Offiziell besitze ich einen RottweilerWednesday, September 1. 2010 Zur Urlaubszeit steht man vor einem echten Dilemma: Einerseits möchte man auf Facebook frohlocken, dass man ins Ausland verreist und Wohnung, Arbeit und Alltag für einige Zeit zurücklässt. Andererseits könnte diese Information von bösen Menschen missbraucht werden. Etwa von Einbrechern. Die sind leider auch schon im 21. Jahrhundert angekommen und durchsuchen das Netz gezielt nach der nächsten Beute. Nur wir überreißen oft gar nicht, welche sensiblen Daten per Mausklick ins Web wandern. Wir verplappern uns oder laden Handyfotos mit sogenannten „Geotags“ hoch. Also jener Information, wo ein Foto geknipst wurde. Das lässt mitunter Rückschlüsse zu, an welchem Ort jemand wohnt. Der Geotag ist der beste Freund des Einbrechers. Meine Lösung: Geotagging am Smartphone ausschalten und Facebook ein bisschen anlügen. Zum Abschied könnte man schreiben: „Juhu, ich fahre jetzt an den Strand, alles ist eingepackt, nur mein bissiger Rottweiler bleibt in der Wohnung zurück!“Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Diese Kolumne wurde in Ausgabe 33/10 veröffentlicht. Bild: Flickr-User Moise Nicolae Ahoi, Piraten! Nun findet die Generalprobe für die Nationalratswahl stattWednesday, August 11. 2010Vor dem Eingang des Lokals hängt die Flagge mit dem Totenkopf. Drinnen sitzt gut ein Dutzend Parteimitglieder, fast ausschließlich Männer. Sie sprechen über Werbemittel, Flyer, Infostände und haben eine große Aufgabe vor sich: Die Kleinpartei muss in jedem der 18 Wahlkreise 100 Unterstützungserklärungen sammeln, um für den Gemeinderat kandidieren zu dürfen. „Wir gehen es koordiniert an und ich bin guter Dinge“, meint Christian Marin vom Landesvorstand. Seiner Bewegung geht es um die Freiheit im Internet, die Legalisierung des Downloadens und den Schutz der Privatsphäre. Oder, wie Marin das sagt: „Unser Schwerpunkt ist die Welt der Daten, die von den anderen Parteien negiert wird.“ Der Pirat sieht die Schlacht um Wien als Generalprobe für die Nationalratswahl. Dass man seine Bewegung nicht einfach belächeln sollte, zeigt das Beispiel Schweden: Die skandinavische Piratenpartei hat es im Vorjahr ins Europaparlament geschafft. Dieser Text ist im Falter Ausgabe 31/10 erschienen. Bild: Piratenpartei Österreich
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Auch Omas Anrufe werden gespeichertSunday, August 8. 2010
Warum selbst ein gutes Gesetz nichts daran ändert, dass die Vorratsdatenspeicherung ein Fehler ist
Wenn wir ein E-Mail senden, wenn wir den Hörer in die Hand nehmen, wenn eine SMS auf unserem Handy eintrifft, wird all das registriert und ein halbes Jahr lang gespeichert. So entstehen Datenberge über jeden Bürger, der ein Telefon oder einen Internetanschluss besitzt. Für die Polizei wird nachvollziehbar, wer wann mit wem und von wo elektronisch kommuniziert. Im Fall eines Verbrechens dürfen Ermittler auf die Daten zugreifen. Das ist keine Fiktion aus einem Science-Fiction-Roman, sondern unsere Zukunft. Österreich muss die EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung umsetzen. Infrastrukturministerin Doris Bures (SPÖ) hat einen entsprechenden Gesetzesentwurf vorgelegt. Demnach müssten Telekomunternehmen Verbindungsdaten sechs Monate lang speichern. Etwa die Information, wann jemand telefoniert, ein E-Mail oder eine SMS geschrieben hat. Der Inhalt der Nachricht wird nicht aufgezeichnet. Die Polizei bekommt aber Einsicht, wer sich wann wo aufhielt und mit wem er Kontakt hatte. Diese Verpflichtung zum Datensammeln ist ein Paradigmenwechsel: Zwar speichern Telekomfirmen schon jetzt viele Daten, um diese mit dem Kunden abzurechnen. Die Polizei darf auch darauf zugreifen, wenn ein Richter dies anordnet. Neu ist allerdings dass diese Information für die Polizei gesammelt werden muss, genauso wie das Ausmaß der staatlichen Datengier. Künftig sollen auch Internet- oder E-Mail-Daten gebunkert werden, die die Firmen bisher gar nicht oder nicht so lange speicherten. Bures muss die umstrittene EU-Richtlinie in heimische Gesetze umwandeln. Die Ministerin hat das überraschend gut gemacht. Sie hat nichts übereilt im Gegenteil, Österreich hat die Umsetzung hinausgezögert. Nun legte sie einen Entwurf vor, der die Bedenken von Datenschützern, Zivilgesellschaft und Journalisten berücksichtigt. Ihr Entwurf schützt das Redaktionsgeheimnis. Auch Ärzte, Juristen und andere berufliche Geheimnisträger sind von der Kontrolle ausgenommen. Ihre Daten werden zwar aufgezeichnet, aber für die Polizei geschwärzt. So können Ermittler nicht herausfinden, wer etwa bei der Aidshilfe angerufen oder einem Medium geheime Akten zugespielt hat. Zusätzlich sieht der Entwurf eine Informationspflicht vor. Wenn die Polizei ein Handy orten lässt, muss der Betroffene dies künftig im Nachhinein erfahren. Das ist eine klare Verbesserung, da es momentan keine Informationspflicht gibt. Der Bures-Vorschlag ist also gut gemeint. Und trotzdem schlecht für jeden einzelnen Bürger. Denn die Vorratsdatenspeicherung ist in ihrem Kern problematisch, weil sie alle Bürger wie potenzielle Verbrecher behandelt. Auch eine Minimalvariante ändert daran nichts. Es ist verdienstvoll, das Redaktionsgeheimnis zu schützen. In der Praxis wird das wohl kompliziert: Es müssen Listen von Journalisten, Ärzten, Anwälten samt Handynummern und Internetaccounts erstellt und aktualisiert werden. Die wesentlichere Frage ist aber: Sollte der Rest der Bevölkerung nicht auch einen solchen Schutz der Privatsphäre genießen? Ist es ein fairer Deal für die Bürger, dass ihre gesamte Kommunikation überwacht wird, damit Terroristen und Drogendealer ausgeforscht werden können? Die Vorratsdatenspeicherung betrifft die Großmutter, die ihren Enkel anruft, den Manager, der seine Mails abruft, den Einsamen, der im Internet nach einem Partner sucht. Auch wenn niemand von ihnen je einer Straftat verdächtigt wurde, will die Polizei alle ihre Daten gespeichert haben. Befürworter der Richtlinie rechtfertigen diesen Eingriff mit dem Kampf gegen Terrorismus. Auf die Daten, sagen sie, würde nur bei schweren Straftaten zugegriffen. Schon länger zeichnet sich ab, dass Justiz- und Innenministerium diese Information auch bei leichteren Vergehen einsehen wollen: Etwa bei Urheberrechtsverletzungen oder bei Straftaten, die mit über einem Jahr Haft bedroht sind. Gewerbsmäßiger Ladendiebstahl zählt dazu. Sollen wir unsere Bürgerrechte aufgeben, um Ladendiebe oder Raubkopierer zu schnappen?Nein. Mittlerweile besteht sogar die Hoffnung, dass die EU umschwenkt. Vor fünf Jahren herrschte Panik nach den Bombenanschlägen von London. Im Eiltempo wurde die Vorratsdatenspeicherung durchs EU-Parlament gewunken. Nun werden kritische Stimmen hörbar. Bis September will die EU-Kommission eine Evaluierung der Richtlinie vorlegen. Gleichzeitig kämpft Irland beim Europäischen Gerichtshof gegen die riesige Datensammlung das Höchstgericht soll prüfen, ob diese mit den Grundrechten vereinbar sei. Ministerin Bures taktiert geschickt. Sie will den Bericht der Kommission abwarten, ehe Österreich das Gesetz beschließt. Wenn alles gut geht und Brüssel von der Bestimmung abweicht, könnte uns die Vorratsdatenspeicherung erspart bleiben. Wenn sich nichts ändert und Österreich die Richtlinie umsetzen muss, hat die Ministerin zumindest eine Vorlage zur Vorratsdatenspeicherung in der Schublade, die nicht das allerschlimmste Überwachungsgesetz ist. Bleibt zu hoffen, dass die EU zurückrudert und dass sich Österreich dafür in Brüssel starkmacht. Zum Beispiel gemeinsam mit den Iren. Es gibt nur einen guten Ausweg: Diese Richtlinie muss gekippt werden. Alles andere wäre die kosmetische Korrektur eines verpfuschten Eingriffs in die Grundrechte. Dieser Kommentar ist im Falter 31/10 erschienen. Foto: Flickr-User JPBader (John-Paul Bader) Die bösen DreiSunday, June 6. 2010
Du sollst keine Pornos schauen, wir dürfen deine Daten sammeln, verheimliche nichts vor der Welt. Google, Apple und Facebook wollen dem Konsumenten ihr Weltbild aufzwingen
Glücklich sah Mark Zuckerberg nicht gerade drein, als er seinen Text vor der Kamera ablas. Mit dem Video richtete er sich an seine 400 Millionen Facebook-User und versicherte ihnen, die Privatsphäre-Einstellungen würden nun nachgebessert. Alle wichtigen Optionen sollen künftig auf einer Seite zusammengefasst werden. So werde es einfacher, sich vor fremden Blicken zu schützen.Ehe es zu dieser Einsicht kam, musste Zuckerberg öffentlich abgemahnt werden. „Facebook gerät außer Kontrolle“, schrieb das bedeutsame Technikmagazin Wired. Und die New York Times fragte, ob die Regierung einschreiten solle. Zuckerbergs Einlenken ist bezeichnend für Facebook. Ständig führt die Social-Network-Seite Änderungen durch, die den Usern die Kontrolle ihrer Privatsphäre erschwert. Erst wenn genügend Kunden vor Wut aufschreien, rudert Firmenchef Zuckerberg zurück. Aber Facebook ist nicht das einzige Unternehmen in Erklärungsnot. Derzeit stehen jene drei Weltkonzerne in der Kritik, die wohl die größten Profiteure der vernetzten, mobilen Web-Gesellschaft sind: Facebook, Google und Apple. Der Erste soll die Nutzer zunehmend zum Offenlegen ihrer persönlichen Informationen drängen. Der Zweite hat Daten abgefangen, die ihn nichts angehen. Und der Dritte entscheidet allein, welche Programme aufs iPhone und iPad dürfen – und welche nicht. Unterschiedliche Kämpfe tragen die drei Firmen aus. Es geht um Datenschutz, Kundenfreundlichkeit, Zensurvorwürfe. Wegen des Gewichts der Unternehmen geht es aber auch um die Frage: Wer bestimmt Vision und Norm für das digitale Zeitalter? Sind das Facebook, Google und Apple? Google hatte schon immer eine Mission: Finde alle Informationen dieser Welt, organisiere sie und mache sie zugänglich. Zuerst brachte die Suchmaschine Ordnung ins Chaos namens World Wide Web. Dann verbreitete es Nachrichten, Bücher und Satellitenaufnahmen. Seit 2007 sendet der Konzern Autos mit eingebauten Kameras aus. Für den Dienst „Google Street View“ fotografieren die Fahrzeuge ganze Straßenzüge und Städte. Die reale Welt soll eingefangen, digitalisiert und offengelegt werden. Dabei ist dem Unternehmen neulich ein Hoppala passiert. Seine Street-View-Autos haben sensible Daten eingefangen. Versehentlich, sagt Google. Auch in Österreich ist das passiert, wie der Falter berichtete. Das börsennotierte Unternehmen macht vieles, von dem die User nichts wissen. Google-Autos knipsen nicht nur Fotos, sie erfassen auch Daten offener Funknetzwerke, sogenannter WLANs. Mit diesen Standortdaten soll die Firma künftig Handybesitzer leichter orten können. Doch beim Ausforschen der WLAN-Standorte speicherte das Unternehmen private Informationen ab, etwa E-Mails. Österreich will nun strengere Gesetze einführen und solches Datensammeln unter Strafe stellen. Der Einsatz der Street-View-Autos ist vorerst verboten. Mit den Datenmengen macht Google Geld, fast 24 Milliarden Dollar Umsatz waren es im Vorjahr. 97 Prozent davon sind Werbeeinnahmen. Je mehr Dienste Google ins Web stellt, desto mehr Klicks, desto genauere Informationen über seine User und desto mehr Anzeigengelder generiert es. Mit seinem Handy Nexus One und dem eigenen Mobiltelefon-Betriebssystem ist Google nun auch am mobilen Werbemarkt aktiv. Dieser Artikel ist die Cover-Geschichte des Falter, Ausgabe 22/10 Das Problem daran: Google scannt zuerst und fragt später. Bei den „Google Books“ kam es erst nach Gerichtsterminen, Protesten europäischer Politiker, Autoren und Verlage zu einer Einigung. Für die einen ist Google eine Chance, auf nie da gewesene Informationsmengen zuzugreifen. Für die anderen ist es eine Gefährdung ihrer Einnahmequellen oder Privatsphäre. Facebook wendet einen anderen Trick an. Während Google selbst alles abfotografiert, motiviert das Netzwerk seine Mitglieder, ihre Daten und Fotos hochzuladen. Das ermöglicht neue Werbeformen. „Händler wissen das schon lange: Wenn mir etwas von einem Freund empfohlen wird, tue ich das viel eher“, sagt etwa Sheryl Sandberg, Chief Operating Officer des Webdienstes. Eine Milliarde Dollar Umsatz könnte Facebook heuer erstmals machen, rechnet das Branchenblog „Inside Facebook“ vor. Der 26-jährige Firmenchef Zuckerberg läuft im Kapuzenpulli herum, gibt sich idealistisch und spricht darüber, wie er seinen Usern die Kontrolle über ihre Daten ermöglicht. Doch gerade diese Kontrolle wurde mit der Zeit schwieriger. Anfangs waren alle User-Profile privat, heute sind sie standardmäßig öffentlich. Wer profitiert davon? Facebook. „Bait and switch“, ködern und umstellen, nennt der Jurist Chris Hoofnagle vom Berkeley Center for Law & Technology diese Praxis. Facebook und Google seien Meister darin. „Früher haben Firmen ein Produkt beworben und dann ein anderes verkauft, wenn der Kunde ins Geschäft kam. Heute passiert das nach und nach, das Unternehmen startet mit privatsphärefreundlichen Einstellungen und bewegt sich langsam weg davon.“ Google sei dazu übergegangen, das Surfverhalten seiner User zu dokumentieren und diese dann gezielt zu bewerben. „Anfangs warb die Firma noch damit, dies nicht zu tun“, sagt Hoofnagle. Als Google dies später änderte, habe es das nicht einmal den Usern kommuniziert. Die Kritik an der Datengier und dem Transparenzdrang können die Firmenchefs oft nicht nachvollziehen. Das liegt auch an ihren Wertvorstellungen. „Wir haben eine Identität. Die Tage, an denen man ein anderes Auftreten gegenüber den Freunden oder den Arbeitskollegen pflegte, kommen bald zu einem Ende. Zwei Identitäten zu haben, ein Zeichen von fehlender Integrität“, sagte Zuckerberg. Google-CEO Schmidt erklärte: „Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun.“ Doch nicht die ganze Welt funktioniert wie das Silicon Valley, wo man mit Flip-Flops in die Arbeit geht und den Chef beim Vornamen anspricht. Manche von uns haben gute Gründe, warum sie sich in ihrer Firma anders geben als unter Freunden. Manche Menschen sind sogar Dissidenten in politischen Regimes und müssen sich fürchten, wenn Google ihre Gesprächspartner veröffentlicht. Das passierte neulich, als der Internetriese seinen Webdienst Buzz startete. Plötzlich war die Kontaktliste vieler User einsehbar. Apple stößt in der aktuellen Debatte nicht wegen seinen Vorstellungen über Privatsphäre auf Kritik, sondern weil der Konzern seine Kunden auf andere Weise bevormundet. Wer heute ein iPhone oder iPad kauft, kann nicht frei entscheiden, welche Software er darauf installiert. Applikationen laufen nur dann, wenn Apple dies zulässt. Über den sogenannten „App-Store“ können die User gratis oder gegen Geld Software herunterladen. Apple schmeißt manche dieser „Apps“ aber aus dem Laden, weil sie zu viel nackte Haut zeigen oder politisch zu kontroversiell sind. Im Februar löschte Apple mehr als 6000 Applikationen mit erotischem Inhalt. 2008 lehnte der Konzern die iPhone-Applikation „Freedom Time“ ab: Diese Uhr zählte die Tage, Stunden und Sekunden herunter, die George W. Bush noch als US-Präsident blieben. Apple-Chef Steve Jobs wollte nicht jene Kunden vergraulen, die Bushs Politik anhängen. Das iPad gibt es nun auch in Deutschland, nach Österreich kommt der Touchscreen-Computer im Juli. Jobs nennt das Gerät „revolutionär“. Revolutionen haben aber etwas mit Freiheit zu tun, regte sich ein Blogger per Mail auf. Jobs antwortete: „Ja, Freiheit von Programmen, die deine privaten Daten stehlen. Freiheit von Programmen, die deine Batterie ausquetschen. Freiheit von Pornografie.“ Der App-Store des iPad ist das virtuelle Ebenbild einer amerikanischen Shopping-Mall: schön, sicher, sauber – und von ebendiesen Moralvorstellungen geprägt. Diesen Trend findet Web-Vordenker David Weinberger vom Berkman Center in Harvard bedenklich. „Problematisch wird es dann, wenn dieses Konzept überhandnimmt. Wenn nicht nur Apple das macht, sondern auch die anderen Computerhersteller einschränken, was auf ihren Geräten passieren darf“, sagt er.Bisher konnten Benutzer frei über ihre Computer verfügen. Das hatte Schattenseiten, wenn sie tolpatschig waren und Viren einfingen oder wenn sie dank Internet nur noch raubkopierte Musik gratis konsumierten, es hatte aber klare Vorteile, weil es Innovation fördert, wenn jeder frei herumklicken, herumprogrammieren und herumschrauben darf. Der Telefondienst Skype ist ein gutes Beispiel dafür: Er konnte sich durchsetzen, weil den Kunden das Gratistelefonieren im Netz gefiel. Was wäre passiert, hätten die Skype-Entwickler erst um Erlaubnis bei den Telekomunternehmen bitten müssen? Googles informelles Firmenmotto lautet „Don’t be evil“. Facebook hat den treuherzig dreinblickenden Zuckerberg. Auch Apple gab sich einst als freiheitsliebender Rebell. Sein weltberühmter Werbespot „1984“ zeigt endlose Reihen gleichgeschalteter Arbeiter, die auf einer riesigen Leinwand dem „Big Brother“ zuhören. Eine junge Frau läuft mit einem großem Hammer herbei, bewaffnete Polizisten rennen ihr nach, sie wirft den Hammer, das Ding zerschmettert die Leinwand. Die versklavte Menge ist befreit. Dann das Apple-Logo: „Think different“. Heute müsste es wohl „Think like us“ heißen. Lange Zeit herrschte im Netz der Glaube, der Markt werde solche Probleme ausgleichen. Der Staat solle sich nicht im Web einmischen, nicht zum Big Brother werden. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das noch immer. Wem das restriktive Vorgehen von Apple missfällt, der kann jederzeit auf Google und dessen Handy-Software umsteigen. Google schmückt sich ganz bewusst damit, Entwicklern keine Vorgaben zu machen. Aber ganz ohne staatliche Aufpasser funktioniert es auch nicht. Das zeigen die jüngsten Erfahrungen. In den USA hat der FallFacebook eine Regulierungsdebatte gestartet. In Europa muss sich Google nun rechtfertigen. Dieser Druck ist vernünftig, denn der einzelne Konsument ist oft zu schwach, um in Cupertino, Mountain View oder Palo Alto, den kalifornischen Firmensitzen der drei Unternehmen, etwas zu bewirken. Die kritische Aufmerksamkeit der User ist aber weiterhin wichtig, um den Konzernen nicht die Deutungshoheit über das Internet zu überlassen. Es ist nicht die Aufgabe von Facebook, Google oder Apple zu definieren, wie sich Menschen im Netz verhalten sollen. Auch wenn die Firmen das zum Teil glauben. In seinem Video an die Facebook-Community sagt Zuckerberg: „Wenn Menschen mehr teilen, wird die Welt offener und besser vernetzt. Und in einer offeneren Welt werden viele der größten Probleme, denen wir gemeinsam begegnen, einfacher lösbar.“ Das ist eine schöne Utopie – aber nur solange sie nicht impliziert, dass die perfekte Welt jene ist, in der wir sämtliche Informationen mit anderen teilen. Sollte Mark Zuckerberg das glauben, dann hat er die Lektion des Protests nicht verstanden. Die abgebildete Apple-Parodie stammt von Flickr-User Martin Krzywinski
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"Wir haben schon mit dem Löschen begonnen"Sunday, June 6. 2010 Auch in Österreich hat Google sensible Daten aus WLAN-Netzen gespeichert. Was tut der Internetriese nun dagegen?In Deutschland ist es ein richtiger Skandal, hierzulande hat sich noch kein Politiker zu Wort gemeldet. Dabei sind auch österreichische Internetnutzer von der Datenpanne betroffen. Google hat mit seinen Street-View-Autos persönliche Daten aus offenen WLAN-Netzwerken aufgezeichnet. Angeblich versehentlich. Was mit den österreichischen Daten nun passiert und welche Informationen abgefangen wurden, erklärt Google-Sprecher Kay Oberbeck. Falter: In Deutschland wurde bekannt, dass Sie Daten aus WLAN-Netzen speicherten. Passierte das auch in Österreich? Kay Oberbeck: Ja, derlei Daten haben wir in insgesamt 34 Ländern erhoben, auch in Österreich. 2007 begannen wir, WLAN-Daten für standortbezogene Dienste aufzuzeichnen. Diese standortbezogenen Dienste ermöglichen etwa, dass man sich auf seinem Handy die italienischen Restaurants in der Nähe anzeigen lassen kann. Jetzt wurde aber offenkundig, dass wir dabei unbeabsichtigt Fragmente von anderen Daten gespeichert haben. Von welchen Daten? Oberbeck: Typischerweise handelt es sich um Internetadressen und E-Mails. Wir fuhren mit Autos die Straße entlang. Immer dann, wenn jemand zu diesem Zeitpunkt ein offenes WLAN benützte und surfte, haben wir das fälschlicherweise aufgezeichnet. Wie konnte das passieren? Oberbeck: Im Jahr 2006 hat ein Entwickler ein experimentelles Programm geschrieben, mit dem man öffentliche Informationen von WLAN-Netzen sammeln konnte. Durch einen Fehler sind Teile dieses Programms in die Erhebung für standortbezogene Dienste eingeflossen. Diesen Fehler bedauern wir zutiefst und entschuldigen uns dafür. Sie sagen, Sie haben Fragmente abgefangen. Können Sie garantieren, dass es keine ganzen E-Mails waren? Oberbeck: Derzeit nicht. Mit Gewissheit kann ich aber sagen, dass wir diese Daten nicht aufzeichnen wollten und dass sie in keinster Form in Google-Produkte eingeflossen sind. Wir haben jetzt die Fahrten mit den Autos gestoppt. Wir werden diese WLAN-Technologie nicht mehr einsetzen. Zusätzlich haben wir eine interne Untersuchung gestartet und einen externen Prüfer beauftragt. Wir haben schon mit dem Löschen begonnen. Die irische Datenschutzbehörde drängte vergangenen Freitag darauf, dass die irischen Daten gelöscht werden. Das haben wir über das Wochenende bereits getan. Und die österreichischen Daten? Oberbeck: Die löschen wir auch so schnell als möglich. In Deutschland herrscht Aufregung. Haben sich auch österreichische Politiker bei Ihnen gemeldet? Oberbeck: Nein. Wir haben aber die Datenschutzkommission über den Fehler informiert und gesagt, dass wir das schnellstmöglich beheben. Dieses Interview ist im Falter 20/10 erschienen. Das Foto zeigt ein Street-View-Auto. Credit: Flickr-User Jon Delorey Was hat Kommissar Rex mit dem Internet zu tun?Sunday, June 6. 2010 Mittlerweile lese ich keine Onlineforen mehr. Das ist schlecht für die Psychohygiene. Nur die Nicknames der User finde ich lustig. Im Webforum des Standard nennen sich Leute „Enteignet Dichand“ oder „trollvottel“. Auf FM4 tummeln sich „mischnimpossible“, „dumichauch“ und „tittietwister“. Da muss ich lachen. Ich weiß allerdings, dass die Mehrheit der Bevölkerung nicht so kreativ ist. Es ist nämlich total verstörend, welche faden Bezeichnungen Menschen für ihre drahtlose Internetverbindung verwenden. Wer ein Funknetzwerk, also ein WLAN, einrichtet, wählt dafür üblicherweise einen öffentlich einsehbaren Namen. Viele Menschen taufen ihr WLAN offensichtlich nach dem Haustier. „Schnurli“, „Kater Karlo“ und „Rex“ sind mir schon untergekommen. Noch besser ist es allerdings, wenn der Name des Netzwerks gleich noch das Passwort verrät. Ein Nachbar von mir hatte einst das WLAN „beckham“. Neugierdehalber probierte ich „david“ als Passwort aus. Volltreffer! So ein Trollvottel.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Diese Kolumne wurde in Ausgabe 20/10 veröffentlicht. Anmerkung: In der Druckversion habe ich versehentlich behauptet, dass man beim Anlegen eines WLANs einen öffentlich einsehbaren Namen wählen muss. Das stimmt freilich nicht, man kann sein WLAN auch geheimhalten. Die Digitalia wurde dementsprechend online adaptiert. Bild: Kommissar Rex Wir alle sitzen in der Facebook-FalleWednesday, May 19. 2010
Facebook hat das Vertrauen seiner Kunden missbraucht, der Staat darf dem Monopolisten nicht weiter zusehen
Facebook und die Privatsphäre: ein Krampf. Nein, diese Fotos sind nicht für alle bestimmt. Nein, der eigene Name darf nicht für Werbezwecke benutzt werden. Nein, die Hobbys gehen die Menschen da draußen genauso wenig an.Viele User sind wütend. Ständig ändert das Webportal seine Privatsphäre-Bestimmungen, dauernd will es Information an einem vorbeischummeln und für alle sichtbar veröffentlichen. Um das zu verhindern, müssen die Benutzer einen Dschungel an Menüs und Untermenüs durchforsten, Dutzende Kästchen an- oder ausklicken. Trotzdem fehlt ihnen der Überblick, welche Daten Facebook weitergibt. Der Onlinedienst fordert die totale Transparenz, selbst lebt er aber pure Intransparenz. Die Wut ist berechtigt. Diesmal schreien nicht die üblichen Verdächtigen, Datenschützer und Webskeptiker, die es eh schon immer besser wussten. Diesmal melden sich die Rädelsführer des Internet zu Wort. Das Technikmagazin Wired warnt: „Facebook gerät außer Kontrolle.“ Die US-Sozialwissenschaftlerin Danah Boyd sagt: „Menschen werden überlistet, hinters Licht geführt, genötigt und verwirrt, damit sie Dinge machen, deren Konsequenzen sie nicht verstehen.“ Wer nie auf Facebook war, wird diese Emotion womöglich nicht nachvollziehen können. Viele Benutzer sind enttäuscht. Sie traten der Seite bei, weil sie ihnen eine bessere Kontrolle über ihre eigenen Daten versprach. Einst hatte Facebook einen guten Ruf unter den Social Networks. Hier konnte man mit Freunden Nachrichten und Fotos austauschen, ohne sich vor fremden Blicken zu fürchten. Heute ist es umgekehrt: Facebook hat 400 Millionen Mitglieder und nutzt seine Vorherrschaft aus. Seit Dezember ist jedes Profil automatisch öffentlich. Auf dem Freundschaftsportal fand ein Paradigmenwechsel statt. Aus dem Prinzip „alles ist verborgen“ wurde „alles ist offen“. Die Privatsphäre-Bestimmungen des Unternehmens sind mittlerweile länger als die amerikanische Verfassung. Natürlich geht es ums Geld, natürlich sammeln die Manager von Facebook fleißig Daten, um diese in Bares umzuwandeln. Für Mark Zuckerberg, den 26-jährigen Firmengründer, ist Transparenz aber nicht nur ein Geschäfts-, es ist sogar sein gewünschtes Gesellschaftsmodell. Er sieht die Privatsphäre als „überholtes“ Konzept, als „alte Konvention“, die nicht mehr dem Zeitgeist entspräche. „Mark glaubt wirklich an Transparenz und die Vision einer offenen Gesellschaft, deswegen will er die Menschen auch in diese Richtung drängen“, sagt etwa Sheryl Sandberg, Chief Operating Officer des Webdienstes. Natürlich ist es Zuckerbergs Recht, einen lockeren Umgang mit dem Schutz der eigenen Privatsphäre zu pflegen. Problematisch wird es aber dann, wenn er diesen Transparenzterror auf alle 400 Millionen Facebook-Mitglieder ausdehnt. Facebook ist heute ungeschlagen die Nummer eins unter den Social Networks. Die Betreiber der Seite wissen ganz genau, dass die User wenige Alternativen haben. Wir Internetjunkies sind in die Facebook-Falle getappt und befreien uns trotzdem nicht daraus. Warum? Weil die Plattform einen Mehrwert bietet. Wer heute Facebook verlässt, verliert zwar nicht die besten Freunde – aber einen Teil seines sozialen Umfelds, darunter ehemalige Studienkollegen oder Freunde aus dem Ausland. Natürlich könnte man anderen sozialen Netzwerken beitreten, doch dort trifft man nicht den ganzen virtuellen Bekanntenkreis an. Deswegen bleiben viele zähneknirschend und hoffen, dass Facebook irgendwann ihre Unzufriedenheit erkennt. Der Markt regelt sich doch nicht von allein. Facebook ist ein gutes Beispiel dafür. Viele hofften, dass User durch Proteste und Massenaustritte Druck ausüben und eine neue Dialogkultur zwischen Unternehmen und Konsument entstehen könnte. Bisher geschah das nicht, vielmehr fand ein Katz-und-Maus-Spiel statt. Alle paar Monate fallen Facebook neue Transparenztricks ein. Wenn daraufhin der Widerstand groß genug wird, gibt Facebook unter Umständen nach. Und alle jubeln. Man darf Facebook nicht dankbar sein, bloß weil es sensible Daten mit Respekt behandelt und sagt, was damit passiert. Das sollte das Recht der Konsumenten sein. Weil Facebook de facto ein Monopolist ist, müssen Wettbewerbsbehörden umso strenger darauf pochen. Sogar in den USA wird der Ruf nach Regulation lauter. Auch die EU könnte geschlossener auftreten. Facebook hat seinen Firmensitz zwar in Kalifornien, muss sich aber an europäische Datenschutzstandards halten. Gibt es Auswege abseits der staatlichen Kontrolle? In der Internetcommunity sammelten vier amerikanische Studenten binnen kurzer Zeit 170.000 Dollar an Spendengeldern. Sie wollen bis September die „Diaspora“ entwickeln – eine Alternative zu Facebook, bei der die Information der Mitglieder nicht zentral gespeichert wird. Stattdessen soll jeder User seine Daten selbst verwalten. Klingt sympathisch. Noch sind das aber nur gutgemeinte Worte. Und davon gab es in den letzten Jahren mehr als genug: Ein Start-up-Unternehmen nach dem anderen beteuerte, wie vertrauenswürdig es sei – und wurde dann zur Datenkrake. Macht korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut, merkt man hier. Deswegen ist es an der Zeit, nicht mehr auf gute Absichten zu vertrauen, sondern strikte Vorgaben zu machen. Wer tatsächlich Gutes im Sinn hat, wird sich daran nicht stoßen. Interessante Links: - Danah Boyd: Facebook and "radical transparency" - Electronic Frontier Foundation: Wie Facebook mit der Zeit seine Privacy-Bestimmungen veränderte - Tolle Grafik der New York Times: Wie schwierig es ist, sein Profil abzuschotten - Warum bleiben Menschen trotz allem auf Facebook? Medienwissenschaftlerin und Bloggerin Nancy Baym hat das sehr gut in der Ich-Perspektive erklärt - Facebook-Parodie Openbook: Facebook helps you connect and share with the people in your life. Whether you want to or not. Dieser Kommentar ist im Falter 20/10 erschienen. Foto: Flickr-User William Brawley Vor den Augen aller gedemütigt: Google muss dagegen vorgehenThursday, March 4. 2010 Da staunte die Welt: In Italien wurden drei Google-Manager zu einem halben Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Grund ist ein Video, bei dem ein autistischer Junge von Mitschülern gedemütigt wurde. Der Clip war auf Googles Videoportal YouTube zwei Monate lang zu sehen, mehr als 5000-mal wurde es angeklickt, schließlich entfernte Google das Video. Allerdings zu spät, befand das Mailänder Gericht und verhängte eine drakonische Strafe – mit womöglich weitreichenden Folgen.Die große Frage ist, ob Google für sämtliche Videos auf YouTube verantwortlich sein soll. Der Internetriese lehnt das vehement ab. Das Urteil sei eine „ernsthafte Bedrohung für das Web in Italien“, man könne nicht jedes Video vorab überprüfen. Damit hat Google schon Recht. Es wäre falsch, Webseitenbetreiber für alle Inhalte ihrer User haften zu lassen. In diesem Fall würde das Web 2.0 zusammenbrechen. Zum Beispiel müsste jede einzelne Statusnachricht, die Menschen auf Facebook veröffentlichen, zuerst gelesen und genehmigt werden. Auch das EU-Recht hält das für überzogen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Denn Google und andere Internetdienste sind nicht frei von Verantwortung. Wenn ihnen rechtswidrige Inhalte gemeldet werden, müssen sie unverzüglich reagieren, Videos sofort löschen. Da versagen viele Internetfirmen. Sie reagieren oft nur mit Verzögerung, wenn User anstößige Inhalte melden. Meist gibt es keine Hotline, bei der man anrufen und sich beschweren kann. Deswegen ist das Mailänder Urteil ein gutes Signal: Webdienste dürfen hasserfüllte Kommentare nicht ignorieren oder nur halbherzig darauf reagieren. Sie müssen dagegen vorgehen – und zwar pronto. --------------------- Rechtlicher Hintergrund: EU-Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr, Artikel 14 (1) Die Mitgliedstaaten stellen sicher, daß im Fall eines Dienstes der Informationsgesellschaft, der in der Speicherung von durch einen Nutzer eingegebenen Informationen besteht, der Diensteanbieter nicht für die im Auftrag eines Nutzers gespeicherten Informationen verantwortlich ist, sofern folgende Voraussetzungen erfuellt sind: a) Der Anbieter hat keine tatsächliche Kenntnis von der rechtswidrigen Tätigkeit oder Information, und, in bezug auf Schadenersatzansprüche, ist er sich auch keiner Tatsachen oder Umstände bewußt, aus denen die rechtswidrige Tätigkeit oder Information offensichtlich wird, oder b) der Anbieter wird, sobald er diese Kenntnis oder dieses Bewußtsein erlangt, unverzüglich tätig, um die Information zu entfernen oder den Zugang zu ihr zu sperren. Dieser Kommentar ist im Falter 09/10 erschienen. Bild: Flickr-User psd Ich schnüffle auch durch fremde DatenFriday, February 19. 2010 Ich muss zugeben, dass ich eine Facebook-Stalkerin bin. Auf dem Freundschaftsportal habe ich schon hunderte private Fotos von fremden und halbfremden Menschen durchgeschaut. Zum Beispiel weiß ich jetzt, dass eine ehemalige Studienkollegin Capoeira-Unterricht nimmt und einen äußerst knackigen Trainer hat. Auch habe ich sämtliche Fotos vom Junggesellinnenabend einer Bekannten durchgeklickt. Der halbnackte Stripper und der Gesichtsausdruck der Braut sind mir dabei nicht entgangen. Keine Ahnung, warum erwachsene Menschen solche Bilder hochladen und allen zugänglich machen. Vielleicht kennen sie sich nicht aus oder denken: „Das werden eh nur Freunde anklicken.“ Falsch gedacht! Ich schnüffle auch durch Alben, die mich absolut nichts angehen. Deswegen folgender Tipp an alle Fotojunkies: Nehmt euch doch fünf Minuten Zeit und überarbeitet eure Privatsphäre-Einstellungen. Auch ich schütze meine Bilder vor fremden Blicken. Ich will doch nicht gestalkt werden.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Das Foto zeigt eine Postkarte aus meinem Büro Willkommen in FacebookistanWednesday, March 18. 2009
Fotos, Tagebücher, Intimes: Gedankenlos geben Facebook-Benutzer ihre Daten preis. Jetzt machen sie sich Sorgen um ihre Privatsphäre. Zu Recht
175 Millionen Menschen. Das ist eine ganze Menge. Es gibt Diktaturen dieser Größe, die von ihren Bürgern alles Erdenkliche wissen wollen - wie sie denken, wen sie treffen, wohin sie reisen.175 Millionen Menschen. So viele Einwohner zählt auch Facebook. Es ist ein seltsames Gebilde: Man findet es auf keiner Landkarte, es kennt keine Grenzen, statt einer Verfassung gibt es nur komplex klingende Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGBs). Jeder darf hierhin einwandern. Auch immer mehr Österreicher finden in der Welt von Facebook ihr Zuhause. Doch derzeit herrscht Aufregung in Facebookistan. Das Management des Onlineportals hat im Februar die AGBs geändert. Plötzlich wollte Facebook sämtliche Inhalte, die seine Benutzer auf der Webseite veröffentlichten, auf ewig nutzen - sogar wenn ein User längst wieder aus dem virtuellen Zuhause ausgewandert ist. Ein Konsumentenschutzblog schlug Alarm. Weltweit griffen Medien die Meldung auf. Und dann stürmten besorgte Facebook-Bewohner die Protestgruppe "People against the new terms of service (TOS)". "Terms of service" ist die englische Bezeichnung für AGBs. Die Norwegerin Anne Kathrine Petterøe gründete diese Vereinigung. "Mich beunruhigte der Inhalt der neuen AGB." Er besagte sinngemäß: "Wir können alles mit deinem Inhalt machen. Für immer." Auch dass Facebook die Änderungen gar nicht richtig kommuniziert hatte, erzürnte die 32-Jährige. Sie war nicht die Einzige, die gegen das neue Facebook-Regime protestierte. Ihre Gruppe zählt mehr als 140.000 Mitglieder. Die Führung der Republik Facebook lenkte ein. Zuallererst installierte sie wieder - als Übergangslösung - die alten AGBs. Dann unterbreitete sie ein Friedensangebot an ihre Einwohner: Die Community soll künftig über umstrittene Vertragsänderungen abstimmen. Doch ist das der richtige Weg? Und wie gefährlich ist es, seine Daten auf dem Onlineportal liegen zu lassen? Der Vergleich von Facebook mit real existierenden Ländern stammt von Mark Zuckerberg. Der 24-Jährige sieht aus wie ein smarter Student. Tatsächlich ist er das Oberhaupt der rasant wachsenden Onlinecommunity. 2004 hat Zuckerberg die Plattform gegründet. Damals studierte er in Harvard. Heute ist er der jüngste Selfmade-Milliardär der Welt. Zuckerberg schrieb neulich: "Mehr als 175 Millionen Menschen verwenden Facebook. Wäre es ein Land, dann wäre es mit dieser Population das sechstgrößte Land der Welt." Facebook, das lernen seine Bewohner langsam, ist nicht nur ein gigantischer Stammtisch, auf dem private Daten ausgetauscht werden. Es ist auch ein Schlaraffenland für private Schnüffler und staatliche Behörden. Schließlich gehört es dort zu den Umgangsformen, seinen richtigen Namen anzugeben. Viele User veröffentlichen nicht nur ihre Handynummer, sondern auch ihre Urlaubspläne und sexuelle Orientierung. Sie glauben, dass nur ihre virtuellen Freunde die Information einsehen können. Doch die Daten schlummern in den digitalen Archiven von Facebook. Und diese können auch verkauft werden. Was passiert etwa, wenn eines Tages Wladimir Putins Gaskonzern Gazprom Facebook kauft? Oder ein chinesisches Medienunternehmen? Wer hat dann Zugriff auf die gespeicherte Information? Das Hochladen von privaten Videos und Bildern machte so lange Spaß, solange es schien, als würde nur der harmlose Harvard-Abbrecher Zuckerberg hinter den Facebook-Computern sitzen. Aber die AGB-Debatte hat die User wachgerüttelt. Auf einmal wurde klar, dass sie gar nicht wissen, welchen Deal sie bei Facebook eingehen. Sie wissen auch nicht, wie Facebook in der Zukunft weiterentwickelt wird. In den neuen AGBs wurde beispielsweise von einer "unwiderruflichen, unbefristeten, nicht-exklusiven, übertragbaren, vollständig bezahlten, weltweiten Lizenz (mit dem Recht zur Weiterlizenzierung)" gesprochen. Kein österreichisches Unternehmen dürfte eine derartige Vertragsänderung durchführen, ohne die dezidierte Zustimmung des Konsumenten einzuholen. Im Internet agiert Facebook global. In der juristischen Realität hat das Unternehmen Facebook seinen Firmensitz in Kalifornien. Die Daten der Mitglieder liegen auf Webservern im Westküstenstaat und in Virginia. US-amerikanisches Vertragsrecht erlaubt viele Unverfrorenheiten gegenüber Konsumenten, die die EU verboten hat. Facebook müsste zwar auch österreichische Gesetze einhalten - aber das ist schwierig durchzusetzen. Bei der jüngsten AGB-Änderung hätten österreichische Bürger zwar österreichisches Recht einklagen können, weil sie gröblich benachteiligt wurden. "Wenn Sie das ausjudizieren wollen, würde ich Ihnen aber sagen: Reservieren Sie sich 20.000 Euro und fünf Jahre Zeit", sagt der Wiener Rechtsanwalt Michael Pilz. Die AGBs wurden nach dem Bürgeraufstand zurückgezogen, das allein löst aber nicht das grundsätzliche Datenproblem. Einem modernen Staat ist klar vorgeschrieben, wie lange er Informationen speichern darf. Facebook agiert freier. Wenn jemand ein Urlaubsbild von sich hochlädt und nachträglich denkt: "Vielleicht bin ich darauf doch zu spärlich bekleidet", würde man meinen, er könne das Foto löschen. Blogger fanden aber heraus, dass selbst gelöschte Bilder auf den Webservern liegen bleiben - und sogar einsehbar sind, wenn man die direkte Adresse kennt. Facebook kann sich an Daten erinnern, die wir gelöscht glaubten. Ein Dilemma der Informationsgesellschaft. "Das permanente Erinnern kann zum Problem werden, wenn man Menschen etwas zum Vorwurf macht, das 40 Jahre her ist", sagt Viktor Mayer-Schönberger. Der gebürtige Österreicher hat in Harvard Internetpolitik gelehrt und leitet nun das Information & Innovation Policy Research Centre in Singapur. Seine Bedenken sind nicht abwegig. Das zeigt das Beispiel eines kanadischen Psychotherapeuten: Im Sommer 2006 wollte Andrew Feldmar, 66, einen Freund vom Flughafen Seattle abholen. An der Grenze googelte ein Beamter seinen Namen. Prompt tauchte ein Artikel in einem Fachmagazin auf. Darin gab Feldmar zu, in den 60er-Jahren LSD ausprobiert zu haben. Eine illegale Droge. Die Polizei hielt den Kanadier für mehrere Stunden fest und untersagte ihm die Einreise in die USA. Eine einzige Suchanfrage hatte ihn überführt. Ex-Partner, Freizeitverhalten, politische Gesinnung: Facebook kennt oft intimere Details als Google. "Es regt uns gerade dazu an, alles hineinzustellen", so Mayer-Schönberger. "Aber wir müssen uns auch wieder ans Vergessen erinnern." Er plädiert für ein Verfallsdatum von Informationen, bei Google ist das längst ein Thema. Das Unternehmen versichert, Suchanfragen nach neun Monaten zu löschen. Es ist nicht leicht, gefälschte Informationen aus dem Web zu schaffen. Man kann nicht einfach bei Facebook anrufen - die Seite gibt keine Telefonnummer an. Selbst wenn jemand eine Identität im Freundschaftsportal stiehlt, reagiert Facebook oft nur mit Verzögerung. Das stellte etwa Niki Nickl fest. Die Webmasterin der Grünen bemerkte, dass Unbekannte Accounts von Alexander Van der Bellen und Eva Glawischnig angelegt hatten. Der Identitätsklau war relativ harmlos, der Doppelgänger Van der Bellens schrieb Nachrichten wie: "Alexander kaut an seiner Schokozigarette und ihm ist fad." Doch der Persönlichkeitsraub zeigt auch Gefahren auf: Ein Doppelgänger kann beschämende Aussagen machen, vertrauliche Informationen ergattern und die reale Person massiv beschädigen. "Ich habe mich ans Help-Center gewandt, und die haben die Accounts innerhalb von zwei Tagen gelöscht", erzählt Nickl. Sie weiß auch, dass das nicht immer so rasch funktioniert: Beim deutschen Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit soll es zwei Monate gedauert haben, ehe Facebook das gefälschte Profil beseitigte. Wäre Facebook ein Staat, wäre es dann eine Demokratie? "Die Vorgehensweise ist eher diktatorisch. Ich weiß nicht, wie viele Menschen in dem existierenden oder nicht-existierenden Help-Center arbeiten. Aber sie agieren nach Zufallsprinzip", meint Nickl. Umso spannender ist, dass Facebook nun selbst Wahlen vorgeschlagen hat. Wenn sich mehr als 7000 User zu einer geplanten Vertragsänderung äußern, kommt es zu einer Abstimmung. Facebook nimmt das Ergebnis an, wenn 30 Prozent der aktiven User mitgestimmt haben. 30 Prozent von 175 Millionen Menschen, das sind mehr als 50 Millionen. Ob eine Webseite so viele Leute zur Wahl bringen kann? "Stellen Sie sich vor, es würde auf zehn Prozent herabgesetzt. Da würde dann kritisiert, dass zehn Prozent entscheiden, was 90 Prozent tun müssen", sagt Mayer-Schönberger. Ihm gefällt der Vorschlag. Eines darf man nicht glauben: Dass Facebookistan durch ein bisschen E-Voting zur Demokratie wird. Aber es ist ein Schritt in Richtung Partizipation. "Web 2.0"-Dienste wie Facebook, Flickr, YouTube bauen auf dem Engagement ihrer User auf, die Fotos, Texte und Videos veröffentlichen. "Wahlen sind die logische Schlussfolgerung von Web 2.0", sagt Mayer-Schönberger. Aus demselben Grund hält er es für unwahrscheinlich, dass das Freundschaftsportal an Gazprom oder eine chinesische Firma verkauft wird. Denn das Reich Facebook beruhe auf einem einzigen Wert. Dem Vertrauen seiner Bewohner. Wenn sie die Plattform verlassen, steht Facebookistan ohne Bürger da. Machtlos - und wertlos. ----- Raus aus Facebook! Wer seine Daten nicht mehr dem Freundschaftsportal bereitstellen will, kann sein Profil löschen. Doch ganz so einfach funktioniert der virtuelle Selbstmord nicht. Bei den Benutzereinstellungen bietet Facebook nur die Option "Profil deaktivieren" an. Die Daten bleiben gespeichert. Wer sein Konto und die Inhalte unwiderruflich löschen will, kann dies unter folgender Adresse anfordern: http:// www.facebook.com/help/contact.php?show_form=delete_account Dieser Text ist im Falter 10/09 erschienen
Posted by Ingrid Brodnig
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