Geld macht schnellWednesday, September 1. 2010
Mit einem Vorschlag an die amerikanische Gesetzgebung greifen Google und Verizon unsere Bewegungsfreiheit im Internet an
Auf den ersten Blick wirkt das alles gar nicht so gefährlich. Das Dokument hat nur zwei Seiten, spricht von einem „offenen Internet“, von „Anti-Diskriminierung“ und von „Transparenz“. Verfasst wurde es von Google, der mächtigsten Marke im Web, und Verizon, einem der wichtigsten US-Telekomunternehmen.Doch es könnte der erste Schritt zu einem Zweiklasseninternet sein. Einem Internet der großen Konzerne, die bestimmen, auf welche Daten die Kunden zugreifen dürfen und wofür Zusatzgebühren verlangt werden. 3D-Videodienste? Nur für Premiumkunden! YouTube am Handy? Das erlaubt Ihr Vertrag nicht! So könnte die Zukunft im Netz aussehen, zumindest verspricht das Dokument von Google und Verizon nichts Gutes. Denn es greift einen Grundpfeiler des Internet an: die Netzneutralität. „Netzneutralität“ ist schon wieder so ein spröder Begriff, hinter dem sich aber ein wichtiger Gedanke verbirgt: Alle Daten sind gleich, die Internetanbieter sollen keine Informationen verlangsamen oder blockieren dürfen. Auch sollen sie keine Zusatzgebühren verlangen dürfen, um auf gewisse Daten zugreifen zu können. Das könnte sich ändern. Google und Verizon betonen zwar, dass alle Daten gleich behandelt würden. Doch dann machen sie Ausnahmen. So sollen „zusätzliche Onlinedienste“ nicht unter die Netzneutralität fallen. Damit könnten etwa tolle neue Videodienste gemeint sein, die der gemeine Internetuser in Zukunft nicht aufrufen darf. Denkbar sind zum Beispiel Opernaufführungen in 3D, die nur für Premiumkunden zu sehen sind. Auch beim mobilen Internet soll die Neutralität fallen. Ein mögliches Szenario: Mobilfunkanbieter könnten künftig YouTube am Handy sperren, der Dienst frisst viele Daten. Die Gefahr ist also ein Zweiklasseninternet. Premiumkunden bekommen superschnelle Leitungen, der Rest darf weiterhin E-Mails schicken und Wikipedia anklicken. Die Firmen rechtfertigen das mit ihren Kosten. Jahr für Jahr konsumieren wir mehr Daten, telefonieren online oder schauen uns Videostreams an. Ständig müssen die Leitungen ausgebaut, das Internet schneller werden. Deswegen fordern Internetprovider: Wer mehr konsumiert, soll mehr zahlen. Es geht aber nicht nur um Kostenfairness, sondern auch um neue Geschäftsfelder. Es ist kein Zufall, dass Google und Verizon von der Netzneutralität ausgerechnet am Handy nichts wissen wollen. Das ist einer der größten Zukunftsmärkte. Immer mehr Menschen kaufen ein Smartphone und nutzen das Internet von unterwegs. Da ließen sich alle möglichen Zusatztarife einführen. Das Internet war bisher ein Motor der Innovation. Ohne Netzneutralität wäre dieser Entwicklergeist gefährdet. Für Startups könnten zusätzliche Kosten anfallen. Vielleicht wäre ohne Netzneutralität Skype nie erfolgreich gewesen. Dieser Dienst ermöglicht es Internetusern, billig oder gratis über das Netz zu telefonieren. Hätte sich Skype durchsetzen können, wenn die Kunden oder Skype dafür eine extra Gebühr zahlen hätten müssen? Mehr Kosten für den Konsumenten, eine Zweiklassengesellschaft im Netz, größere Hürden für Innovation. Das sind nicht die einzigen Gefahren, die der Vorschlag von Google und Verizon in sich birgt. Da geht es auch um die Frage, ob die Telekomfirmen überhaupt so eine Macht über das Internet haben sollen. Der Vorschlag von Google und Verizon hat bisher keinerlei Auswirkung auf Konsumenten, er ist nicht bindend, er soll aber die amerikanischen Gesetzgeber beeinflussen. Google und Verizon wollen den Kongress dazu anregen, das Internet nach ihren Vorstellungen umzugestalten. Jetzt ist der Aufschrei groß – vollkommen zu Recht. Denn die Netzneutralität gibt es aus einem guten Grund. Und es ist schon gar nicht Aufgabe der Internetprovider, die Rahmenbedingungen für unsere Bewegungsfreiheit im Netz vorzugeben. Das ist das Bedenklichste am Vorschlag von Google und Verizon: dass er Google und Co plötzlich zu unseren Aufpassern im Web machen würde. Dieser Artikel ist im Falter 33/10 erschienen. Bild: Flickr-User Ana Patrícia Almeida Michelle Obama hätte bei uns keine ChanceSunday, August 8. 2010
Wie werden unsere Unis besser? Wer soll dafür zahlen? Ein Streitgespräch zwischen Rektor Georg Winckler, ÖH-Chefin Sigrid Maurer und dem deutschen Uni-Reformer Sascha Spoun
![]() Lauter hätte der Aufschrei der Studenten kaum sein können, trotzdem hat der Protest nichts geändert. Der groß angekündigte Hochschuldialog verdient diesen Namen nicht einmal eine Vision für die Bildungspolitik fehlt. Zum Ende des Semesters lud der Falter zur Debatte, wie sich die Unis verändern müssten. Darüber diskutierten Rektor Georg Winckler von der Uni Wien, ÖH-Chefin Sigrid Maurer und Sascha Spoun, Präsident der Leuphana Universität in Lüneburg einer kleinen, ambitionierten Hochschule in Norddeutschland, die sich deutlich von den Massenuniversitäten abhebt: mit einem stärkeren Fokus auf Allgemeinbildung, besseren Betreuungsverhältnissen, aber auch strengen Auswahlverfahren. Falter: Viele Akademiker finden keinen angemessenen Arbeitsplatz. Müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass ein Studium eine Jobgarantie ist? Sascha Spoun: Ein Uni-Studium ist doch nicht nur Berufsvorbereitung oder gar Jobgarantie. Es ist eine Lebensphase, in der man sich persönlich entwickelt und auf das Leben vorbereitet. Aber einen fixen Job sollte man sich nicht erwarten? Spoun: Selbstverständlich sollte man erwarten, dass man eine berufliche Tätigkeit ausüben kann. Aber wir werden zunehmend wegkommen von lebenslangen Arbeitsverhältnissen, bei denen man nach dem Diplom in eine Organisation eintritt und diese als Pensionist wieder verlässt. Wie muss sich die Uni dafür verändern? Spoun: Sie muss sich dieser Unsicherheit stärker stellen und den Studierenden ein breites Fundamt bieten, sozusagen eine Basis für lebenslanges Lernen. Georg Winckler: Da zeigen auch eine Reihe von Untersuchungen, dass Allgemeinbildung Studierende besser auf das Berufsleben vorbereitet als eine zu spezialisierte, professionalisierte Ausbildung. Die sogenannte General Education befähigt Menschen eher, dem technischen Wandel positiv gegenüberzustehen. Die Uni-Reform ging in eine andere Richtung. Das Bachelorstudium wird dafür kritisiert, dass es zu sehr Berufsausbildung ist. Winckler: Ja. Die Debatte um die sogenannte Employability des Bachelors führte dazu, dass in einer Reihe von Ländern die Studienpläne zu fachspezifisch angelegt wurden. Besser wäre gewesen, wir hätten mehr auf Grundlagen gesetzt. Herr Spoun, die Leuphana Universität ist das Gegenmodell. Sie haben einen generellen Bachelor für Ihre Studenten eingeführt. Spoun: Wir haben uns 2006 überlegt, welche Funktion der Bachelor übernehmen soll. Uns geht es um grundsätzliche methodische Zugänge und um Denkkategorien, um Bildung durch Wissenschaft. Der Bachelor soll die Voraussetzung schaffen, dass Akademikerinnen und Akademiker systematisch an Themen herangehen können. Natürlich sorgen wir zusätzlich für eine solide fachliche Qualifikation. Sigrid Maurer: Das entspricht in Wirklichkeit wieder dem Employability-Gedanken. Die Fächer, die studiert werden, zielen wieder auf Berufsfähigkeit ab. Ist Berufsvorbereitung denn so schlimm? Maurer: Bestimmte Ausbildungszüge sind sehr wohl auch Aufgabe der Universität. Entscheidend ist aber, wie mit dieser Praxis umgegangen wird, ob diese kritisch reflektiert wird. Eine Anmerkung zum Humanismusideal: Dieses bürgerliche Bildungsideal ist nur für bestimmte Leute zugänglich. In Österreich und Deutschland haben wir das Problem, dass das Schulsystem die Leute schon lange vor der Matura ausspuckt. Winckler: Meine Kritik am hiesigen System ist auch, dass Randgruppen nicht genügend Chancen auf Allgemeinbildung bekommen. Nehmen Sie Michelle Obama, die Frau des US-Präsidenten. Sie kommt aus einer unteren Einkommensschicht, ist Afroamerikanerin und weiblich trotzdem hat sie es geschafft, an der Elite-Universität Princeton den Bachelor zu machen. In der Uni-Debatte schauen wir immer nach Amerika. Was machen die Amis besser? Spoun: Zum einen hat das amerikanische Hochschulsystem davon profitiert, dass während des Nationalsozialismus viele Wissenschaftler aus Europa emigrieren mussten. Die humanistische Universitätsidee konnte sich entfalten, aus meiner Sicht bis heute eine wesentliche Grundlage für Spitzenleistung in Forschung und Lehre. Zweitens öffneten sich die amerikanischen Hochschulen viel früher gegenüber allen Schichten. Unser System ist eben nicht so inklusiv wie das amerikanische. Wir müssten mehr Bildungschancen schaffen. Maurer: Das ist eine Glorifizierung der amerikanischen Universitäten. Es gibt halt ein paar Universitäten, die hervorstechen. Verschwiegen wird aber, dass 90 Prozent der Unis diesem Ideal nicht entsprechen. Dort ist die Qualität teilweise nicht mit dem Niveau unserer Hochschulen vergleichbar. Winckler: Insgesamt sind die Amerikaner aber viel innovationsfreudiger als wir. Sie geben einen größeren Anteil ihres Bruttoinlandprodukts für die Hochschulbildung aus. Bei uns sind es 1,3, dort 2,7 Prozent. Die Amerikaner investieren also mehr als doppelt so viel. Die amerikanischen Unis werden aber auch viel mehr von privater Hand finanziert. Winckler: Der Anteil der öffentlichen Mittel ist dort trotzdem höher als in Österreich. Spoun: Wesentlich ist, welche Anstrengungen eine Gesellschaft für Bildung unternimmt. Ob die Mittel direkt von Privaten kommen oder indirekt über Steuern, spielt am Ende keine Rolle. Maurer: Oh doch. Spoun: Nein. Im Kern geht es darum, dass wir insgesamt stärker auf Innovation setzen müssen. Auch private Stifter könnten eine größere Rolle spielen. Winckler: Wir müssen aber auch auf die Unterschiede zwischen den Ländern achten. Durch ein Studium können Sie in den Vereinigten Staaten oder England Ihr Lebenseinkommen verdoppeln. Dafür, dass Sie das Doppelte verdienen, sind Sie auch bereit, Studienbeiträge zu bezahlen. In Skandinavien hingegen wird man das nicht verlangen können. Durch ein Lehramtsstudium steigt dort Ihr Einkommen vielleicht um zehn oder 20 Prozent. Wenn das auch noch stark besteuert wird, sind Sie nicht bereit, Studienbeiträge zu zahlen. Aus guten Gründen gibt es deswegen in Skandinavien keine Studienbeiträge, in Amerika und England aber sehr wohl. Das ist ein Reflex auf die Einkommens- und Steuersituation. Ihr Kollege Hans Sünkel, Rektor der TU Graz, fordert Studiengebühren. Sie auch? Winckler: Wenn ich mir das Einkommen von österreichischen Ärzten oder Rechtsanwälten anschaue, halte ich einen Mittelweg zwischen Amerika und Skandinavien für angebracht. Also niedrige Studiengebühren? Winckler: Niedrige Studienbeiträge sind angesichts unserer Einkommenssituation gerechtfertigt. Der Frau Maurer stellen sich schon die Nackenhaare auf. Maurer: Sie sprechen dauernd von gesellschaftlicher Verantwortung und davon, dass die Gesellschaft zu wenig in Bildung investiert. Die Studiengebühren sind ein gutes Beispiel dafür. Die Gesellschaft profitiert, wenn viele Leute studieren. Winckler: Aber der Einzelne profitiert auch. Maurer: Die Umverteilung muss aber den umgekehrten Weg gehen. Nicht ich zahle jetzt als Studentin, wo ich echt keine Kohle habe, Studiengebühren, in der Hoffnung, dass ich später irgendwann einmal reich werde. Umgekehrt: Leute, die jetzt über Geld verfügen, sollen Steuern zahlen und einen Anteil ihres Geldes wieder in Bildung investieren. Winckler: Ich sage selbst auch: Je progressiver das Steuersystem ist und je geringer die Einkommensunterschiede für Akademiker sind, umso eher sollte man auf Studienbeiträge verzichten. Doch wie sieht die Realität in Österreich aus? Bei einer Reihe von Studienrichtungen ist die private Ertragsrate sehr hoch. Gerade die Kinder des Mittelstands und der Beamten haben eine sehr hohe Beteiligungsrate am Uni-System und profitieren davon. Deswegen habe ich auf Frau Obama verwiesen. In Amerika haben Sie ein entsprechendes Stipendiensystem, um Bildungschancen zu gewähren. Ich wünsche mir nur eine ideologiefreie Debatte darüber, bei der es nicht immer heißt: Studiengebühren darf es keine geben. Während der Uni-Proteste meinte Rektor Badelt sogar, dass eine Bildungsmilliarde fehle. Ist das korrekt? Winckler: Um ein reichhaltigeres Studienangebot zu erzeugen, brauchen wir sicherlich eine Milliarde. Wir benötigen eine breitere Hochschullandschaft in Österreich, mehr Ausdifferenzierung, die Fachhochschulen sind ein Ansatz. Dafür muss es mehr Geld geben auch um an der Spitze in Europa wahrgenommen zu werden. Wohin soll das Geld fließen? Winckler: Einerseits in die Studienplatzfinanzierung. Andererseits in die Programme des Wissenschaftsfonds FWF. Wir brauchen mehr Breite und mehr Spitze. Stattdessen sinkt das Uni-Budget. Was bedeutet das für die Uni Wien? Winckler: Das kann ich noch nicht sagen. Wir hatten erst ein belangloses Gespräch mit dem Ministerium, bei dem uns folgender Sinnspruch mitgegeben wurde: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Heißt das, wir erleben gerade die guten Zeiten? Winckler: Was das konkret heißt, muss die Politik im Herbst klarer kommunizieren. Das Audimax war wochenlang besetzt. Hat man nichts aus dem Uni-Protest gelernt? Winckler: Es ist offenbar nicht gelungen, den Protest mit Inhalten zu versehen, die auch breit in der Gesellschaft ankommen. Es gab wohl zwei Fehlerquellen: Die Adressanten waren mit ihrer Botschaft nicht präzise genug, und Österreich ist eben nicht wissenschafts- und innovationsfreundlich. Wie haben Sie das in Deutschland wahrgenommen, Herr Spoun? Der Protest erreichte auch Ihre Universität, an der ein Hörsaal besetzt wurde. Spoun: Im Kern sorgen sich die Studierenden um die Zukunft. Sie sagen: Wenn uns eine intensive Bildung vorenthalten wird, haben wir keine Chance auf Erfolg. Existenzängste führten also zum Protest? Maurer: Das sehe ich anders. Der Hintergrund ist der steigende Leistungsdruck auf junge Menschen. Aber die Jungen haben es satt. Irgendwann in ihrem Leben möchten sie auch etwas machen können, wofür sie sich interessieren ohne Blick auf mögliche berufliche Chancen. Sie werden aber in diese Existenzangst hineingetrieben. Ich habe das Gefühl, dass man heutzutage schon in der Volksschule Bewerbungsgespräche trainiert. Winckler: Noch bevor sie schreiben und rechnen können? Maurer: Dieser Eindruck entsteht. Du musst schauen, dass du möglichst viele Skills hast, dass du dich immer perfekt präsentieren kannst. Ständig wird diese Angst genährt, man könnte eine Chance versäumen. Die Proteste sind nicht Ausdruck einer Existenzangst, sondern Widerstand gegen diesen massiven Druck. Bilden Sie junge Menschen aus, damit Sie sich perfekt der Leistungsgesellschaft unterwerfen können, Herr Spoun? Spoun: Nein. Ich kann die Kommilitonin sehr gut verstehen. Es ist nicht motivierend, von der Volksschule bis zur Uni nur Vorgegebenes aufzugreifen. Dieser vermeintliche Druck aus der Gesellschaft, dass man hier noch einen Kurs und dort noch eine Wettbewerbsvorbereitung machen muss, führt zu einer Unselbstständigkeit, die einer freien und innovativen Gesellschaft widerspricht. Maurer: Dabei lässt doch gerade Ihre Universität bevorzugt Leute zum Studium zu, die soziales Engagement zeigen, auch wenn sie einen schlechten Notendurchschnitt hatten. Das zeigt, wie der Leistungsdruck immer mehr Facetten unseres Lebens erfasst. Nicht nur mehr Noten spielen eine Rolle, sondern auch das soziale Engagement oder dass man nebenbei ein Musikinstrument gelernt hat. Spoun: Wir möchten engagierte und motivierte Studierende gewinnen. Die Maturanote allein ist kein geeigneter Indikator. Winckler: Das würde ich unterstreichen. Man kann von jungen Menschen sicherlich verlangen, dass sie ihr Leben aktiv gestalten wollen. Ein Instrument zu beherrschen zeugt von Interesse, etwas auszuprobieren. Maurer: Aber Herr Winckler, ob ich ein Instrument spielen kann, hängt massiv von der sozialen Herkunft ab. Man muss auch die Menschen einbeziehen, die ohne akademischen Habitus aufgewachsen sind, die von ihren Eltern keine Geige bekommen haben oder sich die Zeit für soziales Engagement nicht leisten konnten. An der Leuphana Universität gibt es ein Aufnahmeverfahren, die Studierendenzahlen wurden gesenkt. Läuft es in Österreich auch darauf hinaus? Winckler: Noch einmal: Wir brauchen ein breites, reichhaltiges Studienangebot. Aber gleichzeitig kann es nicht sein, dass wir in manchen Studienrichtungen total überlaufen sind. Soll künftig festgeschrieben werden, in welchem Fach es wie viele Studienplätze gibt? Winckler: Ja. Auch im skandinavischen oder angloamerikanischen System gibt es insgesamt ausreichend Studienplätze und eine Differenzierung im Hochschulsektor. Gleichzeitig darf dort auch nicht jeder Medizin studieren. Das ist ein sehr teures Studium, und es kann nicht beliebig viele Studierende geben. Maurer: Sie widersprechen sich doch selbst. Auf der einen Seite sollen die Studierenden motiviert und mit Begeisterung studieren, auf der anderen Seite dürfen sie nicht das machen, was sie wollen. Bei dieser Debatte ist die Leuphana Universität ein spannendes Beispiel: Sie haben die Zahl der Studienplätze drastisch gesenkt, von 10.000 auf 7000 Studierende. Winckler: Das ist wohl jene Kapazität, um ein gutes Betreuungsverhältnis zu haben. Spoun: Genau. Wir haben uns angesehen, welche Voraussetzungen wir für ein gutes Studium brauchen. Das Betreuungsverhältnis ist wesentlich für die Zufriedenheit und den Erfolg der jungen Menschen, die sich einer Universität anvertrauen. Herr Winckler, würden Sie die Studienplätze an der Uni Wien auch gerne um ein Viertel senken? Winckler: Sagen wir so: Wir müssen schauen, welche Kapazität diese Universität hat. In einigen naturwissenschaftlichen Fächern könnten wir auch mehr Studierende aufnehmen. Aber in den Sozialwissenschaften sind wir wirklich an der Grenze. Die Leuphana hat insgesamt 7500 Studienplätze, so viele sind bei uns alleine in der Publizistik. Da bräuchte ich eine eigene Universität nur für die Publizisten. ------- Hochschuldialog Das letzte Überbleibsel des Unistreiks war der Hochschuldialog, Rektoren, Audimaxisten und ÖH hatten die Diskussion vorzeitig verlassen. Nun präsentierte Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) den Endbericht. Bei den wirklichen Streitpunkten gab es keine Einigung ------- Diskussionsteilnehmer Sascha Spoun wurde 2006 Präsident der Universität Lüneburg und damals zum jüngsten Chef einer staatlichen deutschen Uni. Der 41-Jährige reformierte die Leuphana Universität, das Bachelorstudium bietet eine breite, grundlagenorientierte Ausbildung. Gleichzeitig wurde die Studentenzahl gesenkt Sigrid Maurer ist Vorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH). Die 25-jährige Tirolerin studiert Politikwissenschaft und gehört den Grünen und Alternativen StudentInnen an Georg Winckler ist seit 1999 Rektor der Uni Wien. Der 66-jährige Wirtschaftswissenschaftler leitete von 2005 bis 2009 auch die europäische Universitätenkonferenz ------- Veranstaltung Sascha Spoun war im Rahmen der Friday Lectures zu Gast in Wien. Die Vorlesungsreihe des Center for Teaching and Learning der Uni Wien beschäftigt sich mit der Bologna-Reform und geht im Herbst weiter. Infos: http://ctl.univie.ac.at/ Dieses Streitgespräch ist im Falter 27/10 erschienen. Foto: Heribert Corn Fast wie bei James Bond: Das Obama-HandyWednesday, January 28. 2009 Barack Obama ist für Journalisten so sexy wie Tokio-Hotel-Bill für Elfjährige. Egal, ob es um die Nachmittagsjause im Weißen Haus oder das Haustier des Präsidenten geht – was sich nur irgendwie obamaesk anhört, ist schon eine Schlagzeile. Das trifft auch auf das First Handy zu. Vor der Inauguration wurde berichtet, dass Obama auf seinen BlackBerry verzichten muss. Jetzt drückt der Secret Service doch ein Auge zu und lässt den Internetjunkie Mails per Handy verschicken. Das Gerücht geht um, dass Obama keinen handelsüblichen BlackBerry mehr verwendet, sondern ein Hochsicherheitsmobiltelefon. Genannt „Sectéra Edge“. Dieses Multimediagerät kann auf Knopfdruck Anrufe verschlüsseln und abhörsicher machen. Es wurde von der National Security Agency und dem Rüstungskonzern General Dynamics entwickelt, könnte aber genauso gut aus einem James-Bond-Film stammen. Kostenpunkt: 3350 Dollar. Na gut. Man muss schon sagen: Allein Obamas Handy hat mehr Sexappeal als alle acht Jahre George W. Bush zusammen.Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 05/09 veröffentlicht. Das obige Foto zeigt das "Sectéra Edge" im Einsatz. Credit: General Dynamics Produktseite Was Barack Obama von Ernst Strasser lernen kannWednesday, November 19. 2008Diese Glosse wurde im Falter 47/08 veröffentlicht. Foto: Erica Joy. Barack Obama wurde im Internet zum Popstar. Seine Kampagne zeigt, wie das Web die Politik verändertMonday, November 17. 2008 Es ist verdammt schwierig, dem Obama-Hype zu entgehen. Er ist ein brillanter Redner, ein Symbol für Gleichberechtigung und die heiß ersehnte Antwort auf George W. Bush. Aber die Euphorie, mit der Barack Obamas Wahl verfolgt wurde, hängt nicht nur mit der Strahlkraft des Kandidaten zusammen. Das „Yes, we can“-Gefühl wurde schon früh im Internet forciert.Bereits im März 2007 machte ein YouTube-Video die Runde, das die demokratische Senatorin Hillary Clinton als bösen Big Brother zeigte – eine Adaption des berühmten 1984-Werbeclips von Apple. Als das Video in die Schlagzeilen kam, war Obama ein Außenseiter. Doch immer öfter sorgten seine Anhänger für Aufsehen. Da räkelte sich das Obama-Girl vor der Kamera für ihren Wunschkandidaten, und der Musiker will.i.am huldigte ihm mit dem Video „Yes We Can“. Der Clip wurde mehr als 15 Millionen Mal auf YouTube angesehen. Obama hat heute auf der Freundschaftsseite Facebook mehr als drei Millionen Fans. Dass er zum Liebling der Community wurde, ist kein Zufall. Wie kein anderer Kandidat hat er seinen Wahlkampf online orchestriert. Das Herzstück seiner Kampagne ist die Webseite http://my.barackobama.com, auch MyBO genannt. Sie ist eine Social-Networking-Seite ähnlich wie Facebook oder MySpace. Hier können sich User anmelden, ein Profil erstellen und Gleichgesinnte treffen. MyBo ist aber mehr als eine Freundschaftsseite für Demokraten – es ist ein ausgeklügeltes Marketingtool. Denn wer dort einmal seine Informationen hinterlässt, landet in der Datenbank des Wahlkampfteams. Wenn dieses nach Anhängern in Pennsylvania, North Carolina oder Florida sucht, spuckt MyBO eine Liste von Sympathisanten aus. So konnte der Kandidat sogar in erzrepublikanischen Bundesstaaten Anhänger mobilisieren. Wer etwa in North Carolina zu Hause ist, wurde vom Obama-Team angespornt. Selbst Sympathisanten, die im Westen des Bundesstaates, tief im Gebirge der Appalachen, wohnten, wurden zu Wahlveranstaltungen eingeladen. Dabei wurde ihnen suggeriert: „Es liegt nur an dir, ob Barack Obama Präsident wird. Nimm den Hörer in die Hand, tu etwas!“ Mehr als eine Million User versammelten sich auf MyBO. Der wirkliche Erfolg ist, dass sie tatsächlich aktiv wurden, beispielsweise 200.000 Wahlevents organisierten. Von der Webseite bekamen sie auch die nötigen Tools dafür: Adresslisten und Telefonnummern. Online konnten sie dann eintragen, an wie viele Türen sie geklopft, wie viele Anrufe sie gemacht hatten. Wer sich auf MyBO umschaut, findet Obama-Fans wie Jen Haller oder Amy Helton. Haller kommt aus Seattle, hat 287 Anrufe für Obama gemacht und an 13 Veranstaltungen teilgenommen. Helton kommt aus Las Vegas und hat 25 Anrufe gemacht, 19 Veranstaltungen besucht und zwei Events selbst organisiert. „Ich glaube an Senator Obama in einer Weise, in der ich nie einem anderen Kandidaten geglaubt habe“, schreibt Helton auf ihrem MyBO-Profil. Obama hat sich junge Experten in sein Team geholt, die das richtige Knowhow mitbrachten – darunter Chris Hughes, den 24-jährigen „Facebook“-Mitbegründer. Er weiß, wie man im Web junge Menschen mobilisiert. Springt die Community einmal auf die Kampagne auf, entsteht eine Kettenreaktion: Ein User erstellt ein witziges Onlinevideo, das eine größere Gruppe im Internet findet und ihren Freunden weiterleitet. Und irgendwann hat das Video so viele Clicks, dass auch klassische Fernsehsender davon berichten. Der neue US-Präsident hat vorgeführt, wie viel Potenzial in den neuen Medien steckt. Er hat die vermeintlich politikverdrossene Jugend geholt. Er hat einen Spendenberg aufgebaut, indem er kleine Beträge sammelte. Vieles davon lässt sich auf die österreichische Politik nicht übertragen, weil das Parteiensystem hier ganz anders ist – aber auch weil es hierzulande noch keine vergleichbare Internetcommunity gibt. Das ist eben eine Frage der Zeit. Vor vier Jahren, als John Kerry gegen George W. Bush antrat, gab es auch noch kein einziges Wahlvideo auf YouTube, weil YouTube damals noch nicht erfunden war. Je wichtiger die Netzcommunity wird, desto mehr muss sich die politische Kommunikation wandeln. Obama verspricht nun, seine Web-2.0-Politik auch im Weißen Haus fortzusetzen. Die Webseite http://change.gov soll die Regierungsarbeit transparenter machen und es den Bürgern erleichtern, selbst Vorschläge einzubringen. Für die Parteien bedeutet das in Zukunft auch, dass sie zunehmend zum Getriebenen anstatt zum Akteur werden. Schon jetzt verbrachten die Wahlkampfteams viel Zeit damit, Verschwörungstheorien und Halbwahrheiten aus dem Internet zu drängen. Künftig werden sie noch viel stärker mit neuen Interessenvertretungen und Onlinegruppen zu kämpfen haben, die mit spektakulären YouTube-Videos und Onlinepetitionen Druck ausüben. Es wird spannend werden, ob Barack Obama weiterhin der Liebling der Netzgemeinde bleibt – oder ob der „Web 2.0“-Präsident irgendwann selbst von seiner Community überrollt wird. Auch diese Collage zeugt vom Obama-Hype. Das Bild setzt sich aus vielen kleinen Fotos zusammen, auf denen Menschen ihre Begeisterung für den Politiker zeigen. Sie alle haben ihre Bilder ins Netz gestellt. Der griechische Designer Charis Tsevis hat die Fotos im Web zusammengeklaubt und das Mosaik zusammengesetzt. Mehr Bilder dieser Art finden sich auch in seinem Flickr-Album. Die erwähnten Obama-Videos - Hillary 1984 - Obama-Girl - Yes We Can Dieser Artikel wurde im Falter 46/08 veröffentlicht. CNN, der große Bluff (Digitalia, Woche 46)Friday, November 14. 2008So sah der Hologramm-Schwindel aus: Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter.
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