Wii echter SportThursday, December 10. 2009 Sie versprechen Bewegung, Ausdauertraining und Spaß im eigenen Wohnzimmer. Fitnessspiele boomen derzeit am Videospielmarkt. Was steckt hinter dem Hype?Ronny Kokert steht vor dem Fernseher und flattert mit den Armen. Konzentriert schaut er auf den Bildschirm. Dort ist ein fliegendes Huhn zu sehen. Das Tier flattert mit den Flügeln, genauso wie der großgewachsene Mann seine Arme schwingt. Dann landet es auf einer Plattform. Kokert bekommt 20 Punkte. „Super!“, sagt er. Er hat soeben mit seiner Körperbewegung das virtuelle Geflügel gesteuert und zur sicheren Landung gebracht. Nebenbei hat er ein paar Kalorien dabei verbrannt. Nicht, dass Kokert das nötig hätte. Der Open-Taekwondo-Weltmeister und Erfinder des Shinergy-Trainingskonzepts verbringt auch seine ganze Zeit mit Sport und Fitness. Er beobachtet aber, wie sich ein Hype rund um Videospiele entwickelt hat, die Betätigung, Krafttraining und Kalorienverzehr in den eigenen vier Wänden versprechen. Es sind längst nicht nur Kids, die ihre Eltern in der Weihnachtszeit in die Computerspielabteilung zerren, oder schießfreudige Nerds, die sich den nächsten Ego-Shooter unter dem Christbaum wünschen. Die Videospielbranche hat eine neue Zielgruppe entdeckt: Erwachsene, die sich zu dick oder zu unsportlich fühlen, aber nicht den Weg ins Fitnessstudio oder die Sporthalle finden. Der Boom begann mit „Wii Fit“. Im Vorjahr kam der Titel heraus und wurde zum Kassenschlager. Mehr als 22,5 Millionen Mal verkaufte der Hersteller Nintendo das Spiel bereits, mehr als 50.000 Mal davon in Österreich – für den heimischen Markt ist das äußerst viel. Nun haben die Japaner den Nachfolger des Spiels „Wii Fit Plus“ herausgebracht. Die Konkurrenz will mindestens genauso fit sein und veröffentlicht ein Bewegungsspiel nach dem anderen, sie heißen etwa „EA Sports Active“, „Mein Fitness Coach“ oder „Jillian Michaels Fitness Ultimatum“ und werden allesamt für die Nintendo Wii programmiert. Das ist eine Spielkonsole mit Sensor und Fernsteuerung, die die Bewegungen des Spielers messen kann. Auf diese Weise soll auch kontrolliert werden, ob die Wohnzimmersportler vor dem Fernseher brav mitturnen. Aber kann die Spielkonsole tatsächlich die Bewegung im Freien oder das Fitnesstudio ersetzen? Ronny Kokert leitet selbst ein Trainingszentrum im 8. Bezirk, hat Sportwissenschaften studiert und lehrt dieses Fach auch an der Uni Wien. Er testete für den Falter die Spiele „Wii Fit Plus“ und „EA Sports Active Personal Trainer“. Dass Menschen lieber vor dem Fernseher herumhüpfen, als im Freien joggen zu gehen, ist nichts Neues. Schon in den 70er-Jahren turnte Jane Fonda für Fitnessvideokassetten vor der Kamera, heute tun das computeranimierte Trainer. Am Bildschirm zeigen sie, wie eine Übung gemacht wird, dann ist der User dran. Ronny Kokert stellt sich vor den Fernseher. Vor ihm steht ein weißes Brett. Das sogenannte „Balance Board“ wird mit „Wii Fit Plus“ mitgeliefert und misst Gewicht und Schwerpunkt des Spielers. Das Brett weiß permanent, ob Kokert gerade mit einem Fuß oder zweien daraufsteht und wie er sein Gewicht dabei verteilt. Klingt vielversprechend. Der Sportwissenschaftler startet das bunte Spielmenü und kann nun zwischen Yoga, Krafttraining, Balancespielen und Aerobic wählen. Er probiert Haltungsübungen und Balancespiele aus. Doch schon bald zeigt sich eine Schwachstelle: Das Gerät misst nur einen Teil der Bewegungen, sein Sensor hat blinde Flecken. Das kann dazu führen, dass Menschen falsch oder gar ungesund trainieren. Kokert führt das anhand einer Aufgabe vor. Er legt sich auf den Boden, stellt die Füße aufs Balance Board, so wie der Bildschirm das anordnet. Bei der Übung „Klappmesser“ muss er seinen Oberkörper und Beine hochklappen. Diese Übung beinhaltet aber eine Gefahr: Wer den Schwung aus dem Hohlkreuz holt, belastet die Hüftmuskulatur. Das kann zu Rückenschmerzen führen. „Wenn man diese Übung falsch macht, ist das schlechter, als wenn man sie gar nicht macht“, sagt Kokert. Das Gerät erkennt keinen Unterschied zwischen der gesunden und ungesunden Variante – es lobt den Spieler auch dann, wenn er sich selbst nichts Gutes tut. Ähnliche Probleme zeigen sich beim zweiten getesteten Spiel: „EA Sports Active Personal Trainer“ ist ernster und körperlich anstrengender als „Wii Fit Plus“. Es misst die Bewegung der Spieler vor allem mittels Fernsteuerung, aber auch hier werden manche Bewegungen nicht richtig erkannt. Eine falsche Handhaltung kann dazu führen, dass eine absolvierte Übung gar nicht gezählt wird. Das sind eindeutige technische Schwächen. Die Videospiele können doch noch nicht den menschlichen Fitnesstrainer und seine Aufsicht ersetzen. Selbst wenn sie Namen wie „Fitness Coach“ oder „Personal Trainer“ tragen. Die Games haben eine andere Stärke: Sie sind noch immer Spiele und als solche artverwandt mit Super Mario und Co. Bei „Wii Fit Plus“ gibt es einige Minigames, zum Beispiel jenes mit dem fliegenden Huhn. Es schaut schon sehr wunderlich aus, wenn Ronny Kokert als erwachsener Mann vor dem Fernseher steht und mit den Armen wachelt. Das Spiel macht aber Spaß, plötzlich vergisst man die Kalorien, der spielerische Ehrgeiz setzt ein, so wie bei Super Mario. Kniebeugen, Jogging, Yoga, all das probiert Kokert auf der Wii aus. Am Ende gefällt ihm das Game mit dem Huhn am meisten. „Fitness und Training ist immer so ernst. Hier zeigt sich wieder ein spielerischer Zugang“, sagt er. Dieser Gegensatz zum strengen Fitnessdenken, bei dem man wie ein Roboter 100 Mal ein Gewicht stemmt, sagt dem Sportwissenschaftler zu. In seiner Profession sollte es darum gehen, Menschen wieder Freude an Bewegung zu geben. Vielleicht können Videospiele ein bisschen helfen. Das zeigt auch die Erfahrung des Rehabzentrums in Judendorf-Straßengel. Therapeuten setzen dort gezielt Spiele wie „Wii Fit“ ein. Etwa für Kinder, die halbseitig gelähmt sind und trainieren müssen. Für sie sind die strikten Übungen oft langweilig. Viel spannender ist es hingegen, den Nintendo einzuschalten und zu spielen. Selbst, wenn es sich dabei um Arbeit handelt. ![]() ![]() ![]() Die getesten Games - Wii Fit Plus: für die ganze Familie - EA Sports Active: für Verbissene Dieser Bericht ist im Falter 50/09 erschienen. Fotos: Heribert Corn / Nintendo / Electronic Arts Säbelkampf inmitten der eigenen WohnungWednesday, July 22. 2009
Videospielen mit Bewegung? Das ist das Erfolgskonzept der Nintendo Wii. Ein neues Spiel zeigt, was alles möglich ist
![]() Knöpferldrücken. In der Vergangenheit war das die Haupttätigkeit beim Videospielen. Man saß starr vor dem Bildschirm und hielt den Controller in der Hand, steuerte damit die Spielfigur. Die Zukunft schaut anders aus. Da bewegt sich der Spieler vor der Spielkonsole, und jeder Wimpernschlag, jede Pulserhöhung wird registriert: Ein falscher Handgriff, und der virtuelle Gegner gewinnt. Ein trauriger Gesichtsausdruck, und das Gerät fragt, was los ist. „Bewegungssensitive Eingabegeräte“ nennt sich diese Technologie. Sie ist zum Teil bereits am Markt – und einer der großen Trends in der Videospielbranche. 2006 erschien die Spielkonsole Nintendo Wii. Das Gerät ist mit Sensor und Fernbedienung ausgestattet und kann die Handbewegungen des Spielers messen. Egal ob eine Runde Bowling oder Boxen, plötzlich wird der Gamer zum Akteur. Mehr als 50 Millionen Mal verkaufte sich die Wii bereits. Sie ist derzeit die erfolgreichste Spielkonsole am Markt. Eine große Schwäche hatte die Wii aber bisher. Sie maß nicht immer präzise genug. Manche Handbewegungen interpretierte die Konsole falsch. Dann landete beim virtuellen Tennisspiel plötzlich der Ball unverschuldet im Out, der Spieler ärgerte sich über die unpräzise Technik. Um den Frust der Konsumenten zu verringern, bringt Nintendo nun ein Zubehör für seine Spielkonsole heraus. „Wii MotionPlus“ ist ein kleiner Aufsatz für die Fernsteuerung, mit dem Bewegungen genauer gemessen werden.Ab diesem Freitag ist „Wii MotionPlus“ im Doppelpack mit dem Videospiel „Wii Sports Resort“ im Handel für circa 45 Euro erhältlich. Das mitgelieferte Game ist ein virtuelles Sportressort, bei dem der Spieler zwölf verschiedene athletische Disziplinen ausprobieren kann: Schwertkampf, Wakeboardfahren, Frisbeewerfen, Bogenschießen, Basketball, Tischtennis, Golf, Bowling, Flugsport, Jetboot-, Kanu- und Fahrradfahren. Das Spiel ist besser als sein Vorgänger „Wii Sports“. Es bietet mehr Abwechslung und Spielmodi und macht deswegen länger Spaß. Vor allem sieht man, was mit der Präzision von „Wii MotionPlus“ möglich ist. Beim Tischtennis wirkt die Steuerung realitätsnah, egal ob man den virtuellen Tischtennisball mit der Vor- oder der Rückhand zurückschießt. Auch gibt es neben „Wii Sports Resort“ schon andere Games am Markt, die die Präzision der „Wii MotionPlus“ nutzen können – zum Beispiel „Grand Slam Tennis“ oder „Tiger Woods PGA Tour 10“, bei welchem man vor dem Fernsehapparat golft. Ärgerlich ist dabei, dass die Nintendo-Konsole nicht von vornherein so präzise war und nun der Konsument teures Zubehör kaufen muss, wenn er das volle Spielvergnügen erleben möchte. Für Nintendo wurde es höchste Zeit für diese Nachbesserung. Auch andere Konsolenhersteller erkennen den Trend zu bewegungssensitiven Eingabegeräten und basteln an Konkurrenzprodukten. Microsoft entwickelt das „Project Natal“. Das ist ein Messgerät für die Spielkonsole Xbox 360, mit dem die Bewegungen des gesamten Körpers aufgezeichnet und ins Spiel eingebaut werden können, das inkludiert jeden Schritt, jede Hand- oder Kopfbewegung des Gamers. Das Gerät soll frühestens Ende 2010 am Markt erscheinen. Schon vorher bringt Sony seinen „Playstation Motion Controller“ heraus. Dieser kann per Ultraschall und Licht mit der Playstation 3 kommunizieren und soll jede Handbewegung millimetergenau messen können. Im Frühjahr 2010 wird er im Handel erhältlich sein. Die Zukunft kommt anscheinend früher als gedacht. Dieser Artikel ist im Falter 30/09 erschienen. Bilder: Heribert Corn / www.corn.at Videospiele, ja bitte! Aber ohne Nerd-OutfitWednesday, April 22. 2009![]() Ein Beispiel für eine virtuelle Welt im Film. Der Science-Fiction-Klassiker Tron Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 16/09 veröffentlicht.
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