Der mit den kleinen NadelstichenTuesday, May 5. 2009
Jürgen Rainer ist der Inbegriff des Lehrergewerkschafters. Wie denkt so ein Funktionär?
Fast wären die Verhandlungen an Jürgen Rainer gescheitert. Montagabend stellte er sich vor den prunkvollen Audienzsaal im Unterrichtsministerium und sagte: "Wir sind noch weit von einer Einigung entfernt." Hinter der Flügeltür saßen zu diesem Zeitpunkt noch Ministerin Claudia Schmied (SPÖ) und die Lehrervertreter. Schon Stunden zuvor war eine Einigung zwischen Schmied und der Gewerkschaft erwartet worden (siehe auch Kommentar Seite 6).Kurz vor Schluss muckte Rainer noch einmal auf. Er ist der Chefgewerkschafter der Lehrer der berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) - jener 22.000 Menschen, die etwa an Handelsakademien, HTLs oder Kindergartenschulen unterrichten. Der unauffällige Mann mit den weißen Haaren und den kräftigen Augenbrauen hat noch nie in seinem Leben so viel Aufmerksamkeit bekommen wie in den letzten Wochen. Der Boulevard diskutiert über Lehrerarbeitszeit, der Stammtisch schimpft über die Bewegungsstarre der Funktionäre. Und im ORF werden selbst Gewerkschafter aus der zweiten Reihe interviewt, solche wie Rainer. Als Hardliner hat sich der 58-Jährige in den vergangenen Wochen hervorgetan. Seine Diktion war schärfer als die seiner Kollegen. Einmal drohte er mit einem "Flächenbrand" im gesamten öffentlichen Dienst, dann kündigte er eine "Politik der kleinen Nadelstiche" an. Rainer ist der Inbegriff eines schwarzen Lehrergewerkschafters. Er gehört der Fraktion christlicher Gewerkschafter an, ist natürlich ÖVP-Mitglied. "Wenn einer im Chor singen will, muss er im Chor sein", sagt er zu den Verschränkungen zwischen Volkspartei und Gewerkschaft. Der Handelsakademielehrer hat den klassischen Hürdenlauf eines Funktionärs hinter sich: Er war Obmann des gewerkschaftlichen Betriebsausschusses an seiner Schule, leitete die Fachgruppe für Lehrende in kaufmännischen Berufen. Dann kam er nach Wien, zuerst als Dienststellenreferent, seit 2003 ist er Chefgewerkschafter. "Die Leute sind froh, wenn einer die Arbeit macht", sagt er. Folgt man seinen Ausführungen, ist seine Karriere eher Zufall: Lehrer wurde er aus finanzieller Not. Er hatte sein BWL-Studium noch nicht abgeschlossen, früh geheiratet und musste eine Familie ernähren. Also ging er an die Handelsakademie. Heute unterrichtet Rainer nicht mehr. Auch sein Aufstieg als Funktionär sei nicht geplant gewesen, sagt Rainer. Er habe langsam jene Ämter übernommen, die andere irgendwann zurücklegten. Aber das ist wohl nur die eine Seite der Geschichte. Die andere Seite zeigt einen jungen Lehrer, der früh zur Partei ging und gezielt Diskussionsveranstaltungen besuchte, um sich zu Wort zu melden und seine Debattierfähigkeiten zu schärfen. Rainer war schon ehrgeizig, als er noch im Landesschulrat der Steiermark saß. Damals wollte er vom einfachen Lehrer zum Direktor aufsteigen. Als das nicht klappte, kletterte er die Gewerkschaftsleiter empor: "Ich wollte nie die zweite Geige spielen." Bei bildungspolitischen Gesprächen bekommt Rainer einen Tunnelblick. Er sieht vor allem die Befindlichkeiten der Lehrer, alles, was ihnen schon weggenommen wurde. Auf Kritik lässt sich der Gewerkschafter oft nicht ein. Wenn man ihn zum Beispiel auf die schwarzen Schafe unter den Lehrern anspricht, die im Unterricht nur ein Video einlegen und sich zurücklehnen, sagt er: "Ich glaube nicht, dass es solche Lehrer gibt." Die pädagogischen Vorstellungen des Steirers lassen sich mit einer Illustration beschreiben. Rainer nimmt ein Blatt Papier und kritzelt darauf die Gauß'sche Kurve. Für ihn stellt sie die Intelligenzverteilung innerhalb der Bevölkerung dar. "50 Prozent haben einen IQ über hundert, 50 Prozent einen unter hundert." Anhand der Kurve erklärt er auch die Unzufriedenheit mit dem Schulsystem. "Der Grund für die Nachhilfe ist nicht, dass Lehrer versagen, sondern dass die Ziele der Eltern zu hoch gegriffen sind", sagt er. Soll heißen: Viele Kinder sind eben zu dumm. Solche Aussagen sind Grund für das schlechte Image der Lehrervertreter. Aber vieles, was Rainer sagt, wird auch in den Konferenzzimmern beklagt. Da sehen sich die Lehrer mit immer heterogeneren Klassen konfrontiert, kommen mit dem Stoff nicht durch. Der Lehrerstreit hat dazu geführt, dass die Neuanmeldungen bei der Gewerkschaft gestiegen sind. Die Beamtenvertreter sind die einzigen Gewinner im Lehrerstreit. Auch wenn es sich in dieser Montagnacht für Jürgen Rainer nicht so anfühlen mag. "Ich muss die Krot fressen. Ich bin der wahre Verlierer am Tisch", sagt er, während die Ministerin vor der Kamera steht. Er ärgert sich, dass seine BMHS-Lehrer besonders von den Zulagenkürzungen betroffen sind. Sie bekommen weniger Geld für Überstunden. Trotzdem hat Rainer letztlich zugestimmt. Er weiß: Es hätte auch noch viel schlimmer kommen können. --- Zur Person Jürgen Rainer hat BWL und dann Wirtschaftspädagogik studiert. Er ist der Gewerkschaftschef an den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS), weiters leitet er den Zentralausschuss für BMHS-Bundeslehrer. Rainer ist somit der Standesvertreter von 22.000 Lehrern Dieses Portrait ist im Falter 17/09 erschienen. Foto: Heribert Corn / www.corn.at Nach dem Lehrerstreit folgt die Schulreform. Schön wär'sWednesday, April 22. 2009 Josef Pröll hat sich den Frieden mit der Gewerkschaft teuer erkauft. Der schwarze Finanzminister hat doch noch irgendwo 240 Millionen Euro gefunden und diese dem Unterrichtsministerium zugeschanzt. Dabei hatte Pröll wochenlang wiederholt: Es gibt nicht mehr Geld, es gibt nicht mehr Geld. Die Signalwirkung des großkoalitionären Kompromisses ist nun umso fataler. Die renitenteste der Gewerkschaften wird belohnt. Und das Ministerium von Claudia Schmied bekommt mehr Geld, weil es seine Mietzahlungen hinausschieben darf.Da stellt sich die Frage, wie andere Ressorts darüber denken - bei denen auch massiv gespart wird. Im Gegensatz zu den Schulen müssen die Unis weiterhin ihre Mieten zahlen, wie kommen die dazu? Auch bei anderen Beamten muss gespart werden. Wie werden die jetzt auf die Pröll'sche Umverteilung reagieren? Dass die Lehrer Hilfe aus dem Finanzministerium bekommen haben, hängt nicht mit Sachargumenten zusammen, sondern mit dem Einfluss der Beamtengewerkschaft in der ÖVP. Also jener Partei, die bei jeder anderen Gelegenheit betont, dass alle den Gürtel enger schnallen müssen. Bis auf die Gewerkschaft gibt es im Lehrerstreit nur Verlierer: Die Ministerin wurde zum Feindbild an den Schulen, die Regierung hat gezeigt, wie löchrig so ein Globalbudget wirklich ist. Und die Lehrer sind jetzt umso mehr Buhmänner und Buhfrauen. Nun reden alle davon, dass endlich eine inhaltliche Schuldebatte geführt werden soll. Total unrealistisch. Denn am Verhandlungstisch werden wieder die selben Protagonisten Platz nehmen. Und die haben gerade sehr gut vorgeführt, zu welchen Kompromissen sie in der Lage sind. Dieser Kommentar ist im Falter 17/09 erschienen. Das obere Bild ist ein Screenshot aus der Budgetrede des Finanzministers, anzusehen auf YouTube. Wenn Schüler für ihre Lehrer auf die Straße gehenWednesday, April 22. 2009
Statt selbst zu streiken, hetzen sie Schüler auf. So erobert die Parteipolitik das Klassenzimmer
Eines kann man den Lehrervertretern nicht vorwerfen: dass sie mit Futter für Journalisten geizen. Erst vergangene Woche heizte Jürgen Rainer die Schuldebatte wieder ordentlich an. Der Chefgewerkschafter der berufsbildenden mittleren und höheren Schulen rief in einem E-Mail die Kollegen zum Pisa-Boykott auf, um den politischen Druck auf Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) zu erhöhen. Sie will nach wie vor, dass Lehrer mehr Unterricht leisten. Prompt landete Rainers E-Mail bei einigen Medien. Nun stellte sich auch noch heraus, dass die Schüler gesetzlich verpflichtet sind, an der OECD-Vergleichsstudie Pisa teilzunehmen. Überdies wird der Test nicht direkt von Lehrern der Schule durchgeführt. Pisa blockieren? Das wird also schwieriger als gedacht. Wirklich problematisch an dieser Idee ist aber, dass dabei Lehrer ihre Schüler instrumentalisieren würden. Derzeit setzt sich vor allem die ÖVP-nahe Schülerunion dafür ein, dass kein Jugendlicher am Pisa-Test teilnimmt. Schüler sollen so gegen ein Gesetz verstoßen, um politischen Druck im Sinne ihrer Lehrer zu erzeugen - also gerade für jene Menschen, die sie benoten. Hier wird eine weitere Facette der Schuldebatte sichtbar, dass nämlich die Parteipolitik bis ins Klassenzimmer wandern kann. Dabei hätten die Lehrer genug andere Streikmöglichkeiten. Sie könnten etwa selbst auf die Straße gehen, anstatt ihre Schützlinge vor sich herzuschieben. Nun rudern die Lehrervertreter wieder zurück. Der Pisa-Boykott sei längst nicht beschlossene Sache, erklärt Rainer. Aber sollte Pisa doch verhindert werden, wäre das nicht nur Geldverschwendung. Es würde auch die Arbeit der Bildungsreformer erschweren: Die brauchen aktuelle Vergleichswerte, um die Schwächen im Schulsystems zu finden. Schon in der Vergangenheit zeigte sich, dass jeder fünfte Schüler nicht richtig lesen kann und zur "Risikogruppe" zählt. Heuer wird der Pisa-Test besonderes Augenmerk darauf legen, wie gut die 15- bis 16-Jährigen lesen können. Das ist eine zentrale Frage in jedem Schulsystem. Denn wer nicht richtig lesen kann, der wird auch keine Mathematikaufgaben lösen - er wird im realen Leben vielleicht nicht einmal die Speisekarte entziffern können. Dass die Lehrervertreter ausgerechnet Pisa verhindern wollen, wirft eine weitere Frage auf: Interessiert sie denn gar nicht, wo es im System schwächelt? Dieser Text ist im Falter 15/09 erschienen Tausend Lehrer, die einen coolen Unterricht machenSunday, March 22. 2009
Abseits der Blockierer gibt es auch Pädagogen, die das Schulsystem von innen heraus verändern wollen
Jamie Oliver war vergangene Unterrichtsstunde zu Besuch. Nicht persönlich, über YouTube. Auf dem Onlinevideoportal sah sich die Klasse an, was der TV-Koch an britischen Schulkantinen bemängelt. Diese Stunde studieren die Jugendlichen Rezepte auf Englisch. Ihr Arbeitsauftrag: Übersetz ein Rezept per Gruppenarbeit, präsentiere es der Klasse.Der Englischunterricht in der 1D an der Business Academy Donaustadt, einer Handelsakademie und Handelsschule, ist fortschrittlich: Die Schüler arbeiten eigenständig, Lehrerin Eva Annau stimmt ihren Unterricht auf die Kollegen aus Deutsch, Rechnungswesen, BWL ab. Sie ist keine pädagogisch hochmunitionierte Nachwuchslehrerin, sondern eine 55-jährige Anglistin, die seit 1979 im selben Gebäude unterrichtet. Im aktuellen Schulstreit werden Lehrer wie sie übersehen. Da kommen Pädagogen nur als Modernisierungsverweigerer vor. Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) will, dass Lehrer zwei Stunden pro Woche mehr unterrichten. Die Gewerkschaft droht mit Streik. Dabei gibt es unter der Lehrerschaft einige, die gegen das starre System ankämpfen. Menschen, die nicht bereits beim Klingeln der Schulglocke im Auto sitzen und abdüsen. Annau wendet das "Cool"-Konzept an, kurz für "Cooperatives offenes Lernen". Das ist eine Unterrichtsform, die geschätzt 1000 heimische Pädagogen einsetzen, insbesondere an berufsbildenden höheren Schulen. "Der Lehrer ist kein Einzelkämpfer mehr, er arbeitet im Team", sagt Annau. Nach dem Unterricht arbeitet sie häufig mit Kollegen zusammen, die sich auch zum Cool-Lehrer weitergebildet haben. Für die kommende Woche haben sie in der 1D etwa einen Schwerpunkt zum Thema Mobbing eingeplant. Die 1D ist eine Cool-Klasse. Die Tür ist während des Englischunterrichts offen, die Schüler arbeiten in kleinen Gruppen und können sich die Zeit selbst einteilen. Annau kann dadurch den schwächeren Schülern helfen. "Mir gefällt das besser, weil man selber etwas tut - und nicht der Lehrer immer den Stoff vorkaut", meint der 15-jährige Dario Nikolic´. Er hat schon in der Unterstufe eine Schule mit offenem Lernen besucht. Im Gegensatz zu anderen reformpädagogischen Methoden wurde das Cool-Konzept eigens für ältere Schüler mit mehr Eigenverantwortung konzipiert. Cool ist eine Initiative von Lehrern. Mitte der 90er-Jahre merkten Georg Neuhauser und Helga Wittwer an der Handelsakademie Steyr, dass ihr Frontalunterricht nicht mehr griff. Die Klassen wurden heterogener, die Aufmerksamkeit erodierte. Im Ausland lernten die beiden die Reformpädagogik der Amerikanerin Helen Parkhurst kennen. Dabei steht nicht der Lehrer im Mittelpunkt des Unterrichts, sondern der Schüler. "Nur weil ich der Klasse etwas vortrage, heißt das noch lange nicht, dass es bei ihnen angekommen ist", sagt auch Annau, die seit 2001 Cool unterrichtet. Der Unterricht in der Stadlauer Straße kann oft nur eine Minimalvariante des Konzepts sein. Die Klassentür ist zwar offen, doch es fehlt der Platz. Die Jugendlichen können nicht hinausgehen und am Gang lernen, da es keine Sitzmöglichkeiten gibt. Die Lehrer haben zwar Schreibtische, um in der Schule zu arbeiten. Doch die müssen sie zu viert nutzen. Da haben es gerade Cool-Lehrer schwer: Während manch ein Kollege längst zuhause ist, sitzen sie noch im engen Lehrerzimmer und planen den Unterricht. "Wir würden uns wünschen, dass Lehrer prinzipiell nach dem Unterricht an der Schule bleiben", sagt Georg Neuhauser, einer der beiden Begründer von Cool. Er will mit seinem Konzept nicht nur die Lehrqualität punktuell verbessern, sondern das System nachhaltig verändern. Mit der aktuellen Debatte ist er unglücklich: Der Schmied-Vorschlag würde gerade jene Cool-Lehrer belasten, die sich besonders sorgfältig auf den Unterricht vorbereiten. Die Blockiermentalität der Lehrergewerkschaft lehnt er wiederum ab. "Wir treten auch an, um zu zeigen, dass es Lehrer mit Veränderungsideen gibt", sagt Neuhauser. An eine umfassende Bildungsreform in der nahen Zukunft glaubt der Pädagoge nicht. Er setzt lieber selbst Aktionen. Und in kleinen Schritten folgen einige, zum Beispiel an der Business Academy Donaustadt. Hier arbeiten die Lehrer immer wieder an Mikroreformen. Bald bekommt die Schule etwa einen Neubau. "Wir wollen, dass es dann am Gang Sitzmöglichkeiten gibt, wo die Schüler selbst mit Laptop lernen können", meint Annau. Das ist zumindest ein Anfang. Diese Reportage ist im Falter erschienen. Das Foto zeigt Eva Annau beim Unterricht in der 1D. Foto: Heribert Corn "Es muss sich Gewaltiges ändern"Friday, March 20. 2009
Experte Bernd Schilcher über die Schuldebatte und falsche Erwartungen, die Lehrer an ihren Beruf stellen
![]() Bernd Schilcher, 68, war Anfang der 90er-Jahre Präsident des steirischen Landesschulrats. Der schwarze Bildungsexperte stößt mit seinen schulpolitischen Ideen viele Parteikollegen vor den Kopf. Im Vorjahr leitete er im Auftrag von Ministerin Schmied die Schulreformkommission und entwickelte die Eckpfeiler der „Neuen Mittelschule“ mit. Foto: J. J. Kucek Falter: Bildungsministerin Schmied will, dass Lehrer pro Woche zwei Stunden mehr unterrichten. Ist das sinnvoll? Bernd Schilcher: Ja, kurzfristig fürs Budget und mittelfristig für Schüler und Lehrer. Wenn Lehrer künftig von acht bis 16 Uhr an der Schule sind und dort ihren Arbeitsplatz haben, würde das die Professionalisierung enorm steigern. Erstens sind Lehrer, die auch nachmittags für ihre Schüler erreichbar sind, wertvoller. Wenn Schmieds Vorschlag auch dazu dient, die Halbtagsschulen langsam in Ganztagsschulen zu überführen, ist das sehr sinnvoll. So haben Lehrer mehr Gelegenheit, Beziehungen zu ihren Schülern aufzubauen. Und die sind die Voraussetzungen für gutes Lernen. Zweitens geht es darum, dass Lehrer derzeit Stundenlöhner sind. Das führt dazu, dass man für alles extra bezahlt werden will, und gehört geändert. Mit ihrem Vorschlag will Schmied aber in erster Linie Geld sparen. Schilcher: So wurde das zumindest angekündigt. Ich glaube auch, dass die Ministerin wirklich Geld braucht. Wenn 90 Prozent der Ausgaben Personalkosten sind, kann sie nur hier Geld hereinbringen. Die Doppelgleisigkeiten zwischen Bund und Ländern sind aber auch sehr teuer. Hier könnte man ebenfalls ansetzen. Schilcher: Stimmt. Unsere gesamten Verwaltungskosten liegen jährlich etwa 600 Millionen Euro über dem OECD-Schnitt. Da hat sich noch niemand drübergetraut. Nur das nützt im Augenblick nichts. Wenn die Ministerin jetzt anfängt, die Strukturen zu ändern, zeigt das in fünf bis zehn Jahren Wirkung. Aber sie braucht schon nächstes Jahr Geld für Neuerungen wie den Kleingruppenunterricht. Da muss sie dort eingreifen, wo es möglich ist: bei den Lehrern. In der Öffentlichkeit entsteht der Eindruck, dass Lehrer automatisch blockieren. Schilcher: Da finde ich die Rolle der Gewerkschaft problematisch. In England und in Amerika haben die Gewerkschaften eingesehen, dass es nicht nur ihre Aufgabe ist, dass Lehrer genug verdienen und nicht zu viel arbeiten. Sie haben gesagt: Wir müssen auch Bedingungen schaffen, damit Lehrer gerne unterrichten. Es ist die Frage, ob sich eine Gewerkschaft als Mauer versteht oder als Reformpfeiler, der die Situation verbessern will. Haben die Lehrer nicht auch eine verzerrte Wahrnehmung der Arbeitswelt? Schilcher: Ja, an der Uni werden Lehrer ausgebildet, die dann sofort in die Schule gehen und Menschen auf ein Leben vorbereiten, das sie selbst nicht kennen. Ich hab dem Landesschulrat vorgeschlagen, dass jeder, der fünf Jahre berufstätig war, für den Lehrposten vorgezogen wird. Auch ein Taxichauffeur. Aber der einzelne Lehrer kann für dieses System nichts. Die Schuld liegt bei jenen, die das System durchschauen müssten und es nicht tun – oder dafür zu feig sind. Jetzt haben wir eine Ministerin, die nicht feig ist. Sie will langfristig wirklich etwas ändern. Nur mit wem soll sie das tun? Die ÖVP wird da nicht mitziehen. Schilcher: Ja, womöglich nicht. Das ist aber eine kurzsichtige Politik, weil es nicht darum gehen sollte, ob jemand ein Roter, ein Schwarzer oder ein Grüner ist. Noch besser wäre es gewesen, wenn die Ministerin nicht nur die Ausdehnung des Unterrichts vorgeschlagen, sondern gleich ein Gesamtpaket für den Lehrberuf vorgelegt hätte. Schilcher: So ein Gesamtpaket ist wichtig, aber schwierig, weil alles mit allem verwoben ist. Wenn man zum Beispiel neue Lehrer mit einer anderen Grundeinstellung gegenüber Schülern will, gibt es sofort das Problem: Wo sollen die ausgebildet werden? An der Uni oder an den Pädagogischen Hochschulen? Macht diese Doppelgleisigkeit überhaupt Sinn? Und wenn wir sie beseitigen, was passiert mit den Einkommen? Da bräuchte man dann ein einheitliches Besoldungsrecht für alle Lehrer. Heißt das, man kann nur kleine Änderungen, keine Reformen machen? Schilcher: Ideal wäre, man einigt sich auf ein großes Paket, kennt alle groben Ziele und setzt kleine Arbeitsgruppen ein, die in ihrem Teilbereich immer das Gesamtziel vor Augen haben. Wichtig wäre ein anderes Lehrerbild. Nur wie bekommen wir das? Schilcher: Zuerst muss man ein paar Vorurteile beseitigen. Viele ältere Lehrer glauben etwa, sie arbeiten in einem Halbtagsjob, bekommen dafür aber ein Vollgehalt. In den 60er-Jahren hatten wir einen schlimmen Lehrermangel, damals hieß es:, Komm, werde Lehrer, hier musst du nur halbtags arbeiten.‘ Und viele glaubten das. Zur Arbeitszeit muss man aber auch sagen, dass Lehrer in Finnland noch weniger in der Klasse stehen. Schilcher: Ja, die Finnen machen sehr viel Weiterbildung und jeder Zweite hat eine Sonderausbildung. Ein Lehrer hat sich zum Beispiel auf Finnisch für Ausländer spezialisiert, der andere auf die psychische Unterstützung. Wenn ein Schüler schlecht Finnisch kann oder Probleme mit Gewalt hat, kommt er aus der normalen Klasse raus und in eine Kleingruppe. Bis das Kind firm genug ist und zurück in die Klasse kommt. Dieses System ist viel beweglicher. Warum ist unser Schulsystem so starr? Schilcher: Weil es ein Derivat des Militärs ist. Als Österreich 1866 die Schlacht bei Königgrätz verlor, haben die Generäle die Schuld auf das Schulsystem geschoben. Es hieß, dass unsere Soldaten zu drei Viertel Analphabeten gewesen seien. Die Schulreform drei Jahre später hat dann die preußische Militärschule übernommen. Die 50-Minuten-Stunde ist zum Beispiel vom Exerzieren kopiert. Die Trillerpfeife wurde zur Pausenklingel. Wie kann man die Lehrer zum Umdenken bringen? Schilcher: Mein Ansatz ist das überzeugende Beispiel. Man könnte sagen, jeder Lehramtsstudent muss ein Praktikum in einer Modellschule machen. Wenn er danach in eine normale Schule kommt, wird er sagen: „Dreht eure Klingel ab, arbeitet im Team.“ Das funktioniert wirklich. In Österreich sind wir oft besser darin, Modellschulen einzuführen als flächendeckende Reformen. Schilcher: Das glaube ich nicht. Ich glaube, die Leute müssen erst einmal in diesem Modell gearbeitet haben. Bis jetzt haben sie es oft nur oberflächlich angesehen. Derzeit löst aber selbst ein harmloser Vorschlag wie zwei zusätzliche Stunden Unterricht einen riesigen Streit aus. Schilcher: Das stimmt. Aber die Lehrer ahnen natürlich, dass es sich nur um die Spitze des Eisbergs handelt. Jeder, der denken kann, weiß, man muss Gewaltiges in den Schulen verändern. Doch die Grundhaltung ist: „Ja, wir brauchen Veränderung. Nur nicht bei mir.“ Dieses Interview ist im Falter 11/09 erschienen.
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