Generation NeonTuesday, May 18. 2010
Andere Magazine verlieren Leser, Neon legt trotz Wirtschaftskrise an Auflage zu. Wie das junge Lifestyle-Magazin das schafft
![]() Für Sabine Jenewein ist das Leben vor allem eines: ungewiss. Will sie nach dem Studium nach Indien gehen und dort Kindern Deutsch beibringen? Will sie Lehrerin an einer Wiener Schule werden oder ins ländliche Tirol zurück? Oder will sie ganz etwas anderes machen? „Es gibt so viele Möglichkeiten. Und in meinem Bekanntenkreis fragt sich jeder: Mach ich das Richtige? Will ich etwas anderes machen?“, sagt die 21-Jährige. Weil sie unsicher ist, liest sie Neon. Das Monatsmagazin ist eine der jüngsten Erfolgsgeschichten am deutschen Zeitschriftenmarkt. Und das, obwohl es erst neulich mit gefälschten Interviews Schlagzeilen machte. Neon spricht junge Erwachsene wie die Tirolerin Jenewein an, die sich irgendwo zwischen Einführungsvorlesung und den ersten Erfolgen im Berufsleben, zwischen Nestflucht und eigener Familiengründung befinden. Ausgabe für Ausgabe signalisiert das Magazin: Ich verstehe dich, du bist nicht allein mit deinen Hoffnungen und Zukunftssorgen. Auf dem angeschlagenen deutschen Printmarkt sind viele Herausgeber schon glücklich, wenn sie wenigstens keine Leser verlieren. Renommierte Zeitungen wie die Süddeutsche streichen Stellen, viele Anzeigen sind längst ins Internet abgewandert, dorthin, wo die Jungen sind. Zumindest könnte man das glauben. Neon ist der Beweis, dass junge Erwachsene sehr wohl noch Zeitungen kaufen. Das Magazin stellt Fragen, über die viele abends mit ihren Freunden diskutieren oder insgeheim nachdenken: Bin ich ein böser Mensch, wenn ich meinem besten Freund den Erfolg nicht vergönne? Was tut man, wenn man beim Zusammenziehen stilistisch völlig auseinander liegt? Woran erkenne ich, dass ich das Falsche studiere? „Es gibt immer einen Artikel, bei dem ich mir denke: Das spricht mir aus der Seele“, sagt Jenewein, sie steht stellvertretend für viele andere Neon-Käufer: etwa den 31-jährigen PR-Fachmann Stefan, der über die lustigen Rubriken schmunzelt, und den 19-jährigen Maturanten Daniel, der sich für die „Problemchen“ seiner Altersgruppe interessiert. In Deutschland hat Neon laut Media-Analyse 930.000 Leser, der Verkauf steigt in Zeiten der Krise. Aber geht es dem Heft um Auflage oder um Aufklärung? Kann man es als Bravo für Bobos abtun?Das Konzept entwickelten Münchner Journalisten – mit dem Geld des Gruner+Jahr-Verlags erschien 2003 die erste Nummer. Neon ist mainstreamig, das Cover gefällig. Vielleicht ist es aber mehr als der Versuch, Mittzwanzigern bedrucktes Papier anzudrehen. Vielleicht ist es sogar die Zukunft des Magazinmarkts: für jedes Lebensgefühl die richtige Publikation. Man muss nur wissen, worüber sich die jeweilige Zielgruppe den Kopf zerbricht. Darin ist Timm Klotzek Experte. Er hat Neon mitentwickelt, ist mit Michael Ebert Chefredakteur und sitzt in seinem Büro in der Münchner Redaktion. Gegenüber liegt der triste Parkplatz eines Diskonters. Wäre da nicht das Logo von Gruner+Jahr, kein Mensch würde glauben, dass ausgerechnet hier, in diesem unscheinbaren Bürohaus außerhalb des Stadtzentrums, das Hochglanzmagazin entsteht. „Neonartig ist ein eigener Begriff geworden“, sagt Klotzek, „Wir haben eine eigene Art der Fotografie, einen identifikatorischen Journalismus, bei dem die Leute nicken und sagen können:, Verstehe ich, das geht mir genauso.‘“ Der Chefredakteur ist 37, also älter als die eigentliche Zielgruppe, und hat bereits Kinder. Er kann aber viel über die klassischen Neon-Leser erzählen: Sie wollen im Leben vorankommen, irgendwann haben sie es satt, auf WG-Partys die Schuhe auszuziehen und Chili con Carne zu essen. „Gleichzeitig fahren sie durch eine Vorstadt, wo diese Doppelhaushälften mit Garage stehen, und denken sich:, Oh Gott, bei mir ist es auch bald so weit, so wollte ich doch niemals enden.‘“ Die Schwierigkeit des Erwachsenwerdens beschreibt auch die 21-Jährige Jenewein. Sie erzählt von ihren Eltern in der Tiroler Heimat, die eine Lehre machten, früh heirateten, Kinder kriegten, ein Haus bauten. Viele 20- bis 30-Jährige sehen das Leben ihrer Eltern und können damit nichts anfangen. Das war schon vor 50 Jahren so, nur hat sich diese Phase der existenziellen Unsicherheit und des Selbstfindungsprozesses verlängert. Die gesellschaftliche Sicherheit bröckelte Stück für Stück weg. Der Job? Nur ein Praktikum. Heiraten? Wer weiß, ob das hält. Kinder? Vielleicht in fünf Jahren. Aus diesem Gefühl heraus entstand der Neon-Slogan: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden.“ Eine Zeit lang war das auch die Unterzeile am Cover.Neon greift Themen auf, die Mittzwanziger beschäftigen. Die gerechte Verteilung zwischen Frauen und Männern beispielsweise. Aber da wird nicht mehr die Abtreibungsdebatte der 70er-Jahre geführt, sondern über den Sexismus 2.0 berichtet. „Im Internet kocht und häkelt die Frau, das große Wort führt der Mann“, schreibt Neon. Und Leserinnen wie Sabine Jenewein nicken. Ja, das stört sie auch. Freilich bietet Neon einen Mix aus Erklärjournalismus, Unterhaltungselementen, gefälliger Popberichterstattung und politischen Reportagen. Vor allem ist es aber Identifikationsfläche. Bereits beim Cover wird darauf geachtet, dass die hübschen Menschen natürlich aussehen. Bildchef Jakob Feigl setzt nur behutsam Photoshop ein. „Man muss das Gefühl haben, man ist auf Augenhöhe“, meint er. Oft schauen die Fotos aus, als handle es sich um Schnappschüsse von der letzten Party. Tatsächlich engagiert das Magazin renommierte Fotografen, der Großteil der abgedruckten Bilder wird eigens für das Blatt geschossen. Überraschend ist, dass vor Neon keiner diese Lücke am Medienmarkt besetzte. Im Gegenteil: Neon entstand erst, nachdem sein Vorgängermagazin gescheitert war. Die Süddeutsche stellte 2002 ihre beliebte Jugendbeilage Jetzt ein, auch 8000 Protestunterschriften und eine Demonstration änderten nichts daran. Klotzek und der Großteil des Neon-Gründungsteams arbeiteten damals dort, dann trat die Stern-Chefredaktion, die zu Gruner+Jahr gehört, an sie heran. Sie bekamen die Chance, ein neues Magazin zu entwerfen. 2006 wurden Klotzek und Ebert vom Medium Magazin als „Journalisten des Jahres“ ausgezeichnet. Über den Medienmarkt sagt dieser Erfolg viel aus. In den letzten Jahren werden Publikationen zunehmend für ein spezielles Publikum maßgeschneidert. Zuletzt brachte Gruner+Jahr gleich drei Lifestyle-Magazine für Männer heraus: Beef legt besonderen Wert auf deftiges Kochen, Gala Men auf Mode, Business Punk auf Wirtschaft. „Ich glaube, in absehbarer Zeit wird es keine riesigen Zeitschriften mehr geben. Es wird kleiner, spezifischer“, sagt Klotzek. Er selbst hat das Neon-Prinzip nun weiterentwickelt und leitet auch Nido, ein Magazin speziell für junge Eltern. Wieder geht es um Lebensgefühljournalismus: Statt die besten Kinderwägen zu testen, wird laut darüber nachgedacht, ob die eigenen Kinder das Sexleben zerstören. Natürlich kann man sich über diese Art von Journalismus lustigmachen. Nido, das Magazin für die Restsexualität junger Eltern, Business Punk, die Bravo für BWL-Studenten. Einige Kollegen zeigen offen ihre Häme. „Manche finden, es sei ein Zeitgeistblättchen für eine merkwürdig unpolitische Generation. So wichtig für die Aufklärung des Abendlands wie ein Actimel-Joghurt“, schrieb etwa der Spiegel. Andere Journalisten verwundert diese Kritik: „Natürlich ist das kein Spiegel für Junge“, sagt Armin Wolf. Der ORF-Moderator analysierte für seine Master-Arbeit die politische Berichterstattung von Neon. „Das sind solide Geschichten, die auch im Stern oder im Profil stehen könnten“, meint er. Für ein Lifestyle-Magazin behandelt Neon überraschend viele Politikthemen, es fliegt seine Journalisten eigens nach Gaza, Pakistan oder New Orleans, wo diese manchmal wochenlang an Reportagen recherchieren. Der Vorwurf, Neon sei unpolitisch, stimmt und ist falsch zugleich. Das Blatt kann in diesem Punkt nicht mit Nachrichtenmagazinen konkurrieren, aber es ist schon etwas förderlicher für die Aufklärung als ein Joghurt-Drink. Einen Skandal hat Neon in sieben Jahren erlebt: den Fall Ingo Mocek. Der Journalist schrieb über Popmusik und sollte Stars wie Beyoncé Knowles oder Snoop Dogg interviewen. Stattdessen erfand er Passagen oder ganze Gespräche. Als das im März aufflog, entließ ihn Neon. Die Chefredaktion trat selbst an die Leser. „Es gibt überhaupt kein Interesse, das zu vertuschen“, meint Klotzek, „wir haben gesagt:, Da ist was ganz Schlimmes bei uns passiert, da gibt es nichts schönzureden.‘“ Das Hochglanzmagazin leistet sich als eine von wenigen deutschen Redaktionen eine eigene Dokumentation. Das heißt, jedes Fakt in jedem Artikel wird von einer Mitarbeiterin noch einmal überprüft. Der entlassene Journalist habe die Kollegen hinters Licht geführt, sagt der Chefredakteur. Gleichzeitig hat Neon bei freien Autoren nach wie vor einen guten Ruf, hier werden angemessene Honorare und Recherchereisen bezahlt. Für die großen Reportagen gibt es mitunter vierstellige Summen. Mittlerweile eine Ausnahme, selbst in der deutschen Medienbranche.Das ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum Neon funktioniert. Hier findet kein billiger Schmuddeljournalismus statt wie in vielen anderen Lifestyle-Publikationen. Zwischen Gesichtscremetests und bezahlten Kosmetikinseraten verwischt dort oft die Grenze zwischen unabhängiger Berichterstattung und Werbung. Viele Artikel sind vorhersehbar. Angeblich interessieren sich Frauen im Winter für Keksebacken und im Sommer für die Bikinidiät. Männer hingegen schauen Sport und trainieren den nicht vorhandenen Waschbrettbauch. Oder wie Timm Klotzek das sagt: „Der Frauenmagazinmarkt funktioniert über Psychodruck. Die sagen:, So hat dein Kleiderschrank auszuschauen, so dein Hintern, so dein Sexleben.‘ Die Männerzeitschriften sind hingegen in der Regel so ein bisschen schmierig. Wenn Besuch kommt, der einem wichtig ist, räumen viele das Männermagazin vom Couchtisch.“ Mit solchen Zeitungen kann auch Neon-Leserin Sabine Jenewein nichts anfangen. „Die besten Modetipps für den Sommer? Das hat nichts mit meinem Leben zu tun“, sagt sie. So banal die Lektion klingen mag, so sehr ergibt sie Sinn: Medien sind dann ganz besonders erfolgreich, wenn sie an den Lebensalltag der Menschen andocken. Und wenn einen zwischendurch ein paar sympathische Gesichter anlachen, schadet das auch nicht. ------------------- Neon in Zahlen ------------------- 231.136 Stück wurden im Schnitt im ersten Quartal 2010 verkauft 124.940 Exemplare waren es fünf Jahre zuvor, das ist eine Steigerung um 85 Prozent 2003 erschien das Magazin erstmals 34 Mitarbeiter zählt die Redaktion heute 20 bis 35 Jahre alt sind die meisten Leser 2 Chefredakteure gibt es, Timm Klotzek und Michael Ebert Dieser Artikel ist im Falter 19/10 erschienen. Illustration: Bianca Tschaikner / Cover: Neon "Du bist Bombe!"Wednesday, May 5. 2010
Was ist nur los mit diesen Kids? Warum reden sie so seltsam? In Wien entwickelt eine Migrantengeneration ihren eigenen Slang. Höchste Zeit, ihnen zuzuhören
![]() „Wie geht’s, Hurensohn?“, „Seas Wixer!“ So begrüßen sie sich. „Wir sind Prater“, „Gemma Lugner“. So vertreiben sie sich ihre Zeit. „Du bist Bombe!“ „Oida, i pock di net.“ So machen sie einander Komplimente. In den Wiener Gürtelkäfigen, den Parkanlagen und Gemeindebauten haben die Nachkommen der einstigen Gastarbeiter ihre eigene Sprache gefunden. Artikel und Präposition werden überflüssig, die Kinder sprechen einen Mix aus Wienerisch, Serbisch, Türkisch und anderen Einflüssen. Ghettodeutsch. Türkendeutsch, Jugendsprache. In Wien gibt es noch keinen eindeutigen Begriff dafür. Wer an einem warmen Frühlingstag durch den Prater flaniert, hört aber überall diesen Slang. „Oida, komm jetzt. Du bist mit mir“, sagt ein Mädchen. Sie zieht ihre Freundin am Arm und will Karussell fahren. „Nein, heast, ich bin nicht mit dir!“, widerspricht die andere. Ein paar Meter entfernt steht eine Gruppe von Jungs. Sie sind erst 14 bis 16 Jahre alt, aber schon extrem cool: Mit Baseballkappe, ärmellosem Shirt und abgebrühtem Blick – der eine trägt den türkischen Halbmond am Halsketterl, der andere die tschetschenische Flagge am Kapperl. „Wir sind TKP“, stellen sich die Burschen vor – so als ob die ganze Welt wüsste, dass „TKP“ der Theodor-Körner-Park in Meidling ist. Die Grünanlage ist der Mittelpunkt der Gang, gerne gehen sie auch in den Prater. Hier, neben Achterbahnen und Schießbuden, treffen sich viele Kids aus Meidling, Rudolfsheim-Fünfhaus und Brigittenau. Eine Clique aus dem 20. Bezirk ist gerade eingetroffen. „Gemma Space Shot“, sagt die eine. „Willst du Schlange warten?“, fragt die andere und zeigt auf die Wartenden. Ein Bursche fällt ihnen ins Gespräch. „Wo ist Tabak“, will er wissen. Und dann auf Türkisch: „Tabak nerede?“ „Tabak nerede“ ist auf Türkisch mindestens genau so falsch wie „Wo ist Tabak?“ auf Deutsch. Untereinander sprechen die Kids eine vereinfachte Form ihrer Muttersprache oder des Deutschen. „Halbsprachigkeit“ nennen Politiker das und warnen vor Ghettobildung. „Die Entwicklung zu Parallel- und Gegengesellschaften hat längst stattgefunden“, sagt die FPÖ. Selbst die Grünen sind alarmiert. „Viele Kinder beherrschen weder ihre Muttersprache noch Deutsch ordentlich. Das ist die schlechteste Voraussetzung für einen jungen Menschen“, meint die grüne Bildungssprecherin Susanne Jerusalem. Es ist klar, dass im kommenden Wahlkampf viel über diese Jugendlichen geredet werden wird. In den Wiener Pflichtschulen hat bereits jedes zweite Kind Migrationshintergrund. Ich ficke deine Mutter! Dieser Artikel ist die Cover-Geschichte des Falter 18/10 Solche Wörter lernt man, wenn man das Jugendzentrum im 20. Bezirk besucht. Im Freien sitzen ein paar Halbstarke, sie reden Türkisch, spucken viel auf den Boden und erzählen sich, wie cool sie sind. Wenn einer von außen an sie herantritt, tun sich die Burschen schwer. Auf Deutsch wirken sie unsicher, auf Türkisch werden sie ordinär und machen obszöne Handbewegungen. Dann spucken sie wieder auf den Boden. Pubertierende Jugendliche, die um Anerkennung in ihrer Clique kämpfen und sich gegenseitig verbal befetzen: „Ich ficke deine Mutter, ich ficke deine Muschi.“ Das sind die Kids, über die sich die FPÖ echauffiert. Aber die Kritik der Rechtspopulisten greift zu kurz. Diese Burschen sind selbst das, was sie als Schimpfwort sehen: Opfer. Viele hatten schlechte Startbedingungen. Ihre Eltern stammen aus bildungsfernen Schichten, unser Schulsystem sondert die Kinder mit zehn aus. Wer in Deutsch Probleme hat, landet schnell in der Hauptschule. Viele dieser Teenager verstehen Worte wie „Budget“ oder „Schattenseite“ nicht. Sie werden niemals eloquent beim Bewerbungsgespräch auftreten können. Wer Glück hat, macht nach der Hauptschule eine Lehre. Viele sind arbeitslos. Sprache wäre für die Burschen die große Aufstiegschance. Das inkludiert auch, dass sie ihre Muttersprache beherrschen – egal, ob Türkisch, Bosnisch oder Englisch. Wer seine Muttersprache richtig spricht, lernt leichter Deutsch. Das zeigen linguistische Studien. Die Sprachforscherin Katharina Brizić hat die Eltern von Wiener Grundschülern mit Migrationshintergrund interviewt und stellte fest: Jene Kinder, die zuhause Deutsch sprechen, sind in der Schule besonders schlecht in Deutsch. Klingt überraschend, ist aber logisch. Wenn die Eltern zuhause ein fehlerhaftes Deutsch sprechen, lernen die Kinder das falsch. Gleichzeitig geht Sprachpotenzial verloren. Zum Beispiel erzählen Eltern ihren Kindern keine Geschichten mehr, dazu fehlt ihnen das Vokabular in der neuen Sprache. Doch gerade das Märchenerzählen hilft Kindern beim Spracherwerb. Angesichts solcher Erkenntnisse müsste sich die Integrationspolitik gänzlich neu orientieren. Die Botschaft sollte sein: Türken, lernt Türkisch! Serben, lernt Serbisch! Des sog i di Derzeit hängt es vom Zufall und vom Einsatz jedes Einzelnen ab, ob er seine Muttersprache lernt. Die 25-jährige Linda Say hat sich als Jugendliche dazu aufgerafft. Sie begann, selbstständig türkische Bücher zu lesen. „Türkisch und Deutsch sind zwei schöne Sprachen. Man sollte sie richtig sprechen können“, meint Say heute. Sie arbeitet als biomedizinische Analytikerin und schreibt nebenher für das Migrantenmagazin Biber. Das Türkisch in den Gürtelkäfigen hat nur wenig mit der Schriftsprache der Istanbuler Bildungsbürger zu tun. Vielen jungen Migranten wurde nie die Grammatik ihrer Muttersprache erklärt. Kinder brauchen aber Sprachunterricht. Man stelle sich vor, die österreichische Landjugend, zum Beispiel in der Südsteiermark, würde nicht Schriftdeutsch lernen. Bis zum Schuleintritt können viele Kinder den dritten und vierten Fall nicht unterscheiden. „Des sog i di“, sagen sie in der Klasse. Und der Lehrer bessert sie aus: „Das heißt nicht: ‚Das sag ich dich.‘ Das heißt: ‚Das sag ich dir.‘“ Ähnlich ist das bei den Kindern der Gastarbeiter. Linda Say hat sich selbst die türkische Schriftsprache angeeignet, aber nur wenige haben diese Energie. Oft sind es überdies jene, die ohnehin schon erfolgreich in der Schule strebern. Say ging ins Gymnasium, studiert nun auch Arabisch. Für Biber führt sie Interviews auf Türkisch oder wird für eine Woche auf Recherche nach Istanbul geschickt. Da sieht man den Nutzen der Zweisprachigkeit: Eine Millionenstadt wie Wien bräuchte viel mehr Ärzte, Juristen, Polizisten oder Lehrer, die eine Einwanderersprache beherrschen. Aber haben Aufsteiger wie Linda Say und Problemfälle wie die Burschen im Jugendzentrum überhaupt etwas gemein? Ja, denn sie alle würden von muttersprachlicher Förderung profitieren. Das erkennen mittlerweile immer mehr Schulen. In der Schopenhauerstraße 79, einer engagierten Hauptschule im 18. Bezirk, wird etwa dreisprachig unterrichtet: Auf Deutsch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Türkisch. „Grčka“ statt „Griechenland“ Freitag, 10 Uhr. In der Geografiestunde präsentieren die Schüler ihre Gruppenarbeit. Zwei Mädchen stehen an der Tafel, sie haben ein Plakat zum Thema Griechenland, genauer gesagt zu „Grčka“, gemalt. Der Text ist Serbisch, Ivana übersetzt ihn für die Klasse ins Deutsche. „Die Fläche ist 130.000 Quadratkilometer, also die Fläche beträgt 130.000 Quadratkilometer“, sagt die 15-Jährige. Man merkt, wie sehr die Jugendlichen mitdenken müssen, um für die anderen Schüler zu dolmetschen. Dadurch lernen sie aber kompliziertere Begriffe wie „Nachbarstaat“ oder „angrenzend“ in ihrer Muttersprache – und auf Deutsch. Die 4B der Schopenhauerstraße ist eine jener Klassen, über die Politiker reden: Nur ein Schüler spricht zuhause Deutsch. Der Rest verwendet eine Sprache des ehemaligen Jugoslawiens, Türkisch, Ungarisch, Rumänisch, Farsi oder Urdu Pandschabi. Mit dem dreisprachigen Projekt sollen die Kinder ihren Wortschatz erweitern. Viele Schulen hätten gute Ideen, es fehlt aber an flächendeckenden Angeboten, an muttersprachlichen Lehrern und Pädagogen, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten können. Und nicht jeder heißt die mehrsprachigen Schulprojekte gut. Die Kronen Zeitung schrieb vergangene Woche: „Aufregung herrscht an der Kooperativen Mittelschule in der Leibnizgasse in Favoriten. In einer ersten Klasse werden die Angaben für die Mathematik-Hausübung in Deutsch, Türkisch und Serbokroatisch verfasst. Zwar haben 90 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund, doch die Aufgaben sind als kinderleicht zu bewerten.“ Das Schulsystem spiegelt die gesellschaftliche Anerkennung einzelner Sprachen wider. Während man an fast jedem Gymnasium in Italienisch oder Französisch, manchmal sogar in Altgriechisch maturieren kann, gibt es noch immer kein türkisches Lehramtsstudium. Dabei kommt die Stadtbevölkerung viel häufiger mit Türkisch in Kontakt, marschiert viel öfter über den Brunnenmarkt als über die Akropolis. Ivana, das serbischsprachige Mädchen aus der 4B, steht noch immer an der Tafel und führt ihre Präsentation fort. „Griechenland ist in EU seit 1981“, sagt sie. Solche Artikel und Satzstellungsfehler passieren der Schülerin manchmal, sie kam vor sechs Jahren nach Österreich. Oft täuschen solche sprachlichen Schnitzer darüber hinweg, dass es sich um intelligente Kinder handelt. Im Gespräch sagt Ivana gescheite Sätze wie: „Hier geht es uns besser. In Serbien hatten wir keine Perspektive.“ Volim te über alles Die neue Sprache der Migrantenkinder entsteht teils durch fehlende Sprachkompetenz, teils ist sie auch selbstgewählt. „Mit den Lehrern tue ich auf brav“, sagt Ivana, „aber mit Freunden rede ich ein schmutziges Deutsch.“ Wenn sie chattet, missachtet sie jegliche Rechtschreibregeln. „Nichts“ wird zu „niks“, „jetzt“ wird „jez“, aus „Freunde“ plötzlich „frojnde“. Das schaut für deutsche Muttersprachler komisch aus, für slawischsprachige Kinder wirken diese Formulierungen stimmig. Gewissermaßen deuten sie die deutsche Rechtschreibung für sich um – oder, wie die Soziolinguistin İnci Dirim sagt: „Sie eignen sich die Sprache der Mehrheit an.“ Das Ergebnis klingt manchmal ziemlich unterhaltsam. „Du bist Bombe!“, sagen die Teenager. „Heast, Wixa, was ist mit du?“, grüßen sie sich. Und wenn Ivana ihrer besten Freundin im Chat gute Nacht sagt, schreibt sie: „VTÜA“. Kurz für: „Volim te über alles.“ Ich liebe dich über alles. Bilinguale Menschen hupfen häufig zwischen den Sprachen hin und her. Ein Satz beginnt in der Muttersprache und endet auf Deutsch. Wenn das französische Diplomatenkind so etwas macht, finden das alle charmant. Wenn der türkische Migrant das tut, wird es fast schon als Anschlag auf den ganzen deutschsprachigen Kulturkreis gedeutet. Dabei sind solche neuen Mischformen ganz normal, Linguisten sprechen von „Code-Switching“. Der Dialekt der ethnischen Minderheit heißt „Ethnolekt“. Jiddisch ist das bekannteste Beispiel dafür, es ist eine Mischung aus Mittelhochdeutsch, Slawisch und Hebräisch. „Ethnolektale Entwicklungen zeigen, dass Menschen mit Sprache arbeiten. Ich sehe das eher als Zeichen von Integration“, sagt Dirim, die eine Professur am Wiener Institut für Germanistik innehat. Gleichzeitig sei die Schule gefordert: Sie muss darauf achten, dass Kinder die Schriftsprache lernen. Manche Länder haben einen offeneren Umgang mit Zweisprachigkeit. In Kanada ist es normal, wenn Kinder im Unterricht eine Frage auf Arabisch stellen – selbst wenn der Lehrer kein Arabisch spricht. Dann übersetzt die Klasse gemeinsam die Frage. „Interkulturelles Lernen“ nennen das Pädagogen, die Kinder bekommen dabei Selbstvertrauen in die eigene Sprache. Selbstvertrauen wird nämlich unterschätzt. Wenn Kinder einen selbstsicheren Umgang mit ihrer Muttersprache haben, lernen sie besser Deutsch. Das zeigte eine Studie der Uni Wien. Dabei wurden türkische Kinder in ihrer Muttersprache individuell betreut und ihre Selbstsicherheit beim Türkischreden gefördert. In der Folge erzielten sie bessere Leistungen – auch in Deutsch. Sprache als Kampfplatz Doch gerade das Selbstvertrauen wird von Rechtsparteien attackiert. Die FPÖ will Migrantenkindern sogar verbieten, in der Pause ihre Muttersprache zu sprechen. Neu sind solche Kulturkämpfe nicht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand in französischen Schulhöfen der Hinweis: „Es ist verboten, auf den Boden zu spucken und Bretonisch zu sprechen.“ Manche sehen Sprache noch immer als kulturelle Arena, in der sich nur eine Nation, ein Volk durchsetzen kann. Realistisch betrachtet nützen solche Kampfansagen aber nichts. Die Burschen, die vor dem Jugendzentrum sitzen und wenig Zukunftschancen haben, werden nicht plötzlich brillant Deutsch parlieren – bloß weil sie am Tag ein paar Minuten mehr mit Deutsch konfrontiert sind. Die TKP-Gang wird nicht plötzlich die Sprache ihrer Eltern ablegen, das würde ja eine Entfremdung von der Familie bedeuten. Gleichzeitig wird die Gesellschaft diese Kinder aber auch nicht los. Ob du’s glaubst oder nicht, Oida. Das obige Bild zeigt die Jungs von der TKP-Gang. Sultan, Muhammed, Imran und Talha sind zwischen 14 und 16 Jahre alt. Sie haben haben indische, türkische und tschetschenische Wurzeln. Credit: Katharina Gossow „Ich habe es satt“Tuesday, November 3. 2009
Der Uni-Streik weitet sich aus. Wie legitim ist der Studentenprotest? Wie unerträglich sind die Zustände im Hörsaal? Ein Streitgespräch
![]() 34 Millionen Euro genügen ihnen nicht. Das Angebot von Wissenschaftsministers Hahn ist den Audimax-Besetzern zu wenig. Sie fordern eine grundsätzliche Debatte über Bildungspolitik. Der Falter lud daher zum Streitgespräch. WU-Rektor Christoph Badelt, ÖH-Chefin Sigrid Maurer, Audimax-Besetzer Julian Schmid und Bildungsforscher Erich Ribolits über mangelnde politische Visionen und Universitäten als Erfüllungsgehilfen privatwirtschaftlicher Interessen. Falter: Herr Schmid, Sie sind seit Tag eins bei der Audimax-Besetzung dabei. Warum? Julian Schmid: Die Situation wurde für uns Studierende in den vergangenen zehn Jahren immer unerträglicher. Nun geht es einerseits um sehr aktuelle, konkrete Probleme wie die Studieneingangsphasen, die Knock-out-Prüfungen ermöglichen. Oder die Zugangsbeschränkungen für Masterstudien, bei denen Leute fürchten müssen, mit einem minderwertigen Bachelortitel auf den Arbeitsmarkt geschmissen zu werden. Andererseits geht es aber auch ganz generell um den Bologna-Prozess, also die gesamteuropäische Perspektive und die zunehmende Ökonomisierung der Bildung, die der Uni ihre Lebendigkeit nimmt. Herr Badelt, haben Sie Verständnis für diese Anliegen? Christoph Badelt: Teilweise. Wir haben seit Jahrzehnten eine krasse Unterfinanzierung der Universitäten. Das führt zu sehr schlechten Studienbedingungen in mehreren Fächern. Insgesamt sind ein Viertel der Studierenden davon betroffen. Andererseits glaube ich, dass der Bologna-Prozess eine wirkliche Chance für die Europäisierung und Internationalisierung der Ausbildung ist. Sie werden als potenzieller Nachfolger von ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn gehandelt. Würde Sie das Amt angesichts des universitären Flächenbrands überhaupt reizen? ![]() Christoph Badelt, 58, ist Rektor der Wirtschaftsuniversität und Vorsitzender der Universitätenkonferenz Frau Maurer, wie fänden Sie denn einen Wissenschaftsminister namens Christoph Badelt? Sigrid Maurer: Na ja. Grundsätzlich ist es reizvoll, da er sich im System auskennt. Gleichzeitig haben wir diametral entgegengesetzte Ansichten zu Themen wie Bildungszugang und Studiengebühren. Herr Badelt, Sie sind für Zugangsbeschränkungen an den Unis. Damit würden Sie den freien Hochschulzugang doch letztlich abschaffen. Badelt: Das ist eine Unterstellung. Meine Position ist erstens: Wir brauchen eine höhere Akademikerquote. Zweitens brauchen wir eine kostendeckende Finanzierung der Universitäten, die Kapazitäten einplant. Nur dort, wo die Kapazitäten nicht ausreichen, muss der Zugang geregelt werden. Maurer: Aber das ist doch der falsche Schluss! Anstatt den Zugang zu beschränken, müssen mehr Studienplätze angeboten werden. Badelt: Ja, aber Faktum ist, dass pro Jahr 6000 junge Menschen an der WU studieren wollen und dass Sie diesen Leuten vorgaukeln, hier sei eh alles wunderbar. Später kommen diese Studenten dann drauf, dass dem nicht so ist, sie sind frustriert und demonstrieren. Derzeit werden die Studierenden hinausgeprüft und hinausgeekelt. Das ist ein unwürdiger Zustand, gegen den ich ankämpfe. Schmid: Für mich klingt das sehr stark nach kommunistischer Planwirtschaft. Wer kann heute seriös entscheiden, wie viele Studienplätze heute und welche Akademiker in 20 Jahren benötigt werden? Es muss einfach mehr Geld ins Bildungssystem. Und da erwarte ich mir, dass sich die Universitätenkonferenz vor die Regierung stellt und von Faymann, Pröll und dem künftigen Wissenschaftsminister mehr Geld für Bildung fordert. Badelt: Sie unterstellen mir Dinge, die ich nie gesagt habe. Ich teile Ihre Meinung, dass man nicht prognostizieren kann, wie viele Studienplätze in der Kommunikationswissenschaft oder den Wirtschaftswissenschaften in 20 Jahren gebraucht werden. Aber es muss festgesetzt werden, wie viel Platz eine Institution bietet. Das ist in Mittelschulen, Kindergärten und Fachhochschulen nicht anders. Die Politik muss klar definieren, wie viele Ausbildungsplätze sie in den verschiedenen Studien anbietet. ![]() Sigrid Maurer, 24, ist Vorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft Badelt: Zum Beispiel. In Folge müsste man dann eine sachliche Diskussion darüber führen, ob auch jeder das studieren können soll, was er studieren möchte. Herr Ribolits, ist aus Sicht des Bildungsforschers eine Studienplatzbewirtschaftung tatsächlich notwendig? Erich Ribolits: Ich würde es nicht in den Vordergrund stellen. Wir haben in Österreich bei Gott nicht zu viele Akademiker, nicht einmal zu viele Maturanten. Es wäre also in erster Linie notwendig, das System auszubauen. Früher oder später wird man auch über vernünftige Formen der Steuerung reden müssen. Was würde es denn kosten, wenn man jedem Studierenden sein Wunschstudium finanzierte? Badelt: Die WU hat ein jährliches Gesamtbudget von 95 Millionen Euro. Wir haben aber heute ungefähr viermal mehr Studienanfänger als vorhandene Plätze. Das heißt, Sie müssten diese Universität noch dreimal zusätzlich bauen. Und das betrifft nur die WU. Die Universitätenkonferenz fordert daher, dass zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts ins Hochschulbudget, inklusive den Fachhochschulen, fließen. Das würde auch der Empfehlung der Europäischen Union entsprechen. Aber dafür bräuchten wir eine Milliarde Euro mehr pro Jahr. Schmid: Mich stört diese Verlogenheit des ganzen Systems. Sie selbst haben in den 70er-Jahren studiert. Damals konnte das auch mein Vater tun, weil Bruno Kreisky die Studiengebühren abgeschafft hat. Minister Hahn war selbst elf Jahre lang Bummelstudent. In der Zwischenzeit hat sich die Wirtschaftsleistung Österreichs verdoppelt, aber Sie und Minister Hahn stellen sich jetzt vor mich und meine Generation hin und sagen: Es ist kein Geld mehr da. Badelt: Das habe ich nicht gesagt. Ich könnte Ihnen dutzende Beispiele nennen, bei denen aus meiner Sicht Steuergeld verschleudert wird. Von der Neuwagenprämie bis hin zum Koralmtunnel. ![]() Julian Schmid, 20, studiert VWL und Politikwissenschaft und nimmt seit Beginn an der Besetzung des Audimax teil Badelt: Aber Sie fordern von der Politik eben nicht nur Geld, sondern tausend andere Sachen auch, die ich nicht unterstützen kann. Ginge es nur um Geld und bessere Ausbildungsbedingungen, dann stünde ich sofort neben ihnen in der ersten Reihe auf der Straße. An welchen Punkten stoßen Sie sich konkret? Badelt: Dass die Studieneingangsphase abgeschafft werden soll. Das jetzige Auswahlverfahren ist unwürdig, menschenverachtend und bildungspolitisch verrückt. Daher will ich eine Studieneingangsphase, bei der nicht an einem ganz bestimmten Tag festgelegt wird, wer weiterstudieren darf, sondern bei der nach einer gewissen Zeit ein Querschnitt der Inhalte geprüft wird. Ich glaube, dass wir uns hinsichtlich der gesellschaftspolitischen Ziele wenig unterscheiden, dass wir möglichst viele Leute in die höhere Ausbildung bringen wollen, und zwar aus allen sozialen Schichten. Ich sage Ihnen aber eines: Ich bin jetzt sieben Jahre lang Rektor und war davor vier Jahre lang Vizerektor. Ich habe es satt, dass mir alle möglichen Politiker versprechen: Wenn wir einmal an die Macht kommen, gibt es mehr Geld für die Unis. Und derweil werden die Verhältnisse hier immer katastrophaler. Schmid: Aber es ist kein Ende dieser Politik absehbar. Und deswegen brauchen wir jetzt den Schulterschluss. Noch einmal zurück zur grundsätzlichen Forderung der Studenten: keine Zugangsbeschränkungen, keine Studiengebühren und ein ausreichendes Lehrangebot für alle. Wäre das für den Staat leistbar? Badelt: Das weiß ich nicht. Warum hat das nie jemand berechnet? Das ist doch absurd. Badelt: Weil die Frage, wie viele Studierende wir in Österreich haben sollen, aufgrund der Diktion des freien Hochschulzugangs immer tabuisiert wurde. Es rechnete nie jemand nach, was das das System kostet. Man ließ sich immer überraschen, was auf uns zukommt. Wenn wir das heutige Budget der WU pro Studierenden hernehmen, haben wir ungefähr die Hälfte dessen, was die Fachhochschulstudiengänge bekommen, obwohl diese nicht denselben Forschungsauftrag haben wie wir. Wir bekommen also ungefähr nur ein Viertel dessen, was wir bekommen müssten. Die Uni-Debatte wird vom finanziellen Aspekt dominiert. Vergessen wir dabei auf andere wichtige Fragen? ![]() Erich Ribolits, 61, ist Bildungsforscher an der Universität Wien Aber befasst sich die Politik überhaupt mit so grundsätzlichen Überlegungen, gibt es da auch eine gesellschaftspolitische Vision? Maurer: Die Politik unterliegt bloßem outputorientiertem Denken. Es geht nie um die Frage, welchen Mehrwert Universitäten für die Stabilität einer Gesellschaft haben können. Es geht immer nur um Effizienz und niedrige Drop-out-Quoten, die in Österreich im Übrigen gar nicht so schlecht sind. Politiker scheint allein der wirtschaftliche Nutzen, den ein Studierender bringt, zu interessieren. Das ist die Denkweise im Ministerium. Und die greift zu kurz. Badelt: Auch auf die Gefahr hin, wieder als Epigone von Johannes Hahn verstanden zu werden, möchte ich festhalten: Ich glaube schon, dass der Minister eine Vision von Bildung verfolgt, auch wenn ich diese Vision nicht vollständig teile. Er möchte ja das Studium beim Bachelor weiter verschulen und erst beim Master weiter vertiefen. Schmid: Auch ich möchte dem Minister eine gewisse Vision nicht absprechen, nur für viele Studenten handelt es sich da um eine Horrorvision. Die Art und Weise, wie er den Bologna-Prozess umsetzt, macht die Universitäten zu Erfüllungsgehilfen privatwirtschaftlicher Interessen. Badelt: Ich kann ihre Sorgen teilweise nachvollziehen. Aber als Rektor der WU kann ich mich der Forderung „Bildung statt Ausbildung“ nicht anschließen. 90 Prozent meiner Studierenden wollen einen guten Job, und den möchte ich ihnen ermöglichen. Nehmen wir an, die Regierung würde eine Bildungsmilliarde anbieten. Ribolits: Das wäre ein Anfang. Es würde allerdings den grundsätzlichen Charakter der Bewegung im Audimax ziemlich beschneiden. Denn die großen Probleme, wie die zunehmende Ökonomisierung und Verschulung der Unis, würden wieder nicht gelöst. Freie Wahlfächer wurden mit dem Bologna-Prozess praktisch abgeschafft. Die Möglichkeit einer individuellen Studiengestaltung hat stark abgenommen. Begrüßen Sie das? Badelt: Es ist der Preis, den man zahlt, wenn Studierende nach drei Jahren mit einem Bachelortitel erfolgreich in den Arbeitsmarkt können sollen. Julian Schmid, Sie sind vom Bologna-System selbst auch betroffen, Sie sind Bachelorstudent. Schmid: Ich studiere Politikwissenschaften auf der Hauptuniversität und wollte auf der WU das Fach Sozialpolitik belegen. Selbst dieses Fach konnte ich mir aber nicht anrechnen lassen. Genau darin liegt das Problem: Das Bologna-System, das die Europäisierung und Flexibilisierung der Hochschulen verspricht, ist eine Mär. Man kann nicht einmal innerhalb derselben Stadt flexibel zwischen den Instituten wählen. Badelt: Aber das ist nicht die Schuld von Bologna. Schmid: Stimmt. Man könnte das Bologna-System ja grundsätzlich begrüßen, aber die Art der Umsetzung macht das Studieren in vielen Fächern nicht mehr möglich. Badelt: Da gibt es in der Tat Probleme. Das muss künftig viel flexibler gehandhabt werden können. Herr Badelt, wie soll die Universität in zehn Jahren aussehen? Dieses Streitgespräch ist im Falter 45/09 erschienen. Moderation gemeinsam mit Martin Gantner. Fotos: Heribert Corn & Daniel Novotny Sie wünschen sich also eine Uni, die im internationalen Wettbewerb bestehen kann? Badelt: Natürlich. Maurer: Auch wir wollen gute Wissenschaft, die internationalen Rankings arbeiten aber mit fragwürdigen Kriterien. Nur weil eine Universität in den letzten Jahren ein paar Nobelpreisträger hervorgebracht hat, ist sie noch lange nicht die beste Uni der Welt. Der Fokus muss der sein, dass wir so vielen Menschen wie möglich den Zugang zur Bildung ermöglichen und dass auch soziale Durchlässigkeit gegeben ist. In den letzten zwei Wochen ist der Eindruck entstanden, dass die ÖH zu einem Zaungast dieser Bewegung degradiert wurde. Schmid: Hier wird von Politik und Medien der Versuch unternommen, ÖH und Audimax-Plenum auseinanderzudividieren. Wir haben im Plenum beschlossen, dass genau das nicht passieren soll. Aber die ÖH vertritt das Plenum nicht. Maurer: Nein. Wir als ÖH sind schließlich dazu da, 250.000 Studierende in ganz Österreich zu vertreten. Aber warum konnte die Hochschülerschaft nicht selbst so einen Protest aufstellen, wie das im Audimax klappte. Maurer: Das Spannende an diesem Protest ist, dass er wie ein Netzwerk ohne Führung funktioniert, und das hält ihn am Leben. Ribolits: Es gab in der Vergangenheit ja bereits ähnliche Besetzungen. Denken Sie an jene in Hainburg. Eine spontane Bewegung, die im Übrigen dadurch umgebracht wurde, dass man sie an den Verhandlungstisch geholt hat. Ich finde die gegenwärtige Konstellation daher durchaus sinnvoll. Auf der einen Seite die politisch legitimierte ÖH, auf der anderen Seite die soziale Bewegung, die wir im Audimax erleben. Letztere können ganz andere Forderungen stellen. Wie soll der Konflikt dann aber gelöst werden? Maurer: Wer sagt, dass dieser Konflikt gelöst werden muss? Der Protest soll schließlich der Beginn eines längeren Prozesses sein. Schmid: Dem stimme ich zu. Wir fordern nichts weniger als einen fundamentalen Wechsel in der Bildungspolitik. Und bis das erreicht ist, bleiben wir im Audimax. Das ist mehr als nur eine PartyWednesday, October 28. 2009
Diese Studentengeneration will studieren, darf es aber nicht. Deswegen steigt sie nun auf die Barrikaden
![]() Kein Politiker, kein Journalist, kein Rektor hatte es kommen sehen. Vergangenen Donnerstag besetzten hunderte Studierende das Audimax, halten dort seither die Stellung und fordern mehr Geld sowie ein Umdenken von ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn. Ihre Schmerzgrenze wurde erreicht, deshalb revoltieren die Studenten und Studentinnen nun. Seit Jahren haben sich die Zustände an den heimischen Universitäten zusehends verschlechtert, der Streit um die Studiengebühren ist längst nicht mehr Hauptthema. Unabhängig davon wurden die Hörsäle voller, die Seminarplätze umkämpfter. Saßen in den 90er-Jahren 20 Studierende in einem Seminar, sind es heute oft 60 bis 80. Hinzu kommt, dass mit 1. Oktober das novellierte Universitätsgesetz (UG) in Kraft trat. Es schränkt die Rechte der Studenten ein. Die Universitäten, die viele noch in Erinnerung haben, gibt es nicht mehr. Heute müssen die Studienanfänger in vielen Fächern eine Eingangsphase bestehen, ehe sie weiterstudieren dürfen. Selbst die Bewegungsfreiheit jener, die erfolgreich strebern, ist eingeschränkt. Ein Beispiel dafür sind die freien Wahlfächer. Diese wurden eingeführt, damit angehende Akademiker Schwerpunkte in ihrer Bildung setzen und sich vertiefen können. Doch für Bachelorstudenten gibt es keine Wahlfächer mehr, nur "Erweiterungscurricula" - das sind vorgeschnürte Pakete, die ihre Auswahl einengen. "In den drei Semestern, in denen ich studiere, hat sich mein Studium massiv verändert", klagt Julian Schmid, 20, der Politikwissenschaft und VWL belegt. "Aus einem spannenden Studium, in dem ich mich vertiefen konnte, wurde ein verschultes System." Zwei Seminare, die er zuletzt besuchte, werden ihm nun nicht angerechnet. Es ist der Frust über solche Erlebnisse und die Angst um die eigene Zukunft, die die Studierenden nun ins Audimax treibt. Wer heute ein Bachelorstudium absolviert, fürchtet oftmals, keinen Platz im gewünschten Masterstudium zu bekommen. So geht es etwa der 20-jährigen Sara Scheiflinger, die Volkswirtschaftslehre an der Hauptuni studiert. "Danach möchte ich Sozioökonomie belegen. Aber ich bin unsicher, ob ich einen Platz bekomme", sagt sie. Seit diesem Semester dürfen die Universitäten qualitative Zugangsbeschränkungen für den Master auswählen. Oft geht es um ein oder zwei absolvierte Vorlesungen, die entscheiden, ob jemand Platz im Wunschstudium erhält. Zugangsbeschränkungen, weniger Wahlfreiheiten, überfüllte Lehrveranstaltungen. Junge Menschen wollen studieren, dürfen das aber nicht - oder nur begrenzt. "Die Lage muss unerträglich sein, wenn selbst die Studierenden mit ihrer hohen Anpassungsbereitschaft rebellieren", sagt Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. Er glaubt nicht, dass die Jungen von einem Tag auf den anderen politischer wurden, sondern dass ihnen die Zustände keine Wahl mehr lassen. Sie steigen auf die Barrikaden, weil sie in einem überlasteten System stecken. Wo bleibt die Diskussion dazu? In Deutschland hat die schwarz-gelbe Koalition gleich zum Antritt angekündigt, die Bildungs- und Forschungsausgaben in den nächsten vier Jahren um insgesamt zwölf Milliarden Euro zu erhöhen. Hierzulande hingegen gibt es nur Lippenbekenntnisse, Sorgen der Studenten werden derzeit ignoriert, teils wird ihr Protest sogar als Party diffamiert. Dabei sollte man den Frust der Studierenden nicht unterschätzen. Das zeigt allein die Tatsache, dass keine große Studentenorganisation wie die Hochschülerschaft hinter dem Protest steckt. Es waren einzelne Studierende, die sich kurzerhand zusammenschlossen und das Audimax besetzten. Sara Scheiflinger und Julian Schmid gehören dazu. Sie waren von Beginn an dabei, haben Flugzettel verteilt und gemerkt, wie groß das Interesse ist. "Die Leute kamen und fragten, ob sie selbst auch Flyer verteilen können", sagt Scheiflinger. Und Schmid fügt hinzu: "Normalerweise ist es so, dass hundert Flyer einen Menschen erreichen. Aber in diesem Fall erreichte ein Flyer hundert Menschen." Dieser Artikel ist im Falter 44/09 erschienen. Das obige Foto zeigt das Audimax am Tag 1 der Besetzung / Credit: Bernhard Riedmann Ein wenig Spaß statt VisionenTuesday, October 6. 2009
Junge Strache-Wähler sind keine rechten Deppen, meint Jugendforscherin Beate Großegger. Jede Partei könnte sie erreichen. Ein Gespräch über die missverstandene Generation
![]() Die Jugend rebelliert nicht, sie arrangiert sich mit dem herrschenden System. Dies ist eines der Ergebnisse, das man der neuesten Studie des Instituts für Jugendkulturforschung entnehmen kann. Für diese wurden Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis 26 Jahren befragt. Beate Großegger, wissenschaftliche Leiterin des Instituts, erklärt, wie problematisch die Ergebnisse tatsächlich sind und warum junge Menschen die FPÖ wählen. Frau Großegger, fehlt es der Jugend an Visionen? Beate Großegger: Jugendliche können sich Visionen heute nicht mehr leisten. Die Halbwertszeit des gesellschaftlich relevanten Wissens wird immer kürzer. Was die Politik heute konzipiert, ist vielleicht übermorgen überholt. Da macht es nicht groß Sinn, weit in die Zukunft zu blicken. Jugendliche konzentrieren sich auf das Hier und Jetzt. Die Gesellschaftsutopien, die die Jugendkultur in den 70er- und 80er-Jahren beflügelten, gibt es nicht mehr. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Jungen frustriert auf dem Sofa hocken. Sie versuchen, in einer Gesellschaft, die sie nicht zu 100 Prozent gutheißen, mitzumachen. Wir beobachten, dass sich Jugendliche erstaunlich stark selbst disziplinieren. Wie meinen Sie das? Großegger: Jugendliche leiden unter Leistungsdruck, sie fühlen sich oft überfordert. Sie lehnen sich aber nicht dagegen auf. Aussteigen ist heute kein Thema mehr, außer punktuell am Wochenende. Warum wehren sich die Jungen nicht? Großegger: Die Elterngeneration, die selbst in ihrer Jugend auf Opposition setzte, hat nicht wirklich etwas Vorzeigbares erreicht. Die Jugendlichen sagen: „Mein Vater, meine Mutter hatten Visionen, und was ist passiert? Nichts.“ Da haben sie einen sehr kritischen, fast sezierenden Blick. Aber ist der Druck, den die Mädchen und Burschen verspüren, real? Großegger: Der ist sehr real. Jugendliche haben auch das Gefühl, dass sie von ihrem Umfeld nur dann geliebt werden, wenn sie die entsprechende Leistung bringen. Für mich als Jugendforscherin ist das fast schockierend. Was zeichnet die Jugendlichen heute aus? Großegger: Es gibt drei grundsätzliche Faktoren. Erstens: Sie sind unheimlich sicherheitsorientiert. Die Welt ist viel komplexer, überfordernder, es gibt einen engen Arbeitsmarkt, eine schwierige wirtschaftliche Situation – das verunsichert und führt zu einem Sicherheitsbedürfnis. Zweitens: Sie sind erlebnis- und stimulanzorientiert. Die Sensationsspirale dreht sich immer schneller. Schauen wir uns die Politik und den Erfolg von H.C. Strache an. Der spielt auf dieser Klaviatur wunderbar, platziert Aufreger und bringt sich ins Gespräch. Und der dritte Faktor? Großegger: Die Jugendlichen wollen sich selbst verwirklichen. Nicht im politischen Sinn. Man will machen, was einem Spaß macht. Wir sehen einen Trend zur Subjektivierung. Das heißt, Jugendliche denken nicht mehr in Systemzusammenhängen. Was sie über Gesellschaft und Politik denken, leiten sie aus ihren Alltagserfahrungen ab. Die heutige Elterngeneration macht den Fehler, dass sie in Systembegriffen argumentiert. Begriffe, die die Jungen nicht unbedingt verstehen. Welche Begriffe zum Beispiel? Großegger: Gesellschaft. Im Interview mit einer 18-Jährigen hatte ich ein Aha-Erlebnis. Wir sprachen über Gesellschaftspolitik, und sie wusste nicht so recht, worauf ich hinaus will. Ich fragte: „Was verstehst du unter Gesellschaft?“ Sie meinte: „Na ja, meine Familie, meine Freunde, das ist meine Gesellschaft.“ Ich fragte, was Politik für sie ist. Da sagte sie: „Politik, das ist weiter oben für mich.“ Die Politik dockt nicht an ihrer Lebenswelt an. Dockt die FPÖ da besser an? Großegger: Ja, viele Junge fühlen sich da vertreten. Sie haben nicht das Gefühl, dass sie zu dumm für Politik sind. Unlängst sprach ich mit einer 17-jährigen FPÖ-Wählerin. Die Mutter wählte Rot, der Vater Schwarz. Für sie kam aber nur Blau infrage. Sie hatte mit jungen Türken Probleme, beim Ausgehen kam es zu tätlichen Konflikten. Jetzt fühlt sie sich unsicher, hat nicht den Eindruck, dass das irgendjemand ernst nimmt. Was müssten denn die anderen Parteien machen, um so jemanden nicht an die FPÖ zu verlieren? Großegger: Sie müssten die Welt aus den Augen der Jugendlichen sehen und respektieren, was die in ihrem Alltag wahrnehmen. Und sie müssten anders kommunizieren. Die FPÖ kommuniziert sehr professionell. Wir werden immer gefragt: Sollen jetzt andere Parteien Strache kopieren? Weltanschaulich natürlich nicht. Aber was die Kommunikation betrifft, warum nicht Bilder einsetzen, emotionalisieren, Leute begeistern? Aber heißt das nicht: warum nicht populistischer werden? Großegger: Wenn Sie es nur dabei belassen, ja. Aber auch Sie als Journalistin müssen sich überlegen, wie Sie eine Geschichte aufhängen. Sie können nicht mit dem Abstraktesten beginnen, sondern müssen einen spannenden Einstieg schreiben und die Leute in Ihren Text reinholen. Machen Sie sich Sorgen um unsere Demokratie? Großegger: Das ist so eine typische Erwachsenenfrage. Ich nehme an, Sie wollen wissen, ob es einen Rechtsruck in der Jugend gibt. Da würde ich sagen: nein. Es ist kurzsichtig, sämtliche jungen Blauwähler als rechte Deppen zu stigmatisieren. Für sie ist die FPÖ das kleinere Übel. Wir sehen, dass junge Blauwähler und Blauwählerinnen nicht die Weltanschauung, sondern die politische Performance wählen. Schon klar, dass die Jugendlichen keine Neonazis sind. Aber letztlich ist nicht nur entscheidend, warum man jemanden wählt, sondern wen man wählt. Und welche Personen dann im Parlament sitzen. Großegger: Mit Wünschbarkeiten kann man nicht in die Debatte hineingehen. Wer will, dass Jugendliche nicht Blau wählen, muss ein besseres Angebot machen. Viele Jugendliche, die heute die FPÖ wählen, sind weltanschaulich nicht rechts. Das ist das Gute an der Sache: Sie wären für etwas anderes zu gewinnen, wenn es ein entsprechendes Angebot gäbe. Jetzt haben wir viel über die FPÖ-Wähler gesprochen. Aber was ist mit den politisch Aktiven? Ist das wirklich nur noch so eine kleine Gruppe? Großegger: Die politisch Aktiven waren immer eine kleine Gruppe. Nur früher hat eine breite Mehrheit diesen politischen Aktivismus mitgetragen. In den späten 60ern war das eine ganz kleine Minderheit, primär Studierende. Aber die hatten nicht nur eine Universitätsreform im Auge, sondern sahen über den Tellerrand hinaus. Über den Tellerrand hinaus zu schauen, ist heute nichtmehr mehrheitsfähig. Warum? Großegger: Die Leute sind mit dem, womit sie sich konfrontiert sehen, schon überlastet. In den letzten Jahrzehnten waren immer die Bildungseliten diejenigen, die sich engagierten. Sie konnten sich diesen Luxus leisten, die anderen rackerten sich in ihrem Alltag ab. Heute können sich auch die Bildungseliten das immer weniger leisten. Ist die Bildungselite als solche in Gefahr? Großegger: Ja, sie hat nicht mehr den Spielraum zu experimentieren, gesellschaftliche Visionen zu spinnen. Denn die Bildungselite soll in Mindeststudienzeit mit Auslandspraktika und Fremdsprachen studieren. Und dann schnell einen Job finden. Dieses Interview ist im Falter 41/09 erschienen. Das obige Foto zeigt drei Jugendliche am Nova Rock Festival. Foto: Heribert Corn Die gesunde Tracht PrügelWednesday, September 30. 2009
Kids lieben Videospiele. Cheryl K. Olson erklärt, wieso der Computer dennoch aus dem Kinderzimmer muss
Cheryl K. Olson hat eine der größten Studien zum Computerspielverhalten von Kindern durchgeführt. Die amerikanische Wissenschaftlerin von der Harvard Medical School und dem Massachusetts General Hospital war vergangene Woche auf der Wiener Videospielmesse Game City zu Gast. Im Gespräch erklärt sie, wie Gewalt und Videospiele korrelieren, welchen Nutzen die Games haben und was sie über die Killerspieldebatte denkt.Falter: Viele Menschen glauben, dass computerspielende Kinder alleine in ihrem Zimmer in ihrer Fantasiewelt hocken. Stimmt das? Cheryl K. Olson: Nein, das ist ein großer Irrtum. Unsere Studie ergab, dass Durchschnittskinder zumindest ab und zu gemeinsam mit Freunden spielen. Besonders bei Burschen ist das eine Gruppenbeschäftigung. Wie spielen denn normale Kinder? Olson: Regelmäßig, zumindest die Burschen. Die meisten von ihnen spielen mindestens einmal pro Woche, jeder dritte sogar jeden Tag. Bei Mädchen tun das nur zehn Prozent täglich. Aber vielleicht ist das mittlerweile anders. Wir führten unsere Studie 2004 durch. Mittlerweile gibt es mehr Spiele, die Mädchen ansprechen. Wie haben Sie Ihre Studie angelegt? Olson: Wir haben mehr als 1250 Kinder zwischen 13 und 15 Jahren befragt. Das ist auch jene Altersgruppe, die Gegenstand besonders vieler Sorgen ist. Zusätzlich hatten wir Fokusgruppen mit Burschen und Eltern. Mich interessierte, was heutzutage normaler Videospielkonsum bei Kindern ist – und was abweichendes Verhalten. Eltern sollen wissen, wann ein höheres Risikopotenzial besteht, worauf sie bei ihrem Kind achten sollten. Ab wann sollte man sich denn Sorgen machen? Olson: Es ist ungewöhnlich, wenn Kinder fast ausschließlich Gewaltspiele spielen. Dieses Verhalten ist mit einem höheren Risikopotenzial verbunden. Solche Kinder geraten in der Schule häufiger in Schlägereien. Man kann nicht sagen, dass Gewaltspiele dieses Verhalten auslösen. Aber es korreliert. Auch Kinder, die mehr als 15 Stunden pro Woche spielen, neigen eher zu einem solchen Risikoverhalten. Ist es schon schlimm, wenn der Nachwuchs ab und zu ballert? Olson: Es macht keinen Sinn, da bereits von einem abnormalen Verhalten zu sprechen. Der durchschnittliche 13-Jährige spielt Gewaltspiele, auch wenn er das laut den Altersvorgaben nicht tun sollte. Typische Kinder spielen manchmal Gewaltspiele, manchmal Sportspiele oder anderes. Das ist ein Mix. Und wenn ein Kind in diesem Mix ab und zu ein Gewaltspiel spielt, ist das wahrscheinlich kein Problem. Apropos Schulschlägereien. Es gibt sogar ein Spiel, das „Bully“ heißt. Es geht darin um Kids, die Klassenkameraden drangsalieren. Wie problematisch ist so ein Spiel? Olson: Zuerst nahm ich an, dass gerade ein derartiges Spiel Probleme auslösen könnte. Aber ich testete es und muss sagen: Es ist komplexer, als man denkt. Die Hauptfigur versucht oft, selbst nicht gemobbt zu werden, und nimmt manchmal schwächere Kinder in Schutz. Das Spiel ist nicht so, wie sich Erwachsene das vorstellen: Verhau diesen Typ, dann bekommst du 20 Punkte, verhau jenen Typ, dann bekommst du 30 Punkte. Mein Eindruck ist, dass viele Menschen, die zu Videospielen forschen, selbst kein Spiel seit „Space Invaders“ oder „Pac Man“ ausprobiert haben oder nur kurze Clips von besonders brutalen Spielen kennen. Da gibt es Grausiges. Zum Beispiel Spiele, bei denen man auf Leichen pinkelt. ![]() Cheryl K. Olson, 49, forscht am Massachusetts General Hospital und der Harvard Medical School. Ihre Studie zum Thema Kinder und Gewaltspiele wurde mit 1,5 Millionen Dollar vom US-Justizministerium finanziert. Die Ergebnisse veröffentlichte sie mit ihrem Gatten Larry Kutner, einem bekannten Psychologen, im Buch „Grand Theft Childhood“ Olson: Mir wäre es sogar lieber, wenn manche Spiele nicht einmal von Erwachsenen gespielt würden. Aber ich möchte da nicht zensurieren. Es gibt Inhalte, für die sind Kinder noch nicht bereit. Satire verstehen Kinder zum Beispiel oft erst in einem Alter ab zwölf. Wenn sie Games mit satirischem Humor spielen, verstehen sie das womöglich noch nicht. Dann kann es passieren, dass sie rassistische Äußerungen oder ungehobeltes Verhalten nachahmen, weil ihnen der Kontext nicht klar war. Sind Altersvorgaben richtig? Olson: Ja, dafür gibt es schon einen Grund. Ich erinnere mich, wie ich zu Beginn meiner Forschung ein Spielwarengeschäft besuchte. Dort stand ein Stapel von „Super Mario“-Spielen direkt neben einem Stapel von „BloodRayne“-Schachteln, dem Nazivampirspiel. Da merkte ich erst: Der Eigentümer des Geschäfts denkt, dass alle Spiele gleich sind. Aber natürlich wäre er nicht auf die Idee gekommen, einen brutalen Horrorfilm gleich neben das Video von „Mein kleines Pony“ zu stellen. Ich glaube, langsam ändert sich das. Die Leute verstehen zunehmend, dass Computerspiele ein Medium sind, das grundsätzlich weder schlecht noch gut ist. Man würde ja auch nicht sagen: Ich erlaube keine Bücher in meinem Haus. Aber es gibt Menschen, die sagen: Videospiele kommen mir nicht ins Haus. Gibt es auch Videospiele, die gut für Kinder sind? Olson: Absolut, und es sind nicht nur jene Spiele, an die man immer denkt. Auch wenn Kinder Games wie „Legend of Zelda“ (ein Action-Adventure, Anm.) spielen, lernen sie Dinge zu planen, Probleme zu lösen. Actionspiele können auch gut für das räumliche Wahrnehmungsvermögen sein. Daphne Bavelier von der Universität Rochester hat zum Beispiel herausgefunden, dass ältere Menschen dadurch ihre visuellen Wahrnehmungsfähigkeiten verbessern können. Gibt es Grenzen, die Eltern ziehen sollten? Olson: Das durchschnittliche Kind hat den Fernseher oder Computer im Zimmer stehen. Das ist ein Fehler. Eltern sollten die Geräte aus dem Kinderzimmer nehmen. Allein schon deswegen, damit die Kinder in der Nacht auch schlafen. Wenn ein Kind das Zubehör im Zimmer hat, spielt es im Schnitt auch häufiger und mehr Gewaltspiele, denn es fehlt an Aufsicht. Eine gute Idee ist, gemeinsam mit seinem Kind zu spielen, sich das Spiel erklären zu lassen. Da kann man sich unterhalten, und man zeigt dem Kind, dass man seine Interessen ernst nimmt. Nicht einfach sagen: Videospiele, so ein Schwachsinn. Wenn öffentlich über Videospiele gesprochen wird, geht es häufig um Gewalt. Was halten Sie von der Meinung, dass Computerspiele zu mehr Amokläufen führen? Olson: Die ist falsch. Es gibt nicht mehr Amokläufe als früher, nur die Berichterstattung hat zugenommen. Nach dem tragischen Amoklauf an der Virginia Tech hat man versucht, einen Zusammenhang zu Computerspielen zu finden. Aber sie fanden nur Mitbewohner des Täters, die sagten: Er war so komisch, er hat nie mit uns computergespielt. Das hat ihn anscheinend nicht interessiert. Aber gehört das nicht zum klassischen Profil eines Amokläufers? Olson: Nein. Das FBI und der Secret Service haben versucht, ein solches Profil zu erstellen. Das Einzige, was diese Täter gemein hatten, ist ihr Geschlecht und dass viele unter behandelten oder nichtbehandelten Depressionen litten. Sie analysierten die Fälle der letzten 25 Jahre, da waren Games freilich noch nicht so verbreitet. Aber das Medium, das die jungen Männer am häufigsten benutzten, war der Kugelschreiber. Sie schrieben eher über Gewalttaten, als gewaltsame Medieninhalte zu konsumieren. Aber wenn ein Amoklauf stattfindet, liest man immer, dass beim Täter Killerspiele gefunden wurden. Das war zuletzt auch in Winnenden so. Olson: Ja, ich habe auch schon von Polizisten gelesen, die sagten: Wir gehen in Häuser von Verbrechern und Drogendealern und sehen dort viele Xboxes stehen. Nur diese Spielkonsole gibt es in vielen Haushalten, ebenso wie Donuts oder Zahnbürsten. Trotzdem nehmen wir nicht an, dass Donuts oder Zahnbürsten mit Schulschießereien zusammenhängen. Die Studie als BuchCheryl Olson und Lawrence Kutner: Grand Theft Childhood: The Surprising Truth About Violent Video Games. Simon and Schuster, 272 S. (Englischsprachige Ausgabe z.B. über Amazon erhältlich) Dieses Interview ist im Falter 40/09. Das obige Bild zeigt das Videospiel Grand Theft Auto, eine der beliebtesten Spieleserie bei Jungs und Mädchen (Quelle: Rockstar Games). Das Foto von Cheryl K. Olson wurde von Julia Fuchs (www.juliafuchs.com) gemacht. Ehret das Alter, aber schlagt die Säcke!Wednesday, September 16. 2009Der Autor ist Leiter des Falter-Feuilletons und zehn Monate jünger als der Leadsänger der Flaming Lips Eine Replik von Klaus Nüchtern Noch nie war die Jugend so daneben wie heute! Dieser Befund wird zurzeit auffallend häufig ausgestellt. Die Presse, einsamer Stachel im Fleisch des gerontokratischen Establishments, beklagte erst unlängst die Duldungsstarre einer Generation, die widerstandslos dabei zusehe, wie ihre Lebenschancen von einer Heerschar lebenslustiger Frühpensionisten verjubelt würden. Als nun auch noch FM4-Redakteur Martin Blumenau in seinem Webjournal die acht Thesen referierte, in denen Meredith „Alphamädchen“ Haaf im SZ-Magazin die eigene Generation der 25-Jährigen als geschwätzig, unpolitisch, ängstlich und mimosenhaft kritisierte, sprang Ingrid Brodnig der oberste Knopf vom Polo-Shirt. Vergangene Woche verwehrte sie sich an dieser Stelle gegen die Zumutung, ihre Altersgruppe einerseits als unpolitisch und phlegmatisch zu denunzieren, ihr andererseits aber die Lösung sämtlicher gesellschaftlicher Probleme zu delegieren. Sind die Fronten nun geklärt? Auf die Gefahr hin, als altersmilde (= freundlicher alter Sack) abgestempelt zu werden, möchte ich hier ein paar Abrüstungsvorschläge machen. Es verdient zum Beispiel erwähnt zu werden, dass Blumenau Haafs Thesen zwar zustimmend, aber auch ohne die weitverbreitete frühsenile Selbstgefälligkeit jener vortrug, die auf einmal immer schon ganz wilde Hunde gewesen sein wollen. Wenn man Blumenau etwas vorwerfen kann, dann ist es noch am ehesten die haltlose Idealisierung der Twentysomethings zur „Kernschicht der Innovation“. Dass sich bei diesen „Wagemut schon mit Lebenserfahrung kreuzen kann“, soll nicht bestritten werden. Es ist dies jedoch weniger eine Frage des Alters als der gesellschaftlichen und ökonomischen Umstände, unter denen Generationen sich formieren. Und die sind, wie Haaf zu Recht feststellt, für viele Junge von der Angst bestimmt, „keinen Platz in dieser Welt zu finden“. Unlängst habe ich in einem Zug das Gespräch zweier junger Frauen belauscht, die kurz vor bzw. nach der Matura standen. Die Ältere der beiden, die gerne Medizin studieren würde, hatte gerade irgendeine Auszeit in Neuseeland hinter sich (vermutlich verbunden mit einem Eintrag im Lebenslauf, der gut aussieht, aber auf dem Arbeitsmarkt auch nichts bringt) und gab der Jüngeren kundige Hinweise darauf, für welche Praktika sie sich schon frühzeitig anmelden müsse. Einige davon hatte sie schon absolviert – unbezahlt, versteht sich –, und sollte es mit der Aufnahme an eine der zahlreichen Unis, für die sie sich beworben hatte, in absehbarer Zeit nichts werden, würde sie eben weitere Praktika sammeln. Ich muss leider gestehen, dass meine Erstreaktion so etwas wie Verachtung war für ein dermaßen entwickeltes Ausmaß vermutlich auch noch leerlaufender Lebenstüchtigkeit. Dabei war der Umstand, dass ich und andere privilegierte Angehörige meiner Generation es ganz anders erlebt haben, gewiss nicht unser Verdienst. Für mich war die Uni noch ein Biotop, in dem ich mich – weitgehend suspendiert von den Nützlichkeitsimperativen einer durchkapitalisierten Gesellschaft – mit Ästhetik befassen und um Erkenntnis ringen würde. Ich hatte ziemlich viel Zeit, mich abseits jeglicher Berufspragmatik umzuschauen, mich in der Hochschulpolitik zu engagieren und den Herrgott hin und wieder einen guten Mann sein zu lassen. Aus der Sicht heutiger Twenty-somethings muss das als paradiesisch (oder völlig weltfremd) erscheinen. Gewiss, der Generationenvertrag (den noch nie irgendjemand unterzeichnet hat) ist argen Belastungen ausgesetzt; und gewiss ist der Wohlfahrtsstaat, wie der Sozialforscher Bernd Marin unlängst anmerkte, nicht dazu da, von seinen letzten Nutznießern mit ins Grab genommen zu werden. Dennoch sehe ich keinen Grund für eine Martialisierung des Generationenkonflikts, erst recht nicht, wenn er mit Ressentiments und popkultureller Distinktionshuberei einhergeht, die tatsächliche Interessenkonflikte und Klassengegensätze eher verschleiern als erklären. Das Generationenspiel muss in Gang gehalten werden, meint der Sozialwissenschaftler Heinz Bude. Soll heißen: Menschen müssen lernen, altersadäquate Rollen und Aufgaben zu übernehmen. Die fallen aber nicht vom Himmel, sondern müssen gesellschaftlich erzeugt werden. Das mit Häme bedachte Berufsjugendlichentum und die Unfähigkeit zu altern sind nur die Schattenseite einer neuen Freiheit, die mit einer gestiegenen Lebenserwartung und einem neuen Lebensabschnittsdesign einhergeht. Früher legten sich Frauen irgendwann einmal eine brettharte Dauerwelle zu und wurden hinfort einer postsexuellen Existenzform zugerechnet; heute bekommen sie in diesem Alter ihr erstes Kind. Die Grenzen zwischen den Alterskohorten werden nicht zuletzt deswegen diffus, weil langanhaltende Kontinuitäten – hoher Wohlstand, kein Krieg – generationenübergreifend wirksam sind, was wiederum zur Dramatisierung von Lebensstil- und Mediennutzungsdifferenzen führt. Damit muss man umgehen lernen. Wie in so vielen Fällen empfiehlt es sich auch hier, locker zu bleiben und Nachsicht zu üben. Dass die 35-Jährigen ihre Freitag-Taschen abgeben müssen und Leute erst ab 60 zu Bob-Dylan-Konzerten zugelassen werden, kann ja kaum der Weisheit letzter Schluss sein. Und noch eins: Das Schlimme am alten Sack ist nicht das Alter, sondern die Sackhaftigkeit. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war der alte früher mal ein junger Sack. Diese Replik von Klaus Nüchtern erschien im Falter 38/09. Vielen Dank an den Autor, dass er einer Veröffentlichung in diesem Blog zustimmte. Foto: privat Rebelliert halt selbst, ihr alten Säcke!Tuesday, September 8. 2009 Ich habe es satt, als Mittzwanzigerin für alle Probleme in der Gesellschaft verantwortlich gemacht zu werdenRechtsradikale, Komasäufer, Schulversager. Wer sind die heute 20- bis 29-Jährigen überhaupt? Über meine Altersgruppe habe ich mir schon viel anhören müssen: dass wir alle so unpolitisch sind, so konservativ. Dass wir lieber in klimatisierten Hörsälen hocken als in besetzten Häusern. Dass wir unsere Überzeugungen für einen hübschen Lebenslauf geopfert haben und doch nur in der Praktikaschleife steckenbleiben. Dass wir stille Mitläufer sind, die dann auch noch Heinz-Christian Strache wählen. Zuletzt klagte FM4-Oldie Martin Blumenau über meine Generation und zeichnete das Bild von 20- bis 29-Jährigen – die sind feige Jasager. Als Beweis zitierte er die Thesen der jungen deutschen Journalistin Meredith Haaf über die ängstlichen unter 30-Jährigen. Wenn die ihre Generation beschimpft, muss das doch stimmen. Meine Altersgruppe ist der Fußabstreifer, an dem man sich abputzen kann, wenn einen etwas an der Gesellschaft stört. Da finden sie schnell einen Schuldigen und fühlen sich gut dabei. Früher war sowieso alles besser. Zur Erinnerung: Als Jörg Haider 1999 bei der Nationalratswahl 27 Prozent einfuhr, durfte ich noch gar nicht wählen. Und die meisten von uns 20- bis 29-Jährigen auch nicht. Es ist ein Mythos, dass die Jugend so viel rechtsextremer wäre. Der Eindruck entstand, weil Zeitungen gerne von den milchbübigen Strache-Wählern berichten. Der Kurier schrieb zum Beispiel von einem „Marsch nach rechts“. Doch die Studien der Politologen und Meinungsforscher belegen diese Behauptung nicht. Die Jungwähler tendieren nicht mehr nach rechtsaußen als die Gesamtbevölkerung. Mag schon sein, dass viele von uns unpolitisch, verdrossen oder gar demokratieskeptisch sind. Eine ähnliche Tendenz zeigt sich aber auch bei den Älteren. Jeder fünfte Österreicher sehnt sich nach einem starken Mann, der sich nicht um das Parlament kümmern muss. 1999 taten das nur 15 Prozent. Der Vorwurf der Politikverdrossenheit ist amüsant, wenn er von einer so abgestumpften Gesellschaft kommt. Wer das als verlogen bezeichnet, hört ein Totschlagargument: Der Idealismus, das Rebellentum gehöre halt zum Jungsein dazu. Wirklich? Vielleicht ist das für Ältere nur ein Vorwand, die Füße hochlegen und selbst nicht aktiv werden zu müssen. Die strenge Unterscheidung zwischen Jung und Alt funktioniert nicht mehr. Wir Jungen sind pragmatischer geworden, die Alten wollen nicht erwachsen werden. Also hängen sich 40-Jährige Freitag-Taschen um, besuchen Gürtellokale und hören Bands, deren Mitglieder halb so alt sind wie sie. Geht es dann plötzlich um politischen Widerstand, ist das wieder unser Job. Demonstrieren soll die Jugend, wir haben schon einmal! Dabei sind wir ja nicht alle unkritische Stubenhocker. Zwei Studentinnen haben die Lichterkette gegen rechte Hetze organisiert. Im heurigen Frühjahr gingen 25.000 Schüler auf die Straße. Sie wollten in der Bildungsdebatte ebenso mitreden.Ich selbst war dabei, als im Museumsquartier hunderte junge Menschen mit Bierdosen, Gitarren und Soundblastern aufmarschierten. Wir wehrten uns gegen die Verreglementierung des öffentlichen Raums und das Verbot von mitgebrachtem Alkohol. Erfolgreich übrigens. Gerne wird über solche Proteste gelacht. Aus der Schülerdemo machten Journalisten einen Wettbewerb, wer den dümmsten O-Ton findet. Beim Museumsquartier hörten wir: „Typisch, wenn es ums Saufen geht, seid ihr plötzlich politisch.“ Aber das ist schnell dahingesagt, wenn man selbst gut verdient und ohne Blick ins Geldbörsel einen Aperol-Spritzer nach dem anderen bestellen kann. Über uns Junge wird dann auch philosophiert. Schon schlimm, das mit dem Komatrinken. Doch welche Altersgruppe schüttet sich am meisten zu? Die 30- bis 39-Jährigen. Sie konsumieren am Tag durchschnittlich 32 Gramm Alkohol, bei den Männern sind es sogar 48 Gramm. Dagegen sind die 14- bis 19-Jährigen Waserln (17 Gramm). Trotzdem lesen wir viel über Kids, die ins Spital müssen, und wenig über Erwachsene, die den dritten Entzug hinter sich haben. Es geht nicht darum, meine Generation zu glorifzieren. Ich frage mich aber: Wenn die 30-, 40- oder 50-Jährigen so schlimme Zustände in der Gesellschaft erkennen, warum -werden sie nicht selbst aktiv? Tatsächlich sind viele Ältere genauso dämlich wie wir, nur reden sie klüger daher. Für Haaf und Blumenau ist das ein Anzeichen für die fehlende Kritikfähigkeit der 20- bis 29-Jährigen: Wenn uns etwas gefällt, Thumbs up! Wenn etwas unangemessen oder problematisch ist – Schweigen. Das Tolle an dieser These: Martin Blumenau ist selbst auf Facebook. Und zwar mit 556 Freunden. Aber für ihn gilt diese Kritik natürlich nicht. Er kann das Onlineportal offenbar nutzen, ohne zum Jasager zu werden. Das ist wohl die Gnade der frühen Geburt. Dieser Kommentar erschien im Falter 37/09. Klaus Nüchtern hat eine Replik verfasst. Bild 1: Sujetfoto von Flickr-User viZZZual.com Bild 2: Protest im Museumsquartier (Foto: Brodnig) Bild 3: Das "Daumen nach oben"-Symbol (Screenshot von Facebook.com) Wenn nach der Schule niemand wartetWednesday, September 2. 2009
Verwahrlosung, Gewalt, Armut. Immer mehr Schüler brauchen Hilfe, aber nicht nur von Lehrern
![]() Hernals: Ein Zwölfjähriger geht von der Schule mit seinem Kumpel heim. Da fängt ihn eine Gruppe älterer Kinder ab. Sie schlagen ihn, nehmen ihm den MP3-Player ab, reißen seinem Freund das Fahrrad aus der Hand und geben es nicht zurück. Der Junge erzählt das seinem Klassenvorstand. Währing: Im Unterricht bekommen die Schüler eine Aufgabe. Sie sollen ihr jetziges Kinderzimmer und ihr Traumzimmer zeichnen. Da findet die Lehrerin heraus, dass ein Bursche gar kein Zimmer, nicht einmal ein Bett hat. Er pendelt zwischen drei Haushalten hin und her, jenem des Vaters, der Mutter und der Großmutter. Dort schläft er dann auf einer Matratze. Rudolfsheim-Fünfhaus: Ein Mädchen wendet sich nach der Stunde an den Klassenvorstand. Sie will von ihrem streng religiösen Elternhaus weg. Aber sie ist noch nicht volljährig. Ein Psychologe für 10.000 Kinder Drei Fälle, die sich an Wiener Schulen ereignet haben. Teils im Gymnasium, teils in der Hauptschule. Sie spiegeln eine Seite der Schule wider, die immer relevanter wird: ihre soziale Bedeutung. Gerade wenn es um gesellschaftliche Aufgaben abseits der Bildung geht, bekommen Lehrer wenig Hilfe. Zwar arbeiten in Wien auch Beratungslehrer und Schulpsychologen, aber die Mittel sind knapp. Insgesamt gibt es in Wien 25 Vollzeitstellen für Schulpsychologen. Auf 10.000 Kinder kommt also nur ein Psychologe. Viele Lehrer fühlen sich überfordert und überlastet. Das zeigt auch ein Bericht des Fonds Soziales Wien, der im Juli öffentlich wurde. Er beschreibt die Situation im 15. Bezirk, der für den hohen Migrantenanteil und die strukturelle Armut bekannt ist. Die „veränderte soziale Situation der Schüler“ überfordere die Lehrer. Nun kündigt die Stadtregierung ein Pilotprojekt mit Schulsozialarbeit an, im heurigen Schuljahr soll es in Rudolfsheim-Fünfhaus starten. Einen genauen Zeitpunkt gibt es noch nicht, zuerst wird eine Expertenrunde einberufen. „Wir setzen uns im September zusammen und klären: Was sind die Rahmenbedingungen? Was soll erfüllt werden?“, sagt Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ). Der Ruf nach Schulsozialarbeit wird lauter, weil sich die Gesellschaft verändert hat. In den Städten wurden viele Hauptschulen zu Auffangbecken sozialer Problemfälle. Dort sitzen dann Kinder, die anderswo nicht unterkommen oder deren Eltern das Bildungssystem überfordert. Alle anderen flüchten in die AHS, in der wiederum Kinder sitzen, die vor ein paar Jahrzehnten in der Hauptschule gelandet wären. Heute versucht man, auch leistungsschwache und mitunter lästige Schüler zu fördern, möglichst vielen die Matura zu ermöglichen. Das führt gleichzeitig dazu, dass die Heterogenität in den Gymnasialklassen und die Belastung der Lehrer gestiegen sind. Schule als Elternersatz Es wäre aber zu einfach, die neuen Anforderungen auf die Zusammensetzung der Klassen oder die vielen Migrantenkinder zu reduzieren, die oftmals aus bildungsfernen Schichten stammen. Gesamtgesellschaftlich hat sich das Familienleben verändert. „Früher gab es eine klassische Trennung: Die Familie ist für die Erziehung, die Schule für die Bildung zuständig. Heute übernimmt die Schule immer mehr die Aufgaben der Familie“, sagt Johann Bacher, Soziologe an der Johannes-Kepler-Universität in Linz. Statt nur zu unterrichten, müssen Lehrer auch einen Teil der Erziehungsarbeit leisten. „Oft bringen wir den Kindern bei, Bitte und Danke zu sagen“, erzählt Eva Posad, Lehrerin am Gymnasium Geblergasse. Quer durch die Gesellschaft haben Väter und Mütter weniger Zeit für ihre Kinder. Das liegt nicht nur daran, dass drei Viertel der Mütter erwerbstätig sind. Auch die Arbeitszeiten sind flexibler geworden. Wenn der Elektrodiskonter bis 20 Uhr offen hat, kommt Papa frühestens um 20.30 Uhr heim. „Die Schule hinkt der Gesellschaft hinterher“, meint Bacher. In seinen Augen wäre eine der wichtigsten Reaktionen darauf die Einführung der Ganztagsschule. In dieser passt das Lehrpersonal nicht nur nachmittags auf die Kinder auf, es fördert sie auch beim Lernen, kontrolliert, ob die Aufgaben gemacht wurden, und bietet Sport- und Fitnessangebote. In Finnland gibt es das schon Es gibt die großen Reformideen, um die Schule zu einem Lebensraum zu machen, der gesellschaftliche Aufgaben übernehmen kann. Und es gibt kleinere Projekte, die ein erster Schritt in diese Richtung wären, etwa die Schulsozialarbeit. Was in Wien angedacht wird, ist in anderen Bundesländern schon längst umgesetzt: An dutzenden niederösterreichischen Schulen stehen Sozialarbeiter bereit, das Angebot gibt es dort seit zehn Jahren und ist mittlerweile so gefragt, dass es eine Warteliste gibt. Auch wer in Helsinki die vielgerühmte finnische Gesamtschule besucht, wird dort nicht nur Lehrer und Direktoren antreffen, sondern zusätzliche Berufsgruppen: Das reicht vom Sonderlehrer über den Schülerberater bis hin zum Sozialarbeiter, der tageweise anwesend ist (siehe Kasten). Dass andere Disziplinen in die Schule kommen, zeigt, dass das Bildungssystem differenzierter wird. Ein natürlicher Schritt: Wenn die Gesellschaft komplexer wird und neue Erwartungen an die Schule gerichtet werden, braucht es Experten dafür. Was bringt den Schülern diese Differenzierung? Geht es nur darum, dass die Pädagogen weniger stöhnen? „Ich fände das auf jeden Fall gut“, meint Oliver K., der heute eine Gärtnerlehre abschließt. Der 18-Jährige war das, was die Bildungsbürokratie ein verhaltensauffälliges Kind nennt. Er störte permanent den Unterricht, brachte die Lehrerin zur Verzweiflung, klebte das Klassenbuch zusammen und Kaugummi auf den Sessel. Dann flog er von der Hauptschule. Ein alleingelassenes Kind Olivers Geschichte erzählt nicht nur, wie Lehrer immer öfter an solchen Jugendlichen scheitern – sondern auch, wie viel Sozialarbeit bewirken kann. Denn an seiner neuen Hauptschule besuchte der Bursche jede Woche die Schulpsychologin. „Das hat mir sehr geholfen. Wir konnten über alles, auch über private Dinge reden“, sagt er. Nach dem Rausschmiss kam er auch mit Sozialarbeitern von Back on Stage in Kontakt, der mobilen Jugendarbeit in Wien. Mit ihnen ging er Billard spielen oder ins Kino – beides Freizeitaktivitäten, die er mit seiner Mutter nie unternommen hatte. Sie erzog den Jungen allein, der Vater hatte sich schon lange aus dem Staub gemacht. Zuhause wurde der Junge ignoriert. Da gab es keine gemeinsamen Ausflüge am Wochenende wie in anderen Familien. „Ich hab meiner Mutter nicht einmal sagen müssen: ‚Du, ich komm heut nicht heim.‘ Auch nicht als ich 14 Jahre alt war“, erinnert sich Oliver. Seine Klassenkollegen beneideten ihn damals. Er hingegen hätte lieber eine Mutter gehabt, die sich um ihn sorgt. Vielleicht kann Schulsozialarbeit Jugendlichen wie Oliver helfen, noch bevor sie im System aufgefallen sind oder von der Schule fliegen. Oft sind es auch nur die kleinen Katastrophen, die die Kinder belasten und ablenken. Etwa der Streit mit der besten Freundin oder Zerwürfnisse in der Clique. Der Trägerverein Young bietet Sozialarbeit an niederösterreichischen Schulen an und führt darüber Statistik. Am häufigsten kommen Schüler wegen Problemen mit ihren Freunden. Am zweithäufigsten geht es um Gewalt. Kindern oder Jugendlichen fällt es oft leichter, an jemanden heranzutreten, der nicht ihr Lehrer ist, der sie nicht von Klasse zu Klasse begleitet und benoten muss. „Wir erreichen in der Schule Jugendliche, die sonst nie das Jugendamt aufsuchen würden“, sagt Margot Müller, Sozialarbeiterin und Geschäftsführerin von Young. Die Schule umkrempeln Österreichische Lehrer bekommen nur wenig Hilfe von außen. Auf 29 Lehrer kommt eine „pädagogisch unterstützende Kraft“. Bildungsforscher verstehen darunter zum Beispiel Beratungslehrer, Psychologen, Logopäden. Im Vergleich mit anderen OECD- und EU-Ländern ist das ein schlechtes Ergebnis. International kommt durchschnittlich eine pädagogisch unterstützende Kraft auf jeweils 16 Lehrer, ergab heuer die länderübergreifende Lehrerbefragung Talis. Die Pädagogen selbst wünschen sich eine Entlastung. Manch ein Direktor hat sogar schon die Unterstützung von Sozialarbeitern angeregt. „Wir hätten gerne einmal im Monat eine Sozialarbeiterin bei uns“, sagt Erika Tiefenbacher, Schulleiterin der Hauptschule Schopenhauerstraße im 18. Bezirk. Die Expertenrunde im September wäre eine passende Gelegenheit, über die gesellschaftlichen Veränderungen und die neuen Aufgaben der Schule zu sprechen. Denn wenn sie mehr als eine Wissenseinrichtung sein soll, muss die Schule umgekrempelt werden. Dieser Artikel ist im Falter 36/09 erschienen. Ein Mädchen als GeldmaschineWednesday, June 17. 2009
Miley Cyrus ist das Postergirl des Disney-Konzerns. Ihr neuer Kinofilm gibt den jungen Fans, wonach diese sich sehnen: die Illusion einer heilen Welt
Wer vergangenen Mittwochnachmittag ein Wiener Multiplex besuchte, sah ein ungewöhnlich junges Publikum. An den Kinokassen standen hauptsächlich kleine Mädchen, die kaum über den Schalter blicken konnten. Manche hatten die Eltern dabei, andere die Schulfreundin. Aber alle kamen für einen jungen Hollywoodstar: Miley Cyrus.Wer nicht gerade zur Gruppe der Acht- bis Zwölfjährigen zählt oder Kinder in diesem Alter hat, dem sagt der Name vermutlich nichts. Doch für die Kids ist die 16-jährige Amerikanerin ein richtiger Star. Sie ist die Protagonistin der Disney-Serie "Hannah Montana", die nun auch einen gleichnamigen Film bekommt. Darin geht es um die brave Teenagerin Miley Stewart (gespielt von Miley Cyrus). Tagsüber ist sie eine normale Schülerin und nachts heimlich der Popstar Hannah Montana. Eine Doppellebengeschichte, die mit den Fantasien der Kinder spielt: Welches Mädchen träumt nicht davon, auch einmal berühmt und von allen geliebt zu werden? Die Werbebranche nennt die Acht- bis Zwölfjährigen "Tweens", weil sie "between" der richtigen Kindheit und dem "Teen"-Dasein stecken. Disney umgarnt speziell diese Altersgruppe mit Sendungen wie "Hannah Montana". Auch in Österreich gibt es richtige Fans. Etwa die zwölfjährige Gymnasiastin Janine. Sie steht im Kino beim Popcorntresen und sagt: "Hannah Montana ist wie im echten Leben. Sie vertraut ihrer besten Freundin alles an, und wenn die beiden sich einmal streiten, dann versöhnen sie sich gleich wieder. Wie bei uns." Janines beste Freundin steht daneben und nickt. Disneys Marketingmaschine läuft rund um den Jungstar Miley Cyrus und ihr Alter Ego im Film auf Hochtouren. Mit dem Taschengeld können sich die Tweens Merchandisingprodukte kaufen, vom simplen Stickerheft bis zum Hannah-Montana-Bettzeug. Die Traumfabrik rund um Mickey Mouse füllt zwar schon seit Jahrzehnten die Kinderzimmer dieser Welt mit Ramsch. Neu ist aber die Dimension, die das Disney'sche Geschäftsmodells hat: Jungstars wie Miley Riley bringen mittlerweile auch ihre eigenen Alben heraus und gehen auf Tournee. Der Soundtrack zum Film belegte vergangene Woche übrigens Platz acht in den Ö3-Charts. Damit hat sich auch der Druck auf die jungen Akteure erhöht: Sie sollen nicht nur süß aussehen, halbwegs singen und tanzen können. Von ihnen wird zusätzlich verlangt, dass sie ein Privatleben im Sinne der Disney-Ideale führen. Also kein Alkohol, kein Sex und immer gute Manieren. Miley Cyrus verdient gut damit. Ihr Jahreseinkommen wird auf 25 Millionen Dollar geschätzt, ihre Konzerte sind ausverkauft. Im Frühjahr erschien die offizielle Biografie der 16-Jährigen. Dabei sind Tweens auf den ersten Blick eine finanzschwache Zielgruppe: Sie haben kein eigenes Einkommen, sondern nur ein bisschen Taschengeld. Doch dieses Taschengeld können sie mit Spielzeug oder Hannah-Montana-Stickers verprassen. Und wenn nichts mehr übrig ist, dann gibt es immer noch die Eltern, Tanten oder Omas, die mit dem quengelnden Nachwuchs ins Kino gehen. Ist gute Vermarktung der einzige Grund für die Tween-Begeisterung? Diese Erklärung wäre zu einfach. Es zeigt sich, dass in den letzten Jahren jene Teenieproduktionen zum Publikumshit werden, die artige Kinder zeigen. In Disney-Filmen wie "Hannah Montana" oder dem "High School Musical" geht es eher um gute Noten anstatt um Rebellion. Gerade weil diese Streifen einen großen Bogen um reale Konfliktthemen wie Drogen oder zerrüttete Familienverhältnisse machen, werden sie vom erwachsenen Publikum ignoriert - und gleichzeitig von vielen Tweens geliebt. Ja sogar manch älterer Teenager bewundert Miley Cyrus. Das zeigt ein Blick in aktuelle Jugendmagazine. Welches man auch aufschlägt, die 16-Jährige blickt einem darin entgegen. "Die Disney-Stars sind so erfolgreich, weil sie eine Sehnsucht nach heiler Welt widerspiegeln. Eine Welt, in der Schulen noch sauber sind, in der es tolle Cliquen gibt, in der Gemeinschaftsgefühl noch zählt. Werte, die in Deutschland zusehends verlorengehen", erklärt Tom Junkersdorf, Chefredakteur der Bravo - also jenem Jugendmagazin, in dem auch Dr. Sommer seine Sprechstunde hält und Jugendliche sich nackt abbilden lassen. Serien wie "Hannah Montana" stehen für eine Rückkehr zu traditionellen Werten. Diese gewinnen in den Jugendstudien der letzten Jahre zunehmend Bedeutung. Das Heile-Welt-Konzept funktioniert, weil ihm die jungen Stars selbst in ihrer Freizeit entsprechen müssen. Frühere Teeniesymbole wie Britney Spears oder Lindsay Lohan haben das saubere Disney-Image mit Skandalen zwischen Partyleben und Entziehungskur befleckt. Nun wacht der Konzern über seine Nachwuchstalente umso strenger. Als zum Beispiel Miley Cyrus in einem Konzertfilm unangeschnallt im Auto saß, gab es schon Zoff. Und als die Vanity Fair Fotos abdruckte, die ihren nackten Rücken zeigten, musste sich das Mädchen bei den Fans entschuldigen. Miley Cyrus ist nicht nur auf der Bühne eine Kunstfigur - ihre gesamte Persönlichkeit wirkt wie auf Disneys Reißbrett entworfen. Ihr Vater ist Country-Star Billy Ray Cyrus. Sie schwört dem Sex vor der Ehe ab, trägt als Symbol dafür einen sogenannten Purity-Ring. Und ihre letzte Geburtstagsfeier veranstaltete sie im Disneyland bei Los Angeles - eine große Party mit Mickey Mouse und antialkoholischen Getränken. Bisher hat das Image des braven Mädchens keine groben Kratzer abbekommen. In Interviews erklärt die 16-Jährige, Partys interessieren sie nicht. Lieber hüte sie Schweine auf der elterlichen Farm. Obwohl die Teeniestars längst in der Pubertät sind, müssen sie in ihrem Privatleben Enthaltsamkeit geloben. Paparazzi überwachen rund um die Uhr, ob sie dieses Gelöbnis auch einhalten. Die Filme haben ebenso einen widersprüchlichen Umgang mit Körperlichkeit. Da gibt es keinen Sex, aber alle sehen so aus wie Unterwäschemodels und sind stets perfekt gestylt. Nicht einmal alibimäßig kommt ein Jugendlicher vor, der etwas dicker ist oder gar eine Zahnspange trägt. Vielleicht gehört die hübsche Fassade zu den hübschen christlichen Werten von Hannah Montana. Vielleicht ist es aber auch eine weitere Möglichkeit, Geld zu machen. "Filme und Fernsehserien beeinflussen modische Trends sehr stark. Das sah man etwa bei, Beverly Hills 90210', als Burschen plötzlich begannen, wie in der Serie Koteletten zu tragen. Oder als man überall Mädchen sah, die die gleiche Frisur wie Rachel aus, Friends' hatten", sagt Robert Thompson, Medien- und Popkulturforscher von der Syracuse University. Disney ist auf solche Fanbedürfnisse ausgerichtet: Wenn die Mädchen aussehen wollen wie ihr Idol, dann können sie sich Miley-Stewart-Röcke kaufen oder den Hannah-Montana-Lipgloss auftragen. Dabei sind ihre Fans meist erst zwischen acht und zwölf Jahre alt. Aber Miley Cyrus muss sich jetzt sowieso nach einer anderen Zielgruppe umsehen. Mit 16 befinden sich Kinderkarrieren oft jenseits ihres Höhepunkts und die große Frage ist, ob man den Sprung ins Erwachsenengeschäft schafft. So manch ein It-Girl (das "It" steht für das "gewisse Etwas") ist an Drogen oder Paparazzi gescheitert. Auch Miley Cyrus wird ständig auf diese Gefahr angesprochen. In der Zeitschrift Mädchen erklärt sie erst neulich darauf: "Ich arbeite daran, nicht wie Britney Spears zu werden." Dieser Satz gibt auch Einblick in das Leben eines Teeniestars. Denn das hat wenig mit dem "gewissen Etwas", aber sehr viel mit harter Knochenarbeit zu tun. ---- Der Film Dieser Artikel ist im Falter 23/09 erschienen. Fotos: Disney "Das Netz verstärkt die soziale Kluft"Wednesday, February 18. 2009 Die Sozialwissenschaftlerin Danah Boyd über den Reiz und die Abgründe von Freundschaftsseiten wie Facebook509.000 Besucher in einem Monat. In nur einem Jahr hat sich die Zahl der Österreicher, die das Freundschaftsportal Facebook aufsuchen, beinahe verfünffacht. Wer sich mit der Anziehungskraft von Social-Network-Seiten beschäftigt, wird bald auf die Arbeiten von Danah Boyd stoßen. Die amerikanische Sozialforscherin hat sich schon früh damit auseinandergesetzt, wie Jugendliche Dienste wie Facebook oder MySpace nutzen. Sie hat mehr als 10.000 Onlineprofile analysiert und Interviews mit Teenagern in 17 verschiedenen US-Staaten geführt. Hier erzählt sie, wieso diese Seiten Teil der Jugendkultur wurden, warum nun auch ältere Menschen darauf hineinkippen und soziale Differenzen trotzdem nicht überwunden werden. Falter: Frau Boyd, viele Eltern sehen, wie sich ihre Kinder auf Seiten wie Facebook herumtreiben, und machen sich Sorgen. Was gefällt Teenagern an diesen Onlinediensten? Danah Boyd: Sie sprechen junge Menschen an, weil sie ein Ort sind, um Freunde zu treffen. Auch dann, wenn man sich nicht persönlich treffen kann. Viele Menschen glauben, dass Teenager dort Fremde kennenlernen. Ist das der Fall? Boyd: Großteils nein. Hauptsächlich besuchen junge Leute Social-Network-Seiten, um Freunde zu treffen. Die öffentliche Vorstellung schaut so aus, dass ein naives Kind online geht und durch Zufall einen gefährlichen Fremden trifft. Bei näherer Betrachtung sieht man aber: Jene Minderjährigen, die im Internet Unbekannte kennenlernen, sind oft isoliert und decken damit ein soziales Bedürfnis ab. Also betrifft das hauptsächlich Jugendliche ohne Freunde, die online Anschluss suchen? Boyd: Andere Menschen im Web kennenzulernen kann sich für manche Jugendliche als positives Erlebnis gestalten. Ein typisches Beispiel wäre ein homosexueller Junge, der es in der Schule schwer hat und ins Netz geht, um andere schwule Teenager zu finden. Aber das kann doch auch gefährlich sein. Boyd: Es gibt Jugendliche, die nach einer falschen Form der Bestätigung online suchen. Oft haben solche Teenager familiäre Probleme und suchen auf ungesunde Weise nach Unterstützung. Eine Gefahr sind da auch Pädophile. Boyd: Tatsächlich? Haben Sie sich die Daten angesehen? Die Zahlen zeigen eindeutig: Wenn man von Kindesmissbrauch redet, muss man sich in erster Linie um Kinder in ihren eigenen vier Wänden sorgen. Die Fälle aus dem Internet laufen nach einem einheitlichen Muster ab: Sie betreffen 14- bis 17-jährige Teenager und Männer in ihren Zwanzigern. In der Regel wissen die Jugendlichen, dass sie sich für sexuelle Kontakte treffen. Und sie tun das wiederholt. Diese Vorstellung ist viel angsteinflößender als die Idee, dass das zufällig passiert. Die Teenager wissen, dass sie sich selbst in eine schlechte Situation begeben. Aber warum tun sie das? Diese Jugendlichen zeigen eine Unmenge an psychosozialen Problemen. Und was machen wir? Wir beschuldigen die Technologie, anstatt den Teenagern zu helfen. Das ist gestört. Mal abgesehen von Problemfällen, wie verhält sich denn der durchschnittliche Teenager auf Seiten wie MySpace? Boyd: Typische Teenager können vielleicht an einem Abend pro Woche ihre Freunde treffen, aber sie hätten gerne mehr Kontakt zu ihnen. Wenn sie also heimkommen, machen sie Aufgaben und loggen sich dann in ihr Onlineprofil ein. Im Grunde pflegen sie dort ihre persönlichen Kontakte. Das hängt damit zusammen, dass sie so wenig ausgehen dürfen. Das Onlineprofil eines durchschnittlichen amerikanischen Jugendlichen ist dabei relativ langweilig. Es listet die Hobbys auf, zeigt Unterhaltungen mit Freunden und wirklich banale Bilder. Da wir in einem sehr religiösen Land leben, beinhaltet es üblicherweise auch irgendeine Widmung für Gott. Wirklich? Boyd: Ja. Vielen Europäern ist unklar, wie religiös mein Land ist. Außerhalb der größeren Städte sind wir eine tiefgläubige Nation. Nicht auf eine gottesfürchtige Weise, aber viele Amerikaner gehen sonntags in die Kirche, sprechen über ihre Beziehung mit Gott. Im MySpace-Profil gibt es etwa die Rubrik namens "Hero". Viele Kinder, die ich interviewt habe, geben dort, Jesus' oder, Gott' an. Social-Network-Sites, so haben Sie einmal geschrieben, spiegeln alles Gute und alles Schlechte in unserer Gesellschaft wider. Aber verändern sie auch die Beziehungen unter Jugendlichen? Boyd: Neue Medien hatten schon immer einen Einfluss darauf, wie wir miteinander umgehen. Denken Sie an das Telefon. Plötzlich konnte man von zuhause aus nach der Schule mit Freunden sprechen. Social-Networks heben das auf eine neue Ebene: Man spricht nicht zu zweit, sondern mit der ganzen Alterskohorte. Diese Art der Kommunikation ist so, als würde man den Pausenhof mit nachhause bringen. Wenn man 200 Freunde auf Facebook hat, wird die Konversation dann nicht sehr oberflächlich? Boyd: Sie übersehen die mangelnde Tiefe unserer Alltagsgespräche. Wenn jemand einen Lebensmittelladen besucht, werden auch viele Leute gegrüßt. Aber hat das Tiefe? Nicht wirklich. Es handelt sich um Kontaktpflege. Und was man online am augenscheinlichsten sieht, ist eine ähnliche Art der Kontaktpflege. Junge Menschen wissen aber sehr wohl, wann eine Konversation bloß die Aufrechterhaltung eines Kontaktes und wann ein tiefer gehendes Gespräch ist. Es kommen aber auch neue Kommunikationsebenen hinzu. Facebook hat zum Beispiel den "News Feed". Der zeigt an, was die Freunde so tun, welche Nachrichten sie zuletzt veröffentlicht haben. Boyd: Dadurch entsteht ein besseres Bewusstsein über das eigene Umfeld, darüber, was Freunde gerade machen, was sie denken. Die Leute sehen das nicht als Ersatz für Freundschaft, aber es ermöglicht ihnen ein gemeinsames Grundwissen. Auch bei Erwachsenen. Ich habe einen HIV-Infizierten interviewt, der sich unsicher war, was er seinen Freunden über seinen Krankheitsfortschritt erzählen sollte. Er konnte nicht zu einer Dinnerparty gehen und sagen: "Hallo, meine Blutwerte sind gerade gut." Oder: "Hallo, meine Blutwerte sind gerade schlecht." Das war ihm unangenehm. Gleichzeitig wusste er aber, dass seine Freunde neugierig waren und sich nur nicht trauten, ihn anzusprechen. Also hat er einen Blog eröffnet und dort seinen Zustand beschrieben. Seine Freunde konnten das nachlesen, wenn sie wollten. Er hat daraufhin gemerkt: An schlechten Tagen haben sie ihn angerufen und zum Essen eingeladen - ohne ein Wort über den Blog zu verlieren. Für ihn war das verblüffend, wie er so die Krankheit mit seinen Freunden behandeln konnte. Beliebtsein ist für Teenager immens wichtig. Nun findet auf Seiten wie Facebook und MySpace sehr viel Selbstdarstellung statt. Erhöht das den sozialen Druck? Boyd: Der Druck ist ja schon da. Als Social-Network-Sites aufkamen, dachten Teenagers, dass eine Vielzahl an Freunden hohe Popularität bedeutet. Schnell haben sie gemerkt, dass das nicht stimmt. Die Beliebtheit wird noch immer am Schulhof entschieden. Es geht um die Gleichaltrigen dort. Das ist ein gutes Beispiel, wie eine Technologie neue Möglichkeiten bietet, aber das soziale Umfeld entscheidet. Ist es für amerikanische Teenager überhaupt möglich, nicht auf Seiten wie Facebook oder MySpace zu sein? Boyd: Ja. Wenn die eigenen Freunde das nicht verwenden, wird man es selbst auch nicht tun. Es geht um die Norm unter Gleichaltrigen, man will Teil dieser Norm sein. In Österreich melden sich auch zunehmend ältere User bei Facebook an. Eine Mittzwanzigerin sagte zu mir: Nicht auf Facebook zu sein, das erinnere sie an das Gefühl, kein Handy zu haben. Boyd: In den Staaten waren die 20-Jährigen von Anfang an dabei. Spannend ist derzeit, dass auch die 40-Jährigen beitreten. Verwenden ältere Menschen diese Dienste anders als Teenager? Boyd: Ältere Leute wühlen ihre Vergangenheit auf, sie kontaktieren alte Freunde. Teenager stöbern nicht Kinder aus der Volksschulzeit auf, wie das Erwachsene tun. Ältere Menschen nutzen die Seiten auch seltener für den ständigen Austausch. Sie schreiben nicht dauernd "Hallo, wie geht's?" auf andere Profile. Junge Leute hingegen nutzen es als einen primären Treffpunkt. MySpace und Facebook sind die zwei großen globalen Konkurrenten, Facebook wird aber populärer. Was macht den Erfolg aus? Boyd: Die beiden Seiten haben eine unterschiedliche Geschichte. Facebook startete in Harvard, verbreitete sich über die Colleges. 2006 öffnete sich die Seite für alle. Auch die Berichterstattung ist unterschiedlich, die Leute nahmen die beiden Seiten anders wahr: Manche sahen MySpace als gefährlich und "ghettolike", während es andere spaßig und "club-like" fanden. Facebook wurde hingegen als das gute Kind dargestellt, während es andere lahm fanden. Obwohl die Technik dahinter recht ähnlich ist, haben sich die Anhänger der beiden Seiten entlang sozialer Bruchlinien aufgeteilt. Wie meinen Sie das? Heißt das, dass ärmere Kinder eher in MySpace und reichere eher auf Facebook landen? Boyd: Es ist etwas komplexer als das. Es geht um Lebensstil, Status und Zugehörigkeit. Wer für eine Eliteuni prädestiniert ist, wird - angesichts der Vorgeschichte der beiden Seiten - eher Teil der Facebook-Welt sein. Wer Teil der urbanen, musikinteressierten Szene ist, wer keinen Collegebesuch plant, wird eher MySpace verwenden. Es geht nicht rein ums Geld, es geht um viele sozioökonomische Faktoren. Facebook wird immer populärer. Vielleicht nimmt diese Trennung ja ab. Boyd: Stimmt, aber man darf nicht vergessen: Die unterschiedlichen Klassen in den USA mögen sich nicht gerade. Wir haben diesen mystischen Glauben, dass das Internet jede soziale Kluft überwinden wird. Das tut es nicht, es verstärkt sie. Oft sprechen wir gar nicht über die Unmenge an unverhohlenem Rassismus auf diesen Seiten, dabei sieht man dort Jugendliche, die über "diese Neger" sprechen. Das zeigt, wie sich Rassismus online fortsetzt. Wie werden sich die Social-Network-Seiten weiterentwickeln? Boyd: Eines ist klar: Sie werden mobil. Wir wissen nur noch nicht, wie. Das Problem ist, dass Mobilfunkanbieter alles kontrollieren. Wenn Sie ein iPhone haben und Ihr Freund einen BlackBerry und Sie Orange verwenden und er British Telecom, funktionieren viele Dinge nicht. Dinge, die möglich wären, wenn Sie beide ein iPhone und beide den gleichen Anbieter hätten. Aber ich habe zum Beispiel ein iPhone und Facebook darauf installiert. Und Sie haben ja auch ein iPhone. Da können wir doch kommunizieren. Boyd: Das ist nicht dasselbe. Sie verwenden eine Webapplikation auf Ihrem Handy, aber Facebook nutzt dabei keinerlei Services, bei denen Sie geortet werden. Dabei ist die Bestimmung des eigenen Ortes eine Schlüsselkomponente bei mobiler Kommunikation. Wenn ich ein Foto mache, will ich wissen, wer mit mir im Raum ist, und ich will dieses Bild automatisch auf deren Profile hochladen. Ich will wissen, ob sich Freunde von mir gerade in meiner Nähe aufhalten. All das wird noch kommen. Wir wissen nur nicht, wann und wie. Google hat gerade so ein Service namens Latitude gestartet. Boyd: Das ist so ein Versuch. Derzeit ist es aber noch nicht einmal für die meisten Handys erhältlich, obwohl die Diskussion über Privatsphäre bereits begonnen hat. Mal sehen, wie sich das entwickelt. ---- Danah Boyd ist eine amerikanische Sozialwissenschaftlerin, die für ihre Arbeiten über Social Network Seiten bekannt ist. Die 31-Jährige hat ihre Doktorarbeit an der University of California, School of Information abgeschlossen, forscht nun bei Microsoft Research New England und ist wissenschaftliches Mitglied an der Harvard Universität (Berkman Center for Internet and Society). Unter www.zephoria.org finden sich ihr Blog und ihre Publikationen ---- Das rasante Wachstum der Freundschaftsseiten (Angaben für Österreich, Besucherzahlen in Prozent) ![]() StudiVZ ist in Österreich die populärste Social-Network-Seite. ![]() MySpace ist auf Platz 2, wuchs zuletzt aber nur rechts langsam. ![]() Facebook - die Besucherzahlen wurden in einem Jahr fast verfünffacht. Quelle: Marktforschungsinstitut ComScore. Verglichen wurde die Anzahl der Besucher der Webseite (Unique Visitors) im Dezember 2008 mit der Anzahl im Vergleichsmonat des Vorjahres. ---- Für alle, die online noch keine Freunde haben: kurze Einführung in Sachen Facebook & Co. Social-Network-Seiten Klingt spröde, ist aber der korrekte Begriff für Freundschaftsportale wie Facebook. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sich User dort registrieren, ein Profil anlegen und sich miteinander vernetzen, also virtuell "Freunde" werden. MySpace, StudiVZ, Facebook Die drei wichtigsten Freundschaftsportale hierzulande (siehe Grafik). StudiVZ wird vor allem von Studenten aus dem deutschsprachigen Raum genutzt, MySpace ist die erste Anlaufstelle für Bands und deren Fans. Facebook ist weniger bunt, hat MySpace aber nun als weltweite Nummer eins abgelöst. Freundschaft Ein inflationär verwendeter Begriff im Web. Trotzdem freunden sich die meisten User nur mit Menschen an, die sie zumindest flüchtig aus dem realen Leben kennen. Die Online-Kumpels tauchen dann in der Freundeliste auf. Aber Vorsicht: Mit zu wenigen Kontakten wirkt man unsozial, mit zu vielen nicht vertrauenswürdig. Profil Die virtuelle Visitenkarte, auf der Hobbys, Kontaktdaten und Fotos aufscheinen. Außerdem gibt es eine Statusmeldung, durch die der User mitteilt, was er gerade tut. Da stehen Meldungen wie "Harald isst ein Eis". Hört sich unspektakulär an, das ständige Lesen von fremden Statusmeldungen kann aber süchtig machen. Dieser Artikel ist im Falter Falter 08/09 erschienen. Fotos: Adam Tinworth / James Duncan Davidson
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Schwangere Teenager: Drüber reden, aber richtigWednesday, October 29. 2008
Falsche Aufklärung und Hürden bei der "Pille danach": Warum in Österreich zu viele Teenager schwanger werden
Auf den ersten Blick schaut es hier wie bei einer normalen Ärztefortbildung aus. Ein Pharmaunternehmen hat Werbung aufgestellt, bunte Broschüren liegen am Tisch. Eine Rednerin präsentiert ihre PowerPoint-Folie. Doch es ist kein Pillenhersteller, der am Samstag vor zwei Wochen sein neues Präparat vorstellt, kein Primar, der Testergebnisse präsentiert. 40 Frauenärzte sind ins Wiener Hotel Modul gekommen, um zu erfahren, wie sie am besten mit jungen Patientinnen umgehen. Sie nehmen am ersten Workshop teil, der sie auf die "Mädchensprechstunde" vorbereiten soll. Das ist ein Programm, bei dem Lehrer mit Schülerinnen zum Frauenarzt gehen, damit dieser mit ihnen über Verhütung und Sexualität redet. In Deutschland gibt es solche Sprechstunden seit vier Jahren. "Ich habe dort selbst so einen Workshop mitgemacht und mich gefragt, warum es das nicht auch bei uns gibt", sagt der Ottakringer Frauenarzt Michael Elnekheli, Präsident des Berufsverbands österreichischer Gynäkologen. Er hat das Projekt nun importiert. Österreichweit sollen künftig Mädchensprechstunden stattfinden. Der Zeitpunkt dafür ist günstig gewählt: Denn vermehrt wird über ungewollt schwangere Mädchen berichtet. Nach dem ersten Mal schwanger: Die amerikanische Komödie "Juno" widmet sich einem heiklen Thema auf charmante Weise. In letzter Zeit berichten auch heimische Medien zunehmend über ungewollte Teenie-Schwangerschaften. Tageszeitungen schreiben über abtreibende Teenager, junge Mütter und ungeschützten Sex unter Jugendlichen. Manches davon ist übertrieben. Denn die Zahl der Elf- bis Achtzehnjährigen, die ein Kind gebären, nimmt seit Jahren langsam ab. 1432 junge Mütter verzeichnete die Statistik Austria 2007. Trotzdem muss Österreich auf diese Zahl nicht stolz sein. Der internationale Vergleich zeigt, dass es hierzulande sehr viele junge Mütter gibt, die wider Willen schwanger werden. Laut dem UN-Weltbevölkerungsbericht kommen auf Tausend 15- bis 19-Jährige 11 Geburten. Das ist der schlechteste Schnitt in ganz Westeuropa. Zum Vergleich: In Deutschland sind es pro Tausend Teenager neun Neugeborene, in der Schweiz vier und in Frankreich eine. Kümmert sich der Staat nicht genug um die Aufklärung? Könnten ungewollte Schwangerschaften verhindert werden, wenn die Politik sich stärker einmischt? Wer mit Sexualpädagogen und Ärzten spricht, hört Kritik. Ein praktisches Beispiel bringt Frauenarzt Elnekheli, der in seiner Patchworkfamilie zwei 14-jährige Töchter an unterschiedlichen Schulen hat. "Bei der einen hat die Aufklärung gut funktioniert. Bei der anderen war das kein Thema", erzählt er. Das zeigt ein grundsätzliches Problem: In Österreich überlässt es der Staat oft Einzelnen, wie sie mit Aufklärung und Verhütung umgehen sollen - auch an den Schulen. Sexualerziehung als Pflichtfach, in Ländern wie Schweden und Dänemark gibt es das längst. In Österreich ist es ein Unterrichtsprinzip. Das heißt, das Thema kann in verschiedenen Fächern einfließen - muss es aber nicht. Nur im Lehrplan für Biologie ist Sexualkunde dezidiert verankert. Kein Wunder, dass das oft an den Biologen hängenbleibt. Und die gehen die Sache dann häufig sehr technisch-biologisch an. "Es gibt eine Barriere vom Wissen zur Umsetzung", sagt Beate Wimmer-Puchinger, Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien. Viele Experten wünschen sich eine praxisnähere Aufklärung im Unterricht. Dass das von Schule zu Schule variiert, missfällt auch der Stadt. Deswegen bietet sie nun flächendeckend in vier Gemeindebezirken Workshops an: Im 2., 15., 16. und 17. Bezirk kommen Sexualpädagogen zu den 13- und 14-Jährigen in die Klasse und reden offen über Sex. Jungs und Mädels stellen dort anonyme Fragen. Zum Beispiel: "Kann man sich von einem O.B. entjungfern?" "Ist es normal, dass es nach dem zehnten Mal Sex noch wehtut?" "Wie viel Alkohol muss man trinken, um ein Kind zu verlieren?" Vielen Jugendlichen fehlt der Bezug zum eigenen Körper. Vor allem Burschen informieren sich durch Pornos. Dann gibt es Jungs, die fragen: "Meine Freundin steht nicht darauf, wenn ich sie fiste. Was kann ich tun?" "Gerade bei so einer starken Sexualisierung der Gesellschaft braucht man Sexualerziehung, um Irrtümer und Unsicherheiten zu beseitigen", sagt Bettina Weidinger vom Österreichischen Institut für Sexualpädagogik, die selbst Workshops an Wiener Schulen durchführt.Diese Aufklärung ist auch Schwangerschaftsprophylaxe. Denn gerade die Mädchen, die Kinder gebären, tun das meist nicht aus einer bewussten Entscheidung heraus. Oft merken sie erst, dass sie schwanger sind, wenn es zu spät zum Abtreiben ist. "Das ist eine Mischung von Verdrängen und fehlender Körperkompetenz", sagt Hebamme Uschi Reim-Hofer von der Einrichtung YoungMum, die schwangere Teenager begleitet. Auf tausend 15- bis 19-Jährige kommen in Westeuropa durchschnittlich sechs Geburten. Österreich ist hier absolutes Schlusslicht. Anderswo gibt es dieses Problem nicht. Die Mehrzahl der europäischen Länder bietet die Pille danach rezeptfrei an. In französischen und britischen Schulen kann die Schulkrankenschwester das Medikament sogar verteilen. Kritiker fürchten, dass das Präparat dann zu leichtfertig eingenommen wird. "Von unserer Seite gibt es ein klares Nein zur Pille danach ohne Rezept", sagt Daniela Klinser, Pressesprecherin von Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky (ÖVP). "Die Pille danach könnte sehr viel Leid verhindern", meint hingegen Wimmer-Puchinger. Keine Pille danach und praxisferner Aufklärungsunterricht. Das sind nur zwei Kritikpunkte, die zeigen, dass sich der Staat aus dem Thema stark heraushält. Wenn die Politik klare Regeln scheut, hängt es aber letztlich vom Einzelnen ab, wie er mit Verhütung umgeht: vom jeweiligen Lehrer, ob er seine Schülerinnen zur Mädchensprechstunde beim Frauenarzt bringt, und vom jeweiligen Apotheker, ob er eine Teenagerschwangerschaft verhindert oder nicht. (erschienen in Falter 44/08)
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