Das kaputte GeschäftThursday, February 11. 2010
Alles runterladen und nichts zahlen: wie aus knausrigen Internetusern wieder profitable Musikkunden werden könnten
![]() Ist das die Zukunft des Musikhörens? Fast alle Musik der Welt steht auf Knopfdruck zur Verfügung, vom Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker über die aktuelle Platte von Robbie Williams bis hin zu Ernst Moldens Bubenliedern. Aber nicht erst nach Bezahlung wie beim Download-Shop iTunes und auch nicht in mieser Klangqualität wie beim Gratis-Videoportal YouTube. Das momentan spannendste kommerzielle Musikangebot im Internet schlägt einen anderen Weg vor. Bei Spotify wird Musik nicht mehr auf die Festplatte gespeichert, sondern in passabler Qualität übers Netz gestreamt. Ohne Zeitverzögerung kann der Kunde auf mehr als sieben Millionen Titel zugreifen. Entweder er nutzt die Gratisversion und nimmt dafür zwischendurch Werbung in Kauf. Oder er zahlt rund zehn Euro im Monat, kann dann aber auch offline und per Handy Musik hören. Spotify ist ein großer Hoffnungsträger der Musikindustrie. Illegale Downloads, die grassierende Gratismentalität der User und der schleichende Tod des Tonträgers setzen den Labels seit zehn Jahren heftig zu. Selbst Urheberrechtsverschärfungen und gerichtliche Klagen gegen Internetpiraten konnten bislang nichts an den Einbrüchen auf dem Tonträgermarkt ändern. In Österreich etwa wurden vor zehn Jahren mit CDs, Platten, Minidiscs noch 312,5 Millionen Euro erwirtschaftet. 2008 waren es nur noch 185 Millionen Euro – und diese Summe beinhaltet sogar die Einkünfte aus MP3s und anderen Onlineangeboten. Nun suchen alle nach neuen Einnahmequellen. ![]() IFPI-Geschäftsführer Franz Medwenitsch nennt Spotify eine "Erfolgsstory" Zwei sehr konträre Lösungsmodelle werden oft vorgeschlagen: zum einen die sogenannte Musikflatrate, eine staatlich verordnete Abgabe für alle Internetuser; zum anderen das Musik-Abo von kommerziellen Diensten wie Spotify, bei dem sich User ein Programm auf den Rechner laden und auf Millionen Titel zugreifen können. Der Onlinedienst Spotify hat Verträge mit allen großen Plattenfirmen und vielen Indielabels abgeschlossen. In Schweden, Norwegen, Finnland, Großbritannien, Spanien und Frankreich gibt es das Angebot bereits. Und hierzulande? „Österreich liegt auf der Roadmap“, sagt Alexander Shapiro, ein Berater des Unternehmens. Gespräche mit österreichischen Firmen habe es schon gegeben, ein geeigneter Partner sei aber nicht gefunden worden. Verlockend für den Konsumenten, verwirrend für die Künstler. Spotify ist das Liebkind der großen Labels, sie besitzen Anteile an der Firma. Es wird kritisiert, dass die größeren Labels bessere Deals haben als die kleineren. Auch hierzulande gibt es Plattenfirmen, deren Songs bereits auf dem Abo-Dienst laufen, die aber noch keinen Cent gesehen haben. Das sind die großen Gefahren im Onlinegeschäft: Die Abrechnungsmodelle sind oft intransparent, Indie-Labels haben schlechte Verhandlungspositionen. Die entscheidende Frage aber ist, ob Spotify jemals lukrativ wird. Der Service startete im Oktober 2008 in Schweden und hat heute sieben Millionen Kunden. Doch 95 Prozent davon bezahlen – nichts. Spotify möchte langfristig gegen die Gratismentalität ankämpfen. Zunächst sollen die User in Massen mit dem kostenlosen werbegestützten Modell angelockt werden; dann werden ihnen die Vorteile der Premiumversion schmackhaft gemacht: bessere Klangqualität sowie die Nutzung offline und am Handy. Aber ob dieses Konzept aufgeht, darüber streiten derzeit alle. Nicht nur illegale Downloads, die generelle Gratismentalität ist das Problem der Musikbranche. Viele Junge kaufen weder CDs noch Tracks bei iTunes, sondern hören Musik auf Seiten wie MySpace, YouTube und Last.fm. Das kostet nichts und ist legal. Was also, wenn Spotify mit seinem Musik-Abo scheitert? Wenn die User nicht mehr freiwillig bezahlen? Dann werden sie dazu gezwungen. Das ist der andere Lösungsvorschlag. ![]() Volker Grassmuck sieht die Kultur-Flatrate als einzige Lösung Die Rechnung funktioniert in etwa so: In Österreich gibt es fast drei Millionen Breitband-Internetanschlüsse; wenn von jedem davon fünf Euro monatlich eingenommen würden, ergäbe das beinahe 180 Millionen Euro pro Jahr. Das Modell klingt utopisch, hat aber ernstzunehmende Befürworter. Volker Grassmuck, Mediensoziologe an der Universität São Paulo, ist einer davon. Am 10. Februar wird er im Rahmen der Musikwirtschaftsdialoge über die Flatrate diskutieren. „Anfangs war ich auch sehr skeptisch, ob sie umsetzbar sei. Aber mittlerweile gehe ich davon aus“, meint er. Man könne das Downloadverhalten der User anonym erfassen, etwa über repräsentative Marktforschung und technische Kontrollverfahren. Das Geld ginge dann an Künstler, deren Werke heruntergeladen, also von der Öffentlichkeit nachgefragt werden. Somit würde Musik vermehrt zu einem gesellschaftlich geförderten Kulturgut, anstatt Ware auf dem freien Markt zu sein. Die deutschen Grünen setzen sich für dieses Modell ein, die Regierung der Isle of Man plant einen Pilotversuch, in Branchenkreisen wird auch hierzulande darüber diskutiert – wenn auch nur leise. „Unter den Labels ist es schon ein großes Thema“, sagt Clara Luzia. Sie diskutiert gerade im VTMÖ, dem Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen, Musikverlage und Musikproduzenten Österreichs, mit ihren Kollegen über die Pauschalabgabe. Das Beispiel von Clara Luzia zeigt, wie schwierig der Musikmarkt geworden ist. Die Singer/Songwriterin ist in ihrem Segment, dem österreichischen Indiepop, eine namhafte Größe. Sie bekommt gute Plattenkritiken, füllt Konzertsäle und wird nicht nur auf FM4, sondern auch auf Ö3 gespielt. Müsste sie nur auf ihre Band achten, könnte sie unter Umständen davon leben. Sie führt allerdings auch ein kleines Label namens Asinella Records, das österreichische Künstler herausbringt. „Und weil ich dieses Label habe“, sagt sie, „geht sich die Rechnung hinten und vorne nicht aus.“ Das ist ein Teil der Realität, den viele Internetpiraten oder ungeneröse Webuser allzu gerne ausblenden. Sie reden sich darauf hinaus, doch Eintrittskarten für Konzerte und Band-T-Shirts zu kaufen. Doch davon bleibt wenig beim Künstler: Clara Luzia verkauft wie viele andere auch ihre Shirts zum Selbstkostenpreis; von der Gage für den Auftritt werden zuerst Fahrkosten und Bookinggebühren abgezogen, der Rest wird auf alle Bandmitglieder aufgeteilt. „Entweder die Bands und kleinen Indielabels verabschieden sich vom Gedanken, von der Musik leben zu können. Oder man braucht eine Lösung“, meint die Musikerin. Grundsätzlich kann sie sich für die Idee der Flatrate erwärmen. „Ich fände das gerechtfertigt. Die Leute, die Internetzugang haben, sollen auch dafür bezahlen, dass sie diese Inhalte im Internet finden.“ Freilich: Ob eine Flatrate sinnvoll ist oder nicht, hängt von ihrer konkreten Umsetzung ab. Für die Urheberrechtsbesitzer stellt sich die schwierige Frage, nach welchem Schlüssel das Geld aufgeteilt würde. Viele Konsumenten werden einen anderen Einwand haben: Warum sollen sie die Zeche zahlen, wenn sie selbst nichts illegal herunterladen? Für Volker Grassmuck ist die Flatrate eine Querfinanzierung, die es in anderen Bereichen auch gibt. Die Leerkassettenvergütung zahlt man bereits für jeden CD-Rohling, unabhängig davon, ob auf diesen dann wirklich Musik gebrannt wird oder nicht. Auch die Rundfunkgebühren fallen für alle Fernsehbesitzer an, selbst wenn sie nur RTL und Pro7 einschalten. „Auch Menschen, die keine Kinder haben, finanzieren mit ihren Steuern die öffentlichen Schulen“, sagt Grassmuck. Nicht jeder sieht das so. „Die Kultur-Flatrate ist ein Enteignungs- und Steuermodell, das Unternehmertum durch Bürokratie ersetzen will“, meint etwa Franz Medwenitsch, der Geschäftsführer des Verbands der heimischen Musikwirtschaft (IFPI). Als Vertreter der Musikindustrie missfällt ihm die staatliche verordnete Zwangsabgabe. „Sie wirft viel mehr Fragen auf, als sie je beantworten könnte“, sagt Medwenitsch. Die Kultur-Flatrate wäre auch eine direkte Konkurrenz zu kommerziellen Bezahlmodellen. Welcher Konsument würde noch für einen Song auf iTunes zahlen, wenn er mit der Flatrate die Erlaubnis zum Gratisdownload bekommt? Wie würde sich das auf den Verkauf von CDs auswirken? Mehr Fragen als Antworten. Das trifft auf beide Modelle zu. Auch gibt es Experten, die sich keine Rettung der Branche mehr erwarten. Die fetten Jahre seien vorbei, meint etwa der Elektronikproduzent Wolfgang Schögl alias I-Wolf. „Das wird sich nicht mehr rentieren“, sagt er und weicht als Musiker selbst auf Film- und Bühnenproduktionen aus, wo es noch Geld gibt. Andere komponieren Werbejingles oder touren permanent durch die Lande. Eine Gemeinsamkeit haben das Konzept der Kultur-Flatrate und jenes von Spotify: Sie gehen von einer anderen Musiknutzung in Zukunft aus. Durch die Digitalisierung wurde Musik zur unbeschränkt zugänglichen Ware. Am PC lässt sich alles kopieren, herunterladen, versenden. Das Album wirkt wie das anachronistische Überbleibsel einer Zeit, als man noch in den Plattenladen ging oder Radiosendungen auf Kassette aufnahm. Einst arbeitete Walter Gröbchen selbst für das legendäre Ö3-Radiomagazin „Musicbox“. Heute hat er Spotify auf seinem Laptop installiert – und ist davon angetan. Er sieht in Abo-Diensten mehr Hoffnung als Gefahren. „Die Vorstellung ist schon faszinierend, zu jeder Zeit jede Musik der Welt hören zu können“, meint Gröbchen, der auch das Label Monkey Music leitet. Er kann sich vorstellen, dass man Musik künftig nicht als Tonträger besitzen, sondern eher über Streamingangebote hören wird. Egal ob die Kultur-Flatrate jemals von einer Regierung per Gesetz eingeführt wird oder ob Spotify am Markt überlebt: Beide Konzepte weisen auf eine Zukunft hin, in der Musik nicht mehr in kleinen Dosen, zum Beispiel als Album oder einzelner Download, feilgeboten wird. Stattdessen kauft man sich den generellen Zugang und kann dann alles anhören, was es gibt. Dieser Artikel ist im Falter 05/10 erschienen. Illustration: PM Hoffmann Fotos: privat / Corn / Grassmuck Bei echtem Protest wird auch die Jury ausgebuhtThursday, February 11. 2010
Der Protestsongcontest ist eine Mischung aus Castingshow und Gesellschaftskritik. Verstimmungen sind einkalkuliert
![]() Die Cremeschnitten gehören zu den 10 Finalisten Darum ging es zum Beispiel in zwei Einsendungen. Aus rund 200 Liedern wurden die 25 besten gewählt, sie durften ins Halbfinale. Hier in der Veranstaltungshalle im 15. Bezirk traten die Bands entweder live auf oder spielten ihren Song auf CD vor, im Finale muss dann alles live sein. Zehn Bands kamen weiter. Die Endrunde findet am 12. Februar im Wiener Rabenhof statt. An diesem Tag begann 1934 der österreichische Bürgerkrieg, auch der Rabenhof wurde beschossen. Seit sieben Jahren gibt es musikalischen Widerstand im Rabenhof-Theater. Von dort stammt die Idee, Kooperationspartner ist FM4. Mathias Zsutty ist im Sender dafür zuständig und moderierte auch die Vorausscheidung. Auf der Bühne fragte er jeden Kandidaten, wogegen er protestiert. Manche hätten sich vorab eine Antwort überlegen sollen. Was einen guten Protestsong ausmacht? „Für mich ist wichtig, dass es ein konkretes Anliegen gibt“, sagt Zsutty. Auch heuer scheiterten im Halbfinale vor allem jene Bands, die keine klare Botschaft hatten. Das Lied „Start the Revolution“ wollte zum Beispiel zum Aufstand aufrufen, doch welche Revolution war gemeint? Das verrieten die Musiker nicht – und schieden aus. Die zehn Finalisten treten kommenden Freitag an (die Songs kann man hier anhören). Darunter vielversprechende Acts wie die Band pauT, die mit Kontrabass, Klarinette und E-Gitarre gegen all die klugen Ratschläge antritt, oder der Beschwerdechor St. Pölten, der die Tristesse in der Provinz gemeinsam besingt. Der Gewinner kann dann einen Abend im Rabenhof veranstalten und wird auf FM4 fleißig gespielt. Die Musik und die gesellschaftskritischen Texte sind dabei nur der halbe Spaß. Die ausgeflippten Bühneneinlagen und böse Kommentare von der Jury gehören mittlerweile auch schon bei der Vorauswahl dazu. Im Finale wird der Ton dann noch rauer. Da passiert es regelmäßig, dass die Jury – insbesondere die Falter-Kolumnistin Doris Knecht – ausgebuht wird. Zsutty stört das nicht, im Gegenteil: „Das macht auch den Charme der Veranstaltung aus: Das Publikum kann sich einmischen, sogar mit Buhrufen.“ Dieser Bericht ist für das Feuilleton im Falter 05/10 erschienen. Foto: Julia Fuchs Recht auf HeimlichkeitSunday, September 27. 2009 Die Schriftstellerin Juli Zeh hat ihre düstere Zukunftsvision mit der Band Slut vertontAlles ist rein, die Menschen sind gesund, makellos und schön. Kriege, Hunger und religiöser Wahn gehören der Vergangenheit an. Auf den ersten Blick beherbergt die Zukunft, die Juli Zeh in „Corpus Delicti“ beschreibt, eine perfekte Welt. Allerdings ist auch die Freiheit massiv eingeschränkt: Man ist verpflichtet, auf seine Fitness zu achten, Rauchen ist sowieso verboten, und auch der Partner muss gewisse genetische Kriterien erfüllen. Das Werkzeug, um diese totalitär gewordene Vorstellung von Gesundheit durchzusetzen, wird schlicht „die Methode“ genannt und vom Großteil der Bürger blind befolgt. Juli Zeh versteht ihr Buch als Warnung: „Unser Menschenbild wird immer biologistischer, wir betrachten Zufriedenheit und Gesundheit als rein abstrakten Wert. Es gibt Mädchen, die sich fast zu Tode hungern, um schlank zu werden!“ Die 35-jährige Zeh hat „Corpus Delicti“ zunächst als Theaterstück geschrieben, dann als Roman adaptiert – und den Text nun noch einmal mit der deutschen Indieband Slut überarbeitet. „Überarbeiten kann man schon gar nicht mehr sagen. Ich habe die Texte wirklich als Steinbruch benutzt“, präzisiert Zeh im Interview. Das Ergebnis nennt sich „Schallnovelle“ – kein Hörspiel und auch keine Lesung mit ein bisschen Musik, sondern eine atmosphärische Collage aus Text und Ton, bei der Zeh auch als Backgroundsängerin mitwirkt. „Corpus Delicti“ übersteigert und verfremdet Bekanntes. Die Hörer werden zum Beispiel mit Warnhinweisen traktiert, wie wir sie aus dem Kino kennen: Zusätzlich zu den gewohnten Warnungen vor Raubkopien gibt es noch Gesundheitstipps – ganz im Stil der „Methode“, der auch die Protagonistin, Mia Holl, folgt – bis sie nach dem Selbstmord ihres Bruders beginnt, die „Methode“ infrage zu stellen. Die Fassade beginnt langsam zu bröckeln, die Diktatur zeigt ihr skrupelloses Gesicht: jenes des Journalisten und obersten Meinungsführers im Lande, Heinrich Kramer. Die Handlung des Buchs ist in der Schallnovelle nur mehr erahnbar. Trotzdem muss man den Roman nicht gelesen haben, um zu merken: In diesem Staat ist etwas faul. „Wenn man Katastrophen im Rückblick betrachtet, fragt man sich immer: Wieso haben die damals nichts gemerkt? Aber wenn man in diesem Prozess drinnensteckt, fehlt einem der nötige Abstand“, erklärt Zeh. Mittlerweile ist sie ja nicht nur als erfolgreiche Autorin, sondern auch als Gegnerin übereifriger Sicherheitspolitiker bekannt. Die studierte Juristin hat bereits Beschwerde beim deutschen Bundesverfassungsgerichtshof gegen Fingerabdrücke im Reisepass eingereicht und vor kurzem das gemeinsam mit Ilija Trojanow verfasste Sachbuch „Angriff auf die Freiheit“ veröffentlicht. Videokameras, DNA-Datenbanken, Onlinedurchsuchungen – Zeh wehrt sich gegen die zunehmende Überwachung der Bürger. Das Argument, dem zufolge nichts zu befürchten habe, wer nichts zu verbergen hat, lässt sie nicht gelten. „Da schwingt ja schon der Anspruch mit, dass jemand, der nichts zu verbergen hat, alles offenlegen soll. So ist das nicht. Jeder Mensch soll in seinen eigenen vier Wänden ungestört sein, völlig egal, was er da verbirgt. Das Recht auf Heimlichkeit gehört einfach zur Menschenwürde“, sagt Zeh. Warum ihr der Blick des großen Bruders nicht behagt? Auf diese Frage gibt Zeh nicht nur verfassungsrechtliche Antworten: „Ich bin da einfach selbst sehr empfindlich. Es klingt vielleicht albern, aber wenn ich am Computer schreibe und jemand guckt mir über die Schulter, drehe ich durch. Und noch weniger mag ich es, wenn der Staat das tut.“ Manche Kritiker haben bemängelt, dass die aufklärerische Absicht in „Corpus Delicti“ zu offensichtlich sei, und auch im „Angriff auf die Freiheit“ wird der Zeigefinger erhoben, wenn Trojanow und Zeh die Naivität vieler Bürger anprangern. Zeh mag aber keine Trennlinie zwischen ihrer Arbeit als Schriftstellerin und ihrer Existenz als besorgte Bürgerin ziehen. Dafür findet sie auch neue Sympathisanten. „Sie ist quasi die Jeanne d’Arc der Überwachungsgegner“, meinte Slut-Sänger Christian Neuburger neulich über seine Bühnenkollegin. „So eine heroische Bezeichnung würde ich nicht wählen, weil das nicht richtig zu mir passt“, meint Zeh, die als klassischer Kopfmensch an ihre eigenen Charaktere erinnert. Gegen die Existenz als Galionsfigur hat sie aber nichts. Es sind laute Stimmen wie ihre, die die Datenschutzdebatte anheizen – und auch massentauglicher machen. Demonstrationen gegen Internetzensur stehen in Deutschland schon auf der Tagesordnung, das Überwachungsthema ist im Wahlkampf äußerst präsent. Laut Zeh erklärt das auch, warum „Corpus Delicti“ nun schon als Theaterstück, Buch und CD erschien. Kein anderes Werk hat die Autorin bisher in so viele Gattungen übertragen. „Das liegt nicht an mir“, beteuert sie, „sondern am Thema. Viele Menschen treten an mich heran und möchten etwas machen. Ich glaube, das sitzt mehr in den Köpfen, als man vermutet. Man hat immer das Gefühl, denen ist alles egal, die sind alle unpolitisch und kümmern sich nicht. Das stimmt aber nicht.“ YouTube-Clip zu Corpus Delicti Dieser Artikel ist im Falter 39/09 erschienen. Foto: Screenshot von RoteRaupeTV. Auch Roboter sind nur MenschenWednesday, September 16. 2009 Hiroshi Ishiguro hat sich einen Doppelgänger gebastelt und sinnt der alten Frage nach, was uns Menschen ausmachtEr sitzt den ganzen Tag nur herum, steht nie von seinem Sessel auf, muss nie aufs Klo. Stattdessen betreibt er Smalltalk mit den Besuchern, bewegt leicht den Kopf. Ein eher langweiliger Bursche, der dennoch die Sensation bei der soeben zu Ende gegangenen Ars Electronica 2009 war. Die Besucher kamen in Scharen und fotografierten, berührten ihn vorsichtig und staunten, wie kalt und elastisch seine Haut ist. Der Sitzende ist kein Mensch, sondern eine Maschine – „der komplizierteste Roboter der Welt“, wie sein Schöpfer Hiroshi Ishiguro erklärt. Der japanische Wissenschaftler hat ihn nach seinem Ebenbild gebaut und „Geminoid“ genannt. Eine Wortkombination aus „Geminus“ (Zwilling) und „Android“ (menschenähnlich). Ishiguro leitet das Intelligent Robotics Laboratory an der Universität Osaka und ist ein ungewöhnlicher Forscher. Während andere an technischen Details feilen oder den perfekten Diener entwerfen wollen, fragt er: Was verstehen wir überhaupt unter Menschlichkeit? Dieser Zugang erklärt, warum Ishiguro als Featured Artist zur Ars Electronica nach Linz geladen wurde, wo man sich heuer mit „Human Nature“, der Neuerfindung der Natur, befasst hat. Der Geminoid soll auch möglichst menschennah wirken. Er sieht nicht nur wie sein Schöpfer aus, sondern täuscht auch unbewusste menschliche Bewegungen vor: Der Brustkörper hebt und senkt sich, als würde die Maschine atmen. Er blinzelt wie ein Mensch, der auf diese Weise seine Hornhaut befeuchtet. Das Ding kann sogar sprechen. Es wird nämlich von einem Menschen ferngesteuert. So entstehen kuriose Situationen, wenn die Besucher der Ars Electronica in ein Zwiegespräch mit dem Roboter geraten. „Was bist du?“, fragt etwa ein Student. „Ich bin ein Forschungsinstrument, um herauszufinden, was etwas menschlich macht“, antwortet der Geminoid. Der junge Typ schaut verdutzt, antwortet schließlich: „Aber du bist doch nicht menschlich!“ Kurz darauf steht eine Jungfamilie vor dem Geminoid. „Frag ihn etwas, komm, frag ihn“, drängt der Vater seinen kleinen Sohn. Der will nicht, hält lieber einen Sicherheitsabstand. „Hast du ein Herz?“, rafft sich Papa schließlich selbst auf. „Nein“, sagt die Maschine. 6,5 Millionen Roboter waren 2007 weltweit im Einsatz. Wenn die Maschinen immer klüger werden, müssen wir uns fragen: Was unterscheidet uns noch von ihnen? Unser Herz? Unsere Emotion? „Mithilfe des richtigen Computerprogramms spürt auch ein Roboter Schmerz oder glaubt, dass er Gefühle hat“, sagt Hiroshi Ishiguro. Er selbst gibt eine radikal relativistische Antwort: Menschlich sei, was wir als menschlich empfinden. „Sie überprüfen auch nicht, ob ich ein Roboter bin. Vielleicht bin ich ja einer.“ Noch ist sein Geminoid ein Prototyp. Ihn nachzubauen würde eine halbe Million Euro kosten. Doch Ishiguro sieht bereits viele praktische Einsatzmöglichkeiten für die Zukunft. Der Geminoid könnte etwa ein neues Kommunikationsmedium werden. Schon jetzt nutzt ihn sein Erfinder, um an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Die menschenähnlichen Roboter könnten auch in der Altenpflege eingesetzt werden. Wenn ein bettlägeriger Mensch schon von einer Maschine versorgt wird, dann wenigstens auf, äh, menschliche Weise. Dieser Artikel ist im Falter37/09 erschienen. Foto: Andreas Kepplinger Auch Popstars sind nur MenschenWednesday, August 19. 2009
Enthusiasmuskolumne: Der beste Spickzettel der Welt der Woche
Manchmal gibt es Momente, da muss man eine Band einfach ins Herz schließen, da kann man gar nicht anders. Zum Beispiel vergangene Woche auf dem Sziget-Festival, dem fünftägigen Musikspektakel in Budapest. Dort trat das britische Indiediscoduo The Ting Tings auf. Eine tolle Show.Richtig rührend wurde es aber, als die Sängerin Katie White ein Blatt Papier hervorzog und vorzulesen begann – theoretisch auf Ungarisch. „Ihr Akzent war aber so schlecht, dass ich kaum ein Wort verstanden habe“, meinte ein langhaariger Einheimischer in der dritten Reihe. Die Frontfrau hatte eine Grußbotschaft auf dem Zettel notiert: „Hallo, wir sind die Ting Tings. Das ist unser erstes Konzert in Ungarn. Mein Ungarisch ist grottig. Deswegen lasst uns lieber feiern!“ Die Masse klatschte. Auch jene, die nichts verstanden hatten.Das Sympathische daran war, dass die Stimme der Sängerin in diesem Moment sehr unsicher klang. Wie eine Schülerin im Französischunterricht, die nicht so recht weiß, ob sie das ansatzweise richtig macht, spulte sie ihr Satzerl herunter. Solche Verlegenheit hätte man ihr gar nicht zugetraut, sind die Ting Tings doch eine der derzeit angesagtesten Elektrobands. Ihr Song „That’s Not My Name“ wurde im Vorjahr zur Hymne, die Single „Shut Up and Let Me Go“ ist der Soundtrack der iPod-Werbung. Der Spickzettel aber zeigte, dass auch Popstars nur Menschen sind, die nicht immer so supersouverän ausschauen wie auf den Hochglanzcovers. Als Festivalband sind die Ting Tings dennoch großartig. Sie spielen ihre Hits mit Freude. Katie White drischt brutal auf die Drums ein, und ihr Kollege Jules De Martino überrascht das Publikum, indem er unvermittelt fremde Songs in den Sound einmischt. Super Stimmung!Die Band tritt übrigens diese Woche auf dem Frequency-Festival in St. Pölten auf. Mal sehen, ob sie uns dann ihre Deutschkenntnisse vorführen. Dieser Text ist im Falter 34/09 erschienen. Die Enthusiasmuskolumne erscheint jede Woche im Falter und bejubelt das beste Lied, das beste Buch, die beste Kinopremiere oder eben den besten Spickzettel der Welt der Woche. Die Bilder zeigen alle Katie White. Fotos: Sziget.hu I Love DirtTuesday, June 23. 2009
Das Nova Rock ist eine Festivalmaschine, die Dreck und ein Lebensgefühl produziert
Aus der Ferne wirken sie wie Ameisen: Hintereinander gehen sie einen Feldweg entlang; sie tragen Zelte, Rucksäcke, sehr viel Bier und T-Shirts, auf denen Namen von Heavy-Metal-Bands oder Slogans wie „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“ stehen.Tag 0 – Bier anschleppen Am Donnerstag treffen zehntausende Menschen auf einer riesigen Wiese im östlichen Burgenland ein. Am nächsten Tag wird hier in der Gemeinde Nickelsdorf das Nova Rock beginnen, Österreichs mit Abstand größtes Rockfestival. 50.000 Menschen täglich werden kommen, um Bands wie Metallica, Nine Inch Nails, Faith No More, Slipknot oder die Toten Hosen zu sehen. 2000 Mitarbeiter, 450 Mobiltoiletten und zwei Bühnen warten auf sie, eine davon soll die größte Bühne Europas sein. Der Festivalmarkt boomt heftiger als je zuvor. Nova Rock debütierte vor fünf Jahren als Festival mit Harter-Buben-Musik, das buntere und poppigere Frequency findet heuer im August bereits zum neunten Mal statt. Gemeinsam locken die beiden größten Rockfestivals Österreichs alljährlich weit über 200.000 Besucher ins Land. Für viele 16- bis 25-Jährigen ist das nicht bloß ein dreitägiger Konzertmarathon, sondern Ausdruck eines Lebensgefühls. Eine beliebte Webseite der internationalen Festivalcommunity nennt sich I-Love-Dirt.com. Ich liebe Dreck. Der rote Nickelsdorfer Bürgermeister Gerhard Zapfl freut sich über die Aufmerksamkeit der Medienvertreter. Wenn sie ihn darum bitten, zeigt er ihnen den 1600-Einwohner-Ort persönlich: rechts der Bäcker, links die Trafik und da hinten der Bahnhof. Viel mehr gibt es in Nickelsdorf nicht zu sehen. Kein Wunder, dass sich Zapfl darum bemüht, das Festival in seiner Grenzgemeinde zu halten. Nicht nur, weil der Ort mit der Lustbarkeitsabgabe das Gemeindebudget auffettet. Der Bürgermeister glaubt auch an einen Imagegewinn: „Nickelsdorf hatte immer den Ruf: Hier gibt es einen Stau an der Grenze und lange Wartezeiten.“ Und selbst der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl lobt die Veranstalter und hofft auf Synergieeffekte: „Die jungen Leute, die hierherkommen, sind auch potenzielle Touristen in der Zukunft.“ Während Niessl am Telefon über den Nutzen für die Region spricht, karren die Festivalbesucher Ausrüstung und Proviant herbei. Auch Theodor Duval trifft am Donnerstagabend ein. Der 22-jährige Wiener hat gerade seinen Zivildienst hinter sich und will Volksschullehrer werden. Theo ist ein Nova-Rock-Veteran und hat das Spektakel noch kein einziges Mal versäumt. Zum Beweis trägt er alle Eintrittsbänder wie Trophäen am Handgelenk. Die Musik ist wichtig, aber nicht alles: „Wenn mich die Bands einmal nicht so reizen, werde ich trotzdem kommen, solange ich weiß, dass viele Freunde hier sind.“ Theo zeltet diesmal in einer großen Gruppe und freut sich auf Krachmacher wie Limp Bizkit, Gogol Bordello und die Toten Hosen. Während der drei Tage wird er viel Dosenbier kaufen und seine Sammlung um ein weiteres Nova-Rock-T-Shirt erweitern. Um nicht ins Minus zu kommen, wird er möglichst viele vergessene Pfandbecher einsammeln. Wenn er wollte, könnte er aber auch sein gesamtes Geld am Gelände verprassen: Großfestivals sind eine Mischung aus Konzertspektakel, Campingtrip und Besuch eines Vergnügungsparks. Und noch bevor das erste Konzert auf den großen Bühnen begonnen hat, wird gefeiert. Theo tanzt bis in die Morgenstunden des Freitag. Tag 1 – Chillen Es ist noch früh, aber langsam erwacht die Festivalcommunity. Wenn die Sonne scheint, heizen sich die Zelte extrem schnell auf. „Raus und chillen“ heißt es dann. Die kurze Nacht gehört dazu. „Wenn ich auf ein Festival fahr, bin ich nicht auf Entspannung oder Schlaf aus“, erklärt Theo. Er sitzt mit seinen Kumpels noch am Campingplatz, als die erste Band die Hauptbühne betritt. Aber am Anfang spielen ohnedies nur die kleinen Fische. Als um 13 Uhr die fünfköpfige Metal-Band Xenesthis auftritt, schauen ein paar hundert Menschen zu. „Wir freuen uns, hier heute die Blue Stage eröffnen zu dürfen. Gebt’s Gas mit uns“, animiert Sängerin Katrin Bernhardt die handverlesene Zuhörerschaft. Kleine österreichische Acts bekommen für ihre Auftritte gerade einmal eine niedrige dreistellige Gage, spielen hauptsächlich, um bekannt zu werden. „Nova Rock ist eine wahnsinnige Chance, Leute von der eigenen Musik zu überzeugen“, sagt Bernhardt. Die Festivalmaschine ist auch eine Antwort auf die Krise, in der die Musikindus-trie seit Jahren steckt. Während die CD-Umsätze sinken, werden Konzerte als Einnahmequelle immer wichtiger, erklimmen die Gagen der bekannten Bands schwindelerregende Höhen. Nova-Rock-Veranstalter Ewald Tatar schätzt, dass sich die Honorare für Festivalbands in den letzten drei Jahren verdoppelt haben. Brancheninsider sprechen von siebenstelligen Eurosummen, die ein Headliner wie Metallica einstreift – ein Millionenbetrag für einen Abend. Tatar hat nicht nur das Nickelsdorfer Event ins Leben gerufen, er ist überhaupt eine zentrale Figur am heimischen Festivalmarkt. Gemeinsam mit Harry Jenner, dem Frequency-Veranstalter, leitet er in Wien ein Firmenkonglomerat, das den österreichischen Freiluftkonzertmarkt dominiert: Nuke, Lovely Days, Two Days A Week – all das stammt vom selben Team. Bei Zahlen sind die Veranstalter sehr zurückhaltend. Was die Organisation so eines Festivals kostet? „Zwischen drei und sechs Millionen Euro.“ Wie viel das Sponsoring bringt? „Das kann ich so nicht sagen.“ Wie viel Bier fließt? „Diese Zahl kenne ich, nenne sie aber nicht.“ Wäre Landeshauptman Niessl hier, er würde sich über den ersten Nachmittag freuen. Sein Bundesland präsentiert sich buchstäblich von seiner Sonnenseite. Die Warnung der Veranstalter vor Unwettern wird jedoch weitgehend ignoriert. Viele verabsäumen es, ihr Zelt richtig zu sichern. Ein Fehler. Als Metallica spätabends die Bühne betreten, setzen Sturm und Regen ein. Binnen weniger Minuten sind sogar jene nass, die einen Poncho tragen. Nine Inch Nails, die die zweite Bühne bedröhnen, haben sogar mit einem Stromausfall zu kämpfen, und während Metallica von der Hauptbühne böllern, große Flammen aufsteigen lassen und mit roten Feuerwerkskörpern die Nacht erhellen, suchen Tausende nur eines: den Ausgang. An diesem Abend bricht die Festivalstimmung ein. Der Schlamm bedeckt alles. Tag 2 – Depression Gatsch fühlt sich nicht ansatzweise so lustig an, wie er auf all den Festivalfotos seit Woodstock aussieht. Einige Irre wälzen sich im Schlamm, aber die meisten verstecken sich im Zelt. Es ist saukalt, es regnet. Und viele Besucher haben die ganze Nacht gefroren. Beim Dorfwirt sitzen Marion und Tina. Die beiden 16-Jährigen haben Pizza gegessen und rauchen jetzt eine Zigarette. Ihr Zelt ist völlig durchnässt. Trotzdem gefällt ihnen ihr erstes Festival – ein Abenteuer, bei dem man viele verrückte Leute kennenlernt. Aber nicht alle Bekanntschaften sind nett. Vor den zwei Burgenländerinnen entblößen Typen plötzlich ihre Genitalien. Oder eine Gruppe 40-Jähriger kommt am Zelt vorbei und schüchtert die Festivaldebütantinnen ein: „Um Mitternacht kommen wir zu euch ins Zelt.“ Hat sich zwar nicht als wahr erwiesen, gefürchtet haben sich die beiden Freundinnen aber trotzdem. Eine junge Frau zeigt heuer eine Vergewaltigung an; mehr will die Polizei dazu nicht sagen. Das gängigste Verbrechen ist Diebstahl. Theos Freund sind Handy und Geldtasche gestohlen worden, während er schlief. Als Theo am zweiten Abend während des Auftritts von In Extremo ganz vorne bei der Bühne steht, wird die Stimmung plötzlich unangenehm. Taschendiebe gehen um. „Die haben mindestens 30 Leuten bestohlen“, weiß Theo. Er selbst hat Glück gehabt. Die patrouillierende Polizei versucht, Langfinger durch schiere Präsenz einzuschüchtern. Die am Gelände installierten Überwachungskameras können zwar nicht helfen, jeden Kriminellen zu schnappen – aber wenn am Campingplatz ein Feuer ausbrechen sollte, sehen das Polizei und Feuerwehr sehr schnell. Mehr als 2000 Menschen arbeiten am Nova Rock. Einer, der die Übersicht hat, ist Andreas Kalaschek. Als Produktionsleiter koordiniert er alle Bereiche außer der Bühnenarbeit. In seinem Container im Backstagebereich hängt ein großer Plan vom Festivalgelände. Den Großteil des Tages hat er damit verbracht, den Regensee vor der Bühne abzupumpen und zumindest die neuralgischen Stellen des Festivalgeländes mit Hackschnitzeln zu bestreuen. Dennoch bleibt die Situation trostlos, auf den verschlammten Wegen kommt man selbst mit Gummistiefeln kaum voran. In den letzten Jahren haben die Festivalorganisatoren immer wieder Sicherheitsverbesserungen vorgenommen. Zum Beispiel wurde der Eingang zum Wellenbrecher neu gestaltet – also jener Bereich direkt vor der Bühne, der durch Sperren vorm Druck des restlichen Publikums geschützt wird. Viele Besucher dringen aber gar nicht bis zum Wellenbrecher vor. Sie geben sich die Konzerte aus sicherer Entfernung oder verbringen ihre Zeit hauptsächlich im Zelt und bei Bier. Der 17-jährige Oberösterreicher Christian Altendorfer gehört zu ihnen: Er hat mehr als 100 Euro Eintrittsgeld gezahlt – vor allem für die Gaudi auf dem Campingplatz. Bei Schlechtwetter besucht er den Dorfwirt: „Ich finde das eine Frechheit. Wenn es regnet, bekommt man nirgendwo mehr einen Poncho.“ Eigene Regenkleidung einzupacken findet er uncool. Tag 3 – Vollgas Viele Berufstätige müssen Sonntagnachmittag abreisen. Pech gehabt, denn jetzt scheint die burgenländische Sonne wieder. Das Campinggelände sieht mittlerweile aus wie eine Müllhalde. Bierdosen, Zeltleichen, verlorene Schuhe. Manche Besucher basteln aus dem gesammelten Abfall kuriose Dinge, andere sitzen noch immer vor dem Zelt. „Steh auf, steh auf! Du kannst ned alle Konzerte versäumen“, schimpft eine junge Frau ihren Freund, der im Campingstuhl döst. Auf der Bühne spielen gerade Madsen, unweit davon steht eine lange Schlange vor dem Bankomat. 2,5 Stunden wartet man hier, wenn man frisches Bargeld braucht. Wieviel die Leute ausgeben? „So 70 Euro“, erklärt eine Wienerin ganz vorne. „Keine Ahnung“, meint ein Typ weiter hinten, „ich achte da nicht drauf.“ Im Hintergrund springen Menschen vom Bungee-Jumping-Kran. Das kostet 48 Euro. Ein Cheeseburger kostet 4,50 Euro. Die faschierten Laberln heißen hier „Bouletten“, und am Pommesstand sprechen die Mitarbeiter Holländisch. Edson Almeida ist mit seinen Kollegen aus den Niederlanden angereist, um Fritten zu verkaufen. Anfang Juni waren sie beim Rock am Ring in Deutschland, nach Nova Rock geht es wieder auf ein Festival in die Niederlande, dessen Namen er nicht kennt. Hinter all den Standln steckt das Gastro Team Bremen, der Marktführer im Festivalbereich. „Unsere Firma kauft zentral die Rechte der Gastronomie ein und agiert dann wie ein Makler“, indem es die Standplätze an die einzelnen Standler vermietet, erklärt Sascha Ebner vom Gastro Team. Sponsoring ist auch hier Teil des Geschäfts. Die Bierstände ziert das gelbe Ottakringer-Logo. Vier Euro kostet das Krügerl vor der Bühne, dazu kommt ein Euro Pfand pro Becher. Der Preis wird in Absprache zwischen Veranstalter, Brauerei und Gastro Team erstellt. Auch Ebner verrät nicht, wie viel Alkohol verkauft wird. Er sagt nur, dass der durchschnittliche Festivalbesucher an einem Wochenende zwölf Liter Flüssigkeit zu sich nimmt; und dass die Österreicher konsumfreudiger seien als die Deutschen – speziell bei den Spirituosen. Das meistverkaufte Mischgetränk ist Wodka-Red-Bull. Wenn die Sonne scheint, steigt der Durst. Viele sind nur für den Headliner des Abends hier: die Toten Hosen. Hinter der Bühne ist Campino bereits eingetroffen. Seine Band spielt backstage Tischtennis, er gibt Interviews. Die Hosen sind die beliebteste Festivalband im deutschsprachigen Raum. Der Frontmann sagt: „Ich vergleich uns gerne mit britischen Fußballteams. Wir gehen da raus und hören erst auf zu rennen, wenn der Schiedsrichter abpfeift.“ Campinos Bühnenpräsenz hat nicht nur mit purer Power, sondern auch mit hochgradiger Professionalität zu tun. „In jeder Stadt, in der wir spielen, bestelle ich mir eine Lokalzeitung“, sagt er. Als die Hosen um 23 Uhr auf die Bühne gehen, weiß ihr Sänger genau, in welcher Ortschaft er spielt und dass es hier gestern furchtbar geregnet hat. Später wird er das Publikum fragen, wer aus Eisenstadt, Wien, Bratislava kommt, und Anspielungen auf den österreichischen Fußball machen. Zeitweise war es in den vergangenen 48 Stunden unerträglich nass und kalt; Zelte gingen kaputt, und Geldbörsen wurden gestohlen. Man stand eine Ewigkeit vor der Dusche an, bezahlte zu viel Geld für minderwertiges Essen und musste auf komplett versaute Dixi-Klos. Aber es gibt Momente, da vergisst man all die Mühsal und wird plötzlich eins mit der Masse. An diesem Abend passiert genau das, als Campino kurz nach Mitternacht in die Menschenmassen stürzt und von tausenden Händen weggetragen wird. Schließlich taucht er auf dem hohen Soundturm gegenüber der Bühne wieder auf und zündet eine rote Leuchtfackel. Jetzt tanzt sogar die 40-jährige Rot-Kreuz-Ärztin im Wellenbrecher. Man muss die Musik der Hosen gar nicht mögen, um zu diesem Zeitpunkt Endorphine zu spüren. Übers ganze Gesicht grinst auch Christoph Doppelhofer. Er ist der Glückliche, den Campino aus der Masse herausfischt und auf der Bühne mitsingen lässt. Der 19-jährige Steirer lässt sich die Chance nicht entgehen und gibt alles. „Ich bin ein bisschen eine Bühnensau“, gesteht er, „aber das Geilste ist, dass ich mir eine Sache vor dem Konzert vorgenommen habe: Ich will mit den Hosen auf der Bühne stehen.“ Während Christoph in Richtung Ausgang geht, klopfen ihm ständig Unbekannte auf die Schulter: „Klasse gemacht!“ Irgendwie ist Christoph einer von ihnen. Und irgendwie standen sie alle mit ihm auf der Bühne. Foto-Galerie vom Nova Rock (zum Vergrößern draufklicken): Diese Reportage ist im Falter 25/09 erschienen. Das Falter-Cover wurde von Heribert Corn (www.corn.at) fotografiert.
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