die Zukunft der Tageszeitung aussieht. Fleischhacker glaubt, dass sich das journalistische Geschäft immer mehr auf den Sonntag verlagert. „Der Sonntag ist der weltweit wichtigste Zeitungstag“, sagt er und erzählt davon, wie vor 15 Jahren die Geschäfte samstags um zwölf Uhr zusperrten. Heute sei der Samstag hingegen ein Erledigungstag, irgendwo zwischen Büro und Baumarkt. Da bleibt nur der Tag darauf zum gemütlichen Zeitunglesen. Sonntagsleser sind für Journalisten ein geduldiges Publikum, dem man auch längere Texte zumuten darf. Für Marketingleute sind sie wiederum wunderbare Werbeadressaten. „Das Wochenende ist für Anzeigenkunden ein sehr wichtiger Platz, da mehr Zeit zum Lesen da ist und auch der Austausch mit dem Partner möglich ist“, sagt Max Palla, Präsident des Austrian Chapters der International Advertising Association. Kein Wunder also, dass die Presse beim Produkttest als Erstes wissen will, ob die Teilnehmer sonntags Zeitung lesen. Alle bejahen. Eine junge Testerin gibt zu, dass sie am Wochenende auch die Krone liest. In Österreich wird der Sonntag weitgehend dem Boulevard überlassen. Landesweit hängen Krone bunt, Kurier und Österreich an der Straßenecke aus. Wem das nicht genügt, der muss zur Samstagsausgabe anderer Blätter oder zu einem profil-Abo greifen. Dabei zeigt der Blick über die Grenzen, dass auch Qualitatsmedien am Sonntag überleben können. Die Frankurter Allgemeine Zeitung (FAZ) startete 2001 die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) deutschlandweit. Laut Allensbacher Werbeträger-Analyse hat die FAS heute 993.000 Leser, die FAZ hingegen nur 884.000. „Für eine Qualitätszeitung am Sonntag gibt es ein Leserpotenzial von knapp einer Million“, sagt Fleischhacker. Er beruft sich auf eine Studie von Marktforscher Imas. Der Sonntag hat aber auch seine eigenen journalistischen Spielregeln: Hier geht es nicht um die schnelle Nachricht, sondern ums Genusslesen. Es ist kein Wunder, dass sich im Prototyp der Presse am Sonntag Reisereportagen, Spaziergänge mit Politikern und persönliche Interviews finden. Auch die FAS pflegt einen leichteren Ton und eine luftigere Aufmachung als ihr Mutterblatt. „Am Sonntag will man nicht über Shopping oder über Stress lesen, sondern sich entspannen“, sagt Conny Bischofberger, die den Sonntag-Kurier leitet und jahrelang für die Krone bunt Promiinterviews machte. Auch sie arbeitet derzeit an einem Hochglanzmagazin, das der Kurier am 29. März herausbringen will. „Das Hauptblatt wird dafür noch aktueller werden“, meint die Journalistin. Es kommt Bewegung in den Sonntagsmarkt. Für die Presse macht es Sinn, dieses Format auszuprobieren: Sie hat den Styria-Medienkonzern hinter sich, der das Vertriebssystem Redmail besitzt. Das erleichtert die Zustellung. Überdies ist der Sonntag eine der wenigen Nischen, die sich im Zeitungsgeschäft noch finden lassen. Fleischhackers Blatt könnte einen höheren Marktanteil gut brauchen: Laut Media-Analyse hat sich der Abstand zum Standard vergrößert. Während die Presse eine Reichweite von 3,6 Prozent besitzt, sind es bei der lachsfarbenen Konkurrenz 1,4 Prozent oder 100.000 Leser mehr. „Die Presse allein ist nicht überlebensfähig, sie lebt vom Tropf der Styria“, meint Wolfgang Bergmann, Geschäftsführer des Standard. Das bürgerliche Blatt habe selbst 2007, zu Zeiten der Hochkonjunktur, gerade einmal einen positiven Abschluss geschafft. Stimmt, sagt Fleischhacker. Er leugnet nicht, dass die Wirtschaftskrise seine Zeitung hart trifft. Für die Tageszeitungsbranche erwartet er heuer einen Rückgang der Anzeigenumsätze von 20 bis 30 Prozent. „Aber was ist sinnvoller? Leute zu entlassen oder offensiv ein neues Produkt zu starten, mit dem man auch Marktanteile gewinnen kann?“ Eine Flucht nach vorne also. Das hört sich nach einem guten Plan an. Aber selbst die Styria kann nicht über Nacht eine Sonntagszeitung starten. Der Vertrieb ist ein Stolperstein. In Bundesländern wie Salzburg ist zum Beispiel unklar, ob eine Hauszustellung möglich ist. Auch räumt der Chefredakteur die Möglichkeit ein, dass sein neues Lieblingsprojekt in letzter Sekunde scheitert. „Wenn wir Ende Februar merken, dass das gesamte Anzeigengeschäft in den Keller rasselt, werden wir die Investition überdenken.“ Zumindest einen Vorteil bringt die Krise für die Styria: Sie ist ein guter Zeitpunkt, um bei der Belegschaft günstige Arbeitskonditionen durchzusetzen. Der Redaktion wurde kommuniziert, dass es zu Einsparungen kommen müsste – oder zur Einführung der Sonntagszeitung. Nun muss die Belegschaft einen Titel pro Woche zusätzlich herstellen, das heißt 48 Seiten für den Sonntag füllen. Mehr Personal gibt es dafür nicht. Ein Triumvirat aus Fleischhacker, Chronikressortleiter Rainer Nowak und Außenpolitikchef Christian Ultsch wird das neue Projekt koordinieren. Die neuen Betriebsregeln entsprechen trotzdem dem Journalisten-Kollektivvertrag: Wer künftig am Samstag ins Büro geht, bekommt unter der Woche einen Tag frei. Inhaltlich stellt sich hingegen die Frage, ob ein Tageszeitungsteam über genügend Arbeitskräfte verfügt, um zusätzlich eine qualitativ hochwertige Wochenzeitung herauszugeben. Wolfgang Langenbucher, emeritierter Vorstand des Wiener Publizistikinstituts, ist skeptisch. „Dort, wo erfolgreiche Sonntagszeitungen neu gegründet wurden, handelte es sich um ein eigenständiges redaktionelles Produkt. Ich denke etwa an die FAS“, sagt er. Diese Zeitung hat eine eigene Redaktion mit circa 50 Mitarbeitern, zusätzlich schreiben FAZ-Redakteure im Blatt. Die österreichische Sparvariante verwundert Langenbucher. Die Idee einer Sonntagszeitung gefällt dem Medienwissenschaftler aber grundsätzlich. „Ich sehe zwei Tendenzen: den langsamen Rückgang der Tageszeitung. Und die Neukonzeptionierung als Wochenzeitung.“ In den USA gibt es etwa den Christian Science Monitor, einst eine Tageszeitung. Heute erscheint das Blatt nur noch sonntags und unter der Woche im Internet. So weit will Fleischhacker nicht gehen. Trotzdem glaubt er, dass das Wochenende zum Rettungsanker im Nachrichtengeschäft werden könnte. „Faktum ist, die größte Überlebenschance der Tageszeitung liegt im Wochenende.“ Wenn der Sonntag nicht die ganze Presselandschaft rettet, so zumindest die Presse. Durchgeblättert: die Sonntagszeitung der Presse im Schnell-Lesegang Im März kommt die Sonntagszeitung auf den Markt. Für Presse-Leser sieht die Titelseite der Sonntagszeitung ungewöhnlich aus. Während das Hauptblatt von Montag bis Samstag eine monothematische Seite 1 bringt, erscheint zum Abschluss der Woche der Leitartikel des Chefredakteurs auf der Titelseite. Daneben wird die Coverstory angekündigt, beispielsweise ein Text über Brüder als „liebste Feinde“. Nach dem Inhaltsverzeichnis folgt die Politik. Wie auch im Rest des Blattes dominieren menschliche Zugänge – vom Porträt des Bundespräsidenten Heinz Fischer bis zum Spaziergang mit der Wiener Grünen-Chefin Maria Vassilakou. Um nicht alt auszuschauen, gibt es einen zweiseitigen Nachrichtenüberblick mit der Tadelkolumne „Narr der Woche“. Die wirkliche Überraschung kommt nach der Politik. Das Sportressort taucht an zweiter Stelle im Blatt auf. Fünf Seiten Sportberichterstattung sind für die Presse ungewöhnlich viel. Im Ressort „Sport & Spiel“ finden sich aber auch Sudokus und eine Schlussseite mit Hightech- und Internetthemen. Hier zeigt sich bereits, dass das Blatt zum Teil ungewöhnliche Ressorts besitzt. Es setzt sich aus den Bereichen „Politik“, „Sport & Spiel“, „Eco“ (Wirtschaft), „Wissen“, „Lokal“ (Wien und Gastro), „Leben“ (Erziehung und Familie), „Globo“ (Reisereportagen), „Kultur“ und „Debatte“ zusammen. Der Prototyp der Zeitung ist bunter, magaziniger. In Stein ist das Blatt aber anscheinend noch nicht gemeißelt. Beim Produkttest werden den Teilnehmern abschließend auch alternative Titelseiten vorgestellt. Auf diesen befindet sich das Presse-Logo nicht am oberen Ende, sondern seitlich links. Vielleicht schaut das Magazin, wenn es im März auf den Markt kommt, ja doch ganz anders aus. Ungefähr so schaut das Sonntagsblatt aus. Die Illustration ist eine vereinfachte Darstellung des Prototypen. Abweichungen von der Originalvorlage sind möglich - die Skizze wurde aus dem Gedächtnis angefertigt. Illustration: PM Hoffmann / www.pmhoffmann.de Dieser Artikel ist im Falter 06/09 erschienen. Wallraff, ein Mann mit MissionTuesday, December 16. 2008 Günter Wallraff berichtet von den neuen Abgründen des Arbeitsmarkts. Eine Begegnung in WienGünter Wallraff könnte sich zurücklehnen und nur mehr Geschichten erzählen. Wie er sich in den 70er-Jahren als Hans Esser verkleidet in die Bild-Lokalredaktion einschlich oder wie er in den 80ern die Rolle von Ali Levent Sinirlioglu, dem türkischen Gastarbeiter, annahm. In 38 Sprachen wurde sein Buch „Ganz unten“ übersetzt, in dem er beschreibt, wie er als Ali die Drecksarbeit der Deutschen machte. Die Schweden haben ihm mit einer Wortneuschöpfung sogar ein Denkmal gesetzt: „Wallraffa“ nennen es die Skandinavier, wenn ein Journalist unter falscher Identität recherchiert. Wallraffen, das tut der 66-Jährige noch heute. Der hagere Mann mit Oberlippenbart und Brille erzählt gerne vor Publikum, wie er sich in große Konzerne einschleicht. Seit einem Jahr publiziert der Journalist wieder in der Zeit, berichtet von den betrügerischen Geschäften im Callcenter oder vom menschenverachtenden Umgang mit den Mitarbeitern einer Brotbackfabrik. Vergangene Woche besuchte er Wien auf Einladung des Renner-Instituts. Noch immer zieht der Mann, der Hans Esser war, das Publikum an. Der Saal ist bis zur letzten Reihe gefüllt. Wallraff liest vor, wie er sich in die Brotfabrik hineinschmuggelte, wie er am Fließband die Aufbackbrötchen für Lidl abpackte. Wie er sich gleich am ersten Tag die Hand am heißen Blech verbrannte. Der Schichtleiter zeigte kein Mitleid dafür. „Ihr seid billiger als neue Bleche“, erklärte er die Unternehmensphilosophie. Es sind Sätze wie dieser, die Wallraff antreiben. Seine Reportagen zeichnen sich nicht unbedingt dadurch aus, dass er Skandale aufdeckt. Er macht viel eher alltägliche Ausbeutung plastisch sichtbar. „Wenn ich etwas selber erlebe, habe ich eine ganz andere Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit, als wenn ich es vom Hörensagen erfahre“, meint Wallraff. Er sei schon in der Schule schlecht in abstrakten Fächern gewesen, wollte den Inhalt lieber „spüren“. Aber es steckt nicht nur journalistische Neugier, sondern auch politische Überzeugung in diesem Mann, der sich freiwillig wie Dreck behandeln lässt. Wallraff ist halb Journalist, halb Aktivist. In der Brötchenfabrik wollte er beispielsweise einen Streik anzetteln. Wallraff ist ein überzeugter Linker, der sich dann besonders freut, wenn er die Unbarmherzigkeit von Kapitalisten decouvriert. Bei der Veranstaltung erzählt er eine sehr bezeichnende Anekdote: In den 70ern recherchierte er im Versicherungshaus Gerling, setzte sich eines Tages in Botenuniform zum Mittagstisch der Direktoren. „Das endete damit, dass der Vorstandsdirektor zu mir sagte:, Sehen Sie mal, das ist wie im Tierreich. Da frisst erst einmal der männliche Löwe, und was er übriglässt, das kriegt die Löwin mit den Jungen. Und danach kommen die Schakale dran. Ich würde sagen, das ist gewachsen. Das ist Natur.‘“ Wallraff nahm diese Aussage damals auf Tonband auf. Er lacht noch heute, wenn er sich zurückerinnert, wie er das Band einem Massenpublikum vorspielte. Die Auseinandersetzung mit den Angstmachern gefällt Wallraff. Dafür geht er Risiken ein. Als er in den 70ern in Griechenland gegen die Militärdiktatur demonstriert, wird er aufgegriffen und gefoltert. Als in den 90ern der deutsche Geschäftsmann Helmut Hofer im Iran gesteinigt werden soll, will Wallraff heimlich an seiner Stelle ins Gefängnis. Heute ist er froh, dass Hofer doch noch freigelassen wurde: „Aber es hätte mir sogar Spaß gemacht, mich mit so einem Terrorregime anzulegen. Die hätten mich wahrscheinlich nicht umgebracht, aber es hätte mich eine Zeitlang bei Laune gehalten.“ So umtriebig wie Wallraff ist, wundert es einen, dass es zwischendurch so ruhig um ihn geworden war. Der Journalist war krank, wurde an der Bandscheibe operiert, musste das Gehen neu erlernen. Heute läuft er Marathon. Warum er wieder Reportagen schreibt? „Die Situation ist danach. Es ist schlimmer als zu Beginn meiner Arbeit. Die Angst geht in den Betrieben um. Da werde ich gebraucht.“ Wallraff meint das ernst. Er glaubt, dass es auf ihn ankommt. „Meine Arbeit hat bewusstseinsverändernde Wirkung“, meint er. Noch heute werde er von der türkischen Bevölkerung auf das Buch „Ganz unten“ angesprochen, das bei vielen Gastarbeitern ein neues Selbstvertrauen geweckt habe. Auch in der Brotbackfabrik, die Lidl beliefert, bekommen die Arbeiter nun 24 Prozent mehr Lohn. Ein paar Jahre will er noch recherchieren. 2009 erscheinen ein neues Buch mit Reportagen und ein Kinofilm, für den Wallraff mit versteckter Kamera filmte. Gleichzeitig bereitet er sich auf eine Zeit vor, wenn die Verkleidung im Schrank bleibt. Gemeinsam mit der deutschen Gewerkschaft will er eine Stiftung für junge Journalisten begründen, die im Wallraff-Stil Missstände aufdecken. „Ich muss daran denken, wer in meine Rolle schlüpft, wenn ich das Ganze altersbedingt nicht mehr schaffe.“ Dieser Text ist im Falter 51/08 erschienen. CNN, der große Bluff (Digitalia, Woche 46)Friday, November 14. 2008So sah der Hologramm-Schwindel aus: Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter.
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