"Du bist Bombe!"Wednesday, May 5. 2010
Was ist nur los mit diesen Kids? Warum reden sie so seltsam? In Wien entwickelt eine Migrantengeneration ihren eigenen Slang. Höchste Zeit, ihnen zuzuhören
![]() „Wie geht’s, Hurensohn?“, „Seas Wixer!“ So begrüßen sie sich. „Wir sind Prater“, „Gemma Lugner“. So vertreiben sie sich ihre Zeit. „Du bist Bombe!“ „Oida, i pock di net.“ So machen sie einander Komplimente. In den Wiener Gürtelkäfigen, den Parkanlagen und Gemeindebauten haben die Nachkommen der einstigen Gastarbeiter ihre eigene Sprache gefunden. Artikel und Präposition werden überflüssig, die Kinder sprechen einen Mix aus Wienerisch, Serbisch, Türkisch und anderen Einflüssen. Ghettodeutsch. Türkendeutsch, Jugendsprache. In Wien gibt es noch keinen eindeutigen Begriff dafür. Wer an einem warmen Frühlingstag durch den Prater flaniert, hört aber überall diesen Slang. „Oida, komm jetzt. Du bist mit mir“, sagt ein Mädchen. Sie zieht ihre Freundin am Arm und will Karussell fahren. „Nein, heast, ich bin nicht mit dir!“, widerspricht die andere. Ein paar Meter entfernt steht eine Gruppe von Jungs. Sie sind erst 14 bis 16 Jahre alt, aber schon extrem cool: Mit Baseballkappe, ärmellosem Shirt und abgebrühtem Blick – der eine trägt den türkischen Halbmond am Halsketterl, der andere die tschetschenische Flagge am Kapperl. „Wir sind TKP“, stellen sich die Burschen vor – so als ob die ganze Welt wüsste, dass „TKP“ der Theodor-Körner-Park in Meidling ist. Die Grünanlage ist der Mittelpunkt der Gang, gerne gehen sie auch in den Prater. Hier, neben Achterbahnen und Schießbuden, treffen sich viele Kids aus Meidling, Rudolfsheim-Fünfhaus und Brigittenau. Eine Clique aus dem 20. Bezirk ist gerade eingetroffen. „Gemma Space Shot“, sagt die eine. „Willst du Schlange warten?“, fragt die andere und zeigt auf die Wartenden. Ein Bursche fällt ihnen ins Gespräch. „Wo ist Tabak“, will er wissen. Und dann auf Türkisch: „Tabak nerede?“ „Tabak nerede“ ist auf Türkisch mindestens genau so falsch wie „Wo ist Tabak?“ auf Deutsch. Untereinander sprechen die Kids eine vereinfachte Form ihrer Muttersprache oder des Deutschen. „Halbsprachigkeit“ nennen Politiker das und warnen vor Ghettobildung. „Die Entwicklung zu Parallel- und Gegengesellschaften hat längst stattgefunden“, sagt die FPÖ. Selbst die Grünen sind alarmiert. „Viele Kinder beherrschen weder ihre Muttersprache noch Deutsch ordentlich. Das ist die schlechteste Voraussetzung für einen jungen Menschen“, meint die grüne Bildungssprecherin Susanne Jerusalem. Es ist klar, dass im kommenden Wahlkampf viel über diese Jugendlichen geredet werden wird. In den Wiener Pflichtschulen hat bereits jedes zweite Kind Migrationshintergrund. Ich ficke deine Mutter! Dieser Artikel ist die Cover-Geschichte des Falter 18/10 Solche Wörter lernt man, wenn man das Jugendzentrum im 20. Bezirk besucht. Im Freien sitzen ein paar Halbstarke, sie reden Türkisch, spucken viel auf den Boden und erzählen sich, wie cool sie sind. Wenn einer von außen an sie herantritt, tun sich die Burschen schwer. Auf Deutsch wirken sie unsicher, auf Türkisch werden sie ordinär und machen obszöne Handbewegungen. Dann spucken sie wieder auf den Boden. Pubertierende Jugendliche, die um Anerkennung in ihrer Clique kämpfen und sich gegenseitig verbal befetzen: „Ich ficke deine Mutter, ich ficke deine Muschi.“ Das sind die Kids, über die sich die FPÖ echauffiert. Aber die Kritik der Rechtspopulisten greift zu kurz. Diese Burschen sind selbst das, was sie als Schimpfwort sehen: Opfer. Viele hatten schlechte Startbedingungen. Ihre Eltern stammen aus bildungsfernen Schichten, unser Schulsystem sondert die Kinder mit zehn aus. Wer in Deutsch Probleme hat, landet schnell in der Hauptschule. Viele dieser Teenager verstehen Worte wie „Budget“ oder „Schattenseite“ nicht. Sie werden niemals eloquent beim Bewerbungsgespräch auftreten können. Wer Glück hat, macht nach der Hauptschule eine Lehre. Viele sind arbeitslos. Sprache wäre für die Burschen die große Aufstiegschance. Das inkludiert auch, dass sie ihre Muttersprache beherrschen – egal, ob Türkisch, Bosnisch oder Englisch. Wer seine Muttersprache richtig spricht, lernt leichter Deutsch. Das zeigen linguistische Studien. Die Sprachforscherin Katharina Brizić hat die Eltern von Wiener Grundschülern mit Migrationshintergrund interviewt und stellte fest: Jene Kinder, die zuhause Deutsch sprechen, sind in der Schule besonders schlecht in Deutsch. Klingt überraschend, ist aber logisch. Wenn die Eltern zuhause ein fehlerhaftes Deutsch sprechen, lernen die Kinder das falsch. Gleichzeitig geht Sprachpotenzial verloren. Zum Beispiel erzählen Eltern ihren Kindern keine Geschichten mehr, dazu fehlt ihnen das Vokabular in der neuen Sprache. Doch gerade das Märchenerzählen hilft Kindern beim Spracherwerb. Angesichts solcher Erkenntnisse müsste sich die Integrationspolitik gänzlich neu orientieren. Die Botschaft sollte sein: Türken, lernt Türkisch! Serben, lernt Serbisch! Des sog i di Derzeit hängt es vom Zufall und vom Einsatz jedes Einzelnen ab, ob er seine Muttersprache lernt. Die 25-jährige Linda Say hat sich als Jugendliche dazu aufgerafft. Sie begann, selbstständig türkische Bücher zu lesen. „Türkisch und Deutsch sind zwei schöne Sprachen. Man sollte sie richtig sprechen können“, meint Say heute. Sie arbeitet als biomedizinische Analytikerin und schreibt nebenher für das Migrantenmagazin Biber. Das Türkisch in den Gürtelkäfigen hat nur wenig mit der Schriftsprache der Istanbuler Bildungsbürger zu tun. Vielen jungen Migranten wurde nie die Grammatik ihrer Muttersprache erklärt. Kinder brauchen aber Sprachunterricht. Man stelle sich vor, die österreichische Landjugend, zum Beispiel in der Südsteiermark, würde nicht Schriftdeutsch lernen. Bis zum Schuleintritt können viele Kinder den dritten und vierten Fall nicht unterscheiden. „Des sog i di“, sagen sie in der Klasse. Und der Lehrer bessert sie aus: „Das heißt nicht: ‚Das sag ich dich.‘ Das heißt: ‚Das sag ich dir.‘“ Ähnlich ist das bei den Kindern der Gastarbeiter. Linda Say hat sich selbst die türkische Schriftsprache angeeignet, aber nur wenige haben diese Energie. Oft sind es überdies jene, die ohnehin schon erfolgreich in der Schule strebern. Say ging ins Gymnasium, studiert nun auch Arabisch. Für Biber führt sie Interviews auf Türkisch oder wird für eine Woche auf Recherche nach Istanbul geschickt. Da sieht man den Nutzen der Zweisprachigkeit: Eine Millionenstadt wie Wien bräuchte viel mehr Ärzte, Juristen, Polizisten oder Lehrer, die eine Einwanderersprache beherrschen. Aber haben Aufsteiger wie Linda Say und Problemfälle wie die Burschen im Jugendzentrum überhaupt etwas gemein? Ja, denn sie alle würden von muttersprachlicher Förderung profitieren. Das erkennen mittlerweile immer mehr Schulen. In der Schopenhauerstraße 79, einer engagierten Hauptschule im 18. Bezirk, wird etwa dreisprachig unterrichtet: Auf Deutsch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Türkisch. „Grčka“ statt „Griechenland“ Freitag, 10 Uhr. In der Geografiestunde präsentieren die Schüler ihre Gruppenarbeit. Zwei Mädchen stehen an der Tafel, sie haben ein Plakat zum Thema Griechenland, genauer gesagt zu „Grčka“, gemalt. Der Text ist Serbisch, Ivana übersetzt ihn für die Klasse ins Deutsche. „Die Fläche ist 130.000 Quadratkilometer, also die Fläche beträgt 130.000 Quadratkilometer“, sagt die 15-Jährige. Man merkt, wie sehr die Jugendlichen mitdenken müssen, um für die anderen Schüler zu dolmetschen. Dadurch lernen sie aber kompliziertere Begriffe wie „Nachbarstaat“ oder „angrenzend“ in ihrer Muttersprache – und auf Deutsch. Die 4B der Schopenhauerstraße ist eine jener Klassen, über die Politiker reden: Nur ein Schüler spricht zuhause Deutsch. Der Rest verwendet eine Sprache des ehemaligen Jugoslawiens, Türkisch, Ungarisch, Rumänisch, Farsi oder Urdu Pandschabi. Mit dem dreisprachigen Projekt sollen die Kinder ihren Wortschatz erweitern. Viele Schulen hätten gute Ideen, es fehlt aber an flächendeckenden Angeboten, an muttersprachlichen Lehrern und Pädagogen, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten können. Und nicht jeder heißt die mehrsprachigen Schulprojekte gut. Die Kronen Zeitung schrieb vergangene Woche: „Aufregung herrscht an der Kooperativen Mittelschule in der Leibnizgasse in Favoriten. In einer ersten Klasse werden die Angaben für die Mathematik-Hausübung in Deutsch, Türkisch und Serbokroatisch verfasst. Zwar haben 90 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund, doch die Aufgaben sind als kinderleicht zu bewerten.“ Das Schulsystem spiegelt die gesellschaftliche Anerkennung einzelner Sprachen wider. Während man an fast jedem Gymnasium in Italienisch oder Französisch, manchmal sogar in Altgriechisch maturieren kann, gibt es noch immer kein türkisches Lehramtsstudium. Dabei kommt die Stadtbevölkerung viel häufiger mit Türkisch in Kontakt, marschiert viel öfter über den Brunnenmarkt als über die Akropolis. Ivana, das serbischsprachige Mädchen aus der 4B, steht noch immer an der Tafel und führt ihre Präsentation fort. „Griechenland ist in EU seit 1981“, sagt sie. Solche Artikel und Satzstellungsfehler passieren der Schülerin manchmal, sie kam vor sechs Jahren nach Österreich. Oft täuschen solche sprachlichen Schnitzer darüber hinweg, dass es sich um intelligente Kinder handelt. Im Gespräch sagt Ivana gescheite Sätze wie: „Hier geht es uns besser. In Serbien hatten wir keine Perspektive.“ Volim te über alles Die neue Sprache der Migrantenkinder entsteht teils durch fehlende Sprachkompetenz, teils ist sie auch selbstgewählt. „Mit den Lehrern tue ich auf brav“, sagt Ivana, „aber mit Freunden rede ich ein schmutziges Deutsch.“ Wenn sie chattet, missachtet sie jegliche Rechtschreibregeln. „Nichts“ wird zu „niks“, „jetzt“ wird „jez“, aus „Freunde“ plötzlich „frojnde“. Das schaut für deutsche Muttersprachler komisch aus, für slawischsprachige Kinder wirken diese Formulierungen stimmig. Gewissermaßen deuten sie die deutsche Rechtschreibung für sich um – oder, wie die Soziolinguistin İnci Dirim sagt: „Sie eignen sich die Sprache der Mehrheit an.“ Das Ergebnis klingt manchmal ziemlich unterhaltsam. „Du bist Bombe!“, sagen die Teenager. „Heast, Wixa, was ist mit du?“, grüßen sie sich. Und wenn Ivana ihrer besten Freundin im Chat gute Nacht sagt, schreibt sie: „VTÜA“. Kurz für: „Volim te über alles.“ Ich liebe dich über alles. Bilinguale Menschen hupfen häufig zwischen den Sprachen hin und her. Ein Satz beginnt in der Muttersprache und endet auf Deutsch. Wenn das französische Diplomatenkind so etwas macht, finden das alle charmant. Wenn der türkische Migrant das tut, wird es fast schon als Anschlag auf den ganzen deutschsprachigen Kulturkreis gedeutet. Dabei sind solche neuen Mischformen ganz normal, Linguisten sprechen von „Code-Switching“. Der Dialekt der ethnischen Minderheit heißt „Ethnolekt“. Jiddisch ist das bekannteste Beispiel dafür, es ist eine Mischung aus Mittelhochdeutsch, Slawisch und Hebräisch. „Ethnolektale Entwicklungen zeigen, dass Menschen mit Sprache arbeiten. Ich sehe das eher als Zeichen von Integration“, sagt Dirim, die eine Professur am Wiener Institut für Germanistik innehat. Gleichzeitig sei die Schule gefordert: Sie muss darauf achten, dass Kinder die Schriftsprache lernen. Manche Länder haben einen offeneren Umgang mit Zweisprachigkeit. In Kanada ist es normal, wenn Kinder im Unterricht eine Frage auf Arabisch stellen – selbst wenn der Lehrer kein Arabisch spricht. Dann übersetzt die Klasse gemeinsam die Frage. „Interkulturelles Lernen“ nennen das Pädagogen, die Kinder bekommen dabei Selbstvertrauen in die eigene Sprache. Selbstvertrauen wird nämlich unterschätzt. Wenn Kinder einen selbstsicheren Umgang mit ihrer Muttersprache haben, lernen sie besser Deutsch. Das zeigte eine Studie der Uni Wien. Dabei wurden türkische Kinder in ihrer Muttersprache individuell betreut und ihre Selbstsicherheit beim Türkischreden gefördert. In der Folge erzielten sie bessere Leistungen – auch in Deutsch. Sprache als Kampfplatz Doch gerade das Selbstvertrauen wird von Rechtsparteien attackiert. Die FPÖ will Migrantenkindern sogar verbieten, in der Pause ihre Muttersprache zu sprechen. Neu sind solche Kulturkämpfe nicht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand in französischen Schulhöfen der Hinweis: „Es ist verboten, auf den Boden zu spucken und Bretonisch zu sprechen.“ Manche sehen Sprache noch immer als kulturelle Arena, in der sich nur eine Nation, ein Volk durchsetzen kann. Realistisch betrachtet nützen solche Kampfansagen aber nichts. Die Burschen, die vor dem Jugendzentrum sitzen und wenig Zukunftschancen haben, werden nicht plötzlich brillant Deutsch parlieren – bloß weil sie am Tag ein paar Minuten mehr mit Deutsch konfrontiert sind. Die TKP-Gang wird nicht plötzlich die Sprache ihrer Eltern ablegen, das würde ja eine Entfremdung von der Familie bedeuten. Gleichzeitig wird die Gesellschaft diese Kinder aber auch nicht los. Ob du’s glaubst oder nicht, Oida. Das obige Bild zeigt die Jungs von der TKP-Gang. Sultan, Muhammed, Imran und Talha sind zwischen 14 und 16 Jahre alt. Sie haben haben indische, türkische und tschetschenische Wurzeln. Credit: Katharina Gossow Der Aufstand der ElternWednesday, February 17. 2010
Drei von vier Wienern fordern eine Ganztagsschule. Konservative Bildungspolitiker kommen in Bedrängnis
![]() 78 Prozent sagten also Ja. Sie stimmten für die Einführung einer flächendeckenden Ganztagsschule, so das Zwischenergebnis vom Dienstag. Über die Bedeutung der Volksbefragung wird derzeit heftig gestritten, bisher sind 276.834 Stimmen gezählt, nach dem derzeitigen Stand hat rund ein Viertel der Wahlberechtigten mitgestimmt. Eines ist aber offensichtlich: Es gibt den großen gesellschaftlichen Wunsch, dass die Schule auch am Nachmittag für ihre Kinder da ist. Erziehung, Förderung, Herzensbildung. Das sind zunehmend Aufgaben, die auch die Schule übernehmen muss. In Wien gibt es besonders viele Familien, bei denen beide Elternteile arbeiten. Der Ruf nach mehr Nachmittagsbetreuung ist in der Hauptstadt besonders laut: 71 Prozent der Wiener Eltern würden ein ganztägiges Schulangebot für ihre Kinder nutzen, weitere elf Prozent tun das schon jetzt, ergab erst kürzlich die Elternbefragung des Ministeriums (Studie als PDF hier). Somit äußern acht von zehn Eltern den Wunsch, dass ihr Nachwuchs nachmittags von der Schule betreut und gefördert wird. Die Sozialdemokraten erkennen das Thema. Die Ganztagsschule ist die logische Antwort auf den veränderten Berufsalltag, sie kommt vielen Jungfamilien entgegen, die mühevoll ein Nachmittagsprogramm für ihren Nachwuchs organisieren müssen und oft nicht mit der Qualität der Betreuung zufrieden sind: So kann es auch passieren, dass die Kinder ihre Nachmittage nur in dunklen Räumen ohne Bewegungsfreiheit verbringen oder gar keine richtige Hilfe bei den Hausaufgaben bekommen. Das ist aber nicht einmal das wichtigste Argument für die Ganztagsschule. „Sie beseitigt auch wesentliche soziale Unterschiede“, sagt etwa Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch. Eine Schule, die die Kinder nicht um zwölf Uhr nachhause schickt, muss mehr Verantwortung für die Sprösslinge übernehmen. Jene Kinder, die derzeit keine Nachhilfe gezahlt bekommen, die nachmittags nicht in den Schwimmkurs oder Klavierunterricht geschickt werden oder die außerhalb der Schule vielleicht selten Deutsch sprechen, profitieren am meisten von ihr. Deswegen empfiehlt die OECD schon jetzt, dass Österreich die Ganztagsschule ausbaut. Das würde speziell Migrantenkindern helfen. Jetzt kommt es auf die Umsetzung an. In der Stadt werden derzeit 23 Volksschulen und vier Hauptschulen ganztägig geführt, gerade in den Innenstadtbezirken gibt es nur wenige Standorte. Die SPÖ verspricht auf den Stimmzetteln nun ein flächendeckendes Angebot, die ÖVP warnt vor einer „Zwangstagsschule“, in der künftig alle Kinder landen. Doch das ist eine unberechtigte Sorge: Richtige Ganztagsschulen lassen sich nicht über Nacht errichten. Es braucht dafür zum Beispiel auch andere Schulgebäude, in denen Kinder nicht nur pauken, sondern frei herumlaufen, musizieren oder sich ausruhen können.Eine „verschränkte Ganztagsschule“ will die SPÖ, bei der sich Unterricht, Freizeit und Förderprogramme abwechseln. Anwesenheitspflicht herrscht dort von acht bis 16 Uhr, bis 17.30 Uhr gibt es zusätzlich ein freiwilliges Betreuungsangebot. Die Abwechslung von Lern- und Ruhephasen entspricht der Art, wie Kinder lernen: Statt am Vormittag den geballten Stoff in ihre Köpfe hineinzupressen, sind in der Ganztagsschule Lern- und Ruhephasen auf Vormittag und Nachmittag verteilt. In fünf bis sieben Jahren soll es in jedem Bezirk eine solche Ganztagsschule geben, ausgenommen AHS. Für die Gymnasien ist der Bund und nicht das Land zuständig. Es mag zaghaft wirken, dass die SPÖ nur in kleinen Schritten das Angebot ausbaut. Doch das ist die vorsichtige Strategie der Genossen. Die wollen nach und nach der Bevölkerung schmackhaft machen, dass Schulen nicht schon mittags zusperren. Ideologisch wünscht sich die SPÖ dieses Modell natürlich langfristig. „Im internationalen Vergleich sind jene Länder besonders erfolgreich, die die Gesamtschule als Regelschule haben“, sagt etwa Stadtrat Oxonitsch, der sich aber davor hütet, von „Verpflichtung“ oder gar „Zwang“ zu sprechen. Die 78 Prozent Zustimmung geben der SPÖ nun Rückendeckung bei der Auseinandersetzung mit konservativen Bildungspolitikern und Lehrergewerkschaftern, die auf freiwillige Nachmittagsbetreuung pochen und damit den flächendeckenden Ausbau erschweren. Das Ergebnis zeigt auch, dass sich die Gesellschaft verändert hat und viele Menschen dazu stehen. Mit ihrem Ja haben sie nicht nur für bessere Betreuung am Nachmittag gestimmt, sondern auch signalisiert, dass der staatliche Bildungsauftrag nicht um zwölf Uhr Mittag enden kann und danach die Eltern alleine verantwortlich sind, welche Chancen ihre Kinder im Leben bekommen. VOLKSBEFRAGUNG Laut Zwischenergebnis vom Dienstag nahmen 26 Prozent der Wahlberechtigten an der Volksbefragung teil, einige Briefwahlstimmen werden aber noch ausgezählt. Eine klare Mehrheit sprach sich für Hundeführerschein, Hausmeister und Ganztagsschule aus, ein knappes Ja zeichnet sich für die Nacht-U-Bahn ab. Das Endergebnis mit allen Briefwahlstimmen wird für den 24. Februar erwartet Dieser Artikel ist im Falter 07/10 erschienen. Fotos: Heribert Corn und Wienwillswissen.at Ja zur Ganztagsschule, Ja zur Nacht-U-BahnThursday, January 28. 2010 Citymaut, Nacht-U-Bahn, Hausmeister, Ganztagsschule und böse Hunde: Von 11. bis 13. Februar entscheiden die Städter. Der Falter gibt Empfehlungen für die Wiener Volksbefragung ab, zwei davon habe ich verfasst. Hier meine Einschätzung zu Schule und U-Bahn Nacht-U-Bahn "In Wien fahren täglich Nachtbusse von 0.30 bis 5.00 Uhr. Ein 24-Stunden-U-Bahn-Betrieb am Wochenende kostet pro Jahr fünf Millionen Euro und bewirkt veränderte Fahrtrouten der Nachtbusse an Wochenenden. Sind Sie dafür, dass die U-Bahn am Wochenende auch in der Nacht fährt?“ Die SPÖ lässt diese Frage so klingen, als sei die Nacht-U-Bahn der größte Schwachsinn. Ist sie aber nicht. Es gibt mehrere Städte mit hoher Lebensqualität, die dieses Service am Wochenende bereits bieten – etwa Stockholm, Hamburg, Berlin. In Wien hingegen denkt man lieber zweimal darüber nach, ob man abends beim Ausgehen etwas länger bleibt. Die letzte U-Bahn? Fährt kurz nach Mitternacht davon. Das Taxi? Ist teuer. Die Nachtbusse? Brauchen lange, und viele wissen gar nicht, wo die nächste Haltestelle ist – es gibt immerhin 23 Nachtbuslinien. Vom Reumannplatz bis Kagran, von Simmering bis Ottakring. Jeder Wiener kennt die U-Bahn-Stationen, weiß, wie er von dort nachhause findet. Kein anderes öffentliches Verkehrsmittel flitzt so schnell durch die Stadt. Vergleichbare Städte haben gute Erfahrungen mit der Nacht-U-Bahn gemacht. Hamburg führte sie schon vor fünf Jahren ein, die Zahl der Fahrgäste verdreifachte sich daraufhin. Nutzten 2004 noch 30.000 Menschen an Wochenendnächten die Öffis, waren es 2005 schon 90.000. Freitagabends, samstagnachts. Alle 20 Minuten kommt in Hamburg die U-Bahn oder S-Bahn. Zusätzlich fahren einige Buslinien rund um die Uhr. Das ist notwendig für jene Menschen, die nicht direkt neben den Gleisen wohnen. Freilich kostet mehr Transport auch mehr Geld. Die Hansestadt zahlt jährlich 3,5 bis vier Millionen Euro für das Service. Von fünf Millionen Euro wird in Wien gesprochen. 101 U-Bahn-Stationen müssten am Wochenende rund um die Uhr geöffnet sein. Aber sind fünf Millionen Euro für die Stadt und ihre Verkehrsbetriebe eine derart astronomische Summe? Zum Vergleich: Die Volksbefragung kostet inklusive Werbekampagne 6,7 Millionen Euro. Die Wiener Linien befördern pro Jahr 800 Millionen Fahrgäste, heuer investieren sie 471 Millionen Euro in Infrastruktur. Allein in die Verlängerung der U-Bahn fließen davon 300 Millionen Euro. Das derzeitige Nachtbussystem kostet 6,7 Millionen Euro pro Jahr. In der Volksbefragung wird die U-Bahn nun zu Unrecht auf eine Kostenfrage reduziert. Der öffentliche Verkehr kann nicht nur anhand wirtschaftlicher Kriterien beurteilt werden. Ansonsten müsste man alle Nachtbusse abschaffen und untertags den U-Bahn-Takt verringern. Damit ließe sich noch viel mehr Geld sparen. Die Nonstop-U-Bahn ist ein Luxus, den sich andere Städte leisten. Denn er fördert auch die Mobilität und das Lebensgefühl. Wien möchte eine pulsierende Metropole und „anders“ sein – doch bitte nicht nach Mitternacht. Das gehört nun geändert. Ganztagsschule "Internationale Studien zeigen, dass die Ganztagsschule der entscheidende Erfolgsfaktor für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie darstellt sowie das Bildungsniveau der Bevölkerung deutlich hebt. Sind Sie für ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsschulen in Wien?“ Diese rhetorische Frage könnte sich die Stadtregierung sparen und ohne Zögern die Ganztagsschulen ausbauen. Diese werden dringend gebraucht. Jedes zehnte Kind von Vollzeit-Berufstätigen ist heute nachmittags unbetreut, rechnet die Arbeiterkammer vor. In Wien wünscht sich sogar die Hälfte der Eltern ein ganztägiges Schulangebot, ergab eine Befragung des Unterrichtsministeriums. Derzeit müssen Mütter und Väter mühsam eine Nachmittagsbetreuung suchen, einen Hortplatz zahlen oder wieder einmal die Großeltern um Hilfe bitten. Es braucht also Schulen, in denen die Kinder nachmittags betreut werden. Nicht nur weil Eltern bis 17 Uhr arbeiten. Sondern auch weil es dem Lernprozess der Schüler entspricht: Derzeit pressen wir Mathematik, Englisch und Geschichte in vier bis sechs Stunden am Vormittag. Hirnforscher fanden heraus, dass sich die Aufmerksamkeit von Kindern auf Vormittag und Nachmittag aufteilt. Wichtig ist ein Rhythmus aus Lern- und Erholungsphasen. Die Wiener SPÖ will nun mehr Ganztagsschulen mit verschränktem Unterricht anbieten. Unterricht, Sport und Betreuungsphasen wechseln sich ab. Kinder sollen vormittags nicht überlastet und nachmittags zusätzlich gefördert werden. Österreich ist international eine Ausnahme, kaum ein Land kennt die Halbtagsschule. Diese führt zu sozialer Ungerechtigkeit: Schüler aus reicheren oder besser gebildeten Familien werden nachmittags in den Musikunterricht oder zur Nachhilfe geschickt. Natürlich brauchen solche Kinder die Ganztagsschule weniger als sozial Schwache. Für diese gibt es keine Klavierstunden, keine Mathenachhilfe und oft auch keine Betreuung. Deswegen rät die OECD Österreich, die Ganztagsschule einzuführen. Dort werden Kinder mit Migrationshintergrund auch nachmittags eingebunden und bekommen bessere Bildungschancen. Die ÖVP warnt vor diesen Plänen. Sie befürchtet eine „Zwangstagsschule“, in der alle verpflichtend vormittags und nachmittags pauken müssen. Das ist Panikmache. Von „verpflichtenden Ganztagsschulen“ traut sich kein roter Politiker reden. Lediglich das freiwillige Angebot soll ausgedehnt werden. In jedem Bezirk will die SPÖ mindestens eine Ganztagsschule errichten. Mutig wären die Sozialdemokraten, würden sie an einer verpflichtenden Ganztagsschule für alle arbeiten. Oder wenn sie es zumindest wagten, die Wiener Bevölkerung offen zu fragen: „Soll die Halbtagsschule in eine Ganztagsschule umgewandelt werden?“ Langfristig läuft alles auf diesen Schultyp hinaus: Mütter und Väter gehen arbeiten, die Kinder brauchen nachmittags Förderung, und es sollen alle gleich viel Aufmerksamkeit auch nach zwölf Uhr bekommen. Solange die Anzahl der Ganztagsschulen begrenzt und die Halbtagsschule Normalität ist, ist das nicht gegeben. Diese Texte sind im Falter 04/10 erschienen und Teil einer größeren Covergeschichte zur Wiener Volksbefragung. Fotos: Heribert Corn / Abstimmungs-Logo: Wienwillswissen.at Reißt unsere Schulen ab!Wednesday, December 16. 2009
Tafel, Glocke, Klassenbuch: Über unserer Schule liegt der Mief der autoritären Vergangenheit. Dabei gibt es längst neue Ideen
Inspektion: Ingrid Brodnig und Sibylle Hamann Die Schule ist immer ein Produkt ihrer Zeit. In Österreich ist sie das Produkt einer längst vergangenen Zeit. Ihr Grundriss stammt aus der Monarchie, ihre Rituale haben sich seit der industriellen Revolution nicht wesentlich weiterentwickelt. Dabei ist unsere Gesellschaft längst eine andere.1774 führte Maria Theresia die „Allgemeine Schulordnung“ und mit ihr die Schulpflicht ein. Damals wurde der Unterricht stark vom Militär und dessen Disziplinvorstellungen geprägt. Gehorsam war das oberste Bildungsziel. Mit dem industriellen Zeitalter setzten sich, ausgehend von Großbritannien, neue Prioritäten durch: Die Schule sollte möglichst viele berechenbar funktionierende Arbeitskräfte mit normierten Fähigkeiten hervorbringen, perfekt für das Fließband. In der „globalisierten Wissensgesellschaft“, von der alle reden, sind diese Bildungsziele eigentlich obsolet. Eine postindustrielle Arbeitswelt braucht kein homogenes Arbeiterheer mehr. Eine Einwanderungsgesellschaft muss mit Vielfalt produktiv umgehen. Sie kann es sich nicht leisten, Kinder, die nicht gleich ins System passen, auszusortieren und auszuspucken. Innovationen kann sie nur hervorbringen, wenn sie Individualität, Selbstverantwortung und Überraschungen zulässt. Dafür braucht es andere Lehrinhalte, andere Unterrichtsmethoden, eine andere Lehrerausbildung und andere Schulgebäude. In den Volksschulen, den einzigen echten Gesamtschulen in Österreich, hat dieses Umdenken in den letzten Jahren bereits stattgefunden. In den Kindergärten ist einiges in Bewegung, ebenso in den neuen Mittelschulen. Ein Erwachsener, der eine typische AHS betritt, wird sich jedoch wundern, wie wenig sich dort seit der eigenen Schulzeit verändert hat. Schulglocke, Klassenbuch, Jahrgangsklassen, all das findet sich dort. Die Gymnasien, samt ihrer Lehrergewerkschaft, verteidigen sinnentleerte Rituale und Gewohnheiten, als regiere immer noch der Kaiser in der Hofburg. Wer sich bewusst wird, wie viel Vergangenheit in der Gegenwart der Schule steckt, versteht: Es ginge auch ganz anders. Eine Übersicht. Einst war das Schulgebäude das Wohnhaus des Lehrers und seiner Frau. Heute ist es das Haus, in dem der Unterricht stattfindet, und anschließend fahren alle heim. Doch das muss nicht so sein. Schule kann auch hinausgehen: in Bibliotheken, Betriebe, auf Ämter und in die Natur; nicht nur gelegentlich bei Exkursionen, sondern systematisch. Die Walz zum Beispiel, ein privates Wiener Oberstufengymnasium, macht Biologie auf dem Bauernhof und fährt zum Sprachenlernen ins Ausland. Heutige Schulgebäude schotten sich nach außen ab; oft sind sie sogar Fremdkörper in ihrer Umgebung. Besonders problematisch ist das bei den großen Schulgebäuden der 70er-Jahre. Sie wurden für mehrere tausend Schüler und Schülerinnen konzipiert, an der Peripherie gebaut, nur dort gab es für sie Platz. Heute ereilt diese Großschulen ein ähnliches Schicksal wie Einkaufszentren: Sie sind nicht mit der Stadt verwachsen und vom öffentlichen Verkehr abgeschnitten. Die Zukunft liegt in kleineren, überschaubaren Einheiten, die auf ihre Umgebung reagieren und sie mit öffentlichen Angeboten für Nichtschüler bereichern. „Breite Schule“ heißt etwa ein Modell in den Niederlanden, das Schulen räumlich mit Bibliotheken, öffentlicher Verwaltung oder mit Wohnungen kombiniert. Die Wiener Standardschulklasse misst heute – wie zur Kaiserzeit – 63 Quadratmeter. „Man rechnete einen Quadratmeter pro Kopf, anderthalb Quadratmeter für den Lehrer und weitere anderthalb für den Ofen“, erklärt Christian Kühn, Architekt an der TU Wien. Heute sitzen zwar statt 60 nur noch 25 Kinder drin, viele Möglichkeiten bietet sie jedoch nicht. In Dänemark gibt es Schulen, die ganz ohne Klassenräume auskommen. Jeweils drei bis vier Klassen teilen sich dort eine „Lernzone“, diese besteht aus verschieden aufgestellten Tischen, PC-Arbeitsplätzen, Sitzecken und Rückzugsräumen, jeweils einer offenen Küche und einem Lehrerarbeitsraum. Als „Homebase“ der jeweiligen Klassen dienen sechseckige Bereiche, die mit Paravents von der Lernzone abgeschirmt werden. Hier drin können sich bis zu 20 Kinder plus Lehrende für kurze, intensive Phasen des Zuhörens versammeln. Das zentrale Nervensystem des österreichischen Schulgebäudes ist absurderweise der Gang, an dem entlang die Klassenzimmer aufgereiht sind, ähnlich wie in einer Kaserne. Das ist eine enorme Platzverschwendung: 30 bis 40 Prozent der Gesamtfläche sind dadurch als Verkehrsflächen blockiert und können nicht produktiv genützt werden. Denn ein Gang (samt „Gangaufsicht“) eignet sich beinahe ausschließlich dafür, sich zu langweilen oder Lärm zu machen. Eine Schule, die sich von Gängen verabschiedet, kommt mit fünf Prozent Verkehrsflächen aus. Der gewonnene Platz stünde für Bewegungs-, Spiel-, Lese-, Rückzugs- oder Essräume zur Verfügung. Das Problem: Viele Schulgebäude in Österreich stammen aus dem 19. Jahrhundert und lassen sich nur schwer radikal umbauen. Mit jeder der vielen Schulrenovierungen, die derzeit stattfinden, wird das „Gang“-Prinzip auf Jahre hinaus einbetoniert. In der ersten Klasse sitzen die Sechsjährigen, in der zweiten die Siebenjährigen: Das scheint uns selbstverständlich. Aber es war nicht immer so. Erst das Reichsvolksschulgesetz von 1869 teilte die Kinder nach Alter auf. „Das hat man dem Militär nachempfunden“, sagt Bildungsexperte Bernd Schilcher; die schulpflichtigen Kinder treten, ebenso wie die wehrpflichtigen Rekruten, ihren Dienst im Herbst an. Vor 1869 hingegen ging man davon aus, dass nicht alle denselben Reifegrad hätten. Deswegen saßen Kinder unterschiedlichen Alters in einem Raum und lernten, je nach Fach, in verschiedenen Gruppen miteinander. Zu dieser Idee finden moderne Mehrstufenklassen heute zurück: Jedes Kind lernt hier in seinem eigenen Tempo, einzeln oder in Kleingruppen. Begabungen können individueller gefördert werden. In einigen Wiener Volksschulen wird dieses Modell heute mit großem Erfolg praktiziert. Zentraler Baustein unseres Schulwesens ist die 50-Minuten-Stunde: Auf ihr bauen alle Stundenpläne auf, in ihrem Takt wechseln die Lehrer die Klassen. Warum eigentlich? Auch dies kommt vom Militär, bei dem jeweils eine Stunde lang exerziert wurde, zehn Minuten davon wurden fürs Austreten und Pfeiferauchen abgezogen. Pädagogisch mache das keinen Sinn, meint Bildungsforscherin Christa Koenne, speziell in naturwissenschaftlichen Fächern: „50 Minuten sind nicht der Rhythmus, in dem man neugierig wird. Man muss in ein Thema versinken können, damit Interesse entsteht.“ Sie schlägt längere Lernphasen vor: ein Drittel des Schuljahrs etwa für Naturwissenschaften, das zweite Drittel für Kultur, das dritte zum Wiederholen des Gelernten. Nur was regelmäßiges Üben erfordert (Rechnen, Turnen), solle wöchentlich stattfinden. Der 50-Minuten-Takt braucht ein akustisches Signal. „Die Schulglocke kommt von der Trillerpfeife“, sagt Bernd Schilcher. In den meisten Volksschulen läutet die Glocke heute gar nicht mehr oder nur, um große Pausen anzuzeigen. Solange dieselbe Lehrerin in der Klasse steht, kann sie auf Stimmungen und Konzentrationsphasen flexibel reagieren und den Stundenplan völlig ignorieren. An den AHS hingegen, wo alle 50 Minuten die Lehrperson wechselt, müsste man ohne Schulglocke das ganze System umstellen. Als Maria Theresia die Schulpflicht einführte, waren die Schulen plötzlich voll. 120 Kinder steckte man in eine Klasse. Ungefähr gleich groß ist eine Kompanie. Wie auf dem Kasernenhof reduzierte sich der Unterricht dann aufs Fehlersuchen. Wer einen Tintenklecks, einen Rechenfehler, einen falschen Ton machte, den wies der Lehrer zurecht. Der Stoff wurde in Tabellenform niedergeschrieben, in kleine Portionen aufgeteilt. Die wurden solange widergekäut, bis die meisten Schüler sie beherrschten. Der österreichische Unterricht ist von diesem Denken noch immer geprägt. Dem „Sachwissen“ wird viel Bedeutung beigemessen, während Länder wie Finnland mehr darauf achten, Kompetenzen zu vermitteln; die Fähigkeit, sich Sachwissen selbstständig anzueignen. Das Wort „Taferlklassler“ erinnert an die kleine Schiefertafel, die jedes Volksschulkind einst zum Schreiben mit dem Griffel verwendete. Die große Tafel, die an der Stirnseite des Normklassenzimmers steht, wurde um 1800 in Schottland erfunden und ist heute an der Wand festgeschraubt. Damit nagelt sie die Kinder an ihren Plätzen fest und bestimmt ihre Blickrichtung für den Frontalunterricht. Modellschulen in den 60er-Jahren versuchten, diese Starrheit mit mobilen Tafeln aufzubrechen, die auf Rollen im Raum umhergeschoben werden konnten. „Dann fiel eine Rolltafel einem Kind auf den Kopf, und es war mit der Tafelmobilität vorbei“, sagt Kühn. Heute kommt statt Kreide und Tafel oft ein Beamer oder Smartboard zum Einsatz. Am Prinzip des Frontalunterrichts ändert das nichts. Im 17. Jahrhundert hatten Schulkinder noch keine fixen Plätze. Im Raum standen Tische, in der Mitte an einem Pult saß der Lehrer. Lange waren Einzelbänke üblich, die man verrücken konnte. Die normierten Zweierschulbänke sind ein typisches Produkt des 19. Jahrhunderts. Ihre wichtigste Eigenschaft war, dass sie das Bodenwischen erleichterten. Orthopäden haben seither viel Energie in die Optimierung von Schulbänken gesteckt. Die Kinder sollten sechs Stunden lang sitzen können, ohne Fehlhaltungen davonzutragen. „Wir müssen das Sitzen den Arbeitsmedizinern entziehen“, fordert allerdings Christian Kühn. Denn Haltungsschäden vermeidet man am besten, indem man das stundenlange Sitzen ganz abschafft – und stattdessen am Boden, im Liegen, im Stehen, in Bewegung oder sonst wie lernt. 145 Jahre lang war in Österreich die Ganztagsschule normal. 1919 tauschte sie der rote Bildungsreformer Otto Glöckel durch die Halbtagsschule aus. Das war ein Kompromiss zwischen der bürgerlichen und der linken Reichshälfte: Das Bürgertum wollte, dass der Nachwuchs nachmittags für standesgemäße Exerzitien wie Musik oder Sport frei war. Die Halbtagsschule hat viel mit dem Familienideal zu tun. Kinder mittags nachhause zu schicken macht dann Sinn, wenn dort eine Hausfrau mit dem Essen auf sie wartet und mit ihnen Aufgaben macht. Je gebildeter und wohlhabender diese Hausfrau ist, desto größer ist der Bildungsvorsprung, den Kinder erwerben können. So verstärkt die Halbtagsschule die sozialen Unterschiede und hält gleichzeitig Mütter vom Arbeitsmarkt fern. Eine moderne Gesellschaft könne sich diesen Anachronismus eigentlich nicht leisten, meint Bernd Schilcher. Die 140 Millionen Euro, die jedes Jahr für Nachhilfe ausgegeben werden, beweisen, dass das System nicht funktioniert. In fast allen OECD-Staaten ist längst die Ganztagsschule, samt Essen, Sport, Musik und Förderkursen, normal. Dafür jedoch braucht man andere Schulgebäude. Die Aufteilung des Schuljahrs folgt vielen Interessen – jenen der Schüler und Schülerinnen allerdings am allerwenigsten. Die Weihnachts- und Osterferien verdanken wir der Kirche, die Semesterferien der Skiindustrie und die Sommerferien der Landwirtschaft. Zur Kaiserzeit begann der Unterricht nach der Ernte, Anfang November, und endete zu Michaelis am 29. September. Dazwischen halfen die Kinder den Eltern bei der Feldarbeit. Zusätzlich sperrten die Schulen im Sommer zu, wenn es zu heiß wurde. Heute sind wir nicht mehr so abhängig vom Wetter, doch die langen Ferien sind geblieben. Berufstätige Eltern stellt das vor gewaltige organisatorische Probleme, während in den leeren Schulgebäuden Sportanlagen, Chemielabors und alle anderen Ressourcen ungenutzt bleiben. Joseph II. führte das „Buch der Schande“ ein, das wir heute als Klassenbuch kennen. Es diente nicht nur zur Disziplinierung schlimmer Kinder, sondern auch zur Verhöhnung schlechterer Schüler, deren Fehler eingetragen wurden. In seiner äußeren Form hat sich das Klassenbuch in 200 Jahren praktisch nicht verändert. Vorne wird die Anwesenheit samt Entschuldigungen protokolliert, hinten der Lehrstoff. „Es ist ein altmodisches Instrument, das der Kontrolle dient. Auf große Teile davon kann man verzichten“, urteilt AHS-Direktorin Heidi Schrodt. In ihrer Schule, der Rahlgasse, gibt es ab der sechsten Klasse, nach dem Ende der Schulpflicht, kein Klassenbuch mehr: Die Schüler und Schülerinnen können über ihre Absenzen selbst verfügen. Wer in einem Fach mehr als 20 Prozent fehlt, muss eine Feststellungsprüfung machen. Die Absenzen sind seither deutlich zurückgegangen. Das Lehrerzimmer ist für Schüler ein geheimer Ort, den sie kaum je betreten. „Es ist Ausdruck dessen, woran das ganze System krankt“, sagt Direktorin Schrodt, „es ist ein Rückzugsraum, wo man sich vor den Schülern schützen kann.“ Zum Arbeiten taugt das Lehrerzimmer kaum. 1,40 Meter lang ist die Arbeitsfläche, die sich zwei Lehrende teilen müssen; unter Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) wurde auch noch die dazugehörige Lade eingespart. Mehr Fläche ist auch bei Neubauten nicht vorgesehen. Ein „richtiger“ Lehrerarbeitsplatz müss te technisch besser ausgestattet sein, er müsste Raum für Besprechungen und für Rückzug bieten. Gekämpft hat die AHS-Lehrergewerkschaft jedoch nie wirklich dafür, weil die wenigsten Lehrer ihren Tag in der Schule verbringen wollen. Traditionell verstehen sie das Klassenzimmer und die eigene Wohnung als ihren Arbeitsplatz, im Lehrerzimmer wollen sie nur Hefte ablegen. Dass neben dem Bild des Bundespräsidenten ein Kreuz hängt, liegt an einem Vertrag zwischen Österreich und dem Vatikan, „Schul-Konkordat“ genannt. 1962 vereinbarten die beiden Staaten, dass „in jeder Schulklasse, in der die Mehrzahl der Schüler ein christliches Religionsbekenntnis hat“, ein Kreuz zu hängen hat. Der Vertrag steht im Verfassungsrang und kann ohne Zustimmung des Heiligen Stuhls nicht geändert werden. Da längst nicht mehr alle Klassen christliche Mehrheiten haben, könnten viele Kreuze heute eigentlich abgehängt werden. Zumal das Konkordat anderen Verfassungsprinzipien widerspricht – etwa der Trennung von Staat und Kirche. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte urteilte jüngst, die Kreuze in italienischen Schulen verstoßen gegen das Gebot der Religionsfreiheit, der Staat müsse auch „die Freiheit jener schützen, die sich zu keiner Religion bekennen wollen“. Lange gehörten „Leibesübungen“ nicht in die Schule; nur Ritter wurden in Fechten und Tanzen ausgebildet. Die Turngeräte, die heute in jedem Turnsaal stehen, Kasten, Reck, Ringe oder Schwebebalken, gibt es seit 1811. Erfunden hat sie der Berliner Hilfslehrer Friedrich Ludwig Jahn, später als „Turnvater“ bekannt. Er sah in der körperlichen Ertüchtigung die Vorstufe der militärischen Ausbildung und wollte die Preußen damit für den Befreiungskrieg gegen die Franzosen stärken. 1813 nahm Jahn mit seinen Turnern an der Völkerschlacht bei Leipzig teil, man trug (mit Österreich an der Seite) den Sieg davon. Der gefürchtete Medizinball, der ebenfalls zur Standardausstattung des Turnsaals gehört, stammt aus den USA. Er dient, wie eine Hantel, zum Muskelaufbau und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von der Turner- und FKK-Bewegung nach Deutschland importiert. In einer modernen Schule könnte er zwischendurch die Schulbank ersetzen. Zum Thema „Fliegende Klassenzimmer. Eine interaktive Ausstellung über Orte zum Wachsen für alle von 6 bis 99 Jahren“. Diese Ausstellung beflügelt die Schulfantasie und ist bis 21. Februar 2010 im Kunsthaus Mürz in Mürzzuschlag zu sehen. Idee, Konzept und Gestaltung: Christian Kühn, Renate Stufer, Antje Lehn. Öffnungszeiten: Do–Sa 10–18, So 10–16 Uhr Dieser Artikel ist im Falter 51/09 erschienen und wurde von Sibylle Hamann und mir verfasst. Illustrationen: Frauke Lehn Wenn nach der Schule niemand wartetWednesday, September 2. 2009
Verwahrlosung, Gewalt, Armut. Immer mehr Schüler brauchen Hilfe, aber nicht nur von Lehrern
![]() Hernals: Ein Zwölfjähriger geht von der Schule mit seinem Kumpel heim. Da fängt ihn eine Gruppe älterer Kinder ab. Sie schlagen ihn, nehmen ihm den MP3-Player ab, reißen seinem Freund das Fahrrad aus der Hand und geben es nicht zurück. Der Junge erzählt das seinem Klassenvorstand. Währing: Im Unterricht bekommen die Schüler eine Aufgabe. Sie sollen ihr jetziges Kinderzimmer und ihr Traumzimmer zeichnen. Da findet die Lehrerin heraus, dass ein Bursche gar kein Zimmer, nicht einmal ein Bett hat. Er pendelt zwischen drei Haushalten hin und her, jenem des Vaters, der Mutter und der Großmutter. Dort schläft er dann auf einer Matratze. Rudolfsheim-Fünfhaus: Ein Mädchen wendet sich nach der Stunde an den Klassenvorstand. Sie will von ihrem streng religiösen Elternhaus weg. Aber sie ist noch nicht volljährig. Ein Psychologe für 10.000 Kinder Drei Fälle, die sich an Wiener Schulen ereignet haben. Teils im Gymnasium, teils in der Hauptschule. Sie spiegeln eine Seite der Schule wider, die immer relevanter wird: ihre soziale Bedeutung. Gerade wenn es um gesellschaftliche Aufgaben abseits der Bildung geht, bekommen Lehrer wenig Hilfe. Zwar arbeiten in Wien auch Beratungslehrer und Schulpsychologen, aber die Mittel sind knapp. Insgesamt gibt es in Wien 25 Vollzeitstellen für Schulpsychologen. Auf 10.000 Kinder kommt also nur ein Psychologe. Viele Lehrer fühlen sich überfordert und überlastet. Das zeigt auch ein Bericht des Fonds Soziales Wien, der im Juli öffentlich wurde. Er beschreibt die Situation im 15. Bezirk, der für den hohen Migrantenanteil und die strukturelle Armut bekannt ist. Die „veränderte soziale Situation der Schüler“ überfordere die Lehrer. Nun kündigt die Stadtregierung ein Pilotprojekt mit Schulsozialarbeit an, im heurigen Schuljahr soll es in Rudolfsheim-Fünfhaus starten. Einen genauen Zeitpunkt gibt es noch nicht, zuerst wird eine Expertenrunde einberufen. „Wir setzen uns im September zusammen und klären: Was sind die Rahmenbedingungen? Was soll erfüllt werden?“, sagt Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ). Der Ruf nach Schulsozialarbeit wird lauter, weil sich die Gesellschaft verändert hat. In den Städten wurden viele Hauptschulen zu Auffangbecken sozialer Problemfälle. Dort sitzen dann Kinder, die anderswo nicht unterkommen oder deren Eltern das Bildungssystem überfordert. Alle anderen flüchten in die AHS, in der wiederum Kinder sitzen, die vor ein paar Jahrzehnten in der Hauptschule gelandet wären. Heute versucht man, auch leistungsschwache und mitunter lästige Schüler zu fördern, möglichst vielen die Matura zu ermöglichen. Das führt gleichzeitig dazu, dass die Heterogenität in den Gymnasialklassen und die Belastung der Lehrer gestiegen sind. Schule als Elternersatz Es wäre aber zu einfach, die neuen Anforderungen auf die Zusammensetzung der Klassen oder die vielen Migrantenkinder zu reduzieren, die oftmals aus bildungsfernen Schichten stammen. Gesamtgesellschaftlich hat sich das Familienleben verändert. „Früher gab es eine klassische Trennung: Die Familie ist für die Erziehung, die Schule für die Bildung zuständig. Heute übernimmt die Schule immer mehr die Aufgaben der Familie“, sagt Johann Bacher, Soziologe an der Johannes-Kepler-Universität in Linz. Statt nur zu unterrichten, müssen Lehrer auch einen Teil der Erziehungsarbeit leisten. „Oft bringen wir den Kindern bei, Bitte und Danke zu sagen“, erzählt Eva Posad, Lehrerin am Gymnasium Geblergasse. Quer durch die Gesellschaft haben Väter und Mütter weniger Zeit für ihre Kinder. Das liegt nicht nur daran, dass drei Viertel der Mütter erwerbstätig sind. Auch die Arbeitszeiten sind flexibler geworden. Wenn der Elektrodiskonter bis 20 Uhr offen hat, kommt Papa frühestens um 20.30 Uhr heim. „Die Schule hinkt der Gesellschaft hinterher“, meint Bacher. In seinen Augen wäre eine der wichtigsten Reaktionen darauf die Einführung der Ganztagsschule. In dieser passt das Lehrpersonal nicht nur nachmittags auf die Kinder auf, es fördert sie auch beim Lernen, kontrolliert, ob die Aufgaben gemacht wurden, und bietet Sport- und Fitnessangebote. In Finnland gibt es das schon Es gibt die großen Reformideen, um die Schule zu einem Lebensraum zu machen, der gesellschaftliche Aufgaben übernehmen kann. Und es gibt kleinere Projekte, die ein erster Schritt in diese Richtung wären, etwa die Schulsozialarbeit. Was in Wien angedacht wird, ist in anderen Bundesländern schon längst umgesetzt: An dutzenden niederösterreichischen Schulen stehen Sozialarbeiter bereit, das Angebot gibt es dort seit zehn Jahren und ist mittlerweile so gefragt, dass es eine Warteliste gibt. Auch wer in Helsinki die vielgerühmte finnische Gesamtschule besucht, wird dort nicht nur Lehrer und Direktoren antreffen, sondern zusätzliche Berufsgruppen: Das reicht vom Sonderlehrer über den Schülerberater bis hin zum Sozialarbeiter, der tageweise anwesend ist (siehe Kasten). Dass andere Disziplinen in die Schule kommen, zeigt, dass das Bildungssystem differenzierter wird. Ein natürlicher Schritt: Wenn die Gesellschaft komplexer wird und neue Erwartungen an die Schule gerichtet werden, braucht es Experten dafür. Was bringt den Schülern diese Differenzierung? Geht es nur darum, dass die Pädagogen weniger stöhnen? „Ich fände das auf jeden Fall gut“, meint Oliver K., der heute eine Gärtnerlehre abschließt. Der 18-Jährige war das, was die Bildungsbürokratie ein verhaltensauffälliges Kind nennt. Er störte permanent den Unterricht, brachte die Lehrerin zur Verzweiflung, klebte das Klassenbuch zusammen und Kaugummi auf den Sessel. Dann flog er von der Hauptschule. Ein alleingelassenes Kind Olivers Geschichte erzählt nicht nur, wie Lehrer immer öfter an solchen Jugendlichen scheitern – sondern auch, wie viel Sozialarbeit bewirken kann. Denn an seiner neuen Hauptschule besuchte der Bursche jede Woche die Schulpsychologin. „Das hat mir sehr geholfen. Wir konnten über alles, auch über private Dinge reden“, sagt er. Nach dem Rausschmiss kam er auch mit Sozialarbeitern von Back on Stage in Kontakt, der mobilen Jugendarbeit in Wien. Mit ihnen ging er Billard spielen oder ins Kino – beides Freizeitaktivitäten, die er mit seiner Mutter nie unternommen hatte. Sie erzog den Jungen allein, der Vater hatte sich schon lange aus dem Staub gemacht. Zuhause wurde der Junge ignoriert. Da gab es keine gemeinsamen Ausflüge am Wochenende wie in anderen Familien. „Ich hab meiner Mutter nicht einmal sagen müssen: ‚Du, ich komm heut nicht heim.‘ Auch nicht als ich 14 Jahre alt war“, erinnert sich Oliver. Seine Klassenkollegen beneideten ihn damals. Er hingegen hätte lieber eine Mutter gehabt, die sich um ihn sorgt. Vielleicht kann Schulsozialarbeit Jugendlichen wie Oliver helfen, noch bevor sie im System aufgefallen sind oder von der Schule fliegen. Oft sind es auch nur die kleinen Katastrophen, die die Kinder belasten und ablenken. Etwa der Streit mit der besten Freundin oder Zerwürfnisse in der Clique. Der Trägerverein Young bietet Sozialarbeit an niederösterreichischen Schulen an und führt darüber Statistik. Am häufigsten kommen Schüler wegen Problemen mit ihren Freunden. Am zweithäufigsten geht es um Gewalt. Kindern oder Jugendlichen fällt es oft leichter, an jemanden heranzutreten, der nicht ihr Lehrer ist, der sie nicht von Klasse zu Klasse begleitet und benoten muss. „Wir erreichen in der Schule Jugendliche, die sonst nie das Jugendamt aufsuchen würden“, sagt Margot Müller, Sozialarbeiterin und Geschäftsführerin von Young. Die Schule umkrempeln Österreichische Lehrer bekommen nur wenig Hilfe von außen. Auf 29 Lehrer kommt eine „pädagogisch unterstützende Kraft“. Bildungsforscher verstehen darunter zum Beispiel Beratungslehrer, Psychologen, Logopäden. Im Vergleich mit anderen OECD- und EU-Ländern ist das ein schlechtes Ergebnis. International kommt durchschnittlich eine pädagogisch unterstützende Kraft auf jeweils 16 Lehrer, ergab heuer die länderübergreifende Lehrerbefragung Talis. Die Pädagogen selbst wünschen sich eine Entlastung. Manch ein Direktor hat sogar schon die Unterstützung von Sozialarbeitern angeregt. „Wir hätten gerne einmal im Monat eine Sozialarbeiterin bei uns“, sagt Erika Tiefenbacher, Schulleiterin der Hauptschule Schopenhauerstraße im 18. Bezirk. Die Expertenrunde im September wäre eine passende Gelegenheit, über die gesellschaftlichen Veränderungen und die neuen Aufgaben der Schule zu sprechen. Denn wenn sie mehr als eine Wissenseinrichtung sein soll, muss die Schule umgekrempelt werden. Dieser Artikel ist im Falter 36/09 erschienen. Auschwitz: Schulausflug mit JudenverhöhnungThursday, May 14. 2009
Auf einem Schulausflug nach Auschwitz sollen antisemitische Aussagen gefallen sein. Nun prüft der Stadtschulrat den Fall
Es sollte eine Reise der Erinnerung und Aufarbeitung werden. Mehr als 400 österreichische Schüler aus 17 Schulen fuhren Ende April nach Polen, um das Konzentrationslager Auschwitz zu besuchen und mit Überlebenden des Holocausts zu reden - unter ihnen auch Schüler des Gymnasiums Albertgasse in Wien-Josefstadt.Doch der Gedenkmarsch verlief nicht wie geplant. Laut dem Gedenkverein March of Remembrance and Hope (Morah), der die Reise veranstaltete, fiel eine Gruppe von Schülern von Beginn an negativ auf. Da sei schon im Bus über die Fahrt ins KZ gescherzt worden - obwohl ein Holocaustüberlebender daneben saß. In Auschwitz seien dann Witze über Deportierte gemacht worden, etwa über einen Mann mit dem Nachnamen "Gescheit". "Na sehr gscheit war er nicht, der Gescheit. Wenn er in den Zug eingestiegen ist", habe ein Schüler gesagt. Der Fall platzt in die aktuelle Diskussion um die Neonazi-Provokation im KZ Ebensee. Dort haben vier 14- bis 16-Jährige eine Gedenkfeier mit "Sieg Heil"-Rufen gestört und sollen auch auf Besucher mit Gummigeschossen gefeuert haben. Die Jugendlichen wurden bereits vernommen und sind weitgehend geständig. Auch die Schulreise nach Auschwitz wird derzeit vom Stadtschulrat untersucht. "Die Provokationen gipfelten darin, dass in der Gaskammer im Umfeld von Holocaustopfern und Nachkommen Witze gemacht wurden und etwas später die Bemerkung von einem Schüler fiel:, Die Juden gehören einfach vergast'", schreibt Morah in einem Bericht, der dem Falter vorliegt. Der Verein schickte daraufhin die betreffenden Jugendlichen und ihre Klassenkollegen frühzeitig nach Hause. Es handelte sich um Schüler der Albertgasse. Die Jugendlichen, die mit ihrer Schule nach Polen fuhren, waren großteils 16 Jahre alt. Seit drei Jahren veranstaltet Morah derartige Reisen, heuer sei es zum ersten Mal zu geschmacklosen Witze an der Gedenkstätte gekommen. Auch Teilnehmer aus anderen Schulen bestätigen dies. Der Stadtschulrat prüft nun auch die Rolle der Lehrer. Haben die mitreisenden Pädagogen ihre Aufsichtspflicht verletzt? Der Bericht der Organisatoren zeichnet ein Bild von Lehrern, die nicht an Vorbereitungsworkshops teilnahmen und die nur einen Teil der Schüler kannten. Der Direktor der Schule wollte hierzu keine Stellungnahme abgeben. Der Stadtschulrat schließt derzeit nicht aus, dass disziplinäre Maßnahmen gegen die Lehrer ergriffen werden. Auf jeden Fall soll der Eklat in Auschwitz mit den Schülern der Albertgasse aufgearbeitet werden. "Man muss schon anmerken, dass viele Schüler der Albertgasse sehr nett und völlig in Ordnung waren", sagt Tamir Pixner von Morah. Doch nach drei Tagen, an denen es immer wieder zu verletzenden Aktionen gekommen sei, habe man kein Vertrauen mehr in die Lehrer und ihre Kompetenz gehabt, die Provokationen zu beenden. Das Verwunderliche an dem Vorfall: Die Teilnahme an der Reise war freiwillig. Was motiviert einen Schüler, nach Auschwitz zu fahren, wenn er die Sache nicht ernstnimmt oder womöglich sogar meint, die Juden gehörten vergast? Der Stadtschulrat kann nicht sagen, ob einer der Jugendlichen Verbindungen zur rechtsradikalen Szene hat. Es fällt aber auf, dass sich in der letzten Zeit Neonazis vermehrt auch an geschichtlich so sensible Orte wie Konzentrationslager herantrauen. Obwohl offene Judenfeindlichkeit heute nur mehr ein Randthema ist, gibt es eine Minderheit mit Vorurteilen - auch unter Jugendlichen. Das zeigt eine Studie des Instituts für Jugendforschung. Demnach sagen 15 Prozent der Mädchen und 21 Prozent der Burschen, dass sie nicht neben Juden wohnen möchten. Dieser Bericht ist im Falter 19/09 erschienen. Das Bild stammt von Flickr-User ♣ ℓ u m i è r e ♣ und zeigt das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, wo sich die Vorfälle ereignet haben sollen. Der mit den kleinen NadelstichenTuesday, May 5. 2009
Jürgen Rainer ist der Inbegriff des Lehrergewerkschafters. Wie denkt so ein Funktionär?
Fast wären die Verhandlungen an Jürgen Rainer gescheitert. Montagabend stellte er sich vor den prunkvollen Audienzsaal im Unterrichtsministerium und sagte: "Wir sind noch weit von einer Einigung entfernt." Hinter der Flügeltür saßen zu diesem Zeitpunkt noch Ministerin Claudia Schmied (SPÖ) und die Lehrervertreter. Schon Stunden zuvor war eine Einigung zwischen Schmied und der Gewerkschaft erwartet worden (siehe auch Kommentar Seite 6).Kurz vor Schluss muckte Rainer noch einmal auf. Er ist der Chefgewerkschafter der Lehrer der berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) - jener 22.000 Menschen, die etwa an Handelsakademien, HTLs oder Kindergartenschulen unterrichten. Der unauffällige Mann mit den weißen Haaren und den kräftigen Augenbrauen hat noch nie in seinem Leben so viel Aufmerksamkeit bekommen wie in den letzten Wochen. Der Boulevard diskutiert über Lehrerarbeitszeit, der Stammtisch schimpft über die Bewegungsstarre der Funktionäre. Und im ORF werden selbst Gewerkschafter aus der zweiten Reihe interviewt, solche wie Rainer. Als Hardliner hat sich der 58-Jährige in den vergangenen Wochen hervorgetan. Seine Diktion war schärfer als die seiner Kollegen. Einmal drohte er mit einem "Flächenbrand" im gesamten öffentlichen Dienst, dann kündigte er eine "Politik der kleinen Nadelstiche" an. Rainer ist der Inbegriff eines schwarzen Lehrergewerkschafters. Er gehört der Fraktion christlicher Gewerkschafter an, ist natürlich ÖVP-Mitglied. "Wenn einer im Chor singen will, muss er im Chor sein", sagt er zu den Verschränkungen zwischen Volkspartei und Gewerkschaft. Der Handelsakademielehrer hat den klassischen Hürdenlauf eines Funktionärs hinter sich: Er war Obmann des gewerkschaftlichen Betriebsausschusses an seiner Schule, leitete die Fachgruppe für Lehrende in kaufmännischen Berufen. Dann kam er nach Wien, zuerst als Dienststellenreferent, seit 2003 ist er Chefgewerkschafter. "Die Leute sind froh, wenn einer die Arbeit macht", sagt er. Folgt man seinen Ausführungen, ist seine Karriere eher Zufall: Lehrer wurde er aus finanzieller Not. Er hatte sein BWL-Studium noch nicht abgeschlossen, früh geheiratet und musste eine Familie ernähren. Also ging er an die Handelsakademie. Heute unterrichtet Rainer nicht mehr. Auch sein Aufstieg als Funktionär sei nicht geplant gewesen, sagt Rainer. Er habe langsam jene Ämter übernommen, die andere irgendwann zurücklegten. Aber das ist wohl nur die eine Seite der Geschichte. Die andere Seite zeigt einen jungen Lehrer, der früh zur Partei ging und gezielt Diskussionsveranstaltungen besuchte, um sich zu Wort zu melden und seine Debattierfähigkeiten zu schärfen. Rainer war schon ehrgeizig, als er noch im Landesschulrat der Steiermark saß. Damals wollte er vom einfachen Lehrer zum Direktor aufsteigen. Als das nicht klappte, kletterte er die Gewerkschaftsleiter empor: "Ich wollte nie die zweite Geige spielen." Bei bildungspolitischen Gesprächen bekommt Rainer einen Tunnelblick. Er sieht vor allem die Befindlichkeiten der Lehrer, alles, was ihnen schon weggenommen wurde. Auf Kritik lässt sich der Gewerkschafter oft nicht ein. Wenn man ihn zum Beispiel auf die schwarzen Schafe unter den Lehrern anspricht, die im Unterricht nur ein Video einlegen und sich zurücklehnen, sagt er: "Ich glaube nicht, dass es solche Lehrer gibt." Die pädagogischen Vorstellungen des Steirers lassen sich mit einer Illustration beschreiben. Rainer nimmt ein Blatt Papier und kritzelt darauf die Gauß'sche Kurve. Für ihn stellt sie die Intelligenzverteilung innerhalb der Bevölkerung dar. "50 Prozent haben einen IQ über hundert, 50 Prozent einen unter hundert." Anhand der Kurve erklärt er auch die Unzufriedenheit mit dem Schulsystem. "Der Grund für die Nachhilfe ist nicht, dass Lehrer versagen, sondern dass die Ziele der Eltern zu hoch gegriffen sind", sagt er. Soll heißen: Viele Kinder sind eben zu dumm. Solche Aussagen sind Grund für das schlechte Image der Lehrervertreter. Aber vieles, was Rainer sagt, wird auch in den Konferenzzimmern beklagt. Da sehen sich die Lehrer mit immer heterogeneren Klassen konfrontiert, kommen mit dem Stoff nicht durch. Der Lehrerstreit hat dazu geführt, dass die Neuanmeldungen bei der Gewerkschaft gestiegen sind. Die Beamtenvertreter sind die einzigen Gewinner im Lehrerstreit. Auch wenn es sich in dieser Montagnacht für Jürgen Rainer nicht so anfühlen mag. "Ich muss die Krot fressen. Ich bin der wahre Verlierer am Tisch", sagt er, während die Ministerin vor der Kamera steht. Er ärgert sich, dass seine BMHS-Lehrer besonders von den Zulagenkürzungen betroffen sind. Sie bekommen weniger Geld für Überstunden. Trotzdem hat Rainer letztlich zugestimmt. Er weiß: Es hätte auch noch viel schlimmer kommen können. --- Zur Person Jürgen Rainer hat BWL und dann Wirtschaftspädagogik studiert. Er ist der Gewerkschaftschef an den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS), weiters leitet er den Zentralausschuss für BMHS-Bundeslehrer. Rainer ist somit der Standesvertreter von 22.000 Lehrern Dieses Portrait ist im Falter 17/09 erschienen. Foto: Heribert Corn / www.corn.at Nach dem Lehrerstreit folgt die Schulreform. Schön wär'sWednesday, April 22. 2009 Josef Pröll hat sich den Frieden mit der Gewerkschaft teuer erkauft. Der schwarze Finanzminister hat doch noch irgendwo 240 Millionen Euro gefunden und diese dem Unterrichtsministerium zugeschanzt. Dabei hatte Pröll wochenlang wiederholt: Es gibt nicht mehr Geld, es gibt nicht mehr Geld. Die Signalwirkung des großkoalitionären Kompromisses ist nun umso fataler. Die renitenteste der Gewerkschaften wird belohnt. Und das Ministerium von Claudia Schmied bekommt mehr Geld, weil es seine Mietzahlungen hinausschieben darf.Da stellt sich die Frage, wie andere Ressorts darüber denken - bei denen auch massiv gespart wird. Im Gegensatz zu den Schulen müssen die Unis weiterhin ihre Mieten zahlen, wie kommen die dazu? Auch bei anderen Beamten muss gespart werden. Wie werden die jetzt auf die Pröll'sche Umverteilung reagieren? Dass die Lehrer Hilfe aus dem Finanzministerium bekommen haben, hängt nicht mit Sachargumenten zusammen, sondern mit dem Einfluss der Beamtengewerkschaft in der ÖVP. Also jener Partei, die bei jeder anderen Gelegenheit betont, dass alle den Gürtel enger schnallen müssen. Bis auf die Gewerkschaft gibt es im Lehrerstreit nur Verlierer: Die Ministerin wurde zum Feindbild an den Schulen, die Regierung hat gezeigt, wie löchrig so ein Globalbudget wirklich ist. Und die Lehrer sind jetzt umso mehr Buhmänner und Buhfrauen. Nun reden alle davon, dass endlich eine inhaltliche Schuldebatte geführt werden soll. Total unrealistisch. Denn am Verhandlungstisch werden wieder die selben Protagonisten Platz nehmen. Und die haben gerade sehr gut vorgeführt, zu welchen Kompromissen sie in der Lage sind. Dieser Kommentar ist im Falter 17/09 erschienen. Das obere Bild ist ein Screenshot aus der Budgetrede des Finanzministers, anzusehen auf YouTube. Wenn Schüler für ihre Lehrer auf die Straße gehenWednesday, April 22. 2009
Statt selbst zu streiken, hetzen sie Schüler auf. So erobert die Parteipolitik das Klassenzimmer
Eines kann man den Lehrervertretern nicht vorwerfen: dass sie mit Futter für Journalisten geizen. Erst vergangene Woche heizte Jürgen Rainer die Schuldebatte wieder ordentlich an. Der Chefgewerkschafter der berufsbildenden mittleren und höheren Schulen rief in einem E-Mail die Kollegen zum Pisa-Boykott auf, um den politischen Druck auf Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) zu erhöhen. Sie will nach wie vor, dass Lehrer mehr Unterricht leisten. Prompt landete Rainers E-Mail bei einigen Medien. Nun stellte sich auch noch heraus, dass die Schüler gesetzlich verpflichtet sind, an der OECD-Vergleichsstudie Pisa teilzunehmen. Überdies wird der Test nicht direkt von Lehrern der Schule durchgeführt. Pisa blockieren? Das wird also schwieriger als gedacht. Wirklich problematisch an dieser Idee ist aber, dass dabei Lehrer ihre Schüler instrumentalisieren würden. Derzeit setzt sich vor allem die ÖVP-nahe Schülerunion dafür ein, dass kein Jugendlicher am Pisa-Test teilnimmt. Schüler sollen so gegen ein Gesetz verstoßen, um politischen Druck im Sinne ihrer Lehrer zu erzeugen - also gerade für jene Menschen, die sie benoten. Hier wird eine weitere Facette der Schuldebatte sichtbar, dass nämlich die Parteipolitik bis ins Klassenzimmer wandern kann. Dabei hätten die Lehrer genug andere Streikmöglichkeiten. Sie könnten etwa selbst auf die Straße gehen, anstatt ihre Schützlinge vor sich herzuschieben. Nun rudern die Lehrervertreter wieder zurück. Der Pisa-Boykott sei längst nicht beschlossene Sache, erklärt Rainer. Aber sollte Pisa doch verhindert werden, wäre das nicht nur Geldverschwendung. Es würde auch die Arbeit der Bildungsreformer erschweren: Die brauchen aktuelle Vergleichswerte, um die Schwächen im Schulsystems zu finden. Schon in der Vergangenheit zeigte sich, dass jeder fünfte Schüler nicht richtig lesen kann und zur "Risikogruppe" zählt. Heuer wird der Pisa-Test besonderes Augenmerk darauf legen, wie gut die 15- bis 16-Jährigen lesen können. Das ist eine zentrale Frage in jedem Schulsystem. Denn wer nicht richtig lesen kann, der wird auch keine Mathematikaufgaben lösen - er wird im realen Leben vielleicht nicht einmal die Speisekarte entziffern können. Dass die Lehrervertreter ausgerechnet Pisa verhindern wollen, wirft eine weitere Frage auf: Interessiert sie denn gar nicht, wo es im System schwächelt? Dieser Text ist im Falter 15/09 erschienen Tausend Lehrer, die einen coolen Unterricht machenSunday, March 22. 2009
Abseits der Blockierer gibt es auch Pädagogen, die das Schulsystem von innen heraus verändern wollen
Jamie Oliver war vergangene Unterrichtsstunde zu Besuch. Nicht persönlich, über YouTube. Auf dem Onlinevideoportal sah sich die Klasse an, was der TV-Koch an britischen Schulkantinen bemängelt. Diese Stunde studieren die Jugendlichen Rezepte auf Englisch. Ihr Arbeitsauftrag: Übersetz ein Rezept per Gruppenarbeit, präsentiere es der Klasse.Der Englischunterricht in der 1D an der Business Academy Donaustadt, einer Handelsakademie und Handelsschule, ist fortschrittlich: Die Schüler arbeiten eigenständig, Lehrerin Eva Annau stimmt ihren Unterricht auf die Kollegen aus Deutsch, Rechnungswesen, BWL ab. Sie ist keine pädagogisch hochmunitionierte Nachwuchslehrerin, sondern eine 55-jährige Anglistin, die seit 1979 im selben Gebäude unterrichtet. Im aktuellen Schulstreit werden Lehrer wie sie übersehen. Da kommen Pädagogen nur als Modernisierungsverweigerer vor. Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) will, dass Lehrer zwei Stunden pro Woche mehr unterrichten. Die Gewerkschaft droht mit Streik. Dabei gibt es unter der Lehrerschaft einige, die gegen das starre System ankämpfen. Menschen, die nicht bereits beim Klingeln der Schulglocke im Auto sitzen und abdüsen. Annau wendet das "Cool"-Konzept an, kurz für "Cooperatives offenes Lernen". Das ist eine Unterrichtsform, die geschätzt 1000 heimische Pädagogen einsetzen, insbesondere an berufsbildenden höheren Schulen. "Der Lehrer ist kein Einzelkämpfer mehr, er arbeitet im Team", sagt Annau. Nach dem Unterricht arbeitet sie häufig mit Kollegen zusammen, die sich auch zum Cool-Lehrer weitergebildet haben. Für die kommende Woche haben sie in der 1D etwa einen Schwerpunkt zum Thema Mobbing eingeplant. Die 1D ist eine Cool-Klasse. Die Tür ist während des Englischunterrichts offen, die Schüler arbeiten in kleinen Gruppen und können sich die Zeit selbst einteilen. Annau kann dadurch den schwächeren Schülern helfen. "Mir gefällt das besser, weil man selber etwas tut - und nicht der Lehrer immer den Stoff vorkaut", meint der 15-jährige Dario Nikolic´. Er hat schon in der Unterstufe eine Schule mit offenem Lernen besucht. Im Gegensatz zu anderen reformpädagogischen Methoden wurde das Cool-Konzept eigens für ältere Schüler mit mehr Eigenverantwortung konzipiert. Cool ist eine Initiative von Lehrern. Mitte der 90er-Jahre merkten Georg Neuhauser und Helga Wittwer an der Handelsakademie Steyr, dass ihr Frontalunterricht nicht mehr griff. Die Klassen wurden heterogener, die Aufmerksamkeit erodierte. Im Ausland lernten die beiden die Reformpädagogik der Amerikanerin Helen Parkhurst kennen. Dabei steht nicht der Lehrer im Mittelpunkt des Unterrichts, sondern der Schüler. "Nur weil ich der Klasse etwas vortrage, heißt das noch lange nicht, dass es bei ihnen angekommen ist", sagt auch Annau, die seit 2001 Cool unterrichtet. Der Unterricht in der Stadlauer Straße kann oft nur eine Minimalvariante des Konzepts sein. Die Klassentür ist zwar offen, doch es fehlt der Platz. Die Jugendlichen können nicht hinausgehen und am Gang lernen, da es keine Sitzmöglichkeiten gibt. Die Lehrer haben zwar Schreibtische, um in der Schule zu arbeiten. Doch die müssen sie zu viert nutzen. Da haben es gerade Cool-Lehrer schwer: Während manch ein Kollege längst zuhause ist, sitzen sie noch im engen Lehrerzimmer und planen den Unterricht. "Wir würden uns wünschen, dass Lehrer prinzipiell nach dem Unterricht an der Schule bleiben", sagt Georg Neuhauser, einer der beiden Begründer von Cool. Er will mit seinem Konzept nicht nur die Lehrqualität punktuell verbessern, sondern das System nachhaltig verändern. Mit der aktuellen Debatte ist er unglücklich: Der Schmied-Vorschlag würde gerade jene Cool-Lehrer belasten, die sich besonders sorgfältig auf den Unterricht vorbereiten. Die Blockiermentalität der Lehrergewerkschaft lehnt er wiederum ab. "Wir treten auch an, um zu zeigen, dass es Lehrer mit Veränderungsideen gibt", sagt Neuhauser. An eine umfassende Bildungsreform in der nahen Zukunft glaubt der Pädagoge nicht. Er setzt lieber selbst Aktionen. Und in kleinen Schritten folgen einige, zum Beispiel an der Business Academy Donaustadt. Hier arbeiten die Lehrer immer wieder an Mikroreformen. Bald bekommt die Schule etwa einen Neubau. "Wir wollen, dass es dann am Gang Sitzmöglichkeiten gibt, wo die Schüler selbst mit Laptop lernen können", meint Annau. Das ist zumindest ein Anfang. Diese Reportage ist im Falter erschienen. Das Foto zeigt Eva Annau beim Unterricht in der 1D. Foto: Heribert Corn "Es muss sich Gewaltiges ändern"Friday, March 20. 2009
Experte Bernd Schilcher über die Schuldebatte und falsche Erwartungen, die Lehrer an ihren Beruf stellen
![]() Bernd Schilcher, 68, war Anfang der 90er-Jahre Präsident des steirischen Landesschulrats. Der schwarze Bildungsexperte stößt mit seinen schulpolitischen Ideen viele Parteikollegen vor den Kopf. Im Vorjahr leitete er im Auftrag von Ministerin Schmied die Schulreformkommission und entwickelte die Eckpfeiler der „Neuen Mittelschule“ mit. Foto: J. J. Kucek Falter: Bildungsministerin Schmied will, dass Lehrer pro Woche zwei Stunden mehr unterrichten. Ist das sinnvoll? Bernd Schilcher: Ja, kurzfristig fürs Budget und mittelfristig für Schüler und Lehrer. Wenn Lehrer künftig von acht bis 16 Uhr an der Schule sind und dort ihren Arbeitsplatz haben, würde das die Professionalisierung enorm steigern. Erstens sind Lehrer, die auch nachmittags für ihre Schüler erreichbar sind, wertvoller. Wenn Schmieds Vorschlag auch dazu dient, die Halbtagsschulen langsam in Ganztagsschulen zu überführen, ist das sehr sinnvoll. So haben Lehrer mehr Gelegenheit, Beziehungen zu ihren Schülern aufzubauen. Und die sind die Voraussetzungen für gutes Lernen. Zweitens geht es darum, dass Lehrer derzeit Stundenlöhner sind. Das führt dazu, dass man für alles extra bezahlt werden will, und gehört geändert. Mit ihrem Vorschlag will Schmied aber in erster Linie Geld sparen. Schilcher: So wurde das zumindest angekündigt. Ich glaube auch, dass die Ministerin wirklich Geld braucht. Wenn 90 Prozent der Ausgaben Personalkosten sind, kann sie nur hier Geld hereinbringen. Die Doppelgleisigkeiten zwischen Bund und Ländern sind aber auch sehr teuer. Hier könnte man ebenfalls ansetzen. Schilcher: Stimmt. Unsere gesamten Verwaltungskosten liegen jährlich etwa 600 Millionen Euro über dem OECD-Schnitt. Da hat sich noch niemand drübergetraut. Nur das nützt im Augenblick nichts. Wenn die Ministerin jetzt anfängt, die Strukturen zu ändern, zeigt das in fünf bis zehn Jahren Wirkung. Aber sie braucht schon nächstes Jahr Geld für Neuerungen wie den Kleingruppenunterricht. Da muss sie dort eingreifen, wo es möglich ist: bei den Lehrern. In der Öffentlichkeit entsteht der Eindruck, dass Lehrer automatisch blockieren. Schilcher: Da finde ich die Rolle der Gewerkschaft problematisch. In England und in Amerika haben die Gewerkschaften eingesehen, dass es nicht nur ihre Aufgabe ist, dass Lehrer genug verdienen und nicht zu viel arbeiten. Sie haben gesagt: Wir müssen auch Bedingungen schaffen, damit Lehrer gerne unterrichten. Es ist die Frage, ob sich eine Gewerkschaft als Mauer versteht oder als Reformpfeiler, der die Situation verbessern will. Haben die Lehrer nicht auch eine verzerrte Wahrnehmung der Arbeitswelt? Schilcher: Ja, an der Uni werden Lehrer ausgebildet, die dann sofort in die Schule gehen und Menschen auf ein Leben vorbereiten, das sie selbst nicht kennen. Ich hab dem Landesschulrat vorgeschlagen, dass jeder, der fünf Jahre berufstätig war, für den Lehrposten vorgezogen wird. Auch ein Taxichauffeur. Aber der einzelne Lehrer kann für dieses System nichts. Die Schuld liegt bei jenen, die das System durchschauen müssten und es nicht tun – oder dafür zu feig sind. Jetzt haben wir eine Ministerin, die nicht feig ist. Sie will langfristig wirklich etwas ändern. Nur mit wem soll sie das tun? Die ÖVP wird da nicht mitziehen. Schilcher: Ja, womöglich nicht. Das ist aber eine kurzsichtige Politik, weil es nicht darum gehen sollte, ob jemand ein Roter, ein Schwarzer oder ein Grüner ist. Noch besser wäre es gewesen, wenn die Ministerin nicht nur die Ausdehnung des Unterrichts vorgeschlagen, sondern gleich ein Gesamtpaket für den Lehrberuf vorgelegt hätte. Schilcher: So ein Gesamtpaket ist wichtig, aber schwierig, weil alles mit allem verwoben ist. Wenn man zum Beispiel neue Lehrer mit einer anderen Grundeinstellung gegenüber Schülern will, gibt es sofort das Problem: Wo sollen die ausgebildet werden? An der Uni oder an den Pädagogischen Hochschulen? Macht diese Doppelgleisigkeit überhaupt Sinn? Und wenn wir sie beseitigen, was passiert mit den Einkommen? Da bräuchte man dann ein einheitliches Besoldungsrecht für alle Lehrer. Heißt das, man kann nur kleine Änderungen, keine Reformen machen? Schilcher: Ideal wäre, man einigt sich auf ein großes Paket, kennt alle groben Ziele und setzt kleine Arbeitsgruppen ein, die in ihrem Teilbereich immer das Gesamtziel vor Augen haben. Wichtig wäre ein anderes Lehrerbild. Nur wie bekommen wir das? Schilcher: Zuerst muss man ein paar Vorurteile beseitigen. Viele ältere Lehrer glauben etwa, sie arbeiten in einem Halbtagsjob, bekommen dafür aber ein Vollgehalt. In den 60er-Jahren hatten wir einen schlimmen Lehrermangel, damals hieß es:, Komm, werde Lehrer, hier musst du nur halbtags arbeiten.‘ Und viele glaubten das. Zur Arbeitszeit muss man aber auch sagen, dass Lehrer in Finnland noch weniger in der Klasse stehen. Schilcher: Ja, die Finnen machen sehr viel Weiterbildung und jeder Zweite hat eine Sonderausbildung. Ein Lehrer hat sich zum Beispiel auf Finnisch für Ausländer spezialisiert, der andere auf die psychische Unterstützung. Wenn ein Schüler schlecht Finnisch kann oder Probleme mit Gewalt hat, kommt er aus der normalen Klasse raus und in eine Kleingruppe. Bis das Kind firm genug ist und zurück in die Klasse kommt. Dieses System ist viel beweglicher. Warum ist unser Schulsystem so starr? Schilcher: Weil es ein Derivat des Militärs ist. Als Österreich 1866 die Schlacht bei Königgrätz verlor, haben die Generäle die Schuld auf das Schulsystem geschoben. Es hieß, dass unsere Soldaten zu drei Viertel Analphabeten gewesen seien. Die Schulreform drei Jahre später hat dann die preußische Militärschule übernommen. Die 50-Minuten-Stunde ist zum Beispiel vom Exerzieren kopiert. Die Trillerpfeife wurde zur Pausenklingel. Wie kann man die Lehrer zum Umdenken bringen? Schilcher: Mein Ansatz ist das überzeugende Beispiel. Man könnte sagen, jeder Lehramtsstudent muss ein Praktikum in einer Modellschule machen. Wenn er danach in eine normale Schule kommt, wird er sagen: „Dreht eure Klingel ab, arbeitet im Team.“ Das funktioniert wirklich. In Österreich sind wir oft besser darin, Modellschulen einzuführen als flächendeckende Reformen. Schilcher: Das glaube ich nicht. Ich glaube, die Leute müssen erst einmal in diesem Modell gearbeitet haben. Bis jetzt haben sie es oft nur oberflächlich angesehen. Derzeit löst aber selbst ein harmloser Vorschlag wie zwei zusätzliche Stunden Unterricht einen riesigen Streit aus. Schilcher: Das stimmt. Aber die Lehrer ahnen natürlich, dass es sich nur um die Spitze des Eisbergs handelt. Jeder, der denken kann, weiß, man muss Gewaltiges in den Schulen verändern. Doch die Grundhaltung ist: „Ja, wir brauchen Veränderung. Nur nicht bei mir.“ Dieses Interview ist im Falter 11/09 erschienen. Ein wenig Sparen ist noch keine VisionWednesday, March 18. 2009
Zwei Unterrichtsstunden mehr? Der Reformstau liegt anderswo. Die Finnen weisen den richtigen Bildungsweg
Packt SPÖ-Unterrichtsministerin Claudia Schmied endlich ein richtig heißes Eisen an? Auf den ersten Blick sieht es so aus: Die Ministerin stellt einfach die Sonderstellung der Lehrer infrage und schickt sie zwei Stunden länger in den Unterricht - ohne zuvor die Gewerkschaft zu konsultieren. Boulevard und Neidgenossenschaft applaudieren.Wer näher hinschaut, erkennt jedoch, dass es sich bei Schmieds Plänen nur um ein Sparprogramm und nicht um eine Bildungsreform handelt. Die Unterrichtsministerin hat vergangene Woche lediglich vorgeschlagen, dass Lehrer im Rahmen der 40-Stunden-Woche zwei Stunden zusätzlich unterrichten sollen, damit sich der Staat trotz Wirtschaftskrise Bildungsmaßnahmen wie kleinere Klassen und Förderkurse leisten kann. Die Statistik zeigt tatsächlich, dass unsere Lehrer im internationalen Vergleich vergleichsweise selten in der Klasse stehen. In Unterstufengymnasien und Hauptschulen stehen sie pro Jahr 607 Stunden an der Tafel. Im OECD-Schnitt sind es über 100 Stunden mehr. Da hört sich Schmieds Idee zunächst sinnvoll an. Auf den zweiten Blick ist ihr Plan leider unausgegoren. Er berücksichtigt nicht, dass es Unterschiede gibt, welcher Lehrer wie viele Stunden unterrichtet. Ob ein Pädagoge Turnen oder Mathematik lehrt, an einer Volksschule oder in der AHS-Unterstufe arbeitet, ist sehr entscheidend dafür, wie viel Zeitaufwand mit einer Unterrichtsstunde verbunden ist. Das alleine ist nicht das größte Manko an Schmieds Vorschlag. Das Gefeilsche über 100 Minuten Unterricht mehr oder weniger lenkt von den großen Reformbrocken ab, etwa einer Zukunftsvision für den Lehrberuf in diesem Land. Österreichische Schulen - und das ist das grundsätzliche Problem des heimischen Bildungswesens, fördern nicht alle Kinder gleich. Noch immer fühlen sich viele Lehrer nicht für die Motivation eines schlechten Schülers verantwortlich. Lieber erklären sie Kinder für zu dumm oder zu faul, anstatt sie zu unterstützen. Hier müsste moderne Bildungspolitik ansetzen. Viel klüger wäre es gewesen, wenn Schmied die Stundenerhöhung in ein Gesamtkonzept für die Lehrprofession eingebettet hätte. Eine allgemeine Reform des Dienstrechts sowie der Lehrerausbildung wäre dringend notwendig. Schulen sollen ihr Unterrichtspersonal selbst aussuchen dürfen, es muss vor allem Möglichkeiten geben, unfähige Lehrer aus dem Klassenzimmer zu befördern anstatt lernschwache Schüler. Derzeit haben es ausgerechnet die ambitionierten Lehrer schwer. In den Konferenzzimmern bläst ihnen ein eiskalter Wind aus Richtung jener Kollegen entgegen, die ihren Job nur als Überbrückungsmöglichkeit bis zur Pension sehen. Gleichzeitig fehlt es an Anerkennung und Aufstiegsmöglichkeiten. Das Dienstrecht bietet den Hochmotivierten keine Belohnung an: Sie stecken in einem starren Gehaltsschema. Schmieds Vorschlag verschärft diese Situation auch noch, weil er pauschal für alle Lehrer zwei Stunden mehr bringt. Wer seinen Unterricht gründlich vorbereitet, der wird diese zwei Stunden deutlicher wahrnehmen als diejenigen, die schnell ein Video rauskramen, wenn sie wieder einmal keinen Stoff geplant haben. Wer Reformen wagen will, der muss einmal mehr zu den Finnen blicken: Sie sind Pisa-Sieger, aber ihre Lehrer verbringen vergleichsweise wenig Zeit in den Klassen. Wer an der Gesamtschule arbeitet, unterrichtet pro Jahr 589 Stunden - also sogar ein bisschen weniger als bei uns. Trotzdem ist das finnische Schulsystem viel mehr vom Leistungsgedanken geprägt: Schon bei der Ausbildung wird kräftig ausgesiebt. Nur jeder zehnte Bewerber ergattert einen Platz fürs Lehramtstudium. Dafür ist Lehrer ein höchst angesehener Beruf in der finnischen Gesellschaft. Ganz im Gegensatz zu Österreich: Hier darf jeder Maturant Lehramt studieren. Wer seine Ausbildung abschließt, landet auf einer Warteliste - der Garant für eine spätere Anstellung im Schulbetrieb. Wenn die Regierung über die Arbeitswelt der Lehrer reden will, dann sollte sie wesentliche Themen wie Dienstrecht, Aufnahmeprüfungen oder den Ausbau der Kündigungsmöglichkeit ansprechen. In der aktuellen Debatte wird auch ausgeblendet, dass es noch andere Einsparpotenziale gibt - allen voran in der Schulverwaltung. Österreich ist bekannt dafür, Unsummen für seine Schulbürokratie zu verheizen. Bund und Länder wollen mitreden und ihre Posten nach Parteibuch vergeben. Auch hier dient Finnland als Vorbild. Der finnische Verwaltungsapparat ist wesentlich effizienter. Von der ersten bis zur sechsten Klasse investieren die Nordeuropäer pro Schüler rund 5600 Dollar. Im bildungsschwächeren Österreich sind es fast 3000 Dollar mehr. Schmieds Vorschlag, mit mehr Unterricht Geld zu sparen, ist also zu wenig. Die Ministerin hätte Lob verdient, wenn sie es wagen würde, die unnützen Doppelgleisigkeiten abzubauen. Doch bei so einer Idee würde sie noch auf wesentlich mehr Widerstand stoßen als jetzt. Da würde Fritz Neugebauer, der sogar von der konservativen Presse "die sprechende Betonstatue" genannt wird, zu einer Stahlbetonwand werden. Allein so weit kommt es nicht. Hierzulande reicht es, ein bisschen an der Unterrichtszeit herumzudrehen, um den Eindruck zu erwecken, eine essenzielle Bildungsreform auf Schiene gebracht zu haben. Dieser Kommentar ist im Falter 10/09 erschienen. Jagd auf die Schwächen im SchulsystemWednesday, January 21. 2009
Zentral vorgegebene Maturafragen, Bildungsstandards: Unterrichtsministerin Claudia Schmied plant einen Paradigmenwechsel
Pisa hat gezeigt: Jeder fünfte Schüler kann am Ende seiner Pflichtschulzeit nicht richtig lesen. Doch das Ministerium weiß nicht, an welchen Schulen, in welchen Regionen der größte Nachholbedarf besteht. Es fehlt ein landesweiter Test, der die Kompetenz der Schüler, die Leistungen der Schulen vergleicht. Das soll sich ändern. Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) präsentierte vergangene Woche zwei Reformen, die eine Qualitätskontrolle und eine einheitlichere Notengebung bewirken sollen: die standardisierte Matura und die Einführung der Bildungsstandards. Letzteres sind einheitliche Lernziele, die vorgeben, welche Kompetenzen ein Schüler besitzen soll. Ein Bildungsstandard für einen Viertklässler in der Volksschule lautet etwa: "Kann zu einem Text Stellung nehmen und seine Meinung begründen." Das Zukunftsszenario des Ministeriums: Künftig werden die Bildungsstandards für die vierte Klasse Volks-, Haupt- und Allgemeinbildende höhere Schule (AHS) alle drei Jahre überprüft. Sie sollen eine Rückmeldung für Schüler, Lehrer und Direktoren sein. Zum Abschluss des Gymnasiums gibt es dann die neue Reifeprüfung, bei der die Klausurarbeit zentral für alle Maturanten vorgegeben wird. Die Überprüfung der Bildungsstandards und die einheitlichen Klausuraufgaben bedeuten aber auch, dass es künftig zum ersten Mal einen landesweiten Schulvergleich geben wird. Darin wird sich dann zeigen, bei welchen Bildungseinrichtungen Schüler besonders viel lernen. In Ländern wie Kanada und Finnland, die beim Pisa-Test immer im Spitzenfeld liegen, sind bundesweite Evaluationen längst Standard. "Wir haben die Prüfungen 1996 eingeführt. Denn wir wollten wissen, was die Schwächen des Schulsystems sind", sagt Pentti Yrjölä vom finnischen Zentralamt für Unterrichtswesen. Circa acht Prozent aller Schüler werden jährlich in Fächern wie Finnisch, Mathematik und Schwedisch überprüft. Die Evaluierung ist in Finnland so populär, dass sich viele Schulen freiwillig dafür melden - auch wenn sie die Tests dann selbst bezahlen müssen. Das österreichische und das finnische Modell haben eines gemeinsam: Beide Staaten halten ihre Schulrankings unter Verschluss. Denn eine öffentliche Liste der besten Schulen könnte gerade jenen Bildungseinrichtungen schaden, die bereits Mängel aufweisen. Das Ziel der Bildungsstandards ist aber, diese Unterschiede auszumerzen und eine einheitlichere Notenvergabe einzuführen. Wie subjektiv die Beurteilung im Zeugnis sein kann, zeigt Pisa. Wer in Mathematik ein "Befriedigend" oder gar "Genügend" hatte, dem fehlt es oft nicht am mathematischen Verständnis. 16 Prozent der AHS-Schüler mit einem Vierer und 31 Prozent der AHS-Schüler mit einem Dreier landeten 2003 in der Mathematik-Spitzengruppe. Die Reformen erfordern ein Umdenken unter Pädagogen. Künftig geht es nicht mehr darum, ob ein Lehrer den Stoff im Unterricht durchgenommen hat, sondern was davon bei den Schülern hängenblieb. "Die Bildungsstandards bedeuten einen Paradigmenwechsel. Jetzt wird auch ein Blick auf die Ergebnisse des Unterrichts geworfen", meint Josef Lucyshyn, Direktor des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie). Er arbeitet für das Unterrichtsministerium an den Bildungsstandards und der neuen Matura. Vonseiten der AHS-Lehrergewerkschaft und der ÖVP-nahen Schülerunion gibt es Kritik an den Details der Reform. Gegen die grundlegende Idee - eine einheitlichere Matura, mehr Qualitätskontrolle - spricht sich aber niemand aus. Trotzdem bergen die Pläne die Gefahr, dass die ersten bundesweiten Testergebnisse einen Schock auslösen wie Pisa vor ein paar Jahren. "Das wird zu einiger Ernüchterung führen", sagt etwa Fritz Kast, der an der Pädagogischen Hochschule Burgenland angehende Lehrer ausbildet. Denn ab diesem Zeitpunkt bekommen die Pädagogen erstmals Vergleichswerte, wie gut ihr Unterricht ist. Die neue Matura kommt ab dem Schuljahr 2013/14 in den AHS. Sie besteht aus drei Säulen: einer vorwissenschaftlichen Arbeit, einer zentral erstellten Klausurarbeit ähnlich der bisherigen schriftlichen Prüfung und drittens der mündlichen PrüfungBildungsstandards regeln, welche Kompetenzen ein Schüler in der jeweiligen Schulstufe in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch beherrschen soll. Ab dem Schuljahr 2011/12 werden in der vierten Klasse AHS und Hauptschule die Bildungsstandards landesweit überprüft, ab 2012/13 auch in der vierten Klasse Volksschule Dieser Text wurde im Falter 04/09 veröffentlicht. Schüler am RandWednesday, December 3. 2008![]() Früher waren sie die Schule ums Eck, nun sind sie soziale Auffangbecken. In Wien entstehen Ghettoschulen Christoph Columbus trifft Isabella I., die spanische Königin. „Sei gegrüßt, Columbus“, sagt Danica*, das Mädchen mit den blondgefärbten Haaren. Columbus, der eigentlich Andrej heißt und 13 Jahre alt ist, verbeugt sich und sagt: „Hallo, Eure Majestät!“ Die Klasse lacht. Das war nicht der richtige Ton für eine Königin. Rollenspiele, mehrsprachige Arbeitsblätter, Suchrätsel. Das gibt es alles in der Geschichtsstunde der 3b. Der Unterricht ist fortschrittlich. Muss er auch sein. Denn von 30 Kindern haben 29 eine andere Muttersprache als Deutsch. Die 3b an der Schopenhauerstraße 79, einer Hauptschule in Währing, ist da keine Ausnahme. Neun von zehn Schülern stammen aus Migrantenfamilien. Kinder, die nach der Volks- in die Hauptschule gehen. Kinder, die anderswo durchgeflogen oder gerade erst in Österreich angekommen sind. Einfach gesagt: Die Schopenhauerstraße ist eine Restschule. Der Ort für jene Kinder, die nicht im Gymnasium oder privaten Hauptschulen unterkommen. Abseits der Gesamtschuldebatte und dem Rummel um die Wiener Mittelschule werden die Probleme von Standorten wie der Schopenhauerstraße gerne übersehen. An den städtischen Schulen gibt es nicht nur eine Trennung in AHS- und Hauptschüler. Beim Wettbewerb um die besten Schüler bleiben einzelne Volks- und Hauptschulen übrig, die zum sozialen Auffangbecken werden. Während an der durchschnittlichen Wiener Hauptschule 54 Prozent der Kinder einen „Migrationshintergrund“ haben, gibt es Schulen wie die in der Schopenhauerstraße. „Wenn 90 Prozent aus Migrantenfamilien und der Rest aus sozioökonomisch benachteiligten Familien stammt, dann ist das eine Ghettoschule“, sagt Susanne Jerusalem, Schulsprecherin der Wiener Grünen. Sie fürchtet, dass in Wien immer mehr solche Bildungssackgassen entstehen. Die Vorbilder fehlen Ghettoschule. Dieser Begriff suggeriert verwüstete Klassenräume, ungewaschene Kinder und Gewalt. So schaut es in der Schopenhauerstraße nicht aus. Das Stiegenhaus ist bunt bemalt, die Kinder sehen nicht verwahrlost aus. Eine Erstklasslerin hat der Direktorin heute ein Stück von ihrer Geburtstagstorte mitgebracht. Trotzdem ist die Schule ein sozialer Brandherd. „Ich würde meine Schule nicht als Ghettoschule bezeichnen. Aber wir sind schon die Schule der 'anderen'“, sagt Direktorin Erika Tiefenbacher. Auf ihrem Tisch steht der Teller mit dem Tortenstück. An der Wand hängt eine Postkarte mit dem Spruch einer Integrationskampagne aus den 70er-Jahren, als viele Gastarbeiter frisch nach Österreich kamen: „I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric. Warum sogn s’ zu dir Tschusch?“ Tiefenbacher ist selbst eine soziale Aufsteigerin. Sie stammt aus einer Arbeiterfamilie. Weil sie ihre Volksschulfreundinnen nicht verlieren wollte, ging sie ins Gymnasium. Danach studierte sie. Von den Kindern in ihrer Schule weiß sie, dass sie nicht so viel Glück haben. Die Schüler gehen in Klassen, in denen kaum einer akzentfrei Deutsch spricht, kaum einer weiß, was die Matura ist. Von Studium ganz zu Schweigen. Es fehlen die Vorbilder. Tiefenbacher hat für die vergangenen zwei Jahre eine Statistik erstellt. Nach der vierten Klasse besucht nur etwa ein Viertel eine höhere Schule. Das ist selbst für Hauptschulen ein schlechter Schnitt. Zum Vergleich: Nur ein paar hundert Meter entfernt ist das Gebäude der Schulbrüder Währing, einer privaten Hauptschule. Dort gehen 95 Prozent weiter auf eine höhere Schule. 60 Prozent schließen sie sogar ab. Hinter solchen Zahlen stecken auch Gesichter. Zum Beispiel jenes von Danica, der 13-Jährigen, die im Geschichtsunterricht Spaniens Königin spielte. Die gebürtige Serbin ist erst seit vier Jahren in Österreich. Trotzdem hat sie fast nur Einser. „Nach der Hauptschule möchte ich auf die Handelsakademie. Wenn ich mich anstrenge, kann ich das auch schaffen“, sagt sie. Danica ist ein kluges Einwandererkind, das sich im Bildungssystem abmüht: Schon ihr Volksschulzeugnis wäre gut genug gewesen, um ins Gymnasium zu kommen. „Aber ich hatte Angst, weil mein Deutsch noch schlecht war.“ Also ging sie lieber in die Hauptschule. Jetzt muss Danica darum kämpfen, um von einer Schule wie der Schopenhauerstraße in die HAK zu kommen. Ein Akademikerkind wäre erst gar nicht in so einer Situation. Da kämpfen Eltern sogar bei einem schlechten Volksschulzeugnis darum, dass ihr Nachwuchs ins Gymnasium kommt. Wie eine Restschule entsteht Im engen Lehrerzimmer sitzen drei Pädagoginnen. „Ich habe in der Nähe selbst ein Kind in der Volksschule“, erzählt eine junge Kollegin. Der 18. Bezirk zeigt sehr anschaulich, wie sich selbst in wohlhabenderen Gegenden Randschulen herausbilden. Die Trennung beginnt bereits in der Volksschule. Eltern, denen die Bildung ihrer Kinder wichtig ist, schicken diese in Schulen wie die Scheibenbergstraße, den Bischof-Faber-Platz oder die Köhlergasse. Da gibt es bilingualen Unterricht, Montessoriklassen, ganztägige Betreuung. Eltern, die hingegen das Schulsystem nicht kennen oder denen Bildung nicht wichtig ist, schicken ihre Kinder in die Schule ums Eck. Und so kommt es, dass in Montessoriklassen oft nur wenige Migrantenkinder sitzen und in Schulen, die kein besonderes Profil haben, die Gastarbeiterkinder. Das beeinflusst den Unterricht. Gerda Reißner ist seit fast 30 Jahren an der Schopenhauerstraße. Sie ist auch einer der beiden Klassenvorstände der 3b. Wenn sie dort Deutsch unterrichtet, gestikuliert sie mit den Händen, malt vieles an die Tafel. So sollen ihr die Kinder leichter folgen können, denn oft mangelt es am Wortschatz. Begriffe wie „Gebirge“ sind für einige zu schwer, die Textaufgabe in Mathematik auch. Oft betreiben die Lehrer nur noch Schadensbegrenzung. Reißner hat es sich bereits abgewöhnt, zur Schularbeit einen Aufsatz zu geben. „Zu Aufsatzschreibern werden wir sie nicht mehr machen können. Aber uns ist wichtig, dass die Kinder zumindest einen Text lesen und die wichtigsten Inhalte entnehmen können“, sagt sie. Oft ist Reißner eher Sozialarbeiterin als Lehrerin. Wenn eine Schule zum Auffangbecken wird, häufen sich auch die sozialen Probleme. Am Polytechnikum der Schopenhauerstraße erstach vor drei Jahren ein 15-Jähriger einen Mitschüler. Das blieb auch in der Hauptschule ein Einzelfall. Doch immer wieder kommt es vor, dass das Jugendamt Lehrer kontaktiert. Da erfährt man mitunter, dass ein Kind eine Zeitlang obdachlos war oder die Polizei schon mehrfach zuhause einschritt, weil der Vater die Mutter prügelte. Dann verstehen die Lehrer, warum ein Schüler rauft oder im Unterricht ins Nichts starrt. „Die Kinder tragen schwere Packln am Rücken“, sagt Reißner. Schlechte Sprachkenntnisse, geringe Aufstiegschancen, fehlende Vorbilder. Anstatt dass Schulen wie die Schopenhauerstraße sozial Benachteiligten eine Chance zum Aufstieg geben, zementieren sie ihr Schicksal ein. Während in Ländern wie Finnland jedes Kind bis an sein Maximum gefördert werden soll, werden in Österreich Hilfsarbeiterkinder zu Hilfsarbeitern ausgebildet. Das genaue Gegenteil dessen, was ein innovativer Staat braucht. Im Stadtschulrat ist die Situation bekannt. Auf die Ungleichheit im Schulsystem hat die rote Politik eine Antwort: die Gesamtschule. Eine gemeinsame Schule für alle 10- bis 14-Jährigen wäre wohl ein Schritt hin zu sozialer Ausgewogenheit. Aber die Gesamtschule kann auch nicht verhindern, dass es Restschulen gibt. Denn Akademikerkinder besuchen andere Schulen als Arbeiter- oder Einwanderkinder. „Ein Scheitern der Stadtpolitik“, ortet die ÖVP-Nationalratsabgeordnete Katharina Cortolezis-Schlager. Sie fordert, dass in einer Klasse nicht mehr als ein Drittel förderbedürftige Kinder sitzen. Um die Unausgeglichenheit etwas zu verringern, könnten nichtkonfessionelle Privatschulen in die Pflicht genommen werden, schlägt Cortolezis-Schlager vor. Sie könnten zusätzliche Lehrer vom Bund bekommen, im Gegenzug müssten sie aber einen bestimmten Prozentsatz an förderbedürftigen Kindern aufnehmen. Auch die grüne Bildungssprecherin Susanne Jerusalem hat einen Vorschlag für den Stadtschulrat: Die Restschulen sollen attraktiviert werden. Standorte wie die Schopenhauerstraße könnten besonders viele englischsprachige Lehrer bekommen oder Reformpädagogik anbieten. Das soll die Schule für bürgerliche Eltern wieder interessant machen. „Die Attraktivität eines Schulstandorts zu steigern, ist sehr sinnvoll. Das machen wir auch“, sagt Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SPÖ). Im 15. Bezirk wurden etwa zwei Volksschulen, die vor der Schließung standen, zur Europavolksschule mit besonders vielen Sprachlehrern umfunktioniert. „Die sind jetzt sehr gefragt.“ Für die Hauptschulen, die zur Restschule werden, wünscht sich Brandsteidl vor allem die Gesamtschule. Wien könnte aber auch die Konzepte anderer Städte übernehmen. In Berlin gibt es etwa „Stadtteilmütter“. Das sind Frauen, die türkischen Familien die Bedeutung des Deutschunterrichts vermitteln und sie über Ausbildungsmöglichkeiten informieren. Mohammed braucht einen PC An der Schopenhauerstraße ließe sich einiges machen. Die Direktorin hofft, dass die Wiener Mittelschule langfristig den Weg zur Gesamtschule ebnet. Und in der Zwischenzeit hätte sie gerne einmal im Monat eine Sozialarbeiterin bei sich. Die Schule versucht, in kleinen Schritten ihr Image zu verbessern. Erst kürzlich erhielt sie für ein Integrationsprojekt die „Sparkling Science“-Auszeichnung des Wissenschaftsministeriums. Bei dem Projekt treffen Studierende der WU auf Schüler der Schopenhauerstraße. Der Stolz der Hauptschule ist der EDV-Raum. 14 Computer stehen darin bereit. Hier lernen die Kinder den Umgang mit Word und Excel. Für manche ist das der erste Kontakt mit dem Computer. „Ich habe zuhause keinen PC“, sagt Mohammed und zeigt seinen USB-Stick her. Die Schule bietet kostenlos einen Computerführerschein an – jedes Jahr für 14 Kinder. Warum nur für 14 Kinder? Warum besorgt man nicht zusätzliche Computer? Oder eine weitere Informatiklehrerin? Dafür gibt es an der Schule keine Ressourcen. Dabei könnte der Computerführerschein bei der Bewerbung um eine Lehrstelle die entscheidende Zusatzqualifikation sein. Der kleine EDV-Raum ist nur ein Beispiel, für die Möglichkeiten, die es noch gibt. Auch 20 PCs können eine richtige Schulreform nicht ersetzen. Aber irgendwo muss man ja anfangen. * Die Namen sämtlicher Kinder wurden geändert Bei der Recherche an der Hauptschule Schopenhauerstraße bekam ich dieses Freundschaftsband von einer Erstklasslerin geschenkt. Das Mädchen hatte das Band in der Supplierstunde geknüpft Ihre Klassenkollegin wollte von mir wissen: „Sind Sie jetzt unsere neue Lehrerin?“ . Diese Reportage ist im Falter 49/08 erschienen. Das obige Foto zeigt die 3b im Deutschunterricht und Lehrerin Gerda Reißner. Credit: Julia Fuchs / www.juliafuchs.com Ein Türschilder-Streich: Wer diese Woche noch an die Urnen mussWednesday, December 3. 2008
Die unnötigste aller Wahlen findet derzeit an Wiener Schulen statt: Dort stimmen Lehrer und Eltern darüber ab, ob ihre Schule ein neues Türschild bekommen soll. Genannt "Wiener Mittelschule". Das ist eine Mischung aus Hauptschule und Gymnasium - ein großkoalitionärer Kompromiss, weil die Gesamtschule dann doch zu revolutionär war. Damit nun diese Notlösung kommt, müssen zwei Drittel der Lehrer und zwei Drittel der Eltern zustimmen. Hört sich voll demokratisch an. Bis auf das kleine Detail, dass Eltern über das Schicksal fremder Kinder bestimmen. Denn das Türschild "Wiener Mittelschule" wird nicht die jetzigen Schüler adressieren, sondern erst die zukünftigen. Ihre Eltern haben zwar kein Stimmrecht. Aber egal! Hauptsache, alle anderen haben brav abgestimmt. Und kriegen neue Türschilder.
Eine weitere unnötige Wahl: Der Schönheitswettbewerb zur Miss World 1987. Hat zwar wenig mit dem Thema Schule zu tun, schaut aber klasse aus. Diese Glosse wurde im Falter 48/08 veröffentlicht.
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