"Wir hängen nicht am Gängelband"Tuesday, May 18. 2010
Brigitte Kulovits-Rupp ist die erste Frau an der Spitze des ORF-Stiftungsrats. Sie fordert mehr Geld für echtes Programm und die Einführung ethischer Richtlinien
Es war eine echte Überraschung. Stiftungsrats gewählt. Und das mit deutlicher Mehrheit. 31 der 35 Stiftungsräte stimmten für die SPÖ-Kandidatin, erstmals führt eine Frau das oberste Kontrollgremium am Küniglberg an. Die ÖVP sicherte sich im Gegenzug die Leitung des Finanz- und Programmausschusses. „Alten Proporz“ nennt die Presse das, „politische Willkür“ sieht das Profil. Wie denkt Kulovits-Rupp über ihre Wahl? Wie nimmt sie den Einfluss der Politik wahr? Und welche Schwerpunkte will sie in den kommenden vier Jahren setzen? Darüber sprach Kulovits-Rupp in ihrem ersten Interview als Vorsitzende, das sie dieser Zeitung gab.Falter: Frau Kulovits-Rupp, sind Sie eine Proporzlösung? Brigitte Kulovits-Rupp: Nein, ich bin keine Proporzlösung. Es ging darum, einen mehrheitstauglichen Kandidaten oder eine mehrheitstaugliche Kandidatin zu finden, und es gab sehr großen Zuspruch für meine Person, nicht nur von Rot und Schwarz. Dabei waren ursprünglich nicht Sie, sondern ein unabhängiger Vorsitzender geplant. Warum kam es nicht dazu? Kulovits-Rupp: Ich weiß nicht, von wem das geplant gewesen sein soll. Die Entscheidung, wer dem Stiftungsrat vorsitzt, fällt im Stiftungsrat. Die Mitglieder sind weisungsgebunden und unabhängig und haften für ihre Beschlüsse mit dem Privatvermögen. Ich glaube nicht, dass diese Personen am Gängelband irgendwelcher Entscheidungsträger hängen. Nun wird aber ein Teil der Stiftungsräte von der Politik berufen. Sie sind überdies die Wunschkandidatin der SPÖ, ihr Vize der Kandidat der ÖVP. Inwiefern passt das mit dem Anspruch der Unabhängigkeit zusammen? Kulovits-Rupp: Der Stiftungsrat wird zum Teil von der Politik beschickt, natürlich spielt sich das nicht in einem Vakuum ab, sondern hat gesellschaftspolitische Relevanz. Auch in der Gesellschaft spielen die Parteien eine Rolle. Mich irritiert, dass dem Stiftungsrat jahrelang vorgeworfen wird, er ist ein zerstrittener Haufen und kriegt nichts auf die Reihe. Und nun haben wir einen Beschluss mit sehr breiter Mehrheit, und es heißt daraufhin, es würde gemauschelt. Es ist der Sache nicht dienlich, das immer nur negativ zu kommentieren. Ich hoffe, dass der Stiftungsrat in Zukunft gemeinsam nach außen hin auftreten kann. Sie möchten sich als Vorsitzende künftig auch stärker mit dem ORF-Programm befassen. Was wollen Sie da diskutieren? Kulovits-Rupp: In den letzten Jahren hat sich der Stiftungsrat großteils mit Finanzfragen beschäftigt. Natürlich sind geordnete Finanzen die Voraussetzung für ein gut funktionierendes Unternehmen. Der eigentliche Zweck des ORF ist es aber, Programm zu machen. Es ist an der Zeit, dem mehr Augenmerk zu schenken. Der ORF strahlt im Jahr an die 120.000 Programmstunden aus, doch in der letzten Zeit stand immer weniger Geld fürs Programm zur Verfügung. Dabei sind gerade die Eigenproduktionen beim Publikum beliebt, und wenn man mehr Eigenproduktionen will, muss man entsprechende Mittel zur Verfügung stellen. Die ÖVP pocht aber weiterhin auf einen Sparkurs. Widerspricht das nicht Ihren Vorstellungen? Kulovits-Rupp: Sparen ist kein Selbstzweck. Es ist klar, dass das Unternehmen ein Strukturproblem hat. Dieses gilt es zu lösen. Aber man muss festlegen, was der Kernbereich des ORF ist. In den letzten Jahren hatten wir eine Diskussion über die Definition des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Da gibt es zwei Extrempositionen. Die einen meinen, der ORF soll nur das machen, womit niemand Geld verdienen kann. Er soll eine elektronische Wiener Zeitung werden. Auf der anderen Seite gibt es den Anspruch eines Vollprogramms, mit allem, was dazugehört, jeder Sportart, allen Sportrechten. Da wird man einzeln klären müssen: Kann, will und muss ich mir das leisten? Und wie definieren Sie den öffentlich-rechtlichen Auftrag? Brigitte Kulovits-Rupp sitzt seit 2001 im ORF-Stiftungsrat, die 51-Jährige leitet in ihrem Hauptberuf die Öffentlichkeitsabteilung der Arbeiterkammer Burgenland. Vor der Wahl zur neuen Vorsitzenden führte sie bereits den Programmausschuss. Ihre ersten Erfahrungen im ORF sammelte sie 1978, als sie am kritischen Jugendmagazin „Ohne Maulkorb“ mitarbeitete. Kulovits-Rupp studierte Publizistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaften, ist verheiratet und hat drei Kinder In den letzten Monaten gab es immer wieder Diskussionen über die Unvereinbarkeit, darüber, was ein ORF-Moderator in seiner Freizeit tun, womit er zusätzlich Geld verdienen darf. Sind Sie für niedergeschriebene einheitliche Regeln? Kulovits-Rupp: Ja. Diesen Punkt habe ich mir vorgenommen und auch schon Gespräche geführt. Natürlich muss man unterscheiden, ob jemand fest beim ORF angestellt ist oder nur nebenbei für ihn arbeitet, ob jemand eine Informations- oder eine Unterhaltungssendung moderiert, ob er Redakteur oder Programmverantwortlicher ist. Man wird nicht jeden Einzelfall mit Richtlinien regeln können, aber Grundsätze soll es schon geben. Sollen ethische Fragen generell schriftlich geregelt werden? Kulovits-Rupp: Ja, im Zuge der Diskussion um die „Schauplatz“-Reportage wurde auch die Einsetzung einer Arbeitsgruppe zu Programmrichtlinien zugesichert. Ich finde es eine wichtige Aufgabe, zu regeln, was für Journalisten zulässig ist und was nicht. Dadurch gibt man den Mitarbeitern auch eine gewisse Sicherheit. Im Parlament liegt derzeit das neue ORF-Gesetz. Wie denken Sie darüber? Kulovits-Rupp: Das Gesetz schafft klarere Spielregeln, auch was die Aufsicht betrifft. Die unabhängige Medienbehörde ist grundsätzlich gut, Klärungsbedarf besteht aber noch, was mit der Verantwortung und Haftung passiert, wenn diese Behörde Beschlüsse des Stiftungsrats aufhebt. Ihr Vorgänger, Klaus Pekarek, sprach sogar von einer Entmachtung des Stiftungsrats durch die Medienbehörde. Kulovits-Rupp: Das sind scharfe Worte, die das plakativ ausdrücken. Ich denke, dieser Punkt ist noch nicht ausdiskutiert und es wird darauf ankommen, wie die Formulierung letztlich verfasst ist und ausgelegt werden kann. Macht es einen Unterschied, dass Sie nun die erste Frau an der Spitze des Stiftungsrats sind? Kulovits-Rupp: Einen großen sogar. In den letzten Tagen gab es sehr bissige Kommentare, auch einen Leitartikel, in dem ich als Person und meine Kollegin Margit Hauft (Anm.: die neue Leiterin des Programmausschusses) sehr kritisch betrachtet wurden. Ich glaube, das passierte auch deswegen, weil wir Frauen sind. Und sollte ich in meiner Position keine gute Figur machen, wird es jene geben, die sagen: „Na eh klar, ist halt so, weil sie eine Frau ist.“ Wirkt sich die Tatsache, dass Sie eine Frau sind, auf die Führung des Stiftungsrats aus? Kulovits-Rupp: Ich denke schon. Ich kann mich an stundenlange Diskussionen im Gremium erinnern, in denen nicht erkennbar war, worum es ging. Mir erschien das als Hahnenkämpfe. Ich schätze effizientes Arbeiten und Diskussionen, in denen nahezu jede Facette beleuchtet wird. Aber ich halte wenig davon, das als Podium für Selbstdarstellung zu nutzen. Jetzt brodelt schon wieder die Gerüchteküche. Es heißt, die ORF-Direktoren könnten frühzeitig ausgetauscht werden, also vor Ende 2011. Ist da was dran? Kulovits-Rupp: Diese Frage stellt sich derzeit nicht, die Diskussion halte ich für überflüssig. Im ORF gibt es immer solche Gerüchte, sie werden auch bewusst lanciert. Ist der ORF eine Schlangengrube? Kulovits-Rupp: Er ist zumindest heikles Terrain. Als Schlangengrube würde ich ihn nicht bezeichnen. Unter Journalisten versucht jeder, dem anderen voraus zu sein, Entwicklungen vorwegzunehmen und als Erster auf einer Neuigkeit zu sitzen. Vielleicht führt das manchmal zu solchen Spekulationen, näher will ich mich dazu aber nicht äußern. Dieses Interview ist im Falter 17/10 erschienen. Credits: Flickr-User Martin & Julia / ORF Kundendienst Der ORF und die NeonazisWednesday, March 31. 2010 Strache gegen den ORF, Rechtsradikale gegen Strache, die ÖVP gegen den ORF, der ORF gegen die Prinzipien von Qualitätsjournalismus – eine Affäre mit lauter VerlierernBericht: Ingrid Brodnig und Martin Gantner Damit hatte Philipp R. nicht gerechnet. Über Nacht wurde er zum bekanntesten Rechtsradikalen Österreichs. Die Parteien streiten darüber, was der 19-Jährige bei einer FPÖ-Veranstaltung vielleicht gesagt oder nicht gesagt hat. Journalisten diskutieren, ob der Wiener vom ORF instrumentalisiert wurde. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ob er sich der Wiederbetätigung schuldig machte. Und Philipp selbst? Er sitzt in der Wohnung seiner Mutter, trägt eine Jogginghose, ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „Leben ist Kampf“ und ärgert sich. „Wenn ich gewusst hätte, dass das so endet“, sagt er, „dann hätte ich da nicht mitgemacht.“ Am liebsten hätte er sich niemals vom ORF filmen lassen. Eine 30-minütige Fernsehreportage stellte das Leben des jungen Skinheads auf den Kopf. Die Reportage handelt vom trostlosen Alltag des Wieners: von den Geldsorgen, die ihn und seine Mutter plagen, von den fehlenden Perspektiven, die den jungen Mann ohne Schulabschluss und ohne Jobchancen umtreiben, bis hin zur Wut, die er spürt, wenn er über „die Ausländer“ schimpft. Der ORF-Journalist Ed Moschitz hatte Philipp mehrere Monate lang begleitet. Die Zuschauer erleben einen desillusionierten 19-Jährigen auf seinem Weg zum Arbeitsamt und beobachten, wie der Bursche gemeinsam mit seinem Freund vor Gericht erscheinen muss. Moschitz zeigt einen jungen Menschen in seiner ganzen Widersprüchlichkeit: hin- und hergerissen zwischen dumpfem Ausländerhass und Zuneigung zu seinem türkischen Nachbarn, der auf derselben Stiege wohnt. Übrig bleibt vor allem eine Frage: Wie viel hat der Philipp im Fernsehen mit dem echten Philipp aus dem Gemeindebau zu tun? Der ORF fuhr mit den Rechtsradikalen auch zu einer Wahlkampfveranstaltung der FPÖ in Wiener Neustadt, wo die Jungs hinwollten. Dort stellten sie sich demonstrativ mit Transparenten vor linke Gegendemonstranten und reihten sich ein, um Fotos und Autogramme von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache zu bekommen. „Sieg Heil!“ will dieser dann aus dem Mund von einem der Skins gehört haben. Strache wirft dem Küniglberg Manipulation und Moschitz Anstiftung zum Neonazismus vor. Der ORF dementiert. Die Interessen der Politik Die beiden beschuldigten Skinheads bestreiten mittlerweile selbst, in Wiener Neustadt „Sieg Heil!“ gerufen zu haben. Auch das ausgestrahlte Material lässt starke Zweifel an Straches Version aufkommen. Doch den FPÖ-Chef hindert das nicht daran, sich weiter als Opfer des ORF zu gerieren. Er spricht vom „Küniglgate“ und von gebührenfinanzierten Neonazis. Den Freiheitlichen bietet der Fall eine willkommene Ablenkung von ihrer Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz. Mit ihrem Eiertanz rund um das Verbotsgesetz hatte sie die FPÖ einmal mehr ins rechte Eck gestellt. Auch die ÖVP fordert auf einmal gebetsmühlenartig hehren Qualitätsjournalismus und unverzerrte Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein. Kritiker befürchten, es gehe den Schwarzen nur um die Vormachtstellung auf dem Küniglberg. Nun schaltet sich auch der grüne Sicherheitssprecher Peter Pilz ein und erstattete am Montag Anzeige gegen unbekannt. Er habe den Verdacht, dass Polizeibeamte auf die Skinheads Druck ausübten und zur Falschaussage im Interesse der FPÖ zwangen. Der Fall hat aber auch eine andere Dimension als das politische Hickhack. Es geht dabei um die Frage: Was dürfen Journalisten – und was nicht? Wann legen sie Spuren, statt diesen nur zu folgen? Ist es legitim, einem jungen Rechtsradikalen Geld zu geben, damit er sich T-Shirts mit einschlägigen Sprüchen kauft? Die Aussagen der Skinheads und Falter-Recherchen lassen die Arbeitsmethoden des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in einem zweifelhaften Licht erscheinen. Dieser Bericht erschien als Cover-Geschichte im Falter 13/10 Am Küniglberg liegen die Nerven blank. Dem zuständigen Redakteur, Ed Moschitz, wird eine öffentliche Stellungnahme per Weisung untersagt. Nur in der „Zeit im Bild“ durfte er sprechen, um seine Arbeitsweise zu verteidigen. Kaum ein Mitarbeiter will zitiert werden. Sie alle wissen, dass viel auf dem Spiel steht: Für den ORF geht es um seine Glaubwürdigkeit als öffentlich-rechtlicher Sender. Für die „Schauplatz“-Redaktion um den hart erarbeiteten Ruf eines Teams, das für seine Sozialreportagen über die Jahre hinweg zu Recht mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Einer, der Stellung beziehen muss, ist Christian Schüller, Sendungsverantwortlicher vom „Schauplatz“. Er sitzt vergangenen Donnerstag müde in der ORF-Kantine. Die Anstrengungen der letzten Tage sind ihm anzusehen. Er sagt: „Die Kritik der FPÖ ist haltlos. Die Sendung wird die Vorwürfe klar widerlegen.“ Man könne noch so viele Bänder auswerten, auf keinem werde man die von Strache behaupteten Naziparolen finden. „Niemand wurde zu irgendwas gezwungen.“ Die ORF-Führung sprach bisher immer von je 100 Euro, die die beiden Skinheads für die Erlaubnis zum Filmen bekommen hätten. Laut Unternehmenssprecher Pius Strobl scheinen in der ORF-Buchhaltung keine weiteren Zahlungen auf. Die Skinheads widersprechen einander in Details, behaupten aber beide, es sei mehr Geld geflossen. Philipp sagt, es seien 100 Euro pro Drehtag gewesen. Wie Falter-Recherchen im ORF ergaben, dürften die jungen Männer jedenfalls mehr Geld als 200 Euro erhalten haben. 50 Euro bekam zum Beispiel Philipp – bevor er vor laufender Kamera einen rechtsradikalen Shop betrat. Von dem Geld kaufte sich der Skinhead eine Fahne und zwei T-Shirts. Eines davon ist das schwarze Leiberl mit der Aufschrift „Leben ist Kampf“, das er jetzt zuhause trägt. „Leben ist Kampf“ heißt auch ein Song aus dem rechtsradikalen Milieu. Ein Propagandafilm der Nationalsozialisten trug den Titel „Alles Leben ist Kampf“. Das Geld, das an die beiden Rechtsradikalen floss, wird von ORF-Vertretern das eine Mal als notwendiges Übel für eine heikle Recherche, das andere Mal als normales Vorgehen bezeichnet. Im „Club 2“ vergangenen Donnerstag holte Johannes Fischer, Chef der ORF-Magazine, einen Zettel heraus. Er las vor, dass nicht nur der ORF, sondern auch ZDF, NDR, das Schweizer Fernsehen und der Westdeutsche Rundfunk für die Abtretung von Persönlichkeitsrechten oder für etwaige Aufwandsentschädigungen Geld bezahlen würden. Beim Zuschauer konnte der Eindruck entstehen, als sei es auch bei den deutschen Kollegen das Normalste der Welt, dass Journalisten ihre Interviewpartner bezahlen. Das stimmt nicht. Natürlich gebe es beim ZDF Aufwandsentschädigungen, sagt Andreas Wunn, Chef vom Dienst der ZDF-Chefredaktion. Gefilmte bekämen manchmal Geld, wenn sie aufgrund eines Drehtermins nicht arbeiten könnten oder einen anderen Termin verpassten. „Grundsätzlich wird aber kein Geld an Protagonisten gezahlt“, sagt Wunn, der so renommierte Magazine wie „Frontal 21“, „ZDF Reporter“ und „ZDF Reportage“ mitverantwortet. Die Kollegen in Deutschland „Ich stelle die Situation nicht her, über die ich berichte“, sagt auch Harald Lüders, ein anderer Mitarbeiter des ZDF. Er leitet die Reportageredaktion in Mainz und will die Recherchemethoden des ORF nicht näher kommentieren – für seine eigene Redaktion stellt er jedoch klar: Geld für Neonazis kommt nicht infrage. „Da besteht die Gefahr, dass man Menschen motiviert, sich selbst zu produzieren“, erklärt er. Denn die Leute könnten durch Zahlungen zusätzlich bestrebt sein, der Kamera etwas Sehenswertes zu bieten. Wer trägt dann Schuld an einem Hitlergruß im Fernsehen? Derjenige, der die Hand zum Gruße hob? Oder jene Person, die zuvor Geld gegeben hat, um einen Rechtsradikalen vor die Kamera zu bekommen? Karlheinz Kopf, Mediensprecher der ÖVP, ortet jedenfalls journalistische Verfehlungen im ORF: „Mein Interesse richtet sich nicht so sehr darauf, ob der ‚Sieg Heil!‘-Ruf wirklich stattgefunden hat – das werden die Gerichte klären –, sondern darauf, ob die Burschen vom Redakteur täglich bezahlt, mit einschlägigen Utensilien ausgestattet und im Produktionsfahrzeug zu einer politischen Kundgebung gefahren wurden.“ Dann nämlich hätte die Redaktion aus einer Reportage fiktionales Programm gemacht und eindeutig Grenzen des journalistisch Erlaubten überschritten. In der Filmwissenschaft gibt es für Situationen, die erst durch den Journalisten selbst geschaffen werden, einen Fachausdruck: das Pseudoereignis. „Ein Pseudoereignis ist ein Geschehen, das ohne das Zutun oder den Ausblick auf ein Mediengeschehen nicht zustande gekommen wäre. ‚Falsche‘ oder ‚täuschende‘ Ereignisse also, die ohne die Anwesenheit von Medien niemals passiert wären.“ Absurderweise stammt dieses Zitat aus der Magisterarbeit von Ed Moschitz selbst, dem verantwortlichen Redakteur. Er hat seine Diplomarbeit dem Thema „Authentizität in realitätsnahen Fernsehformaten“ gewidmet, sich dort mit der Echtheit, Inszenierung und Manipulation von Reportagen auseinandergesetzt. Umso verwunderlicher ist seine eigene Recherchemethode. Eine zweifelhafte Bilanz Am 12. März fahren Moschitz und sein Filmteam die Skinheads auf deren Wunsch hin mit dem Auto nach Wiener Neustadt. Zuerst bringt der Redakteur die Rechtsradikalen zur Strache-Veranstaltung, dann tritt er an den FPÖ-Chef selbst heran und fragt: „Herr Strache, Verzeihung, warum haben die Rechtsradikalen bei Ihrer Ansprache so besonders gejubelt?“ Strache gibt an, keine Neonazis während seiner Rede wahrgenommen zu haben. Erst als er das Fernsehteam sieht, will er Naziparolen gehört haben und wirft Moschitz vor, ein „Agent provocateur“ zu sein. Und die Dinge nehmen ihren Lauf. Die Justiz wird noch einige Zeit damit zu tun haben, sämtliche Vorwürfe – haltlose wie berechtigte – zu überprüfen. Ein Gutachter wird feststellen, ob das ORF-Band tatsächlich manipuliert wurde, wie das Strache behauptet, oder ob die Naziparolen nie existiert haben, wie die Aussagen der Skinheads und von Moschitz nahelegen. Weiters wird gegen die Neonazis ermittelt, ob sie sich der Wiederbetätigung schuldig gemacht haben. Und bei der Exekutive wird nachgeforscht, ob Polizisten tatsächlich Amtsmissbrauch, Anstiftung zum Amtsmissbrauch oder Nötigung begangen haben. Doch schon jetzt ist klar, dass der ORF-„Schauplatz“ kein Glanzstück des freien Journalismus war – sondern eine fragwürdige Reportage, die den Küniglberg in Erklärungsnotstand brachte und das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erschütterte. Bedauerlich dabei ist, dass die ethische und juristische Debatte nun das eigentliche Thema überschattet: Hätte der „Schauplatz“ korrekt gearbeitet, hätte man die Skinheads nicht bezahlt und zu einer Jubelveranstaltung für Heinz-Christian Strache geführt, dann wären die 30 Minuten Reportage ein tolles journalistisches Lehrstück gewesen, das die Innensicht eines jungen Rechtsradikalen nachzeichnet und dem Zuseher erklärt, was einen 19-Jährigen heute dazu bewegt, Adolf Hitler anzuhimmeln und Strache-Veranstaltungen zu besuchen. Statt die Frage zu stellen, was das Bildungssystem, das Arbeitsamt oder der Staat dagegen tun können, streiten Politiker nun über Details einer Fernsehproduktion und tragen ihre Scharmützel aus. Übrig bleibt Philipp. Er sitzt in seiner Wohnung im Wiener Gemeindebau und erlebt gerade seine 15 Minuten zweifelhaften Ruhms. Job ist keiner in Sicht. Auch über die Gräuel des Zweiten Weltkriegs oder die Situation von Migranten in Österreich hat er in dieser Zeit nichts dazugelernt. Nur eines weiß er nun mit Sicherheit: „Ins Fernsehen will ich nach dieser Geschichte nie wieder.“ Das obige Foto zeigt Philipp R. / Credit: Heribert Corn Majestät, würdet Ihr Milde für Homosexuelle walten lassen?Tuesday, November 3. 2009 Nach jahrelangen Debatten hat das Justizministerium nun einen Entwurf zur Homo-Ehe erstellt. Dieser sieht aber keine festliche Trauung am Standesamt vor, schwule und lesbische Paare müssen auf das Magistrat oder die Bezirkshauptmannschaften. Die SPÖ strebt eine Ausnahmeregelung an: Bürgermeister sollen mit einem Antrag beim Landeshauptmann doch noch eine richtige Zeremonie ermöglichen. Was sagt aber der Kaiser dazu? Kabarettist Robert Palfrader alias Robert Heinrich I. antwortet.Eure Majestät, was haltet Ihr von der Idee, dass Männer Männer heiraten und Frauen Frauen? Grundsätzlich ist’s Uns wurscht, wer wen heiratet. Wenn sich jemand unglücklich machen und vor den Zug, der Ehe heißt, werfen will, bitte. Die ÖVP möchte nicht, dass gleichgeschlechtliche Paare am Standesamt heiraten können. Wäre das nicht schade um den Anlass? Da könnte man doch ein prunkvolles Fest veranstalten, mit Euch als Ehrengast, Majestät. Um den Anlass wär’s nicht schad, aber um das Fest auf jeden Fall. Es gibt die Idee einer Gnadenlösung durch den Landeshauptmann. Ist Euch das genehm? Da sieht man einmal, wie Landeshauptleute in diesem Land überschätzt werden. Es ist Uns nicht genehm. Wenn jemand Milde walten lassen kann, sind Wir das. Das tun Wir hiermit. Für immer. Für jeden. Und wenn Homosexuelle zu Euch kommen, wo wäret Ihr bereit, auch eine prachtvolle Zeremonie durchzuführen? Na, als dann! Wenn die Homosexuellen zum Ausgleich auch heterosexuelle Frauen mitbringen. Damit auch Wir etwas von dem Fest haben. Warum ist Eure Majestät so zurückhaltend, was die Ehe betrifft? Weil Wir mit Österreich verheiratet sind. Danke für die Audienz! Bitte, ganz prächtig. Wie alt ist Sie? Ich bin 24. Dann leider viel zu alt. Danke, auf Wiederhören. "Am Apparat" ist die Telefonkolumne des Falter. Dieses Interview ist im Falter 45/09 erschienen. Foto: ORF-Kundendienst Wie schaut das Fernsehen der Zukunft aus?Wednesday, September 16. 2009
ZDF-Intendant Markus Schächter über Promiformate, Bildungsauftrag und den schwierigen Fernsehmarkt
![]() ZDF-Intendant Schächter im "Club 2". Der 59-Jährige begann seine Rundfunkkarriere in den 70er-Jahren, seit 2002 leitet er nun das ZDF. Am 23. November erhält er den Emmy Directorate Award. Schächter habe das Zweite am wettbewerbsintensiven Fernsehmarkt exzellent positioniert, so die Begründung Falter: Herr Intendant, Marcel Reich-Ranicki lehnte im Herbst den Deutschen Fernsehpreis ab. Sie bezeichneten den Auftritt als „Sternstunde des Fernsehens“. Wie schlecht ist es denn um das Fernsehen bestellt? Markus Schächter: Ich bewertete Thomas Gottschalks hervorragend-elegantes Eingehen auf die schwierige Situation als „Sternstunde des Fernsehens“. Was das Fernsehen in Deutschland angeht, so sagen die Fachleute, dass es zu den besten der Welt zähle. Im November erhalte ich für die Performance des ZDF den Emmy-Award. Wir haben den kompetitivsten Fernsehmarkt in Europa. Da sind auch schlechte und katastrophale Sendungen dabei, aber auch außerordentlich viel Hochwertiges. Was wäre denn eine solche katastrophale Sendung? Schächter: Ein aktuelles Beispiel aus diesem Jahr ist „Erwachsen auf Probe“ von RTL. (Anm. der Red.: Bei der Sendung bekommen Teenagerpaare Babys anvertraut.) Welche intellektuellen Angebote muss ein öffentlich-rechtlicher Sender machen, um sich zu behaupten? Schächter: Wir wollen uns durch interessantes Programm unterscheiden. Aktuell haben wir gerade mit hochwertigen Dokumentationen große Erfolge. Mit „Terra X“ zum Beispiel oder der Dokumentarreihe „Die Deutschen“. Die Kunst besteht darin, dem Publikum nicht mit einer Oberlehrerattitüde gegenüberzutreten, sondern Informationen anschaulich zu vermitteln. Wenn ich historische Ereignisse als spannende Geschichten inszeniere, erreiche ich Menschen, die ein dickes Geschichtsbuch nicht zur Hand nehmen würden. Viele unserer Dokumentationen erreichen mehr Zuschauer als Unterhaltungsshows. Der ORF warb nun den Societyberichterstatter Dominic Heinzl vom Privatsender ATV ab. Aber hat so ein Format überhaupt Platz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Schächter: Auch wir haben mit „Leute heute“ ein Promiformat im Programm. Boulevardthemen sind Teil unserer Gesellschaft, warum sollten wir sie ignorieren? Wichtig ist, dass man mit der gebotenen journalistischen Distanz an diese Themen herangeht und sie auch insgesamt angemessen gewichtet, das heißt nicht überbetont. Läuft der ORF Gefahr, sich mit seinem starken Entertainmentprogramm und den dazugekauften US-Serien in eine Privatisierungsdebatte zu manövrieren? Schächter: Der ORF hatte immer den Vorteil, über zwei Kanäle zu verfügen, mit denen er unterschiedliche Zuschauergruppen erreichen kann. Darum habe ich ihn immer beneidet. In seinem Senderverbund zeigt der ORF eines der dichtesten Kulturangebote Europas, auch in seinen Anstrengungen auf 3sat. Komplementär muss es aber auch Unterhaltung geben. Ein Wort zu den amerikanischen Serien: Bei uns in Deutschland zerreißt sich das Feuilleton das Maul, weil wir, ARD und ZDF, zu wenig von diesem neuen Format hätten! Was nun? Im ZDF messen Sie ja jetzt auch den Public Value. Wie funktioniert das? Schächter: Die Maßeinheit dafür ist noch nicht entdeckt. Aber in der Tat haben wir den „3-Stufen-Test“. Bei neuen Telemedienangeboten müssen wir unserem Kontrollgremium, dem ZDF-Fernsehrat, ausführliche Konzepte vorlegen und diese auch veröffentlichen. Dritte können Stellungnahmen abgeben. Es gibt ein unabhängiges Gutachten über die Auswirkungen auf den Wettbewerb. Schließlich wird abgewogen, welche publizistische Relevanz das Angebot hat und ob es finanzierbar ist. Was zählt denn zu den sogenannten „Telemedienangeboten“? Schächter: Das ist ein Begriff aus dem Staatsvertrag. Gemeint sind alle Onlineangebote und der Teletext. Die EU hat Ihnen diese Auflagen für Webinhalte gegeben. Mischt sich die Union da zu sehr ein? Schächter: Der 3-Stufen-Test ist Ergebnis eines politischen Kompromisses zwischen Brüssel und den deutschen Ländern, die Träger des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind. Das Verfahren ist nicht zu beanstanden. Gehört das Internet überhaupt noch zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks? Schächter: Selbstverständlich. Sowohl die EU wie auch das Bundesverfassungsgericht haben eindeutig bestätigt, dass unser Programmauftrag technologieneutral ist. Das schließt den Onlinebereich ein. Sie dämmen nun ihr hauseigenes Onlineangebot um 70 Prozent ein, weil das der neue Rundfunkstaatsvertrag verlangt. Was bleibt denn dann noch online übrig? Schächter: 30 Prozent. Nein, im Ernst, es ist in der Tat so, dass am Ende des 3-Stufen-Tests viele ältere Angebote nach einem Jahr aus dem Netz verschwunden sein müssen. Das ist schade für die Zuschauer, die dann ältere Sendungen oder begleitende Informationen nicht mehr finden werden. Wenn Zuseher künftig alles auf Abruf im Web ansehen können, warum sollte sich dann noch jemand vor den Fernseher hocken? Schächter: Das entspannte Fernsehen, zurückgelehnt im Wohnzimmer mit der Fernbedienung in der Hand, wird noch sehr lange einen großen Anteil der Nutzung ausmachen. Ich muss dabei nicht entscheiden, welches Genre ich gerade sehen will, sondern lasse mich einfach von einem der Programme fesseln. Aber der Anteil der zeitversetzten Nutzung wird zunehmen. Das Publikum wird souverän in seiner Mediennutzung. Wird sich in fünf oder zehn Jahren überhaupt noch jemand vor den Fernseher setzen, um gezielt eine Ausstrahlung anzusehen? Schächter: Ja, sehr viele Menschen werden wichtige Ereignisse, Weltmeisterschaften, Olympische Spiele, Shows wie „Wetten, dass …?“ noch immer zeitgleich im Fernsehen verfolgen, eben weil es live ist. Auch Sie spüren politischen Druck. Die Unionsparteien wollen Ihren Chefredakteur, Nikolaus Brender, austauschen. Bleiben Sie dabei, dass Brender Ihr Kandidat ist? Schächter: Ja. In Deutschland gibt es den Fall Brender. In Österreich wurde ein neues ORF-Gesetz angedacht, das den Einfluss der Regierung massiv ausgeweitet hätte. Gibt es eine Tendenz, dass die Politik wieder vermehrt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mitsprechen will? Schächter: Dass die Politik Einfluss nehmen möchte, gehört zu ihrem Wesen. Es gibt in unserer Rundfunkordnung aber klare Regeln und Instanzen. Besorgte Medienbeobachter fordern nun zum Beispiel, dass in ein neues ORF-Gesetz dezidiert die politische Unabhängigkeit des ORF hineingeschrieben wird. Ist das eine kluge Idee? Schächter: Ich habe nicht öffentlich zu beurteilen, was medienpolitisch in Ihrem Land klug wäre und was nicht. Sinkende Quoten, fallende Werbeeinnahmen und rund 100 Millionen Euro Verlust im Vorjahr: Wie ernst ist die Situation des ORF? Schächter: Alle Fernsehsysteme in Europa haben eine schwere Zeit. Wir hatten massive Werbeeinbrüche Mitte der 90er-Jahre, als die kommerziellen Sender in Deutschland ihren Höhenflug begannen. Wir haben damals drastische Sparprogramme aufgelegt und uns intern umstrukturiert. Heute stehen wir wieder stabil in der Landschaft. Auch der ORF konkurriert mit deutschen Privatsendern. Diese ziehen mit ihren Regionalfenstern österreichische Werbegelder ab, ohne genuin österreichisches Programm anzubieten. Sehen Sie das als Problem für den österreichischen Fernsehmarkt? Schächter: Märkte verändern sich. Und sie sind, wie man derzeit sieht, extrem konjunkturabhängig. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Medienpolitik in Österreich müssen angesichts der Lage neue Finanzierungswege finden. Was könnte ein solcher Weg sein? Höhere Rundfunkgebühren? Schächter: Ich bin ZDF-Intendant, kein medienpolitischer Berater. Dieses Interview ist im Falter 38/09 veröffentlicht. Foto: Screenshot aus "Club 2" Das Publikum hat immer Unrecht. Im Kopf von Wolfgang LorenzTuesday, November 11. 2008Weiterführendes - Heinz Wittenbrink hat übrigens einen sehr guten Blogeintrag dazu verfasst, wie nun langsam eine verlinkte Öffentlichkeit in Österreich entsteht. - Fan werden vom Lorenz-Sager! Auf Facebook Ins Netz gehen oder doch lieber "Mitten im 8en" schauen? Hier eine Entscheidungshilfe von Rolf Rüdiger: Die obige Glosse ist im Falter 46/08 erschienen.
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