"Bauen, bauen, bauen, sonst fällt ihnen nichts ein"Tuesday, June 15. 2010
Die traditionsreiche Hohe Warte soll zum Teil in Bauland umgewidmet werden. Und das ausgerechnet vor der Wien-Wahl
![]() Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, überall grünt es. Der Ausblick auf der Hohen Warte ist idyllisch. Trotzdem können sich Michael Jungwirth und Johanna Loibl nicht daran erfreuen. Die zwei Döblinger ärgern sich, wenn ihr Blick über das Fußballfeld, die überdachte Tribüne und die anliegenden Wohnhäuser schweift. Sie regen sich über die Immobiliendeals der Stadt auf. Diese will einen Teil des Areals umwidmen. Die Fläche gegenüber der Tribüne soll Bauland werden. Vier Wohnhäuser sind geplant. „Bauen, bauen, bauen, sonst fällt der Stadt Wien nichts ein“, sagt Michael Jungwirth, Obmann der Bürgerinitiative „Pro Heiligenstadt“. Er wünscht sich einen öffentlich zugänglichen Fußballplatz statt Wohnungen. Wieder gibt es Aufregung um die Hohe Warte. Die Bürgerinitiative kritisiert, wie mit kulturellem Erbe umgegangen wird. Immerhin handelt es sich um den Sportplatz des ältesten Wiener Fußballclubs, der Vienna – und eine einzigartige Naturarena in der Stadt. Auch die Grünen schalten sich ein. Planungssprecherin Sabine Gretner, die schon die Bauaffäre im Prater aufgedeckt hat, ortet Misswirtschaft. 2002 war der damalige Hauptpächter, der Fußballclub Vienna, finanziell schwer angeschlagen. Die Stadt verpachtete daraufhin das 86.000 große Gelände der „Hohe Warte Projektentwicklungs- und Errichtungs-GmbH“ (kurz: HW), eine Tochter der IG Immobilien, die der Nationalbank gehört. Im Pachtvertrag musste sich die HW verpflichten, das Sportgelände zu sanieren. Dafür durfte sie die anliegenden Parkplätze kaufen. Ein gutes Geschäft für die Pächterin, ein schlechtes für Wien, stellte der Rechnungshof 2004 fest: Die Stadt habe den Parkplatz um vier Millionen Euro zu günstig hergegeben. Dabei hatte die Stadt Wien den Deal einst damit beworben, dass die neue Pächterin aus der Hohen Warte eine „Sportanlage der Superlative“ machen und viel Geld investieren würde – ein Gegengeschäft also. Viel ist davon nicht zu sehen. Ausgerechnet dort, wo Wohnhäuser hinkommen sollen, war laut Vertrag ein Trainingsfeld vorgesehen. Dieses wurde niemals errichtet. Die Fläche gegenüber der Tribüne liegt brach, soll nun sogar in Bauland umgewidmet werden. „Der Pachtvertrag wird nicht eingehalten“, behauptet Gretner. Die Stadtregierung rechtfertigt die Umwidmung mit der wachsenden Bevölkerungszahl. „Jedes Jahr braucht Wien 7000 neue Wohnungen“, sagt Vera Layr, Sprecherin von Planungsstadtrat Rudolf Schicker (SPÖ). Doch es geht nicht nur um die Frage, wie viele Wohnungen die Stadt benötigt. Reißt hier eine alte Wiener Unsitte ein? Werden Erholungsgebiete wieder leichtfertig verbaut? Die Bürgerinitiative hofft, dass die Stadtregierung doch noch einlenkt und die umstrittene Umwidmung vor der Wiener Gemeinderatswahl absagt. Deswegen steht Michael Jungwirth auf diesem Fleck Erde. „Diese Fläche wäre eine Chance. In ganz Döbling gibt es keinen öffentlich zugänglichen Fußballplatz“, sagt der Obmann der Bürgerinitiative. Sein Problem ist nur: Auch die Immobiliengesellschaft hat ihre Chance erkannt. Dieser Bericht ist im Falter 23/10 erschienen. Bild: Julia Fuchs. Update: Im Planungsausschuss des Gemeinderats wurde der Flächenwidmungsplan doch noch umgeändert. Das Naturareal auf der Hohen Warte bleibt, wie es ist So wurde ich zum FußballgottFriday, June 11. 2010 Ich bin schon aufgewärmt für die Fußball-WM. Vergangene Woche habe ich mühevoll trainiert, stundenlang nur über die Wuchtel nachgedacht und etliche Tore geschossen. Natürlich nicht in echt, sondern auf der PlayStation 3. Auf der Spielkonsole bin ich eine Profikickerin. Wenn ich mich mit Freunden vor dem Fernseher duelliere, foult keiner so unerbittlich oder gaberlt so professionell wie ich. Ich bin halt ein Naturtalent, zumindest in meinem virtuellen Fußballuniversum. Mittlerweile ist auch der neue Fifa-Titel zur Weltmeisterschaft 2010 erhältlich. Der ist eine gute Einstimmung auf das Großevent: Man steuert die echten Mannschaften und kann die gesamte WM durchspielen. Das macht Spaß und ist pädagogisch wertvoll. Beim Videospielen habe ich mir nämlich alle Namen und Besonderheiten der Spieler eingeprägt. Alles, was ich über internationalen Fußball weiß, habe ich in Videospielen gelernt. Nur einen Nachteil hat das harte Training vor dem Fernseher: Meine armen Daumen sind schon ganz wund.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Diese Kolumne wurde in Ausgabe 23/10 veröffentlicht. Bild: Electronic Arts Mit der Nase fast am SchneeFriday, February 26. 2010
Gold für die heimischen Snowboarder? In Vancouver könnte es jetzt klappen
![]() "Die Anspannung steigt von Tag zu Tag“, sagt Benjamin Karl. Derzeit trainiert der 24-Jährige im kanadischen Winterresort Sun Peaks, sechs Autostunden von Vancouver entfernt. Kommenden Samstag wird er das wichtigste Rennen seiner bisherigen Karriere fahren: Den Parallel-Riesentorlauf bei den Olympischen Spielen. Der Niederösterreicher ist einer der Favoriten, er kommt als Weltcupführender und als Weltmeister im Parallelslalom auf den Whistler Mountain. „Mein Ziel ist auf jeden Fall eine Medaille“, sagt Karl, „am liebsten die goldene.“ Wer in Vancouver teilnimmt, muss so etwas sagen. Trotzdem: Eine Goldmedaille ist überfällig. Das österreichische Team dominiert die alpinen Snowboard-Wettbewerbe. Neben Karl stehen erfolgreiche Routiniers wie Andreas Prommegger, Doris Günther oder Sigi Grabner auf dem Brett, Letzterer gewann vor vier Jahren in Turin die olympische Bronze. Der erste Stockerlplatz wäre nicht nur eine große Errungenschaft für den einzelnen Athleten: Eine solche Auszeichnung würde auch der gesamten Disziplin helfen. Raceboarder sind zu Exoten geworden. Nur noch selten sieht man auf den Pisten ihre stark taillierten Boards, nur noch wenige Boarder tragen Hardboots statt Softboots. Ihre Disziplin droht zu einem Randsport wie Skispringen zu werden: Da gibt es zwar tolle Athleten, die wenigsten Hobbysportler hüpfen aber jemals eine Skisprungschanze hinunter. Seit 14 Jahren steht Benjamin Karl auf seinem Brett. „Es kostet sehr viel Übung, diesen Sport zu können“, sagt er. Den Raceboardern geht es nicht darum, große Sprünge oder ausgefallene Stunts zu machen. Hier kommt es auf Geschwindigkeit und aufs perfekte Kantenfahren an. ![]() Benjamin Karl Für die Zuseher ist der Parallel-Riesentorlauf auch deshalb spannend, weil es ein Wettkampf Mann gegen Mann – oder eben Frau gegen Frau – ist. Auf der einen Seite stehen rote, auf der anderen blaue Stangen. Zeitgleich starten zwei Athleten. Wer zuerst unten ankommt, hat gewonnen. So die vereinfachte Erklärung. Es ist ein unberechtigtes Klischee, dass Snowboarder immer nur im Schnee hocken und die Spaßtruppe bei Olympia sind. Seit 2002 ist der Parallel-Riesentorlauf eine olympische Disziplin, die Snowboarder selbst sind Profisportler, die über das ganze Jahr hinweg trainieren: Im Winter am Hang, im Sommer in der Kraftkammer. Im Vergleich zum Skikader sind der Betreuerstab und die Ressourcen für Boarder aber klein. Für acht Olympiateilnehmer gibt es vier Betreuer: zwei Trainer, einen Physiotherapeuten und einen Servicemann. Karl kann von seinem Sport sehr gut leben. Wäre er allerdings als Skifahrer so erfolgreich, würde sein Gesicht Tiefkühlkost anpreisen und Titelseiten von Massenblättern schmücken. Als Snowboarder ist es schwierig, über die Runden zu kommen oder Sponsoren zu finden. Besonders für den Nachwuchs ist das ein Problem. „3500 bis 5000 Euro kostet das Material pro Jahr. Die breite Masse muss sich das selbst kaufen“, sagt Tom Weninger, Snowboardtrainer im Europacup, bei dem viele Jungtalente starten. Nun ist Vancouver eine Chance. „Eine Medaille wäre wichtig für die Positionierung innerhalb des ÖSV“, sagt auch Snowboard-Chefkoordinator Christian Galler. Abseits des Skizirkus werden andere Disziplinen in der Regel kaum wahrgenommen. Die geringe Wertschätzung zeigt sich bereits darin, dass der ÖSV noch immer die Abkürzung für „Österreichischer Skiverband“ ist. Von Snowboard keine Rede. Athleten wie Benjamin Karl geht es auch darum, wieder Begeisterung für ihren Sport zu wecken. „Ein einzelner Mann ist dafür aber viel zu wenig. Wenn eine Mannschaft insgesamt stark ist, bekommt sie Aufmerksamkeit“, meint er. Am liebsten hätte der Rennläufer nicht nur eine einzige Medaille für sich selbst, sondern drei für das ganze Team. Das würde sicherlich für einigen Rummel sorgen, nicht nur in Vancouver. Fernsehübertragung Der Parallel-Riesentorlauf der Damen beginnt am Freitag, 26. Februar, um 19 Uhr. Jener der Herren läuft tags darauf zur selben Zeit. Der ORF überträgt das Finale Diese Sport-Geschichte ist im Falter 08/10 erschienen. Fotos: www.GEPA-pictures.com Der Lift des GrauensThursday, January 21. 2010 Der Schlepplift ist ein aussterbendes Fortbewegungsmittel. Warum es sich trotzdem lohnt, im Skigebiet zum Doppelbügel zu greifenBeim Sessellift wird eine Heizung eingebaut, der alte Babylift durch eine Acht-Personen-Gondel ersetzt, direkt zum Hang kommt ein Parkhaus. Zweifelsohne ist der Wahnsinn in den heimischen Wintersportorten ausgebrochen. Sie verpulvern Abermillionen Euro für Beschneiungsanlagen, neue Lifte und noch mehr Pisten, um mindestens genauso modern, komfortabel oder luxuriös wie die Nachbarregion zu wirken. Das alpine Wettrüsten fordert seine Opfer. Das Erste davon ist der Schlepplift. Immer häufiger wird er von Sesselliften oder gar Gondeln ersetzt. Jeder Wintersportler weiß, warum: Der Schlepplift ist ein Fortbewegungsmittel für Masochisten. Da muss man in der eisigen Lifttrasse hin- und herbalancieren, anstatt sich entspannt zurückzulehnen. Auch bietet der Lift keinerlei Schutz vor Wind oder Schneefall. Die Snowboarder klagen, dass ihnen der Bügel gegen den Oberschenkel drückt. Das tut schon ordentlich weh, vor allem wenn die Strecke steil wird. Warum also Schlepplift fahren? Weil es manchmal die einzige oder schnellste Beförderungsmethode ist. Weil der Bügel vielen älteren Sesselliften davondüst und es selten zu Wartezeiten wie bei der Gondel kommt. Aber auch weil so eine Fahrt mit dem Schlepplift eine Reise in die Vergangenheit ist. In eine Zeit, als Skier noch nicht krumm wie Bananen waren und Snowboarden als neuartige Trendsportart noch in weiter Ferne lag. Wer heute vor dem Drehkreuz steht und Richtung Liftwart schaut, wird womöglich an den Skikurs als Kind zurückdenken, an die vereisten Lifttrassen und die ulkige Wintermode der 80er-Jahre – mit Ganzkörperskianzug. Oder an die netten Konversationen, die man mit wildfremden Menschen führte. Nicht durch Zufall wurde der Doppelbügel bei seiner Einführung in den 1930er-Jahren auch „Sie- und-er-Bügel“ genannt. Am Schlepplift lernte man sich noch kennen. Heute ist das anders. Der Schlepplift ist ein einsames Fortbewegungsmittel geworden, man kommt dabei kaum mit Fremden ins Gespräch – denn die sitzen meistens am Sessellift. Wer es eilig hat oder ungestört alleine Ski fahren möchte, ist nun am Schlepplift richtig: Ruckzuck hat man den Bügel in der Hand. Natürlich gibt es noch immer Skigebiete mit ausschließlich Schleppliften. Sie haben zwei Vorteile: günstigere Tageskarten und vergleichsweise leere Pisten. Eines lässt sich nicht leugnen: 75 Jahre nach seiner Einführung ist die Zeit des Schlepplifts vorüber. Er lebt vor allem in der Erinnerung als „Lift des Grauens“ weiter. Fast jeder Skifahrer oder Snowboarder kann eine gute Geschichte davon erzählen: Zum Beispiel wie man sich als Kind vor dem Bügel fürchtete. Der raste auf einen zu, hang viel zu hoch in der Luft und man musste sich richtig anstrengen, um das Ding auf Popohöhe zu ziehen. Welcher Sadist hatte sich das ausgedacht? Und wer war auf die Idee gekommen, ausgerechnet auf den steilsten Hängen sauschnelle Lifte zu eröffnen? Dann fiel ein Skifahrer kurz vor dem Ausstieg hinaus und alle anderen kullerten die Lifttrasse hinab. Die steilen, gefährlichen Schlepper wurden dann als Erste durch abgehobene Seilbahnen ersetzt. Nicht nur die Skiressorts sind wahnsinnig geworden, dass sie so viel Geld in ihre Sessellifte stecken (die Geräte kosten zehnmal so viel wie ein neuer Schlepper). Auch die Konsumenten haben ein irrsinniges Bequemlichkeitsbedürfnis über der Baumgrenze entwickelt. Sie fahren Carving-Ski, die die Schwünge fast von selbst machen, wollen Schnee, selbst wenn es nicht schneit, und für die 40 Euro teure Tageskarte erwarten sie etwas anderes als den archaisch wirkenden Doppelbügel. Fazit: Der Schlepplift ist das Überbleibsel einer Zeit, als Wintersport noch deutlich unbequemer war. Wer den fehlenden Komfort in Kauf nimmt, wird mit kürzeren Wartezeiten oder sogar günstigeren Tageskarten belohnt. Diese Mobilitätskolumne ist im Falter 01-02/10 erschienen. Wii echter SportThursday, December 10. 2009 Sie versprechen Bewegung, Ausdauertraining und Spaß im eigenen Wohnzimmer. Fitnessspiele boomen derzeit am Videospielmarkt. Was steckt hinter dem Hype?Ronny Kokert steht vor dem Fernseher und flattert mit den Armen. Konzentriert schaut er auf den Bildschirm. Dort ist ein fliegendes Huhn zu sehen. Das Tier flattert mit den Flügeln, genauso wie der großgewachsene Mann seine Arme schwingt. Dann landet es auf einer Plattform. Kokert bekommt 20 Punkte. „Super!“, sagt er. Er hat soeben mit seiner Körperbewegung das virtuelle Geflügel gesteuert und zur sicheren Landung gebracht. Nebenbei hat er ein paar Kalorien dabei verbrannt. Nicht, dass Kokert das nötig hätte. Der Open-Taekwondo-Weltmeister und Erfinder des Shinergy-Trainingskonzepts verbringt auch seine ganze Zeit mit Sport und Fitness. Er beobachtet aber, wie sich ein Hype rund um Videospiele entwickelt hat, die Betätigung, Krafttraining und Kalorienverzehr in den eigenen vier Wänden versprechen. Es sind längst nicht nur Kids, die ihre Eltern in der Weihnachtszeit in die Computerspielabteilung zerren, oder schießfreudige Nerds, die sich den nächsten Ego-Shooter unter dem Christbaum wünschen. Die Videospielbranche hat eine neue Zielgruppe entdeckt: Erwachsene, die sich zu dick oder zu unsportlich fühlen, aber nicht den Weg ins Fitnessstudio oder die Sporthalle finden. Der Boom begann mit „Wii Fit“. Im Vorjahr kam der Titel heraus und wurde zum Kassenschlager. Mehr als 22,5 Millionen Mal verkaufte der Hersteller Nintendo das Spiel bereits, mehr als 50.000 Mal davon in Österreich – für den heimischen Markt ist das äußerst viel. Nun haben die Japaner den Nachfolger des Spiels „Wii Fit Plus“ herausgebracht. Die Konkurrenz will mindestens genauso fit sein und veröffentlicht ein Bewegungsspiel nach dem anderen, sie heißen etwa „EA Sports Active“, „Mein Fitness Coach“ oder „Jillian Michaels Fitness Ultimatum“ und werden allesamt für die Nintendo Wii programmiert. Das ist eine Spielkonsole mit Sensor und Fernsteuerung, die die Bewegungen des Spielers messen kann. Auf diese Weise soll auch kontrolliert werden, ob die Wohnzimmersportler vor dem Fernseher brav mitturnen. Aber kann die Spielkonsole tatsächlich die Bewegung im Freien oder das Fitnesstudio ersetzen? Ronny Kokert leitet selbst ein Trainingszentrum im 8. Bezirk, hat Sportwissenschaften studiert und lehrt dieses Fach auch an der Uni Wien. Er testete für den Falter die Spiele „Wii Fit Plus“ und „EA Sports Active Personal Trainer“. Dass Menschen lieber vor dem Fernseher herumhüpfen, als im Freien joggen zu gehen, ist nichts Neues. Schon in den 70er-Jahren turnte Jane Fonda für Fitnessvideokassetten vor der Kamera, heute tun das computeranimierte Trainer. Am Bildschirm zeigen sie, wie eine Übung gemacht wird, dann ist der User dran. Ronny Kokert stellt sich vor den Fernseher. Vor ihm steht ein weißes Brett. Das sogenannte „Balance Board“ wird mit „Wii Fit Plus“ mitgeliefert und misst Gewicht und Schwerpunkt des Spielers. Das Brett weiß permanent, ob Kokert gerade mit einem Fuß oder zweien daraufsteht und wie er sein Gewicht dabei verteilt. Klingt vielversprechend. Der Sportwissenschaftler startet das bunte Spielmenü und kann nun zwischen Yoga, Krafttraining, Balancespielen und Aerobic wählen. Er probiert Haltungsübungen und Balancespiele aus. Doch schon bald zeigt sich eine Schwachstelle: Das Gerät misst nur einen Teil der Bewegungen, sein Sensor hat blinde Flecken. Das kann dazu führen, dass Menschen falsch oder gar ungesund trainieren. Kokert führt das anhand einer Aufgabe vor. Er legt sich auf den Boden, stellt die Füße aufs Balance Board, so wie der Bildschirm das anordnet. Bei der Übung „Klappmesser“ muss er seinen Oberkörper und Beine hochklappen. Diese Übung beinhaltet aber eine Gefahr: Wer den Schwung aus dem Hohlkreuz holt, belastet die Hüftmuskulatur. Das kann zu Rückenschmerzen führen. „Wenn man diese Übung falsch macht, ist das schlechter, als wenn man sie gar nicht macht“, sagt Kokert. Das Gerät erkennt keinen Unterschied zwischen der gesunden und ungesunden Variante – es lobt den Spieler auch dann, wenn er sich selbst nichts Gutes tut. Ähnliche Probleme zeigen sich beim zweiten getesteten Spiel: „EA Sports Active Personal Trainer“ ist ernster und körperlich anstrengender als „Wii Fit Plus“. Es misst die Bewegung der Spieler vor allem mittels Fernsteuerung, aber auch hier werden manche Bewegungen nicht richtig erkannt. Eine falsche Handhaltung kann dazu führen, dass eine absolvierte Übung gar nicht gezählt wird. Das sind eindeutige technische Schwächen. Die Videospiele können doch noch nicht den menschlichen Fitnesstrainer und seine Aufsicht ersetzen. Selbst wenn sie Namen wie „Fitness Coach“ oder „Personal Trainer“ tragen. Die Games haben eine andere Stärke: Sie sind noch immer Spiele und als solche artverwandt mit Super Mario und Co. Bei „Wii Fit Plus“ gibt es einige Minigames, zum Beispiel jenes mit dem fliegenden Huhn. Es schaut schon sehr wunderlich aus, wenn Ronny Kokert als erwachsener Mann vor dem Fernseher steht und mit den Armen wachelt. Das Spiel macht aber Spaß, plötzlich vergisst man die Kalorien, der spielerische Ehrgeiz setzt ein, so wie bei Super Mario. Kniebeugen, Jogging, Yoga, all das probiert Kokert auf der Wii aus. Am Ende gefällt ihm das Game mit dem Huhn am meisten. „Fitness und Training ist immer so ernst. Hier zeigt sich wieder ein spielerischer Zugang“, sagt er. Dieser Gegensatz zum strengen Fitnessdenken, bei dem man wie ein Roboter 100 Mal ein Gewicht stemmt, sagt dem Sportwissenschaftler zu. In seiner Profession sollte es darum gehen, Menschen wieder Freude an Bewegung zu geben. Vielleicht können Videospiele ein bisschen helfen. Das zeigt auch die Erfahrung des Rehabzentrums in Judendorf-Straßengel. Therapeuten setzen dort gezielt Spiele wie „Wii Fit“ ein. Etwa für Kinder, die halbseitig gelähmt sind und trainieren müssen. Für sie sind die strikten Übungen oft langweilig. Viel spannender ist es hingegen, den Nintendo einzuschalten und zu spielen. Selbst, wenn es sich dabei um Arbeit handelt. ![]() ![]() ![]() Die getesten Games - Wii Fit Plus: für die ganze Familie - EA Sports Active: für Verbissene Dieser Bericht ist im Falter 50/09 erschienen. Fotos: Heribert Corn / Nintendo / Electronic Arts
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