Mit 171 km/h macht das Autofahren erst richtig Spaß!Thursday, September 2. 2010 Brumm, brumm! Hier kommt Ferry Maier, Verkehrssprecher der ÖVP und Schutzpatron der Möchtegern-Schumis. Er setzt sich dafür ein, dass Raser keine ernsten Strafen fürchten müssen, bloß weil sie 41 Stundenkilometer über dem Tempolimit fahren. „Es muss einen Unterschied geben zwischen einem Lenker, der auf einer engen Bundesstraße um 41 km/h zu schnell fährt und einem Autofahrer, der auf einer dreispurigen Autobahn allein zu schnell unterwegs ist“, sagt er zur Presse. Die SPÖ will hingegen solche Rowdys stärker bestrafen, bei mehrfachen Vergehen wäre sogar der Führerschein weg. Das kann Ferry „Ferrari“ Maier nicht tolerieren. 171 Sachen auf der Autobahn, 91 km/h im Stadtgebiet und 71 Stundenkilometer neben der Bushaltestelle, wo Kinder über die Straße gehen, sind doch keine Geschwindigkeit!Diese Glosse ist im Falter 35/10 erschienen. Bild: Flickr-User ZeroOne Ein Pirat erzählt von seinem TagwerkWednesday, September 1. 2010
Peter Sunde droht ein Jahr Haft, weil er mit seinem Download-Portal Pirate Bay einen Millionenschaden verursacht haben soll. Nun plant er den nächsten Coup
Für die einen ist er ein Verbrecher, ein Dieb. Für die anderen ein Held und Vordenker des Internets. Der 31-jährige Schwede Peter Sunde ist einer der Gründer der Website The Pirate Bay. Sie ermöglicht Usern, Filme, Serien oder Musik runterzuladen, ohne einen Cent dafür zu zahlen. In einem Gerichtsverfahren, das international Aufmerksamkeit erhielt, wurden Sunde und seine drei Kollegen in Schweden zu einem Jahr Haft und 2,7 Millionen Euro Schadenersatz verurteilt – das Urteil ist nicht rechtskräftig.Sunde sagt, er lasse sich davon nicht beirren, er kämpfe gegen das Urteil an und ist sich keiner Schuld bewusst. Nun will er ein zweites Mal das Web auf den Kopf stellen und hat den Bezahldienst Flattr gestartet. Bei diesem können User kleine Beträge an Blogs oder Webdienste spenden. Über sein neues Projekt, faire Bezahlung im Netz und über seine Vorstellung des Urheberrechts wird Sunde am Donnerstag in Wien diskutieren. Schon vorab hat sein Besuch für Aufregung gesorgt: Der geladene Vertreter der Film- und Musikindustrie hat seine Teilnahme an der Veranstaltung abgesagt. Falter: Herr Sunde, Sie sind laut Gericht Komplize bei unzähligen Urheberrechtsverletzungen. Deswegen will Werner Müller von der Musik- und Filmindustrie nicht mit Ihnen auf einem Podium sitzen und diskutieren. Was antworten Sie ihm? Peter Sunde: Er hat abgesagt, weil er es wahrscheinlich schwer hätte, diese Diskussion mit mir zu gewinnen. Ich bin auf der Seite des Volkes, er ist auf der Seite des Geldes. Das ist wohl der Grund. Herr Müller sieht das anders. Er will nicht mit einem „strafrechtlich verurteilten“ Piraten reden. Sie wurden immerhin zu einem Jahr Haft verurteilt. Sunde: Dieses Urteil ist nicht rechtskräftig. Bevor es kein rechtskräftiges Urteil gibt, bin ich ebenso wenig verurteilt wie Herr Müller. Wir haben das erstinstanzliche Urteil angefochten, und ich bin mir sicher, dass wir das Verfahren gewinnen werden. Wenn nicht in zweiter Instanz, dann höchstgerichtlich. Bevor wir The Pirate Bay starteten, haben wir uns rechtlich schlau gemacht. Es gibt einige ähnliche Fälle in Schweden, wo kein Rechtsverstoß festgestellt wurde. Viele Musiker oder Filmstudios darben dahin, während potenzielle Kunden Raubkopien downloaden und nichts zahlen. Auch mithilfe der Pirate Bay. Das soll fair sein? Sunde: Alle Studien zeigen: Wenn Menschen downloaden, entwickeln sie ein stärkeres Interesse für Musik und Filme. Sie geben mehr Geld für Kultur aus. Und es gibt viele Künstler, die anfangs ihre Musik gratis anbieten, damit sie bekannter werden und daraufhin Geld verdienen. Viele Musiker stellen ihre Lieder aber ganz bewusst nicht gratis ins Internet. Das passiert ohne deren Zustimmung. Sunde: In aller Fairness: Das wird man nicht stoppen können. So funktioniert das Internet nun mal, so sind wir Menschen. Ich habe von meinen Freunden immer Musik kopiert, auch als es nur Kassetten gab. Kopieren ist Teil der menschlichen Natur. Wer den Austausch im Internet stoppen will, müsste alles abdrehen und nur noch einzelne Dienste zulassen, die rund um die Uhr überwacht werden. Wieso das denn? Sunde: Ein freies Internet bedeutet, dass niemand die Webaktivitäten überwachen kann. Wenn man den Datenaustausch verhindern will, muss man das gesamte Internet permanent kontrollieren. Filesharing findet auf unterschiedliche Weise statt, nicht nur über BitTorrent- oder FTP-Dienste. Wenn Sie nur eine Art der Technologie sperren, funktioniert das nicht. Dann wechseln wir einfach zu anderen Technologien. Entweder Sie haben ein offenes Internet oder ein Netzwerk, das totalitär kontrolliert wird. Wollen Sie also das Urheberrecht zur Gänze abschaffen? Sunde: Darum geht es gar nicht. Das Urheberrecht soll an die heutige Welt angeglichen werden. Die Leute reden nur ungern über Urheberrecht, weil das so ein sprödes Thema ist. Das führt dazu, dass die großen Konzerne aufmarschieren und ihre Bedingungen diktieren können. Am Ende werden die Leute verarscht. Beim Copyright sollte es aber in erster Linie darum gehen, was gut für die Gesellschaft ist, und erst in zweiter Linie um die Firmen. Sie reden von „großen Konzernen“, die die Leute „verarschen“. Es ist doch völlig legitim, dass Mitarbeiter einer Plattenfirma auch Geld verdienen wollen. Sunde: Ich rede auch nicht von den Arbeitern in den guten Firmen. Die sollten ein Einkommen haben. Das ist nicht das Problem. Die Situation ist unfair. In Schweden gibt es vier große Plattenfirmen. Wenn man einen Song herausbringen will, muss man mit ihnen einen Vertrag abschließen, seine Seele verkaufen und 95 Prozent aller Einnahmen abgeben. Das sind Sklavenverträge. Die Leute, die tatsächlich etwas kreieren, verdienen nicht an der Musik. Sie verdienen ihr Geld auf anderem Weg. Zum Beispiel mit Konzerten. Und was wäre Ihre Lösung für dieses „Sklavensystem“, von dem Sie sprechen? Sunde: Wir hören andauernd, wie viel Geld die Tonträgerindustrie verliert. Aber sie verliert nicht tatsächlich Geld, sie macht nur weniger Gewinn. Wir sollten nicht mehr darüber reden, wie die Geld machen können. Wir sollten lieber darüber reden, wie sich mehr und mehr Menschen an Kultur oder an Musik beteiligen können. Nun haben Sie Flattr gegründet. Dort spendet man kleine Beiträge an Blogger oder Onlinezeitungen. Wollen Sie so die Leute stärker involvieren? Sunde: Ja, denn jeder beteiligt sich gern an etwas, was er mag. Wenn man auf ein Konzert geht, kauft man das T-Shirt. Nicht weil das T-Shirt so toll aussieht, sondern weil es ein Symbol ist, wofür man steht. Ich glaube, mit Flattr ist das ähnlich. Man zeigt jemandem, dass man ihn mag, indem man ihm „flattert“. Im Wesentlichen ist das der Grund, warum Flattr funktionieren könnte. Es spricht das menschliche Bedürfnis an, an Dingen teilzuhaben. Es ist eine der Erkenntnisse der Pirate Bay, dass im Internet niemand für Inhalte zahlt, weil es keine simplen und fairen Bezahlmodelle gibt. Bei all den Unmengen an Information lässt sich nur noch schwer ein Preis festsetzen. Die großen Firmen verlangen Summen, die die Leute nicht zahlen. Der Konsument soll also selbst entscheiden, was ihm Inhalte wert sind? Und das soll funktionieren? Sunde: Ja, wir können längst nicht mehr für alle Informationen zahlen, die wir konsumieren wollen oder müssen. Deswegen müssen wir den Wert von Information überdenken. Im Netz ist zwar alles frei erhältlich, darum ist das Internet so mächtig. Trotzdem kann man Lösungen finden, um weiterhin Geld zu verdienen. Ihre Lösung lautet? Sunde: Sie zahlen im Monat einen kleinen Betrag, mindestens zwei Euro, bei uns ein. Dann gehen Sie ins Internet, wenn Sie einen Eintrag mit einem Flattr-Knopf finden, können Sie darauf klicken. Am Ende des Monats rechnen wir aus, auf wie viele Knöpfe Sie gedrückt haben, und teilen das Geld dann gleichmäßig auf. Das Geld kann an jene gehen, die ein Video erstellt haben, die einen Artikel in einer Onlinezeitung, einen Blogeintrag oder sogar einen Kommentar auf einen Blogeintrag geschrieben haben. Die Idee ist: Jeder kann auf seiner Webseite den Flattr-Knopf anbringen. Und jeder, der sich bei Flattr registriert, kann Geld hergeben und empfangen. Und zehn Prozent aller Transaktionen gehen an Sie. Sunde: Das sind die Betriebskosten für Flattr, unsere Mitarbeiter und Server kosten Geld. Aber wir möchten diese Provision herabsetzen. Wir fangen mit zehn Prozent an und senken es mit der Zeit, zum Beispiel auf fünf Prozent. Das ist psychologisch besser, als mit zwei Prozent anzufangen und dann auf fünf Prozent zu gehen. Welche Webseiten machen da mit? Sunde: Noch sind wir in einer Testphase, großteils sind es Blogs. Aber auch einige größere Webangebote machen mit. Zum Beispiel die deutschen Zeitungen taz und der Freitag, oder Wikileaks. Bei hunderttausenden Online-Angeboten können Sie bereits den Flattr-Knopf drücken. Und unsere Mitglieder werden immer mehr. Im Moment haben wir ungefähr 30.000 User. Die taz nahm im Juli 1420 Euro über Flattr ein. Davon kann doch keine Zeitung leben. Sunde: Flattr wurde nicht für große Firmen konzipiert, die etliche Mitarbeiter anstellen. Es geht vielmehr um normale Leute und kleine Organisationen. Der deutsche Podcaster Tim Pritlove hat im Juli mehr als 1000 Euro eingenommen. Für eine einzelne Person ist das viel Geld. Aber es geht nicht nur ums Finanzielle, sondern auch um die Wertschätzung. Die Leute bekommen Anerkennung. Blogger sollen davon leben können? Sunde: Das Modell der Zukunft ist wohl, dass es viele Modelle geben wird. Wer Geld machen will, muss verschiedene Einnahmequellen finden. Da gibt es noch einen ganz anderen Trend: Immer mehr Zeitungen wollen ihre Onlinenachrichten nicht mehr herschenken. Rupert Murdoch verlangt etwa ein Pfund für den Zugang zur Webseite der Times. Sunde: Er unterschätzt dabei den Wettbewerb. Ich finde das sogar ein bisschen arrogant. Den Leuten ist die Zeitungsinformation nicht mehr so viel wert. Wahrscheinlich werden die treuen Leser anfangs Geld zahlen und sich am Ende aufregen, weil es das anderswo gratis gibt. Ich glaube, die Times wird dadurch Leser und letztlich ihre Marktposition verlieren. Das ist eine kurzsichtige Strategie, besser wäre es, einen Weg zu finden, dass jeder für alles zahlt. Zum Beispiel eine Art freiwillige Steuer. Inhalte einzusperren, das funktioniert im Internet nicht. Nehmen wir an, der Konsument kann selbst den Preis festlegen. Dann konsumieren die Leute vielleicht mehr und mehr, zahlen aber weniger und weniger. Sunde: Die meisten, die mit dem Internet aufwuchsen, zahlen schon heute nichts mehr. Bei steigendem Wettbewerb fallen normalerweise die Preise. Im Internet fiel der Preis sogar auf null. Mit dieser Lösung würden die Einnahmen wieder steigen, weniger als null kann es nicht sein. Meinen Sie das ernst: Man soll froh sein, dass man Krümel verdient, weil es könnte noch weniger sein? Sunde: Nein, es geht nicht nur um ein bisschen Geld. All die kleinen Beträge werden sich insgesamt zu einer riesigen Summe addieren. Die Menschen geben auch immer mehr Geld aus, nur kaufen sie damit physische Dinge wie Gewand, Handys oder Konzerttickets. Wir müssen Wege finden, dass sie einen Teil ihres Geldes ins Internet stecken. Ein Zeitungssterben ist schon heute zu bemerken – was nützt es, wenn alle fleißig flattern, aber nur ein paar Cent spenden? Sunde: Dieses Zeitungssterben kommt sowieso, das gehört zum technologischen Wandel dazu. Viele Zeitungen sollten tatsächlich sterben, weil sie nicht mehr in die heutige Ordnung passen. Man kann nicht wie Murdoch sagen: „So stelle ich mir die Welt vor.“ Diese Macht hat er nicht mehr, sie wurde ihm weggenommen und den Leuten zurückgegeben. Er muss sich an seine Leser anpassen, nicht umgekehrt. Das bringt der technologische Wandel mit sich. In Schweden sind heute die meisten Zeitungen gratis, weil die U-Bahn-Zeitung plötzlich gratis auflag. Das Internet hat dazu geführt, dass jeder selbst kreativ werden kann. Jeder kann sein Wort verbreiten. Ich glaube, dass Blogs künftig einflussreicher und fachkundiger werden. Und dann bleiben uns nur noch ganz wenige Zeitungen und noch weniger Journalisten, die anständig recherchieren. Soll so das Ergebnis ausschauen? Sunde: Ich bezweifle Ihre Prognose. Es ist doch offensichtlich, dass die Leute bereit sind zu zahlen. Wir zahlen zum Beispiel Steuern. Ich selbst bin ein großer Fan des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, weil es wahrscheinlich das beste Instrument zur Wahrheitsfindung ist. Bezahlinhalte wie jene von Murdoch sind hingegen unausgewogen, sie berücksichtigen das politische Interesse ihres Eigentümers. Vielleicht sollten wir weniger übers Geldverdienen nachdenken und mehr darüber, wer dieses Geld verdient. Zur Person Peter Sunde gründete gemeinsam mit Gottfrid Svartholm und Fredrik Neij die Pirate Bay. Er wurde wegen Mithilfe zu Copyright-Verletzung erstinstanzlich verurteilt, das Urteil ist nicht rechtskräftig. Heuer startete er den Bezahldienst Flattr. The Pirate Bay startete 2003 und ist eine der populärsten Anlaufstellen für Internetpiraten. Sie funktioniert wie eine Suchmaschine, über die Downloader Zugang zu urheberrechtlich geschützten Filmen und Musik erhalten Flattr wurde heuer gestartet und ist ein sogenannter „Micropayment“-Dienst. User zahlen Beträge ein und können Geld an Blogger oder andere Onlineangebote spenden. Peter Sunde und Linus Olsson gründeten den Dienst, noch befindet er sich in einer Testphase Die Diskussion Die Grünen veranstalten das Sommergespräch „Kunst im digitalen Zeitalter“. Am Podium sitzen der grüne Nationalratsabgeordnete Wolfgang Zinggl, DJane Electric Indigo, die grüne Europaparlamentarierin Eva Lichtenberger und Peter Sunde. Die Veranstaltung ist auf Englisch, Eintritt gratis Do., 19.8., 19 Uhr im Museumsquartier Hof 8 Dieses Interview ist im Falter 33/10 erschienen. Diese Kolumne wurde in Ausgabe 33/10 veröffentlicht. Bild: Josephine Olsson (Kopimi Lizenz) Apples SklavenWednesday, August 11. 2010
PC, Laptop, iPhone: Wie viel Ausbeutung steckt in unseren schicken Computern?
Unter den Fenstern der Computerfabrik im südchinesischen Shenzhen sind Netze aufgespannt. Gelbe Netze, die Herabstürzende auffangen sollen. Junge Arbeiter sind hier aus dem Fenster gesprungen, weil sie den Tod diesem Leben vorzogen. Sie hatten zuvor in Zwölf-Stunden-Schichten gearbeitet, Überstunden gemacht, Drill und strenge Disziplinierungsmaßnahmen ertragen. Am Monatsende hatte es bei höchster Anstrengung 230 Euro gegeben.In der chinesischen Stadt Shenzhen steht der größte Fabrikskomplex der Welt mit mehr als 300.000 Mitarbeitern. Die taiwanesische Firma Foxconn stellt hier für Apple, Dell und Hewlett Packard Computer her. Heuer brachten sich zehn Mitarbeiter in Shenzhen um und drei weitere aus anderen Foxconn-Fabriken in China. Sie sprangen in den Tod. Seither gibt es die Netze. Und internationale Aufmerksamkeit entstand, unter welchen Bedingungen Computer hergestellt werden. Die Hightech-Branche ist zu einer Billiglohnindustrie verkommen. Die Konsumenten geben viel Geld für den schicken Laptop oder das neueste Kultprodukt der Marke Apple aus. Was aber die wenigsten wissen: In den Fabriken, die Mikrochips, Prozessoren, Tastaturen oder Touchscreens herstellen, ist die Bezahlung schlecht, die Belastung hoch, und manchmal kommt es sogar vor, dass Mitarbeiter vergiftet werden, weil sie mit toxischen Substanzen in Kontakt kommen. Unter solchen Umständen entstehen die Geräte, nach denen wir gieren und die wir stolz dem Freundeskreis präsentieren, die wir auf unseren Schreibtisch stellen oder sogar in den Urlaub mitnehmen. Sie machen etliche Überstunden Die Produktion findet großteils in Ländern wie China statt, wo es theoretisch zwar ein Arbeitsrecht gibt, das in der Praxis aber nicht kontrolliert wird; oder in Malaysia, wo es bisher weder einen Mindestlohn noch eine Gewerkschaft in der Elektronikbranche gibt. Das System der Computerherstellung ist darauf ausgerichtet, dass am untersten Ende, am Fließband, billige Arbeitskräfte stehen. Die Arbeiter müssen stundenlang hochkonzentriert monotone Tätigkeiten verrichten. Trotz der starken Belastung haben sie ein miserables Einkommen. In den großen Hallen arbeiten jene, denen wenig Wahl am Arbeitsmarkt bleibt. In China sind das hauptsächlich junge Frauen vom Land, die keine Ausbildung haben; in Malaysia häufig Migranten aus Nepal, Indonesien oder Kambodscha. Foxconn behauptet, die Selbstmorde hätten nichts mit den Arbeitsbedingungen zu tun, die Familien der Verstorbenen sehen das anders. Überstunden, Stress, Drill gehören zum Alltag. Foxconn ist exemplarisch für die Branche. Ohne Überstunden verdienen die Mitarbeiter im Monat 1200 Yuan, umgerechnet 130 Euro. Vor den Selbstmorden und den Protesten in China waren es noch 110 Euro. Dieses Grundgehalt ist bewusst niedrig. Die Mitarbeiter machen Überstunden, um es aufzubessern. Viele Arbeiter verlassen nur selten das Fabriksgelände. Denn sie leben in den fabrikseigenen Wohnheimen, wo oft zehn Menschen in einem Zimmer schlafen, und essen die Menüs in der Kantine, um Geld zu sparen. Mit 130 Euro lässt sich auch in der teuren Stadt Shenzhen nicht wirklich leben. „Wir sehen durchaus Verbesserungen. Aber wir sehen keine substanzielle Veränderung“, meint Debby Chan von Sacom, der Non-Profit-Organisation Students and Scholars Against Corporate Misbehavior. Chan führt regelmäßig Gespräche mit den Menschen in den Fabriken durch. Auch nach der Gehaltserhöhung klagen sie über die Arbeitsbelastung und den Drill. Auf dem Fabriksgelände dürfen Arbeiter nur in Zweierreihen marschieren. Drei Menschen nebeneinander sind verboten. In manchen Produktionsbereichen, so wird berichtet, gibt es vorgeschriebene Zeiten, wann man auf die Toilette gehen darf. Normalerweise haben die Arbeiter alle zwei Stunden eine Zehn-Minuten-Pause. Wenn die Produktion aber im Rückstand ist, wird diese mitunter gestrichen. 47 vergiftete Mitarbeiter Es wäre jedoch unfair, Foxconn als schwarzes Schaf der Branche darzustellen. Die Computerindustrie hat sich insgesamt gewandelt. In den 80er-Jahren produzierten Konzerne wie IBM noch unter ihrem eigenen Dach. Schritt für Schritt wanderte die Produktion dann in den ärmeren Süden oder den ärmeren Osten. Von den USA nach Mexiko, von West- nach Osteuropa. Nach der New-Economy-Pleite zu Beginn der Nullerjahre verlagerten sich die Produktionsstätten vermehrt nach Asien. Dort haben Firmen wie Foxconn aus Taiwan, Flextronics aus Singapur oder Jabil aus den USA ihre Fabriken errichtet. Jedes zweite Notebook kommt heute aus China, viele Festplatten aus Thailand, viele Computerchips aus Malaysia. Wer die Laptops und PCs am billigsten herstellt, bekommt die Aufträge der großen Elektronikmarken. „Hightech-Sweatshops“ nennt Sarah Bormann von der deutschen Organisation WEED das. Der Name täuscht. Sweatshops werden oft für überfüllte, dunkle, dreckige Fabrikshallen gehalten. Das ist in der IT-Branche nicht so, hier muss es auch aus Qualitätsgründen sauber sein. In den großen Hallen schaut es deswegen gepflegt aus. „Auf den ersten Blick sieht man keinen Unterschied zu den Firmen in Industrieländern“, meint auch Bormann, die einige Standorte besucht hat. In den Hightech-Sweatshops müssen keine Menschen verhungern, weil sie sich nicht einmal das tägliche Brot leisten können. Hier wird niemand gezwungen, am Fließband zu stehen. Das Problem ist vielmehr, dass die Arbeiter an den Rand ihres Leistungsvermögens gebracht werden. Woche für Woche machen sie bis zur Erschöpfung Überstunden, weil die Bezahlung so schlecht ist. Die unabhängigen Beobachter hören immer dieselben Klagen von Mitarbeitern, die stundenlang am Fließband stehen: „Ich arbeite wie eine Maschine und mein Gehirn ist eingerostet“; „ich fühle mich leer“; „das Leben ist bedeutungslos“. Es hat einen Grund, warum es in Europa strenge Auflagen zur Fabriksarbeit gibt. Körperliche und geistige Erschöpfung ist nicht die einzige Schattenseite. Bei der Herstellung eines Computers werden toxische Substanzen verwendet. Im Vorjahr musste die Firma Wintek eingestehen, dass 47 chinesische Mitarbeiter vergiftet wurden. Sie hatten die Bildschirme des iPhone mit der giftigen Substanz N-Hexan gereinigt. Es verursacht Nervenschäden. Viele Arbeiter fühlten, wie die Kraft aus ihren Beinen wich, sie das Gefühl in den Fingern verloren. Sacom berichtet sogar von einem Mitarbeiter, der neun Monate im Krankenhaus lag. So reagierte Apple bisher „Von Apple kam bis heute keine Reaktion“, sagt Debby Chan. Für sie ist der Konzern aus Kalifornien ein wahres Feindbild. „Die allerwenigsten Rückmeldungen kommen von Apple“, sagt sie. Als die Selbstmorde in Shenzhen bekannt wurden, sprang Firmenboss Steve Jobs sogar Foxconn zur Seite. Man würde sich die Arbeitsbedingungen zwar gründlich ansehen, eines sei aber sicher: „Foxconn ist kein Sweatshop.“ Und dann relativierte er die Bedeutung der Suizidserie, indem er darauf verwies, dass rein statistisch sogar die USA eine höhere Selbstmordrate hätten. Das Dilemma daran: Auch andere Firmen lassen ihre Geräte bei Foxconn, Wintek und Co herstellen. „Ich kann keine Kaufempfehlung aussprechen“, sagt Sarah Bormann von Weed. Anders als bei Kleidung oder Nahrungsmitteln gibt es noch keinen Computer, von dem sich behaupten ließe, er sei fair produziert worden. Meist ist nicht einmal nachvollziehbar, aus welchen Fabriken die tausend Einzelteile der Hightech-Geräte kommen. Über dieses Thema reden die Markenfirmen nicht so gern. Damit machen es sich die Companys aber zu einfach. Denn Firmen wie Dell, Apple und Hewlett Packard kaufen längst nicht nur Einzelteile ein. Mittlerweile lagern sie den gesamten Produktionsprozess aus. Das Design mag dann noch von diesen Firmen stammen, die gesamte Herstellung, von der ersten Lötung bis zur letzten Schraube, findet bei sogenannten „Kontraktfertigern“ statt. Die liefern 100.000 verkaufsfertige Laptops oder Tablet-PCs nach Europa. Deswegen steht zum Beispiel auf der Rückseite des iPhone in winzigen Buchstaben: „Designed by Apple in California. Assembled in China.“ Rein rechtlich ist Foxconn nur ein Geschäftspartner von Apple. De facto ist das Unternehmen aber der wirkliche Produzent des iPhone. Wenn wir in Europa besonders viele Apple-Handys bestellen, heißt das, dass im Werk in Shenzhen besonders viele Überstunden geschoben werden müssen. Die Arbeiter wehren sich So funktioniert der globale Handel heutzutage, in der Kleidungsbranche ist das längst bekannt. Nur von der IT-Branche hatten bisher viele keine Ahnung. „Ihr sauberes Image bröckelt“, sagt Sarah Bormann. Die Selbstmorde haben in China eine Streikwelle ausgelöst. Foxconn hat daraufhin die Löhne angehoben. Bedeutsam sind diese Proteste aber, weil die chinesischen Arbeiter endlich ihre Stimme erhoben haben. In einem Land, wo es keine unabhängigen Gewerkschaften und Arbeitnehmerschutz nur auf dem Papier gibt, braucht es Druck von innen. Ebenso in Malaysia, wo derzeit eine Gewerkschaft für den Computersektor entsteht. Damit sich in der Branche wirklich etwas ändert, muss aber auch Druck von außen kommen. Deswegen wurde die europäische Kampagne „Procure IT Fair“ gestartet. Sie will öffentliche Einrichtungen dazu motivieren, mehr Verantwortung von den Computerfirmen einzufordern. Der einzelne Konsument ist machtlos. Aber wenn Ministerien, Universitäten und Kommunen ihre Computer auch nach sozialen Kriterien wählen, steigt der Druck auf die Hersteller. Derzeit läuft Apple zum Beispiel Gefahr, zum Buhmann der Branche zu werden. Es ist aber sicherlich noch ein langer Weg, bis der erste vollkommen fair produzierte PC vom Band läuft. In der Zwischenzeit hängen noch die gelben Netze vor der Fabrik in Shenzhen. ------------ Online-Petition ------------ Die europäische Kampagne „Procure IT Fair“ will auf die unfairen Arbeitsbedingungen in den IT-Fabriken hinweisen und öffentliche Einrichtungen auffordern, Druck auf die Hersteller auszuüben. Zu den Organisatoren der Kampagne zählen NGOs wie Weed aus Deutschland oder Südwind aus Österreich. Infos und eine Unterschriftenliste gibt es zum Beispiel unter www.clean-it.at Dieser Bericht ist im Falter Falter 32/10 erschienen. Bild: Sacom Ahoi, Piraten! Nun findet die Generalprobe für die Nationalratswahl stattWednesday, August 11. 2010Vor dem Eingang des Lokals hängt die Flagge mit dem Totenkopf. Drinnen sitzt gut ein Dutzend Parteimitglieder, fast ausschließlich Männer. Sie sprechen über Werbemittel, Flyer, Infostände und haben eine große Aufgabe vor sich: Die Kleinpartei muss in jedem der 18 Wahlkreise 100 Unterstützungserklärungen sammeln, um für den Gemeinderat kandidieren zu dürfen. „Wir gehen es koordiniert an und ich bin guter Dinge“, meint Christian Marin vom Landesvorstand. Seiner Bewegung geht es um die Freiheit im Internet, die Legalisierung des Downloadens und den Schutz der Privatsphäre. Oder, wie Marin das sagt: „Unser Schwerpunkt ist die Welt der Daten, die von den anderen Parteien negiert wird.“ Der Pirat sieht die Schlacht um Wien als Generalprobe für die Nationalratswahl. Dass man seine Bewegung nicht einfach belächeln sollte, zeigt das Beispiel Schweden: Die skandinavische Piratenpartei hat es im Vorjahr ins Europaparlament geschafft. Dieser Text ist im Falter Ausgabe 31/10 erschienen. Bild: Piratenpartei Österreich
Posted by Ingrid Brodnig
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Warum selbst ein gutes Gesetz nichts daran ändert, dass die Vorratsdatenspeicherung ein Fehler ist
Wenn wir ein E-Mail senden, wenn wir den Hörer in die Hand nehmen, wenn eine SMS auf unserem Handy eintrifft, wird all das registriert und ein halbes Jahr lang gespeichert. So entstehen Datenberge über jeden Bürger, der ein Telefon oder einen Internetanschluss besitzt. Für die Polizei wird nachvollziehbar, wer wann mit wem und von wo elektronisch kommuniziert. Im Fall eines Verbrechens dürfen Ermittler auf die Daten zugreifen. Das ist keine Fiktion aus einem Science-Fiction-Roman, sondern unsere Zukunft. Österreich muss die EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung umsetzen. Infrastrukturministerin Doris Bures (SPÖ) hat einen entsprechenden Gesetzesentwurf vorgelegt. Demnach müssten Telekomunternehmen Verbindungsdaten sechs Monate lang speichern. Etwa die Information, wann jemand telefoniert, ein E-Mail oder eine SMS geschrieben hat. Der Inhalt der Nachricht wird nicht aufgezeichnet. Die Polizei bekommt aber Einsicht, wer sich wann wo aufhielt und mit wem er Kontakt hatte. Diese Verpflichtung zum Datensammeln ist ein Paradigmenwechsel: Zwar speichern Telekomfirmen schon jetzt viele Daten, um diese mit dem Kunden abzurechnen. Die Polizei darf auch darauf zugreifen, wenn ein Richter dies anordnet. Neu ist allerdings dass diese Information für die Polizei gesammelt werden muss, genauso wie das Ausmaß der staatlichen Datengier. Künftig sollen auch Internet- oder E-Mail-Daten gebunkert werden, die die Firmen bisher gar nicht oder nicht so lange speicherten. Bures muss die umstrittene EU-Richtlinie in heimische Gesetze umwandeln. Die Ministerin hat das überraschend gut gemacht. Sie hat nichts übereilt im Gegenteil, Österreich hat die Umsetzung hinausgezögert. Nun legte sie einen Entwurf vor, der die Bedenken von Datenschützern, Zivilgesellschaft und Journalisten berücksichtigt. Ihr Entwurf schützt das Redaktionsgeheimnis. Auch Ärzte, Juristen und andere berufliche Geheimnisträger sind von der Kontrolle ausgenommen. Ihre Daten werden zwar aufgezeichnet, aber für die Polizei geschwärzt. So können Ermittler nicht herausfinden, wer etwa bei der Aidshilfe angerufen oder einem Medium geheime Akten zugespielt hat. Zusätzlich sieht der Entwurf eine Informationspflicht vor. Wenn die Polizei ein Handy orten lässt, muss der Betroffene dies künftig im Nachhinein erfahren. Das ist eine klare Verbesserung, da es momentan keine Informationspflicht gibt. Der Bures-Vorschlag ist also gut gemeint. Und trotzdem schlecht für jeden einzelnen Bürger. Denn die Vorratsdatenspeicherung ist in ihrem Kern problematisch, weil sie alle Bürger wie potenzielle Verbrecher behandelt. Auch eine Minimalvariante ändert daran nichts. Es ist verdienstvoll, das Redaktionsgeheimnis zu schützen. In der Praxis wird das wohl kompliziert: Es müssen Listen von Journalisten, Ärzten, Anwälten samt Handynummern und Internetaccounts erstellt und aktualisiert werden. Die wesentlichere Frage ist aber: Sollte der Rest der Bevölkerung nicht auch einen solchen Schutz der Privatsphäre genießen? Ist es ein fairer Deal für die Bürger, dass ihre gesamte Kommunikation überwacht wird, damit Terroristen und Drogendealer ausgeforscht werden können? Die Vorratsdatenspeicherung betrifft die Großmutter, die ihren Enkel anruft, den Manager, der seine Mails abruft, den Einsamen, der im Internet nach einem Partner sucht. Auch wenn niemand von ihnen je einer Straftat verdächtigt wurde, will die Polizei alle ihre Daten gespeichert haben. Befürworter der Richtlinie rechtfertigen diesen Eingriff mit dem Kampf gegen Terrorismus. Auf die Daten, sagen sie, würde nur bei schweren Straftaten zugegriffen. Schon länger zeichnet sich ab, dass Justiz- und Innenministerium diese Information auch bei leichteren Vergehen einsehen wollen: Etwa bei Urheberrechtsverletzungen oder bei Straftaten, die mit über einem Jahr Haft bedroht sind. Gewerbsmäßiger Ladendiebstahl zählt dazu. Sollen wir unsere Bürgerrechte aufgeben, um Ladendiebe oder Raubkopierer zu schnappen?Nein. Mittlerweile besteht sogar die Hoffnung, dass die EU umschwenkt. Vor fünf Jahren herrschte Panik nach den Bombenanschlägen von London. Im Eiltempo wurde die Vorratsdatenspeicherung durchs EU-Parlament gewunken. Nun werden kritische Stimmen hörbar. Bis September will die EU-Kommission eine Evaluierung der Richtlinie vorlegen. Gleichzeitig kämpft Irland beim Europäischen Gerichtshof gegen die riesige Datensammlung das Höchstgericht soll prüfen, ob diese mit den Grundrechten vereinbar sei. Ministerin Bures taktiert geschickt. Sie will den Bericht der Kommission abwarten, ehe Österreich das Gesetz beschließt. Wenn alles gut geht und Brüssel von der Bestimmung abweicht, könnte uns die Vorratsdatenspeicherung erspart bleiben. Wenn sich nichts ändert und Österreich die Richtlinie umsetzen muss, hat die Ministerin zumindest eine Vorlage zur Vorratsdatenspeicherung in der Schublade, die nicht das allerschlimmste Überwachungsgesetz ist. Bleibt zu hoffen, dass die EU zurückrudert und dass sich Österreich dafür in Brüssel starkmacht. Zum Beispiel gemeinsam mit den Iren. Es gibt nur einen guten Ausweg: Diese Richtlinie muss gekippt werden. Alles andere wäre die kosmetische Korrektur eines verpfuschten Eingriffs in die Grundrechte. Dieser Kommentar ist im Falter 31/10 erschienen. Foto: Flickr-User JPBader (John-Paul Bader) Mit uns reden immer nur die FalschenSunday, August 8. 2010
Wer die Probleme am Wiener Straßenstrich bekämpfen will, muss zuallererst mit den Prostituierten sprechen
![]() Es war ein schöner Sommertag, Martina* fuhr im Prater Autodrom. Danach ging sie alleine spazieren, stolzierte die Lusthausstraße entlang. Ein Mann fragte, ob sie Geld verdienen wollte. Sie ging mit ihm mit. Das war Martinas Einstieg in die Prostitution – vor 24 Jahren. Sie war gerade 14. Heute steht sie am Ende der Mariahilfer Straße. Freiwillig, wie sie betont. Sie ist Prostituierte am Wiener Straßenstrich. Eine jener Frauen, über die nun alle reden: Die FPÖ schimpft über die „Auswüchse des Straßenstrichs“, verärgerte Anrainer klagen über Lärm und Schmutz. Die SPÖ will jetzt Ordnung machen. Die Stadt Wien hat einen 7-Punkte-Plan entwickelt und investiert 140.000 Euro, um den Straßenstrich neu zu regeln. Die Sorgen am Straßenrand Unter den sieben Punkten finden sich sinnvolle Maßnahmen wie mehr Sozialarbeit und eine Anlaufstelle für Anrainer. Aber auch weniger sinnvolle. Die Stadt will den Straßenstrich verlegen – weg aus den belebten Wohngebieten, hin an unwirtliche, unbelebte Orte. Seit 1. Juli kontrolliert die Polizei tatsächlich strenger, ob die Prostituierten nur in den erlaubten Zonen stehen. Geändert hat das aber nichts. Mit den Frauen selbst hat niemand geredet. Ihre Stimme fehlt in der Debatte. Wenn Medien Prostituierte zu Wort kommen lassen, dann häufig nur in der Opferrolle, als ob jede einzelne um ihr Leben fürchten müsste. Oder kokett: Dann werden die Frauen dem Zuseher in Strapsen vorgeführt. Mit dem Alltag und den wahren Sorgen haben diese Bilder aber wenig zu tun. Vor allem Preisdumping, Wettbewerb und miserable Gesetze belasten die Prostituierten. Am Straßenstrich wird viel gesudert. Über schlechte Preise und Freier, die keine Manieren mehr haben. Auch Martina, die an der Straßenecke steht und den Autos nachschaut, jammert: „Früher war das noch ein gutes Geschäft, da hast in einer halben Stunde 1000 Schilling verdient“, sagt die 38-Jährige. Heute verlangt sie nur noch 50 Euro für eine halbe Stunde und 30 Euro für schnellen Oralsex im Auto. Der Standardtarif am Trottoir. Es gibt aber auch Prostituierte, die weniger verlangen. „Ficken und Blasen 30 Euro“, wirbt eine rundliche Bulgarin ein paar Häuserblocks weiter. Es ist einer der wenigen Sätze, die sie auf Deutsch beherrscht. Schuld am Verfall der Preise ist der gestiegene Wettbewerb. 2002 waren in Wien noch weniger als 500 Prostituierte legal gemeldet, heute sind es fast 2300. Die meisten kommen aus Ungarn, Rumänien und Bulgarien. „Kein Wunder, für die sind 100 Euro das, was für uns 1000 sind“, sagt Gabi. Sie ist eine langjährige Kollegin von Martina, kam in den 90er-Jahren selbst aus Ostdeutschland. Damals hatte sie mindestens 15 Freier pro Nacht, heute ist sie froh, wenn sie drei hat. „In einem guten Monat verdiene ich 1500 Euro“, sagt die Frau im weißen Minirock, „da kriegt manch eine Putzfrau mehr.“ Viele Freier wollen um den Preis auch noch feilschen. „Die fangen bei zehn Euro an und wollen dann noch aufs Kondom verzichten“, meint Gabi. Bei ihr gibt es ausschließlich geschützten Geschlechtsverkehr. „Nicht nur wegen der Gesundheit. Manche Männer sind auch wirklich grauslich. Wenn man bei denen die Hose aufknöpft, kommt einem schon ein Gestank entgegen“, erzählt die Prostituierte. Die Wienerin und die Ostdeutsche arbeiten hier aus freien Stücken und haben keinen Zuhälter. Viele mag das wundern, die zwei stehen aber lieber hier als im Billa hinter der Wursttheke. „Hier bin ich mein eigener Chef“, meint Gabi. Und Martina sagt: „In anderen Jobs musst du hart arbeiten.“ Doch der Straßenstrich hat viele Gesichter. Es gibt Frauen, die freiwillig anschaffen gehen. Und solche, die tatsächlich Gewalt und Zwangsprostitution erleben. Im Mai wurde eine Rumänin in Favoriten mit brennbarer Flüssigkeit übergossen und angezündet. Es heißt, die Frau wollte auf der Linzer Straße anschaffen, ohne den dortigen Zuhältern Schutzgeld zu zahlen. Auch Katerina kennt Gewalt. Selbst wenn man das der 28-Jährigen nicht ansehen würde. Wenn die Polin lächelt, strahlt ihr Gesicht regelrecht. Und sie lächelt viel. „Dabei hat alles falsch angefangen“, meint sie. Katerina hatte niemals die Wahl, ob sie Prostituierte werden wolle oder nicht. „Mit 18 war ich dumm und verliebt“, sagt sie. Sie ließ sich von ihrem damaligen Freund in den Westen locken. „Er hat gesagt, dass ich nur ein bisschen Striptease tanzen muss“, erinnert sich Katerina. Stattdessen nahm er ihr den Pass ab und zwang sie, mit Freiern zu schlafen. Wenn sie sich weigerte, prügelte er sie und drohte ihrer Familie. „Putz dich, Schlampe“ Es dauerte lange, bis Katerina weglief. Ihr Peiniger ist noch immer frei, heute betreibt er ein Bordell in Wien. Sie zeigt ihn trotzdem nicht an. „Ich will keine Probleme. Er weiß, wo meine Mutter wohnt“, sagt sie. Diese Furcht hält viele Frauen von der Aussage ab. Katerina hatte Glück im Unglück. Zuerst trieb sie ihr Freund in die Prostitution, wegen ihres Ehemannes will sie nun aussteigen. Manfred hat sie als Kellner im Bordell Katerina kennengelernt und geheiratet. Nach zwei Jahren Ehe bekommt seine Frau im August die Arbeitsbewilligung. „Endlich, dann hört sie hier auf“, meint er. Der Österreicher ist wütend auf den Staat, der seiner Frau erst jetzt erlaubt, einer „normalen“ Arbeit nachzugehen. Er ist wütend auf den Richter, der einen Freier freisprach, der Katerina krankenhausreif geprügelt hat. Und auf die Polizei, die sich nicht immer korrekt verhält. „‚Putz dich, Schlampe‘, hat einer zu ihr gesagt. Das war wirklich toll, wie sie den dann beschimpft hat“, sagt Manfred stolz. Jeden Abend, wenn Katerina anschaffen geht, parkt Manfred sein Auto ein paar Meter entfernt und passt auf. „Sonst wäre es zu gefährlich“, sagt er und kommt gleich auf die Rumänin zu sprechen, die angezündet wurde. Sie hatte in der Gegend gearbeitet. Neulich war das Verbrennungsopfer zu Besuch. „Wahnsinn, sie hatte ein entstelltes Gesicht wie Freddy Krueger“, sagt Manfred, „trotzdem hat sie gemeint, dass sie in zwei Jahren wieder anschaffen geht.“ Diese Reportage war die Cover-Geschichte des Falter 29/10. Illustration: Bianca Tschaikner Viel wird über Morde und schwere Gewalt an Prostituierten berichtet. Man könnte meinen, dass die Frauen nun verängstigt an der Straßenecke stehen. Die Realität sieht anders aus. Gabi und Martina reißen zwischendurch Schmähs. Ein paar Straßen weiter holt eine junge Prostituierte ihr Handy heraus und spielt ihrer Kollegin lautstark einen Song vor. Das ist die Arbeitsrealität der Frauen. Sie haben gelernt, mit viel Gewalt und beängstigenden Situationen umzugehen. Zum Beispiel verstecken sie alle ihr Geld, bevor sie zu einem Typen ins Auto steigen. Zu viele sind schon ausgeraubt worden. Auch prägen sie sich die Nummerntafeln der Autos ihrer Freier ein oder halten für Notfälle den Tränengasspray griffbereit. Das Leben am Tag ist für viele Frauen aber auch schwierig. Manche, wie Martina, verheimlichen ihren Job. Die Familie der Wienerin glaubt, dass sie nachts kellnert. Auch tun sich viele Frauen schwer, Männer außerhalb des Milieus zu finden. „Als gutaussehende Frau musst du vorsichtig sein“, erzählt Ramona, eine 25-jährige Ungarin, „du weißt nie, ob dich ein Mann für deine Schönheit oder für dein Geld liebt.“ Das konnte sie schon bei vielen Kolleginnen beobachten: Zuerst will der Mann nur ein bisschen Geld für die neue Lederjacke, dann soll ihm die Frau die teure Autoreparatur zahlen. „Mit 23 Jahren schnorren die Typen. Mit 40 sind sie dann echte Zuhälter“, meint Ramona. Deswegen habe sie keinen Freund. Wie trennen das die Frauen emotional, wenn sie beruflich mit ihrem Freier und privat mit ihrem Freund ins Bett gehen? Martina vergleicht ihre nächtliche Arbeit mit einem One-Night-Stand, bei dem es kein Gefühl und keine Zärtlichkeit gibt. „Das sagt einfach das Herz, ob’s geschäftlich oder privat ist“, meint Martina. Nicht alle Frauen sind so tough und können dieser Arbeit jahrelang nachgehen: die Rumänin Theodora zum Beispiel. Sie steht im weißen Negligé auf der Felberstraße, seit September arbeitet sie hier. „Ich tue es nur fürs Geld“, sagt die 23-Jährige in gutem Englisch, „ich will damit mein Managementstudium finanzieren, in Rumänien ist Studieren nämlich teuer.“ Bisher ist Theodoras Plan nicht aufgegangen. In den vergangenen drei Monaten habe sie nur 3000 Euro verdient. „Die Männer merken, dass ich die Arbeit nicht mag, deswegen habe ich auch keine Stammkunden“, klagt sie. Jetzt will sie nur noch nach Hause, weg von Wien, weg vom Strich. Zum Glück geht bald ihr Flieger. Wo Theodora steht, ist der Straßenstrich besonders derb. Eine Kollegin spaziert in Spitzenunterwäsche herum und räkelt sich am Straßenschild, als wäre es eine Stripteasestange. Kein Mann kann durch dieses Grätzel marschieren, ohne Einladungen von Prostituierten zu bekommen: „Hallo Schatzi, gemma ficken?“ Auch normal gekleidete Frauen müssen damit rechnen, von Freiern angesprochen oder angehupt zu werden. „Jede Frau hier ist Freiwild“, sagt Uwe Schön, der mitten am Straßenstrich wohnt. Rein rechtlich wäre der Großteil der Felberstraße Schutzzone, die Prostituierten dürften hier gar nicht stehen. Nur ignorieren das viele. Schön und seine Frau haben vor kurzem eine Bürgerplattform gegründet. Jeden Freitag marschieren sie gegen den Straßenstrich auf. Die Anrainer klagen über benutzte Kondome auf dem Fenstersims oder über den Lärm, der sie nächtens vom Schlafen abhält. „Natürlich sind hier auch früher Prostituierte gestanden, aber niemals in diesem Ausmaß“, meint Schön. Er wohnt seit mehr als 20 Jahren in der Felberstraße. Anrainer und Prostituierte plagt dasselbe Problem. Mittlerweile stehen viel zu viele Frauen auf der Straße, das macht die Preise kaputt und mehrt Krach und Unordnung. Nun schaukeln sich die Emotionen hoch: Manche Bürger sind schon so frustriert, dass sich ihr Zorn an einzelnen Frauen entlädt. Am Ende der Mariahilfer Straße beugt sich zum Beispiel eine Bewohnerin aus dem Fenster und leert ein Glas Wasser auf die Frau am Trottoir. Jetzt steht die Prostituierte mit nassen Kleidern auf dem Gehsteig. Eine milde Form von Selbstjustiz. Damit solche Dinge nicht passieren, schaltet die Stadt Wien Sozialarbeiter ein. Die Prostituiertenberatungsstelle Sophie soll neuerdings das Vertrauen zwischen Behörden, Anrainern und Prostituierten fördern. Tagsüber wurde bereits eine Telefonhotline eingerichtet. „Wir sind nicht in der Lage, das Problem sofort zu lösen“, meint Eva van Rahden, die Leiterin von Sophie, „aber wir versuchen auf die Spitze des Eisbergs positiv einzuwirken.“ Van Rahden ist eine der Expertinnen des Straßenstrichs. Sie weiß, dass eine wirkliche Verbesserung nur über bessere Gesetze erreicht werden kann. Die Rechtslage schützt die Frauen zu wenig. Einerseits ist Prostitution erlaubt, andererseits sind Verträge über sexuelle Leistungen sittenwidrig. Das heißt, Prostituierte können ihre Honorare nicht einklagen, wenn ein Freier nicht zahlen will. „Die Sittenwidrigkeit abzuschaffen, wäre ein erster Schritt“, meint van Rahden. Die Frauen haben Ideen Auch die Stadt Wien will, dass der Bund die Sittenwidrigkeit abschafft. Das ist einer der cleveren Punkte im 7-Punkte-Programm. Andere sind weniger schlau: So hat die Stadt zwei Zonen eingerichtet, in denen Sexarbeit dezidiert erlaubt ist. Auf einem kurzen Abschnitt der Linken Wienzeile und hinter dem Technischen Museum sollen die Frauen nun stehen. Der Lokalaugenschein zeigt: An jeder anderen Straßenecke stehen die Prostituierten, nur hier findet sich keine einzige. „Da ist es so dunkel, und jetzt blockiert auch noch eine Baustelle alles“, sagt eine Ungarin. Eine echte Lösung könnte nur mit den Frauen gemeinsam gefunden werden. Gabi aus Ostdeutschland hätte schon ein paar Ideen. Sie plädiert etwa für „Verrichtungsboxen“ – Garagen, in die die Frauen mit ihren Freiern hineinfahren. „Wenn einer unangenehm wird, gibt es einen Alarmknopf. Dann kommt sofort ein Bewacher“, sagt Gabi. Dieses System gibt es schon in Köln. Hierzulande gibt es noch keine ernstzunehmende Diskussion, wie die Prostitution besser geregelt werden könnte. Nur alle sind sich einig: Die Situation ist schlimm. „So kann es nicht weitergehen“ sagt auch Martina. Es ist Freitagabend, kurz vor Mitternacht. Die Wienerin hatte erst einen Kunden – trotzdem ist ihr Geldbörsel leer. Weil sie mit dem Freier in einer Schutzzone erwischt wurde, musste sie 30 Euro Strafe zahlen. Eine Auswirkung der strengeren Kontrollen. „Alle schimpfen nur noch, alle sind unzufrieden“, meint Martina. Wenn sich nicht bald etwas ändere, sagt sie, werde sie den Straßenstrich verlassen. Ob sie dann ganz mit der Prostitution aufhört? „Nein, dann geh ich ins Studio arbeiten.“ * Die Namen sämtlicher Prostituierten wurden geändert --------- Die Pläne der Stadt Wien Mit sieben Maßnahmen will Frauenstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) die Situation am Straßenstrich entschärfen. Ein Verbot der Straßenprostitution kommt für sie nicht infrage: „Erfahrungen anderer Länder zeigen, dass Verbote nur zu einem Erstarken der illegalen Prostitution führen.“ Das sind die Maßnahmen: - eine bessere Hilfe für Anrainer. Dazu zählen Sprechstunden und eine Beschwerdehotline (Tel. 0676/88 666 222), sie steht wochentags von 10 bis 17 Uhr bereit - zwei Erlaubniszonen, in denen die Prostituierten dezidiert erwünscht sind: auf der Linken Wienzeile zwischen Anschützgasse und Jheringgasse sowie auf der Linzer Straße, hinter dem Technischen Museum - eine Novelle des Wiener Prostitutionsgesetzes - mehr Polizeikontrollen - eine Vergleichsstudie, die die Gesetze in Österreich, den Niederlanden und Schweden analysiert - bessere Aufklärung über Frauenhandel, um die Frauen intensiver über ihre Rechte zu informieren - mehr Sozialarbeit Unser Bundesheer: Experten im Krieg gegen feindliche LawinenSunday, August 8. 2010 Österreich ist eines der wenigen europäischen Länder, die die allgemeine Wehrpflicht noch nicht abgeschafft haben. Dabei stammt der verpflichtende Dienst mit der Waffe aus der Zeit des Kalten Krieges, als sich ganz Westeuropa vor dem Einmarsch der Roten Armee fürchtete. Heute fehlt diese Bedrohung, weswegen die Politik neue Horrorszenarien entwerfen muss, um die Existenz eines Heeres aus Grundwehrdienern zu rechtfertigen.Die beste Erklärung bisher: Die Wehrpflicht ist unumstößlich, damit das Bundesheer weiterhin den Katastrophenschutz übernehmen kann. Das hieße also, dass Österreich alljährlich 25.000 jungen Männern ein halbes Lebensjahr stiehlt, um sicherzustellen, dass der Staat beim nächsten Hochwasser nicht komplett untergeht. Die Landesverteidigung ist nur eine von vielen Aufgaben unseres Bundesheeres noch wichtiger ist die Vorbereitung auf den nächsten Lawinenabgang. Mag schon sein, dass das eine berechtigte Frage ist: Wer soll nach der Abschaffung der Wehrpflicht und der Einführung eines kleinen Berufsheeres im Katastrophenfall einspringen? Die Feuerwehr? Eine freiwillige Helfertruppe? Und was kostet das? Absurd ist aber, die Existenz eines Heeres mit der Wahrscheinlichkeit von Überschwemmungen, Muren- oder Lawinenabgängen zu rechtfertigen. Den Befürwortern gehen die Argumente für die allgemeine Wehrpflicht aus. An den Auslandseinsätzen dürfen Grundwehrdiener sowieso nicht teilnehmen. Derweil findet in den Kasernen eine Art Beschäftigungstherapie statt. So scheint es, als sei der größte Zweck des Heeres, Jahr für Jahr Rekruten auszubilden die ohnehin niemand braucht. Dieser Kommentar ist im Falter 28/10 erschienen. Screenshot von der Webseite des Bundesheeres Michelle Obama hätte bei uns keine ChanceSunday, August 8. 2010
Wie werden unsere Unis besser? Wer soll dafür zahlen? Ein Streitgespräch zwischen Rektor Georg Winckler, ÖH-Chefin Sigrid Maurer und dem deutschen Uni-Reformer Sascha Spoun
![]() Lauter hätte der Aufschrei der Studenten kaum sein können, trotzdem hat der Protest nichts geändert. Der groß angekündigte Hochschuldialog verdient diesen Namen nicht einmal eine Vision für die Bildungspolitik fehlt. Zum Ende des Semesters lud der Falter zur Debatte, wie sich die Unis verändern müssten. Darüber diskutierten Rektor Georg Winckler von der Uni Wien, ÖH-Chefin Sigrid Maurer und Sascha Spoun, Präsident der Leuphana Universität in Lüneburg einer kleinen, ambitionierten Hochschule in Norddeutschland, die sich deutlich von den Massenuniversitäten abhebt: mit einem stärkeren Fokus auf Allgemeinbildung, besseren Betreuungsverhältnissen, aber auch strengen Auswahlverfahren. Falter: Viele Akademiker finden keinen angemessenen Arbeitsplatz. Müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass ein Studium eine Jobgarantie ist? Sascha Spoun: Ein Uni-Studium ist doch nicht nur Berufsvorbereitung oder gar Jobgarantie. Es ist eine Lebensphase, in der man sich persönlich entwickelt und auf das Leben vorbereitet. Aber einen fixen Job sollte man sich nicht erwarten? Spoun: Selbstverständlich sollte man erwarten, dass man eine berufliche Tätigkeit ausüben kann. Aber wir werden zunehmend wegkommen von lebenslangen Arbeitsverhältnissen, bei denen man nach dem Diplom in eine Organisation eintritt und diese als Pensionist wieder verlässt. Wie muss sich die Uni dafür verändern? Spoun: Sie muss sich dieser Unsicherheit stärker stellen und den Studierenden ein breites Fundamt bieten, sozusagen eine Basis für lebenslanges Lernen. Georg Winckler: Da zeigen auch eine Reihe von Untersuchungen, dass Allgemeinbildung Studierende besser auf das Berufsleben vorbereitet als eine zu spezialisierte, professionalisierte Ausbildung. Die sogenannte General Education befähigt Menschen eher, dem technischen Wandel positiv gegenüberzustehen. Die Uni-Reform ging in eine andere Richtung. Das Bachelorstudium wird dafür kritisiert, dass es zu sehr Berufsausbildung ist. Winckler: Ja. Die Debatte um die sogenannte Employability des Bachelors führte dazu, dass in einer Reihe von Ländern die Studienpläne zu fachspezifisch angelegt wurden. Besser wäre gewesen, wir hätten mehr auf Grundlagen gesetzt. Herr Spoun, die Leuphana Universität ist das Gegenmodell. Sie haben einen generellen Bachelor für Ihre Studenten eingeführt. Spoun: Wir haben uns 2006 überlegt, welche Funktion der Bachelor übernehmen soll. Uns geht es um grundsätzliche methodische Zugänge und um Denkkategorien, um Bildung durch Wissenschaft. Der Bachelor soll die Voraussetzung schaffen, dass Akademikerinnen und Akademiker systematisch an Themen herangehen können. Natürlich sorgen wir zusätzlich für eine solide fachliche Qualifikation. Sigrid Maurer: Das entspricht in Wirklichkeit wieder dem Employability-Gedanken. Die Fächer, die studiert werden, zielen wieder auf Berufsfähigkeit ab. Ist Berufsvorbereitung denn so schlimm? Maurer: Bestimmte Ausbildungszüge sind sehr wohl auch Aufgabe der Universität. Entscheidend ist aber, wie mit dieser Praxis umgegangen wird, ob diese kritisch reflektiert wird. Eine Anmerkung zum Humanismusideal: Dieses bürgerliche Bildungsideal ist nur für bestimmte Leute zugänglich. In Österreich und Deutschland haben wir das Problem, dass das Schulsystem die Leute schon lange vor der Matura ausspuckt. Winckler: Meine Kritik am hiesigen System ist auch, dass Randgruppen nicht genügend Chancen auf Allgemeinbildung bekommen. Nehmen Sie Michelle Obama, die Frau des US-Präsidenten. Sie kommt aus einer unteren Einkommensschicht, ist Afroamerikanerin und weiblich trotzdem hat sie es geschafft, an der Elite-Universität Princeton den Bachelor zu machen. In der Uni-Debatte schauen wir immer nach Amerika. Was machen die Amis besser? Spoun: Zum einen hat das amerikanische Hochschulsystem davon profitiert, dass während des Nationalsozialismus viele Wissenschaftler aus Europa emigrieren mussten. Die humanistische Universitätsidee konnte sich entfalten, aus meiner Sicht bis heute eine wesentliche Grundlage für Spitzenleistung in Forschung und Lehre. Zweitens öffneten sich die amerikanischen Hochschulen viel früher gegenüber allen Schichten. Unser System ist eben nicht so inklusiv wie das amerikanische. Wir müssten mehr Bildungschancen schaffen. Maurer: Das ist eine Glorifizierung der amerikanischen Universitäten. Es gibt halt ein paar Universitäten, die hervorstechen. Verschwiegen wird aber, dass 90 Prozent der Unis diesem Ideal nicht entsprechen. Dort ist die Qualität teilweise nicht mit dem Niveau unserer Hochschulen vergleichbar. Winckler: Insgesamt sind die Amerikaner aber viel innovationsfreudiger als wir. Sie geben einen größeren Anteil ihres Bruttoinlandprodukts für die Hochschulbildung aus. Bei uns sind es 1,3, dort 2,7 Prozent. Die Amerikaner investieren also mehr als doppelt so viel. Die amerikanischen Unis werden aber auch viel mehr von privater Hand finanziert. Winckler: Der Anteil der öffentlichen Mittel ist dort trotzdem höher als in Österreich. Spoun: Wesentlich ist, welche Anstrengungen eine Gesellschaft für Bildung unternimmt. Ob die Mittel direkt von Privaten kommen oder indirekt über Steuern, spielt am Ende keine Rolle. Maurer: Oh doch. Spoun: Nein. Im Kern geht es darum, dass wir insgesamt stärker auf Innovation setzen müssen. Auch private Stifter könnten eine größere Rolle spielen. Winckler: Wir müssen aber auch auf die Unterschiede zwischen den Ländern achten. Durch ein Studium können Sie in den Vereinigten Staaten oder England Ihr Lebenseinkommen verdoppeln. Dafür, dass Sie das Doppelte verdienen, sind Sie auch bereit, Studienbeiträge zu bezahlen. In Skandinavien hingegen wird man das nicht verlangen können. Durch ein Lehramtsstudium steigt dort Ihr Einkommen vielleicht um zehn oder 20 Prozent. Wenn das auch noch stark besteuert wird, sind Sie nicht bereit, Studienbeiträge zu zahlen. Aus guten Gründen gibt es deswegen in Skandinavien keine Studienbeiträge, in Amerika und England aber sehr wohl. Das ist ein Reflex auf die Einkommens- und Steuersituation. Ihr Kollege Hans Sünkel, Rektor der TU Graz, fordert Studiengebühren. Sie auch? Winckler: Wenn ich mir das Einkommen von österreichischen Ärzten oder Rechtsanwälten anschaue, halte ich einen Mittelweg zwischen Amerika und Skandinavien für angebracht. Also niedrige Studiengebühren? Winckler: Niedrige Studienbeiträge sind angesichts unserer Einkommenssituation gerechtfertigt. Der Frau Maurer stellen sich schon die Nackenhaare auf. Maurer: Sie sprechen dauernd von gesellschaftlicher Verantwortung und davon, dass die Gesellschaft zu wenig in Bildung investiert. Die Studiengebühren sind ein gutes Beispiel dafür. Die Gesellschaft profitiert, wenn viele Leute studieren. Winckler: Aber der Einzelne profitiert auch. Maurer: Die Umverteilung muss aber den umgekehrten Weg gehen. Nicht ich zahle jetzt als Studentin, wo ich echt keine Kohle habe, Studiengebühren, in der Hoffnung, dass ich später irgendwann einmal reich werde. Umgekehrt: Leute, die jetzt über Geld verfügen, sollen Steuern zahlen und einen Anteil ihres Geldes wieder in Bildung investieren. Winckler: Ich sage selbst auch: Je progressiver das Steuersystem ist und je geringer die Einkommensunterschiede für Akademiker sind, umso eher sollte man auf Studienbeiträge verzichten. Doch wie sieht die Realität in Österreich aus? Bei einer Reihe von Studienrichtungen ist die private Ertragsrate sehr hoch. Gerade die Kinder des Mittelstands und der Beamten haben eine sehr hohe Beteiligungsrate am Uni-System und profitieren davon. Deswegen habe ich auf Frau Obama verwiesen. In Amerika haben Sie ein entsprechendes Stipendiensystem, um Bildungschancen zu gewähren. Ich wünsche mir nur eine ideologiefreie Debatte darüber, bei der es nicht immer heißt: Studiengebühren darf es keine geben. Während der Uni-Proteste meinte Rektor Badelt sogar, dass eine Bildungsmilliarde fehle. Ist das korrekt? Winckler: Um ein reichhaltigeres Studienangebot zu erzeugen, brauchen wir sicherlich eine Milliarde. Wir benötigen eine breitere Hochschullandschaft in Österreich, mehr Ausdifferenzierung, die Fachhochschulen sind ein Ansatz. Dafür muss es mehr Geld geben auch um an der Spitze in Europa wahrgenommen zu werden. Wohin soll das Geld fließen? Winckler: Einerseits in die Studienplatzfinanzierung. Andererseits in die Programme des Wissenschaftsfonds FWF. Wir brauchen mehr Breite und mehr Spitze. Stattdessen sinkt das Uni-Budget. Was bedeutet das für die Uni Wien? Winckler: Das kann ich noch nicht sagen. Wir hatten erst ein belangloses Gespräch mit dem Ministerium, bei dem uns folgender Sinnspruch mitgegeben wurde: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Heißt das, wir erleben gerade die guten Zeiten? Winckler: Was das konkret heißt, muss die Politik im Herbst klarer kommunizieren. Das Audimax war wochenlang besetzt. Hat man nichts aus dem Uni-Protest gelernt? Winckler: Es ist offenbar nicht gelungen, den Protest mit Inhalten zu versehen, die auch breit in der Gesellschaft ankommen. Es gab wohl zwei Fehlerquellen: Die Adressanten waren mit ihrer Botschaft nicht präzise genug, und Österreich ist eben nicht wissenschafts- und innovationsfreundlich. Wie haben Sie das in Deutschland wahrgenommen, Herr Spoun? Der Protest erreichte auch Ihre Universität, an der ein Hörsaal besetzt wurde. Spoun: Im Kern sorgen sich die Studierenden um die Zukunft. Sie sagen: Wenn uns eine intensive Bildung vorenthalten wird, haben wir keine Chance auf Erfolg. Existenzängste führten also zum Protest? Maurer: Das sehe ich anders. Der Hintergrund ist der steigende Leistungsdruck auf junge Menschen. Aber die Jungen haben es satt. Irgendwann in ihrem Leben möchten sie auch etwas machen können, wofür sie sich interessieren ohne Blick auf mögliche berufliche Chancen. Sie werden aber in diese Existenzangst hineingetrieben. Ich habe das Gefühl, dass man heutzutage schon in der Volksschule Bewerbungsgespräche trainiert. Winckler: Noch bevor sie schreiben und rechnen können? Maurer: Dieser Eindruck entsteht. Du musst schauen, dass du möglichst viele Skills hast, dass du dich immer perfekt präsentieren kannst. Ständig wird diese Angst genährt, man könnte eine Chance versäumen. Die Proteste sind nicht Ausdruck einer Existenzangst, sondern Widerstand gegen diesen massiven Druck. Bilden Sie junge Menschen aus, damit Sie sich perfekt der Leistungsgesellschaft unterwerfen können, Herr Spoun? Spoun: Nein. Ich kann die Kommilitonin sehr gut verstehen. Es ist nicht motivierend, von der Volksschule bis zur Uni nur Vorgegebenes aufzugreifen. Dieser vermeintliche Druck aus der Gesellschaft, dass man hier noch einen Kurs und dort noch eine Wettbewerbsvorbereitung machen muss, führt zu einer Unselbstständigkeit, die einer freien und innovativen Gesellschaft widerspricht. Maurer: Dabei lässt doch gerade Ihre Universität bevorzugt Leute zum Studium zu, die soziales Engagement zeigen, auch wenn sie einen schlechten Notendurchschnitt hatten. Das zeigt, wie der Leistungsdruck immer mehr Facetten unseres Lebens erfasst. Nicht nur mehr Noten spielen eine Rolle, sondern auch das soziale Engagement oder dass man nebenbei ein Musikinstrument gelernt hat. Spoun: Wir möchten engagierte und motivierte Studierende gewinnen. Die Maturanote allein ist kein geeigneter Indikator. Winckler: Das würde ich unterstreichen. Man kann von jungen Menschen sicherlich verlangen, dass sie ihr Leben aktiv gestalten wollen. Ein Instrument zu beherrschen zeugt von Interesse, etwas auszuprobieren. Maurer: Aber Herr Winckler, ob ich ein Instrument spielen kann, hängt massiv von der sozialen Herkunft ab. Man muss auch die Menschen einbeziehen, die ohne akademischen Habitus aufgewachsen sind, die von ihren Eltern keine Geige bekommen haben oder sich die Zeit für soziales Engagement nicht leisten konnten. An der Leuphana Universität gibt es ein Aufnahmeverfahren, die Studierendenzahlen wurden gesenkt. Läuft es in Österreich auch darauf hinaus? Winckler: Noch einmal: Wir brauchen ein breites, reichhaltiges Studienangebot. Aber gleichzeitig kann es nicht sein, dass wir in manchen Studienrichtungen total überlaufen sind. Soll künftig festgeschrieben werden, in welchem Fach es wie viele Studienplätze gibt? Winckler: Ja. Auch im skandinavischen oder angloamerikanischen System gibt es insgesamt ausreichend Studienplätze und eine Differenzierung im Hochschulsektor. Gleichzeitig darf dort auch nicht jeder Medizin studieren. Das ist ein sehr teures Studium, und es kann nicht beliebig viele Studierende geben. Maurer: Sie widersprechen sich doch selbst. Auf der einen Seite sollen die Studierenden motiviert und mit Begeisterung studieren, auf der anderen Seite dürfen sie nicht das machen, was sie wollen. Bei dieser Debatte ist die Leuphana Universität ein spannendes Beispiel: Sie haben die Zahl der Studienplätze drastisch gesenkt, von 10.000 auf 7000 Studierende. Winckler: Das ist wohl jene Kapazität, um ein gutes Betreuungsverhältnis zu haben. Spoun: Genau. Wir haben uns angesehen, welche Voraussetzungen wir für ein gutes Studium brauchen. Das Betreuungsverhältnis ist wesentlich für die Zufriedenheit und den Erfolg der jungen Menschen, die sich einer Universität anvertrauen. Herr Winckler, würden Sie die Studienplätze an der Uni Wien auch gerne um ein Viertel senken? Winckler: Sagen wir so: Wir müssen schauen, welche Kapazität diese Universität hat. In einigen naturwissenschaftlichen Fächern könnten wir auch mehr Studierende aufnehmen. Aber in den Sozialwissenschaften sind wir wirklich an der Grenze. Die Leuphana hat insgesamt 7500 Studienplätze, so viele sind bei uns alleine in der Publizistik. Da bräuchte ich eine eigene Universität nur für die Publizisten. ------- Hochschuldialog Das letzte Überbleibsel des Unistreiks war der Hochschuldialog, Rektoren, Audimaxisten und ÖH hatten die Diskussion vorzeitig verlassen. Nun präsentierte Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) den Endbericht. Bei den wirklichen Streitpunkten gab es keine Einigung ------- Diskussionsteilnehmer Sascha Spoun wurde 2006 Präsident der Universität Lüneburg und damals zum jüngsten Chef einer staatlichen deutschen Uni. Der 41-Jährige reformierte die Leuphana Universität, das Bachelorstudium bietet eine breite, grundlagenorientierte Ausbildung. Gleichzeitig wurde die Studentenzahl gesenkt Sigrid Maurer ist Vorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH). Die 25-jährige Tirolerin studiert Politikwissenschaft und gehört den Grünen und Alternativen StudentInnen an Georg Winckler ist seit 1999 Rektor der Uni Wien. Der 66-jährige Wirtschaftswissenschaftler leitete von 2005 bis 2009 auch die europäische Universitätenkonferenz ------- Veranstaltung Sascha Spoun war im Rahmen der Friday Lectures zu Gast in Wien. Die Vorlesungsreihe des Center for Teaching and Learning der Uni Wien beschäftigt sich mit der Bologna-Reform und geht im Herbst weiter. Infos: http://ctl.univie.ac.at/ Dieses Streitgespräch ist im Falter 27/10 erschienen. Foto: Heribert Corn Ja, dürfen's denn das?Sunday, August 8. 2010
Google scannt 400.000 Bücher der National-bibliothek ein. Weil der Staat die digitale Revolution verschläft
![]() Gregor Mendel kreuzte Erbsensorten und beobachtete die neu entstandenen Hybriden. Hatten sie weiße oder violette Blüten? Gelbe oder grüne Schoten? Auf diese Weise entdeckte er Mitte des 19. Jahrhunderts die grundsätzlichen Gesetze der Vererbung. Eine revolutionäre Erkenntnis, die den Grundstein der Genetik legte. Nun ist Mendel, 126 Jahre nach seinem Tod, erneut Teil einer Revolution und zwar der digitalen. Wer sein Buch Versuche über Pflanzenhybriden in der Originalausgabe durchblättern wollte, musste bisher die Österreichische Nationalbibliothek aufsuchen. Bald wird ein Ausflug ins Internet genügen. Jeder Internetuser kann dann das Werk lesen, abspeichern und nach Schlagworten durchsuchen. Denn die Nationalbibliothek arbeitet mit Google an der Digitalisierung ihres historischen Bestands. 400.000 alte Bücher werden eingescannt und ins Netz gestellt, das sind 120 Millionen Buchseiten und mehrere Dutzend Terabyte Speicherplatz. Vor ein paar Jahren schien es wie Science-Fiction, dass einmal ganze Bibliotheken per Knopfdruck online nachlesbar werden und das vollkommen gratis. Bald wird man in der Datenbank nach künstlichen Befruchtungen suchen und Mendels Erstausgabe finden. Powered by Google. Das ist die Zukunft der Bibliothek. Aber ist es klug, dass ein Milliardenkonzern zur ersten Anlaufstelle für Information, zum Hüter literarischer Schätze wird? Sollte das nicht Aufgabe des Staates sein? Der Deal zwischen Nationalbibliothek und Google sagt viel über den Übergang zur digitalisierten Wissensgesellschaft aus und darüber, wie die Politik den Anschluss verpasst. Vergangene Woche gab Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Nationalbibliothek, freudig die Kooperation mit Google bekannt und sprach von einer Demokratisierung des Wissens. 30 Millionen Euro kostet das Einscannen der 400.000 Bücher, eine Summe, die die Nationalbibliothek selbst nicht aufbringen kann. Google ermöglicht diese Digitalisierung, in Bayern wird der Internetriese die Bände einlesen, es handelt sich dabei ausschließlich um historische Werke aus dem 16. bis 19. Jahrhundert, bei denen das Urheberrecht längst erloschen ist. Eine Win-win-Situation, urteilte die Presse. Die Nationalbibliothek hat gewissenhaft verhandelt: Sie wird Google nicht naiv den gesamten historischen Bestand in den Rachen werfen, der Internetriese musste zuerst einer Reihe von Auflagen zustimmen. Die Nationalbibliothek bekommt eine Kopie aller Scans und darf diese auch an andere Bibliotheken weiterreichen. Die digitale Version des Kulturschatzes liegt also nicht nur bei dem Datenkraken. "Google hat keine Monopolstellung. Das war uns wichtig, deswegen haben wir auch drei Jahre verhandelt", sagt Rachinger. Dieser Deal habe dem Steuerzahler 30 Millionen Euro erspart, heißt es nun. Das bedeutet auch, dass es dem Staat anscheinend nicht wert war, diese Summe selbst zu investieren, um sein historisches Erbe online zu sichern. Dabei spricht alles für eine Digitalisierung. 2004 brannte die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar, 50.000 Bücher zerfielen zu Asche. 2009 stürzte das Kölner Stadtarchiv ein, die Restaurierung des übriggebliebenen Materials wird 30 Jahre dauern. Beim Hofburgbrand im Jahr 1992 konnten wertvolle Bücher gerade noch gerettet werden. Wenn die Werke auch in elektronischer Form und mit Sicherheitskopien vorliegen, ist dieses Wissen viel besser geschützt. Auch die Forscher reiben sich schon die Hände, die Veröffentlichung im Netz bringt ihnen neue Möglichkeiten. Plötzlich können sie auf jahrhundertealte Texte zugreifen und per Volltextsuche rastern. Wer wissen will, was Zeitgenossen über Prinz Eugen schrieben, hat es künftig leichter. Er kann den Katalog der ÖNB nach Schlagworten durchsuchen und interessante Passagen in Werken finden, die er sonst gar nicht eingesehen hätte. Durch die Digitalisierung werden womöglich spannende Bücher entdeckt, die noch niemand genau studiert hat. Bis 2016 soll der gesamte historische Bestand eingescannt sein. Was Rachinger nur auf Nachfrage sagt: Sie hatte zuerst versucht, das Geld für die Digitalisierung beim Staat aufzutreiben. Zuständig ist das Unterrichts- und Kulturministerium unter Claudia Schmied (SPÖ). Ich kann aber nicht erkennen, dass wirklich große Summen für eine Digitalisierung in die Hand genommen werden, sagt die ÖNB-Chefin. So stand sie vor der Entscheidung: Solle sie warten, bis sich der Staat eine virtuelle Bibliothek leisten will? Oder gleich mit Google zusammenarbeiten? Nicht alle jubeln über den Deal. Google ist ein umstrittenes Unternehmen, nicht nur wegen der jüngsten Datenaffäre. Der Konzern aus Kalifornien ist die einflussreichste Marke im Web, so einflussreich, dass es manchen nicht mehr behagt, welche Unmengen an Daten Google anhäuft. Ausgerechnet die Österreichische Nationalbibliothek hilft dem Internetriesen nun, seinen Informationsvorsprung auszubauen. Für den User ist das bequem: Endlich sind diese Informationen gratis im Netz einsehbar und nicht in irgendwelchen Depots versteckt. Die Politik könnte sich zurücklehnen und das Digitalisieren von Information nur noch privaten Firmen überlassen. Oder sie könnte ein Gegengewicht zu Google sein. In der Theorie versucht die EU das auch. 2008 startete die Europäische Kommission das Projekt Europeana. Die Online-Bibliothek ist die öffentliche Antwort auf Google Books allerdings eine jämmerliche. Während Googles Scanner auf Hochtouren rotieren, wirkt die Europeana nur traurig. Die Nationalstaaten knausern, deswegen finden sich weniger Werke in den Speichern der europäischen Bibliothek. Der historische Bestand der ÖNB hätte zum Datenschatz der Europeana werden können. Stattdessen kommt Google zum Zug. Zuerst scannt die Firma die Bücher ein, dann bekommt die Nationalbibliothek eine Kopie davon. Eine Kopie der Kopie geht danach an die Europeana. "Das hätte das größte Demokratisierungsprojekt der Europäischen Union werden können", klagt Benedikt Föger, Vorsitzender des Österreichischen Verlegerverbandes. Ihm wäre es lieber, der Staat hätte die 30 Millionen Euro selbst gezahlt, die Werke nicht mit Google geteilt und nur der Europeana gegeben. Bei dieser Frage geht es ganz grundsätzlich darum, ob man Kulturgüter teilen will noch dazu mit einem privaten Anbieter. Allerdings liefert Google den europäischen Internetusern im Gegenzug auch Werke amerikanischer Bibliotheken, etwa der Universitäten Harvard und Stanford. Was wirklich fehlte, war die Debatte. Während die Politik schlief und die Öffentlichkeit von nichts wusste, sicherte sich Google die Daten. Bekannt wurde das erst, als die Verträge schon unterschrieben waren. Vielleicht wäre bei einer öffentlichen Diskussion dasselbe Ergebnis herausgekommen. Vielleicht führt kein Weg an Google vorbei, weil die europäischen Staaten viel zu lethargisch sind, um das Potenzial einer Digitalisierung ihres Kulturschatzes zu erkennen. Ob man den Deal begrüßt oder nicht, entscheidend ist letztlich wohl folgende Frage: Ist eine Digitalisierung von privater Hand besser als gar keine seitens der öffentlichen Hand? Die letzten Jahre haben eines deutlich gemacht: Wenn man will, dass Gregor Mendel im Internet landet, wenn man von einer virtuellen Bibliothek und vom Zugriff auf Millionen von Büchern träumt, darf man nicht auf die Eigeninitiative des Staates warten. Dieser Artikel ist imFalter 25/10 erschienen. Illustration: Jochen Schievink "Bauen, bauen, bauen, sonst fällt ihnen nichts ein"Tuesday, June 15. 2010
Die traditionsreiche Hohe Warte soll zum Teil in Bauland umgewidmet werden. Und das ausgerechnet vor der Wien-Wahl
![]() Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, überall grünt es. Der Ausblick auf der Hohen Warte ist idyllisch. Trotzdem können sich Michael Jungwirth und Johanna Loibl nicht daran erfreuen. Die zwei Döblinger ärgern sich, wenn ihr Blick über das Fußballfeld, die überdachte Tribüne und die anliegenden Wohnhäuser schweift. Sie regen sich über die Immobiliendeals der Stadt auf. Diese will einen Teil des Areals umwidmen. Die Fläche gegenüber der Tribüne soll Bauland werden. Vier Wohnhäuser sind geplant. „Bauen, bauen, bauen, sonst fällt der Stadt Wien nichts ein“, sagt Michael Jungwirth, Obmann der Bürgerinitiative „Pro Heiligenstadt“. Er wünscht sich einen öffentlich zugänglichen Fußballplatz statt Wohnungen. Wieder gibt es Aufregung um die Hohe Warte. Die Bürgerinitiative kritisiert, wie mit kulturellem Erbe umgegangen wird. Immerhin handelt es sich um den Sportplatz des ältesten Wiener Fußballclubs, der Vienna – und eine einzigartige Naturarena in der Stadt. Auch die Grünen schalten sich ein. Planungssprecherin Sabine Gretner, die schon die Bauaffäre im Prater aufgedeckt hat, ortet Misswirtschaft. 2002 war der damalige Hauptpächter, der Fußballclub Vienna, finanziell schwer angeschlagen. Die Stadt verpachtete daraufhin das 86.000 große Gelände der „Hohe Warte Projektentwicklungs- und Errichtungs-GmbH“ (kurz: HW), eine Tochter der IG Immobilien, die der Nationalbank gehört. Im Pachtvertrag musste sich die HW verpflichten, das Sportgelände zu sanieren. Dafür durfte sie die anliegenden Parkplätze kaufen. Ein gutes Geschäft für die Pächterin, ein schlechtes für Wien, stellte der Rechnungshof 2004 fest: Die Stadt habe den Parkplatz um vier Millionen Euro zu günstig hergegeben. Dabei hatte die Stadt Wien den Deal einst damit beworben, dass die neue Pächterin aus der Hohen Warte eine „Sportanlage der Superlative“ machen und viel Geld investieren würde – ein Gegengeschäft also. Viel ist davon nicht zu sehen. Ausgerechnet dort, wo Wohnhäuser hinkommen sollen, war laut Vertrag ein Trainingsfeld vorgesehen. Dieses wurde niemals errichtet. Die Fläche gegenüber der Tribüne liegt brach, soll nun sogar in Bauland umgewidmet werden. „Der Pachtvertrag wird nicht eingehalten“, behauptet Gretner. Die Stadtregierung rechtfertigt die Umwidmung mit der wachsenden Bevölkerungszahl. „Jedes Jahr braucht Wien 7000 neue Wohnungen“, sagt Vera Layr, Sprecherin von Planungsstadtrat Rudolf Schicker (SPÖ). Doch es geht nicht nur um die Frage, wie viele Wohnungen die Stadt benötigt. Reißt hier eine alte Wiener Unsitte ein? Werden Erholungsgebiete wieder leichtfertig verbaut? Die Bürgerinitiative hofft, dass die Stadtregierung doch noch einlenkt und die umstrittene Umwidmung vor der Wiener Gemeinderatswahl absagt. Deswegen steht Michael Jungwirth auf diesem Fleck Erde. „Diese Fläche wäre eine Chance. In ganz Döbling gibt es keinen öffentlich zugänglichen Fußballplatz“, sagt der Obmann der Bürgerinitiative. Sein Problem ist nur: Auch die Immobiliengesellschaft hat ihre Chance erkannt. Dieser Bericht ist im Falter 23/10 erschienen. Bild: Julia Fuchs. Update: Im Planungsausschuss des Gemeinderats wurde der Flächenwidmungsplan doch noch umgeändert. Das Naturareal auf der Hohen Warte bleibt, wie es ist Warum verdienen gut gebildete Frauen schlecht, Frau Famira?Sunday, June 6. 2010 Nach 15 Jahren gibt es wieder einen Frauenbericht. Dieser zeigt, dass die Frauen bei der Bildung deutlich aufgeholt haben. Trotzdem verdienen sie wesentlich weniger. Ulrike Famira-Mühlberger, Arbeitsmarktexpertin des Wifo, über die Gründe.Frauen sind heute besser gebildet, zum Teil sogar besser als Männer. Warum verdienen sie trotzdem schlechter? Da sind drei Aspekte wichtig. Zum einen gibt es in den Bildungsabschlüssen eine starke Segregation. Frauen konzentrieren sich auf relativ wenige und schlechter bezahlte Berufssparten und Ausbildungen. Also zum Beispiel Sozialberufe oder geisteswissenschaftliche Studien? Genau. Der zweite Punkt ist, dass gut ausgebildete Frauen mit ähnlichen Gehältern wie ihre männlichen Kollegen im Beruf einsteigen, im Laufe der Zeit verdienen sie aber weniger wegen Karriereunterbrechungen oder geringerer Arbeitszeitflexibilität. Drittens wird übersehen, dass zwar junge Frauen besser gebildet sind, über alle Altersgruppen hinweg ist das Bildungsniveau der Frauen aber noch etwas schlechter als jenes der Männer. Wenn Frauen Kinder kriegen, schadet das ihrem Einkommen? Ja, das ist der wichtigste Faktor des Lohnunterschiedes. Wenn Frauen heiraten und Kinder kriegen, verdienen sie in der Regel weniger. Interessant ist hierbei, dass Männer durch Ehe und Kinder hingegen an Lohn dazugewinnen. Nun wird eine bessere Kinderbetreuung gefordert. Ist das der Knackpunkt, um die Lohnunterschiede zu beseitigen? Ja. Ganztägige leistbare Kinderbetreuungsplätze sind der Knackpunkt. Wichtig ist auch die Ganztagsschule, denn nicht nur kleine Kinder brauchen Betreuung. Außerdem gehören die Männer stärker eingebunden. Das „Use it or lose it“-Prinzip des Kinderbetreuungsgeldes sollte verstärkt werden. Wenn die Väter die Karenz nicht in Anspruch nehmen, verliert die Familie den Anspruch auf die Karenzzeit. "Am Apparat" ist die Telefonkolumne des Falter. Dieses Interview ist in Ausgabe 22/10 erschienen. Das obige Foto ist ein Toilettenzeichen aus Südtirol. Credit: Flickr-User Niccolò Caranti "Wir hängen nicht am Gängelband"Tuesday, May 18. 2010
Brigitte Kulovits-Rupp ist die erste Frau an der Spitze des ORF-Stiftungsrats. Sie fordert mehr Geld für echtes Programm und die Einführung ethischer Richtlinien
Es war eine echte Überraschung. Stiftungsrats gewählt. Und das mit deutlicher Mehrheit. 31 der 35 Stiftungsräte stimmten für die SPÖ-Kandidatin, erstmals führt eine Frau das oberste Kontrollgremium am Küniglberg an. Die ÖVP sicherte sich im Gegenzug die Leitung des Finanz- und Programmausschusses. „Alten Proporz“ nennt die Presse das, „politische Willkür“ sieht das Profil. Wie denkt Kulovits-Rupp über ihre Wahl? Wie nimmt sie den Einfluss der Politik wahr? Und welche Schwerpunkte will sie in den kommenden vier Jahren setzen? Darüber sprach Kulovits-Rupp in ihrem ersten Interview als Vorsitzende, das sie dieser Zeitung gab.Falter: Frau Kulovits-Rupp, sind Sie eine Proporzlösung? Brigitte Kulovits-Rupp: Nein, ich bin keine Proporzlösung. Es ging darum, einen mehrheitstauglichen Kandidaten oder eine mehrheitstaugliche Kandidatin zu finden, und es gab sehr großen Zuspruch für meine Person, nicht nur von Rot und Schwarz. Dabei waren ursprünglich nicht Sie, sondern ein unabhängiger Vorsitzender geplant. Warum kam es nicht dazu? Kulovits-Rupp: Ich weiß nicht, von wem das geplant gewesen sein soll. Die Entscheidung, wer dem Stiftungsrat vorsitzt, fällt im Stiftungsrat. Die Mitglieder sind weisungsgebunden und unabhängig und haften für ihre Beschlüsse mit dem Privatvermögen. Ich glaube nicht, dass diese Personen am Gängelband irgendwelcher Entscheidungsträger hängen. Nun wird aber ein Teil der Stiftungsräte von der Politik berufen. Sie sind überdies die Wunschkandidatin der SPÖ, ihr Vize der Kandidat der ÖVP. Inwiefern passt das mit dem Anspruch der Unabhängigkeit zusammen? Kulovits-Rupp: Der Stiftungsrat wird zum Teil von der Politik beschickt, natürlich spielt sich das nicht in einem Vakuum ab, sondern hat gesellschaftspolitische Relevanz. Auch in der Gesellschaft spielen die Parteien eine Rolle. Mich irritiert, dass dem Stiftungsrat jahrelang vorgeworfen wird, er ist ein zerstrittener Haufen und kriegt nichts auf die Reihe. Und nun haben wir einen Beschluss mit sehr breiter Mehrheit, und es heißt daraufhin, es würde gemauschelt. Es ist der Sache nicht dienlich, das immer nur negativ zu kommentieren. Ich hoffe, dass der Stiftungsrat in Zukunft gemeinsam nach außen hin auftreten kann. Sie möchten sich als Vorsitzende künftig auch stärker mit dem ORF-Programm befassen. Was wollen Sie da diskutieren? Kulovits-Rupp: In den letzten Jahren hat sich der Stiftungsrat großteils mit Finanzfragen beschäftigt. Natürlich sind geordnete Finanzen die Voraussetzung für ein gut funktionierendes Unternehmen. Der eigentliche Zweck des ORF ist es aber, Programm zu machen. Es ist an der Zeit, dem mehr Augenmerk zu schenken. Der ORF strahlt im Jahr an die 120.000 Programmstunden aus, doch in der letzten Zeit stand immer weniger Geld fürs Programm zur Verfügung. Dabei sind gerade die Eigenproduktionen beim Publikum beliebt, und wenn man mehr Eigenproduktionen will, muss man entsprechende Mittel zur Verfügung stellen. Die ÖVP pocht aber weiterhin auf einen Sparkurs. Widerspricht das nicht Ihren Vorstellungen? Kulovits-Rupp: Sparen ist kein Selbstzweck. Es ist klar, dass das Unternehmen ein Strukturproblem hat. Dieses gilt es zu lösen. Aber man muss festlegen, was der Kernbereich des ORF ist. In den letzten Jahren hatten wir eine Diskussion über die Definition des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Da gibt es zwei Extrempositionen. Die einen meinen, der ORF soll nur das machen, womit niemand Geld verdienen kann. Er soll eine elektronische Wiener Zeitung werden. Auf der anderen Seite gibt es den Anspruch eines Vollprogramms, mit allem, was dazugehört, jeder Sportart, allen Sportrechten. Da wird man einzeln klären müssen: Kann, will und muss ich mir das leisten? Und wie definieren Sie den öffentlich-rechtlichen Auftrag? Brigitte Kulovits-Rupp sitzt seit 2001 im ORF-Stiftungsrat, die 51-Jährige leitet in ihrem Hauptberuf die Öffentlichkeitsabteilung der Arbeiterkammer Burgenland. Vor der Wahl zur neuen Vorsitzenden führte sie bereits den Programmausschuss. Ihre ersten Erfahrungen im ORF sammelte sie 1978, als sie am kritischen Jugendmagazin „Ohne Maulkorb“ mitarbeitete. Kulovits-Rupp studierte Publizistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaften, ist verheiratet und hat drei Kinder In den letzten Monaten gab es immer wieder Diskussionen über die Unvereinbarkeit, darüber, was ein ORF-Moderator in seiner Freizeit tun, womit er zusätzlich Geld verdienen darf. Sind Sie für niedergeschriebene einheitliche Regeln? Kulovits-Rupp: Ja. Diesen Punkt habe ich mir vorgenommen und auch schon Gespräche geführt. Natürlich muss man unterscheiden, ob jemand fest beim ORF angestellt ist oder nur nebenbei für ihn arbeitet, ob jemand eine Informations- oder eine Unterhaltungssendung moderiert, ob er Redakteur oder Programmverantwortlicher ist. Man wird nicht jeden Einzelfall mit Richtlinien regeln können, aber Grundsätze soll es schon geben. Sollen ethische Fragen generell schriftlich geregelt werden? Kulovits-Rupp: Ja, im Zuge der Diskussion um die „Schauplatz“-Reportage wurde auch die Einsetzung einer Arbeitsgruppe zu Programmrichtlinien zugesichert. Ich finde es eine wichtige Aufgabe, zu regeln, was für Journalisten zulässig ist und was nicht. Dadurch gibt man den Mitarbeitern auch eine gewisse Sicherheit. Im Parlament liegt derzeit das neue ORF-Gesetz. Wie denken Sie darüber? Kulovits-Rupp: Das Gesetz schafft klarere Spielregeln, auch was die Aufsicht betrifft. Die unabhängige Medienbehörde ist grundsätzlich gut, Klärungsbedarf besteht aber noch, was mit der Verantwortung und Haftung passiert, wenn diese Behörde Beschlüsse des Stiftungsrats aufhebt. Ihr Vorgänger, Klaus Pekarek, sprach sogar von einer Entmachtung des Stiftungsrats durch die Medienbehörde. Kulovits-Rupp: Das sind scharfe Worte, die das plakativ ausdrücken. Ich denke, dieser Punkt ist noch nicht ausdiskutiert und es wird darauf ankommen, wie die Formulierung letztlich verfasst ist und ausgelegt werden kann. Macht es einen Unterschied, dass Sie nun die erste Frau an der Spitze des Stiftungsrats sind? Kulovits-Rupp: Einen großen sogar. In den letzten Tagen gab es sehr bissige Kommentare, auch einen Leitartikel, in dem ich als Person und meine Kollegin Margit Hauft (Anm.: die neue Leiterin des Programmausschusses) sehr kritisch betrachtet wurden. Ich glaube, das passierte auch deswegen, weil wir Frauen sind. Und sollte ich in meiner Position keine gute Figur machen, wird es jene geben, die sagen: „Na eh klar, ist halt so, weil sie eine Frau ist.“ Wirkt sich die Tatsache, dass Sie eine Frau sind, auf die Führung des Stiftungsrats aus? Kulovits-Rupp: Ich denke schon. Ich kann mich an stundenlange Diskussionen im Gremium erinnern, in denen nicht erkennbar war, worum es ging. Mir erschien das als Hahnenkämpfe. Ich schätze effizientes Arbeiten und Diskussionen, in denen nahezu jede Facette beleuchtet wird. Aber ich halte wenig davon, das als Podium für Selbstdarstellung zu nutzen. Jetzt brodelt schon wieder die Gerüchteküche. Es heißt, die ORF-Direktoren könnten frühzeitig ausgetauscht werden, also vor Ende 2011. Ist da was dran? Kulovits-Rupp: Diese Frage stellt sich derzeit nicht, die Diskussion halte ich für überflüssig. Im ORF gibt es immer solche Gerüchte, sie werden auch bewusst lanciert. Ist der ORF eine Schlangengrube? Kulovits-Rupp: Er ist zumindest heikles Terrain. Als Schlangengrube würde ich ihn nicht bezeichnen. Unter Journalisten versucht jeder, dem anderen voraus zu sein, Entwicklungen vorwegzunehmen und als Erster auf einer Neuigkeit zu sitzen. Vielleicht führt das manchmal zu solchen Spekulationen, näher will ich mich dazu aber nicht äußern. Dieses Interview ist im Falter 17/10 erschienen. Credits: Flickr-User Martin & Julia / ORF Kundendienst Lauter, schriller, billigerMonday, May 17. 2010 Die Qualitätsmedien stehen am Abgrund, die Schreihälse geben den Ton an, erklärt der Soziologe Kurt ImhofWie schädlich sind schlechte Medien für die Demokratie? Dazu forscht der Schweizer Kurt Imhof. Sein Urteil ist ernüchternd. Der Soziologe attestiert der Medienlandschaft einen Qualitätszerfall seit den Siebzigerjahren, der sich nun auf Politik und Gesellschaft auswirkt und Rechtspopulisten beflügelt. Welche Lösungen es geben könnte und welche Rolle das Internet dabei spielt, erklärt er im Gespräch. Falter: Herr Imhof, bei Ihren Thesen bekommt man den Eindruck: Wir verdummen alle und schuld sind die Medien. Was läuft in Ihren Augen falsch? Kurt Imhof: Durch die Kommerzialisierung ist das Qualitätsbewusstsein für Journalismus verlorengegangen. Dieses Bewusstsein, dass guter Journalismus die Voraussetzung für Demokratie ist. Aber wenn wir von Schuldigen sprechen, sollten wir die Verhältnisse nicht vergessen: Tatsächlich haben die Medien nicht mehr die nötigen Ressourcen. Ihre Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr, und das Publikum macht immer weniger einen Unterschied zwischen Qualitäts- und anderen Medien. Warum nicht? Imhof: Das wurde stark von der Gratiskultur befördert. Wenn man Informationen kostenlos beziehen kann und diese Informationen scheinbar ausreichen, um sich in der Welt zu bewegen, dann können die Leserinnen und Leser nicht mehr zwischen gutem und schlechtem Journalismus unterscheiden. Wir können auch nicht vom Publikum verlangen, dass es die Zeitungen der 60er- und 70er-Jahre mit den gegenwärtigen vergleicht und feststellt: Herrgott nochmal, wir haben nur noch Human Interest, Personalisierung und Skandalisierung! Was finden Sie am Human Interest, dem Fokus auf menschliche Geschichten, so schlimm? Imhof: Human Interest bezieht sich auf Charakterdefizite, persönliches Versagen und Abweichungen von der Norm. Diese subjektive Innerlichkeit des Menschen zu betrachten, ist sehr viel einfacher, als über Sachverhalte zu informieren. Das ist eine Komplexitätsreduktion und fördert auch den Wahlerfolg populistischer Akteure. Was halten Sie für den richtigen journalistischen Umgang mit den Rechtspopulisten? Imhof: Die Nachrichtenwertlogik müsste im Grunde verleugnet werden. Wenn die FPÖ etwas einbringt, ist das spektakulär und die Medien reagieren darauf. Das widerspricht aber dem Gebot der Aufklärung: Bei der sollte die sanfte Gewalt des besseren Arguments überzeugen – und nicht der Schreihals. Und die Folgen? Imhof: Die Gefahr kann man ganz drastisch auf den Punkt bringen. In den 20er- und 30er-Jahren kamen die Austrofaschisten und die NSDAP mit ihren medienwirksamen Aktionsformen zum Erfolg, weil sie in Österreich und Deutschland über eine Mehrheit rein kommerzialisierter Medien verfügten. In der Schweiz hingegen trafen sie auf ein Mediensystem, das primär von der Parteizeitung geprägt war, und erhielten keine Resonanz. Das heißt, die Struktur der öffentlichen Kommunikation entscheidet über die Struktur des politischen Systems. Wir sind nicht so weit wie in der Zwischenkriegszeit. Diese hat uns aber gelehrt, auf die öffentliche Kommunikation zu achten. Heute haben wir doch eine viel größere Medienpluralität. Widerspricht das nicht Ihrer These? Imhof: Nein, was als Pluralität erscheint, ist eine Nivellierung nach unten. Der Medienkonsum orientiert sich ganz stark an Generationen und Bildungsschichten. Die hoch emotionalisierten politischen Ereignisse erreichen bei den qualitativ schlechtesten Medien die höchste Resonanz und sind für politische Kampagnen ausschlaggebend. Das politische Personal muss sich immer stärker auf die Billigmedien ausrichten, und das verändert die Qualität der öffentlichen Auseinandersetzung. Was wäre Ihr Gegenentwurf? Imhof: Es braucht drei Maßnahmen. Wir müssen zum einen die Medienkompetenz an den Schulen fördern. Jugendliche können nicht mehr zwischen Qualitätsmedien und Billigmedien unterscheiden. Dabei ist das eine Voraussetzung, um die Demokratie aufrechtzuerhalten. Zweitens brauchen wir eine unabhängige Beobachtung der Medienqualität selbst, also ein Jahrbuch, das einen Qualitätsvergleich macht und die Wirkungen des Qualitätszerfalls aufzeigt. Drittens müssen wir uns im Klaren sein, dass die Medien nicht mehr über rein kommerzielle Einnahmen gesichert werden können. Es braucht im Printbereich Stiftungsmodelle mit zivilgesellschaftlichen und öffentlichen Mitteln, die qualitativ hochwertigen Journalismus sichern. Der Staat soll also einspringen, weil sich die herkömmlichen Medien nicht mehr rentieren? Imhof: Ja, klar. Wir sind uns einig, dass wir den öffentlichen Verkehr mit öffentlichen Mitteln fördern sollen. Natürlich sollen wir auch den öffentlichen Informationsverkehr auf diese Weise fördern. Und wie soll Ihr Stiftungsmodell aussehen? Imhof: Das gibt es so noch nicht. Es muss so eingerichtet werden, dass zivilgesellschaftliche und öffentliche Mittel vorhanden sind und der Staat nicht lenkend eingreifen kann. Im angelsächsischen Raum finden sich Medien, die bereits durch einzelne Stiftungen unterstützt werden. In den USA fördert eine Stiftung zum Beispiel Recherchejournalismus. Diese gutrecherchierten Artikel können sich dann Medien billig kaufen. Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Solche Stiftungen werden oft von der Privatwirtschaft finanziert. Wie kann man verhindern, dass Medien zum Sprachrohr großer Konzerne werden? Imhof: Diese Institutionen muss man so zusammensetzen, dass ihre Unabhängigkeit gewährleistet ist. Und man muss die Mittelvergabe an klare Qualitätskriterien knüpfen. Die andere Lösung wäre, dass Menschen wieder Geld für gute Medien ausgeben. Imhof: Das setzt aber voraus, dass die Qualitätsunterschiede überhaupt wieder beim Publikum wahrgenommen werden – und dass die Qualität steigt. Kurt Imhof ist Soziologe und Publizistikwissenschaftler an der Universität Zürich. Der 54-Jährige war im Rahmen der Hedy Lamarr Lectures zu Gast in Wien und sprach über die mediale Wissensvermittlung im Wandel Imhof: Ja, wir beobachten eine Nivellierung nach unten. Die internationalen Qualitätsmedien stehen alle am Abgrund. Le Monde, Guardian, Süddeutsche, FAZ, NZZ etc. müssen sparen. Bei der New York Times gibt es eine akute Übernahmegefahr durch den wichtigsten mexikanischen Telekomunternehmer. Die Verlegerfamilie denkt über einen Verkauf der Zeitung nach, solange noch etwas herauszuholen ist. Besteht das Problem darin, dass Medien wie ein normales Produkt gehandelt werden? Imhof: Ja, in der Moderne waren Medien die meiste Zeit Weltanschauungsorgane, Aufklärungs- oder Gesinnungsmedien. Sie hatten in erster Linie den Staatsbürger im Auge, nicht den Medienkonsumenten. Aber heute will doch keiner von sich sagen, dass er Gesinnungsjournalismus macht. Imhof: Das stimmt. Der Weg zurück zu den Weltanschauungsmedien ist nicht möglich, schon deshalb, weil die Parteien kein Geld haben. Es ist aber wichtig, unabhängige Meinungsblätter zu haben, mit qualitativ hochwertigem Journalismus auf Basis ressourcenstarker Redaktionen. Seit wann beobachten Sie diesen Verfall der Qualität? Imhof: Wir haben die wichtigsten Kommunikationsereignisse der letzten 100 Jahre in der deutschsprachigen Schweiz analysiert. Der drastische Einbruch begann in den 70er-Jahren, wurde in den 80er- und 90er-Jahren beschleunigt. Und jetzt sind wir so weit, dass die politischen Wirkungen auch sichtbar werden. Viele Menschen hoffen nun auf das Internet und die neuen Medien: Facebook, Twitter und Co. Sehen Sie hier das Potenzial zu verstärkter öffentlicher Kommunikation und mehr Kontrolle? Imhof: Da müssen wir zwei Unterscheidungen machen. Erstens: Die Qualitätsmedien haben Ableger im Internet, im Regelfall findet sich dort die qualitativ dünnere Ausgabe der Originalmedien mit wesentlich mehr Agenturmeldungen und schlechter ausgestatteten Redaktionen. Aber immerhin kann man die internationalen Qualitätszeitungen Le Monde, New York Times etc. online lesen. Zweitens haben wir die neuen Interaktionsmedien wie Twitter und Facebook, also die Social Networks. Dort verfassen die Leute in erster Linie Botschaften über sich selbst oder ihre subjektive Befindlichkeit und inszenieren sich selbst. Wir haben es hier nicht mit Kommunikation zu tun, die alle etwas angeht, sondern mit Kommunikation, die nur die Gemeinschaft etwas angeht. Und zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft besteht ein Unterschied. Im Internet gibt es für jeden Menschen seine Community. Der Autonarr besucht ein Autoforum, der Anhänger einer Partei spricht mit Gleichgesinnten. Zerbröselt die Gesellschaft im Netz? Imhof: Sie löst sich in Gemeinschaften auf. Aber die Moderne ist abhängig von einer gesellschaftlichen Organisationsform. Bei den Mehrheitsabstimmungen prägen Bürgerinnen und Bürger die Demokratie, die sich gar nicht kennen. Dafür brauchen wir eine – über die Gemeinschaft hinausgehende – öffentliche Kommunikation. Also die klassischen Medien. Imhof: Ja. Aber klassische Medien kann es im Internet oder anderswo geben. Die Übermittlungsform ist nicht das Entscheidende. Nur eine gutausgestattete Redaktion macht den Unterschied. Dieses Interview ist im Falter 16/10 erschienen. Credits: Jochen Schievink / Heribert Corn
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"Du bist Bombe!"Wednesday, May 5. 2010
Was ist nur los mit diesen Kids? Warum reden sie so seltsam? In Wien entwickelt eine Migrantengeneration ihren eigenen Slang. Höchste Zeit, ihnen zuzuhören
![]() „Wie geht’s, Hurensohn?“, „Seas Wixer!“ So begrüßen sie sich. „Wir sind Prater“, „Gemma Lugner“. So vertreiben sie sich ihre Zeit. „Du bist Bombe!“ „Oida, i pock di net.“ So machen sie einander Komplimente. In den Wiener Gürtelkäfigen, den Parkanlagen und Gemeindebauten haben die Nachkommen der einstigen Gastarbeiter ihre eigene Sprache gefunden. Artikel und Präposition werden überflüssig, die Kinder sprechen einen Mix aus Wienerisch, Serbisch, Türkisch und anderen Einflüssen. Ghettodeutsch. Türkendeutsch, Jugendsprache. In Wien gibt es noch keinen eindeutigen Begriff dafür. Wer an einem warmen Frühlingstag durch den Prater flaniert, hört aber überall diesen Slang. „Oida, komm jetzt. Du bist mit mir“, sagt ein Mädchen. Sie zieht ihre Freundin am Arm und will Karussell fahren. „Nein, heast, ich bin nicht mit dir!“, widerspricht die andere. Ein paar Meter entfernt steht eine Gruppe von Jungs. Sie sind erst 14 bis 16 Jahre alt, aber schon extrem cool: Mit Baseballkappe, ärmellosem Shirt und abgebrühtem Blick – der eine trägt den türkischen Halbmond am Halsketterl, der andere die tschetschenische Flagge am Kapperl. „Wir sind TKP“, stellen sich die Burschen vor – so als ob die ganze Welt wüsste, dass „TKP“ der Theodor-Körner-Park in Meidling ist. Die Grünanlage ist der Mittelpunkt der Gang, gerne gehen sie auch in den Prater. Hier, neben Achterbahnen und Schießbuden, treffen sich viele Kids aus Meidling, Rudolfsheim-Fünfhaus und Brigittenau. Eine Clique aus dem 20. Bezirk ist gerade eingetroffen. „Gemma Space Shot“, sagt die eine. „Willst du Schlange warten?“, fragt die andere und zeigt auf die Wartenden. Ein Bursche fällt ihnen ins Gespräch. „Wo ist Tabak“, will er wissen. Und dann auf Türkisch: „Tabak nerede?“ „Tabak nerede“ ist auf Türkisch mindestens genau so falsch wie „Wo ist Tabak?“ auf Deutsch. Untereinander sprechen die Kids eine vereinfachte Form ihrer Muttersprache oder des Deutschen. „Halbsprachigkeit“ nennen Politiker das und warnen vor Ghettobildung. „Die Entwicklung zu Parallel- und Gegengesellschaften hat längst stattgefunden“, sagt die FPÖ. Selbst die Grünen sind alarmiert. „Viele Kinder beherrschen weder ihre Muttersprache noch Deutsch ordentlich. Das ist die schlechteste Voraussetzung für einen jungen Menschen“, meint die grüne Bildungssprecherin Susanne Jerusalem. Es ist klar, dass im kommenden Wahlkampf viel über diese Jugendlichen geredet werden wird. In den Wiener Pflichtschulen hat bereits jedes zweite Kind Migrationshintergrund. Ich ficke deine Mutter! Dieser Artikel ist die Cover-Geschichte des Falter 18/10 Solche Wörter lernt man, wenn man das Jugendzentrum im 20. Bezirk besucht. Im Freien sitzen ein paar Halbstarke, sie reden Türkisch, spucken viel auf den Boden und erzählen sich, wie cool sie sind. Wenn einer von außen an sie herantritt, tun sich die Burschen schwer. Auf Deutsch wirken sie unsicher, auf Türkisch werden sie ordinär und machen obszöne Handbewegungen. Dann spucken sie wieder auf den Boden. Pubertierende Jugendliche, die um Anerkennung in ihrer Clique kämpfen und sich gegenseitig verbal befetzen: „Ich ficke deine Mutter, ich ficke deine Muschi.“ Das sind die Kids, über die sich die FPÖ echauffiert. Aber die Kritik der Rechtspopulisten greift zu kurz. Diese Burschen sind selbst das, was sie als Schimpfwort sehen: Opfer. Viele hatten schlechte Startbedingungen. Ihre Eltern stammen aus bildungsfernen Schichten, unser Schulsystem sondert die Kinder mit zehn aus. Wer in Deutsch Probleme hat, landet schnell in der Hauptschule. Viele dieser Teenager verstehen Worte wie „Budget“ oder „Schattenseite“ nicht. Sie werden niemals eloquent beim Bewerbungsgespräch auftreten können. Wer Glück hat, macht nach der Hauptschule eine Lehre. Viele sind arbeitslos. Sprache wäre für die Burschen die große Aufstiegschance. Das inkludiert auch, dass sie ihre Muttersprache beherrschen – egal, ob Türkisch, Bosnisch oder Englisch. Wer seine Muttersprache richtig spricht, lernt leichter Deutsch. Das zeigen linguistische Studien. Die Sprachforscherin Katharina Brizić hat die Eltern von Wiener Grundschülern mit Migrationshintergrund interviewt und stellte fest: Jene Kinder, die zuhause Deutsch sprechen, sind in der Schule besonders schlecht in Deutsch. Klingt überraschend, ist aber logisch. Wenn die Eltern zuhause ein fehlerhaftes Deutsch sprechen, lernen die Kinder das falsch. Gleichzeitig geht Sprachpotenzial verloren. Zum Beispiel erzählen Eltern ihren Kindern keine Geschichten mehr, dazu fehlt ihnen das Vokabular in der neuen Sprache. Doch gerade das Märchenerzählen hilft Kindern beim Spracherwerb. Angesichts solcher Erkenntnisse müsste sich die Integrationspolitik gänzlich neu orientieren. Die Botschaft sollte sein: Türken, lernt Türkisch! Serben, lernt Serbisch! Des sog i di Derzeit hängt es vom Zufall und vom Einsatz jedes Einzelnen ab, ob er seine Muttersprache lernt. Die 25-jährige Linda Say hat sich als Jugendliche dazu aufgerafft. Sie begann, selbstständig türkische Bücher zu lesen. „Türkisch und Deutsch sind zwei schöne Sprachen. Man sollte sie richtig sprechen können“, meint Say heute. Sie arbeitet als biomedizinische Analytikerin und schreibt nebenher für das Migrantenmagazin Biber. Das Türkisch in den Gürtelkäfigen hat nur wenig mit der Schriftsprache der Istanbuler Bildungsbürger zu tun. Vielen jungen Migranten wurde nie die Grammatik ihrer Muttersprache erklärt. Kinder brauchen aber Sprachunterricht. Man stelle sich vor, die österreichische Landjugend, zum Beispiel in der Südsteiermark, würde nicht Schriftdeutsch lernen. Bis zum Schuleintritt können viele Kinder den dritten und vierten Fall nicht unterscheiden. „Des sog i di“, sagen sie in der Klasse. Und der Lehrer bessert sie aus: „Das heißt nicht: ‚Das sag ich dich.‘ Das heißt: ‚Das sag ich dir.‘“ Ähnlich ist das bei den Kindern der Gastarbeiter. Linda Say hat sich selbst die türkische Schriftsprache angeeignet, aber nur wenige haben diese Energie. Oft sind es überdies jene, die ohnehin schon erfolgreich in der Schule strebern. Say ging ins Gymnasium, studiert nun auch Arabisch. Für Biber führt sie Interviews auf Türkisch oder wird für eine Woche auf Recherche nach Istanbul geschickt. Da sieht man den Nutzen der Zweisprachigkeit: Eine Millionenstadt wie Wien bräuchte viel mehr Ärzte, Juristen, Polizisten oder Lehrer, die eine Einwanderersprache beherrschen. Aber haben Aufsteiger wie Linda Say und Problemfälle wie die Burschen im Jugendzentrum überhaupt etwas gemein? Ja, denn sie alle würden von muttersprachlicher Förderung profitieren. Das erkennen mittlerweile immer mehr Schulen. In der Schopenhauerstraße 79, einer engagierten Hauptschule im 18. Bezirk, wird etwa dreisprachig unterrichtet: Auf Deutsch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Türkisch. „Grčka“ statt „Griechenland“ Freitag, 10 Uhr. In der Geografiestunde präsentieren die Schüler ihre Gruppenarbeit. Zwei Mädchen stehen an der Tafel, sie haben ein Plakat zum Thema Griechenland, genauer gesagt zu „Grčka“, gemalt. Der Text ist Serbisch, Ivana übersetzt ihn für die Klasse ins Deutsche. „Die Fläche ist 130.000 Quadratkilometer, also die Fläche beträgt 130.000 Quadratkilometer“, sagt die 15-Jährige. Man merkt, wie sehr die Jugendlichen mitdenken müssen, um für die anderen Schüler zu dolmetschen. Dadurch lernen sie aber kompliziertere Begriffe wie „Nachbarstaat“ oder „angrenzend“ in ihrer Muttersprache – und auf Deutsch. Die 4B der Schopenhauerstraße ist eine jener Klassen, über die Politiker reden: Nur ein Schüler spricht zuhause Deutsch. Der Rest verwendet eine Sprache des ehemaligen Jugoslawiens, Türkisch, Ungarisch, Rumänisch, Farsi oder Urdu Pandschabi. Mit dem dreisprachigen Projekt sollen die Kinder ihren Wortschatz erweitern. Viele Schulen hätten gute Ideen, es fehlt aber an flächendeckenden Angeboten, an muttersprachlichen Lehrern und Pädagogen, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten können. Und nicht jeder heißt die mehrsprachigen Schulprojekte gut. Die Kronen Zeitung schrieb vergangene Woche: „Aufregung herrscht an der Kooperativen Mittelschule in der Leibnizgasse in Favoriten. In einer ersten Klasse werden die Angaben für die Mathematik-Hausübung in Deutsch, Türkisch und Serbokroatisch verfasst. Zwar haben 90 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund, doch die Aufgaben sind als kinderleicht zu bewerten.“ Das Schulsystem spiegelt die gesellschaftliche Anerkennung einzelner Sprachen wider. Während man an fast jedem Gymnasium in Italienisch oder Französisch, manchmal sogar in Altgriechisch maturieren kann, gibt es noch immer kein türkisches Lehramtsstudium. Dabei kommt die Stadtbevölkerung viel häufiger mit Türkisch in Kontakt, marschiert viel öfter über den Brunnenmarkt als über die Akropolis. Ivana, das serbischsprachige Mädchen aus der 4B, steht noch immer an der Tafel und führt ihre Präsentation fort. „Griechenland ist in EU seit 1981“, sagt sie. Solche Artikel und Satzstellungsfehler passieren der Schülerin manchmal, sie kam vor sechs Jahren nach Österreich. Oft täuschen solche sprachlichen Schnitzer darüber hinweg, dass es sich um intelligente Kinder handelt. Im Gespräch sagt Ivana gescheite Sätze wie: „Hier geht es uns besser. In Serbien hatten wir keine Perspektive.“ Volim te über alles Die neue Sprache der Migrantenkinder entsteht teils durch fehlende Sprachkompetenz, teils ist sie auch selbstgewählt. „Mit den Lehrern tue ich auf brav“, sagt Ivana, „aber mit Freunden rede ich ein schmutziges Deutsch.“ Wenn sie chattet, missachtet sie jegliche Rechtschreibregeln. „Nichts“ wird zu „niks“, „jetzt“ wird „jez“, aus „Freunde“ plötzlich „frojnde“. Das schaut für deutsche Muttersprachler komisch aus, für slawischsprachige Kinder wirken diese Formulierungen stimmig. Gewissermaßen deuten sie die deutsche Rechtschreibung für sich um – oder, wie die Soziolinguistin İnci Dirim sagt: „Sie eignen sich die Sprache der Mehrheit an.“ Das Ergebnis klingt manchmal ziemlich unterhaltsam. „Du bist Bombe!“, sagen die Teenager. „Heast, Wixa, was ist mit du?“, grüßen sie sich. Und wenn Ivana ihrer besten Freundin im Chat gute Nacht sagt, schreibt sie: „VTÜA“. Kurz für: „Volim te über alles.“ Ich liebe dich über alles. Bilinguale Menschen hupfen häufig zwischen den Sprachen hin und her. Ein Satz beginnt in der Muttersprache und endet auf Deutsch. Wenn das französische Diplomatenkind so etwas macht, finden das alle charmant. Wenn der türkische Migrant das tut, wird es fast schon als Anschlag auf den ganzen deutschsprachigen Kulturkreis gedeutet. Dabei sind solche neuen Mischformen ganz normal, Linguisten sprechen von „Code-Switching“. Der Dialekt der ethnischen Minderheit heißt „Ethnolekt“. Jiddisch ist das bekannteste Beispiel dafür, es ist eine Mischung aus Mittelhochdeutsch, Slawisch und Hebräisch. „Ethnolektale Entwicklungen zeigen, dass Menschen mit Sprache arbeiten. Ich sehe das eher als Zeichen von Integration“, sagt Dirim, die eine Professur am Wiener Institut für Germanistik innehat. Gleichzeitig sei die Schule gefordert: Sie muss darauf achten, dass Kinder die Schriftsprache lernen. Manche Länder haben einen offeneren Umgang mit Zweisprachigkeit. In Kanada ist es normal, wenn Kinder im Unterricht eine Frage auf Arabisch stellen – selbst wenn der Lehrer kein Arabisch spricht. Dann übersetzt die Klasse gemeinsam die Frage. „Interkulturelles Lernen“ nennen das Pädagogen, die Kinder bekommen dabei Selbstvertrauen in die eigene Sprache. Selbstvertrauen wird nämlich unterschätzt. Wenn Kinder einen selbstsicheren Umgang mit ihrer Muttersprache haben, lernen sie besser Deutsch. Das zeigte eine Studie der Uni Wien. Dabei wurden türkische Kinder in ihrer Muttersprache individuell betreut und ihre Selbstsicherheit beim Türkischreden gefördert. In der Folge erzielten sie bessere Leistungen – auch in Deutsch. Sprache als Kampfplatz Doch gerade das Selbstvertrauen wird von Rechtsparteien attackiert. Die FPÖ will Migrantenkindern sogar verbieten, in der Pause ihre Muttersprache zu sprechen. Neu sind solche Kulturkämpfe nicht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand in französischen Schulhöfen der Hinweis: „Es ist verboten, auf den Boden zu spucken und Bretonisch zu sprechen.“ Manche sehen Sprache noch immer als kulturelle Arena, in der sich nur eine Nation, ein Volk durchsetzen kann. Realistisch betrachtet nützen solche Kampfansagen aber nichts. Die Burschen, die vor dem Jugendzentrum sitzen und wenig Zukunftschancen haben, werden nicht plötzlich brillant Deutsch parlieren – bloß weil sie am Tag ein paar Minuten mehr mit Deutsch konfrontiert sind. Die TKP-Gang wird nicht plötzlich die Sprache ihrer Eltern ablegen, das würde ja eine Entfremdung von der Familie bedeuten. Gleichzeitig wird die Gesellschaft diese Kinder aber auch nicht los. Ob du’s glaubst oder nicht, Oida. Das obige Bild zeigt die Jungs von der TKP-Gang. Sultan, Muhammed, Imran und Talha sind zwischen 14 und 16 Jahre alt. Sie haben haben indische, türkische und tschetschenische Wurzeln. Credit: Katharina Gossow Bitten und Betteln nützt nichts, ein Rauchverbot gehört her!Wednesday, May 5. 2010 Fast könnte man Mitleid bekommen. Die Wirte jammern, dass sie ab 1. Juli den Nichtraucherschutz zur Gänze umsetzen und getrennte Räume für Qualmer und Nichtqualmer anlegen müssen. Doch diese teure und umständliche Lösung haben sie sich selbst eingebrockt. Jahrelang haben sie gegen ein generelles Rauchverbot gekämpft, vor einem Wirtesterben gewarnt. Erst neulich hieß es aus der Wirtschaftskammer, dass 20 Prozent der Lokale den rigiden Nichtraucherschutz nicht überleben würden.Das ist Unsinn. Die Menschen hören nicht auf, ein Schnitzel im Wirtshaus zu essen, und sie bleiben abends auch nicht zuhause, weil sie nicht mehr an der Zigarette ziehen dürfen. Das zeigt die Erfahrung anderer europäischer Länder. So weit sind wir nur in der österreichischen Debatte noch nicht. Hierzulande wird permanent vom Recht der Raucher gesprochen. Dabei will doch niemand einem anderen verbieten, dass er privat zum Glimmstengel greift. Das kann er ruhig weiterhin vor der Tür, im Gastgarten oder zuhause machen. Nur soll er dabei nicht andere zum Mitrauchen zwingen – nicht einmal das Barpersonal. Norwegen führte 2004 ein strenges Rauchverbot ein, um Angestellte zu schützen. Solange in einzelnen Clubs oder Beisln gepofelt wird, werden dort Mitarbeiter die krebserregende Luft einatmen müssen. Es ist illusorisch zu glauben, dass nur Kettenraucher hinter der Schank stehen, die sich über eine eingeteerte Lunge freuen. Deswegen wird langfristig nichts an einem generellen Rauchverbot vorbeiführen. Die Frage ist nur, ob wir bis dahin eine hirnlose Übergangslösung brauchen. Oder lieber gleich alle frei durchatmen können. Dieser Kommentar ist im Falter 14/10 erschienen
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