Das Ende der PiratenpartyTuesday, June 15. 2010
Den Downloadern geht es in Europa an den Kragen. Aber lassen sie sich den Gratisspaß im Internet verderben?
Mon dieu! Vor diesem Moment graute den französischen Internetpiraten. Sie öffneten kürzlich ihr elektronisches Postfach und sahen das E-Mail des Kulturministeriums: „Erste Verwarnung“ stand im Betreff. Bei diesem Anblick zuckt wohl jeder Pirat zusammen. Er weiß: Jetzt hat ihn der Staat ertappt, jetzt befindet er sich im Visier der Internetkontrolleure.In Frankreich trat Anfang des Jahres ein strenges Gesetz in Kraft: Wer dreimal beim Download ertappt wird, verliert seinen Internetzugang. Vielleicht wird er sogar für ein ganzes Jahr gesperrt. „Three Strikes Out“ heißt das Modell. Die konservative Regierung von Nicolas Sarkozy kennt kein Pardon beim rechtswidrigen Filesharing, also dem Gratis-Austausch von Musik, Serien und Filmen über das Internet. Die „digitale Guillotine“ nennen Kritiker diese Regelung. Aber nicht nur in Frankreich, in einigen europäischen Ländern sind die Sheriffs im Vormarsch. England plant ein ähnliches System wie Paris. In Irland sperrt der größte Internetprovider Downloader nach dem Three-Strikes-Modell aus. In Brüssel schlägt ein neuer Bericht eine härtere Gangart gegenüber den Datendieben vor. Diese europäische Diskussion ist auch für Österreich bedeutend, immerhin muss es sich in seinem Urheberrecht an die Richtlinien der EU halten. Seit gut zehn Jahren erfreut sich das rechtswidrige Filesharing im Internet großer Popularität. 1999 startete die Musiktauschbörse Napster. Aber im Vergleich zu den Datenmengen, die die User heute aus dem Netz saugen, war Napster harmlos. Damals saß man stundenlang vor dem Computer, um sich ein paar Songs zu besorgen. Heute landen Alben, vielleicht sogar das gesamte Lebenswerk eines Künstlers innerhalb weniger Minuten am Rechner. Nicht nur den Musiklabels werden die Files geklaut. Das neue Eminem-Album kursierte zwei Wochen vor dem Erscheinungstermin im Netz, vergangenes Jahr tauchte der Action-Blockbuster „Wolverine“ in Tauschbörsen auf, da waren noch nicht einmal alle Special Effects eingefügt. „Was 1999 für die Musikindustrie war, ist das Jahr 2010 für Hollywood. Das Downloaden von Filmen wird immer populärer“, meint Eric Garland von der Marktforschungsfirma BigChampagne. Filesharing nimmt nach wie vor zu, vor allem wächst die Nachfrage nach Spielfilmen, Serien und Videospielen – und auch nach elektronischen Büchern. Denn mit neuen Lesegeräten wie Apples iPad und Amazons Kindle wird das Kopieren von Gedrucktem leichter. „Ganz klar: Wir haben ein Problem“, meint Marielle Gallo. Die konservative französische Abgeordnete ist die Galionsfigur der Brüsseler Urheberrechtsrächer. Sie hat jenen Bericht verfasst, der nun für Diskussion sorgt und im Juli im Europaparlament landet. Gallo sagt, das europäische Urheberrecht sei zahnlos: „Der Bericht ist ein Startschuss für die Debatte, es geht darum, stärker über Urheberrechtsverletzungen nachzudenken.“ Mit einer Diskussion allein hätten Sozialdemokraten, Grüne und Linke im Europaparlament kein Problem. Aber sie fürchten, dass das Dokument die Vorarbeit zu härteren Sanktionen gegen private Filesharer ist. Wenn Gallos derzeitiger Entwurf abgesegnet würde, wäre das eine Weichenstellung. Zwar ist so ein Initiativbericht rechtlich nicht verpflichtend, aber es wäre eine Aufforderung an die Kommission, den Internetpiraten strenger über die Schulter zu schauen. Doch wie weit darf der Schutz des geistigen Eigentums gehen? So weit wie bei den Briten und Franzosen? Heuer wurde die französische Regierungsbehörde Hadopi gegründet. Beim ersten Urheberrechtsverstoß sendet sie eine Mail, beim zweiten einen Brief, beim dritten kommt die Netzsperre von zwei Monaten bis zu einem Jahr. Überdies droht den Downloadern eine Geldbuße von bis zu 300.000 Euro und eine maximal zweijährige Haftstrafe. Bis zu 10.000 Mails könnte Hadopi pro Monat versenden, sagte die frühere Kulturministerin Christine Albanel. Erfahrungswerte, ob Hadopi tatsächlich das gesamte französische Web patrouillieren kann, gibt es nicht, die Behörde nimmt gerade ihre Arbeit auf. Auch die Briten wollen Mahnbriefe versenden. Ein Jahr lang will die Regierung User auf Urheberrechtsverletzungen hinweisen und allein dadurch das Downloadvolumen in ganz England um 70 Prozent senken. Wird dieses Ziel nicht erreicht, drohen den Filesharern ab 2012 sogenannte „technische Maßnahmen“. Ihr Internet könnte wie in Frankreich gesperrt oder zumindest so stark gedrosselt werden, dass es keinen Sinn mehr macht, Filme oder Alben herunterzuladen. Es sind aber nicht nur Politiker oder Studiobosse, die mehr Strenge fordern. In England versuchte auch Lily Allen ein Wörtchen mitzureden. „Musikpiraterie hat gefährliche Auswirkungen auf britische Musik“, schrieb die Popsängerin in ihrem Blog. „Für junge Talente ist Filesharing ein Desaster, für neue Künstler wird es schwerer und schwerer hervorzukommen“, sagte sie und Kollegen wie James Blunt oder Patrick Wolf unterstützten sie. Schließlich sprach sich auch die Featured Artists Coalition dafür aus, Downloader mit langsamen Internetverbindungen zu bestrafen. Lily Allen wurde damals, im September des Vorjahres, für ihre Meinung beflegelt. In Internetforen nannten sie User eine „kommerzielle, seelenlose Hure“, eine „Pro-Urheberrechts-Idiotin“ und „dumm, dumm, dumm“. Dann stellte sie ihren Blog ein. „Die Beschimpfungen wurden zu viel“, erklärte sie via Twitter. Die Debatte ist exemplarisch. Auf der einen Seite stehen die Piraten, von denen viele das gesamte Urheberrecht infrage stellen und von einem Netz träumen, in dem geistiges Eigentum frei und gratis herumschwirrt – die Internetbewegung hat mittlerweile sogar ihre eigenen Vertreter in Straßburg sitzen. Im Vorjahr wurde die schwedische Piratenpartei ins Europaparlament gewählt. Auf der anderen Seite stehen die Vertreter der Kreativwirtschaft, die nicht einsehen wollen, dass Kulturgüter in einem digitalisierten Markt per Knopfdruck gratis kopiert werden können, und am liebsten ins Jahr 1998 zurück wollen. Die Fronten im Urheberrechtsstreit haben sich verhärtet. Manche Internetpiraten wünschen den Hollywoodstudios und Plattenfirmen den Bankrott. Die Lobbys der Kreativwirtschaft jonglieren wiederum mit Zahlen, bei denen man meinen könnte, die Weltwirtschaftskrise wurde in Wirklichkeit von all den Downloadern ausgelöst. Da gibt es zum Beispiel die TERA-Studie, eine Untersuchung im Auftrag der internationalen Handelskammer BASCAP. Sie warnt vor den massiven Folgen des Filesharings. Bis 2015 würden zwischen 600.000 und 1,2 Millionen europäische Arbeitsplätze durch die Downloads vernichtet (PDF-Datei hier). Diese Studie geisterte durch die Medien, doch die Berechnung ist mit Vorsicht zu genießen, warnen Experten. Basierend auf den Zahlen der Industrie wird zuerst geschätzt, wie viele CDs oder DVDs nicht gekauft werden. Dann geht die TERA-Studie davon aus, dass jeder vernichtete Job in der Kreativwirtschaft einen weiteren Job außerhalb der Industrie mit sich reißt. Das Social Science Research Council, eine amerikanische Forschungseinrichtung, kritisierte diese Berechnungen (Stellungnahme als PDF). Und dann gibt es auch Ökonomen wie den Harvard-Forscher Felix Oberholzer-Gee. Er hinterfragt, ob das Downloaden von Raubkopien dem Verkauf von CDs überhaupt schadet. „Es ist falsch, dass jede gestohlene Kopie ein nicht gekaufter Tonträger ist“, sagt der gebürtige Schweizer. Er glaubt viel mehr, dass eine Verlagerung und Aufwertung komplementärer Güter stattfindet: Beispielsweise geben die Leute heute weniger für Tonträger, aber deutlich mehr für Konzerte aus. Die Forscher streiten über die volkswirtschaftlichen Auswirkungen des Filesharings, jede Seite legt ihre eigenen Studien vor. Fakt ist jedenfalls, dass für Musikstücke weniger Geld ausgegeben wird. Vor zehn Jahren wurden in Österreich mit CDs, Platten, Minidiscs noch 312,5 Millionen Euro erwirtschaftet, 2009 waren es gerade noch 182 Millionen Euro – inklusive digitaler Einnahmen. Auch in Österreich tun sich erfolgreiche Musiker schwer, von ihrer Musik zu leben. Viele touren landauf, landab, andere schreiben Werbejingles. Das wollen manche Politiker nicht weiter hinnehmen. Das Problem an den neuen Gesetzen ist aber, dass sie in Bürgerrechte eingreifen. In Frankreich stellt sich die Frage, inwieweit der Zugang zu Information und zum Internet ein Menschenrecht ist. Wenn dreimal illegal gedownloadet wird, egal von wem, wird dem ganzen Haushalt die Leitung gesperrt. Wer der französischen Regierungsbehörde Hadopi einmal ins Visier gerät, wird überwacht. Laut Gesetz ist dann der Internetanbieter verpflichtet, die Urheberrechtsverstöße seiner User zu überwachen – die Provider werden zu privaten Hilfssheriffs, wenn man so will. „Ich will auch nicht, dass der Postler meine Briefe liest“, klagt daher Eva Lichtenberger, grüne Europaparlamentarierin. Die Grünen und die Sozialdemokraten sind über die Bestrebungen des Gallo-Berichts alles andere als glücklich. „Die Balance ist aber schwierig“, konzediert die EU-Abgeordnete Evelyn Regner (SPÖ). Bürgerrechte vs. Urheberrechtschutz? Darauf wurden bisher nur unbefriedigende Antworten gefunden. Es gibt aber auch technische Einwände gegen die Netzsperre: Alle Restriktionen haben bisher versagt. Das Internet wurde als dezentrales Netz konzipiert, damit es auch einen Atomkrieg überstehen kann. Jetzt stellt sich heraus, dass sich diese dezentrale Struktur prima dazu eignet, Raubkopien weiterzureichen. Seitdem Napster wegen Urheberrechtsklagen zusperren musste, fanden die Piraten viele neue Möglichkeiten, um lizensiertes Material aus dem Netz zu fischen. Noch bevor das französische Hadopi-Gesetz in Kraft trat, gab es online schon Anleitungen, um die staatliche Kontrolle zu umgehen. Zum Beispiel können User ihren Datenverkehr in einem sogenannten VPN-Tunnel verstecken, einer verschlüsselten Verbindung, die nicht einmal der Internetprovider durchleuchten kann. Eric Garland beobachtet die Downloader seit 1999. Sein Marktforschungsunternehmen BigChampagne zeichnet die Filesharing-Trends für die Film- und Musikindustrie auf. Er bezweifelt, dass ein härteres Urheberrecht das Problem lösen könne. „In den USA haben wir 30.000 Menschen verklagt. Aber das hat nichts genützt“, sagt er und glaubt nicht an Strafen, sondern an attraktive legale Online-Angebote. „Man kann es mit der Peitsche probieren, aber das Zuckerbrot ist besser.“ Das ist die andere Haltung, die man in der Pirateriedebatte einnehmen kann: Manche glauben aus tiefer Überzeugung, dass es im Internetzeitalter einen neuen Deal zwischen Konsument und Künstler braucht. Andere haben schlichtweg resigniert und sehen keine andere Überlebenschance, als neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Zwei der beliebtesten Vorschläge sind Spotify und die staatliche Kulturflatrate. Spotify ist das Paradies für Musikjunkies – Ziel des Onlinedienstes ist es, seinen Usern irgendwann jedes Lied anzubieten. Die Musik wird nicht mehr auf die Festplatte gespeichert, sondern übers Netz gestreamt. Ohne Zeitverzögerung kann der Kunde Millionen Titel anhören. Entweder er nutzt die Gratisversion und nimmt dafür zwischendurch Werbung in Kauf, oder er zahlt rund zehn Euro im Monat, um auch offline oder per Handy die Musik hören zu können. Wie das funktioniert? Spotify hat Verträge mit allen großen Plattenfirmen und vielen Indielabels abgeschlossen. In Schweden, Norwegen, Finnland, Holland, Großbritannien, Spanien und Frankreich können die Konsumenten davon Gebrauch machen. Binnen 20 Monaten sammelte der Service 7,7 Millionen Kunden. Das andere Modell nennt sich Kulturflatrate. Jeder Internetuser soll einen monatlichen Betrag zahlen, etwa fünf oder zehn Euro. Dafür würde das Downloaden legalisiert und das eingenommene Geld an die Künstler aufgeteilt werden. Diese Pauschalabgabe fordern die österreichischen Grünen. „Die Einführung eines geringen monatlichen Aufschlags auf die Online-Gebühren ist eine geeignete Anpassung an die digitale Revolution“, heißt es in ihrem Grundsatzpapier zum Urheberrecht. Beide Modelle haben glühende Anhänger und laute Kritiker. Spotifys Abrechnung sei zu intransparent, bemängeln insbesondere die unabhängigen Künstler und fürchten, übergangen zu werden. Die Kulturflatrate hingegen wird von der Musikindustrie bekämpft – sie nennt das Modell eine Zwangsabgabe und hat Angst, die Einnahmen aus dem herkömmlichen Verkauf von Tonträgern zu verlieren. Wer zahlt dann noch für CDs, wenn man im Internet die staatliche Erlaubnis zum Download bekommt? Stärkere staatliche Überwachung, Internetsperren, Flatrates, Geldstrafen, Provider als Hilfssheriffs. Noch ist nicht klar, welchen Weg Europa einschlägt. Fest steht nur: Zehn Jahre nach dem Aufstieg und Niedergang von Napster fehlen noch immer die richtigen Antworten auf die Piraterie. Jetzt müssen sich die französischen Downloader fürchten. Oder doch nicht? Die Abmahnbriefe aus dem Kulturministerium entpuppten sich als Fälschung. Die Regierungsbehörde Hadopi wird erst Ende des Monats Warnungen versenden. Irgendein Spaßvogel hatte vorab die getürkten E-Mails ausgeschickt – vermutlich um für Verwirrung zu sorgen und das Kulturministerium mit den E-Mails aufgebrachter Franzosen zu überschwemmen. Eine typische Piratenaktion eben. ------------------------------ Böse Downloads Für diesen Artikel wurden unter anderem BigChampagne-Chef Eric Garland und Harvard-Professor Felix Oberholzer-Gee interviewt, sie waren vergangene Woche bei den Wiener Tagen der Musikwirtschaftsforschung zu Gast, die die Musikuniversität veranstaltete. Dort wurde gefragt: „Wie böse ist das File-Sharing?“ Paris Das französische Hadopi-Gesetz will Downloader nach der dritten Verwarnung aus dem Internet sperren. Die Regel ist auch als „Three Strikes“-Modell bekannt, der Begriff kommt ursprünglich vom Baseball. Wer den Ball dort dreimal nicht trifft, muss vom Platz London Am 12. Juni trat der „Digital Economy Act“ in Kraft, jenes britische Gesetz, das unter anderem Urheberrechtsverletzungen stärker ahndet. Im ersten Jahr wird nur ermahnt und evaluiert, dann könnte es zu technischen Maßnahmen kommen Straßburg Im Juli wird voraussichtlich im Plenum des Europäischen Parlaments über den Gallo-Bericht abgestimmt. Er schlägt eine härtere Gangart gegenüber Internetpiraten vor. Sozialdemokraten, Grüne und Linke sprechen sich gegen den derzeitigen Entwurf aus ------------------------------ Who the fuck is Justin Bieber?Monday, May 17. 2010![]() Das Internet versorgt uns mit Unmengen an Information. Auch solcher, die wir gar nicht brauchen. Dank Twitter weiß ich nun, wer Justin Bieber ist: der neue Teenie-Star aus Kanada. Er ist erst 16 Jahre alt, schaut aus wie zwölf und singt sich mit seinem Kaugummi-Schmusepop in die Herzen aller kleinen Mädchen. Mir wäre der Bieber total egal, würde er nicht ständig auf Twitter auftauchen. Jeden verdammten Tag ist er ein Trending Topic auf der Onlineplattform, zehntausende Fans tratschen dort über ihn, jede Minute treffen hunderte Meldungen ein. Der junge Sänger twittert auch selbst: Vormittags berichtet er aus der Schule. Nachmittags bedankt er sich für Platz eins in den US-Charts. Früher war das besser. Da waren Stars noch unnahbare Menschen, die man höchstens einmal beim Konzert sah. Dann kamen die Paparazzi und danach Twitter, jetzt landet jeder Furz in der Öffentlichkeit. Ich finde das nicht so sexy – außer es geht um meine Lieblingsbands. Über die lese ich auch jedes Detail im Netz. Kreisch! Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Diese Kolumne wurde in Ausgabe 16/10 veröffentlicht. Foto: Screenshot von twitter.com/JUSTINBIEBER Das kaputte GeschäftThursday, February 11. 2010
Alles runterladen und nichts zahlen: wie aus knausrigen Internetusern wieder profitable Musikkunden werden könnten
![]() Ist das die Zukunft des Musikhörens? Fast alle Musik der Welt steht auf Knopfdruck zur Verfügung, vom Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker über die aktuelle Platte von Robbie Williams bis hin zu Ernst Moldens Bubenliedern. Aber nicht erst nach Bezahlung wie beim Download-Shop iTunes und auch nicht in mieser Klangqualität wie beim Gratis-Videoportal YouTube. Das momentan spannendste kommerzielle Musikangebot im Internet schlägt einen anderen Weg vor. Bei Spotify wird Musik nicht mehr auf die Festplatte gespeichert, sondern in passabler Qualität übers Netz gestreamt. Ohne Zeitverzögerung kann der Kunde auf mehr als sieben Millionen Titel zugreifen. Entweder er nutzt die Gratisversion und nimmt dafür zwischendurch Werbung in Kauf. Oder er zahlt rund zehn Euro im Monat, kann dann aber auch offline und per Handy Musik hören. Spotify ist ein großer Hoffnungsträger der Musikindustrie. Illegale Downloads, die grassierende Gratismentalität der User und der schleichende Tod des Tonträgers setzen den Labels seit zehn Jahren heftig zu. Selbst Urheberrechtsverschärfungen und gerichtliche Klagen gegen Internetpiraten konnten bislang nichts an den Einbrüchen auf dem Tonträgermarkt ändern. In Österreich etwa wurden vor zehn Jahren mit CDs, Platten, Minidiscs noch 312,5 Millionen Euro erwirtschaftet. 2008 waren es nur noch 185 Millionen Euro – und diese Summe beinhaltet sogar die Einkünfte aus MP3s und anderen Onlineangeboten. Nun suchen alle nach neuen Einnahmequellen. ![]() IFPI-Geschäftsführer Franz Medwenitsch nennt Spotify eine "Erfolgsstory" Zwei sehr konträre Lösungsmodelle werden oft vorgeschlagen: zum einen die sogenannte Musikflatrate, eine staatlich verordnete Abgabe für alle Internetuser; zum anderen das Musik-Abo von kommerziellen Diensten wie Spotify, bei dem sich User ein Programm auf den Rechner laden und auf Millionen Titel zugreifen können. Der Onlinedienst Spotify hat Verträge mit allen großen Plattenfirmen und vielen Indielabels abgeschlossen. In Schweden, Norwegen, Finnland, Großbritannien, Spanien und Frankreich gibt es das Angebot bereits. Und hierzulande? „Österreich liegt auf der Roadmap“, sagt Alexander Shapiro, ein Berater des Unternehmens. Gespräche mit österreichischen Firmen habe es schon gegeben, ein geeigneter Partner sei aber nicht gefunden worden. Verlockend für den Konsumenten, verwirrend für die Künstler. Spotify ist das Liebkind der großen Labels, sie besitzen Anteile an der Firma. Es wird kritisiert, dass die größeren Labels bessere Deals haben als die kleineren. Auch hierzulande gibt es Plattenfirmen, deren Songs bereits auf dem Abo-Dienst laufen, die aber noch keinen Cent gesehen haben. Das sind die großen Gefahren im Onlinegeschäft: Die Abrechnungsmodelle sind oft intransparent, Indie-Labels haben schlechte Verhandlungspositionen. Die entscheidende Frage aber ist, ob Spotify jemals lukrativ wird. Der Service startete im Oktober 2008 in Schweden und hat heute sieben Millionen Kunden. Doch 95 Prozent davon bezahlen – nichts. Spotify möchte langfristig gegen die Gratismentalität ankämpfen. Zunächst sollen die User in Massen mit dem kostenlosen werbegestützten Modell angelockt werden; dann werden ihnen die Vorteile der Premiumversion schmackhaft gemacht: bessere Klangqualität sowie die Nutzung offline und am Handy. Aber ob dieses Konzept aufgeht, darüber streiten derzeit alle. Nicht nur illegale Downloads, die generelle Gratismentalität ist das Problem der Musikbranche. Viele Junge kaufen weder CDs noch Tracks bei iTunes, sondern hören Musik auf Seiten wie MySpace, YouTube und Last.fm. Das kostet nichts und ist legal. Was also, wenn Spotify mit seinem Musik-Abo scheitert? Wenn die User nicht mehr freiwillig bezahlen? Dann werden sie dazu gezwungen. Das ist der andere Lösungsvorschlag. ![]() Volker Grassmuck sieht die Kultur-Flatrate als einzige Lösung Die Rechnung funktioniert in etwa so: In Österreich gibt es fast drei Millionen Breitband-Internetanschlüsse; wenn von jedem davon fünf Euro monatlich eingenommen würden, ergäbe das beinahe 180 Millionen Euro pro Jahr. Das Modell klingt utopisch, hat aber ernstzunehmende Befürworter. Volker Grassmuck, Mediensoziologe an der Universität São Paulo, ist einer davon. Am 10. Februar wird er im Rahmen der Musikwirtschaftsdialoge über die Flatrate diskutieren. „Anfangs war ich auch sehr skeptisch, ob sie umsetzbar sei. Aber mittlerweile gehe ich davon aus“, meint er. Man könne das Downloadverhalten der User anonym erfassen, etwa über repräsentative Marktforschung und technische Kontrollverfahren. Das Geld ginge dann an Künstler, deren Werke heruntergeladen, also von der Öffentlichkeit nachgefragt werden. Somit würde Musik vermehrt zu einem gesellschaftlich geförderten Kulturgut, anstatt Ware auf dem freien Markt zu sein. Die deutschen Grünen setzen sich für dieses Modell ein, die Regierung der Isle of Man plant einen Pilotversuch, in Branchenkreisen wird auch hierzulande darüber diskutiert – wenn auch nur leise. „Unter den Labels ist es schon ein großes Thema“, sagt Clara Luzia. Sie diskutiert gerade im VTMÖ, dem Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen, Musikverlage und Musikproduzenten Österreichs, mit ihren Kollegen über die Pauschalabgabe. Das Beispiel von Clara Luzia zeigt, wie schwierig der Musikmarkt geworden ist. Die Singer/Songwriterin ist in ihrem Segment, dem österreichischen Indiepop, eine namhafte Größe. Sie bekommt gute Plattenkritiken, füllt Konzertsäle und wird nicht nur auf FM4, sondern auch auf Ö3 gespielt. Müsste sie nur auf ihre Band achten, könnte sie unter Umständen davon leben. Sie führt allerdings auch ein kleines Label namens Asinella Records, das österreichische Künstler herausbringt. „Und weil ich dieses Label habe“, sagt sie, „geht sich die Rechnung hinten und vorne nicht aus.“ Das ist ein Teil der Realität, den viele Internetpiraten oder ungeneröse Webuser allzu gerne ausblenden. Sie reden sich darauf hinaus, doch Eintrittskarten für Konzerte und Band-T-Shirts zu kaufen. Doch davon bleibt wenig beim Künstler: Clara Luzia verkauft wie viele andere auch ihre Shirts zum Selbstkostenpreis; von der Gage für den Auftritt werden zuerst Fahrkosten und Bookinggebühren abgezogen, der Rest wird auf alle Bandmitglieder aufgeteilt. „Entweder die Bands und kleinen Indielabels verabschieden sich vom Gedanken, von der Musik leben zu können. Oder man braucht eine Lösung“, meint die Musikerin. Grundsätzlich kann sie sich für die Idee der Flatrate erwärmen. „Ich fände das gerechtfertigt. Die Leute, die Internetzugang haben, sollen auch dafür bezahlen, dass sie diese Inhalte im Internet finden.“ Freilich: Ob eine Flatrate sinnvoll ist oder nicht, hängt von ihrer konkreten Umsetzung ab. Für die Urheberrechtsbesitzer stellt sich die schwierige Frage, nach welchem Schlüssel das Geld aufgeteilt würde. Viele Konsumenten werden einen anderen Einwand haben: Warum sollen sie die Zeche zahlen, wenn sie selbst nichts illegal herunterladen? Für Volker Grassmuck ist die Flatrate eine Querfinanzierung, die es in anderen Bereichen auch gibt. Die Leerkassettenvergütung zahlt man bereits für jeden CD-Rohling, unabhängig davon, ob auf diesen dann wirklich Musik gebrannt wird oder nicht. Auch die Rundfunkgebühren fallen für alle Fernsehbesitzer an, selbst wenn sie nur RTL und Pro7 einschalten. „Auch Menschen, die keine Kinder haben, finanzieren mit ihren Steuern die öffentlichen Schulen“, sagt Grassmuck. Nicht jeder sieht das so. „Die Kultur-Flatrate ist ein Enteignungs- und Steuermodell, das Unternehmertum durch Bürokratie ersetzen will“, meint etwa Franz Medwenitsch, der Geschäftsführer des Verbands der heimischen Musikwirtschaft (IFPI). Als Vertreter der Musikindustrie missfällt ihm die staatliche verordnete Zwangsabgabe. „Sie wirft viel mehr Fragen auf, als sie je beantworten könnte“, sagt Medwenitsch. Die Kultur-Flatrate wäre auch eine direkte Konkurrenz zu kommerziellen Bezahlmodellen. Welcher Konsument würde noch für einen Song auf iTunes zahlen, wenn er mit der Flatrate die Erlaubnis zum Gratisdownload bekommt? Wie würde sich das auf den Verkauf von CDs auswirken? Mehr Fragen als Antworten. Das trifft auf beide Modelle zu. Auch gibt es Experten, die sich keine Rettung der Branche mehr erwarten. Die fetten Jahre seien vorbei, meint etwa der Elektronikproduzent Wolfgang Schögl alias I-Wolf. „Das wird sich nicht mehr rentieren“, sagt er und weicht als Musiker selbst auf Film- und Bühnenproduktionen aus, wo es noch Geld gibt. Andere komponieren Werbejingles oder touren permanent durch die Lande. Eine Gemeinsamkeit haben das Konzept der Kultur-Flatrate und jenes von Spotify: Sie gehen von einer anderen Musiknutzung in Zukunft aus. Durch die Digitalisierung wurde Musik zur unbeschränkt zugänglichen Ware. Am PC lässt sich alles kopieren, herunterladen, versenden. Das Album wirkt wie das anachronistische Überbleibsel einer Zeit, als man noch in den Plattenladen ging oder Radiosendungen auf Kassette aufnahm. Einst arbeitete Walter Gröbchen selbst für das legendäre Ö3-Radiomagazin „Musicbox“. Heute hat er Spotify auf seinem Laptop installiert – und ist davon angetan. Er sieht in Abo-Diensten mehr Hoffnung als Gefahren. „Die Vorstellung ist schon faszinierend, zu jeder Zeit jede Musik der Welt hören zu können“, meint Gröbchen, der auch das Label Monkey Music leitet. Er kann sich vorstellen, dass man Musik künftig nicht als Tonträger besitzen, sondern eher über Streamingangebote hören wird. Egal ob die Kultur-Flatrate jemals von einer Regierung per Gesetz eingeführt wird oder ob Spotify am Markt überlebt: Beide Konzepte weisen auf eine Zukunft hin, in der Musik nicht mehr in kleinen Dosen, zum Beispiel als Album oder einzelner Download, feilgeboten wird. Stattdessen kauft man sich den generellen Zugang und kann dann alles anhören, was es gibt. Dieser Artikel ist im Falter 05/10 erschienen. Illustration: PM Hoffmann Fotos: privat / Corn / Grassmuck Bei echtem Protest wird auch die Jury ausgebuhtThursday, February 11. 2010
Der Protestsongcontest ist eine Mischung aus Castingshow und Gesellschaftskritik. Verstimmungen sind einkalkuliert
![]() Die Cremeschnitten gehören zu den 10 Finalisten Darum ging es zum Beispiel in zwei Einsendungen. Aus rund 200 Liedern wurden die 25 besten gewählt, sie durften ins Halbfinale. Hier in der Veranstaltungshalle im 15. Bezirk traten die Bands entweder live auf oder spielten ihren Song auf CD vor, im Finale muss dann alles live sein. Zehn Bands kamen weiter. Die Endrunde findet am 12. Februar im Wiener Rabenhof statt. An diesem Tag begann 1934 der österreichische Bürgerkrieg, auch der Rabenhof wurde beschossen. Seit sieben Jahren gibt es musikalischen Widerstand im Rabenhof-Theater. Von dort stammt die Idee, Kooperationspartner ist FM4. Mathias Zsutty ist im Sender dafür zuständig und moderierte auch die Vorausscheidung. Auf der Bühne fragte er jeden Kandidaten, wogegen er protestiert. Manche hätten sich vorab eine Antwort überlegen sollen. Was einen guten Protestsong ausmacht? „Für mich ist wichtig, dass es ein konkretes Anliegen gibt“, sagt Zsutty. Auch heuer scheiterten im Halbfinale vor allem jene Bands, die keine klare Botschaft hatten. Das Lied „Start the Revolution“ wollte zum Beispiel zum Aufstand aufrufen, doch welche Revolution war gemeint? Das verrieten die Musiker nicht – und schieden aus. Die zehn Finalisten treten kommenden Freitag an (die Songs kann man hier anhören). Darunter vielversprechende Acts wie die Band pauT, die mit Kontrabass, Klarinette und E-Gitarre gegen all die klugen Ratschläge antritt, oder der Beschwerdechor St. Pölten, der die Tristesse in der Provinz gemeinsam besingt. Der Gewinner kann dann einen Abend im Rabenhof veranstalten und wird auf FM4 fleißig gespielt. Die Musik und die gesellschaftskritischen Texte sind dabei nur der halbe Spaß. Die ausgeflippten Bühneneinlagen und böse Kommentare von der Jury gehören mittlerweile auch schon bei der Vorauswahl dazu. Im Finale wird der Ton dann noch rauer. Da passiert es regelmäßig, dass die Jury – insbesondere die Falter-Kolumnistin Doris Knecht – ausgebuht wird. Zsutty stört das nicht, im Gegenteil: „Das macht auch den Charme der Veranstaltung aus: Das Publikum kann sich einmischen, sogar mit Buhrufen.“ Dieser Bericht ist für das Feuilleton im Falter 05/10 erschienen. Foto: Julia Fuchs Recht auf HeimlichkeitSunday, September 27. 2009 Die Schriftstellerin Juli Zeh hat ihre düstere Zukunftsvision mit der Band Slut vertontAlles ist rein, die Menschen sind gesund, makellos und schön. Kriege, Hunger und religiöser Wahn gehören der Vergangenheit an. Auf den ersten Blick beherbergt die Zukunft, die Juli Zeh in „Corpus Delicti“ beschreibt, eine perfekte Welt. Allerdings ist auch die Freiheit massiv eingeschränkt: Man ist verpflichtet, auf seine Fitness zu achten, Rauchen ist sowieso verboten, und auch der Partner muss gewisse genetische Kriterien erfüllen. Das Werkzeug, um diese totalitär gewordene Vorstellung von Gesundheit durchzusetzen, wird schlicht „die Methode“ genannt und vom Großteil der Bürger blind befolgt. Juli Zeh versteht ihr Buch als Warnung: „Unser Menschenbild wird immer biologistischer, wir betrachten Zufriedenheit und Gesundheit als rein abstrakten Wert. Es gibt Mädchen, die sich fast zu Tode hungern, um schlank zu werden!“ Die 35-jährige Zeh hat „Corpus Delicti“ zunächst als Theaterstück geschrieben, dann als Roman adaptiert – und den Text nun noch einmal mit der deutschen Indieband Slut überarbeitet. „Überarbeiten kann man schon gar nicht mehr sagen. Ich habe die Texte wirklich als Steinbruch benutzt“, präzisiert Zeh im Interview. Das Ergebnis nennt sich „Schallnovelle“ – kein Hörspiel und auch keine Lesung mit ein bisschen Musik, sondern eine atmosphärische Collage aus Text und Ton, bei der Zeh auch als Backgroundsängerin mitwirkt. „Corpus Delicti“ übersteigert und verfremdet Bekanntes. Die Hörer werden zum Beispiel mit Warnhinweisen traktiert, wie wir sie aus dem Kino kennen: Zusätzlich zu den gewohnten Warnungen vor Raubkopien gibt es noch Gesundheitstipps – ganz im Stil der „Methode“, der auch die Protagonistin, Mia Holl, folgt – bis sie nach dem Selbstmord ihres Bruders beginnt, die „Methode“ infrage zu stellen. Die Fassade beginnt langsam zu bröckeln, die Diktatur zeigt ihr skrupelloses Gesicht: jenes des Journalisten und obersten Meinungsführers im Lande, Heinrich Kramer. Die Handlung des Buchs ist in der Schallnovelle nur mehr erahnbar. Trotzdem muss man den Roman nicht gelesen haben, um zu merken: In diesem Staat ist etwas faul. „Wenn man Katastrophen im Rückblick betrachtet, fragt man sich immer: Wieso haben die damals nichts gemerkt? Aber wenn man in diesem Prozess drinnensteckt, fehlt einem der nötige Abstand“, erklärt Zeh. Mittlerweile ist sie ja nicht nur als erfolgreiche Autorin, sondern auch als Gegnerin übereifriger Sicherheitspolitiker bekannt. Die studierte Juristin hat bereits Beschwerde beim deutschen Bundesverfassungsgerichtshof gegen Fingerabdrücke im Reisepass eingereicht und vor kurzem das gemeinsam mit Ilija Trojanow verfasste Sachbuch „Angriff auf die Freiheit“ veröffentlicht. Videokameras, DNA-Datenbanken, Onlinedurchsuchungen – Zeh wehrt sich gegen die zunehmende Überwachung der Bürger. Das Argument, dem zufolge nichts zu befürchten habe, wer nichts zu verbergen hat, lässt sie nicht gelten. „Da schwingt ja schon der Anspruch mit, dass jemand, der nichts zu verbergen hat, alles offenlegen soll. So ist das nicht. Jeder Mensch soll in seinen eigenen vier Wänden ungestört sein, völlig egal, was er da verbirgt. Das Recht auf Heimlichkeit gehört einfach zur Menschenwürde“, sagt Zeh. Warum ihr der Blick des großen Bruders nicht behagt? Auf diese Frage gibt Zeh nicht nur verfassungsrechtliche Antworten: „Ich bin da einfach selbst sehr empfindlich. Es klingt vielleicht albern, aber wenn ich am Computer schreibe und jemand guckt mir über die Schulter, drehe ich durch. Und noch weniger mag ich es, wenn der Staat das tut.“ Manche Kritiker haben bemängelt, dass die aufklärerische Absicht in „Corpus Delicti“ zu offensichtlich sei, und auch im „Angriff auf die Freiheit“ wird der Zeigefinger erhoben, wenn Trojanow und Zeh die Naivität vieler Bürger anprangern. Zeh mag aber keine Trennlinie zwischen ihrer Arbeit als Schriftstellerin und ihrer Existenz als besorgte Bürgerin ziehen. Dafür findet sie auch neue Sympathisanten. „Sie ist quasi die Jeanne d’Arc der Überwachungsgegner“, meinte Slut-Sänger Christian Neuburger neulich über seine Bühnenkollegin. „So eine heroische Bezeichnung würde ich nicht wählen, weil das nicht richtig zu mir passt“, meint Zeh, die als klassischer Kopfmensch an ihre eigenen Charaktere erinnert. Gegen die Existenz als Galionsfigur hat sie aber nichts. Es sind laute Stimmen wie ihre, die die Datenschutzdebatte anheizen – und auch massentauglicher machen. Demonstrationen gegen Internetzensur stehen in Deutschland schon auf der Tagesordnung, das Überwachungsthema ist im Wahlkampf äußerst präsent. Laut Zeh erklärt das auch, warum „Corpus Delicti“ nun schon als Theaterstück, Buch und CD erschien. Kein anderes Werk hat die Autorin bisher in so viele Gattungen übertragen. „Das liegt nicht an mir“, beteuert sie, „sondern am Thema. Viele Menschen treten an mich heran und möchten etwas machen. Ich glaube, das sitzt mehr in den Köpfen, als man vermutet. Man hat immer das Gefühl, denen ist alles egal, die sind alle unpolitisch und kümmern sich nicht. Das stimmt aber nicht.“ YouTube-Clip zu Corpus Delicti Dieser Artikel ist im Falter 39/09 erschienen. Foto: Screenshot von RoteRaupeTV. Auch Popstars sind nur MenschenWednesday, August 19. 2009
Enthusiasmuskolumne: Der beste Spickzettel der Welt der Woche
Manchmal gibt es Momente, da muss man eine Band einfach ins Herz schließen, da kann man gar nicht anders. Zum Beispiel vergangene Woche auf dem Sziget-Festival, dem fünftägigen Musikspektakel in Budapest. Dort trat das britische Indiediscoduo The Ting Tings auf. Eine tolle Show.Richtig rührend wurde es aber, als die Sängerin Katie White ein Blatt Papier hervorzog und vorzulesen begann – theoretisch auf Ungarisch. „Ihr Akzent war aber so schlecht, dass ich kaum ein Wort verstanden habe“, meinte ein langhaariger Einheimischer in der dritten Reihe. Die Frontfrau hatte eine Grußbotschaft auf dem Zettel notiert: „Hallo, wir sind die Ting Tings. Das ist unser erstes Konzert in Ungarn. Mein Ungarisch ist grottig. Deswegen lasst uns lieber feiern!“ Die Masse klatschte. Auch jene, die nichts verstanden hatten.Das Sympathische daran war, dass die Stimme der Sängerin in diesem Moment sehr unsicher klang. Wie eine Schülerin im Französischunterricht, die nicht so recht weiß, ob sie das ansatzweise richtig macht, spulte sie ihr Satzerl herunter. Solche Verlegenheit hätte man ihr gar nicht zugetraut, sind die Ting Tings doch eine der derzeit angesagtesten Elektrobands. Ihr Song „That’s Not My Name“ wurde im Vorjahr zur Hymne, die Single „Shut Up and Let Me Go“ ist der Soundtrack der iPod-Werbung. Der Spickzettel aber zeigte, dass auch Popstars nur Menschen sind, die nicht immer so supersouverän ausschauen wie auf den Hochglanzcovers. Als Festivalband sind die Ting Tings dennoch großartig. Sie spielen ihre Hits mit Freude. Katie White drischt brutal auf die Drums ein, und ihr Kollege Jules De Martino überrascht das Publikum, indem er unvermittelt fremde Songs in den Sound einmischt. Super Stimmung!Die Band tritt übrigens diese Woche auf dem Frequency-Festival in St. Pölten auf. Mal sehen, ob sie uns dann ihre Deutschkenntnisse vorführen. Dieser Text ist im Falter 34/09 erschienen. Die Enthusiasmuskolumne erscheint jede Woche im Falter und bejubelt das beste Lied, das beste Buch, die beste Kinopremiere oder eben den besten Spickzettel der Welt der Woche. Die Bilder zeigen alle Katie White. Fotos: Sziget.hu Gebrauchte MP3s, ziemlich unromantischTuesday, December 23. 2008
Wer kann sich noch an die Zeit erinnern, da man als Schüler seine letzten Schillinge zusammenkratzte und eine gebrauchte CD kaufte? Dann kam das Internet, langsam wurden die ersten MP3s gesaugt. Irgendwann war der Secondhand-Musikhändler nur noch eine blasse Jugenderinnerung. Eine kurze Anekdote, die den Untergang der Musikindustrie beschreibt. Dieser Tage kommt aber wieder Bewegung ins Plattengeschäft. In den USA gibt es einen Flohmarkt für digitalisierte Musik. Für ein paar Cent können Internetuser auf Bopaboo.com „gebrauchte“ MP3s kaufen. Klingt gut. Rechtlich gesehen ist das Ganze äußerst umstritten, die Musikindustrie ärgert sich schon jetzt. Abseits des Wirbels ist eines aber klar: Die romantische Jugenderfahrung, dass man sich mit dem letzten Taschengeld Musik aus zweiter Hand kauft, wird es so nicht mehr geben. Egal ob die Teenager auf dubiosen Seiten Alben downloaden oder ein Lied auf YouTube anklicken – Musik ist zwar noch eine Leidenschaft, aber kein Luxusgut mehr.
![]() Für Nostalgiker: Das Mixtape am USB-Stick. Siehe auch Thinkgeek.com. Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 51/08 veröffentlicht. Der Charme des Schrecklichen: SingStar SchlagerTuesday, December 9. 2008Texte, die sich in unsere Hirnrinde eingebrannt haben: "Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude." Zum Mitsingen auch auf YouTube Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 50/08 veröffentlicht. Überraschung! MTV spielt wieder Musik (Digitalia, Woche 45)Tuesday, November 4. 2008
MTV zeigt nun wieder Musikvideos. Und zwar kostenlos im Netz. Der Musiksender hat ein eigenes Videoportal gestartet. Auf www.mtvmusic.com sind bereits 16.000 Songs gratis abrufbar. Und es sollen viele weitere folgen. Das Beste daran ist, dass das Angebot tatsächlich legal ist. Während auf YouTube etliche Clips kursieren, die irgendwelche Internetuser irgendwo entwendet haben, besitzt MTV die erforderlichen Lizenzen zur Veröffentlichung. Der Sender ermöglicht es dem Internetuser auch, die Clips kostenlos weiterzuverbreiten, zum Beispiel im eigenen Blog oder auf Freundschaftsportalen wie Facebook. So schaut die Zukunft des Fernsehens aus. Immer mehr Content wandert ins Web, wo er jederzeit für jeden abrufbar ist. Altvatrischen Fernsehmenschen läuft da ein kalter Schauder über den Rücken. Aber mal ehrlich: Wer hat Lust, sich auf MTV mit schwachsinnigen Datingshows und austauschbaren HipHop-Gangster-Videos zumüllen zu lassen, wenn er selbst eigene Musiksendungen zusammenstellen kann?
Viel sehenswerter als die üblichen Popsternchenclips sind übrigens folgende Videos: Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter.
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