Unser Bundesheer: Experten im Krieg gegen feindliche LawinenSunday, August 8. 2010 Österreich ist eines der wenigen europäischen Länder, die die allgemeine Wehrpflicht noch nicht abgeschafft haben. Dabei stammt der verpflichtende Dienst mit der Waffe aus der Zeit des Kalten Krieges, als sich ganz Westeuropa vor dem Einmarsch der Roten Armee fürchtete. Heute fehlt diese Bedrohung, weswegen die Politik neue Horrorszenarien entwerfen muss, um die Existenz eines Heeres aus Grundwehrdienern zu rechtfertigen.Die beste Erklärung bisher: Die Wehrpflicht ist unumstößlich, damit das Bundesheer weiterhin den Katastrophenschutz übernehmen kann. Das hieße also, dass Österreich alljährlich 25.000 jungen Männern ein halbes Lebensjahr stiehlt, um sicherzustellen, dass der Staat beim nächsten Hochwasser nicht komplett untergeht. Die Landesverteidigung ist nur eine von vielen Aufgaben unseres Bundesheeres noch wichtiger ist die Vorbereitung auf den nächsten Lawinenabgang. Mag schon sein, dass das eine berechtigte Frage ist: Wer soll nach der Abschaffung der Wehrpflicht und der Einführung eines kleinen Berufsheeres im Katastrophenfall einspringen? Die Feuerwehr? Eine freiwillige Helfertruppe? Und was kostet das? Absurd ist aber, die Existenz eines Heeres mit der Wahrscheinlichkeit von Überschwemmungen, Muren- oder Lawinenabgängen zu rechtfertigen. Den Befürwortern gehen die Argumente für die allgemeine Wehrpflicht aus. An den Auslandseinsätzen dürfen Grundwehrdiener sowieso nicht teilnehmen. Derweil findet in den Kasernen eine Art Beschäftigungstherapie statt. So scheint es, als sei der größte Zweck des Heeres, Jahr für Jahr Rekruten auszubilden die ohnehin niemand braucht. Dieser Kommentar ist im Falter 28/10 erschienen. Screenshot von der Webseite des Bundesheeres Wir alle sitzen in der Facebook-FalleWednesday, May 19. 2010
Facebook hat das Vertrauen seiner Kunden missbraucht, der Staat darf dem Monopolisten nicht weiter zusehen
Facebook und die Privatsphäre: ein Krampf. Nein, diese Fotos sind nicht für alle bestimmt. Nein, der eigene Name darf nicht für Werbezwecke benutzt werden. Nein, die Hobbys gehen die Menschen da draußen genauso wenig an.Viele User sind wütend. Ständig ändert das Webportal seine Privatsphäre-Bestimmungen, dauernd will es Information an einem vorbeischummeln und für alle sichtbar veröffentlichen. Um das zu verhindern, müssen die Benutzer einen Dschungel an Menüs und Untermenüs durchforsten, Dutzende Kästchen an- oder ausklicken. Trotzdem fehlt ihnen der Überblick, welche Daten Facebook weitergibt. Der Onlinedienst fordert die totale Transparenz, selbst lebt er aber pure Intransparenz. Die Wut ist berechtigt. Diesmal schreien nicht die üblichen Verdächtigen, Datenschützer und Webskeptiker, die es eh schon immer besser wussten. Diesmal melden sich die Rädelsführer des Internet zu Wort. Das Technikmagazin Wired warnt: „Facebook gerät außer Kontrolle.“ Die US-Sozialwissenschaftlerin Danah Boyd sagt: „Menschen werden überlistet, hinters Licht geführt, genötigt und verwirrt, damit sie Dinge machen, deren Konsequenzen sie nicht verstehen.“ Wer nie auf Facebook war, wird diese Emotion womöglich nicht nachvollziehen können. Viele Benutzer sind enttäuscht. Sie traten der Seite bei, weil sie ihnen eine bessere Kontrolle über ihre eigenen Daten versprach. Einst hatte Facebook einen guten Ruf unter den Social Networks. Hier konnte man mit Freunden Nachrichten und Fotos austauschen, ohne sich vor fremden Blicken zu fürchten. Heute ist es umgekehrt: Facebook hat 400 Millionen Mitglieder und nutzt seine Vorherrschaft aus. Seit Dezember ist jedes Profil automatisch öffentlich. Auf dem Freundschaftsportal fand ein Paradigmenwechsel statt. Aus dem Prinzip „alles ist verborgen“ wurde „alles ist offen“. Die Privatsphäre-Bestimmungen des Unternehmens sind mittlerweile länger als die amerikanische Verfassung. Natürlich geht es ums Geld, natürlich sammeln die Manager von Facebook fleißig Daten, um diese in Bares umzuwandeln. Für Mark Zuckerberg, den 26-jährigen Firmengründer, ist Transparenz aber nicht nur ein Geschäfts-, es ist sogar sein gewünschtes Gesellschaftsmodell. Er sieht die Privatsphäre als „überholtes“ Konzept, als „alte Konvention“, die nicht mehr dem Zeitgeist entspräche. „Mark glaubt wirklich an Transparenz und die Vision einer offenen Gesellschaft, deswegen will er die Menschen auch in diese Richtung drängen“, sagt etwa Sheryl Sandberg, Chief Operating Officer des Webdienstes. Natürlich ist es Zuckerbergs Recht, einen lockeren Umgang mit dem Schutz der eigenen Privatsphäre zu pflegen. Problematisch wird es aber dann, wenn er diesen Transparenzterror auf alle 400 Millionen Facebook-Mitglieder ausdehnt. Facebook ist heute ungeschlagen die Nummer eins unter den Social Networks. Die Betreiber der Seite wissen ganz genau, dass die User wenige Alternativen haben. Wir Internetjunkies sind in die Facebook-Falle getappt und befreien uns trotzdem nicht daraus. Warum? Weil die Plattform einen Mehrwert bietet. Wer heute Facebook verlässt, verliert zwar nicht die besten Freunde – aber einen Teil seines sozialen Umfelds, darunter ehemalige Studienkollegen oder Freunde aus dem Ausland. Natürlich könnte man anderen sozialen Netzwerken beitreten, doch dort trifft man nicht den ganzen virtuellen Bekanntenkreis an. Deswegen bleiben viele zähneknirschend und hoffen, dass Facebook irgendwann ihre Unzufriedenheit erkennt. Der Markt regelt sich doch nicht von allein. Facebook ist ein gutes Beispiel dafür. Viele hofften, dass User durch Proteste und Massenaustritte Druck ausüben und eine neue Dialogkultur zwischen Unternehmen und Konsument entstehen könnte. Bisher geschah das nicht, vielmehr fand ein Katz-und-Maus-Spiel statt. Alle paar Monate fallen Facebook neue Transparenztricks ein. Wenn daraufhin der Widerstand groß genug wird, gibt Facebook unter Umständen nach. Und alle jubeln. Man darf Facebook nicht dankbar sein, bloß weil es sensible Daten mit Respekt behandelt und sagt, was damit passiert. Das sollte das Recht der Konsumenten sein. Weil Facebook de facto ein Monopolist ist, müssen Wettbewerbsbehörden umso strenger darauf pochen. Sogar in den USA wird der Ruf nach Regulation lauter. Auch die EU könnte geschlossener auftreten. Facebook hat seinen Firmensitz zwar in Kalifornien, muss sich aber an europäische Datenschutzstandards halten. Gibt es Auswege abseits der staatlichen Kontrolle? In der Internetcommunity sammelten vier amerikanische Studenten binnen kurzer Zeit 170.000 Dollar an Spendengeldern. Sie wollen bis September die „Diaspora“ entwickeln – eine Alternative zu Facebook, bei der die Information der Mitglieder nicht zentral gespeichert wird. Stattdessen soll jeder User seine Daten selbst verwalten. Klingt sympathisch. Noch sind das aber nur gutgemeinte Worte. Und davon gab es in den letzten Jahren mehr als genug: Ein Start-up-Unternehmen nach dem anderen beteuerte, wie vertrauenswürdig es sei – und wurde dann zur Datenkrake. Macht korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut, merkt man hier. Deswegen ist es an der Zeit, nicht mehr auf gute Absichten zu vertrauen, sondern strikte Vorgaben zu machen. Wer tatsächlich Gutes im Sinn hat, wird sich daran nicht stoßen. Interessante Links: - Danah Boyd: Facebook and "radical transparency" - Electronic Frontier Foundation: Wie Facebook mit der Zeit seine Privacy-Bestimmungen veränderte - Tolle Grafik der New York Times: Wie schwierig es ist, sein Profil abzuschotten - Warum bleiben Menschen trotz allem auf Facebook? Medienwissenschaftlerin und Bloggerin Nancy Baym hat das sehr gut in der Ich-Perspektive erklärt - Facebook-Parodie Openbook: Facebook helps you connect and share with the people in your life. Whether you want to or not. Dieser Kommentar ist im Falter 20/10 erschienen. Foto: Flickr-User William Brawley Bitten und Betteln nützt nichts, ein Rauchverbot gehört her!Wednesday, May 5. 2010 Fast könnte man Mitleid bekommen. Die Wirte jammern, dass sie ab 1. Juli den Nichtraucherschutz zur Gänze umsetzen und getrennte Räume für Qualmer und Nichtqualmer anlegen müssen. Doch diese teure und umständliche Lösung haben sie sich selbst eingebrockt. Jahrelang haben sie gegen ein generelles Rauchverbot gekämpft, vor einem Wirtesterben gewarnt. Erst neulich hieß es aus der Wirtschaftskammer, dass 20 Prozent der Lokale den rigiden Nichtraucherschutz nicht überleben würden.Das ist Unsinn. Die Menschen hören nicht auf, ein Schnitzel im Wirtshaus zu essen, und sie bleiben abends auch nicht zuhause, weil sie nicht mehr an der Zigarette ziehen dürfen. Das zeigt die Erfahrung anderer europäischer Länder. So weit sind wir nur in der österreichischen Debatte noch nicht. Hierzulande wird permanent vom Recht der Raucher gesprochen. Dabei will doch niemand einem anderen verbieten, dass er privat zum Glimmstengel greift. Das kann er ruhig weiterhin vor der Tür, im Gastgarten oder zuhause machen. Nur soll er dabei nicht andere zum Mitrauchen zwingen – nicht einmal das Barpersonal. Norwegen führte 2004 ein strenges Rauchverbot ein, um Angestellte zu schützen. Solange in einzelnen Clubs oder Beisln gepofelt wird, werden dort Mitarbeiter die krebserregende Luft einatmen müssen. Es ist illusorisch zu glauben, dass nur Kettenraucher hinter der Schank stehen, die sich über eine eingeteerte Lunge freuen. Deswegen wird langfristig nichts an einem generellen Rauchverbot vorbeiführen. Die Frage ist nur, ob wir bis dahin eine hirnlose Übergangslösung brauchen. Oder lieber gleich alle frei durchatmen können. Dieser Kommentar ist im Falter 14/10 erschienen Vor den Augen aller gedemütigt: Google muss dagegen vorgehenThursday, March 4. 2010 Da staunte die Welt: In Italien wurden drei Google-Manager zu einem halben Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Grund ist ein Video, bei dem ein autistischer Junge von Mitschülern gedemütigt wurde. Der Clip war auf Googles Videoportal YouTube zwei Monate lang zu sehen, mehr als 5000-mal wurde es angeklickt, schließlich entfernte Google das Video. Allerdings zu spät, befand das Mailänder Gericht und verhängte eine drakonische Strafe – mit womöglich weitreichenden Folgen.Die große Frage ist, ob Google für sämtliche Videos auf YouTube verantwortlich sein soll. Der Internetriese lehnt das vehement ab. Das Urteil sei eine „ernsthafte Bedrohung für das Web in Italien“, man könne nicht jedes Video vorab überprüfen. Damit hat Google schon Recht. Es wäre falsch, Webseitenbetreiber für alle Inhalte ihrer User haften zu lassen. In diesem Fall würde das Web 2.0 zusammenbrechen. Zum Beispiel müsste jede einzelne Statusnachricht, die Menschen auf Facebook veröffentlichen, zuerst gelesen und genehmigt werden. Auch das EU-Recht hält das für überzogen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Denn Google und andere Internetdienste sind nicht frei von Verantwortung. Wenn ihnen rechtswidrige Inhalte gemeldet werden, müssen sie unverzüglich reagieren, Videos sofort löschen. Da versagen viele Internetfirmen. Sie reagieren oft nur mit Verzögerung, wenn User anstößige Inhalte melden. Meist gibt es keine Hotline, bei der man anrufen und sich beschweren kann. Deswegen ist das Mailänder Urteil ein gutes Signal: Webdienste dürfen hasserfüllte Kommentare nicht ignorieren oder nur halbherzig darauf reagieren. Sie müssen dagegen vorgehen – und zwar pronto. --------------------- Rechtlicher Hintergrund: EU-Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr, Artikel 14 (1) Die Mitgliedstaaten stellen sicher, daß im Fall eines Dienstes der Informationsgesellschaft, der in der Speicherung von durch einen Nutzer eingegebenen Informationen besteht, der Diensteanbieter nicht für die im Auftrag eines Nutzers gespeicherten Informationen verantwortlich ist, sofern folgende Voraussetzungen erfuellt sind: a) Der Anbieter hat keine tatsächliche Kenntnis von der rechtswidrigen Tätigkeit oder Information, und, in bezug auf Schadenersatzansprüche, ist er sich auch keiner Tatsachen oder Umstände bewußt, aus denen die rechtswidrige Tätigkeit oder Information offensichtlich wird, oder b) der Anbieter wird, sobald er diese Kenntnis oder dieses Bewußtsein erlangt, unverzüglich tätig, um die Information zu entfernen oder den Zugang zu ihr zu sperren. Dieser Kommentar ist im Falter 09/10 erschienen. Bild: Flickr-User psd Bis hierher und nicht weiter! Die Grünen müssen streng seinTuesday, November 3. 2009 Oberösterreich bleibt also doch schwarz-grün. Das Pragmatiker-Team rund um den grünen Landesrat Rudi Anschober hat in den vergangenen sechs Koalitionsjahren mit ÖVP-Landeshauptmann Josef Pühringer jedoch dazugelernt. "Mehr Spielraum für beide Teile in der Zusammenarbeit" soll es nun geben.Das ist nicht nur für Pühringer, sondern auch für den Juniorpartner gut. Die Grünen liefen Gefahr, wie der Wasserträger der ÖVP auszusehen. Sie stimmten selbst bei umstrittenen Projekten zu, trugen beispielsweise den geplanten (und schließlich von der SPÖ verhinderten) Börsengang der Energie-AG mit, anstatt ihn zur Koalitionsfrage zu erheben. Kein Wunder, dass da von Kuschelkurs gesprochen wurde. Um diesem Vorwurf entgegenzuwirken, haben sich die Grünen nun mit der ÖVP auf Vetomaterien für die kommenden sechs Jahre geeinigt. Darunter verstehen die Parteien Themen, bei denen sie sich nicht über den Koalitionspartner hinwegsetzen dürfen, Umweltpolitik zum Beispiel. Die Volkspartei soll hier den kleinen Partner nicht überstimmen können. Das Vetorecht ist auch notwendig, weil Pühringer enger mit SPÖ und FPÖ zusammenarbeiten will. Da besteht natürlich die Gefahr, dass die Grünen noch weniger ernst genommen werden, wenn sich die 46,76 Prozent starke ÖVP für jede Abstimmung den passenden Verbündeten suchen kann. Rudi Anschober muss künftig Nein sagen können. Das wird die zweite Herausforderung der Grünen sein. Die erste haben sie ja schon gemeistert: Sie haben gezeigt, dass sie konstruktiv mitregieren können. Diesmal geht es aber weniger um Konstruktivität und mehr um Konturen. Link: Schwarz-grünes Arbeitsübereinkommen (PDF) Dieser Kommentar ist im Falter 44/09 erschienen. Screenshot: www.anschober-effekt.at Ehret das Alter, aber schlagt die Säcke!Wednesday, September 16. 2009Der Autor ist Leiter des Falter-Feuilletons und zehn Monate jünger als der Leadsänger der Flaming Lips Eine Replik von Klaus Nüchtern Noch nie war die Jugend so daneben wie heute! Dieser Befund wird zurzeit auffallend häufig ausgestellt. Die Presse, einsamer Stachel im Fleisch des gerontokratischen Establishments, beklagte erst unlängst die Duldungsstarre einer Generation, die widerstandslos dabei zusehe, wie ihre Lebenschancen von einer Heerschar lebenslustiger Frühpensionisten verjubelt würden. Als nun auch noch FM4-Redakteur Martin Blumenau in seinem Webjournal die acht Thesen referierte, in denen Meredith „Alphamädchen“ Haaf im SZ-Magazin die eigene Generation der 25-Jährigen als geschwätzig, unpolitisch, ängstlich und mimosenhaft kritisierte, sprang Ingrid Brodnig der oberste Knopf vom Polo-Shirt. Vergangene Woche verwehrte sie sich an dieser Stelle gegen die Zumutung, ihre Altersgruppe einerseits als unpolitisch und phlegmatisch zu denunzieren, ihr andererseits aber die Lösung sämtlicher gesellschaftlicher Probleme zu delegieren. Sind die Fronten nun geklärt? Auf die Gefahr hin, als altersmilde (= freundlicher alter Sack) abgestempelt zu werden, möchte ich hier ein paar Abrüstungsvorschläge machen. Es verdient zum Beispiel erwähnt zu werden, dass Blumenau Haafs Thesen zwar zustimmend, aber auch ohne die weitverbreitete frühsenile Selbstgefälligkeit jener vortrug, die auf einmal immer schon ganz wilde Hunde gewesen sein wollen. Wenn man Blumenau etwas vorwerfen kann, dann ist es noch am ehesten die haltlose Idealisierung der Twentysomethings zur „Kernschicht der Innovation“. Dass sich bei diesen „Wagemut schon mit Lebenserfahrung kreuzen kann“, soll nicht bestritten werden. Es ist dies jedoch weniger eine Frage des Alters als der gesellschaftlichen und ökonomischen Umstände, unter denen Generationen sich formieren. Und die sind, wie Haaf zu Recht feststellt, für viele Junge von der Angst bestimmt, „keinen Platz in dieser Welt zu finden“. Unlängst habe ich in einem Zug das Gespräch zweier junger Frauen belauscht, die kurz vor bzw. nach der Matura standen. Die Ältere der beiden, die gerne Medizin studieren würde, hatte gerade irgendeine Auszeit in Neuseeland hinter sich (vermutlich verbunden mit einem Eintrag im Lebenslauf, der gut aussieht, aber auf dem Arbeitsmarkt auch nichts bringt) und gab der Jüngeren kundige Hinweise darauf, für welche Praktika sie sich schon frühzeitig anmelden müsse. Einige davon hatte sie schon absolviert – unbezahlt, versteht sich –, und sollte es mit der Aufnahme an eine der zahlreichen Unis, für die sie sich beworben hatte, in absehbarer Zeit nichts werden, würde sie eben weitere Praktika sammeln. Ich muss leider gestehen, dass meine Erstreaktion so etwas wie Verachtung war für ein dermaßen entwickeltes Ausmaß vermutlich auch noch leerlaufender Lebenstüchtigkeit. Dabei war der Umstand, dass ich und andere privilegierte Angehörige meiner Generation es ganz anders erlebt haben, gewiss nicht unser Verdienst. Für mich war die Uni noch ein Biotop, in dem ich mich – weitgehend suspendiert von den Nützlichkeitsimperativen einer durchkapitalisierten Gesellschaft – mit Ästhetik befassen und um Erkenntnis ringen würde. Ich hatte ziemlich viel Zeit, mich abseits jeglicher Berufspragmatik umzuschauen, mich in der Hochschulpolitik zu engagieren und den Herrgott hin und wieder einen guten Mann sein zu lassen. Aus der Sicht heutiger Twenty-somethings muss das als paradiesisch (oder völlig weltfremd) erscheinen. Gewiss, der Generationenvertrag (den noch nie irgendjemand unterzeichnet hat) ist argen Belastungen ausgesetzt; und gewiss ist der Wohlfahrtsstaat, wie der Sozialforscher Bernd Marin unlängst anmerkte, nicht dazu da, von seinen letzten Nutznießern mit ins Grab genommen zu werden. Dennoch sehe ich keinen Grund für eine Martialisierung des Generationenkonflikts, erst recht nicht, wenn er mit Ressentiments und popkultureller Distinktionshuberei einhergeht, die tatsächliche Interessenkonflikte und Klassengegensätze eher verschleiern als erklären. Das Generationenspiel muss in Gang gehalten werden, meint der Sozialwissenschaftler Heinz Bude. Soll heißen: Menschen müssen lernen, altersadäquate Rollen und Aufgaben zu übernehmen. Die fallen aber nicht vom Himmel, sondern müssen gesellschaftlich erzeugt werden. Das mit Häme bedachte Berufsjugendlichentum und die Unfähigkeit zu altern sind nur die Schattenseite einer neuen Freiheit, die mit einer gestiegenen Lebenserwartung und einem neuen Lebensabschnittsdesign einhergeht. Früher legten sich Frauen irgendwann einmal eine brettharte Dauerwelle zu und wurden hinfort einer postsexuellen Existenzform zugerechnet; heute bekommen sie in diesem Alter ihr erstes Kind. Die Grenzen zwischen den Alterskohorten werden nicht zuletzt deswegen diffus, weil langanhaltende Kontinuitäten – hoher Wohlstand, kein Krieg – generationenübergreifend wirksam sind, was wiederum zur Dramatisierung von Lebensstil- und Mediennutzungsdifferenzen führt. Damit muss man umgehen lernen. Wie in so vielen Fällen empfiehlt es sich auch hier, locker zu bleiben und Nachsicht zu üben. Dass die 35-Jährigen ihre Freitag-Taschen abgeben müssen und Leute erst ab 60 zu Bob-Dylan-Konzerten zugelassen werden, kann ja kaum der Weisheit letzter Schluss sein. Und noch eins: Das Schlimme am alten Sack ist nicht das Alter, sondern die Sackhaftigkeit. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war der alte früher mal ein junger Sack. Diese Replik von Klaus Nüchtern erschien im Falter 38/09. Vielen Dank an den Autor, dass er einer Veröffentlichung in diesem Blog zustimmte. Foto: privat Rebelliert halt selbst, ihr alten Säcke!Tuesday, September 8. 2009 Ich habe es satt, als Mittzwanzigerin für alle Probleme in der Gesellschaft verantwortlich gemacht zu werdenRechtsradikale, Komasäufer, Schulversager. Wer sind die heute 20- bis 29-Jährigen überhaupt? Über meine Altersgruppe habe ich mir schon viel anhören müssen: dass wir alle so unpolitisch sind, so konservativ. Dass wir lieber in klimatisierten Hörsälen hocken als in besetzten Häusern. Dass wir unsere Überzeugungen für einen hübschen Lebenslauf geopfert haben und doch nur in der Praktikaschleife steckenbleiben. Dass wir stille Mitläufer sind, die dann auch noch Heinz-Christian Strache wählen. Zuletzt klagte FM4-Oldie Martin Blumenau über meine Generation und zeichnete das Bild von 20- bis 29-Jährigen – die sind feige Jasager. Als Beweis zitierte er die Thesen der jungen deutschen Journalistin Meredith Haaf über die ängstlichen unter 30-Jährigen. Wenn die ihre Generation beschimpft, muss das doch stimmen. Meine Altersgruppe ist der Fußabstreifer, an dem man sich abputzen kann, wenn einen etwas an der Gesellschaft stört. Da finden sie schnell einen Schuldigen und fühlen sich gut dabei. Früher war sowieso alles besser. Zur Erinnerung: Als Jörg Haider 1999 bei der Nationalratswahl 27 Prozent einfuhr, durfte ich noch gar nicht wählen. Und die meisten von uns 20- bis 29-Jährigen auch nicht. Es ist ein Mythos, dass die Jugend so viel rechtsextremer wäre. Der Eindruck entstand, weil Zeitungen gerne von den milchbübigen Strache-Wählern berichten. Der Kurier schrieb zum Beispiel von einem „Marsch nach rechts“. Doch die Studien der Politologen und Meinungsforscher belegen diese Behauptung nicht. Die Jungwähler tendieren nicht mehr nach rechtsaußen als die Gesamtbevölkerung. Mag schon sein, dass viele von uns unpolitisch, verdrossen oder gar demokratieskeptisch sind. Eine ähnliche Tendenz zeigt sich aber auch bei den Älteren. Jeder fünfte Österreicher sehnt sich nach einem starken Mann, der sich nicht um das Parlament kümmern muss. 1999 taten das nur 15 Prozent. Der Vorwurf der Politikverdrossenheit ist amüsant, wenn er von einer so abgestumpften Gesellschaft kommt. Wer das als verlogen bezeichnet, hört ein Totschlagargument: Der Idealismus, das Rebellentum gehöre halt zum Jungsein dazu. Wirklich? Vielleicht ist das für Ältere nur ein Vorwand, die Füße hochlegen und selbst nicht aktiv werden zu müssen. Die strenge Unterscheidung zwischen Jung und Alt funktioniert nicht mehr. Wir Jungen sind pragmatischer geworden, die Alten wollen nicht erwachsen werden. Also hängen sich 40-Jährige Freitag-Taschen um, besuchen Gürtellokale und hören Bands, deren Mitglieder halb so alt sind wie sie. Geht es dann plötzlich um politischen Widerstand, ist das wieder unser Job. Demonstrieren soll die Jugend, wir haben schon einmal! Dabei sind wir ja nicht alle unkritische Stubenhocker. Zwei Studentinnen haben die Lichterkette gegen rechte Hetze organisiert. Im heurigen Frühjahr gingen 25.000 Schüler auf die Straße. Sie wollten in der Bildungsdebatte ebenso mitreden.Ich selbst war dabei, als im Museumsquartier hunderte junge Menschen mit Bierdosen, Gitarren und Soundblastern aufmarschierten. Wir wehrten uns gegen die Verreglementierung des öffentlichen Raums und das Verbot von mitgebrachtem Alkohol. Erfolgreich übrigens. Gerne wird über solche Proteste gelacht. Aus der Schülerdemo machten Journalisten einen Wettbewerb, wer den dümmsten O-Ton findet. Beim Museumsquartier hörten wir: „Typisch, wenn es ums Saufen geht, seid ihr plötzlich politisch.“ Aber das ist schnell dahingesagt, wenn man selbst gut verdient und ohne Blick ins Geldbörsel einen Aperol-Spritzer nach dem anderen bestellen kann. Über uns Junge wird dann auch philosophiert. Schon schlimm, das mit dem Komatrinken. Doch welche Altersgruppe schüttet sich am meisten zu? Die 30- bis 39-Jährigen. Sie konsumieren am Tag durchschnittlich 32 Gramm Alkohol, bei den Männern sind es sogar 48 Gramm. Dagegen sind die 14- bis 19-Jährigen Waserln (17 Gramm). Trotzdem lesen wir viel über Kids, die ins Spital müssen, und wenig über Erwachsene, die den dritten Entzug hinter sich haben. Es geht nicht darum, meine Generation zu glorifzieren. Ich frage mich aber: Wenn die 30-, 40- oder 50-Jährigen so schlimme Zustände in der Gesellschaft erkennen, warum -werden sie nicht selbst aktiv? Tatsächlich sind viele Ältere genauso dämlich wie wir, nur reden sie klüger daher. Für Haaf und Blumenau ist das ein Anzeichen für die fehlende Kritikfähigkeit der 20- bis 29-Jährigen: Wenn uns etwas gefällt, Thumbs up! Wenn etwas unangemessen oder problematisch ist – Schweigen. Das Tolle an dieser These: Martin Blumenau ist selbst auf Facebook. Und zwar mit 556 Freunden. Aber für ihn gilt diese Kritik natürlich nicht. Er kann das Onlineportal offenbar nutzen, ohne zum Jasager zu werden. Das ist wohl die Gnade der frühen Geburt. Dieser Kommentar erschien im Falter 37/09. Klaus Nüchtern hat eine Replik verfasst. Bild 1: Sujetfoto von Flickr-User viZZZual.com Bild 2: Protest im Museumsquartier (Foto: Brodnig) Bild 3: Das "Daumen nach oben"-Symbol (Screenshot von Facebook.com) Die Regierung und ihre ganz spezielle RelativitätstheorieSunday, May 24. 2009![]() Dies ist eine Karte mit den Mitgliedstaaten von Cern. Auch Österreich ist bisher eines der vielen gelben Länder. So rechtfertigt der Minister den Ausstieg - er tut das allerdings wenige Wochen nachdem der Lehrerstreit beiseite gelegt wurde. Damals zauberte Hahns Parteichef, Finanzminister Josef Pröll, plötzlich doch noch 240 Millionen Euro für das Unterrichtsministerium aus dem Hut, zwar geborgtes Geld, aber immerhin müssen die Lehrer nicht zwei zusätzliche Stunden unterrichten. Was sind 20 Millionen Euro wert? Das ist anscheinend relativ - je nachdem, bei wem gespart wird. Das Problem dabei ist nicht, dass es in Zeiten der Krise harte Sparmaßnahmen braucht. Das sehen viele Steuerzahler natürlich ein. Nur mit dem Wir-müssen-sparen-Schmäh lässt sich nicht alles argumentieren. Das zeigt auch ein Blick auf die Bankenhilfe. Das lässt sich der Staat pro Jahr 253 Millionen Euro kosten - aber nicht nur, weil es sinnvoll ist, Banken zu retten, sondern auch, weil er sich auf ungünstige Konditionen einließ (siehe Artikel Seite 12). Wissenschaftler klagen nun, dass Österreichs Image wegen Cern angeschlagen sei. Sicher ist, dass die Prioritätensetzung der Regierung seltsam wirkt. Aber vielleicht ist ihr Interesse an Forschung auch nur relativ. Dieser Kommentar ist im Falter 20/09 erschienen. Das Bild stammt von Flickr-User Robert Scoble. Wer die Dame auf dem Bild ist, war mir leider nicht ersichtlich. Ein wenig Sparen ist noch keine VisionWednesday, March 18. 2009
Zwei Unterrichtsstunden mehr? Der Reformstau liegt anderswo. Die Finnen weisen den richtigen Bildungsweg
Packt SPÖ-Unterrichtsministerin Claudia Schmied endlich ein richtig heißes Eisen an? Auf den ersten Blick sieht es so aus: Die Ministerin stellt einfach die Sonderstellung der Lehrer infrage und schickt sie zwei Stunden länger in den Unterricht - ohne zuvor die Gewerkschaft zu konsultieren. Boulevard und Neidgenossenschaft applaudieren.Wer näher hinschaut, erkennt jedoch, dass es sich bei Schmieds Plänen nur um ein Sparprogramm und nicht um eine Bildungsreform handelt. Die Unterrichtsministerin hat vergangene Woche lediglich vorgeschlagen, dass Lehrer im Rahmen der 40-Stunden-Woche zwei Stunden zusätzlich unterrichten sollen, damit sich der Staat trotz Wirtschaftskrise Bildungsmaßnahmen wie kleinere Klassen und Förderkurse leisten kann. Die Statistik zeigt tatsächlich, dass unsere Lehrer im internationalen Vergleich vergleichsweise selten in der Klasse stehen. In Unterstufengymnasien und Hauptschulen stehen sie pro Jahr 607 Stunden an der Tafel. Im OECD-Schnitt sind es über 100 Stunden mehr. Da hört sich Schmieds Idee zunächst sinnvoll an. Auf den zweiten Blick ist ihr Plan leider unausgegoren. Er berücksichtigt nicht, dass es Unterschiede gibt, welcher Lehrer wie viele Stunden unterrichtet. Ob ein Pädagoge Turnen oder Mathematik lehrt, an einer Volksschule oder in der AHS-Unterstufe arbeitet, ist sehr entscheidend dafür, wie viel Zeitaufwand mit einer Unterrichtsstunde verbunden ist. Das alleine ist nicht das größte Manko an Schmieds Vorschlag. Das Gefeilsche über 100 Minuten Unterricht mehr oder weniger lenkt von den großen Reformbrocken ab, etwa einer Zukunftsvision für den Lehrberuf in diesem Land. Österreichische Schulen - und das ist das grundsätzliche Problem des heimischen Bildungswesens, fördern nicht alle Kinder gleich. Noch immer fühlen sich viele Lehrer nicht für die Motivation eines schlechten Schülers verantwortlich. Lieber erklären sie Kinder für zu dumm oder zu faul, anstatt sie zu unterstützen. Hier müsste moderne Bildungspolitik ansetzen. Viel klüger wäre es gewesen, wenn Schmied die Stundenerhöhung in ein Gesamtkonzept für die Lehrprofession eingebettet hätte. Eine allgemeine Reform des Dienstrechts sowie der Lehrerausbildung wäre dringend notwendig. Schulen sollen ihr Unterrichtspersonal selbst aussuchen dürfen, es muss vor allem Möglichkeiten geben, unfähige Lehrer aus dem Klassenzimmer zu befördern anstatt lernschwache Schüler. Derzeit haben es ausgerechnet die ambitionierten Lehrer schwer. In den Konferenzzimmern bläst ihnen ein eiskalter Wind aus Richtung jener Kollegen entgegen, die ihren Job nur als Überbrückungsmöglichkeit bis zur Pension sehen. Gleichzeitig fehlt es an Anerkennung und Aufstiegsmöglichkeiten. Das Dienstrecht bietet den Hochmotivierten keine Belohnung an: Sie stecken in einem starren Gehaltsschema. Schmieds Vorschlag verschärft diese Situation auch noch, weil er pauschal für alle Lehrer zwei Stunden mehr bringt. Wer seinen Unterricht gründlich vorbereitet, der wird diese zwei Stunden deutlicher wahrnehmen als diejenigen, die schnell ein Video rauskramen, wenn sie wieder einmal keinen Stoff geplant haben. Wer Reformen wagen will, der muss einmal mehr zu den Finnen blicken: Sie sind Pisa-Sieger, aber ihre Lehrer verbringen vergleichsweise wenig Zeit in den Klassen. Wer an der Gesamtschule arbeitet, unterrichtet pro Jahr 589 Stunden - also sogar ein bisschen weniger als bei uns. Trotzdem ist das finnische Schulsystem viel mehr vom Leistungsgedanken geprägt: Schon bei der Ausbildung wird kräftig ausgesiebt. Nur jeder zehnte Bewerber ergattert einen Platz fürs Lehramtstudium. Dafür ist Lehrer ein höchst angesehener Beruf in der finnischen Gesellschaft. Ganz im Gegensatz zu Österreich: Hier darf jeder Maturant Lehramt studieren. Wer seine Ausbildung abschließt, landet auf einer Warteliste - der Garant für eine spätere Anstellung im Schulbetrieb. Wenn die Regierung über die Arbeitswelt der Lehrer reden will, dann sollte sie wesentliche Themen wie Dienstrecht, Aufnahmeprüfungen oder den Ausbau der Kündigungsmöglichkeit ansprechen. In der aktuellen Debatte wird auch ausgeblendet, dass es noch andere Einsparpotenziale gibt - allen voran in der Schulverwaltung. Österreich ist bekannt dafür, Unsummen für seine Schulbürokratie zu verheizen. Bund und Länder wollen mitreden und ihre Posten nach Parteibuch vergeben. Auch hier dient Finnland als Vorbild. Der finnische Verwaltungsapparat ist wesentlich effizienter. Von der ersten bis zur sechsten Klasse investieren die Nordeuropäer pro Schüler rund 5600 Dollar. Im bildungsschwächeren Österreich sind es fast 3000 Dollar mehr. Schmieds Vorschlag, mit mehr Unterricht Geld zu sparen, ist also zu wenig. Die Ministerin hätte Lob verdient, wenn sie es wagen würde, die unnützen Doppelgleisigkeiten abzubauen. Doch bei so einer Idee würde sie noch auf wesentlich mehr Widerstand stoßen als jetzt. Da würde Fritz Neugebauer, der sogar von der konservativen Presse "die sprechende Betonstatue" genannt wird, zu einer Stahlbetonwand werden. Allein so weit kommt es nicht. Hierzulande reicht es, ein bisschen an der Unterrichtszeit herumzudrehen, um den Eindruck zu erwecken, eine essenzielle Bildungsreform auf Schiene gebracht zu haben. Dieser Kommentar ist im Falter 10/09 erschienen.
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