Die Rache der SchweineWednesday, May 6. 2009
Der Ausbruch der Schweinegrippe wirft auch die Frage auf, wie gefährlich die industrielle Massentierhaltung für den Menschen ist
Bericht: Ingrid Brodnig, Nina Horaczek Dass La Gloria, 200 Kilometer östlich von Mexico City, zu Ruhm kommen würde, wird schon in seinem Namen prophezeit. Dass ausgerechnet solche Schlagzeilen das Städtchen mit seinen circa 2200 Einwohnern weltweit bekannt machen würden, damit hatte niemand gerechnet. Schuld daran ist Edgar Hernandez. Vor einigen Wochen klagte der Fünfjährige über Kopfschmerzen und bekam hohes Fieber. Später wurde festgestellt, dass er ein neuartiges Virus im Körper hat. Heute gilt Hernandez als "Patient zero" der von Menschen übertragbaren Schweine-grippe. Auch sonst lagen in La Gloria viele mit Fieber im Bett. Bei 450 Einwohnern wurde eine akute Infektion der Atemwege festgestellt - zu einem Zeitpunkt, als noch kaum einer Begriffe wie "Schweinegrippe", "H1N1" kannte. Heute gilt La Gloria als der Ort, an dem die Schweinegrippe ihren Ursprung hatte (siehe Kasten).Noch ist umstritten, ob auch die anderen 450 erkrankten Einwohner des Bergstädtchens an der Schweinegrippe leiden. Die mexikanische Gesundheitsbehörde sagt Nein. Allerdings wurden nicht alle Patienten von La Gloria auf H1N1 getestet, sondern nur 35. Auch in anderen Teilen Mexikos gab es nur wenige Influenzatests. Oder sie kamen zu spät, wie bei Adela Maria Gutierrez. Die 39-Jährige war das erste Todesopfer dieser Grippe. Mittlerweile wurde das Virus bei 1000 Menschen in 20 Ländern festgestellt. Die Weltgesundheitsorganisation hat Warnstufe fünf ausgerufen, das bedeutet ein "erhebliches Risiko einer Pandemie". Bis zur höchsten Warnstufe sechs sei es nicht mehr weit, heißt es. Das wäre dann eine weltweite Pandemie der neuen Grippe. Die Menschen in La Gloria sind überzeugt, dass "la gripe porcina" bei ihnen ausbrach. Sie kennen auch schon einen Schuldigen: eine große Schweinefarm, acht Kilometer außerhalb der Kleinstadt. Viele im Ort stört diese Anlage schon lange: Luft und Wasser würden nach Fäkalien riechen. Die Farm gehört "Granjas Carroll", einem mexikanischen Unternehmen, das jährlich eine Million Schweine aufzieht und in der Gegend von La Gloria dutzende Farmen betreibt. Granjas Carroll wiederum gehört zur Hälfte Smithfield Foods, dem größten Schweinefleischproduzenten der Welt. Das amerikanische Unternehmen fühlte sich vergangene Woche zu einem Statement veranlasst: "Alle unsere Herden in allen unseren Betrieben, inklusive den Joint-Ventures in Mexiko und an anderen Orten, werden regelmäßig auf verschiedene Bakterien und Krankheiten inklusive Influenza getestet. (...) In den Ländern, in denen unsere Firma agiert, konnte kein Test diesen Strang des Influenzavirus in einer Herde entdecken." Noch fehlen Beweise, dass die Schweineinfluenza ausgerechnet in der Farm nahe La Gloria ausbrach. Ebenso unklar ist, ob die Grippe tatsächlich in dem Städtchen entstand oder man dort nur den ersten Fall dokumentierte. Aber allein die Tatsache, dass der erste Patient, Edgar Hernandez, neben riesigen industriellen Farmen lebt, sorgt für Diskussionen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der industriellen Massentierhaltung und der Verbreitung neuer Krankheiten, die auch für den Menschen gefährlich sind? Müssen wir uns vor den Tieren, die in engen Käfigen gehalten werden, nun sogar fürchten? Die Industrialisierung der Landwirtschaft, die in den 50er- und 60er-Jahren begann, hat den Kuh- und Schweinestall revolutioniert. Aus Nutztieren wurden Produktionsmittel, aus Bauern, die auf ihrem Hof Schafe, Schweine, Hühner und Rinder hielten, wurden spezialisierte Landwirte. Allein 2007 wurden in Österreich 5,5 Millionen Schweine, 66 Millionen Hühner, fast zwei Millionen Truthähne, 590.000 Rinder und 86.000 Kälber geschlachtet. Einen echten Bauernhof haben nur die wenigsten von ihnen gesehen. Schweine zum Beispiel werden in Zuchtbetrieben geboren, nach zehn Wochen oder 30 Kilogramm geht es weiter in Mastbetriebe, wo sie sich in einem halben Jahr auf 120 Kilogramm hochfressen. Danach warten Tiertransporter und Schlachthof. "Da werden zum Beispiel ausgewachsene Schweine von Holland nach Parma gekarrt für den Parmaschinken", sagt Tierarzt Alexander Rabitsch, der im Auftrag des Landes Kärnten Tiertransporter auf den Autobahnen aufhält und kontrolliert. Wer in einem italienischen Urlaubsort ein Schnitzel esse, könne sicher sein, dass das Tier erst per Tiertransporter ins Land kam. Die tierischen Reisen können aber noch viel weiter gehen als nur quer durch Europa. "Vor einem Monat habe ich in Jordanien in einem Schiff 580 Zuchtrinder aus Holland gesehen", erzählt der Veterinär. Denn Zuchtrindexporte werden von der EU weiterhin subventioniert. Solche Reisen sind die ideale Gelegenheit, Viren möglichst breitflächig an Artgenossen abzugeben. Es gibt sogar eine eigene veterinärmedizinische Bezeichnung für Krankheiten, die auf Tiertransporten auftreten: "shipping fever". Hunderte Tiere, eng zusammengepfercht und unter permanentem Stress. Diese Art der Nutztierhaltung und -transporte ist nicht nur ein ethisches Dilemma, sondern sorgt auch für virologische Bedenken. Die fabriksgroßen Ställe in der Massentierhaltung ähneln einer riesigen Petrischale. Mikroorganismen können sich rasant vermehren. So könnte auch eine Krankheitsübertragung zwischen Mensch und Tier erleichtert werden. Das behauptet zumindest die Pew Commission on Industrial Farm Animal Production, eine unabhängige Forschungsgruppe aus den USA, die im Vorjahr einen kritischen Bericht über die gesundheitlichen Risiken der Massentierhaltung veröffentlichte. "Vor 50 Jahren kam ein amerikanischer Farmer vielleicht weniger als eine Stunde am Tag mit ein paar Dutzend Tieren in Kontakt. Ein Arbeiter in der heutigen Nutztierhaltung ist oft täglich für acht oder mehr Stunden tausenden Schweinen oder zehntausenden Hühnern ausgesetzt. Und während der Kontakt mit kranken oder sterbenden Tieren vor 50 Jahren relativ selten war, gehört er heute für die landwirtschaftlichen Arbeiter zur täglichen Routine, wenn sie große Herden oder Scharen versorgen", schreiben die amerikanischen Forscher. Dass ausgerechnet die Schweinegrippe auf Menschen überspringt, überrascht nicht sehr. Vor sechs Jahren veröffentlichte das Science-Magazin einen Artikel, in dem beschrieben wurde, wie sich das nordamerikanische Schweineinfluenzavirus evolutionär weiterentwickelt. Seit 1998 wurden immer wieder neue Varianten entdeckt, die zunehmend ansteckend waren. Schon damals fürchteten Forscher ein neues Schweinegrippe-Hybridvirus, das auch auf Menschen überspringen könne. Sie forderten eine staatliche Überwachung der weiteren Entwicklung dieses neuen Virus, was aber nicht geschah. Nun hat sich tatsächlich ein solches Hybridvirus entwickelt: Seine Gensegmente sind eine Mixtur aus zwei verschiedenen Schweinegrippeviren, einem Vogelgrippevirus und einem menschlichen Grippevirus. Es gibt verschiedene Theorien über die Entstehung von H1N1. Eine besagt, ein Stallarbeiter könnte ein menschliches Influenzavirus auf seine Tiere übertragen haben. Im Stall ist daraus die neue, für den Menschen gefährliche Schweinegrippe entstanden. Nach einer anderen Theorie war ein Mensch Brutkasten des neuen Virus: Jemand, der mit einer normalen Grippe infiziert war, steckte sich mit einem zweiten Strang an, der Teile der Schweinegrippe enthielt. Dass die konstante Zirkulation von Viren in großen Herden die Chance auf neuartige Viren erhöhen könnte, stellte die Pew-Kommission bereits voriges Jahr in ihrem Bericht fest. Sie warnt vor mutierten oder neu zusammengesetzten Erregern, die sich noch leichter von Mensch zu Mensch übertragen. Trotz dieser Warnungen schreien Virologen nicht automatisch auf, sobald sie "Massentierhaltung" hören. Einige Experten meinen, dass die industrielle Tiernutzung besonders hygienisch sei: Im Gegensatz zur Tierhaltung in kleinen Gruppen würde in den riesigen Stallungen viel regelmäßiger kontrolliert. Auch leben Mensch und Tier nicht so nahe beisammen wie auf dem herkömmlichen Bauernhof. Allerdings zeigte eine Untersuchung der European Coalition of Farm Animals, ein EU-weiter Zusammenschluss von Tierschutzorganisationen, dass die Bedingungen in der Massentierhaltung oft alles andere als tiergerecht sind. Auch in Österreich inspizierte der Verein gegen Tierfabriken im Jahr 2006 zahlreiche heimische Schweinezuchten und stellte fest, dass mehr als 85 Prozent der Tiere auf Vollspaltenböden leben und bloß durch ihr Gewicht den Kot durch die Spalten am Boden pressen. Die geruchsempfindlichen Schweine sind dadurch permanent von ihrem eigenen Kot bedeckt, leiden aufgrund der eingeatmeten Schadgase an Atemwegsinfektionen bis hin zur Lungenentzündung. Weil die intelligenten Tiere in dieser engen, reizarmen Umgebung aus lauter Langweile die Schwänze der Nachbartiere abbeißen, werden diese kurz nach der Geburt ohne Betäubung abgezwickt und die spitzen Eckzähne der Ferkel gezogen. Ein bisschen Stroh als Spielzeug könnte diesem Kannibalismus vorbeugen, aber dafür ist in der industrialisierten Viehhaltung kein Platz. Ein österreichischer Bauer bekommt pro Kilo Schweinefleisch 1,37 Euro, für ein Kilo bratfertiges Huhn in der Plastiktasse 2,33 Euro und für 100 Eier aus Bodenhaltung 9,77 Euro. Bei solchen Preisen kann man sich kein Luxusleben für die Tiere erwarten. Gaben die Österreicher im Jahr 1950 noch etwa die Hälfte ihres Einkommens für Lebensmittel aus, sind es heute nur mehr 13 Prozent. Gleichzeitig hat sich der Fleischkonsum seit den 60er-Jahren verdoppelt. Statistisch gesehen isst jeder Österreich knapp 100 Kilogramm Fleisch pro Jahr. Je billiger das Schnitzel sein soll, desto weniger wird in das Wohlbefinden der Tiere investiert. Tierfreundlicher ist die biologische Landwirtschaft, in der Auslauf und Platz für die Tiere vorgeschrieben sind. Allerdings stammen in Österreich laut Bio Austria nur 1,5 Prozent des Schweine-, ein Prozent des Geflügel- und zehn Prozent des Rindfleisches aus Biohaltung. Welche Auswirkungen dieses Sparen haben kann, zeigt die BSE-Epidemie, die Mitte der 80er-Jahre in Großbritannien ausbrach und quer durch die ganze Welt zog. Millionen von Tieren wurden damals "gekeult", wie das große Schlachten von der Tierindustrie umschrieben wird, tagelang rauchten die Kadaverberge. BSE, der Rinderwahnsinn, löst beim Menschen die tödliche Creutzfeldt-Jakob-Krankheit aus. Weil Rinder, die eigentlich Pflanzenfresser sind, mit infiziertem Tiermehl gefüttert wurden, das aus Tierkadavern erzeugt worden war, brach die Seuche erst richtig aus. Aus Spargründen wurde das Tiermehl nicht ausreichend lange erhitzt, um alle Erreger abzutöten. Jetzt, in Zeiten der Schweinegrippe, begann zumindest Ägypten bereits mit der prophylaktischen Schlachtung zehntausender Schweine, auch wenn bei diesen keine H1N1-Infektion vorliegt. Als Reaktion auf den BSE-Skandal verbot die EU 2001 die Verfütterung von Tiermehl. Als aber sechs Jahre später die Preise für Futtermittel wie Soja am Weltmarkt rasant anstiegen, lockerte man das Verbot wieder. Also bekommen kleine Kälber nun statt Kuhmilch Fischmehl, Schweinereste dürfen an Hühner und Hühnerreste an Schweine verfüttert werden. Die Schweinegrippe könnte Anlass sein, die Herkunft des eigenen Schnitzels und die Praktiken in der Tierhaltung zu hinterfragen. In Mexiko wird nun der Krankheitsausbruch in La Gloria breit thematisiert. Experten der UNAM-Universität wurden in die Krisenregion geschickt. Eine Debatte über die Haltung unserer Nutztiere bleibt aber aus. Stattdessen setzen sich die EU und die USA dafür ein, die Schweinegrippe in eine wertneutrale "Neue Grippe" umzubenennen. Der amerikanische Landwirtschaftsminister Tom Vilsack kritisiert, Schweineinfluenza suggeriere, dass Schweinfleischprodukte problematisch seien. Und die Lust aufs Schnitzel will man sich trotz Schweinegrippe nicht verderben lassen. Dieser Artikel von Nina Horaczek und mir ist im Falter 19/09 erschienen. Foto: www.vgt.at
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Spam-Mails, das ultimativ Böse!Tuesday, May 5. 2009 Endlich wissen wir Bescheid, wie böse Spam wirklich ist: Die ungewünschten E-Mails müllen nicht nur unser Postfach zu und fressen unsere Zeit auf, nein, sie nagen sich auch noch durch die Ozonschicht! In nur einem Jahr verbrauchen Spammails so viel Strom wie 2,4 Millionen Haushalte. Das hat eine Studie im Auftrag der Sicherheitsfirma McAfee ergeben. Denn all die Zeit, die wir mit dem Löschen von Spam verbringen, ist pure Energieverschwendung. Da könnten wir Bäume pflanzen oder Rad fahren. Aber nein. Wir müssen uns mit Mails plagen, die einen "Autopiloten anstatt Hänger" versprechen. Was auch immer das bedeuten mag. So unamüsant sind dabei manche Spammails gar nicht. Um nicht von den elektronischen Filtern erkannt zu werden, sind sie richtig kreativ formuliert. Statt "Penis Enlargement" liest man dann "Your manliness has never been bigger" oder "Pretty women worldwide will know about your big pride". Hört sich echt witzig an. Schade nur, dass in den Mails dann doch nur die fade Viagra-Werbung steckt.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 17/09 veröffentlicht. Mitten im Klimawandel. Und trotzdem steht keiner vom Sofa aufWednesday, December 3. 2008Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text ist in der Ausgabe 49/08 erschienen. Strahlende AussichtenThursday, November 6. 2008
Vor 30 Jahren sagte Österreich Nein zur Atomkraft. Nun wird die Kernenergie wieder zur Zukunftshoffnung
Statt digitaler Touchscreens gibt es hunderte Knöpfe. Statt Handys zum Notruf ein rotes Telefon mit Wahlscheibe. In Zwentendorf, dem einzigen österreichischen Atomkraftwerk, ist vor 30 Jahren die Zeit stehengeblieben: Am 5. November 1978 stimmte die Bevölkerung gegen die Inbetriebnahme – mit einer hauchdünnen Mehrheit von 50,47 Prozent. Heute ist Zwentendorf, das 40 Kilometer nordwestlich von Wien liegt, ein Ersatzteillager für ausländische Kraftwerke, ein Übungsplatz für deutsche Atomtechniker. Doch es braucht nur ein wenig Fantasie, um das Werk zum Leben zu erwecken. Da tragen Arbeiter weiße Leinenoveralls, Schutzhelme, Hightechequipment. 750 Megawatt könnten hier produziert werden. Strom für rund zwei Millionen Haushalte. Atomkraft in Österreich – vor diesem Gedanken graut es Umweltschützern. Doch Kernenergie hat viel von ihrem Schrecken verloren: Die Katastrophe von Tschernobyl liegt mehr als 20 Jahre zurück. Heute wird die Erde von Klimawandel, Ölknappheit und Überbevölkerung geplagt. Da kommt die Atomlobby genau richtig, wenn sie eine sichere, saubere und vor allem billige Energiequelle verspricht. Die Slowakei hat nun den Bau zweier Reaktoren im AKW Mochovce bekanntgegeben. Auch England und Frankreich wollen Kraftwerke errichten, die Finnen tun es schon. Vor wenigen Jahren schien die Atombewegung tot. Nun erlebt sie eine Renaissance. Nur nicht in Österreich. Hier wäre es politischer Selbstmord, über den Bau eines Kernkraftwerks laut nachzudenken. Dabei sollte man auch hierzulande auf schmutzige Kohlekraftwerke verzichten. Laut dem Kyotoprotokoll muss der Staat bis 2012 seine Treibhausgasemissionen um 13 Prozent verringern. Doch auch die Abgase aus der Energieerzeugung haben um 16 Prozent zugenommen. „Hätte Österreich Zwentendorf in Betrieb genommen, hätten wir uns 120 Millionen Tonnen CO2 erspart“, sagt Helmut Rauch vom Atominstitut der TU Wien. Seine Rechnung ist simpel: Nach dem Nein zu Zwentendorf wurde das Kohle- und Gaskraftwerk Dürnrohr gebaut. Ein Luftverpester. ![]() Reaktor von innen: Hier wären die nuklearen Brennstäbe eingesetzt worden. Sie lagerten bereits in Zwentendorf, doch es kam nie zur Inbetriebnahme. Die Atomindustrie ist vom Schmuddelkind der Energiebranche zu deren Zukunftshoffnung mutiert. Das hat nicht nur mit der Erderwärmung zu tun, sondern auch mit geopolitischen Interessen. Immer größere Teile der Weltbevölkerung wollen einen Fernseher oder Geschirrspüler. Bis 2050 wird der weltweite Energieverbrauch um 150 Prozent steigen. Welche Technologie soll das abdecken? Kohle? Verschmutzt die Luft. Gas? Gehört Wladimir Putin. Wasserkraft? Hat nicht jeder. Wind? Sonne? Biomasse? Kostet viel. Da hört sich Atomkraft doch gut an. Österreich importiert längst Atomstrom. Die Energieaufsicht E-Control spricht von fünf Prozent, Global 2000 von etwa 20 Prozent. Das Land verbraucht mehr, als es erzeugt. Wenn sich nichts ändert, wird die Stromnutzung bis 2020 um 20 Prozent steigen. War das Nein zur Atomkraft ein Fehler? Sollte Österreich nuklear werden? Wer Atomstrom produzieren will, müsste mehr tun, als in Zwentendorf ein paar Knöpfe zu drücken: Komponenten wurden längst verkauft, Betonwände aufgebohrt, überall nagt der Rost. Das 30 Jahre alte AKW ist eine Ruine. Aber ein neuer Atommeiler ist teuer, zehn Jahre könnte es dauern, bis er ans Netz geht. Die Finnen haben 2002 beschlossen, den ersten europäischen Druckwasserreaktor zu bauen – das Prestigeprojekt der Atomlobby. Diese verspricht, dass das AKW der Zukunft selbst im Falle einer Kernschmelze die Katastrophe verhindern könne. Bisher macht das Vorzeigeprojekt aber vor allem mit Bauverzögerungen und steigenden Kosten Schlagzeilen. Nur gut, dass sich die Finnen mit dem Hersteller einen Fixpreis von drei Milliarden Euro ausgehandelt haben. Schon jetzt hat das Projekt viel mehr gekostet. Gleichzeitig wurde ein zentrales Problem der Kernenergie nicht gelöst: Niemand weiß, wohin mit dem hochradioaktiven Müll. 50 Jahre Atomkraft, und es gibt noch immer kein Endlager. Nun wollen die Finnen auch hier Vorreiter sein, und die OECD zeigt sich zuversichtlich, dass die Endlagerung technisch machbar ist. Aber zuversichtlich war auch schon der Nobelpreisträger Werner Heisenberg, der 1955 vorschlug, „den Atommüll in einer Tiefe von drei Metern zu vergraben, um ihn vollkommen unschädlich zu machen“. Heute spricht man von einer Tiefe von 700 Metern. „Es gibt Geologen, die sagen, dass es keinen Punkt auf der Erde gibt, für den man jahrmillionenlang die Hand ins Feuer legen kann“, sagt Wolfgang Kromp vom Institut für Risikoforschung an der Uni Wien. Er fürchtet Wasserzutritt und geologische Veränderungen in den Endlagern. „Die Nuklearenergie ist nicht mehr der Teufel. Der Teufel steckt in der Kohle“, meint Anne Lauvergeon, Chefin des AKW-Herstellers Areva. Für viele Umweltforscher ist der Tausch Kernkraft gegen Kohle so, als würde man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Auch die Uranvorräte sind beschränkt. Bis 2050 ist das Uranvorkommen gesichert. Dann müssten neue Vorräte gefunden oder aufwändigere Techniken eingesetzt werden. Es gibt Atombefürworter, die deswegen für Nuklearenergie als Übergangslösung plädieren: so lange, bis Ökostrom wettbewerbsfähig ist. Und es gibt Atomgegner, die halten das für einen Schmäh. „Statt drei Milliarden Euro in ein Kraftwerk zu stecken, das zehn Jahre später Strom liefert, könnte man das Geld auch in Häuserdämmung und erneuerbare Energie stecken“, sagt Biologe Peter Weish. In der Tat lenkt die Atomdebatte von einem ernsteren Problem ab: dem Hunger nach Energie. Strom sparen, erneuerbare Energie fördern, das fordern längst nicht nur Birkenstockträger. Auch die Industriellenvereinigung (IV) sieht ungenütztes Potenzial. Dazu zählt etwa die Wasserkraft. „Wir werden um den Bau neuer Kraftwerke nicht herumkommen“, meint Peter Koren, Vizegeneralsekretär der IV. Das Gute an einer verbohrten Antiatomhaltung ist, dass sie den Druck erhöht, auf Ökostrom umzusatteln. Wer die Kyotoziele nicht mit Kernkraft erreichen kann, muss Wind, Wasser und Sonne nutzen. Billig, CO2-arm, wetterunabhängig: Auf den ersten Blick scheint die Atomkraft die perfekte Antwort auf den Klimawandel. Doch ohne größeren technologischen Fortschritt bleibt Kernkraft nur eine Übergangslösung zwischen dem Öl- und dem Ökozeitalter. Diese zwei Energieepochen treffen auch in Zwentendorf aufeinander: Wer das Dach der verlassenen Anlage betritt, bekommt einen Überblick über 30 Jahre Energiepolitik. Rechts des Atommeilers spuckt das Gas- und Kohlekraftwerk Dürnrohr Rauchschwaden in den Himmel. Links liegt das Donaukraftwerk Altenwörth. Wer zum Boden schaut, sieht Wiese. Schon nächstes Jahr sollen auf ihr Solarzellen glitzern. Der Energieversorger EVN, dem das AKW heute gehört, will hier Ökostrom erzeugen. Zuerst mittels Fotovoltaik, dann vielleicht mittels Biomasse. Denn Zwentendorf erzählt nicht nur die Geschichte von einem gescheiterten Atomprojekt, von leeren Räumen und vergebenen Chancen. Sondern es zeigt auch, dass in Österreich viele Energieformen erst richtig genützt werden müssen. Weitere Bilder aus Zwentendorf ![]() Steuerwarte, Bild 1: Hier wären alle Vorgänge im Atomkraftwerk überwacht worden. ![]() Steuerwarte, Bild 2: Am Tisch liegen zum Teil noch Unterlagen aus den 70ern. ![]() Steuerwarte, Bild 3: Das rote Telefon (untere Reihe, rechts). Im Falle eines Super-GAUs wäre damit der Bundespräsident oder Bundeskanzler verständigt worden. Nach dreißig Jahren ist kaum noch etwas von der Farbe Rot zu sehen. ![]() Steuerwarte, Bild 4: Total unkompliziert, so ein Atomkraftwerk. Dieser Artikel ist im Falter 45/08 erschienen.
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