Ein Pirat erzählt von seinem TagwerkWednesday, September 1. 2010
Peter Sunde droht ein Jahr Haft, weil er mit seinem Download-Portal Pirate Bay einen Millionenschaden verursacht haben soll. Nun plant er den nächsten Coup
Für die einen ist er ein Verbrecher, ein Dieb. Für die anderen ein Held und Vordenker des Internets. Der 31-jährige Schwede Peter Sunde ist einer der Gründer der Website The Pirate Bay. Sie ermöglicht Usern, Filme, Serien oder Musik runterzuladen, ohne einen Cent dafür zu zahlen. In einem Gerichtsverfahren, das international Aufmerksamkeit erhielt, wurden Sunde und seine drei Kollegen in Schweden zu einem Jahr Haft und 2,7 Millionen Euro Schadenersatz verurteilt – das Urteil ist nicht rechtskräftig.Sunde sagt, er lasse sich davon nicht beirren, er kämpfe gegen das Urteil an und ist sich keiner Schuld bewusst. Nun will er ein zweites Mal das Web auf den Kopf stellen und hat den Bezahldienst Flattr gestartet. Bei diesem können User kleine Beträge an Blogs oder Webdienste spenden. Über sein neues Projekt, faire Bezahlung im Netz und über seine Vorstellung des Urheberrechts wird Sunde am Donnerstag in Wien diskutieren. Schon vorab hat sein Besuch für Aufregung gesorgt: Der geladene Vertreter der Film- und Musikindustrie hat seine Teilnahme an der Veranstaltung abgesagt. Falter: Herr Sunde, Sie sind laut Gericht Komplize bei unzähligen Urheberrechtsverletzungen. Deswegen will Werner Müller von der Musik- und Filmindustrie nicht mit Ihnen auf einem Podium sitzen und diskutieren. Was antworten Sie ihm? Peter Sunde: Er hat abgesagt, weil er es wahrscheinlich schwer hätte, diese Diskussion mit mir zu gewinnen. Ich bin auf der Seite des Volkes, er ist auf der Seite des Geldes. Das ist wohl der Grund. Herr Müller sieht das anders. Er will nicht mit einem „strafrechtlich verurteilten“ Piraten reden. Sie wurden immerhin zu einem Jahr Haft verurteilt. Sunde: Dieses Urteil ist nicht rechtskräftig. Bevor es kein rechtskräftiges Urteil gibt, bin ich ebenso wenig verurteilt wie Herr Müller. Wir haben das erstinstanzliche Urteil angefochten, und ich bin mir sicher, dass wir das Verfahren gewinnen werden. Wenn nicht in zweiter Instanz, dann höchstgerichtlich. Bevor wir The Pirate Bay starteten, haben wir uns rechtlich schlau gemacht. Es gibt einige ähnliche Fälle in Schweden, wo kein Rechtsverstoß festgestellt wurde. Viele Musiker oder Filmstudios darben dahin, während potenzielle Kunden Raubkopien downloaden und nichts zahlen. Auch mithilfe der Pirate Bay. Das soll fair sein? Sunde: Alle Studien zeigen: Wenn Menschen downloaden, entwickeln sie ein stärkeres Interesse für Musik und Filme. Sie geben mehr Geld für Kultur aus. Und es gibt viele Künstler, die anfangs ihre Musik gratis anbieten, damit sie bekannter werden und daraufhin Geld verdienen. Viele Musiker stellen ihre Lieder aber ganz bewusst nicht gratis ins Internet. Das passiert ohne deren Zustimmung. Sunde: In aller Fairness: Das wird man nicht stoppen können. So funktioniert das Internet nun mal, so sind wir Menschen. Ich habe von meinen Freunden immer Musik kopiert, auch als es nur Kassetten gab. Kopieren ist Teil der menschlichen Natur. Wer den Austausch im Internet stoppen will, müsste alles abdrehen und nur noch einzelne Dienste zulassen, die rund um die Uhr überwacht werden. Wieso das denn? Sunde: Ein freies Internet bedeutet, dass niemand die Webaktivitäten überwachen kann. Wenn man den Datenaustausch verhindern will, muss man das gesamte Internet permanent kontrollieren. Filesharing findet auf unterschiedliche Weise statt, nicht nur über BitTorrent- oder FTP-Dienste. Wenn Sie nur eine Art der Technologie sperren, funktioniert das nicht. Dann wechseln wir einfach zu anderen Technologien. Entweder Sie haben ein offenes Internet oder ein Netzwerk, das totalitär kontrolliert wird. Wollen Sie also das Urheberrecht zur Gänze abschaffen? Sunde: Darum geht es gar nicht. Das Urheberrecht soll an die heutige Welt angeglichen werden. Die Leute reden nur ungern über Urheberrecht, weil das so ein sprödes Thema ist. Das führt dazu, dass die großen Konzerne aufmarschieren und ihre Bedingungen diktieren können. Am Ende werden die Leute verarscht. Beim Copyright sollte es aber in erster Linie darum gehen, was gut für die Gesellschaft ist, und erst in zweiter Linie um die Firmen. Sie reden von „großen Konzernen“, die die Leute „verarschen“. Es ist doch völlig legitim, dass Mitarbeiter einer Plattenfirma auch Geld verdienen wollen. Sunde: Ich rede auch nicht von den Arbeitern in den guten Firmen. Die sollten ein Einkommen haben. Das ist nicht das Problem. Die Situation ist unfair. In Schweden gibt es vier große Plattenfirmen. Wenn man einen Song herausbringen will, muss man mit ihnen einen Vertrag abschließen, seine Seele verkaufen und 95 Prozent aller Einnahmen abgeben. Das sind Sklavenverträge. Die Leute, die tatsächlich etwas kreieren, verdienen nicht an der Musik. Sie verdienen ihr Geld auf anderem Weg. Zum Beispiel mit Konzerten. Und was wäre Ihre Lösung für dieses „Sklavensystem“, von dem Sie sprechen? Sunde: Wir hören andauernd, wie viel Geld die Tonträgerindustrie verliert. Aber sie verliert nicht tatsächlich Geld, sie macht nur weniger Gewinn. Wir sollten nicht mehr darüber reden, wie die Geld machen können. Wir sollten lieber darüber reden, wie sich mehr und mehr Menschen an Kultur oder an Musik beteiligen können. Nun haben Sie Flattr gegründet. Dort spendet man kleine Beiträge an Blogger oder Onlinezeitungen. Wollen Sie so die Leute stärker involvieren? Sunde: Ja, denn jeder beteiligt sich gern an etwas, was er mag. Wenn man auf ein Konzert geht, kauft man das T-Shirt. Nicht weil das T-Shirt so toll aussieht, sondern weil es ein Symbol ist, wofür man steht. Ich glaube, mit Flattr ist das ähnlich. Man zeigt jemandem, dass man ihn mag, indem man ihm „flattert“. Im Wesentlichen ist das der Grund, warum Flattr funktionieren könnte. Es spricht das menschliche Bedürfnis an, an Dingen teilzuhaben. Es ist eine der Erkenntnisse der Pirate Bay, dass im Internet niemand für Inhalte zahlt, weil es keine simplen und fairen Bezahlmodelle gibt. Bei all den Unmengen an Information lässt sich nur noch schwer ein Preis festsetzen. Die großen Firmen verlangen Summen, die die Leute nicht zahlen. Der Konsument soll also selbst entscheiden, was ihm Inhalte wert sind? Und das soll funktionieren? Sunde: Ja, wir können längst nicht mehr für alle Informationen zahlen, die wir konsumieren wollen oder müssen. Deswegen müssen wir den Wert von Information überdenken. Im Netz ist zwar alles frei erhältlich, darum ist das Internet so mächtig. Trotzdem kann man Lösungen finden, um weiterhin Geld zu verdienen. Ihre Lösung lautet? Sunde: Sie zahlen im Monat einen kleinen Betrag, mindestens zwei Euro, bei uns ein. Dann gehen Sie ins Internet, wenn Sie einen Eintrag mit einem Flattr-Knopf finden, können Sie darauf klicken. Am Ende des Monats rechnen wir aus, auf wie viele Knöpfe Sie gedrückt haben, und teilen das Geld dann gleichmäßig auf. Das Geld kann an jene gehen, die ein Video erstellt haben, die einen Artikel in einer Onlinezeitung, einen Blogeintrag oder sogar einen Kommentar auf einen Blogeintrag geschrieben haben. Die Idee ist: Jeder kann auf seiner Webseite den Flattr-Knopf anbringen. Und jeder, der sich bei Flattr registriert, kann Geld hergeben und empfangen. Und zehn Prozent aller Transaktionen gehen an Sie. Sunde: Das sind die Betriebskosten für Flattr, unsere Mitarbeiter und Server kosten Geld. Aber wir möchten diese Provision herabsetzen. Wir fangen mit zehn Prozent an und senken es mit der Zeit, zum Beispiel auf fünf Prozent. Das ist psychologisch besser, als mit zwei Prozent anzufangen und dann auf fünf Prozent zu gehen. Welche Webseiten machen da mit? Sunde: Noch sind wir in einer Testphase, großteils sind es Blogs. Aber auch einige größere Webangebote machen mit. Zum Beispiel die deutschen Zeitungen taz und der Freitag, oder Wikileaks. Bei hunderttausenden Online-Angeboten können Sie bereits den Flattr-Knopf drücken. Und unsere Mitglieder werden immer mehr. Im Moment haben wir ungefähr 30.000 User. Die taz nahm im Juli 1420 Euro über Flattr ein. Davon kann doch keine Zeitung leben. Sunde: Flattr wurde nicht für große Firmen konzipiert, die etliche Mitarbeiter anstellen. Es geht vielmehr um normale Leute und kleine Organisationen. Der deutsche Podcaster Tim Pritlove hat im Juli mehr als 1000 Euro eingenommen. Für eine einzelne Person ist das viel Geld. Aber es geht nicht nur ums Finanzielle, sondern auch um die Wertschätzung. Die Leute bekommen Anerkennung. Blogger sollen davon leben können? Sunde: Das Modell der Zukunft ist wohl, dass es viele Modelle geben wird. Wer Geld machen will, muss verschiedene Einnahmequellen finden. Da gibt es noch einen ganz anderen Trend: Immer mehr Zeitungen wollen ihre Onlinenachrichten nicht mehr herschenken. Rupert Murdoch verlangt etwa ein Pfund für den Zugang zur Webseite der Times. Sunde: Er unterschätzt dabei den Wettbewerb. Ich finde das sogar ein bisschen arrogant. Den Leuten ist die Zeitungsinformation nicht mehr so viel wert. Wahrscheinlich werden die treuen Leser anfangs Geld zahlen und sich am Ende aufregen, weil es das anderswo gratis gibt. Ich glaube, die Times wird dadurch Leser und letztlich ihre Marktposition verlieren. Das ist eine kurzsichtige Strategie, besser wäre es, einen Weg zu finden, dass jeder für alles zahlt. Zum Beispiel eine Art freiwillige Steuer. Inhalte einzusperren, das funktioniert im Internet nicht. Nehmen wir an, der Konsument kann selbst den Preis festlegen. Dann konsumieren die Leute vielleicht mehr und mehr, zahlen aber weniger und weniger. Sunde: Die meisten, die mit dem Internet aufwuchsen, zahlen schon heute nichts mehr. Bei steigendem Wettbewerb fallen normalerweise die Preise. Im Internet fiel der Preis sogar auf null. Mit dieser Lösung würden die Einnahmen wieder steigen, weniger als null kann es nicht sein. Meinen Sie das ernst: Man soll froh sein, dass man Krümel verdient, weil es könnte noch weniger sein? Sunde: Nein, es geht nicht nur um ein bisschen Geld. All die kleinen Beträge werden sich insgesamt zu einer riesigen Summe addieren. Die Menschen geben auch immer mehr Geld aus, nur kaufen sie damit physische Dinge wie Gewand, Handys oder Konzerttickets. Wir müssen Wege finden, dass sie einen Teil ihres Geldes ins Internet stecken. Ein Zeitungssterben ist schon heute zu bemerken – was nützt es, wenn alle fleißig flattern, aber nur ein paar Cent spenden? Sunde: Dieses Zeitungssterben kommt sowieso, das gehört zum technologischen Wandel dazu. Viele Zeitungen sollten tatsächlich sterben, weil sie nicht mehr in die heutige Ordnung passen. Man kann nicht wie Murdoch sagen: „So stelle ich mir die Welt vor.“ Diese Macht hat er nicht mehr, sie wurde ihm weggenommen und den Leuten zurückgegeben. Er muss sich an seine Leser anpassen, nicht umgekehrt. Das bringt der technologische Wandel mit sich. In Schweden sind heute die meisten Zeitungen gratis, weil die U-Bahn-Zeitung plötzlich gratis auflag. Das Internet hat dazu geführt, dass jeder selbst kreativ werden kann. Jeder kann sein Wort verbreiten. Ich glaube, dass Blogs künftig einflussreicher und fachkundiger werden. Und dann bleiben uns nur noch ganz wenige Zeitungen und noch weniger Journalisten, die anständig recherchieren. Soll so das Ergebnis ausschauen? Sunde: Ich bezweifle Ihre Prognose. Es ist doch offensichtlich, dass die Leute bereit sind zu zahlen. Wir zahlen zum Beispiel Steuern. Ich selbst bin ein großer Fan des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, weil es wahrscheinlich das beste Instrument zur Wahrheitsfindung ist. Bezahlinhalte wie jene von Murdoch sind hingegen unausgewogen, sie berücksichtigen das politische Interesse ihres Eigentümers. Vielleicht sollten wir weniger übers Geldverdienen nachdenken und mehr darüber, wer dieses Geld verdient. Zur Person Peter Sunde gründete gemeinsam mit Gottfrid Svartholm und Fredrik Neij die Pirate Bay. Er wurde wegen Mithilfe zu Copyright-Verletzung erstinstanzlich verurteilt, das Urteil ist nicht rechtskräftig. Heuer startete er den Bezahldienst Flattr. The Pirate Bay startete 2003 und ist eine der populärsten Anlaufstellen für Internetpiraten. Sie funktioniert wie eine Suchmaschine, über die Downloader Zugang zu urheberrechtlich geschützten Filmen und Musik erhalten Flattr wurde heuer gestartet und ist ein sogenannter „Micropayment“-Dienst. User zahlen Beträge ein und können Geld an Blogger oder andere Onlineangebote spenden. Peter Sunde und Linus Olsson gründeten den Dienst, noch befindet er sich in einer Testphase Die Diskussion Die Grünen veranstalten das Sommergespräch „Kunst im digitalen Zeitalter“. Am Podium sitzen der grüne Nationalratsabgeordnete Wolfgang Zinggl, DJane Electric Indigo, die grüne Europaparlamentarierin Eva Lichtenberger und Peter Sunde. Die Veranstaltung ist auf Englisch, Eintritt gratis Do., 19.8., 19 Uhr im Museumsquartier Hof 8 Dieses Interview ist im Falter 33/10 erschienen. Diese Kolumne wurde in Ausgabe 33/10 veröffentlicht. Bild: Josephine Olsson (Kopimi Lizenz) Generation NeonTuesday, May 18. 2010
Andere Magazine verlieren Leser, Neon legt trotz Wirtschaftskrise an Auflage zu. Wie das junge Lifestyle-Magazin das schafft
![]() Für Sabine Jenewein ist das Leben vor allem eines: ungewiss. Will sie nach dem Studium nach Indien gehen und dort Kindern Deutsch beibringen? Will sie Lehrerin an einer Wiener Schule werden oder ins ländliche Tirol zurück? Oder will sie ganz etwas anderes machen? „Es gibt so viele Möglichkeiten. Und in meinem Bekanntenkreis fragt sich jeder: Mach ich das Richtige? Will ich etwas anderes machen?“, sagt die 21-Jährige. Weil sie unsicher ist, liest sie Neon. Das Monatsmagazin ist eine der jüngsten Erfolgsgeschichten am deutschen Zeitschriftenmarkt. Und das, obwohl es erst neulich mit gefälschten Interviews Schlagzeilen machte. Neon spricht junge Erwachsene wie die Tirolerin Jenewein an, die sich irgendwo zwischen Einführungsvorlesung und den ersten Erfolgen im Berufsleben, zwischen Nestflucht und eigener Familiengründung befinden. Ausgabe für Ausgabe signalisiert das Magazin: Ich verstehe dich, du bist nicht allein mit deinen Hoffnungen und Zukunftssorgen. Auf dem angeschlagenen deutschen Printmarkt sind viele Herausgeber schon glücklich, wenn sie wenigstens keine Leser verlieren. Renommierte Zeitungen wie die Süddeutsche streichen Stellen, viele Anzeigen sind längst ins Internet abgewandert, dorthin, wo die Jungen sind. Zumindest könnte man das glauben. Neon ist der Beweis, dass junge Erwachsene sehr wohl noch Zeitungen kaufen. Das Magazin stellt Fragen, über die viele abends mit ihren Freunden diskutieren oder insgeheim nachdenken: Bin ich ein böser Mensch, wenn ich meinem besten Freund den Erfolg nicht vergönne? Was tut man, wenn man beim Zusammenziehen stilistisch völlig auseinander liegt? Woran erkenne ich, dass ich das Falsche studiere? „Es gibt immer einen Artikel, bei dem ich mir denke: Das spricht mir aus der Seele“, sagt Jenewein, sie steht stellvertretend für viele andere Neon-Käufer: etwa den 31-jährigen PR-Fachmann Stefan, der über die lustigen Rubriken schmunzelt, und den 19-jährigen Maturanten Daniel, der sich für die „Problemchen“ seiner Altersgruppe interessiert. In Deutschland hat Neon laut Media-Analyse 930.000 Leser, der Verkauf steigt in Zeiten der Krise. Aber geht es dem Heft um Auflage oder um Aufklärung? Kann man es als Bravo für Bobos abtun?Das Konzept entwickelten Münchner Journalisten – mit dem Geld des Gruner+Jahr-Verlags erschien 2003 die erste Nummer. Neon ist mainstreamig, das Cover gefällig. Vielleicht ist es aber mehr als der Versuch, Mittzwanzigern bedrucktes Papier anzudrehen. Vielleicht ist es sogar die Zukunft des Magazinmarkts: für jedes Lebensgefühl die richtige Publikation. Man muss nur wissen, worüber sich die jeweilige Zielgruppe den Kopf zerbricht. Darin ist Timm Klotzek Experte. Er hat Neon mitentwickelt, ist mit Michael Ebert Chefredakteur und sitzt in seinem Büro in der Münchner Redaktion. Gegenüber liegt der triste Parkplatz eines Diskonters. Wäre da nicht das Logo von Gruner+Jahr, kein Mensch würde glauben, dass ausgerechnet hier, in diesem unscheinbaren Bürohaus außerhalb des Stadtzentrums, das Hochglanzmagazin entsteht. „Neonartig ist ein eigener Begriff geworden“, sagt Klotzek, „Wir haben eine eigene Art der Fotografie, einen identifikatorischen Journalismus, bei dem die Leute nicken und sagen können:, Verstehe ich, das geht mir genauso.‘“ Der Chefredakteur ist 37, also älter als die eigentliche Zielgruppe, und hat bereits Kinder. Er kann aber viel über die klassischen Neon-Leser erzählen: Sie wollen im Leben vorankommen, irgendwann haben sie es satt, auf WG-Partys die Schuhe auszuziehen und Chili con Carne zu essen. „Gleichzeitig fahren sie durch eine Vorstadt, wo diese Doppelhaushälften mit Garage stehen, und denken sich:, Oh Gott, bei mir ist es auch bald so weit, so wollte ich doch niemals enden.‘“ Die Schwierigkeit des Erwachsenwerdens beschreibt auch die 21-Jährige Jenewein. Sie erzählt von ihren Eltern in der Tiroler Heimat, die eine Lehre machten, früh heirateten, Kinder kriegten, ein Haus bauten. Viele 20- bis 30-Jährige sehen das Leben ihrer Eltern und können damit nichts anfangen. Das war schon vor 50 Jahren so, nur hat sich diese Phase der existenziellen Unsicherheit und des Selbstfindungsprozesses verlängert. Die gesellschaftliche Sicherheit bröckelte Stück für Stück weg. Der Job? Nur ein Praktikum. Heiraten? Wer weiß, ob das hält. Kinder? Vielleicht in fünf Jahren. Aus diesem Gefühl heraus entstand der Neon-Slogan: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden.“ Eine Zeit lang war das auch die Unterzeile am Cover.Neon greift Themen auf, die Mittzwanziger beschäftigen. Die gerechte Verteilung zwischen Frauen und Männern beispielsweise. Aber da wird nicht mehr die Abtreibungsdebatte der 70er-Jahre geführt, sondern über den Sexismus 2.0 berichtet. „Im Internet kocht und häkelt die Frau, das große Wort führt der Mann“, schreibt Neon. Und Leserinnen wie Sabine Jenewein nicken. Ja, das stört sie auch. Freilich bietet Neon einen Mix aus Erklärjournalismus, Unterhaltungselementen, gefälliger Popberichterstattung und politischen Reportagen. Vor allem ist es aber Identifikationsfläche. Bereits beim Cover wird darauf geachtet, dass die hübschen Menschen natürlich aussehen. Bildchef Jakob Feigl setzt nur behutsam Photoshop ein. „Man muss das Gefühl haben, man ist auf Augenhöhe“, meint er. Oft schauen die Fotos aus, als handle es sich um Schnappschüsse von der letzten Party. Tatsächlich engagiert das Magazin renommierte Fotografen, der Großteil der abgedruckten Bilder wird eigens für das Blatt geschossen. Überraschend ist, dass vor Neon keiner diese Lücke am Medienmarkt besetzte. Im Gegenteil: Neon entstand erst, nachdem sein Vorgängermagazin gescheitert war. Die Süddeutsche stellte 2002 ihre beliebte Jugendbeilage Jetzt ein, auch 8000 Protestunterschriften und eine Demonstration änderten nichts daran. Klotzek und der Großteil des Neon-Gründungsteams arbeiteten damals dort, dann trat die Stern-Chefredaktion, die zu Gruner+Jahr gehört, an sie heran. Sie bekamen die Chance, ein neues Magazin zu entwerfen. 2006 wurden Klotzek und Ebert vom Medium Magazin als „Journalisten des Jahres“ ausgezeichnet. Über den Medienmarkt sagt dieser Erfolg viel aus. In den letzten Jahren werden Publikationen zunehmend für ein spezielles Publikum maßgeschneidert. Zuletzt brachte Gruner+Jahr gleich drei Lifestyle-Magazine für Männer heraus: Beef legt besonderen Wert auf deftiges Kochen, Gala Men auf Mode, Business Punk auf Wirtschaft. „Ich glaube, in absehbarer Zeit wird es keine riesigen Zeitschriften mehr geben. Es wird kleiner, spezifischer“, sagt Klotzek. Er selbst hat das Neon-Prinzip nun weiterentwickelt und leitet auch Nido, ein Magazin speziell für junge Eltern. Wieder geht es um Lebensgefühljournalismus: Statt die besten Kinderwägen zu testen, wird laut darüber nachgedacht, ob die eigenen Kinder das Sexleben zerstören. Natürlich kann man sich über diese Art von Journalismus lustigmachen. Nido, das Magazin für die Restsexualität junger Eltern, Business Punk, die Bravo für BWL-Studenten. Einige Kollegen zeigen offen ihre Häme. „Manche finden, es sei ein Zeitgeistblättchen für eine merkwürdig unpolitische Generation. So wichtig für die Aufklärung des Abendlands wie ein Actimel-Joghurt“, schrieb etwa der Spiegel. Andere Journalisten verwundert diese Kritik: „Natürlich ist das kein Spiegel für Junge“, sagt Armin Wolf. Der ORF-Moderator analysierte für seine Master-Arbeit die politische Berichterstattung von Neon. „Das sind solide Geschichten, die auch im Stern oder im Profil stehen könnten“, meint er. Für ein Lifestyle-Magazin behandelt Neon überraschend viele Politikthemen, es fliegt seine Journalisten eigens nach Gaza, Pakistan oder New Orleans, wo diese manchmal wochenlang an Reportagen recherchieren. Der Vorwurf, Neon sei unpolitisch, stimmt und ist falsch zugleich. Das Blatt kann in diesem Punkt nicht mit Nachrichtenmagazinen konkurrieren, aber es ist schon etwas förderlicher für die Aufklärung als ein Joghurt-Drink. Einen Skandal hat Neon in sieben Jahren erlebt: den Fall Ingo Mocek. Der Journalist schrieb über Popmusik und sollte Stars wie Beyoncé Knowles oder Snoop Dogg interviewen. Stattdessen erfand er Passagen oder ganze Gespräche. Als das im März aufflog, entließ ihn Neon. Die Chefredaktion trat selbst an die Leser. „Es gibt überhaupt kein Interesse, das zu vertuschen“, meint Klotzek, „wir haben gesagt:, Da ist was ganz Schlimmes bei uns passiert, da gibt es nichts schönzureden.‘“ Das Hochglanzmagazin leistet sich als eine von wenigen deutschen Redaktionen eine eigene Dokumentation. Das heißt, jedes Fakt in jedem Artikel wird von einer Mitarbeiterin noch einmal überprüft. Der entlassene Journalist habe die Kollegen hinters Licht geführt, sagt der Chefredakteur. Gleichzeitig hat Neon bei freien Autoren nach wie vor einen guten Ruf, hier werden angemessene Honorare und Recherchereisen bezahlt. Für die großen Reportagen gibt es mitunter vierstellige Summen. Mittlerweile eine Ausnahme, selbst in der deutschen Medienbranche.Das ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum Neon funktioniert. Hier findet kein billiger Schmuddeljournalismus statt wie in vielen anderen Lifestyle-Publikationen. Zwischen Gesichtscremetests und bezahlten Kosmetikinseraten verwischt dort oft die Grenze zwischen unabhängiger Berichterstattung und Werbung. Viele Artikel sind vorhersehbar. Angeblich interessieren sich Frauen im Winter für Keksebacken und im Sommer für die Bikinidiät. Männer hingegen schauen Sport und trainieren den nicht vorhandenen Waschbrettbauch. Oder wie Timm Klotzek das sagt: „Der Frauenmagazinmarkt funktioniert über Psychodruck. Die sagen:, So hat dein Kleiderschrank auszuschauen, so dein Hintern, so dein Sexleben.‘ Die Männerzeitschriften sind hingegen in der Regel so ein bisschen schmierig. Wenn Besuch kommt, der einem wichtig ist, räumen viele das Männermagazin vom Couchtisch.“ Mit solchen Zeitungen kann auch Neon-Leserin Sabine Jenewein nichts anfangen. „Die besten Modetipps für den Sommer? Das hat nichts mit meinem Leben zu tun“, sagt sie. So banal die Lektion klingen mag, so sehr ergibt sie Sinn: Medien sind dann ganz besonders erfolgreich, wenn sie an den Lebensalltag der Menschen andocken. Und wenn einen zwischendurch ein paar sympathische Gesichter anlachen, schadet das auch nicht. ------------------- Neon in Zahlen ------------------- 231.136 Stück wurden im Schnitt im ersten Quartal 2010 verkauft 124.940 Exemplare waren es fünf Jahre zuvor, das ist eine Steigerung um 85 Prozent 2003 erschien das Magazin erstmals 34 Mitarbeiter zählt die Redaktion heute 20 bis 35 Jahre alt sind die meisten Leser 2 Chefredakteure gibt es, Timm Klotzek und Michael Ebert Dieser Artikel ist im Falter 19/10 erschienen. Illustration: Bianca Tschaikner / Cover: Neon "Wir hängen nicht am Gängelband"Tuesday, May 18. 2010
Brigitte Kulovits-Rupp ist die erste Frau an der Spitze des ORF-Stiftungsrats. Sie fordert mehr Geld für echtes Programm und die Einführung ethischer Richtlinien
Es war eine echte Überraschung. Stiftungsrats gewählt. Und das mit deutlicher Mehrheit. 31 der 35 Stiftungsräte stimmten für die SPÖ-Kandidatin, erstmals führt eine Frau das oberste Kontrollgremium am Küniglberg an. Die ÖVP sicherte sich im Gegenzug die Leitung des Finanz- und Programmausschusses. „Alten Proporz“ nennt die Presse das, „politische Willkür“ sieht das Profil. Wie denkt Kulovits-Rupp über ihre Wahl? Wie nimmt sie den Einfluss der Politik wahr? Und welche Schwerpunkte will sie in den kommenden vier Jahren setzen? Darüber sprach Kulovits-Rupp in ihrem ersten Interview als Vorsitzende, das sie dieser Zeitung gab.Falter: Frau Kulovits-Rupp, sind Sie eine Proporzlösung? Brigitte Kulovits-Rupp: Nein, ich bin keine Proporzlösung. Es ging darum, einen mehrheitstauglichen Kandidaten oder eine mehrheitstaugliche Kandidatin zu finden, und es gab sehr großen Zuspruch für meine Person, nicht nur von Rot und Schwarz. Dabei waren ursprünglich nicht Sie, sondern ein unabhängiger Vorsitzender geplant. Warum kam es nicht dazu? Kulovits-Rupp: Ich weiß nicht, von wem das geplant gewesen sein soll. Die Entscheidung, wer dem Stiftungsrat vorsitzt, fällt im Stiftungsrat. Die Mitglieder sind weisungsgebunden und unabhängig und haften für ihre Beschlüsse mit dem Privatvermögen. Ich glaube nicht, dass diese Personen am Gängelband irgendwelcher Entscheidungsträger hängen. Nun wird aber ein Teil der Stiftungsräte von der Politik berufen. Sie sind überdies die Wunschkandidatin der SPÖ, ihr Vize der Kandidat der ÖVP. Inwiefern passt das mit dem Anspruch der Unabhängigkeit zusammen? Kulovits-Rupp: Der Stiftungsrat wird zum Teil von der Politik beschickt, natürlich spielt sich das nicht in einem Vakuum ab, sondern hat gesellschaftspolitische Relevanz. Auch in der Gesellschaft spielen die Parteien eine Rolle. Mich irritiert, dass dem Stiftungsrat jahrelang vorgeworfen wird, er ist ein zerstrittener Haufen und kriegt nichts auf die Reihe. Und nun haben wir einen Beschluss mit sehr breiter Mehrheit, und es heißt daraufhin, es würde gemauschelt. Es ist der Sache nicht dienlich, das immer nur negativ zu kommentieren. Ich hoffe, dass der Stiftungsrat in Zukunft gemeinsam nach außen hin auftreten kann. Sie möchten sich als Vorsitzende künftig auch stärker mit dem ORF-Programm befassen. Was wollen Sie da diskutieren? Kulovits-Rupp: In den letzten Jahren hat sich der Stiftungsrat großteils mit Finanzfragen beschäftigt. Natürlich sind geordnete Finanzen die Voraussetzung für ein gut funktionierendes Unternehmen. Der eigentliche Zweck des ORF ist es aber, Programm zu machen. Es ist an der Zeit, dem mehr Augenmerk zu schenken. Der ORF strahlt im Jahr an die 120.000 Programmstunden aus, doch in der letzten Zeit stand immer weniger Geld fürs Programm zur Verfügung. Dabei sind gerade die Eigenproduktionen beim Publikum beliebt, und wenn man mehr Eigenproduktionen will, muss man entsprechende Mittel zur Verfügung stellen. Die ÖVP pocht aber weiterhin auf einen Sparkurs. Widerspricht das nicht Ihren Vorstellungen? Kulovits-Rupp: Sparen ist kein Selbstzweck. Es ist klar, dass das Unternehmen ein Strukturproblem hat. Dieses gilt es zu lösen. Aber man muss festlegen, was der Kernbereich des ORF ist. In den letzten Jahren hatten wir eine Diskussion über die Definition des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Da gibt es zwei Extrempositionen. Die einen meinen, der ORF soll nur das machen, womit niemand Geld verdienen kann. Er soll eine elektronische Wiener Zeitung werden. Auf der anderen Seite gibt es den Anspruch eines Vollprogramms, mit allem, was dazugehört, jeder Sportart, allen Sportrechten. Da wird man einzeln klären müssen: Kann, will und muss ich mir das leisten? Und wie definieren Sie den öffentlich-rechtlichen Auftrag? Brigitte Kulovits-Rupp sitzt seit 2001 im ORF-Stiftungsrat, die 51-Jährige leitet in ihrem Hauptberuf die Öffentlichkeitsabteilung der Arbeiterkammer Burgenland. Vor der Wahl zur neuen Vorsitzenden führte sie bereits den Programmausschuss. Ihre ersten Erfahrungen im ORF sammelte sie 1978, als sie am kritischen Jugendmagazin „Ohne Maulkorb“ mitarbeitete. Kulovits-Rupp studierte Publizistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaften, ist verheiratet und hat drei Kinder In den letzten Monaten gab es immer wieder Diskussionen über die Unvereinbarkeit, darüber, was ein ORF-Moderator in seiner Freizeit tun, womit er zusätzlich Geld verdienen darf. Sind Sie für niedergeschriebene einheitliche Regeln? Kulovits-Rupp: Ja. Diesen Punkt habe ich mir vorgenommen und auch schon Gespräche geführt. Natürlich muss man unterscheiden, ob jemand fest beim ORF angestellt ist oder nur nebenbei für ihn arbeitet, ob jemand eine Informations- oder eine Unterhaltungssendung moderiert, ob er Redakteur oder Programmverantwortlicher ist. Man wird nicht jeden Einzelfall mit Richtlinien regeln können, aber Grundsätze soll es schon geben. Sollen ethische Fragen generell schriftlich geregelt werden? Kulovits-Rupp: Ja, im Zuge der Diskussion um die „Schauplatz“-Reportage wurde auch die Einsetzung einer Arbeitsgruppe zu Programmrichtlinien zugesichert. Ich finde es eine wichtige Aufgabe, zu regeln, was für Journalisten zulässig ist und was nicht. Dadurch gibt man den Mitarbeitern auch eine gewisse Sicherheit. Im Parlament liegt derzeit das neue ORF-Gesetz. Wie denken Sie darüber? Kulovits-Rupp: Das Gesetz schafft klarere Spielregeln, auch was die Aufsicht betrifft. Die unabhängige Medienbehörde ist grundsätzlich gut, Klärungsbedarf besteht aber noch, was mit der Verantwortung und Haftung passiert, wenn diese Behörde Beschlüsse des Stiftungsrats aufhebt. Ihr Vorgänger, Klaus Pekarek, sprach sogar von einer Entmachtung des Stiftungsrats durch die Medienbehörde. Kulovits-Rupp: Das sind scharfe Worte, die das plakativ ausdrücken. Ich denke, dieser Punkt ist noch nicht ausdiskutiert und es wird darauf ankommen, wie die Formulierung letztlich verfasst ist und ausgelegt werden kann. Macht es einen Unterschied, dass Sie nun die erste Frau an der Spitze des Stiftungsrats sind? Kulovits-Rupp: Einen großen sogar. In den letzten Tagen gab es sehr bissige Kommentare, auch einen Leitartikel, in dem ich als Person und meine Kollegin Margit Hauft (Anm.: die neue Leiterin des Programmausschusses) sehr kritisch betrachtet wurden. Ich glaube, das passierte auch deswegen, weil wir Frauen sind. Und sollte ich in meiner Position keine gute Figur machen, wird es jene geben, die sagen: „Na eh klar, ist halt so, weil sie eine Frau ist.“ Wirkt sich die Tatsache, dass Sie eine Frau sind, auf die Führung des Stiftungsrats aus? Kulovits-Rupp: Ich denke schon. Ich kann mich an stundenlange Diskussionen im Gremium erinnern, in denen nicht erkennbar war, worum es ging. Mir erschien das als Hahnenkämpfe. Ich schätze effizientes Arbeiten und Diskussionen, in denen nahezu jede Facette beleuchtet wird. Aber ich halte wenig davon, das als Podium für Selbstdarstellung zu nutzen. Jetzt brodelt schon wieder die Gerüchteküche. Es heißt, die ORF-Direktoren könnten frühzeitig ausgetauscht werden, also vor Ende 2011. Ist da was dran? Kulovits-Rupp: Diese Frage stellt sich derzeit nicht, die Diskussion halte ich für überflüssig. Im ORF gibt es immer solche Gerüchte, sie werden auch bewusst lanciert. Ist der ORF eine Schlangengrube? Kulovits-Rupp: Er ist zumindest heikles Terrain. Als Schlangengrube würde ich ihn nicht bezeichnen. Unter Journalisten versucht jeder, dem anderen voraus zu sein, Entwicklungen vorwegzunehmen und als Erster auf einer Neuigkeit zu sitzen. Vielleicht führt das manchmal zu solchen Spekulationen, näher will ich mich dazu aber nicht äußern. Dieses Interview ist im Falter 17/10 erschienen. Credits: Flickr-User Martin & Julia / ORF Kundendienst Lauter, schriller, billigerMonday, May 17. 2010 Die Qualitätsmedien stehen am Abgrund, die Schreihälse geben den Ton an, erklärt der Soziologe Kurt ImhofWie schädlich sind schlechte Medien für die Demokratie? Dazu forscht der Schweizer Kurt Imhof. Sein Urteil ist ernüchternd. Der Soziologe attestiert der Medienlandschaft einen Qualitätszerfall seit den Siebzigerjahren, der sich nun auf Politik und Gesellschaft auswirkt und Rechtspopulisten beflügelt. Welche Lösungen es geben könnte und welche Rolle das Internet dabei spielt, erklärt er im Gespräch. Falter: Herr Imhof, bei Ihren Thesen bekommt man den Eindruck: Wir verdummen alle und schuld sind die Medien. Was läuft in Ihren Augen falsch? Kurt Imhof: Durch die Kommerzialisierung ist das Qualitätsbewusstsein für Journalismus verlorengegangen. Dieses Bewusstsein, dass guter Journalismus die Voraussetzung für Demokratie ist. Aber wenn wir von Schuldigen sprechen, sollten wir die Verhältnisse nicht vergessen: Tatsächlich haben die Medien nicht mehr die nötigen Ressourcen. Ihre Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr, und das Publikum macht immer weniger einen Unterschied zwischen Qualitäts- und anderen Medien. Warum nicht? Imhof: Das wurde stark von der Gratiskultur befördert. Wenn man Informationen kostenlos beziehen kann und diese Informationen scheinbar ausreichen, um sich in der Welt zu bewegen, dann können die Leserinnen und Leser nicht mehr zwischen gutem und schlechtem Journalismus unterscheiden. Wir können auch nicht vom Publikum verlangen, dass es die Zeitungen der 60er- und 70er-Jahre mit den gegenwärtigen vergleicht und feststellt: Herrgott nochmal, wir haben nur noch Human Interest, Personalisierung und Skandalisierung! Was finden Sie am Human Interest, dem Fokus auf menschliche Geschichten, so schlimm? Imhof: Human Interest bezieht sich auf Charakterdefizite, persönliches Versagen und Abweichungen von der Norm. Diese subjektive Innerlichkeit des Menschen zu betrachten, ist sehr viel einfacher, als über Sachverhalte zu informieren. Das ist eine Komplexitätsreduktion und fördert auch den Wahlerfolg populistischer Akteure. Was halten Sie für den richtigen journalistischen Umgang mit den Rechtspopulisten? Imhof: Die Nachrichtenwertlogik müsste im Grunde verleugnet werden. Wenn die FPÖ etwas einbringt, ist das spektakulär und die Medien reagieren darauf. Das widerspricht aber dem Gebot der Aufklärung: Bei der sollte die sanfte Gewalt des besseren Arguments überzeugen – und nicht der Schreihals. Und die Folgen? Imhof: Die Gefahr kann man ganz drastisch auf den Punkt bringen. In den 20er- und 30er-Jahren kamen die Austrofaschisten und die NSDAP mit ihren medienwirksamen Aktionsformen zum Erfolg, weil sie in Österreich und Deutschland über eine Mehrheit rein kommerzialisierter Medien verfügten. In der Schweiz hingegen trafen sie auf ein Mediensystem, das primär von der Parteizeitung geprägt war, und erhielten keine Resonanz. Das heißt, die Struktur der öffentlichen Kommunikation entscheidet über die Struktur des politischen Systems. Wir sind nicht so weit wie in der Zwischenkriegszeit. Diese hat uns aber gelehrt, auf die öffentliche Kommunikation zu achten. Heute haben wir doch eine viel größere Medienpluralität. Widerspricht das nicht Ihrer These? Imhof: Nein, was als Pluralität erscheint, ist eine Nivellierung nach unten. Der Medienkonsum orientiert sich ganz stark an Generationen und Bildungsschichten. Die hoch emotionalisierten politischen Ereignisse erreichen bei den qualitativ schlechtesten Medien die höchste Resonanz und sind für politische Kampagnen ausschlaggebend. Das politische Personal muss sich immer stärker auf die Billigmedien ausrichten, und das verändert die Qualität der öffentlichen Auseinandersetzung. Was wäre Ihr Gegenentwurf? Imhof: Es braucht drei Maßnahmen. Wir müssen zum einen die Medienkompetenz an den Schulen fördern. Jugendliche können nicht mehr zwischen Qualitätsmedien und Billigmedien unterscheiden. Dabei ist das eine Voraussetzung, um die Demokratie aufrechtzuerhalten. Zweitens brauchen wir eine unabhängige Beobachtung der Medienqualität selbst, also ein Jahrbuch, das einen Qualitätsvergleich macht und die Wirkungen des Qualitätszerfalls aufzeigt. Drittens müssen wir uns im Klaren sein, dass die Medien nicht mehr über rein kommerzielle Einnahmen gesichert werden können. Es braucht im Printbereich Stiftungsmodelle mit zivilgesellschaftlichen und öffentlichen Mitteln, die qualitativ hochwertigen Journalismus sichern. Der Staat soll also einspringen, weil sich die herkömmlichen Medien nicht mehr rentieren? Imhof: Ja, klar. Wir sind uns einig, dass wir den öffentlichen Verkehr mit öffentlichen Mitteln fördern sollen. Natürlich sollen wir auch den öffentlichen Informationsverkehr auf diese Weise fördern. Und wie soll Ihr Stiftungsmodell aussehen? Imhof: Das gibt es so noch nicht. Es muss so eingerichtet werden, dass zivilgesellschaftliche und öffentliche Mittel vorhanden sind und der Staat nicht lenkend eingreifen kann. Im angelsächsischen Raum finden sich Medien, die bereits durch einzelne Stiftungen unterstützt werden. In den USA fördert eine Stiftung zum Beispiel Recherchejournalismus. Diese gutrecherchierten Artikel können sich dann Medien billig kaufen. Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Solche Stiftungen werden oft von der Privatwirtschaft finanziert. Wie kann man verhindern, dass Medien zum Sprachrohr großer Konzerne werden? Imhof: Diese Institutionen muss man so zusammensetzen, dass ihre Unabhängigkeit gewährleistet ist. Und man muss die Mittelvergabe an klare Qualitätskriterien knüpfen. Die andere Lösung wäre, dass Menschen wieder Geld für gute Medien ausgeben. Imhof: Das setzt aber voraus, dass die Qualitätsunterschiede überhaupt wieder beim Publikum wahrgenommen werden – und dass die Qualität steigt. Kurt Imhof ist Soziologe und Publizistikwissenschaftler an der Universität Zürich. Der 54-Jährige war im Rahmen der Hedy Lamarr Lectures zu Gast in Wien und sprach über die mediale Wissensvermittlung im Wandel Imhof: Ja, wir beobachten eine Nivellierung nach unten. Die internationalen Qualitätsmedien stehen alle am Abgrund. Le Monde, Guardian, Süddeutsche, FAZ, NZZ etc. müssen sparen. Bei der New York Times gibt es eine akute Übernahmegefahr durch den wichtigsten mexikanischen Telekomunternehmer. Die Verlegerfamilie denkt über einen Verkauf der Zeitung nach, solange noch etwas herauszuholen ist. Besteht das Problem darin, dass Medien wie ein normales Produkt gehandelt werden? Imhof: Ja, in der Moderne waren Medien die meiste Zeit Weltanschauungsorgane, Aufklärungs- oder Gesinnungsmedien. Sie hatten in erster Linie den Staatsbürger im Auge, nicht den Medienkonsumenten. Aber heute will doch keiner von sich sagen, dass er Gesinnungsjournalismus macht. Imhof: Das stimmt. Der Weg zurück zu den Weltanschauungsmedien ist nicht möglich, schon deshalb, weil die Parteien kein Geld haben. Es ist aber wichtig, unabhängige Meinungsblätter zu haben, mit qualitativ hochwertigem Journalismus auf Basis ressourcenstarker Redaktionen. Seit wann beobachten Sie diesen Verfall der Qualität? Imhof: Wir haben die wichtigsten Kommunikationsereignisse der letzten 100 Jahre in der deutschsprachigen Schweiz analysiert. Der drastische Einbruch begann in den 70er-Jahren, wurde in den 80er- und 90er-Jahren beschleunigt. Und jetzt sind wir so weit, dass die politischen Wirkungen auch sichtbar werden. Viele Menschen hoffen nun auf das Internet und die neuen Medien: Facebook, Twitter und Co. Sehen Sie hier das Potenzial zu verstärkter öffentlicher Kommunikation und mehr Kontrolle? Imhof: Da müssen wir zwei Unterscheidungen machen. Erstens: Die Qualitätsmedien haben Ableger im Internet, im Regelfall findet sich dort die qualitativ dünnere Ausgabe der Originalmedien mit wesentlich mehr Agenturmeldungen und schlechter ausgestatteten Redaktionen. Aber immerhin kann man die internationalen Qualitätszeitungen Le Monde, New York Times etc. online lesen. Zweitens haben wir die neuen Interaktionsmedien wie Twitter und Facebook, also die Social Networks. Dort verfassen die Leute in erster Linie Botschaften über sich selbst oder ihre subjektive Befindlichkeit und inszenieren sich selbst. Wir haben es hier nicht mit Kommunikation zu tun, die alle etwas angeht, sondern mit Kommunikation, die nur die Gemeinschaft etwas angeht. Und zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft besteht ein Unterschied. Im Internet gibt es für jeden Menschen seine Community. Der Autonarr besucht ein Autoforum, der Anhänger einer Partei spricht mit Gleichgesinnten. Zerbröselt die Gesellschaft im Netz? Imhof: Sie löst sich in Gemeinschaften auf. Aber die Moderne ist abhängig von einer gesellschaftlichen Organisationsform. Bei den Mehrheitsabstimmungen prägen Bürgerinnen und Bürger die Demokratie, die sich gar nicht kennen. Dafür brauchen wir eine – über die Gemeinschaft hinausgehende – öffentliche Kommunikation. Also die klassischen Medien. Imhof: Ja. Aber klassische Medien kann es im Internet oder anderswo geben. Die Übermittlungsform ist nicht das Entscheidende. Nur eine gutausgestattete Redaktion macht den Unterschied. Dieses Interview ist im Falter 16/10 erschienen. Credits: Jochen Schievink / Heribert Corn
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Der ORF und die NeonazisWednesday, March 31. 2010 Strache gegen den ORF, Rechtsradikale gegen Strache, die ÖVP gegen den ORF, der ORF gegen die Prinzipien von Qualitätsjournalismus – eine Affäre mit lauter VerlierernBericht: Ingrid Brodnig und Martin Gantner Damit hatte Philipp R. nicht gerechnet. Über Nacht wurde er zum bekanntesten Rechtsradikalen Österreichs. Die Parteien streiten darüber, was der 19-Jährige bei einer FPÖ-Veranstaltung vielleicht gesagt oder nicht gesagt hat. Journalisten diskutieren, ob der Wiener vom ORF instrumentalisiert wurde. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ob er sich der Wiederbetätigung schuldig machte. Und Philipp selbst? Er sitzt in der Wohnung seiner Mutter, trägt eine Jogginghose, ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „Leben ist Kampf“ und ärgert sich. „Wenn ich gewusst hätte, dass das so endet“, sagt er, „dann hätte ich da nicht mitgemacht.“ Am liebsten hätte er sich niemals vom ORF filmen lassen. Eine 30-minütige Fernsehreportage stellte das Leben des jungen Skinheads auf den Kopf. Die Reportage handelt vom trostlosen Alltag des Wieners: von den Geldsorgen, die ihn und seine Mutter plagen, von den fehlenden Perspektiven, die den jungen Mann ohne Schulabschluss und ohne Jobchancen umtreiben, bis hin zur Wut, die er spürt, wenn er über „die Ausländer“ schimpft. Der ORF-Journalist Ed Moschitz hatte Philipp mehrere Monate lang begleitet. Die Zuschauer erleben einen desillusionierten 19-Jährigen auf seinem Weg zum Arbeitsamt und beobachten, wie der Bursche gemeinsam mit seinem Freund vor Gericht erscheinen muss. Moschitz zeigt einen jungen Menschen in seiner ganzen Widersprüchlichkeit: hin- und hergerissen zwischen dumpfem Ausländerhass und Zuneigung zu seinem türkischen Nachbarn, der auf derselben Stiege wohnt. Übrig bleibt vor allem eine Frage: Wie viel hat der Philipp im Fernsehen mit dem echten Philipp aus dem Gemeindebau zu tun? Der ORF fuhr mit den Rechtsradikalen auch zu einer Wahlkampfveranstaltung der FPÖ in Wiener Neustadt, wo die Jungs hinwollten. Dort stellten sie sich demonstrativ mit Transparenten vor linke Gegendemonstranten und reihten sich ein, um Fotos und Autogramme von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache zu bekommen. „Sieg Heil!“ will dieser dann aus dem Mund von einem der Skins gehört haben. Strache wirft dem Küniglberg Manipulation und Moschitz Anstiftung zum Neonazismus vor. Der ORF dementiert. Die Interessen der Politik Die beiden beschuldigten Skinheads bestreiten mittlerweile selbst, in Wiener Neustadt „Sieg Heil!“ gerufen zu haben. Auch das ausgestrahlte Material lässt starke Zweifel an Straches Version aufkommen. Doch den FPÖ-Chef hindert das nicht daran, sich weiter als Opfer des ORF zu gerieren. Er spricht vom „Küniglgate“ und von gebührenfinanzierten Neonazis. Den Freiheitlichen bietet der Fall eine willkommene Ablenkung von ihrer Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz. Mit ihrem Eiertanz rund um das Verbotsgesetz hatte sie die FPÖ einmal mehr ins rechte Eck gestellt. Auch die ÖVP fordert auf einmal gebetsmühlenartig hehren Qualitätsjournalismus und unverzerrte Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein. Kritiker befürchten, es gehe den Schwarzen nur um die Vormachtstellung auf dem Küniglberg. Nun schaltet sich auch der grüne Sicherheitssprecher Peter Pilz ein und erstattete am Montag Anzeige gegen unbekannt. Er habe den Verdacht, dass Polizeibeamte auf die Skinheads Druck ausübten und zur Falschaussage im Interesse der FPÖ zwangen. Der Fall hat aber auch eine andere Dimension als das politische Hickhack. Es geht dabei um die Frage: Was dürfen Journalisten – und was nicht? Wann legen sie Spuren, statt diesen nur zu folgen? Ist es legitim, einem jungen Rechtsradikalen Geld zu geben, damit er sich T-Shirts mit einschlägigen Sprüchen kauft? Die Aussagen der Skinheads und Falter-Recherchen lassen die Arbeitsmethoden des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in einem zweifelhaften Licht erscheinen. Dieser Bericht erschien als Cover-Geschichte im Falter 13/10 Am Küniglberg liegen die Nerven blank. Dem zuständigen Redakteur, Ed Moschitz, wird eine öffentliche Stellungnahme per Weisung untersagt. Nur in der „Zeit im Bild“ durfte er sprechen, um seine Arbeitsweise zu verteidigen. Kaum ein Mitarbeiter will zitiert werden. Sie alle wissen, dass viel auf dem Spiel steht: Für den ORF geht es um seine Glaubwürdigkeit als öffentlich-rechtlicher Sender. Für die „Schauplatz“-Redaktion um den hart erarbeiteten Ruf eines Teams, das für seine Sozialreportagen über die Jahre hinweg zu Recht mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Einer, der Stellung beziehen muss, ist Christian Schüller, Sendungsverantwortlicher vom „Schauplatz“. Er sitzt vergangenen Donnerstag müde in der ORF-Kantine. Die Anstrengungen der letzten Tage sind ihm anzusehen. Er sagt: „Die Kritik der FPÖ ist haltlos. Die Sendung wird die Vorwürfe klar widerlegen.“ Man könne noch so viele Bänder auswerten, auf keinem werde man die von Strache behaupteten Naziparolen finden. „Niemand wurde zu irgendwas gezwungen.“ Die ORF-Führung sprach bisher immer von je 100 Euro, die die beiden Skinheads für die Erlaubnis zum Filmen bekommen hätten. Laut Unternehmenssprecher Pius Strobl scheinen in der ORF-Buchhaltung keine weiteren Zahlungen auf. Die Skinheads widersprechen einander in Details, behaupten aber beide, es sei mehr Geld geflossen. Philipp sagt, es seien 100 Euro pro Drehtag gewesen. Wie Falter-Recherchen im ORF ergaben, dürften die jungen Männer jedenfalls mehr Geld als 200 Euro erhalten haben. 50 Euro bekam zum Beispiel Philipp – bevor er vor laufender Kamera einen rechtsradikalen Shop betrat. Von dem Geld kaufte sich der Skinhead eine Fahne und zwei T-Shirts. Eines davon ist das schwarze Leiberl mit der Aufschrift „Leben ist Kampf“, das er jetzt zuhause trägt. „Leben ist Kampf“ heißt auch ein Song aus dem rechtsradikalen Milieu. Ein Propagandafilm der Nationalsozialisten trug den Titel „Alles Leben ist Kampf“. Das Geld, das an die beiden Rechtsradikalen floss, wird von ORF-Vertretern das eine Mal als notwendiges Übel für eine heikle Recherche, das andere Mal als normales Vorgehen bezeichnet. Im „Club 2“ vergangenen Donnerstag holte Johannes Fischer, Chef der ORF-Magazine, einen Zettel heraus. Er las vor, dass nicht nur der ORF, sondern auch ZDF, NDR, das Schweizer Fernsehen und der Westdeutsche Rundfunk für die Abtretung von Persönlichkeitsrechten oder für etwaige Aufwandsentschädigungen Geld bezahlen würden. Beim Zuschauer konnte der Eindruck entstehen, als sei es auch bei den deutschen Kollegen das Normalste der Welt, dass Journalisten ihre Interviewpartner bezahlen. Das stimmt nicht. Natürlich gebe es beim ZDF Aufwandsentschädigungen, sagt Andreas Wunn, Chef vom Dienst der ZDF-Chefredaktion. Gefilmte bekämen manchmal Geld, wenn sie aufgrund eines Drehtermins nicht arbeiten könnten oder einen anderen Termin verpassten. „Grundsätzlich wird aber kein Geld an Protagonisten gezahlt“, sagt Wunn, der so renommierte Magazine wie „Frontal 21“, „ZDF Reporter“ und „ZDF Reportage“ mitverantwortet. Die Kollegen in Deutschland „Ich stelle die Situation nicht her, über die ich berichte“, sagt auch Harald Lüders, ein anderer Mitarbeiter des ZDF. Er leitet die Reportageredaktion in Mainz und will die Recherchemethoden des ORF nicht näher kommentieren – für seine eigene Redaktion stellt er jedoch klar: Geld für Neonazis kommt nicht infrage. „Da besteht die Gefahr, dass man Menschen motiviert, sich selbst zu produzieren“, erklärt er. Denn die Leute könnten durch Zahlungen zusätzlich bestrebt sein, der Kamera etwas Sehenswertes zu bieten. Wer trägt dann Schuld an einem Hitlergruß im Fernsehen? Derjenige, der die Hand zum Gruße hob? Oder jene Person, die zuvor Geld gegeben hat, um einen Rechtsradikalen vor die Kamera zu bekommen? Karlheinz Kopf, Mediensprecher der ÖVP, ortet jedenfalls journalistische Verfehlungen im ORF: „Mein Interesse richtet sich nicht so sehr darauf, ob der ‚Sieg Heil!‘-Ruf wirklich stattgefunden hat – das werden die Gerichte klären –, sondern darauf, ob die Burschen vom Redakteur täglich bezahlt, mit einschlägigen Utensilien ausgestattet und im Produktionsfahrzeug zu einer politischen Kundgebung gefahren wurden.“ Dann nämlich hätte die Redaktion aus einer Reportage fiktionales Programm gemacht und eindeutig Grenzen des journalistisch Erlaubten überschritten. In der Filmwissenschaft gibt es für Situationen, die erst durch den Journalisten selbst geschaffen werden, einen Fachausdruck: das Pseudoereignis. „Ein Pseudoereignis ist ein Geschehen, das ohne das Zutun oder den Ausblick auf ein Mediengeschehen nicht zustande gekommen wäre. ‚Falsche‘ oder ‚täuschende‘ Ereignisse also, die ohne die Anwesenheit von Medien niemals passiert wären.“ Absurderweise stammt dieses Zitat aus der Magisterarbeit von Ed Moschitz selbst, dem verantwortlichen Redakteur. Er hat seine Diplomarbeit dem Thema „Authentizität in realitätsnahen Fernsehformaten“ gewidmet, sich dort mit der Echtheit, Inszenierung und Manipulation von Reportagen auseinandergesetzt. Umso verwunderlicher ist seine eigene Recherchemethode. Eine zweifelhafte Bilanz Am 12. März fahren Moschitz und sein Filmteam die Skinheads auf deren Wunsch hin mit dem Auto nach Wiener Neustadt. Zuerst bringt der Redakteur die Rechtsradikalen zur Strache-Veranstaltung, dann tritt er an den FPÖ-Chef selbst heran und fragt: „Herr Strache, Verzeihung, warum haben die Rechtsradikalen bei Ihrer Ansprache so besonders gejubelt?“ Strache gibt an, keine Neonazis während seiner Rede wahrgenommen zu haben. Erst als er das Fernsehteam sieht, will er Naziparolen gehört haben und wirft Moschitz vor, ein „Agent provocateur“ zu sein. Und die Dinge nehmen ihren Lauf. Die Justiz wird noch einige Zeit damit zu tun haben, sämtliche Vorwürfe – haltlose wie berechtigte – zu überprüfen. Ein Gutachter wird feststellen, ob das ORF-Band tatsächlich manipuliert wurde, wie das Strache behauptet, oder ob die Naziparolen nie existiert haben, wie die Aussagen der Skinheads und von Moschitz nahelegen. Weiters wird gegen die Neonazis ermittelt, ob sie sich der Wiederbetätigung schuldig gemacht haben. Und bei der Exekutive wird nachgeforscht, ob Polizisten tatsächlich Amtsmissbrauch, Anstiftung zum Amtsmissbrauch oder Nötigung begangen haben. Doch schon jetzt ist klar, dass der ORF-„Schauplatz“ kein Glanzstück des freien Journalismus war – sondern eine fragwürdige Reportage, die den Küniglberg in Erklärungsnotstand brachte und das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erschütterte. Bedauerlich dabei ist, dass die ethische und juristische Debatte nun das eigentliche Thema überschattet: Hätte der „Schauplatz“ korrekt gearbeitet, hätte man die Skinheads nicht bezahlt und zu einer Jubelveranstaltung für Heinz-Christian Strache geführt, dann wären die 30 Minuten Reportage ein tolles journalistisches Lehrstück gewesen, das die Innensicht eines jungen Rechtsradikalen nachzeichnet und dem Zuseher erklärt, was einen 19-Jährigen heute dazu bewegt, Adolf Hitler anzuhimmeln und Strache-Veranstaltungen zu besuchen. Statt die Frage zu stellen, was das Bildungssystem, das Arbeitsamt oder der Staat dagegen tun können, streiten Politiker nun über Details einer Fernsehproduktion und tragen ihre Scharmützel aus. Übrig bleibt Philipp. Er sitzt in seiner Wohnung im Wiener Gemeindebau und erlebt gerade seine 15 Minuten zweifelhaften Ruhms. Job ist keiner in Sicht. Auch über die Gräuel des Zweiten Weltkriegs oder die Situation von Migranten in Österreich hat er in dieser Zeit nichts dazugelernt. Nur eines weiß er nun mit Sicherheit: „Ins Fernsehen will ich nach dieser Geschichte nie wieder.“ Das obige Foto zeigt Philipp R. / Credit: Heribert Corn Die Zeitung ist tot, es lebe die ZeitungWednesday, November 25. 2009
Web frisst Print, die Krise schlägt zu. Trotzdem gibt es Zeitungen, die mit ungewöhnliche Ideen bestechen oder sich sogar neu erfinden. Ein Blick in die Welt der Zeitungsdesigner
![]() In ganz Europa stehen Zeitungen unter Druck. Die Lesegewohnheiten ändern sich, viele Menschen warten nicht mehr auf die Zeitung am Frühstückstisch, sondern holen sich ihre Nachrichten gleich aus dem Netz. Die Wirtschaftskrise verschärft dieses Phänomen. Anzeigenumsätze sinken, Medienhäuser entlassen Journalisten. Doch wie können Zeitungen darauf reagieren? Wie müssen sich Printmedien neu positionieren? Antworten gibt es beim European Newspaper Award. Dieser zeichnet jährlich herausragende Publikationen für ihr Konzept und ihre Gestaltung aus. Der Hauptpreis „European Newspaper of the Year“ wird in den Kategorien überregional erscheinende Zeitung, Regionalzeitung und Lokalzeitung vergeben. Die diesjährigen Gewinner stammen aus Portugal, Deutschland sowie Schweden und zeigen, welche Veränderungen am Printmarkt bevorstehen und wie sich Medien neu erfinden. Portugal: Rundum-Innovation „Wir wollen alles wegwerfen, was in herkömmlichen Zeitungen nicht funktioniert, und eine neue Zeitung bauen“, sagt Art-Director Nick Mrozowski. Tageszeitungen sind üblicherweise nach Ressorts aufgeteilt (Politik, Wirtschaft, Chronik, Kultur, Sport). Die Portugiesen haben ein anderes System: Zuerst bringen sie einen knackigen Nachrichtenüberblick, genannt „Radar“. Hier landen die wichtigsten Meldungen des Tages, kurz erzählt zur schnellen Orientierung. Danach startet die zweite große Sektion: „Zoom“. Die Texte werden länger, die Artikel bringen mehr Hintergrund. Analyse, Reportage und Essays finden sich hier. Qualitätsjournalismus ja, aber peppig aufgemacht. In i werden keine herkömmlichen Pressekonferenzfotos abgedruckt, bei denen Politiker am Podium sitzen und ein Fotograf sie abknipst. Um solche Szenen anders zu erzählen, schickt das Blatt mitunter Illustratoren zu wichtigen Politikveranstaltungen. Sie sollen die Atmosphäre einfangen und auf ihre Weise darstellen. Das Überraschendste ist aber, dass die Zeitung ausgerechnet im Krisenjahr 2009 erstmals erschien. Ein großes portugiesisches Baukonglomerat finanziert das Blatt, 15 Millionen Euro darf die Zeitung in den ersten vier Jahren kosten, dann soll sie profitabel werden. Derzeit beträgt die Auflage 30.000 Stück. Ab Jänner wird sie verdoppelt. Die Jury des European Newspaper Awards lobt i als „Rundum-Innovation“. Die Zeitungsmacher spielen sogar mit dem Gedanken, dass Online Print eines Tages überholen wird. „Vielleicht ist unsere Webseite in fünf Jahren wichtiger als die Zeitung“, sagt Mitgründer Macedo. Er fürchtet sich nicht vor dieser Vorstellung. Deutschland: Zeitung für Leser „Kontinuität und Qualitätsjournalismus“ versprach auch Chefredakteur Joachim Dorfs, als am 20. Juni die erste Ausgabe des überarbeiteten Blattes erschien. Die Regionalzeitung hat eine Auflage von 150.000 Stück und ist trotz der Neugestaltung bemüht, nicht zu bunt zu wirken. So sind die Bilder farbig und auf der Titelseite gibt es ein schönes großes Foto, das ein wichtiges Tagesthema ankündigt, insgesamt hat der Platz für Illustrationen aber abgenommen. „Mit Bildern sollte man vorsichtig sein, weil man leicht verwechselbar oder beliebig wird“, sagt Art-Director Dirk Steininger. Sein Blatt ist die Antithese zu jenen Zeitungen, die zuletzt größere Fotos und mehr Weißraum einfügten und nun weniger Platz für ihre Artikel haben. So haben die Stuttgarter eine neue, größere Schrift eingeführt und trotzdem ihre langen Texte beibehalten. Diese Änderung soll einerseits der älter werdenden Leserschaft entgegenkommen, die eine leichter lesbare Typografie will, und andererseits dem seriösen Ruf der Zeitung entsprechen. Immerhin beinhaltet die Stuttgarter Zeitung viele Geschichten, die deutsche Journalisten gerne als „Lesestücke“ bezeichnen. Das vermittelt das textlastige Layout. „Man möchte sich zurücklehnen und einfach nur lesen“, befand ein Jury-Mitglied. Schweden: Technik bringt’s Die Skandinavier beherrschen aber ihr Handwerk. Sie legen viel Wert auf die Bildauswahl, produzieren eine übersichtliche und leserfreundliche Zeitung. Chefredakteur Magnus Karlsson macht den technischen Wandel für den Erfolg mitverantwortlich. Zum Beispiel engagiert sein Blatt viele Fotografen aus der Region. Diese senden ihre Bilder oft kurz vor Redaktionsschluss aus entlegenen Ortschaften ein. Bevor es mobiles Internet gegeben hat, war das unmöglich. Für noch wichtiger hält der Chefredakteur das neue redaktionelle System, es handelt sich um ein schwedisches Programm genannt „Newspilot“, das die rasche Layoutierung von Zeitungsseiten ermöglicht. „In 45 Minuten ist eine Seite erstellt“, sagt Karlsson. Die restliche Zeit können seine Mitarbeiter dann für Feinheiten aufbringen: bessere Zwischentitel, aufwendigere Designs oder gutgeschriebene Infoboxen. Gerade diese Art von Leserservice lobte die Jury. Dazu zählt auch, dass sich unter jedem Artikel E-Mail-Adresse und Telefondurchwahl des zuständigen Redakteurs finden. Größere Vielfalt Vom 25. bis 27. April 2010 findet im Wiener Rathaus der „European Newspaper Congress 2009“ statt, dort werden die Zeitungspreise vergeben. Die Ehrung gibt einen Einblick in Trends am Printmarkt: Viele Zeitungen setzen vermehrt auf Hintergrundberichterstattung, die Qualität der Bildauswahl rückt in den Vordergrund. Für Haika Hinze, Art-Directorin der Zeit und Jurymitglied beim European Newspaper Award, ist die spannendste Erkenntnis, dass die Zeitungen so unterschiedliche Richtungen einschlagen, von den innovativen Portugiesen bis zu den traditionell denkenden Stuttgartern. „Ich nehme wieder eine größere inhaltliche Vielfalt als vor drei, vier Jahren wahr“, meint sie. Die Frage, wie die Zukunft der Zeitung aussehen wird, ist noch lange nicht endgültig geklärt. Dieser Bericht ist im Falter 48/09 erschienen. Bilder: European Newspaper Award / i / Stuttgarter Zeitung / Smålandsposten Wie schaut das Fernsehen der Zukunft aus?Wednesday, September 16. 2009
ZDF-Intendant Markus Schächter über Promiformate, Bildungsauftrag und den schwierigen Fernsehmarkt
![]() ZDF-Intendant Schächter im "Club 2". Der 59-Jährige begann seine Rundfunkkarriere in den 70er-Jahren, seit 2002 leitet er nun das ZDF. Am 23. November erhält er den Emmy Directorate Award. Schächter habe das Zweite am wettbewerbsintensiven Fernsehmarkt exzellent positioniert, so die Begründung Falter: Herr Intendant, Marcel Reich-Ranicki lehnte im Herbst den Deutschen Fernsehpreis ab. Sie bezeichneten den Auftritt als „Sternstunde des Fernsehens“. Wie schlecht ist es denn um das Fernsehen bestellt? Markus Schächter: Ich bewertete Thomas Gottschalks hervorragend-elegantes Eingehen auf die schwierige Situation als „Sternstunde des Fernsehens“. Was das Fernsehen in Deutschland angeht, so sagen die Fachleute, dass es zu den besten der Welt zähle. Im November erhalte ich für die Performance des ZDF den Emmy-Award. Wir haben den kompetitivsten Fernsehmarkt in Europa. Da sind auch schlechte und katastrophale Sendungen dabei, aber auch außerordentlich viel Hochwertiges. Was wäre denn eine solche katastrophale Sendung? Schächter: Ein aktuelles Beispiel aus diesem Jahr ist „Erwachsen auf Probe“ von RTL. (Anm. der Red.: Bei der Sendung bekommen Teenagerpaare Babys anvertraut.) Welche intellektuellen Angebote muss ein öffentlich-rechtlicher Sender machen, um sich zu behaupten? Schächter: Wir wollen uns durch interessantes Programm unterscheiden. Aktuell haben wir gerade mit hochwertigen Dokumentationen große Erfolge. Mit „Terra X“ zum Beispiel oder der Dokumentarreihe „Die Deutschen“. Die Kunst besteht darin, dem Publikum nicht mit einer Oberlehrerattitüde gegenüberzutreten, sondern Informationen anschaulich zu vermitteln. Wenn ich historische Ereignisse als spannende Geschichten inszeniere, erreiche ich Menschen, die ein dickes Geschichtsbuch nicht zur Hand nehmen würden. Viele unserer Dokumentationen erreichen mehr Zuschauer als Unterhaltungsshows. Der ORF warb nun den Societyberichterstatter Dominic Heinzl vom Privatsender ATV ab. Aber hat so ein Format überhaupt Platz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Schächter: Auch wir haben mit „Leute heute“ ein Promiformat im Programm. Boulevardthemen sind Teil unserer Gesellschaft, warum sollten wir sie ignorieren? Wichtig ist, dass man mit der gebotenen journalistischen Distanz an diese Themen herangeht und sie auch insgesamt angemessen gewichtet, das heißt nicht überbetont. Läuft der ORF Gefahr, sich mit seinem starken Entertainmentprogramm und den dazugekauften US-Serien in eine Privatisierungsdebatte zu manövrieren? Schächter: Der ORF hatte immer den Vorteil, über zwei Kanäle zu verfügen, mit denen er unterschiedliche Zuschauergruppen erreichen kann. Darum habe ich ihn immer beneidet. In seinem Senderverbund zeigt der ORF eines der dichtesten Kulturangebote Europas, auch in seinen Anstrengungen auf 3sat. Komplementär muss es aber auch Unterhaltung geben. Ein Wort zu den amerikanischen Serien: Bei uns in Deutschland zerreißt sich das Feuilleton das Maul, weil wir, ARD und ZDF, zu wenig von diesem neuen Format hätten! Was nun? Im ZDF messen Sie ja jetzt auch den Public Value. Wie funktioniert das? Schächter: Die Maßeinheit dafür ist noch nicht entdeckt. Aber in der Tat haben wir den „3-Stufen-Test“. Bei neuen Telemedienangeboten müssen wir unserem Kontrollgremium, dem ZDF-Fernsehrat, ausführliche Konzepte vorlegen und diese auch veröffentlichen. Dritte können Stellungnahmen abgeben. Es gibt ein unabhängiges Gutachten über die Auswirkungen auf den Wettbewerb. Schließlich wird abgewogen, welche publizistische Relevanz das Angebot hat und ob es finanzierbar ist. Was zählt denn zu den sogenannten „Telemedienangeboten“? Schächter: Das ist ein Begriff aus dem Staatsvertrag. Gemeint sind alle Onlineangebote und der Teletext. Die EU hat Ihnen diese Auflagen für Webinhalte gegeben. Mischt sich die Union da zu sehr ein? Schächter: Der 3-Stufen-Test ist Ergebnis eines politischen Kompromisses zwischen Brüssel und den deutschen Ländern, die Träger des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind. Das Verfahren ist nicht zu beanstanden. Gehört das Internet überhaupt noch zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks? Schächter: Selbstverständlich. Sowohl die EU wie auch das Bundesverfassungsgericht haben eindeutig bestätigt, dass unser Programmauftrag technologieneutral ist. Das schließt den Onlinebereich ein. Sie dämmen nun ihr hauseigenes Onlineangebot um 70 Prozent ein, weil das der neue Rundfunkstaatsvertrag verlangt. Was bleibt denn dann noch online übrig? Schächter: 30 Prozent. Nein, im Ernst, es ist in der Tat so, dass am Ende des 3-Stufen-Tests viele ältere Angebote nach einem Jahr aus dem Netz verschwunden sein müssen. Das ist schade für die Zuschauer, die dann ältere Sendungen oder begleitende Informationen nicht mehr finden werden. Wenn Zuseher künftig alles auf Abruf im Web ansehen können, warum sollte sich dann noch jemand vor den Fernseher hocken? Schächter: Das entspannte Fernsehen, zurückgelehnt im Wohnzimmer mit der Fernbedienung in der Hand, wird noch sehr lange einen großen Anteil der Nutzung ausmachen. Ich muss dabei nicht entscheiden, welches Genre ich gerade sehen will, sondern lasse mich einfach von einem der Programme fesseln. Aber der Anteil der zeitversetzten Nutzung wird zunehmen. Das Publikum wird souverän in seiner Mediennutzung. Wird sich in fünf oder zehn Jahren überhaupt noch jemand vor den Fernseher setzen, um gezielt eine Ausstrahlung anzusehen? Schächter: Ja, sehr viele Menschen werden wichtige Ereignisse, Weltmeisterschaften, Olympische Spiele, Shows wie „Wetten, dass …?“ noch immer zeitgleich im Fernsehen verfolgen, eben weil es live ist. Auch Sie spüren politischen Druck. Die Unionsparteien wollen Ihren Chefredakteur, Nikolaus Brender, austauschen. Bleiben Sie dabei, dass Brender Ihr Kandidat ist? Schächter: Ja. In Deutschland gibt es den Fall Brender. In Österreich wurde ein neues ORF-Gesetz angedacht, das den Einfluss der Regierung massiv ausgeweitet hätte. Gibt es eine Tendenz, dass die Politik wieder vermehrt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mitsprechen will? Schächter: Dass die Politik Einfluss nehmen möchte, gehört zu ihrem Wesen. Es gibt in unserer Rundfunkordnung aber klare Regeln und Instanzen. Besorgte Medienbeobachter fordern nun zum Beispiel, dass in ein neues ORF-Gesetz dezidiert die politische Unabhängigkeit des ORF hineingeschrieben wird. Ist das eine kluge Idee? Schächter: Ich habe nicht öffentlich zu beurteilen, was medienpolitisch in Ihrem Land klug wäre und was nicht. Sinkende Quoten, fallende Werbeeinnahmen und rund 100 Millionen Euro Verlust im Vorjahr: Wie ernst ist die Situation des ORF? Schächter: Alle Fernsehsysteme in Europa haben eine schwere Zeit. Wir hatten massive Werbeeinbrüche Mitte der 90er-Jahre, als die kommerziellen Sender in Deutschland ihren Höhenflug begannen. Wir haben damals drastische Sparprogramme aufgelegt und uns intern umstrukturiert. Heute stehen wir wieder stabil in der Landschaft. Auch der ORF konkurriert mit deutschen Privatsendern. Diese ziehen mit ihren Regionalfenstern österreichische Werbegelder ab, ohne genuin österreichisches Programm anzubieten. Sehen Sie das als Problem für den österreichischen Fernsehmarkt? Schächter: Märkte verändern sich. Und sie sind, wie man derzeit sieht, extrem konjunkturabhängig. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Medienpolitik in Österreich müssen angesichts der Lage neue Finanzierungswege finden. Was könnte ein solcher Weg sein? Höhere Rundfunkgebühren? Schächter: Ich bin ZDF-Intendant, kein medienpolitischer Berater. Dieses Interview ist im Falter 38/09 veröffentlicht. Foto: Screenshot aus "Club 2" Ehret das Alter, aber schlagt die Säcke!Wednesday, September 16. 2009Der Autor ist Leiter des Falter-Feuilletons und zehn Monate jünger als der Leadsänger der Flaming Lips Eine Replik von Klaus Nüchtern Noch nie war die Jugend so daneben wie heute! Dieser Befund wird zurzeit auffallend häufig ausgestellt. Die Presse, einsamer Stachel im Fleisch des gerontokratischen Establishments, beklagte erst unlängst die Duldungsstarre einer Generation, die widerstandslos dabei zusehe, wie ihre Lebenschancen von einer Heerschar lebenslustiger Frühpensionisten verjubelt würden. Als nun auch noch FM4-Redakteur Martin Blumenau in seinem Webjournal die acht Thesen referierte, in denen Meredith „Alphamädchen“ Haaf im SZ-Magazin die eigene Generation der 25-Jährigen als geschwätzig, unpolitisch, ängstlich und mimosenhaft kritisierte, sprang Ingrid Brodnig der oberste Knopf vom Polo-Shirt. Vergangene Woche verwehrte sie sich an dieser Stelle gegen die Zumutung, ihre Altersgruppe einerseits als unpolitisch und phlegmatisch zu denunzieren, ihr andererseits aber die Lösung sämtlicher gesellschaftlicher Probleme zu delegieren. Sind die Fronten nun geklärt? Auf die Gefahr hin, als altersmilde (= freundlicher alter Sack) abgestempelt zu werden, möchte ich hier ein paar Abrüstungsvorschläge machen. Es verdient zum Beispiel erwähnt zu werden, dass Blumenau Haafs Thesen zwar zustimmend, aber auch ohne die weitverbreitete frühsenile Selbstgefälligkeit jener vortrug, die auf einmal immer schon ganz wilde Hunde gewesen sein wollen. Wenn man Blumenau etwas vorwerfen kann, dann ist es noch am ehesten die haltlose Idealisierung der Twentysomethings zur „Kernschicht der Innovation“. Dass sich bei diesen „Wagemut schon mit Lebenserfahrung kreuzen kann“, soll nicht bestritten werden. Es ist dies jedoch weniger eine Frage des Alters als der gesellschaftlichen und ökonomischen Umstände, unter denen Generationen sich formieren. Und die sind, wie Haaf zu Recht feststellt, für viele Junge von der Angst bestimmt, „keinen Platz in dieser Welt zu finden“. Unlängst habe ich in einem Zug das Gespräch zweier junger Frauen belauscht, die kurz vor bzw. nach der Matura standen. Die Ältere der beiden, die gerne Medizin studieren würde, hatte gerade irgendeine Auszeit in Neuseeland hinter sich (vermutlich verbunden mit einem Eintrag im Lebenslauf, der gut aussieht, aber auf dem Arbeitsmarkt auch nichts bringt) und gab der Jüngeren kundige Hinweise darauf, für welche Praktika sie sich schon frühzeitig anmelden müsse. Einige davon hatte sie schon absolviert – unbezahlt, versteht sich –, und sollte es mit der Aufnahme an eine der zahlreichen Unis, für die sie sich beworben hatte, in absehbarer Zeit nichts werden, würde sie eben weitere Praktika sammeln. Ich muss leider gestehen, dass meine Erstreaktion so etwas wie Verachtung war für ein dermaßen entwickeltes Ausmaß vermutlich auch noch leerlaufender Lebenstüchtigkeit. Dabei war der Umstand, dass ich und andere privilegierte Angehörige meiner Generation es ganz anders erlebt haben, gewiss nicht unser Verdienst. Für mich war die Uni noch ein Biotop, in dem ich mich – weitgehend suspendiert von den Nützlichkeitsimperativen einer durchkapitalisierten Gesellschaft – mit Ästhetik befassen und um Erkenntnis ringen würde. Ich hatte ziemlich viel Zeit, mich abseits jeglicher Berufspragmatik umzuschauen, mich in der Hochschulpolitik zu engagieren und den Herrgott hin und wieder einen guten Mann sein zu lassen. Aus der Sicht heutiger Twenty-somethings muss das als paradiesisch (oder völlig weltfremd) erscheinen. Gewiss, der Generationenvertrag (den noch nie irgendjemand unterzeichnet hat) ist argen Belastungen ausgesetzt; und gewiss ist der Wohlfahrtsstaat, wie der Sozialforscher Bernd Marin unlängst anmerkte, nicht dazu da, von seinen letzten Nutznießern mit ins Grab genommen zu werden. Dennoch sehe ich keinen Grund für eine Martialisierung des Generationenkonflikts, erst recht nicht, wenn er mit Ressentiments und popkultureller Distinktionshuberei einhergeht, die tatsächliche Interessenkonflikte und Klassengegensätze eher verschleiern als erklären. Das Generationenspiel muss in Gang gehalten werden, meint der Sozialwissenschaftler Heinz Bude. Soll heißen: Menschen müssen lernen, altersadäquate Rollen und Aufgaben zu übernehmen. Die fallen aber nicht vom Himmel, sondern müssen gesellschaftlich erzeugt werden. Das mit Häme bedachte Berufsjugendlichentum und die Unfähigkeit zu altern sind nur die Schattenseite einer neuen Freiheit, die mit einer gestiegenen Lebenserwartung und einem neuen Lebensabschnittsdesign einhergeht. Früher legten sich Frauen irgendwann einmal eine brettharte Dauerwelle zu und wurden hinfort einer postsexuellen Existenzform zugerechnet; heute bekommen sie in diesem Alter ihr erstes Kind. Die Grenzen zwischen den Alterskohorten werden nicht zuletzt deswegen diffus, weil langanhaltende Kontinuitäten – hoher Wohlstand, kein Krieg – generationenübergreifend wirksam sind, was wiederum zur Dramatisierung von Lebensstil- und Mediennutzungsdifferenzen führt. Damit muss man umgehen lernen. Wie in so vielen Fällen empfiehlt es sich auch hier, locker zu bleiben und Nachsicht zu üben. Dass die 35-Jährigen ihre Freitag-Taschen abgeben müssen und Leute erst ab 60 zu Bob-Dylan-Konzerten zugelassen werden, kann ja kaum der Weisheit letzter Schluss sein. Und noch eins: Das Schlimme am alten Sack ist nicht das Alter, sondern die Sackhaftigkeit. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war der alte früher mal ein junger Sack. Diese Replik von Klaus Nüchtern erschien im Falter 38/09. Vielen Dank an den Autor, dass er einer Veröffentlichung in diesem Blog zustimmte. Foto: privat Rebelliert halt selbst, ihr alten Säcke!Tuesday, September 8. 2009 Ich habe es satt, als Mittzwanzigerin für alle Probleme in der Gesellschaft verantwortlich gemacht zu werdenRechtsradikale, Komasäufer, Schulversager. Wer sind die heute 20- bis 29-Jährigen überhaupt? Über meine Altersgruppe habe ich mir schon viel anhören müssen: dass wir alle so unpolitisch sind, so konservativ. Dass wir lieber in klimatisierten Hörsälen hocken als in besetzten Häusern. Dass wir unsere Überzeugungen für einen hübschen Lebenslauf geopfert haben und doch nur in der Praktikaschleife steckenbleiben. Dass wir stille Mitläufer sind, die dann auch noch Heinz-Christian Strache wählen. Zuletzt klagte FM4-Oldie Martin Blumenau über meine Generation und zeichnete das Bild von 20- bis 29-Jährigen – die sind feige Jasager. Als Beweis zitierte er die Thesen der jungen deutschen Journalistin Meredith Haaf über die ängstlichen unter 30-Jährigen. Wenn die ihre Generation beschimpft, muss das doch stimmen. Meine Altersgruppe ist der Fußabstreifer, an dem man sich abputzen kann, wenn einen etwas an der Gesellschaft stört. Da finden sie schnell einen Schuldigen und fühlen sich gut dabei. Früher war sowieso alles besser. Zur Erinnerung: Als Jörg Haider 1999 bei der Nationalratswahl 27 Prozent einfuhr, durfte ich noch gar nicht wählen. Und die meisten von uns 20- bis 29-Jährigen auch nicht. Es ist ein Mythos, dass die Jugend so viel rechtsextremer wäre. Der Eindruck entstand, weil Zeitungen gerne von den milchbübigen Strache-Wählern berichten. Der Kurier schrieb zum Beispiel von einem „Marsch nach rechts“. Doch die Studien der Politologen und Meinungsforscher belegen diese Behauptung nicht. Die Jungwähler tendieren nicht mehr nach rechtsaußen als die Gesamtbevölkerung. Mag schon sein, dass viele von uns unpolitisch, verdrossen oder gar demokratieskeptisch sind. Eine ähnliche Tendenz zeigt sich aber auch bei den Älteren. Jeder fünfte Österreicher sehnt sich nach einem starken Mann, der sich nicht um das Parlament kümmern muss. 1999 taten das nur 15 Prozent. Der Vorwurf der Politikverdrossenheit ist amüsant, wenn er von einer so abgestumpften Gesellschaft kommt. Wer das als verlogen bezeichnet, hört ein Totschlagargument: Der Idealismus, das Rebellentum gehöre halt zum Jungsein dazu. Wirklich? Vielleicht ist das für Ältere nur ein Vorwand, die Füße hochlegen und selbst nicht aktiv werden zu müssen. Die strenge Unterscheidung zwischen Jung und Alt funktioniert nicht mehr. Wir Jungen sind pragmatischer geworden, die Alten wollen nicht erwachsen werden. Also hängen sich 40-Jährige Freitag-Taschen um, besuchen Gürtellokale und hören Bands, deren Mitglieder halb so alt sind wie sie. Geht es dann plötzlich um politischen Widerstand, ist das wieder unser Job. Demonstrieren soll die Jugend, wir haben schon einmal! Dabei sind wir ja nicht alle unkritische Stubenhocker. Zwei Studentinnen haben die Lichterkette gegen rechte Hetze organisiert. Im heurigen Frühjahr gingen 25.000 Schüler auf die Straße. Sie wollten in der Bildungsdebatte ebenso mitreden.Ich selbst war dabei, als im Museumsquartier hunderte junge Menschen mit Bierdosen, Gitarren und Soundblastern aufmarschierten. Wir wehrten uns gegen die Verreglementierung des öffentlichen Raums und das Verbot von mitgebrachtem Alkohol. Erfolgreich übrigens. Gerne wird über solche Proteste gelacht. Aus der Schülerdemo machten Journalisten einen Wettbewerb, wer den dümmsten O-Ton findet. Beim Museumsquartier hörten wir: „Typisch, wenn es ums Saufen geht, seid ihr plötzlich politisch.“ Aber das ist schnell dahingesagt, wenn man selbst gut verdient und ohne Blick ins Geldbörsel einen Aperol-Spritzer nach dem anderen bestellen kann. Über uns Junge wird dann auch philosophiert. Schon schlimm, das mit dem Komatrinken. Doch welche Altersgruppe schüttet sich am meisten zu? Die 30- bis 39-Jährigen. Sie konsumieren am Tag durchschnittlich 32 Gramm Alkohol, bei den Männern sind es sogar 48 Gramm. Dagegen sind die 14- bis 19-Jährigen Waserln (17 Gramm). Trotzdem lesen wir viel über Kids, die ins Spital müssen, und wenig über Erwachsene, die den dritten Entzug hinter sich haben. Es geht nicht darum, meine Generation zu glorifzieren. Ich frage mich aber: Wenn die 30-, 40- oder 50-Jährigen so schlimme Zustände in der Gesellschaft erkennen, warum -werden sie nicht selbst aktiv? Tatsächlich sind viele Ältere genauso dämlich wie wir, nur reden sie klüger daher. Für Haaf und Blumenau ist das ein Anzeichen für die fehlende Kritikfähigkeit der 20- bis 29-Jährigen: Wenn uns etwas gefällt, Thumbs up! Wenn etwas unangemessen oder problematisch ist – Schweigen. Das Tolle an dieser These: Martin Blumenau ist selbst auf Facebook. Und zwar mit 556 Freunden. Aber für ihn gilt diese Kritik natürlich nicht. Er kann das Onlineportal offenbar nutzen, ohne zum Jasager zu werden. Das ist wohl die Gnade der frühen Geburt. Dieser Kommentar erschien im Falter 37/09. Klaus Nüchtern hat eine Replik verfasst. Bild 1: Sujetfoto von Flickr-User viZZZual.com Bild 2: Protest im Museumsquartier (Foto: Brodnig) Bild 3: Das "Daumen nach oben"-Symbol (Screenshot von Facebook.com) Überraschung! Die Kids finden Touchscreens coolTuesday, August 4. 2009Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 30/09 veröffentlicht. Foto: Flickr-User Shadowmancer78 Ein Mädchen als GeldmaschineWednesday, June 17. 2009
Miley Cyrus ist das Postergirl des Disney-Konzerns. Ihr neuer Kinofilm gibt den jungen Fans, wonach diese sich sehnen: die Illusion einer heilen Welt
Wer vergangenen Mittwochnachmittag ein Wiener Multiplex besuchte, sah ein ungewöhnlich junges Publikum. An den Kinokassen standen hauptsächlich kleine Mädchen, die kaum über den Schalter blicken konnten. Manche hatten die Eltern dabei, andere die Schulfreundin. Aber alle kamen für einen jungen Hollywoodstar: Miley Cyrus.Wer nicht gerade zur Gruppe der Acht- bis Zwölfjährigen zählt oder Kinder in diesem Alter hat, dem sagt der Name vermutlich nichts. Doch für die Kids ist die 16-jährige Amerikanerin ein richtiger Star. Sie ist die Protagonistin der Disney-Serie "Hannah Montana", die nun auch einen gleichnamigen Film bekommt. Darin geht es um die brave Teenagerin Miley Stewart (gespielt von Miley Cyrus). Tagsüber ist sie eine normale Schülerin und nachts heimlich der Popstar Hannah Montana. Eine Doppellebengeschichte, die mit den Fantasien der Kinder spielt: Welches Mädchen träumt nicht davon, auch einmal berühmt und von allen geliebt zu werden? Die Werbebranche nennt die Acht- bis Zwölfjährigen "Tweens", weil sie "between" der richtigen Kindheit und dem "Teen"-Dasein stecken. Disney umgarnt speziell diese Altersgruppe mit Sendungen wie "Hannah Montana". Auch in Österreich gibt es richtige Fans. Etwa die zwölfjährige Gymnasiastin Janine. Sie steht im Kino beim Popcorntresen und sagt: "Hannah Montana ist wie im echten Leben. Sie vertraut ihrer besten Freundin alles an, und wenn die beiden sich einmal streiten, dann versöhnen sie sich gleich wieder. Wie bei uns." Janines beste Freundin steht daneben und nickt. Disneys Marketingmaschine läuft rund um den Jungstar Miley Cyrus und ihr Alter Ego im Film auf Hochtouren. Mit dem Taschengeld können sich die Tweens Merchandisingprodukte kaufen, vom simplen Stickerheft bis zum Hannah-Montana-Bettzeug. Die Traumfabrik rund um Mickey Mouse füllt zwar schon seit Jahrzehnten die Kinderzimmer dieser Welt mit Ramsch. Neu ist aber die Dimension, die das Disney'sche Geschäftsmodells hat: Jungstars wie Miley Riley bringen mittlerweile auch ihre eigenen Alben heraus und gehen auf Tournee. Der Soundtrack zum Film belegte vergangene Woche übrigens Platz acht in den Ö3-Charts. Damit hat sich auch der Druck auf die jungen Akteure erhöht: Sie sollen nicht nur süß aussehen, halbwegs singen und tanzen können. Von ihnen wird zusätzlich verlangt, dass sie ein Privatleben im Sinne der Disney-Ideale führen. Also kein Alkohol, kein Sex und immer gute Manieren. Miley Cyrus verdient gut damit. Ihr Jahreseinkommen wird auf 25 Millionen Dollar geschätzt, ihre Konzerte sind ausverkauft. Im Frühjahr erschien die offizielle Biografie der 16-Jährigen. Dabei sind Tweens auf den ersten Blick eine finanzschwache Zielgruppe: Sie haben kein eigenes Einkommen, sondern nur ein bisschen Taschengeld. Doch dieses Taschengeld können sie mit Spielzeug oder Hannah-Montana-Stickers verprassen. Und wenn nichts mehr übrig ist, dann gibt es immer noch die Eltern, Tanten oder Omas, die mit dem quengelnden Nachwuchs ins Kino gehen. Ist gute Vermarktung der einzige Grund für die Tween-Begeisterung? Diese Erklärung wäre zu einfach. Es zeigt sich, dass in den letzten Jahren jene Teenieproduktionen zum Publikumshit werden, die artige Kinder zeigen. In Disney-Filmen wie "Hannah Montana" oder dem "High School Musical" geht es eher um gute Noten anstatt um Rebellion. Gerade weil diese Streifen einen großen Bogen um reale Konfliktthemen wie Drogen oder zerrüttete Familienverhältnisse machen, werden sie vom erwachsenen Publikum ignoriert - und gleichzeitig von vielen Tweens geliebt. Ja sogar manch älterer Teenager bewundert Miley Cyrus. Das zeigt ein Blick in aktuelle Jugendmagazine. Welches man auch aufschlägt, die 16-Jährige blickt einem darin entgegen. "Die Disney-Stars sind so erfolgreich, weil sie eine Sehnsucht nach heiler Welt widerspiegeln. Eine Welt, in der Schulen noch sauber sind, in der es tolle Cliquen gibt, in der Gemeinschaftsgefühl noch zählt. Werte, die in Deutschland zusehends verlorengehen", erklärt Tom Junkersdorf, Chefredakteur der Bravo - also jenem Jugendmagazin, in dem auch Dr. Sommer seine Sprechstunde hält und Jugendliche sich nackt abbilden lassen. Serien wie "Hannah Montana" stehen für eine Rückkehr zu traditionellen Werten. Diese gewinnen in den Jugendstudien der letzten Jahre zunehmend Bedeutung. Das Heile-Welt-Konzept funktioniert, weil ihm die jungen Stars selbst in ihrer Freizeit entsprechen müssen. Frühere Teeniesymbole wie Britney Spears oder Lindsay Lohan haben das saubere Disney-Image mit Skandalen zwischen Partyleben und Entziehungskur befleckt. Nun wacht der Konzern über seine Nachwuchstalente umso strenger. Als zum Beispiel Miley Cyrus in einem Konzertfilm unangeschnallt im Auto saß, gab es schon Zoff. Und als die Vanity Fair Fotos abdruckte, die ihren nackten Rücken zeigten, musste sich das Mädchen bei den Fans entschuldigen. Miley Cyrus ist nicht nur auf der Bühne eine Kunstfigur - ihre gesamte Persönlichkeit wirkt wie auf Disneys Reißbrett entworfen. Ihr Vater ist Country-Star Billy Ray Cyrus. Sie schwört dem Sex vor der Ehe ab, trägt als Symbol dafür einen sogenannten Purity-Ring. Und ihre letzte Geburtstagsfeier veranstaltete sie im Disneyland bei Los Angeles - eine große Party mit Mickey Mouse und antialkoholischen Getränken. Bisher hat das Image des braven Mädchens keine groben Kratzer abbekommen. In Interviews erklärt die 16-Jährige, Partys interessieren sie nicht. Lieber hüte sie Schweine auf der elterlichen Farm. Obwohl die Teeniestars längst in der Pubertät sind, müssen sie in ihrem Privatleben Enthaltsamkeit geloben. Paparazzi überwachen rund um die Uhr, ob sie dieses Gelöbnis auch einhalten. Die Filme haben ebenso einen widersprüchlichen Umgang mit Körperlichkeit. Da gibt es keinen Sex, aber alle sehen so aus wie Unterwäschemodels und sind stets perfekt gestylt. Nicht einmal alibimäßig kommt ein Jugendlicher vor, der etwas dicker ist oder gar eine Zahnspange trägt. Vielleicht gehört die hübsche Fassade zu den hübschen christlichen Werten von Hannah Montana. Vielleicht ist es aber auch eine weitere Möglichkeit, Geld zu machen. "Filme und Fernsehserien beeinflussen modische Trends sehr stark. Das sah man etwa bei, Beverly Hills 90210', als Burschen plötzlich begannen, wie in der Serie Koteletten zu tragen. Oder als man überall Mädchen sah, die die gleiche Frisur wie Rachel aus, Friends' hatten", sagt Robert Thompson, Medien- und Popkulturforscher von der Syracuse University. Disney ist auf solche Fanbedürfnisse ausgerichtet: Wenn die Mädchen aussehen wollen wie ihr Idol, dann können sie sich Miley-Stewart-Röcke kaufen oder den Hannah-Montana-Lipgloss auftragen. Dabei sind ihre Fans meist erst zwischen acht und zwölf Jahre alt. Aber Miley Cyrus muss sich jetzt sowieso nach einer anderen Zielgruppe umsehen. Mit 16 befinden sich Kinderkarrieren oft jenseits ihres Höhepunkts und die große Frage ist, ob man den Sprung ins Erwachsenengeschäft schafft. So manch ein It-Girl (das "It" steht für das "gewisse Etwas") ist an Drogen oder Paparazzi gescheitert. Auch Miley Cyrus wird ständig auf diese Gefahr angesprochen. In der Zeitschrift Mädchen erklärt sie erst neulich darauf: "Ich arbeite daran, nicht wie Britney Spears zu werden." Dieser Satz gibt auch Einblick in das Leben eines Teeniestars. Denn das hat wenig mit dem "gewissen Etwas", aber sehr viel mit harter Knochenarbeit zu tun. ---- Der Film Dieser Artikel ist im Falter 23/09 erschienen. Fotos: Disney Die Krone am iPhone: Nur die Nackte fehltThursday, May 14. 2009 Zum Glück gibt es das iPhone, dank dem wir am Handy bowlen oder Bier trinken können. Denn das Multimediagerät ermöglicht es einem auch, neue Software aus dem Netz zu laden. Dass diese Programme manchmal richtiger Schrott sind, wissen wir schon seit zwei Wochen. Da wurde Apple kritisiert, weil es ein Programm zur Verfügung stellte, das BabyShaker hieß. Bei der Applikation musste der User das Handy schütteln, um das Weinen eines virtuellen Babys zu stoppen. Apple entschuldigte sich im Nachhinein für den vielfachen digitalen Kindsmord. Trotzdem sind die Applikationen nach wie vor der Renner. Neu im Sortiment:Die "Krone.at"-Applikation. Sie bietet rund um die Uhr brandheiße Kronen Zeitung-Nachrichten und das Horoskop an. Da liest man so tolle Schlagzeilen wie "Nackte Tatsachen - Männerstrip gegen Arbeitslosigkeit" oder "'Substitol-Opas' - Zwei Pensionisten als Dealerbosse". Bei so viel Information könnte man fast schon auf die Printausgabe der Krone verzichten. Nur eines fehlt: die Nackte von Seite 7.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 19/09 veröffentlicht. Bild: Krone.at Wer braucht eine richtige Zeitung, wenn es Twitter gibt?Wednesday, April 22. 2009
April, April! Zum Monatsanfang ließ sich der Guardian einen Schmäh einfallen. Die britische Zeitung berichtete, dass sie nur noch im Internet auf Twitter erscheinen würde. Der Webdienst erlaubt es seinen Benutzern, Botschaften in der Länge von 140 Zeichen zu verfassen. 140 Zeichen würden aber ausreichen, um jede Geschichte zu erzählen, meinte der Guardian und brachte ein historisches Beispiel. Als NS-Truppen in Polen einfielen, hätte auch die Meldung genügt: "OMG Hitler invades Poland, allies declare war see tinyurl.com/b5x6e for more." Zu Deutsch: "Oh mein Gott! Hitler marschiert in Polen ein, Alliierte erklären Krieg. Mehr unter tinyurl.com/b5x6e." Der angegebene Link führt zu Wikipedia. Es ist schon beeindruckend, wie sich jede Meldung auf 140 Zeichen reduzieren lässt. Etwa: "Julius Meinl wieder auf freiem Fuß, hat 100 Millionen Euro Kaution bezahlt. FPÖ kritisiert Freilassung." Man stelle sich eine Zeitung mit lauter Twitter-Meldungen vor. Aber hoppla, die gibt es ja schon. Sie heißt Heute und liegt in der U-Bahn.
Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 15/09 veröffentlicht. Die Logos stammen von Twitter und Heute. Rettung am SonntagTuesday, January 27. 2009 Die Presse startet eine Sonntagszeitung. Sie sieht ambitioniert aus. Ihre Markteinführung fällt in die AnzeigenflauteDer erste Blick bietet eine Überraschung. Das Logo der Presse war bisher blau, im Prototypen ihrer neuen Sonntagszeitung sind die Lettern hingegen weiß und weinrot umrandet. „Die Presse“ ist da groß zu lesen. Eine Zeile darunter steht: „am Sonntag“. Das neue Produkt soll im März erscheinen und ein Sonntagsblatt mit Qualitätsjournalismus sein. Dem Falter gelang es, schon vorab einen Blick auf die Zeitung zu werfen. Es war nicht Betriebsspionage. Die Presse hatte die Falter-Mitarbeiterin unwissentlich zum Produkttest geladen. Keine Frage, die Zeitung hat ein flottes Design. Die Bilder sind groß, das Layout verspielt. Man ist magazinlastiger, weniger nachrichtenorientiert. Viele Elemente erinnern an den Falter: Schon auf der Titelseite findet sich eine Marginalspalte, die Kolumnisten sind mittels Zeichnung und nicht mittels Foto abgebildet, durch das Blatt führt ein Farbleitsystem, das bei der Orientierung zwischen den unterschiedlichen Ressorts hilft. Auch inhaltlich gibt es Parallelen: Der „Narr der Woche“ dolmt Fehltritte auf dem politischen Parkett (siehe Kasten auf Seite 22). Keine herkömmliche Tageszeitung, sondern ein eigenständiges Produkt mit anderen Ressorts und anderer journalistischer Gewichtung will die Presse am Sonntag sein. Egal ob im Reisereportagenteil „Globo“ oder in der Wirtschaft namens „Eco“, überall menschelt es. Da gibt es ein Porträt von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon und ein Doppelinterview mit Erste-Bank-Chef Andreas Treichl und Opernball-Organisatorin Desirée Treichl-Stürgkh. Zumindest in der Theorie: Der Prototyp der neuen Zeitung beinhaltet keine ausformulierten Artikel, sondern nur Blindtexte. Es ist ein gewagter Plan. Im März soll bereits die erste Ausgabe der Sonntagszeitung in Plastikbeuteln aushängen, auf den Türmatten der Presse-Abonnenten landen. In der Branche wird indes die Wirtschaftskrise spürbar, Anzeigeneinbrüche führen zu dünneren Zeitungen. Chefredakteur Michael Fleischhacker will, dass sein neues Produkt antizyklisch der Krise trotzt und einen Teil der Werbeverluste ausgleicht. Aber bei der Einführung der Sonntagszeitung geht es auch um die Frage, wie die Zukunft der Tageszeitung aussieht. Fleischhacker glaubt, dass sich das journalistische Geschäft immer mehr auf den Sonntag verlagert. „Der Sonntag ist der weltweit wichtigste Zeitungstag“, sagt er und erzählt davon, wie vor 15 Jahren die Geschäfte samstags um zwölf Uhr zusperrten. Heute sei der Samstag hingegen ein Erledigungstag, irgendwo zwischen Büro und Baumarkt. Da bleibt nur der Tag darauf zum gemütlichen Zeitunglesen. Sonntagsleser sind für Journalisten ein geduldiges Publikum, dem man auch längere Texte zumuten darf. Für Marketingleute sind sie wiederum wunderbare Werbeadressaten. „Das Wochenende ist für Anzeigenkunden ein sehr wichtiger Platz, da mehr Zeit zum Lesen da ist und auch der Austausch mit dem Partner möglich ist“, sagt Max Palla, Präsident des Austrian Chapters der International Advertising Association. Kein Wunder also, dass die Presse beim Produkttest als Erstes wissen will, ob die Teilnehmer sonntags Zeitung lesen. Alle bejahen. Eine junge Testerin gibt zu, dass sie am Wochenende auch die Krone liest. In Österreich wird der Sonntag weitgehend dem Boulevard überlassen. Landesweit hängen Krone bunt, Kurier und Österreich an der Straßenecke aus. Wem das nicht genügt, der muss zur Samstagsausgabe anderer Blätter oder zu einem profil-Abo greifen. Dabei zeigt der Blick über die Grenzen, dass auch Qualitatsmedien am Sonntag überleben können. Die Frankurter Allgemeine Zeitung (FAZ) startete 2001 die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) deutschlandweit. Laut Allensbacher Werbeträger-Analyse hat die FAS heute 993.000 Leser, die FAZ hingegen nur 884.000. „Für eine Qualitätszeitung am Sonntag gibt es ein Leserpotenzial von knapp einer Million“, sagt Fleischhacker. Er beruft sich auf eine Studie von Marktforscher Imas. Der Sonntag hat aber auch seine eigenen journalistischen Spielregeln: Hier geht es nicht um die schnelle Nachricht, sondern ums Genusslesen. Es ist kein Wunder, dass sich im Prototyp der Presse am Sonntag Reisereportagen, Spaziergänge mit Politikern und persönliche Interviews finden. Auch die FAS pflegt einen leichteren Ton und eine luftigere Aufmachung als ihr Mutterblatt. „Am Sonntag will man nicht über Shopping oder über Stress lesen, sondern sich entspannen“, sagt Conny Bischofberger, die den Sonntag-Kurier leitet und jahrelang für die Krone bunt Promiinterviews machte. Auch sie arbeitet derzeit an einem Hochglanzmagazin, das der Kurier am 29. März herausbringen will. „Das Hauptblatt wird dafür noch aktueller werden“, meint die Journalistin. Es kommt Bewegung in den Sonntagsmarkt. Für die Presse macht es Sinn, dieses Format auszuprobieren: Sie hat den Styria-Medienkonzern hinter sich, der das Vertriebssystem Redmail besitzt. Das erleichtert die Zustellung. Überdies ist der Sonntag eine der wenigen Nischen, die sich im Zeitungsgeschäft noch finden lassen. Fleischhackers Blatt könnte einen höheren Marktanteil gut brauchen: Laut Media-Analyse hat sich der Abstand zum Standard vergrößert. Während die Presse eine Reichweite von 3,6 Prozent besitzt, sind es bei der lachsfarbenen Konkurrenz 1,4 Prozent oder 100.000 Leser mehr. „Die Presse allein ist nicht überlebensfähig, sie lebt vom Tropf der Styria“, meint Wolfgang Bergmann, Geschäftsführer des Standard. Das bürgerliche Blatt habe selbst 2007, zu Zeiten der Hochkonjunktur, gerade einmal einen positiven Abschluss geschafft. Stimmt, sagt Fleischhacker. Er leugnet nicht, dass die Wirtschaftskrise seine Zeitung hart trifft. Für die Tageszeitungsbranche erwartet er heuer einen Rückgang der Anzeigenumsätze von 20 bis 30 Prozent. „Aber was ist sinnvoller? Leute zu entlassen oder offensiv ein neues Produkt zu starten, mit dem man auch Marktanteile gewinnen kann?“ Eine Flucht nach vorne also. Das hört sich nach einem guten Plan an. Aber selbst die Styria kann nicht über Nacht eine Sonntagszeitung starten. Der Vertrieb ist ein Stolperstein. In Bundesländern wie Salzburg ist zum Beispiel unklar, ob eine Hauszustellung möglich ist. Auch räumt der Chefredakteur die Möglichkeit ein, dass sein neues Lieblingsprojekt in letzter Sekunde scheitert. „Wenn wir Ende Februar merken, dass das gesamte Anzeigengeschäft in den Keller rasselt, werden wir die Investition überdenken.“ Zumindest einen Vorteil bringt die Krise für die Styria: Sie ist ein guter Zeitpunkt, um bei der Belegschaft günstige Arbeitskonditionen durchzusetzen. Der Redaktion wurde kommuniziert, dass es zu Einsparungen kommen müsste – oder zur Einführung der Sonntagszeitung. Nun muss die Belegschaft einen Titel pro Woche zusätzlich herstellen, das heißt 48 Seiten für den Sonntag füllen. Mehr Personal gibt es dafür nicht. Ein Triumvirat aus Fleischhacker, Chronikressortleiter Rainer Nowak und Außenpolitikchef Christian Ultsch wird das neue Projekt koordinieren. Die neuen Betriebsregeln entsprechen trotzdem dem Journalisten-Kollektivvertrag: Wer künftig am Samstag ins Büro geht, bekommt unter der Woche einen Tag frei. Inhaltlich stellt sich hingegen die Frage, ob ein Tageszeitungsteam über genügend Arbeitskräfte verfügt, um zusätzlich eine qualitativ hochwertige Wochenzeitung herauszugeben. Wolfgang Langenbucher, emeritierter Vorstand des Wiener Publizistikinstituts, ist skeptisch. „Dort, wo erfolgreiche Sonntagszeitungen neu gegründet wurden, handelte es sich um ein eigenständiges redaktionelles Produkt. Ich denke etwa an die FAS“, sagt er. Diese Zeitung hat eine eigene Redaktion mit circa 50 Mitarbeitern, zusätzlich schreiben FAZ-Redakteure im Blatt. Die österreichische Sparvariante verwundert Langenbucher. Die Idee einer Sonntagszeitung gefällt dem Medienwissenschaftler aber grundsätzlich. „Ich sehe zwei Tendenzen: den langsamen Rückgang der Tageszeitung. Und die Neukonzeptionierung als Wochenzeitung.“ In den USA gibt es etwa den Christian Science Monitor, einst eine Tageszeitung. Heute erscheint das Blatt nur noch sonntags und unter der Woche im Internet. So weit will Fleischhacker nicht gehen. Trotzdem glaubt er, dass das Wochenende zum Rettungsanker im Nachrichtengeschäft werden könnte. „Faktum ist, die größte Überlebenschance der Tageszeitung liegt im Wochenende.“ Wenn der Sonntag nicht die ganze Presselandschaft rettet, so zumindest die Presse. Durchgeblättert: die Sonntagszeitung der Presse im Schnell-Lesegang Im März kommt die Sonntagszeitung auf den Markt. Für Presse-Leser sieht die Titelseite der Sonntagszeitung ungewöhnlich aus. Während das Hauptblatt von Montag bis Samstag eine monothematische Seite 1 bringt, erscheint zum Abschluss der Woche der Leitartikel des Chefredakteurs auf der Titelseite. Daneben wird die Coverstory angekündigt, beispielsweise ein Text über Brüder als „liebste Feinde“. Nach dem Inhaltsverzeichnis folgt die Politik. Wie auch im Rest des Blattes dominieren menschliche Zugänge – vom Porträt des Bundespräsidenten Heinz Fischer bis zum Spaziergang mit der Wiener Grünen-Chefin Maria Vassilakou. Um nicht alt auszuschauen, gibt es einen zweiseitigen Nachrichtenüberblick mit der Tadelkolumne „Narr der Woche“. Die wirkliche Überraschung kommt nach der Politik. Das Sportressort taucht an zweiter Stelle im Blatt auf. Fünf Seiten Sportberichterstattung sind für die Presse ungewöhnlich viel. Im Ressort „Sport & Spiel“ finden sich aber auch Sudokus und eine Schlussseite mit Hightech- und Internetthemen. Hier zeigt sich bereits, dass das Blatt zum Teil ungewöhnliche Ressorts besitzt. Es setzt sich aus den Bereichen „Politik“, „Sport & Spiel“, „Eco“ (Wirtschaft), „Wissen“, „Lokal“ (Wien und Gastro), „Leben“ (Erziehung und Familie), „Globo“ (Reisereportagen), „Kultur“ und „Debatte“ zusammen. Der Prototyp der Zeitung ist bunter, magaziniger. In Stein ist das Blatt aber anscheinend noch nicht gemeißelt. Beim Produkttest werden den Teilnehmern abschließend auch alternative Titelseiten vorgestellt. Auf diesen befindet sich das Presse-Logo nicht am oberen Ende, sondern seitlich links. Vielleicht schaut das Magazin, wenn es im März auf den Markt kommt, ja doch ganz anders aus. Ungefähr so schaut das Sonntagsblatt aus. Die Illustration ist eine vereinfachte Darstellung des Prototypen. Abweichungen von der Originalvorlage sind möglich - die Skizze wurde aus dem Gedächtnis angefertigt. Illustration: PM Hoffmann / www.pmhoffmann.de Dieser Artikel ist im Falter 06/09 erschienen. Das Publikum hat immer Unrecht. Im Kopf von Wolfgang LorenzTuesday, November 11. 2008Weiterführendes - Heinz Wittenbrink hat übrigens einen sehr guten Blogeintrag dazu verfasst, wie nun langsam eine verlinkte Öffentlichkeit in Österreich entsteht. - Fan werden vom Lorenz-Sager! Auf Facebook Ins Netz gehen oder doch lieber "Mitten im 8en" schauen? Hier eine Entscheidungshilfe von Rolf Rüdiger: Die obige Glosse ist im Falter 46/08 erschienen.
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