Michelle Obama hätte bei uns keine ChanceSunday, August 8. 2010
Wie werden unsere Unis besser? Wer soll dafür zahlen? Ein Streitgespräch zwischen Rektor Georg Winckler, ÖH-Chefin Sigrid Maurer und dem deutschen Uni-Reformer Sascha Spoun
![]() Lauter hätte der Aufschrei der Studenten kaum sein können, trotzdem hat der Protest nichts geändert. Der groß angekündigte Hochschuldialog verdient diesen Namen nicht einmal eine Vision für die Bildungspolitik fehlt. Zum Ende des Semesters lud der Falter zur Debatte, wie sich die Unis verändern müssten. Darüber diskutierten Rektor Georg Winckler von der Uni Wien, ÖH-Chefin Sigrid Maurer und Sascha Spoun, Präsident der Leuphana Universität in Lüneburg einer kleinen, ambitionierten Hochschule in Norddeutschland, die sich deutlich von den Massenuniversitäten abhebt: mit einem stärkeren Fokus auf Allgemeinbildung, besseren Betreuungsverhältnissen, aber auch strengen Auswahlverfahren. Falter: Viele Akademiker finden keinen angemessenen Arbeitsplatz. Müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass ein Studium eine Jobgarantie ist? Sascha Spoun: Ein Uni-Studium ist doch nicht nur Berufsvorbereitung oder gar Jobgarantie. Es ist eine Lebensphase, in der man sich persönlich entwickelt und auf das Leben vorbereitet. Aber einen fixen Job sollte man sich nicht erwarten? Spoun: Selbstverständlich sollte man erwarten, dass man eine berufliche Tätigkeit ausüben kann. Aber wir werden zunehmend wegkommen von lebenslangen Arbeitsverhältnissen, bei denen man nach dem Diplom in eine Organisation eintritt und diese als Pensionist wieder verlässt. Wie muss sich die Uni dafür verändern? Spoun: Sie muss sich dieser Unsicherheit stärker stellen und den Studierenden ein breites Fundamt bieten, sozusagen eine Basis für lebenslanges Lernen. Georg Winckler: Da zeigen auch eine Reihe von Untersuchungen, dass Allgemeinbildung Studierende besser auf das Berufsleben vorbereitet als eine zu spezialisierte, professionalisierte Ausbildung. Die sogenannte General Education befähigt Menschen eher, dem technischen Wandel positiv gegenüberzustehen. Die Uni-Reform ging in eine andere Richtung. Das Bachelorstudium wird dafür kritisiert, dass es zu sehr Berufsausbildung ist. Winckler: Ja. Die Debatte um die sogenannte Employability des Bachelors führte dazu, dass in einer Reihe von Ländern die Studienpläne zu fachspezifisch angelegt wurden. Besser wäre gewesen, wir hätten mehr auf Grundlagen gesetzt. Herr Spoun, die Leuphana Universität ist das Gegenmodell. Sie haben einen generellen Bachelor für Ihre Studenten eingeführt. Spoun: Wir haben uns 2006 überlegt, welche Funktion der Bachelor übernehmen soll. Uns geht es um grundsätzliche methodische Zugänge und um Denkkategorien, um Bildung durch Wissenschaft. Der Bachelor soll die Voraussetzung schaffen, dass Akademikerinnen und Akademiker systematisch an Themen herangehen können. Natürlich sorgen wir zusätzlich für eine solide fachliche Qualifikation. Sigrid Maurer: Das entspricht in Wirklichkeit wieder dem Employability-Gedanken. Die Fächer, die studiert werden, zielen wieder auf Berufsfähigkeit ab. Ist Berufsvorbereitung denn so schlimm? Maurer: Bestimmte Ausbildungszüge sind sehr wohl auch Aufgabe der Universität. Entscheidend ist aber, wie mit dieser Praxis umgegangen wird, ob diese kritisch reflektiert wird. Eine Anmerkung zum Humanismusideal: Dieses bürgerliche Bildungsideal ist nur für bestimmte Leute zugänglich. In Österreich und Deutschland haben wir das Problem, dass das Schulsystem die Leute schon lange vor der Matura ausspuckt. Winckler: Meine Kritik am hiesigen System ist auch, dass Randgruppen nicht genügend Chancen auf Allgemeinbildung bekommen. Nehmen Sie Michelle Obama, die Frau des US-Präsidenten. Sie kommt aus einer unteren Einkommensschicht, ist Afroamerikanerin und weiblich trotzdem hat sie es geschafft, an der Elite-Universität Princeton den Bachelor zu machen. In der Uni-Debatte schauen wir immer nach Amerika. Was machen die Amis besser? Spoun: Zum einen hat das amerikanische Hochschulsystem davon profitiert, dass während des Nationalsozialismus viele Wissenschaftler aus Europa emigrieren mussten. Die humanistische Universitätsidee konnte sich entfalten, aus meiner Sicht bis heute eine wesentliche Grundlage für Spitzenleistung in Forschung und Lehre. Zweitens öffneten sich die amerikanischen Hochschulen viel früher gegenüber allen Schichten. Unser System ist eben nicht so inklusiv wie das amerikanische. Wir müssten mehr Bildungschancen schaffen. Maurer: Das ist eine Glorifizierung der amerikanischen Universitäten. Es gibt halt ein paar Universitäten, die hervorstechen. Verschwiegen wird aber, dass 90 Prozent der Unis diesem Ideal nicht entsprechen. Dort ist die Qualität teilweise nicht mit dem Niveau unserer Hochschulen vergleichbar. Winckler: Insgesamt sind die Amerikaner aber viel innovationsfreudiger als wir. Sie geben einen größeren Anteil ihres Bruttoinlandprodukts für die Hochschulbildung aus. Bei uns sind es 1,3, dort 2,7 Prozent. Die Amerikaner investieren also mehr als doppelt so viel. Die amerikanischen Unis werden aber auch viel mehr von privater Hand finanziert. Winckler: Der Anteil der öffentlichen Mittel ist dort trotzdem höher als in Österreich. Spoun: Wesentlich ist, welche Anstrengungen eine Gesellschaft für Bildung unternimmt. Ob die Mittel direkt von Privaten kommen oder indirekt über Steuern, spielt am Ende keine Rolle. Maurer: Oh doch. Spoun: Nein. Im Kern geht es darum, dass wir insgesamt stärker auf Innovation setzen müssen. Auch private Stifter könnten eine größere Rolle spielen. Winckler: Wir müssen aber auch auf die Unterschiede zwischen den Ländern achten. Durch ein Studium können Sie in den Vereinigten Staaten oder England Ihr Lebenseinkommen verdoppeln. Dafür, dass Sie das Doppelte verdienen, sind Sie auch bereit, Studienbeiträge zu bezahlen. In Skandinavien hingegen wird man das nicht verlangen können. Durch ein Lehramtsstudium steigt dort Ihr Einkommen vielleicht um zehn oder 20 Prozent. Wenn das auch noch stark besteuert wird, sind Sie nicht bereit, Studienbeiträge zu zahlen. Aus guten Gründen gibt es deswegen in Skandinavien keine Studienbeiträge, in Amerika und England aber sehr wohl. Das ist ein Reflex auf die Einkommens- und Steuersituation. Ihr Kollege Hans Sünkel, Rektor der TU Graz, fordert Studiengebühren. Sie auch? Winckler: Wenn ich mir das Einkommen von österreichischen Ärzten oder Rechtsanwälten anschaue, halte ich einen Mittelweg zwischen Amerika und Skandinavien für angebracht. Also niedrige Studiengebühren? Winckler: Niedrige Studienbeiträge sind angesichts unserer Einkommenssituation gerechtfertigt. Der Frau Maurer stellen sich schon die Nackenhaare auf. Maurer: Sie sprechen dauernd von gesellschaftlicher Verantwortung und davon, dass die Gesellschaft zu wenig in Bildung investiert. Die Studiengebühren sind ein gutes Beispiel dafür. Die Gesellschaft profitiert, wenn viele Leute studieren. Winckler: Aber der Einzelne profitiert auch. Maurer: Die Umverteilung muss aber den umgekehrten Weg gehen. Nicht ich zahle jetzt als Studentin, wo ich echt keine Kohle habe, Studiengebühren, in der Hoffnung, dass ich später irgendwann einmal reich werde. Umgekehrt: Leute, die jetzt über Geld verfügen, sollen Steuern zahlen und einen Anteil ihres Geldes wieder in Bildung investieren. Winckler: Ich sage selbst auch: Je progressiver das Steuersystem ist und je geringer die Einkommensunterschiede für Akademiker sind, umso eher sollte man auf Studienbeiträge verzichten. Doch wie sieht die Realität in Österreich aus? Bei einer Reihe von Studienrichtungen ist die private Ertragsrate sehr hoch. Gerade die Kinder des Mittelstands und der Beamten haben eine sehr hohe Beteiligungsrate am Uni-System und profitieren davon. Deswegen habe ich auf Frau Obama verwiesen. In Amerika haben Sie ein entsprechendes Stipendiensystem, um Bildungschancen zu gewähren. Ich wünsche mir nur eine ideologiefreie Debatte darüber, bei der es nicht immer heißt: Studiengebühren darf es keine geben. Während der Uni-Proteste meinte Rektor Badelt sogar, dass eine Bildungsmilliarde fehle. Ist das korrekt? Winckler: Um ein reichhaltigeres Studienangebot zu erzeugen, brauchen wir sicherlich eine Milliarde. Wir benötigen eine breitere Hochschullandschaft in Österreich, mehr Ausdifferenzierung, die Fachhochschulen sind ein Ansatz. Dafür muss es mehr Geld geben auch um an der Spitze in Europa wahrgenommen zu werden. Wohin soll das Geld fließen? Winckler: Einerseits in die Studienplatzfinanzierung. Andererseits in die Programme des Wissenschaftsfonds FWF. Wir brauchen mehr Breite und mehr Spitze. Stattdessen sinkt das Uni-Budget. Was bedeutet das für die Uni Wien? Winckler: Das kann ich noch nicht sagen. Wir hatten erst ein belangloses Gespräch mit dem Ministerium, bei dem uns folgender Sinnspruch mitgegeben wurde: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Heißt das, wir erleben gerade die guten Zeiten? Winckler: Was das konkret heißt, muss die Politik im Herbst klarer kommunizieren. Das Audimax war wochenlang besetzt. Hat man nichts aus dem Uni-Protest gelernt? Winckler: Es ist offenbar nicht gelungen, den Protest mit Inhalten zu versehen, die auch breit in der Gesellschaft ankommen. Es gab wohl zwei Fehlerquellen: Die Adressanten waren mit ihrer Botschaft nicht präzise genug, und Österreich ist eben nicht wissenschafts- und innovationsfreundlich. Wie haben Sie das in Deutschland wahrgenommen, Herr Spoun? Der Protest erreichte auch Ihre Universität, an der ein Hörsaal besetzt wurde. Spoun: Im Kern sorgen sich die Studierenden um die Zukunft. Sie sagen: Wenn uns eine intensive Bildung vorenthalten wird, haben wir keine Chance auf Erfolg. Existenzängste führten also zum Protest? Maurer: Das sehe ich anders. Der Hintergrund ist der steigende Leistungsdruck auf junge Menschen. Aber die Jungen haben es satt. Irgendwann in ihrem Leben möchten sie auch etwas machen können, wofür sie sich interessieren ohne Blick auf mögliche berufliche Chancen. Sie werden aber in diese Existenzangst hineingetrieben. Ich habe das Gefühl, dass man heutzutage schon in der Volksschule Bewerbungsgespräche trainiert. Winckler: Noch bevor sie schreiben und rechnen können? Maurer: Dieser Eindruck entsteht. Du musst schauen, dass du möglichst viele Skills hast, dass du dich immer perfekt präsentieren kannst. Ständig wird diese Angst genährt, man könnte eine Chance versäumen. Die Proteste sind nicht Ausdruck einer Existenzangst, sondern Widerstand gegen diesen massiven Druck. Bilden Sie junge Menschen aus, damit Sie sich perfekt der Leistungsgesellschaft unterwerfen können, Herr Spoun? Spoun: Nein. Ich kann die Kommilitonin sehr gut verstehen. Es ist nicht motivierend, von der Volksschule bis zur Uni nur Vorgegebenes aufzugreifen. Dieser vermeintliche Druck aus der Gesellschaft, dass man hier noch einen Kurs und dort noch eine Wettbewerbsvorbereitung machen muss, führt zu einer Unselbstständigkeit, die einer freien und innovativen Gesellschaft widerspricht. Maurer: Dabei lässt doch gerade Ihre Universität bevorzugt Leute zum Studium zu, die soziales Engagement zeigen, auch wenn sie einen schlechten Notendurchschnitt hatten. Das zeigt, wie der Leistungsdruck immer mehr Facetten unseres Lebens erfasst. Nicht nur mehr Noten spielen eine Rolle, sondern auch das soziale Engagement oder dass man nebenbei ein Musikinstrument gelernt hat. Spoun: Wir möchten engagierte und motivierte Studierende gewinnen. Die Maturanote allein ist kein geeigneter Indikator. Winckler: Das würde ich unterstreichen. Man kann von jungen Menschen sicherlich verlangen, dass sie ihr Leben aktiv gestalten wollen. Ein Instrument zu beherrschen zeugt von Interesse, etwas auszuprobieren. Maurer: Aber Herr Winckler, ob ich ein Instrument spielen kann, hängt massiv von der sozialen Herkunft ab. Man muss auch die Menschen einbeziehen, die ohne akademischen Habitus aufgewachsen sind, die von ihren Eltern keine Geige bekommen haben oder sich die Zeit für soziales Engagement nicht leisten konnten. An der Leuphana Universität gibt es ein Aufnahmeverfahren, die Studierendenzahlen wurden gesenkt. Läuft es in Österreich auch darauf hinaus? Winckler: Noch einmal: Wir brauchen ein breites, reichhaltiges Studienangebot. Aber gleichzeitig kann es nicht sein, dass wir in manchen Studienrichtungen total überlaufen sind. Soll künftig festgeschrieben werden, in welchem Fach es wie viele Studienplätze gibt? Winckler: Ja. Auch im skandinavischen oder angloamerikanischen System gibt es insgesamt ausreichend Studienplätze und eine Differenzierung im Hochschulsektor. Gleichzeitig darf dort auch nicht jeder Medizin studieren. Das ist ein sehr teures Studium, und es kann nicht beliebig viele Studierende geben. Maurer: Sie widersprechen sich doch selbst. Auf der einen Seite sollen die Studierenden motiviert und mit Begeisterung studieren, auf der anderen Seite dürfen sie nicht das machen, was sie wollen. Bei dieser Debatte ist die Leuphana Universität ein spannendes Beispiel: Sie haben die Zahl der Studienplätze drastisch gesenkt, von 10.000 auf 7000 Studierende. Winckler: Das ist wohl jene Kapazität, um ein gutes Betreuungsverhältnis zu haben. Spoun: Genau. Wir haben uns angesehen, welche Voraussetzungen wir für ein gutes Studium brauchen. Das Betreuungsverhältnis ist wesentlich für die Zufriedenheit und den Erfolg der jungen Menschen, die sich einer Universität anvertrauen. Herr Winckler, würden Sie die Studienplätze an der Uni Wien auch gerne um ein Viertel senken? Winckler: Sagen wir so: Wir müssen schauen, welche Kapazität diese Universität hat. In einigen naturwissenschaftlichen Fächern könnten wir auch mehr Studierende aufnehmen. Aber in den Sozialwissenschaften sind wir wirklich an der Grenze. Die Leuphana hat insgesamt 7500 Studienplätze, so viele sind bei uns alleine in der Publizistik. Da bräuchte ich eine eigene Universität nur für die Publizisten. ------- Hochschuldialog Das letzte Überbleibsel des Unistreiks war der Hochschuldialog, Rektoren, Audimaxisten und ÖH hatten die Diskussion vorzeitig verlassen. Nun präsentierte Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) den Endbericht. Bei den wirklichen Streitpunkten gab es keine Einigung ------- Diskussionsteilnehmer Sascha Spoun wurde 2006 Präsident der Universität Lüneburg und damals zum jüngsten Chef einer staatlichen deutschen Uni. Der 41-Jährige reformierte die Leuphana Universität, das Bachelorstudium bietet eine breite, grundlagenorientierte Ausbildung. Gleichzeitig wurde die Studentenzahl gesenkt Sigrid Maurer ist Vorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH). Die 25-jährige Tirolerin studiert Politikwissenschaft und gehört den Grünen und Alternativen StudentInnen an Georg Winckler ist seit 1999 Rektor der Uni Wien. Der 66-jährige Wirtschaftswissenschaftler leitete von 2005 bis 2009 auch die europäische Universitätenkonferenz ------- Veranstaltung Sascha Spoun war im Rahmen der Friday Lectures zu Gast in Wien. Die Vorlesungsreihe des Center for Teaching and Learning der Uni Wien beschäftigt sich mit der Bologna-Reform und geht im Herbst weiter. Infos: http://ctl.univie.ac.at/ Dieses Streitgespräch ist im Falter 27/10 erschienen. Foto: Heribert Corn Die tiefgreifende Angst der Generation MilchkaffeeThursday, March 18. 2010 „Reiche Eltern für alle“ wollen sie, „freie For$chung“ mit Dollarzeichen lehnen sie ab, und am liebsten wäre ihnen „Luxus für alle, statt Profit für wenige“. Die Transparente der Demonstranten sind plakativ und unterhaltsam. Aber was wollen uns die Studierenden damit überhaupt sagen? Antworten darauf gibt es im neuen Buch „Uni brennt“, das von Audimaxisten – nämlich der Arbeitsgruppe Buchveröffentlichung – herausgegeben wurde und Beiträge namhafter Autoren sowie engagierter Studenten versammelt.Angst dominiert das Buch. Vor allem jene, die Universität werde von einer Stätte freier Bildung zu einer Fabrik für gleichgeschaltete Fachidioten umgebaut. „Ein wesentliches Moment des zeitgenössischen Bildungsbegriffs ist die Reduzierung des Denkens, Forschens und Redens über Bildung und Lernen auf Erziehung, Schulung und Ausbildung. Es herrscht ein transitives Bildungsverständnis vor, nach dem Menschen als Objekte gesehen werden“, schreibt etwa der Soziologe Paul Kellermann. Der Bildungsbegriff wurde umgedeutet, die Hochschulen dementsprechend reformiert. Plötzlich war überall von Outcome, Rankings und Employability die Rede. Welche Auswirkungen das für den Einzelnen hat, erklären Lehrende und Studierende. „schon in der grundschule habe ich als den wichtigsten lerninhalt gleichsam mit der lauwarmen vanillemilch aufgesogen, dass es später für mich keine arbeitsstelle geben wird. (…) zu einem zeitpunkt also, als ich noch nicht einmal wusste, was ein job ist, habe ich gelernt, dass ich ihn begehre, erstrebe und wünsche, ohne ihn erlangen zu können“, schreibt etwa die Literaturwissenschaftsabsolventin Stefanie Grutsch, Jahrgang 81, in ihrem Beitrag über die „generation milchkaffee“. Neu ist diese Kritik natürlich nicht, aber in mehr als 40 Texten auf 318 Seiten ergibt sich doch das Stimmungsbild einer Bewegung, deren Unbehagen tiefer greift als bloßer Ärger über schlechte Studienbedingungen und volle Hörsäle. Wer die gesellschaftlichen Ängste der Audimaxisten und die Bedeutung manch eines Demo-Transparents nicht verstanden hat, sollte hier nachlesen. Infos zum Buch - Podiumsdiskussion am Do, 18. März, im Depot (7., Breitegasse 3), 19 Uhr, mit Autorin Marlene Streeruwitz, Bildungsexperte Erich Ribolits u.a. >> Blog der AG Buchveröffentlichung - Hg. von Stefan Heissenberger, Viola Mark, Susanne Schramm, Peter Sniesko, Rahel Sophia Süß: Uni brennt. Turia + Kant, 318 S., € 24,–. >> Verlagsinformation Diese Rezension wurde im Falter 11/10 veröffentlicht. Bild: Turia + Kant Malaise bolognaiseWednesday, March 10. 2010
Bologna ist nicht schuld an der Bildungsmisere. Im Gegenteil: Das große europäische Hochschulprojekt hätte gute Antworten auf sie
![]() Alles begann mit der Unterschrift von Caspar Einem. Der österreichische Sozialdemokrat unterzeichnete als erster europäischer Wissenschaftsminister die Bologna-Erklärung, damals am 19. Juni 1999 in der gleichnamigen Stadt. Von einem „Europa des Wissens“ ist in diesem Dokument die Rede und vom „Aufbau eines europäischen Hochschulraums“, von „Mobilität“ und „internationaler Wettbewerbsfähigkeit“ (Dokument als PDF hier). Mittlerweile haben sich 46 europäische Länder diesem gemeinsamen Ziel verpflichtet – von Österreich bis Portugal, von Norwegen bis zur Türkei. Doch von den hehren Idealen von einst scheint nicht viel geblieben zu sein. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man die Kommentare mancher deutscher Qualitätszeitungen oder die Brandschriften der Audimax-Besetzer liest. Da wird von einem „wissenschaftsfernen Zwangskorsett“, der „Zerstörung der Universitäten“ oder dem „neoliberalen Umbau der europäischen Hochschullandschaft“ gesprochen. Am Donnerstag und Freitag wird in Wien und Budapest die Ministerkonferenz stattfinden, die Audimaxisten planen einen Gegengipfel, Demonstrationen und Sitzblockaden in den Straßen Wiens. Während die europäischen Wissenschaftsminister in der Hofburg über die nächsten zehn Jahre Bildungsreform nachdenken, erklären die Studierenden draußen „why we hate Bologna“. Sie hassen Bologna zu Unrecht. Der Prozess hat mehr gute als schlechte Seiten. Er ist ein Projekt der europäischen Integration und will einen einheitlichen europäischen Hochschulraum schaffen, in dem Menschen ohne Hürden in andere Länder studieren gehen und der akademische Austausch nicht an der Landesgrenze endet. Über die neuen Bachelor- und Masterstudien schimpfen viele. Sie lösten das bisherige Diplomstudium und den Abschluss als Magister ab. Doch das ist nur die Architektur, das Gerüst der Reform. Die Idee dahinter ist, dass ein möglichst großer Teil der Gesamtbevölkerung Zugang zu höherer Bildung bekommen soll – auch jene, deren Eltern keine Akademiker sind oder die erst im zweiten Bildungsweg auf die Hochschule finden. Im Mittelpunkt der Uni sollen nicht mehr Professoren oder Vorlesende stehen, sondern der Student und die Studentin. Unterstützung, Beratung und Studienpläne, die Rücksicht auf die Studierenden nehmen, all das sehen die Bologna-Dokumente vor, wenn man unter Begriffen wie „studierendenzentriertes Lernen“ oder „soziale Dimension“ nachliest (z.B. im Leuven-Kommuniqué, PDF hier). Heimische Studenten werden da den Kopf schütteln. Ihre Erfahrungen sind ganz andere: Mit Verweis auf die italienische Stadt wurde ihr Studium gestrafft, ihre Wahlfreiheit und Entfaltungsmöglichkeit wurden eingeschränkt. So hässliche Begriffe wie „Voraussetzungsketten“ oder „Erweiterungscurricula“ verhindern, dass sie selbst die Geschwindigkeit oder den Schwerpunkt ihres Studiums bestimmen. Ihre Wut darüber ist berechtigt, doch sie trifft nicht die Verantwortlichen: Bologna hat mit diesen Fehlentwicklungen nichts zu tun. Das ist das große Missverständnis. Und es erklärt, warum ausgerechnet österreichische und deutsche Studierende in Scharen gegen den neuen europäischen Hochschulraum demonstrieren, nicht aber Dänen oder Spanier. In den deutschsprachigen Ländern diente Bologna den Universitäten als Vorwand, um bei den Massenstudien einen Sparkurs durchzusetzen. Auch die deutsche Politologin Gesine Schwan schrieb unlängst in der Welt: „An den aktuellen Missständen ist weniger Bologna schuld als vor allem die chronische Finanzmisere“. Miese Studienbedingungen wurden der Reform zugeschrieben. Das war nicht zuletzt deswegen möglich, weil der ganze Prozess auf Freiwilligkeit beruht und bei schlechter Umsetzung keine Sanktionen drohen. So haben die Nationalstaaten zuallererst jene Punkte verwirklicht, die ihnen gerade gelegen kamen. Auch ist Bologna in einer Zeit des marktradikalen Denkens entstanden, als Universitäten aufgefordert wurden, ihren Nutzen für die Wirtschaft unter Beweis zu stellen oder in internationalen Wettbewerb zu treten. Schon in der Gründungserklärung steht, dass der Bachelor „eine für den europäischen Arbeitsmarkt relevante Qualifikationsebene“ attestieren soll. Diese Facette missfällt selbst manchen Befürwortern. „Der Bildungsgedanke ist in den Hintergrund getreten, und die Anwendbarkeit des Studiums hat eine Gewichtung bekommen, die überschätzt wird“, sagt Erstunterzeichner Caspar Einem heute. Über Schlagworte wie „Employability“, die Beschäftigungsfähigkeit, lässt sich vortrefflich streiten. Aber es wäre zu einfach, den gesamten Prozess auf diesen Aspekt zu reduzieren. Das wäre so, als würde man die gesamte EU nur mit dem „Teuro“ gleichsetzen. Für Holländer oder Briten ist die österreichische Kritik schwer nachvollziehbar, die europäischen Studierenden hassen die Reform nicht: „Bologna will sicherstellen, dass jeder europäische Student die gleichen Chancen hat“, sagt die Rumänin Ligia Deca. Sie sitzt der Europäischen Studentenunion vor und ist somit die höchste europäische Studentenvertreterin. „Wir wollen Bologna nicht abschaffen, sondern es kritisch überwachen.“ Die Reform hätte das Potenzial, europaweit den Studierenden den Rücken zu stärken. Statt Manifeste dagegen zu verfassen, könnten sich die Audimaxisten in ihren Forderungen auf Originaldokumente berufen: Da haben auch österreichische Wissenschaftsminister Ideen wie einer „sozialen Dimension“ oder „studierendenzentriertem Lernen“ zugestimmt. Wartelisten, Knock-out-Prüfungen und unzumutbare Studienpläne widersprechen dem. Die Studentenproteste haben die Symptome der Malaise bolognaise, der angekränkelten Umsetzung von Bologna, verdeutlicht. Alles wieder zurückzudrehen wäre aber Unsinn. Die nächsten zehn Jahre könnten viel mehr dazu dienen, die Reform zur Gänze umzusetzen und die Hochschulen damit studentenfreundlicher zu machen. Im Sinne der „sozialen Dimension“ könnten die Nationalstaaten zum Beispiel mehr Teilzeitstudien, flexiblere Kursangebote für Berufstätige oder gezielte Förderung für Migrantenkinder einführen. Der Nachbesserungsbedarf ist enorm. Selbst die Mobilität der europäischen Studenten stieg innerhalb der ersten Dekade nicht wesentlich, das Auslandssemester ist weiterhin das Privileg einer Minderheit – obwohl die Mobilität doch ein Kernanliegen der Reform war. 1999 bis 2009 war eine Zeit der Umstrukturierung: Der Magister wurde abgeschafft, europaweit wurden ähnliche Systeme und gemeinsame Begriffe eingeführt. Viel mehr als die grobe Kontur eines europäischen Hochschulraums ist aber noch nicht zu erkennen. Die Vision kam nicht im Hörsaal oder den Unigremien an. Das muss sich ändern, wenn Bologna zu einem wirklichen Erfolg werden soll. Dieser Text ist im Falter 10/10 erschienen. Illustration: Jochen Schievink „Wir brauchen Leistungsdruck“Tuesday, March 2. 2010 ÖVP-Wissenschaftsministerin Beatrix Karl über die Generation Praktikum, ihren Ruf als Liberale und den kleinen Unterschied zwischen Männern und FrauenBeatrix Karl gilt als Liberale, kommt selbst von der Uni und wird nächste Woche wieder mitten im Rampenlicht stehen. Am 11. und 12. März findet in Wien und Budapest der große Bologna-Gipfel statt. Die ÖVP-Wissenschaftsministerin weiß aber nur zu gut, dass viele Studenten zu Recht wütend sind. Sie spricht über die Verfehlungen bei Bologna und die unfairen Anforderungen an Jungakademiker. Falter: Frau Ministerin, mussten Sie jemals bei einer Vorlesung am Boden sitzen oder vor der Tür draußen stehen? Beatrix Karl: Ich habe Rechtswissenschaften in Graz studiert, das war schon damals ein Massenstudium. Dass ich jemals vor der Türe war, daran kann ich mich nicht erinnern. Aber die vollen Hörsäle kenne ich sehr wohl. Immer mehr Studenten haben weniger Geld und müssen nebenher arbeiten. Wie sehen Sie diesen Leistungsdruck? Karl: Wir brauchen einen gewissen Leistungsdruck. Unsere Absolventinnen und Absolventen sollen ja hochqualifiziert sein. Mit Sicherheit hat aber der Druck aus der Arbeitswelt zugenommen, Stichwort Generation Praktikum. Früher war es egal, wie lange man studiert hat. Bei den heutigen Jobausschreibungen ist am besten, man wurde in Mindestzeit fertig, hat fünf Sprachen gelernt und einige Auslandsaufenthalte vorzuweisen. In der Praxis geht das aber nicht. Die Uni macht es ihren Studierenden nicht leicht, im Eiltempo zu studieren. Karl: In den Massenstudien ist es tatsächlich schwierig. Zum Beispiel, wenn es Wartelisten gibt oder man in Seminare nicht mehr hineinkommt. Zugleich haben wir aber viele Studienrichtungen ohne überfüllte Hörsäle. Deswegen wollen Sie eine Studienplatzbewirtschaftung: Die Zahl der Studienplätze soll festgeschrieben werden, und pro Studienplatz gibt es eine fixe Summe für die Uni. Karl: Da geht es um die Frage, wie wir künftig die Universitäten finanzieren sollen. An den Fachhochschulen haben wir mit der Studienplatzfinanzierung sehr gute Erfahrungen gemacht, derzeit diskutieren wir das im Rahmen des Hochschuldialogs. Die Wirtschaftsuniversität hat etwa 24.000 Studierende. Könnte beim Hochschuldialog herauskommen, dass es nur mehr 15.000 sein sollen? Karl: Das wäre jetzt zu weit vor-gegriffen. Aber Studienplatzbewirtschaftung heißt für Sie auch weniger Studierende in manchen Fächern? Karl: Darauf kann es hinauslaufen. Ist es nicht falsch, irgendein Fach zu begrenzen? Immerhin hat Österreich nur eine Akademikerquote von 18 Prozent, weit unter dem OECD-Schnitt. Karl: Mein klares Ziel ist es, die Akademikerquote zu erhöhen. Aber: Mehr Studierende führen nicht zwangsläufig zu mehr Akademikern. Gerade in den Massenstudien haben wir viele Drop-outs. Vergleichen Sie etwa das Medizinstudium einst und heute: Vor den Aufnahmeprüfungen hörten rund 50 Prozent auf, heute sind es nur mehr fünf Prozent. Wie wollen Sie mehr Akademiker bekommen? Karl: Indem wir die Drop-out-Quoten senken. Da müssen wir bereits bei der Studienwahlentscheidung ansetzen. Viele denken zu wenig darüber nach, was sie studieren sollen, werden zu wenig in der Schule damit konfrontiert. Es kann nicht sein, dass 60 Prozent der Studienanfänger in bloß zehn Prozent der Fächer gehen. Wie es in diesen Fächern dann aussieht, können Sie sich vorstellen. Nicht jeder will Atomphysiker werden. Karl: Wir wollen auch nicht alle zu Atomphysikern machen. Aber Sie sprechen etwas Wichtiges an: Man muss die Neugierde für Naturwissenschaften schon früh bei den Kindern wecken. Die Studierenden klagen über zu wenig Wahlfreiheit im Studium. So wurden etwa die freien Wahlfächer abgebaut. Widerspricht das nicht dem Geist der Universität? Karl: Mit dieser Beschränkung bin ich auch nicht einverstanden, die Studierenden sollen Wahlmöglichkeiten haben. Ich werde mit den Verantwortlichen sprechen. Die Studienpläne werden ja von den Universitäten erstellt. Als Ministerin können Sie nicht nur Gespräche führen, sondern das auch gesetzlich vorschreiben. Karl: Die Universitäten sind autonom, eine gesetzliche Änderung strebe ich derzeit nicht an. Zuerst will ich mit den Verantwortlichen nach Lösungen suchen. Bald findet der Bologna-Gipfel statt. Es hagelt Kritik an Bologna. War die Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraums ein Fehler? Karl: Die Bologna-Idee ist sehr gut. Die Mobilität der Studierenden soll gefördert werden, sie sollen dadurch bessere Chancen bekommen. Auf nationaler Ebene sind aber eine Reihe von Umsetzungsfehlern passiert. Nun geht es um die Weiterentwicklung. Was lief falsch? Karl: Teilweise wurde in die Bachelorstudien zu viel Inhalt hineingepfercht. Man kann nicht acht Semester Diplomstudium in sechs Semester Bakkalaureat hineinpressen. Auch wurden Wahlfächer gestrichen, das ist nicht kreativ. Würden Sie jungen Menschen raten, nur bis zum Bachelor zu studieren? Viele glauben, dass sie dann schlechte Chancen am Arbeitsmarkt haben. Karl: Das erinnert mich an die Umstellung im Jusstudium. Früher erhielten Juristen sofort das Doktorat – ohne Dissertation. Dann wurde der Magister eingeführt, es gab helle Aufregung. Die Rechtsanwaltskammer meinte: Ein Magister kann nicht Rechtsanwalt sein. Mittlerweile ist das aber ganz normal, und so wird das auch beim Bachelor sein. Dieser akademische Abschluss wird in der Arbeitswelt anerkannt werden. Noch ist es aber nicht so. Verstehen Sie die Skepsis vieler Studenten? Karl: Ja. Auch weil der Bachelor im öffentlichen Dienst noch nicht voll anerkannt ist. Mein Vorgänger wollte das ändern. Hier sehe ich auch die zuständige Beamtenministerin Heinisch-Hosek (von der SPÖ, Anm.) gefordert. ![]() Nun sind Sie seit fünf Jahren in der Politik. Sie liefen nicht durch die Kaderschmieden wie die Junge Volkspartei. Wie wurden Sie politisch sozialisiert? Karl: Mein Großvater und mein Vater waren Bürgermeister, da bekommt man politisches Denken hautnah mit. Mich hat die Politik aber nicht so fasziniert, dass ich selbst aktiv geworden wäre. Zuerst war mir mein beruflicher Werdegang wichtig: Studium, Dissertation, Habilitation. Dann interessierte ich mich immer mehr für Sozialpolitik. Als Arbeits- und Sozialrechtlerin kann man Recht und Politik nicht immer zur Gänze trennen. Sie reden gerne über Frauenförderung an den Universitäten. Karl: Wir haben Gott sei Dank sehr viele weibliche Studierende. Aber für Frauen wird die Luft immer dünner, je höher es nach oben geht. Das hat verschiedene Gründe. Einerseits die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Wissenschaft ist kein Job, bei dem ich zwischen acht und 16 Uhr forsche und dann den Bleistift fallen lasse. Deswegen wären Kinderbetreuungseinrichtungen mit flexiblen Öffnungszeiten an allen Universitäten wichtig. Und die anderen Gründe, warum so wenig Frauen forschen? Karl: Das sind oft kleine Unterschiede. An einem Institut mit weiblichen und männlichen Assistenten bleibt das Administrative meist bei den Frauen hängen. Männer widmen sich mehr der Forschung, schaufeln sich frei. Das ist wichtig: Man muss dranbleiben und sich einem Forschungsprojekt über einen Zeitraum fast ausschließlich widmen können. Was halten Sie von einer Quote? Karl: Wir haben im Universitätsgesetz bereits eine 40-Prozent-Frauenquote. Allerdings nur für die Uni-Gremien, wo wieder administrative Aufgaben für Frauen anfallen. Was halten Sie von einer Quote bei den Professoren? Karl: Ich bin keine große Quotenanhängerin, und Quoten allein sind zu wenig. Derzeit bin ich noch dabei, mir einen Überblick über mögliche Maßnahmen zu verschaffen. Im Ministerium haben wir auch Förderprogramme dafür. Sie gelten als Liberale. Wie liberal sind Sie wirklich? Karl: Diese Frage kann ich so allgemein kaum beantworten. Beispiel Adoptionsrecht für Homosexuelle. Sind Sie dafür? Karl: Nein. Ich finde die eingetragene Partnerschaft gut, aber ein Adoptionsrecht geht zu weit. Unsere Gesellschaft ist noch nicht bereit dafür. Sehen Sie sich überhaupt als Liberale? Karl: Eher schon. Sie hören sich mehr wie eine Pragmatikerin als eine Ideologin an. Karl: Ja, ich habe keine politische Vergangenheit, sondern bin eine Quereinsteigerin. Daher würde ich mich eher als Sachpolitikerin bezeichnen, weniger als Ideologin. Was haben Sie in fünf Jahren Politik gelernt? Karl: Dass Politik anders funktioniert als Wissenschaft. Von der Wissenschaft bin ich gewohnt, mich in Themen einzuarbeiten. Die Politik ist schnelllebiger. Wenn Journalisten anrufen, kann ich nicht sagen: „Ich muss mich jetzt einlesen, fragen Sie mich in drei Tagen wieder.“ Da wird nicht gewartet. Derzeit warten die Studierenden, was beim Hochschuldialog herauskommt. Können Sie ihnen garantieren, dass sich etwas ändern wird? Karl: Ich erwarte mir beim Hochschuldialog Empfehlungen, und die werden dann auch politisch relevant sein. Aber geben Sie eine Garantie? Karl: Garantie, Garantie. Ich kann nicht garantieren, welche Maßnahmen kommen, ich habe auch einen Koalitionspartner. In einigen Punkten bin ich aber mit den Studierenden auf Linie, etwa bei der Umsetzung von Bologna. Und dann gibt es Themen, wo wir unterschiedlicher Meinungen sind. Aber ich denke, das ist normal so. Dieses Interview ist im Falter 09/10 erschienen. Fotos: Heribert Corn Eine heiße Aktion endet am kalten MorgenSunday, January 10. 2010
Das Audimax ist geräumt. Anders als in Deutschland wurden die Studierenden verhöhnt. Ein Schaden für alle
![]() Security, Polizei, Ausweiskontrollen: Es war kein Flughafen oder Gefängnis, das vergangenen Montag solcherart gesichert wurde, sondern das Hauptgebäude der Uni Wien. Frühmorgens, um 6.30 Uhr, endete die Audimax-Besetzung. Rektor Georg Winckler hatte die Polizei herbeigerufen, damit das Auditorium Maximum „aus Sicherheitsgründen“ geräumt werde. 80 Obdachlose und 15 Studierende wurden aus dem Saal gewiesen. Eine Sprecherin erklärte, es habe Brandgefahr bestanden. Die heißeste politische Aktion dieses Jahres endete also an einem eiskalten Dezembermorgen. Ohne Randale, ohne Zugeständnisse der Politik, ohne Weihnachtsfrieden wie vor 25 Jahren in der Hainburger Au – aber auch ohne nennenswerten Widerstand seitens der verbliebenen Studierenden. Sie wirkten müde. In den letzten Tagen hat sich die Bewegung aufgerieben, geschwächt und gespalten. Was bleibt übrig vom Audimaxismus? Zunächst machte er einer zunehmend interessierten Öffentlichkeit klar, wie die Freiheit an den Hochschulstudien mittlerweile eingeengt wurde, wie viel Geld den Unis fehlte. Rektoren und ÖH kritisieren das schon seit Jahren. Erst der lauten und modern vernetzten Masse der Studierenden war es gelungen, die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit darauf zu lenken. Die Politik aber ignorierte das Problem. Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) tauchte ab, selbst als tausende junge Menschen für Bildung demonstrierten. Offenen Diskussionen stellte sich der neue EU-Kommissar kaum. „Ich habe hinreichend Maßnahmen eingeleitet“, sagte er dem Standard und verwies auf 34 Millionen Euro, die er aus einem Notbudget lockermachte. Die Rektoren hatten eine Bildungsmilliarde gefordert. Der Streit ums Geld überlagerte die Debatte: Die Audimaxisten kritisierten dabei auch strukturelle Probleme, die Umsetzung des Bologna-Prozesses etwa. Die europaweite Vereinheitlichung des Hochschulsektors führte ihrer Meinung nach nicht nur zu neuen Bachelor- und Masterstudiengängen, sondern auch zu stromlinienförmiger Ausbildung und weniger Wahlfreiheit im Studium. Die Unis sollen im Eiltempo arbeitsmarkttaugliche Bachelors ausspucken, und das zum Minimaltarif. Die Studenten trafen mit ihrer Kritik an der europäischen Bildungspolitik (und ihrer nationalen Umsetzung) einen Nerv, nicht nur hierzulande. Der Audimaxismus breitete sich über die Grenzen aus, in Rom, Köln, Kopenhagen wurden Hörsäle besetzt. Gerade der internationale Vergleich ist spannend, weil er den Blick auf die Mechanismen von Politik und Medien freigibt: Während die Demonstranten bei uns schnell als „Randalierer“ und „Basiswappler“ verspottet wurden, nahmen deutsche Politiker die Anliegen ihrer Studenten ernst. Dabei hatte ihr Protest später begonnen und er fiel weniger intensiv aus als hierzulande. Die deutschen Studenten verbuchten zumindest Teilerfolge: Die Kultusminister der 16 Bundesländer forderten von den Hochschulen eine Reform des umstrittenen Bachelorstudiums. An der deutschen Umsetzung bemängelten die Betroffenen insbesondere, dass die Arbeitsbelastungen und die Zahl der Prüfungen dadurch enorm gestiegen waren. In beiden Punkten springt ihnen nun die Politik zur Seite. Auf Bundesebene gestand Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) eine Unterfinanzierung der Unis und Probleme bei der Einführung des Bachelors ein. Natürlich sind die deutschen Versprechen mit Vorsicht zu genießen. Ungeklärt ist zum Beispiel die Finanzierungsfrage zwischen Bund und Ländern. Trotzdem haben die deutschen Bildungspolitiker reagiert und Verantwortung übernommen – ganz anders als die abgetauchten österreichischen Kollegen. Auch die Medien haben sich in Österreich anders Verhalten. Sogar liberal gesinnte Journalisten diffamierten – anders als ihre Kollegen in Deutschland – den Protest von Anfang an. Während Wiener Leitartikler nur eine „Freak-Show“ oder „Tupperware-Partys“ im Audimax erkennen konnten, rief die deutsche Zeit: „Nieder mit Bologna!“ Die konservative FAZ verkündete: „Die Bologna-Blase ist geplatzt.“ Und sogar die Bild forderte Studierende auf, ihren Frust online zu artikulieren. In Deutschland, so die für Wien so bittere Erkenntnis, gibt es Journalisten, die etwas zu sagen haben, und Politiker, die reagieren. Daran, nicht am fehlenden Geld, scheiterte der Audimaxismus in erster Linie. Den Schaden tragen nicht nur Bildungspolitik und Gesellschaft, sondern auch die Politik selbst. Kein Koalitionsmitglied darf noch über Politikverdrossenheit oder Jungwählerschwund klagen, wenn so mit berechtigtem Protest junger Menschen umgegangen wird. Die ausgebliebene Bildungsdebatte ist also eine vergebene Chance, das war bereits in den letzten Wochen absehbar. Die Räumung des Audimax hat somit sogar etwas Positives. Sie ist eine Zäsur, sie fordert die Studierenden auf, über ihre Ziele und ihre praktische Umsetzung nachzudenken. Es fehlte ihnen etwa die Exitstrategie. Forderungen wie die Abschaffung der Zugangsbeschränkungen oder die Ausfinanzierung jedes Studienplatzes hatten die Audimaxisten bald gefunden. Doch auf ein Ausstiegsszenario, bei dem sie zumindest ein bisschen dazugewinnen konnten, einigten sie sich nicht. Im letzten Plenum konnten sich die Besetzer der Uni Wien nur noch darauf verständigen, dass sie Hilfe für die Obdachlosen wollen. Das kann nicht das einzige Anliegen einer Unibewegung sein. Rektor Winckler hat mit der Räumung des Hörsaals den Studierenden nun eine Verschnaufpause verschafft. Die Weihnachtsfeiertage werden viele Audimaxisten dafür nützen, den Hörsaal auch gedanklich zu verlassen, um neue und frische Protestformen zu entwickeln. Dieser Artikel ist im Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 52/09 erschienen. Foto: Peter Fuchs, APEX Auf zur Weltklasse!Thursday, November 12. 2009
Die Zustände an heimischen Unis sind desaströs. Wie kann man sie verbessern? Ein Blick ins Ausland zeigt es
Dieser Artikel ist im Falter 46/09 erschienen. Illustration: Jochen Schievink 1. Nur her mit den Studenten Steigen die Studierendenzahlen, geht das in Österreich als Horrormeldung durch. Dabei haben wir hierzulande nur 18 Prozent Akademiker, weit weniger als der OECD-Schnitt (27 Prozent) und nur halb so viele wie in Finnland. Gerade die nordischen Länder zeigen, dass viele Studierende doch leistbar sind. Drei Viertel aller 19-Jährigen besuchen in Finnland eine Uni oder Fachhochschule. Die Finnen geben 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts dafür aus, während es in Österreich nur 1,3 Prozent sind. Andere Länder kämpfen um möglichst viele Studenten. Großbritannien möchte, dass jeder zweite Jugendliche inskribiert. Das resultiert aus der Überzeugung, dass mehr Bildung zu weniger Arbeitslosigkeit, höheren Einkommen, mehr Steuereinnahmen und besseren Chancen im internationalen Wettbewerb führt. Auch in Österreich zeigt sich, dass Akademiker weit seltener arbeitslos sind – selbst wenn sie solche „Orchideenfächer“ wie Theaterwissenschaft belegt haben. Pro zusätzlichem Bildungsjahr steigt der Nettostundenlohn durchschnittlich um acht Prozent, berechnet das Institut für Höhere Studien. 2. Gute Gehälter für Dozenten Wenn von Weltklasse-Universitäten die Rede ist, fallen schnell Namen wie Harvard oder Yale. Amerikanische Hochschulen sind mit den europäischen aber nicht vergleichbar, sie werden nur zu 45 Prozent vom Staat finanziert, der Rest kommt aus privater Hand. Ein Jahr in Harvard kostet die Studenten 33.696 Dollar. Interessanter ist da schon der Vergleich mit der Schweiz. Sie hat zwei renommierte Universitäten, die im internationalen Vergleich brillieren: die ETH Zürich und die Uni Zürich. Wie machen die das? Mit guten Einkommen. Das Anfangsgehalt eines Professors an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich beträgt 180.000 Euro im Jahr. Die Uni Zürich ist in einigen Studienrichtungen auch ein Massenbetrieb, trotzdem ist die Lehrsituation vergleichsweise gut. Dort kommen 56 Studierende auf einen Professor, an der Uni Wien sind es 194. Dabei gibt es auch in der Schweiz einen grundsätzlich offenen Hochschulzugang. 3. Baut mehr Fachhochschulen Es gibt zwei Möglichkeiten, die jetzigen Probleme zu lösen: mehr Geld oder einen Abbau der Studienplätze und Zugangsbeschränkungen in Massenfächern. „Ich sehe nicht, warum irgendein Studienfach in Österreich eingeschränkt werden sollte“, sagt der deutsche Hochschulforscher Ulrich Teichler angesichts der niedrigen Akademikerquote. Mehr Akademiker brauchen mehr ausfinanzierte Studienplätze, das fordern nicht nur die Audimax-Besetzer, sondern auch die Rektoren. Insbesondere der Fachhochschulsektor ist unterrepräsentiert. Nur rund zwölf Prozent der Studenten inskribieren an einer FH. Dabei wollen viele eine praxisorientierte Ausbildung, kommen an den FHs nicht unter und weichen dann auf die überfüllten Unis aus. Das ginge auch anders. In Österreich und Finnland gibt es seit circa 15 Jahren das FH-System, nur wurde dieses im hohen Norden wesentlich ausgebaut. Heute ist mehr als die Hälfte der Studierenden an der Ammattikorkeakoulu, der finnischen FH, der Rest an den Unis. Doch muss ein Ausbau der Studienplätze nicht heißen, dass man gar nicht mehr über Zugangsbeschränkungen sprechen darf. Die Forderung, ein Land solle unbegrenzt Ärzte ausbilden, ist unrealistisch. Unis sollen überdies wissen, wie viele Menschen bei ihnen Platz haben. Bei restriktiven Beschränkungen steigt aber die Gefahr, dass plötzlich Arbeitskräfte fehlen. Es ist schwierig zu sagen, wie viele ausgebildete Lehrer oder Ärzte ein Land in fünf Jahren benötigt. In den Niederlanden etwa werben sich Schulen gegenseitig die Lehrer ab, weil es zu wenige gibt. Hessen lockt mit einem Beamtenstatus für Pädagogen, um diese aus anderen Bundesländern anzustellen. 4. Kindergärtner an die Unis Es ist kein Zufall, dass sich ausgerechnet die Kindergärtnerinnen und Kindergärtner dem Studierendenprotest angeschlossen haben. Sie fühlen sich von der Hochschulpolitik benachteiligt. Zu Recht, denn „Krankenschwester“ oder „Kindergärtner“ kann man hierzulande nicht studieren, anderswo sehr wohl. An der Uni Helsinki gibt es strenge Auswahlkriterien für alle Erziehungswissenschaften, auch für die Kindergärtner. Sie studieren im Bachelorsystem. Die heimischen Pädagogen wünschen sich eine Anhebung der Kindergartenausbildung auf akademisches Niveau, das würde nicht nur der gesellschaftlichen Bedeutung dieser Profession gerecht werden – es würde das gesamte Berufsbild aufwerten. Das gleiche gilt für andere mittlere Berufe, wie Diplomkrankenschwestern. Eine Wissensgesellschaft entsteht nicht dadurch, dass plötzlich alle Architektur und Biologie studieren, sondern dass andere Professionen wissenschaftlich aufgewertet werden. 5. Klärt die Maturanten auf Jus, BWL, Psychologie. Viele Maturanten sind bei der Studienwahl unkreativ und bereuen das spätestens dann, wenn sie in Massenvorlesungen sitzen, Knock-out-Prüfungen erleben oder nur abstrakte, praxisferne Dinge lernen. Dabei gibt es Projekte, um Maturanten über die Studienbedingungen vorab zu informieren. Die holländische Webseite Studychoice.nl bietet zum Beispiel eine Übersicht über 2500 Ausbildungsangebote in den Niederlanden. Mit ein paar Mausklicks können Interessierte die passende Uni für sich suchen. Sie geben dabei ein Fach, das sie interessiert, und Kriterien für die Studienauswahl an – von der Jobtauglichkeit bis hin zu den Mietpreisen in der Universitätsstadt. Das Onlinesystem liefert eine Übersicht und Rankings von Studenten, die dort bereits studiert haben. Nun will auch die Österreichische Hochschülerschaft die Studienberatung ausbauen. Sie plant ebenfalls eine Web-Plattform, die den Maturanten transparente Infos zum jeweiligen Studium und zur Fakultät gibt. Zusätzlich hat sie ein Pilotprojekt gestartet, bei dem Schüler Lehrveranstaltungen an Hochschulen besuchen können. Das hört sich alles gut an. Das Problem ist nur: Der Staat finanziert solche Projekte nicht flächendeckend. 6. Weniger Abhängigkeit von Eltern Besserverdiener finanzieren dem eigenen Nachwuchs das Studium, für alle anderen gibt es Stipendien. Das klingt einleuchtend, in der Realität wird dieses Versprechen aber nicht ausreichend eingelöst. „Österreichische Studierende sind von ihren Eltern extrem abhängig. Der Staat kompensiert nicht genug“, attestiert Dominic Orr. Er forscht in Hannover für die Hochschul-Informations-System GmbH und erstellt die Bildungsstudie Eurostudent. Mit Tabellen, Grafiken, Sockeldiagrammen rechnet er vor, was manche Studis spüren: Wer aus einer sozial benachteiligten Schicht kommt, hat es schwieriger, sein Studium zu finanzieren. Die Stipendien decken nicht den Lebensbedarf ab, also müssen die Studis zusätzlich arbeiten. Dabei gibt es ganz andere Konzepte. Jeder Schwede kann eine staatliche Studienförderung von 777 Euro pro Monat bekommen, 35 Prozent sind geschenkt, der Rest geliehen. Wem der Kredit nicht geheuer ist, kann darauf verzichten. Das Geld dient für Miete, Essen, Lebenserhaltungskosten. Studiengebühren gibt es keine. Die schwedische Mentalität ist deswegen anders. Für die Maturanten ist es weniger wichtig, wie reich die Eltern sind und welches Studienfach Mama und Papa genehm ist. Sie werden wie Erwachsene behandelt, von denen 70 Prozent einen staatlichen Kredit aufnehmen, der niedrig verzinst ist. Das Ganze ist auch ein Kompromiss für den Staat, um möglichst vielen ein Studium zu ermöglichen, das Budget aber nicht allzu sehr zu belasten. 7. Brain Gain statt Brain Drain Der Student aus dem Ausland ist hierzulande gefürchtet, die Schwemme an Numerus-clausus-Flüchtlingen wird beklagt. Andere Länder haben schon früher Lösungen für den Ansturm ausländischer Studierender gefunden. Zwischen Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden gibt es etwa seit 1996 Ausgleichszahlungen für all jene, die beim Nachbarn studieren. Es ist auch eine Einstellungsfrage, wie man internationale Studierende empfängt. Die ETH Zürich spricht zum Beispiel von einer eigenen „Strategie für die Rekrutierung der weltweit besten Studierenden“. 30 bis 50 Prozent der Master-Studenten und mehr als die Hälfte der Doktoranden sollen aus dem Ausland stammen. Beim Master selektiert die ETH. Um genügend Bewerber zu haben, gründete sie ein Stipendium für besonders gute internationale Master-Studenten. Sie sollen sich das Leben im teuren Zürich leisten können. 8. Qualität messen Jedes Jahr fallen die heimischen Unis in internationalen Hochschul-Rankings weiter zurück. In der Tabelle des Time Magazine belegt die Uni Wien nur Platz 132, das ist um 17 Ränge schlechter als im Jahr zuvor. Die Uni Zürich hat sich hingegen unter die besten Hundert hinaufgekämpft. Die Kritik an diesen Rankings ist berechtigt. Wenn eine Uni viele Zitierungen in Fachzeitschriften aufweist, sagt das nicht viel über die Zustände im Hörsaal aus. Trotzdem sind internationale Vergleiche Annäherungen, um die Schwächen im Hochschulsektor zu erkennen. Warum schneidet die Uni Wien im Time-Ranking so schlecht ab? Weil das Betreuungsverhältnis zwischen Dozenten und Studis miserabelst eingestuft wird. Viele Studenten werden dem beipflichten. Die OECD tüftelt an einem eigenen Hochschulvergleich, der ähnlich wie Pisa die Qualität der Lehre messen soll. Parallel dazu können auch Nationalstaaten den Erfolg ihrer Unis hinterfragen. In Großbritannien etwa erfasst die nationale Statistikagentur HESA jedes Jahr, wie viele Absolventen ohne Job dastehen und in welchen Branchen die Akademiker landen. Hierzulande fehlt eine solche Absolventenstudie. Bildungspolitiker tappen im Dunkeln. 9. Benachteiligten gezielt helfen Apropos England: Die HESA misst zudem, wie viele Kinder aus bildungsfernen Schichten an den einzelnen Unis landen. Engagierte Einrichtungen bekommen Fördergelder. Jährlich gibt es 160 Millionen Euro für gezielte Maßnahmen, um benachteiligte Gruppen an die Unis zu holen. Zum Beispiel bekommen britische neun- bis 13-Jährige einen Studierenden als Mentor zugeteilt, der sie längerfristig unterstützt. Weiters gibt es 190 Millionen Euro, um Drop-outs bei diesen Gruppen zu verhindern. 10. Bessere Schulen für bessere Unis Geld, Geld, Geld – das brauchen heimische Unis, wenn sie mehr Akademiker ausbilden sollen. Mindestens genauso wichtig ist allerdings ein Umdenken im Bildungssystem. Derzeit werden viele Zehnjährige in städtische Hauptschulen abgeschoben, eine Einbahnstraße in Richtung weniger Bildung, höhere Arbeitslosigkeit. Für sie stellt sich meist gar nicht die Frage, ob der Hochschulzugang frei sein soll oder alle alles studieren dürfen. Wenn 75 Prozent der Finnen eine FH oder Uni belegen, liegt das insbesondere daran, dass sie das Schulsystem überhaupt so weit gebracht hat. Resümee Ein klares Bekenntnis zu mehr Studierenden, gut bezahlte Professoren, Qualitätskontrolle an Hochschulen und gezielte Fördermaßnahmen. Man muss die Uni nicht von Grund auf neu erfinden, um sie zu verbessern. Es hilft bereits, sich in der Welt umzusehen. „Ich habe es satt“Tuesday, November 3. 2009
Der Uni-Streik weitet sich aus. Wie legitim ist der Studentenprotest? Wie unerträglich sind die Zustände im Hörsaal? Ein Streitgespräch
![]() 34 Millionen Euro genügen ihnen nicht. Das Angebot von Wissenschaftsministers Hahn ist den Audimax-Besetzern zu wenig. Sie fordern eine grundsätzliche Debatte über Bildungspolitik. Der Falter lud daher zum Streitgespräch. WU-Rektor Christoph Badelt, ÖH-Chefin Sigrid Maurer, Audimax-Besetzer Julian Schmid und Bildungsforscher Erich Ribolits über mangelnde politische Visionen und Universitäten als Erfüllungsgehilfen privatwirtschaftlicher Interessen. Falter: Herr Schmid, Sie sind seit Tag eins bei der Audimax-Besetzung dabei. Warum? Julian Schmid: Die Situation wurde für uns Studierende in den vergangenen zehn Jahren immer unerträglicher. Nun geht es einerseits um sehr aktuelle, konkrete Probleme wie die Studieneingangsphasen, die Knock-out-Prüfungen ermöglichen. Oder die Zugangsbeschränkungen für Masterstudien, bei denen Leute fürchten müssen, mit einem minderwertigen Bachelortitel auf den Arbeitsmarkt geschmissen zu werden. Andererseits geht es aber auch ganz generell um den Bologna-Prozess, also die gesamteuropäische Perspektive und die zunehmende Ökonomisierung der Bildung, die der Uni ihre Lebendigkeit nimmt. Herr Badelt, haben Sie Verständnis für diese Anliegen? Christoph Badelt: Teilweise. Wir haben seit Jahrzehnten eine krasse Unterfinanzierung der Universitäten. Das führt zu sehr schlechten Studienbedingungen in mehreren Fächern. Insgesamt sind ein Viertel der Studierenden davon betroffen. Andererseits glaube ich, dass der Bologna-Prozess eine wirkliche Chance für die Europäisierung und Internationalisierung der Ausbildung ist. Sie werden als potenzieller Nachfolger von ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn gehandelt. Würde Sie das Amt angesichts des universitären Flächenbrands überhaupt reizen? ![]() Christoph Badelt, 58, ist Rektor der Wirtschaftsuniversität und Vorsitzender der Universitätenkonferenz Frau Maurer, wie fänden Sie denn einen Wissenschaftsminister namens Christoph Badelt? Sigrid Maurer: Na ja. Grundsätzlich ist es reizvoll, da er sich im System auskennt. Gleichzeitig haben wir diametral entgegengesetzte Ansichten zu Themen wie Bildungszugang und Studiengebühren. Herr Badelt, Sie sind für Zugangsbeschränkungen an den Unis. Damit würden Sie den freien Hochschulzugang doch letztlich abschaffen. Badelt: Das ist eine Unterstellung. Meine Position ist erstens: Wir brauchen eine höhere Akademikerquote. Zweitens brauchen wir eine kostendeckende Finanzierung der Universitäten, die Kapazitäten einplant. Nur dort, wo die Kapazitäten nicht ausreichen, muss der Zugang geregelt werden. Maurer: Aber das ist doch der falsche Schluss! Anstatt den Zugang zu beschränken, müssen mehr Studienplätze angeboten werden. Badelt: Ja, aber Faktum ist, dass pro Jahr 6000 junge Menschen an der WU studieren wollen und dass Sie diesen Leuten vorgaukeln, hier sei eh alles wunderbar. Später kommen diese Studenten dann drauf, dass dem nicht so ist, sie sind frustriert und demonstrieren. Derzeit werden die Studierenden hinausgeprüft und hinausgeekelt. Das ist ein unwürdiger Zustand, gegen den ich ankämpfe. Schmid: Für mich klingt das sehr stark nach kommunistischer Planwirtschaft. Wer kann heute seriös entscheiden, wie viele Studienplätze heute und welche Akademiker in 20 Jahren benötigt werden? Es muss einfach mehr Geld ins Bildungssystem. Und da erwarte ich mir, dass sich die Universitätenkonferenz vor die Regierung stellt und von Faymann, Pröll und dem künftigen Wissenschaftsminister mehr Geld für Bildung fordert. Badelt: Sie unterstellen mir Dinge, die ich nie gesagt habe. Ich teile Ihre Meinung, dass man nicht prognostizieren kann, wie viele Studienplätze in der Kommunikationswissenschaft oder den Wirtschaftswissenschaften in 20 Jahren gebraucht werden. Aber es muss festgesetzt werden, wie viel Platz eine Institution bietet. Das ist in Mittelschulen, Kindergärten und Fachhochschulen nicht anders. Die Politik muss klar definieren, wie viele Ausbildungsplätze sie in den verschiedenen Studien anbietet. ![]() Sigrid Maurer, 24, ist Vorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft Badelt: Zum Beispiel. In Folge müsste man dann eine sachliche Diskussion darüber führen, ob auch jeder das studieren können soll, was er studieren möchte. Herr Ribolits, ist aus Sicht des Bildungsforschers eine Studienplatzbewirtschaftung tatsächlich notwendig? Erich Ribolits: Ich würde es nicht in den Vordergrund stellen. Wir haben in Österreich bei Gott nicht zu viele Akademiker, nicht einmal zu viele Maturanten. Es wäre also in erster Linie notwendig, das System auszubauen. Früher oder später wird man auch über vernünftige Formen der Steuerung reden müssen. Was würde es denn kosten, wenn man jedem Studierenden sein Wunschstudium finanzierte? Badelt: Die WU hat ein jährliches Gesamtbudget von 95 Millionen Euro. Wir haben aber heute ungefähr viermal mehr Studienanfänger als vorhandene Plätze. Das heißt, Sie müssten diese Universität noch dreimal zusätzlich bauen. Und das betrifft nur die WU. Die Universitätenkonferenz fordert daher, dass zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts ins Hochschulbudget, inklusive den Fachhochschulen, fließen. Das würde auch der Empfehlung der Europäischen Union entsprechen. Aber dafür bräuchten wir eine Milliarde Euro mehr pro Jahr. Schmid: Mich stört diese Verlogenheit des ganzen Systems. Sie selbst haben in den 70er-Jahren studiert. Damals konnte das auch mein Vater tun, weil Bruno Kreisky die Studiengebühren abgeschafft hat. Minister Hahn war selbst elf Jahre lang Bummelstudent. In der Zwischenzeit hat sich die Wirtschaftsleistung Österreichs verdoppelt, aber Sie und Minister Hahn stellen sich jetzt vor mich und meine Generation hin und sagen: Es ist kein Geld mehr da. Badelt: Das habe ich nicht gesagt. Ich könnte Ihnen dutzende Beispiele nennen, bei denen aus meiner Sicht Steuergeld verschleudert wird. Von der Neuwagenprämie bis hin zum Koralmtunnel. ![]() Julian Schmid, 20, studiert VWL und Politikwissenschaft und nimmt seit Beginn an der Besetzung des Audimax teil Badelt: Aber Sie fordern von der Politik eben nicht nur Geld, sondern tausend andere Sachen auch, die ich nicht unterstützen kann. Ginge es nur um Geld und bessere Ausbildungsbedingungen, dann stünde ich sofort neben ihnen in der ersten Reihe auf der Straße. An welchen Punkten stoßen Sie sich konkret? Badelt: Dass die Studieneingangsphase abgeschafft werden soll. Das jetzige Auswahlverfahren ist unwürdig, menschenverachtend und bildungspolitisch verrückt. Daher will ich eine Studieneingangsphase, bei der nicht an einem ganz bestimmten Tag festgelegt wird, wer weiterstudieren darf, sondern bei der nach einer gewissen Zeit ein Querschnitt der Inhalte geprüft wird. Ich glaube, dass wir uns hinsichtlich der gesellschaftspolitischen Ziele wenig unterscheiden, dass wir möglichst viele Leute in die höhere Ausbildung bringen wollen, und zwar aus allen sozialen Schichten. Ich sage Ihnen aber eines: Ich bin jetzt sieben Jahre lang Rektor und war davor vier Jahre lang Vizerektor. Ich habe es satt, dass mir alle möglichen Politiker versprechen: Wenn wir einmal an die Macht kommen, gibt es mehr Geld für die Unis. Und derweil werden die Verhältnisse hier immer katastrophaler. Schmid: Aber es ist kein Ende dieser Politik absehbar. Und deswegen brauchen wir jetzt den Schulterschluss. Noch einmal zurück zur grundsätzlichen Forderung der Studenten: keine Zugangsbeschränkungen, keine Studiengebühren und ein ausreichendes Lehrangebot für alle. Wäre das für den Staat leistbar? Badelt: Das weiß ich nicht. Warum hat das nie jemand berechnet? Das ist doch absurd. Badelt: Weil die Frage, wie viele Studierende wir in Österreich haben sollen, aufgrund der Diktion des freien Hochschulzugangs immer tabuisiert wurde. Es rechnete nie jemand nach, was das das System kostet. Man ließ sich immer überraschen, was auf uns zukommt. Wenn wir das heutige Budget der WU pro Studierenden hernehmen, haben wir ungefähr die Hälfte dessen, was die Fachhochschulstudiengänge bekommen, obwohl diese nicht denselben Forschungsauftrag haben wie wir. Wir bekommen also ungefähr nur ein Viertel dessen, was wir bekommen müssten. Die Uni-Debatte wird vom finanziellen Aspekt dominiert. Vergessen wir dabei auf andere wichtige Fragen? ![]() Erich Ribolits, 61, ist Bildungsforscher an der Universität Wien Aber befasst sich die Politik überhaupt mit so grundsätzlichen Überlegungen, gibt es da auch eine gesellschaftspolitische Vision? Maurer: Die Politik unterliegt bloßem outputorientiertem Denken. Es geht nie um die Frage, welchen Mehrwert Universitäten für die Stabilität einer Gesellschaft haben können. Es geht immer nur um Effizienz und niedrige Drop-out-Quoten, die in Österreich im Übrigen gar nicht so schlecht sind. Politiker scheint allein der wirtschaftliche Nutzen, den ein Studierender bringt, zu interessieren. Das ist die Denkweise im Ministerium. Und die greift zu kurz. Badelt: Auch auf die Gefahr hin, wieder als Epigone von Johannes Hahn verstanden zu werden, möchte ich festhalten: Ich glaube schon, dass der Minister eine Vision von Bildung verfolgt, auch wenn ich diese Vision nicht vollständig teile. Er möchte ja das Studium beim Bachelor weiter verschulen und erst beim Master weiter vertiefen. Schmid: Auch ich möchte dem Minister eine gewisse Vision nicht absprechen, nur für viele Studenten handelt es sich da um eine Horrorvision. Die Art und Weise, wie er den Bologna-Prozess umsetzt, macht die Universitäten zu Erfüllungsgehilfen privatwirtschaftlicher Interessen. Badelt: Ich kann ihre Sorgen teilweise nachvollziehen. Aber als Rektor der WU kann ich mich der Forderung „Bildung statt Ausbildung“ nicht anschließen. 90 Prozent meiner Studierenden wollen einen guten Job, und den möchte ich ihnen ermöglichen. Nehmen wir an, die Regierung würde eine Bildungsmilliarde anbieten. Ribolits: Das wäre ein Anfang. Es würde allerdings den grundsätzlichen Charakter der Bewegung im Audimax ziemlich beschneiden. Denn die großen Probleme, wie die zunehmende Ökonomisierung und Verschulung der Unis, würden wieder nicht gelöst. Freie Wahlfächer wurden mit dem Bologna-Prozess praktisch abgeschafft. Die Möglichkeit einer individuellen Studiengestaltung hat stark abgenommen. Begrüßen Sie das? Badelt: Es ist der Preis, den man zahlt, wenn Studierende nach drei Jahren mit einem Bachelortitel erfolgreich in den Arbeitsmarkt können sollen. Julian Schmid, Sie sind vom Bologna-System selbst auch betroffen, Sie sind Bachelorstudent. Schmid: Ich studiere Politikwissenschaften auf der Hauptuniversität und wollte auf der WU das Fach Sozialpolitik belegen. Selbst dieses Fach konnte ich mir aber nicht anrechnen lassen. Genau darin liegt das Problem: Das Bologna-System, das die Europäisierung und Flexibilisierung der Hochschulen verspricht, ist eine Mär. Man kann nicht einmal innerhalb derselben Stadt flexibel zwischen den Instituten wählen. Badelt: Aber das ist nicht die Schuld von Bologna. Schmid: Stimmt. Man könnte das Bologna-System ja grundsätzlich begrüßen, aber die Art der Umsetzung macht das Studieren in vielen Fächern nicht mehr möglich. Badelt: Da gibt es in der Tat Probleme. Das muss künftig viel flexibler gehandhabt werden können. Herr Badelt, wie soll die Universität in zehn Jahren aussehen? Dieses Streitgespräch ist im Falter 45/09 erschienen. Moderation gemeinsam mit Martin Gantner. Fotos: Heribert Corn & Daniel Novotny Sie wünschen sich also eine Uni, die im internationalen Wettbewerb bestehen kann? Badelt: Natürlich. Maurer: Auch wir wollen gute Wissenschaft, die internationalen Rankings arbeiten aber mit fragwürdigen Kriterien. Nur weil eine Universität in den letzten Jahren ein paar Nobelpreisträger hervorgebracht hat, ist sie noch lange nicht die beste Uni der Welt. Der Fokus muss der sein, dass wir so vielen Menschen wie möglich den Zugang zur Bildung ermöglichen und dass auch soziale Durchlässigkeit gegeben ist. In den letzten zwei Wochen ist der Eindruck entstanden, dass die ÖH zu einem Zaungast dieser Bewegung degradiert wurde. Schmid: Hier wird von Politik und Medien der Versuch unternommen, ÖH und Audimax-Plenum auseinanderzudividieren. Wir haben im Plenum beschlossen, dass genau das nicht passieren soll. Aber die ÖH vertritt das Plenum nicht. Maurer: Nein. Wir als ÖH sind schließlich dazu da, 250.000 Studierende in ganz Österreich zu vertreten. Aber warum konnte die Hochschülerschaft nicht selbst so einen Protest aufstellen, wie das im Audimax klappte. Maurer: Das Spannende an diesem Protest ist, dass er wie ein Netzwerk ohne Führung funktioniert, und das hält ihn am Leben. Ribolits: Es gab in der Vergangenheit ja bereits ähnliche Besetzungen. Denken Sie an jene in Hainburg. Eine spontane Bewegung, die im Übrigen dadurch umgebracht wurde, dass man sie an den Verhandlungstisch geholt hat. Ich finde die gegenwärtige Konstellation daher durchaus sinnvoll. Auf der einen Seite die politisch legitimierte ÖH, auf der anderen Seite die soziale Bewegung, die wir im Audimax erleben. Letztere können ganz andere Forderungen stellen. Wie soll der Konflikt dann aber gelöst werden? Maurer: Wer sagt, dass dieser Konflikt gelöst werden muss? Der Protest soll schließlich der Beginn eines längeren Prozesses sein. Schmid: Dem stimme ich zu. Wir fordern nichts weniger als einen fundamentalen Wechsel in der Bildungspolitik. Und bis das erreicht ist, bleiben wir im Audimax. Das ist mehr als nur eine PartyWednesday, October 28. 2009
Diese Studentengeneration will studieren, darf es aber nicht. Deswegen steigt sie nun auf die Barrikaden
![]() Kein Politiker, kein Journalist, kein Rektor hatte es kommen sehen. Vergangenen Donnerstag besetzten hunderte Studierende das Audimax, halten dort seither die Stellung und fordern mehr Geld sowie ein Umdenken von ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn. Ihre Schmerzgrenze wurde erreicht, deshalb revoltieren die Studenten und Studentinnen nun. Seit Jahren haben sich die Zustände an den heimischen Universitäten zusehends verschlechtert, der Streit um die Studiengebühren ist längst nicht mehr Hauptthema. Unabhängig davon wurden die Hörsäle voller, die Seminarplätze umkämpfter. Saßen in den 90er-Jahren 20 Studierende in einem Seminar, sind es heute oft 60 bis 80. Hinzu kommt, dass mit 1. Oktober das novellierte Universitätsgesetz (UG) in Kraft trat. Es schränkt die Rechte der Studenten ein. Die Universitäten, die viele noch in Erinnerung haben, gibt es nicht mehr. Heute müssen die Studienanfänger in vielen Fächern eine Eingangsphase bestehen, ehe sie weiterstudieren dürfen. Selbst die Bewegungsfreiheit jener, die erfolgreich strebern, ist eingeschränkt. Ein Beispiel dafür sind die freien Wahlfächer. Diese wurden eingeführt, damit angehende Akademiker Schwerpunkte in ihrer Bildung setzen und sich vertiefen können. Doch für Bachelorstudenten gibt es keine Wahlfächer mehr, nur "Erweiterungscurricula" - das sind vorgeschnürte Pakete, die ihre Auswahl einengen. "In den drei Semestern, in denen ich studiere, hat sich mein Studium massiv verändert", klagt Julian Schmid, 20, der Politikwissenschaft und VWL belegt. "Aus einem spannenden Studium, in dem ich mich vertiefen konnte, wurde ein verschultes System." Zwei Seminare, die er zuletzt besuchte, werden ihm nun nicht angerechnet. Es ist der Frust über solche Erlebnisse und die Angst um die eigene Zukunft, die die Studierenden nun ins Audimax treibt. Wer heute ein Bachelorstudium absolviert, fürchtet oftmals, keinen Platz im gewünschten Masterstudium zu bekommen. So geht es etwa der 20-jährigen Sara Scheiflinger, die Volkswirtschaftslehre an der Hauptuni studiert. "Danach möchte ich Sozioökonomie belegen. Aber ich bin unsicher, ob ich einen Platz bekomme", sagt sie. Seit diesem Semester dürfen die Universitäten qualitative Zugangsbeschränkungen für den Master auswählen. Oft geht es um ein oder zwei absolvierte Vorlesungen, die entscheiden, ob jemand Platz im Wunschstudium erhält. Zugangsbeschränkungen, weniger Wahlfreiheiten, überfüllte Lehrveranstaltungen. Junge Menschen wollen studieren, dürfen das aber nicht - oder nur begrenzt. "Die Lage muss unerträglich sein, wenn selbst die Studierenden mit ihrer hohen Anpassungsbereitschaft rebellieren", sagt Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. Er glaubt nicht, dass die Jungen von einem Tag auf den anderen politischer wurden, sondern dass ihnen die Zustände keine Wahl mehr lassen. Sie steigen auf die Barrikaden, weil sie in einem überlasteten System stecken. Wo bleibt die Diskussion dazu? In Deutschland hat die schwarz-gelbe Koalition gleich zum Antritt angekündigt, die Bildungs- und Forschungsausgaben in den nächsten vier Jahren um insgesamt zwölf Milliarden Euro zu erhöhen. Hierzulande hingegen gibt es nur Lippenbekenntnisse, Sorgen der Studenten werden derzeit ignoriert, teils wird ihr Protest sogar als Party diffamiert. Dabei sollte man den Frust der Studierenden nicht unterschätzen. Das zeigt allein die Tatsache, dass keine große Studentenorganisation wie die Hochschülerschaft hinter dem Protest steckt. Es waren einzelne Studierende, die sich kurzerhand zusammenschlossen und das Audimax besetzten. Sara Scheiflinger und Julian Schmid gehören dazu. Sie waren von Beginn an dabei, haben Flugzettel verteilt und gemerkt, wie groß das Interesse ist. "Die Leute kamen und fragten, ob sie selbst auch Flyer verteilen können", sagt Scheiflinger. Und Schmid fügt hinzu: "Normalerweise ist es so, dass hundert Flyer einen Menschen erreichen. Aber in diesem Fall erreichte ein Flyer hundert Menschen." Dieser Artikel ist im Falter 44/09 erschienen. Das obige Foto zeigt das Audimax am Tag 1 der Besetzung / Credit: Bernhard Riedmann
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