Jul 192012
 

Ich bin ja eher gutgläubig und gehe meist davon aus, dass neue Technik dem Wohle der Menschheit dient; also Hunger, Armut, Krankheit und so weiter bekämpft. Doch in der Praxis kommen neue Erfindungen oft für das Gegenteil – etwa für Krieg – oder für totale Nebensächlichkeiten zum Einsatz. Das beste Beispiel ist ein Gerät namens Necomimi. Es handelt sich um plüschige Katzenohren, die man auf dem Kopf trägt und die wackeln. Das Besondere daran: Die Ohren bewegen sich je nach Gefühlsregung. Necomimi hat Sensoren eingebaut, kann Gehirnwellen messen und reagiert auf die Stimmung seines Trägers.

Ist man entspannt, hängen die Plüschohren herab. Schenkt man jemandem seine Aufmerksamkeit, stellen sie sich auf. Und bei besonders großem Interesse fangen die Ohren zu wackeln an. Es ist so ziemlich das unnötigste technische Gerät, das mir seit langem untergekommen ist. Aber ich muss gestehen: Ich stelle mir das sehr lustig vor.

 

Promo-Video:

 

Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text erschien in Ausgabe 29/12. Bild: Neurowear

Jul 192012
 

Das kennt jeder: Man muss dringend arbeiten und möchte nur kurz Pause machen. Also schaut man schnell ein Youtube-Video an. Plötzlich ist es 45 Minuten später, und irgendwie ist man auf einer Seite für luxuriöse Hundeaccessoires gelandet. Was mache ich hier? Warum ist es schon so spät? Und wiese verplempere ich meine Zeit mit komischen Hundeartikeln?

Je mehr Stress ich habe, desto mehr verheddere ich mich im Netz und vergeude meine Zeit auf unsinnigen Webseiten. Psychologen nennen das Prokrastination (manche bezeichnen es sogar als “Psychokrankheit“). Statt wichtige Aufgaben zu erledigen, gibt man sich Trivialem hin. Ich bin so talentiert im Prokrastinieren, ich könnte Workshops darüber halten. In meinen Augen ist Prokrastination ein Ventil der modernen Büroarbeiter. Die haben zu viel Stress, zu lange To-do-Listen, sodass sie ganz unbewusst ein wenig Freizeit suchen. Und sei es auch nur ein Stündchen auf Youtube: Es fühlt sich an wie ein Kurzurlaub von der Arbeit.

 

Auch Ellen Degeneres sieht das so:

 

Ein weiterer toller Beitrag zum Thema #Prokrastination:

 

 

Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text erschien in Ausgabe 18/12.

Jul 182012
 

Einst dominierte Nokia den Markt, heute sperrt es die letzte finnische Fabrik zu. Ein Reise ins Finnland nach Nokia

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“Ich muss mir wohl einen neuen Job suchen“, sagt die junge Frau. Sie kauft gerade eine Flasche Rotwein in der Spirituosenhandlung und schaut betrübt drein. Seit gestern weiß Sanna Koponen, die ihren richtigen Namen nicht verraten will, dass sie ab September arbeitslos ist. Nokia streicht 10.000 Stellen in ganz Europa, 3700 Arbeitsplätze davon in Finnland.

Die 26-jährige Finnin mit den rotgefärbten Haaren und dem Piercing in der Augenbraue lebt in der Industriestadt Salo. Hier steht die letzte finnische Nokia-Fabrik. Koponen ist Datenverarbeiterin bei einem Nokia-Zulieferer und indirekt auch vom Personalabbau betroffen. Überrascht hat sie das nicht: “Wir wussten alle, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Aber traurig ist es schon. Ich werde wegziehen müssen. Hier in der Gegend gibt es keine Arbeit.“

Nokia kämpft ums Überleben. Der Konzern hat nur acht Prozent Marktanteil bei den modernen Smartphones. Eine Milliarde Euro Verlust schrieb er allein im ersten Quartal dieses Jahres (Update: Im 2. Quartal 2012 waren es sogar 1,4 Milliarden Euro). Marktführer ist mittlerweile der südkoreanische Konkurrent Samsung. Während Apple zur stilprägenden Marke wurde und Samsung zum erfolgreichsten Verkäufer, wurde aus dem einstigen nordischen Aushängeschild Nokia ein Sanierungsfall, der Finnlands Politik und seine Bevölkerung plagt.

Nokia ist für die Finnen mehr als nur eine große Firma: Das Unternehmen ist fast schon Teil ihrer Identität. Jahrelang sprachen sie voller Stolz über den Weltkonzern aus ihrem 5-Millionen-Einwohner-Land. Im Spitzenjahr 2007 sicherte Nokia mehr als 20.000 Jobs und lieferte 3,2 Prozent des finnischen Bruttoinlandsprodukts.

Doch 2007 brachte Apple auch das iPhone heraus. Bald begann der Abstieg des damaligen Marktführers. Aus Handys wurden Smartphones – kleine Computer, mit denen man in erster Linie gar nicht mehr telefoniert, sondern ins Netz geht. Nokia hat diese Revolution verschlafen. Den Preis zahlen nun auch die Finnen.

Nirgendwo merkt man das so sehr wie in der Kleinstadt Salo, eineinhalb Stunden westlich von Helsinki, wo Nokia seine ersten Handys produzierte und jahrelang für Wohlstand sorgte. Im Zentrum stehen zahlreiche Geschäfte leer. Nur in den Auslagen der Immobilienbüros gibt es viel Angebot: Kleinfamilienhäuser werden reihenweise verscherbelt. Die Menschen ziehen weg.

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Jun 182012
 

Drakonische Strafen, amerikanische Verhältnisse, keine Verhältnismäßigkeit. Jusprofessorin Pamela Samuelson wünscht sich, dass sich Europa gegen Acta wehrt

Sie ist eine der erfahrensten amerikanischen Urheberrechtsexpertinnen, unterrichtet an der prestigeträchtigen University of California, Berkeley Jus und kennt sich auch im europäischen Rechtssystem aus. Mit großem Interesse blickt Pamela Samuelson dieser Tage nach Straßburg, wo das EU-Parlament über Acta diskutiert und bald auch abstimmt. Die Amerikanerin warnt die Europäer vor diesem Handelsabkommen, das in ihren Augen undemokratisch und unausgewogen ist.

Falter: Frau Samuelson, das EU-Parlament diskutiert gerade über das Handelsabkommen Acta. Soll sich Europa dagegen auflehnen?

Pamela Samuelson: Ja, das wäre äußerst wichtig. Die Vertreter der EU-Kommission, die dieses Abkommen mitverhandelt haben, haben das EU-Parlament nicht ausreichend informiert. In einer demokratischen Gesellschaft ist dieser Informationsaustausch mit der Legislative allerdings vorgesehen. Nun hat das EU-Parlament das Recht, das Handelsabkommen Acta abzulehnen, und die Parlamentarier sollten davon Gebrauch machen. Nicht nur, weil die Entstehungsgeschichte problematisch ist, sondern auch, weil es massive inhaltliche Probleme gibt. Hier könnte Europa ein Vorreiter sein und Acta eine Absage erteilen. Das würde es auch anderen Ländern erleichtern, sich dagegen auszusprechen.

Was ist denn inhaltlich so schlimm an dem Dokument?

Samuelson: Die strafrechtlichen Klauseln sind ein großes Problem. Da wird keine klare Grenze zwischen professionellen Fälschern und Konsumenten gezogen, die gegen das Urheberrecht verstoßen. In vielen Ländern sind Urheberrechtsverletzungen zwar illegal, aber sie sind nicht strafbar. Das heißt, man muss vielleicht Schadensersatz leisten, aber nicht ins Gefängnis. Acta verwischt diese Grenze. Es könnte Staaten dazu drängen, Menschen zu kriminalisieren. Junge Leute könnten eine Haftstrafe bekommen, weil sie 1000 Songs illegal runtergeladen haben. Continue reading »

May 282012
 

Ich habe Gadgetstress. Smartphone, Tablet, E-Reader, Laptop. Ich besitze so circa jedes tragbare elektronische Gerät. Das stellt mich regelmäßig vor eine schwierige Entscheidung: Welches Gerät packe ich ein? Welches lasse ich zu Hause? Wenn ich zum Beispiel auf Urlaub fahre, ist das ein echtes Drama: Nehme ich nur das iPad mit oder auch das Lesegerät? Einerseits ist es total blöd, das halbe Handgepäck mit Elektronik vollzustopfen, andererseits vermisse ich vielleicht den Kindle, wenn ich am Strand liege.

Das mag ein Luxusproblem sein. Aber ich finde, in einer wohlhabenden Gesellschaft darf man sich auch mit Luxusproblemchen herumschlagen. Die letztgültige Antwort auf die Gadgetfrage habe ich übrigens noch nicht gefunden. Meistens packe ich alle Geräte ein und nutze dann kaum eines davon. Auch egal – mich beruhigt einfach der Gedanke, dass die Technik in Griffweite im Handgepäck ist. So wie früher der Teddybär.

 

Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter, dieser Text erschien in Ausgabe 20/12. Foto: Flickr-User  Yutaka Tsutano

May 242012
 

Die Piratenpartei hat ein Alkoholproblem. Also nicht die ganze Partei, aber offenbar einzelne Piraten. Jetzt hat die Truppe Lokalverbot im Wiener Beisl Wratschko. Das kann man im Forum der Piraten nachlesen. Der Diskussionsbeitrag heißt “Verbrannte Erde nun auch im Wratschko?“. Es fallen Worte wie “Affen“, “Trunkenbolde“, “Randalierer“, “Misstrauensantrag“, “Mobbing“ und “Alkoholverbot“. Richtig schlau wird man aus den Postings nicht. Es gibt unterschiedliche Versionen, was genau dort passierte. Ein Pirat schreibt jedenfalls: “unfassbar peinlich … mit solchen aktionen schießt man sich bei den mündigen teilen der bevölkerung so dermaßen ins aus.“ Wie Recht er hat! Es ist zum Fremdschämen, wie sich die Piratengegenseitig beflegeln. Aber zumindest eines muss man ihnen zugutehalten: Sie stehen zu ihrer Transparenz und diskutieren wirklich alles öffentlich – selbst wenn sie dabei wie die allergrößten Loser wirken.

 

Update 1: Oh je, ganz so transparent sind die Piraten doch nicht. Denn mittlerweile haben sie den genannten Beitrag gesperrt. Er ist auch mit Registrierung nicht mehr einsehbar.

 

Update 2: Jetzt ist der Beitrag wieder online. Danke Toni Straka für den Hinweis.

 

Diese Kolumne ist im Falter 21/12 erschienen. Logo: Piratenpartei Österreich

May 082012
 

Die Musikerin Clara Luzia lebt davon, ihre Alben zu verkaufen. Der Pirat Patryk Kopaczynski will selbst den Preis für Musik bestimmen. Ein Gespräch über Verlustgeschäfte und den Preis der Gratiskultur im Internet


 

Sie ist eine der erfolgreichsten Musikerinnen Österreichs, und trotzdem kann Clara Luzia von ihrer Kunst nicht leben. Schuld ist in ihren Augen die Gratiskultur – eine Kultur, die die Piraten verteidigen. Patryk Kopaczynski ist einer von ihnen, sitzt im Bundesvorstand der Piratenpartei, die 2013 in den Nationalrat einziehen will. Doch welche Konzepte haben die Piraten? Wie realistisch sind ihre Lösungen für den Musikmarkt?

Musikerin und Pirat haben sich zusammengesetzt – und zwar im Substance, einem der letzten überlebenden Plattengeschäfte Wiens. Inmitten von CDs und Vinyl diskutierten die zwei über die Zukunft der Branche, über das Entsetzen, wenn das eigene Lied geklaut wird, und den Wert, den Musik eigentlich haben sollte.

Falter: Die Piratenpartei will, dass alle Musik gratis legal downloadbar ist. Herr Kopaczynski, wie soll sich das Musikgeschäft dann noch rechnen?

Patryk Kopaczynski: Das ist eine gute Frage. Uns geht es ja nur um das Recht auf die Privatkopie, um den privaten Gebrauch. Der private Benutzer soll nicht bestraft werden. Wenn ein 16-Jähriger oder ein 13-jähriges Kind Musik herunterlädt, wird es wie ein Krimineller behandelt. Das geht nicht. Deswegen sind wir für eine Reform des Urheberrechts.

Clara Luzia: Für eine Reform des Urheberrechts bin ich auch. Nur wird ständig mit den armen Kindern argumentiert, die man nicht kriminalisieren darf. Erstens laden aber nicht nur die armen kleinen Kinder herunter, sondern auch potente Erwachsene. Zweitens stellt sich die Frage: Ist es so gescheit, schon Kinder dazu zu erziehen, dass sie alles gratis aus dem Netz kriegen können? Mir gefällt diese Geschenkökonomie, diese Gratiskultur nicht. Wenn alles gratis zur Verfügung stehen muss, wie sollen wir die Herstellung dieser Werke finanzieren?

Kopaczynski: So schlimm ist es auch wieder nicht. In der Piratenpartei gibt es auch viele Künstler. Wir wollen nicht etwas geschenkt bekommen, sondern Alternativen finden. Zum Beispiel die Creative Commons. Bei dieser Lizenz kann jeder Künstler selbst bestimmen, zu welchen Bedingungen er sein Werk weitergibt.

Bei den Creative Commons steht es den Künstlern frei, ihre Musik herzuschenken. Nur, wovon sollen dann professionelle Musiker leben?

Kopaczynski: Jetzt wird immer so getan, als ginge es bei Musik nur ums Geldmachen. Das ist Bullshit. Mit Musik und Kunst beginnt man doch nicht fürs Geld, sondern weil es einem Freude macht.

Luzia: Aber deswegen darf man ja trotzdem seine Investitionen zurückkriegen.

Sie haben jetzt nicht die Frage beantwortet. Die lautete: Wo soll das Geld herkommen?

 Zum Beispiel über Flattr. Die User hinterlassen dabei pro Klick freiwillig eine kleine Summe.

Kopaczynski: Zum Beispiel über Flattr. Das ist ein Onlinebezahldienst. Den kann man auf seiner Webseite installieren. Die User hinterlassen pro Klick freiwillig eine kleine Summe. Wir Piraten verwenden das, da kommt schon ein bisschen was zusammen, reich wird man halt nicht. Ich glaube, Selbstbestimmung ist wichtig. Der Künstler und der Nutzer sollen entscheiden, wie viel etwas kostet. Jeder bewertet das anders.

Wie jetzt? Soll der Künstler oder der Konsument entscheiden?

Kopaczynski: Als Nutzer sage ich: Dieses Lied ist mir mehr wert als das andere. Letztlich entscheidet der Nutzer, wie viel er für Musik und Kunst ausgibt.

Luzia: Das ist aber ein gefährlicher Ansatz. Natürlich kann ich daraufhin sagen: Ich geh nur noch in ein möglichst billiges Studio, aber das wäre ja totales Kulturdumping. Continue reading »