Oct 172012
 

Die Wirtschaftskammer will von der Krise profitieren und spanische Facharbeiter anlocken. Andreas Baumgartner von der Wirtschaftsdelegation erklärt, wie das funktioniert.

Herr Baumgartner, wieso werben Sie vermehrt spanische Arbeitskräfte an?
“In Österreich gibt es seit Jahren einen Fachkräftemangel. Wir suchen in Spanien Ingenieure ausschließlich mit Hochschulabschluss.”

Wie locken Sie die Spanier an?
“Wir haben ein Internetportal, auf dem heimische Firmen Stellen ausschreiben und sich Spanier bewerben können. Ende November finden Jobinterviews in Madrid und Barcelona statt.”

Kommen da wirklich viele Leute?
“Bei der letzten Aktion haben sich mehr als 3000 Absolventen beworben.”

Ist die Situation für Akademiker so arg?
“Die Situation ist generell nicht so rosig, um es vorsichtig zu sagen. Fast jeder Vierte ist arbeitslos, bei den Jungen sind es sogar noch mehr.”

Der perfekte Zeitpunkt zum Abwerben?
“Wir haben den Vorteil, dass die jetzige Generation die bestausgebildete in Spanien ist. Die Leute haben studiert, zum Teil schon Berufserfahrung. Die wirtschaftliche Situation führt nun dazu, dass viele einen Job im Ausland suchen. Zumindest, um die nächsten Jahre über die Runden zu kommen.”

Wie funktioniert das mit der Sprache?
“Es gibt einen riesigen Andrang auf Deutschkurse. Im Goethe-Institut sind diese zu 200 Prozent ausgebucht. Die große Wunschdestination ist Deutschland, aber für uns ist das auch von Vorteil, wenn viele Deutsch lernen. In technischen Berufen reichen zum Teil sehr gute Englischkenntnisse und Grundkenntnisse in Deutsch aus.”

Früher warben wir Fachkräfte in Osteuropa an. Ist das nicht arg, dass jetzt sogar die Spanier so verzweifelt sind?
“Ich weiß nicht, ob verzweifelt das richtige Wort ist. Die Leute sehen in Ländern wie Deutschland und Österreich eben bessere Chancen.”

 

Dieses Kurzinterview erschien im Falter 42/12, Foto: Daquella Manera

Jul 052011
 

Die Presse verlangt für ihre Lehrredaktion Geld. Zwölf Wochen Redaktionsluft schnuppern kostet 1500 Euro. Warum er für die Ausbildung kassiert, erklärt Chefredakteur Michael Fleischhacker am Telefon.

Warum müssen Ihre Lehrredakteure Geld zahlen?
Es ist die qualitativ beste Ausbildung im Land. Wir vertreten den Standpunkt: Was nichts kostet, ist nichts wert. Zu unserer Markenpositionierung würde es nicht passen, das gratis herzugeben.

Aber diese Lehrredakteure leisten eine Arbeit für Sie, schreiben Texte.
Das tun sie am Wifi auch. Dort kriegen sie auch nichts bezahlt.

In anderen Zeitungen bekommt man sehr wohl Geld fürs Praktikum.
Bei uns bekommt man auch Geld fürs Praktikum. Das ist etwas anderes als die Lehrredaktion, diese ist eine journalistische Ausbildung. In den meisten Fällen ist sie postgraduate. Die überwiegende Zahl der Leute hat schon ein Studium abgeschlossen. Continue reading »

May 012011
 

Herein zum 1. Mai! Nächste Woche kommt die große Arbeitsmarktöffnung. Viele Osteuropäer bereiten sich derzeit aufs Auswandern vor

Der junge Mann zuckt mit den Schultern. Warum er hier weg will? “Natürlich fürs Geld“, sagt Norbert Nógrádi, 26. Er steht am Hauptplatz in Jánossomorja. Das Städtchen in Ungarn ist heruntergekommen. Die Straßen haben Schlaglöcher, viele Wohnhäuser wurden offensichtlich seit Jahrzehnten nicht mehr gestrichen. Jugendliche sitzen gelangweilt herum und schauen vorbeifahrenden Autos zu, die den Schlaglöchern ausweichen.

Das Herz zieht einen nach Ungarn. Aber ich sehe hier keine Zukunft.

Nógrádi sagt: “Das Herz zieht einen nach Ungarn. Aber ich sehe hier keine Zukunft.“ Der gelernte Schlosser und Schweißer verdient im Monat 90.000 Forint, rund 350 Euro. Zehn Kilometer entfernt liegt eine andere Welt. “Ich will nach Österreich gehen, ich glaube, dort kann ich das Doppelte oder Dreifache verdienen“, sagt er.
Das ist nicht bloß ein vager Plan. In seiner Freizeit lernt Nógrádi Deutsch, durchstöbert österreichische Stellenangebote und hat bereits Betriebe kontaktiert. “Bisher hieß es immer: ‚Hast du Papiere?‘ Aber ab 1. Mai brauche ich keine Papiere mehr“, sagt der Facharbeiter. Dann fällt die letzte Hürde, dann kommt die Öffnung des österreichischen Arbeitsmarkts. Menschen wie Nógrádi aus Ungarn, Polen, Tschechien, Slowenien, Estland, Lettland, Litauen und der Slowakei dürfen hierzulande ohne jegliche Einschränkung arbeiten. Rumänen und Bulgaren werden 2014 folgen. Continue reading »

Mar 062011
 

Von diesen Spitzenmanagerinnen kann die Politik in der Quotendebatte lernen. Sie erzählen, wie Frauen in die Chefetagen gelangen können

Bürobesuch: Ingrid Brodnig & Julia Ortner

Endstation zwölfter Stock. Der Blick aus ihrem Bürofenster am Donaukanal ist beeindruckend, die Stadt liegt ihr zu Füßen. Tatjana Oppitz hat es bis hier herauf geschafft, in die Chefetage des gläsernen Bürogebäudes. Seit wenigen Wochen ist sie die erste IBM-Generaldirektorin Österreichs, nach elf Männern an der Spitze. Oppitz, 48, eine lebhafte Frau, redet viel, schnell und laut. Der konservative Businessstil, Haare streng zusammengebunden, Blazer, Seidentuch, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie ein neuer Typ Führungskraft ist. “Ich habe erfahren, dass Frauen in Meetings gerne mundtot gemacht werden. Wenn sie leise oder zögerlich sprechen, unterbricht man sie, drängt sie ab“, sagt Oppitz. “Ich habe mir immer gedacht, wenn mir so etwas passiert, rede ich weiter.“

Die Männer im Haus haben jedenfalls keinen Kulturschock wegen der Frau an der Spitze, sagt ihr Sprecher Georg Haberl, seit 1973 Angestellter des IT-Konzerns. Man sei allgemein von ihrer Bestellung angetan, “nicht weil sie eine Frau ist, sondern wegen ihrer Vision für die Firma“. Oppitz profitiert klar von der Firmenpolitik des internationalen Konzerns. “Diversity“, Vielfältigkeit, ist bei dem Unternehmen nicht nur ein Modewort, sondern gehört zum Regelwerk. Frausein ist hier kein Nachteil. Continue reading »

Sep 282010
 

Sie träumten vom goldenen Westen, nun werden sie mitten in der EU ausgebeutet. In Tschechien schuften Vietnamesen und Ukrainer für einen Hungerlohn

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Drei Euro und 60 Cent. Dafür steht Nguyen Thu Nhan* jeden Morgen um fünf Uhr auf, um sechs Uhr früh ist sie in der Fabrik. Für 3,60 Euro in der Stunde arbeitet sie, mindestens 200 Stunden pro Monat, wenn möglich 250 Stunden. Frau Nguyen schuftet aber nicht in einem asiatischen Sweatshop, sondern 200 Kilometer von der österreichischen Grenzen entfernt, in der tschechischen Stadt Pilsen. Hier werden Fernseher hergestellt. „Ich habe eine verantwortungsvolle Aufgabe, deswegen darf ich sitzen“, sagt die 22-jährige Vietnamesin. Viele ihrer Kollegen müssen am Fließband stehen. Sie aber sitzt, Stunde für Stunde bringt sie Aufkleber an den Bildschirmen an, Fernseher des taiwanesischen Herstellers Tatung.

Die Asiatin reißt sich um Überstunden, kauft für sich selbst nur das Nötigste an Lebensmitteln und Kleidung. „Ich habe Schulden. Es hat mich sehr viel gekostet, hierher zu kommen“, sagt die junge Frau, sie ist spindeldürr, ihr Blick ernst. Sie hat einer Arbeitsagentur 10.000 Dollar bezahlt, um ein Visum zu bekommen, um nach Europa reisen und in Tschechien arbeiten zu können. Seither sitzt sie am Fließband und spart jede tschechische Krone, um endlich schuldenfrei zu sein – frei von dem Kredit, den ihre Familie auf sich nahm. So hat sie sich Europa nicht vorgestellt.

Sie ist kein Einzelfall, sondern steht stellvertretend für eine Gruppe neuer Lohnsklaven, die mitten in der EU schuften. Vom Schicksal dieser Gastarbeiter ist wenig bekannt. In Österreich wird viel über Billigarbeitskräfte aus Osteuropa diskutiert. Ab Mai 2011 dürfen Tschechen, Polen, Ungarn, Slowaken, Esten, Letten, Litauer und Slowenen hierzulande arbeiten. Doch der europäische Arbeitsmarkt ist längst viel globalisierter geworden, die Migration findet nicht nur von Ost- nach Westeuropa statt. Die ehemaligen Ostblockstaaten werden selbst zu Einwanderungsländern – allen voran Tschechien. Für viele Mongolen, Vietnamesen und Ukrainer scheint unser Nachbarland der „goldene Westen“ zu sein. In der Realität kommt es zu Integrationsproblemen und zu Ausbeutung. Obwohl Tschechien seit 2004 der EU angehört, haben die Arbeitsbedingungen nichts mit europäischen Standards zu tun.

Einwanderer gab es in Tschechien natürlich schon vor dem EU-Beitritt. Während des Kommunismus kamen die ersten Asiaten ins Land, die „sozialistischen Bruderstaaten“ Vietnam und Tschechoslowakei pflegten gute Kontakte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion arbeiteten viele Ukrainer auf Prager Baustellen. Nach dem EU-Beitritt stieg der Zuzug aber immens: Der Anteil der Ausländer hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt, von 2,1 Prozent im Jahr 2005 auf 4,2 Prozent im Jahr 2009, verlauten die Zahlen des Forschungsinstituts Rilsa. Das mag wenig sein im Vergleich zu Österreich, wo jeder Zehnte ein Einwanderer ist. Aber die Tschechen holen auf. Das liegt vor allem an der Wirtschaft. Vor der Krise wuchs das Bruttoinlandsprodukt jährlich um cirka sechs Prozent, Tschechien hat eine extrem starke Industrie. In Städten wie Pilsen siedelten sich internationale Konzerne an, darunter Panasonic, Foxconn oder Volkswagen. Mit dem Wirtschaftswachstum stiegen die Löhne für die inländischen Arbeitnehmer. Daraufhin stellten die Fabriken jene an, die auch unter dem Durchschnittslohn arbeiten: Ausländer wie Frau Nguyen.

Anfangs schien das eine Win-win-Situation zu sein. Die Firmen konnten billig produzieren, die Migranten verdienten schlechter als tschechische Fabriksarbeiter, aber immer noch besser als in ihrer Heimat. Dann kam die Wirtschaftskrise. Als Erste verloren die Ausländer ihren Job.

Ein schlechtes Timing hatte auch Nguyen. 2008 kam sie ins Land, 2009 folgte die Krise. „Ich habe Glück, ich habe noch Arbeit“, sagt sie. Aber auch für sie ist es härter geworden. Zuerst gab es eine Gehaltskürzung, dann musste sie sich als Selbstständige anmelden. Offiziell ist die Vietnamesin Alleinunternehmerin, von den 720 Euro pro Monat muss sie selbst die Sozialversicherung und ihren Kredit zahlen.

Sie sitzt in ihrem rosa Freizeitgewand im Wohnheim. In einem heruntergekommenen Haus sind vietnamesische Arbeiter untergebracht, sie schlafen zu zweit in einem Zimmer, statt Betten gibt es Schlafsofas, an den Wänden hängen Fotos aus der Heimat. Die Gemeinschaftsküche ist abgenützt und dreckig. Hier lebt man nicht, hier haust man. Die Zustände sind den Asiaten unangenehm, aber ihnen fehlt das Geld, um ihre Situation zu verbessern. Wie Nguyen Thu Nhan haben viele Schulden.

Die Vietnamesen werden von ihren eigenen Landsleuten ausgebeutet. Nguyen fiel auf ein Zeitungsinserat herein, das von den tschechischen Arbeitsbedingungen schwärmte. In Vietnam gibt es ein regelrechtes Migrationsbusiness. Für mehrere tausend Dollar organisieren Agenturen ein Visum, die Ausreise und einen Job in Tschechien. Wenn die Migranten dann im Ausland ankommen, sind sie von den Agenturen komplett abhängig: Sie sprechen weder Tschechisch noch kennen sie die Rechtslage oder irgendjemanden, der ihnen bei Problemen mit den Agenturen helfen könnte. Für Menschen wie Nguyen besteht der Alltag nur aus Arbeit in der Fabrik und ein bisschen Freizeit im Wohnheim. Obwohl sie mitten in Tschechien lebt, ist sie von der tschechischen Gesellschaft isoliert.

„Im Grunde ist das Sklavenarbeit“, sagt Gudrun Biffl, Migrationsforscherin der Donau-Universität Krems. Auf dem Papier mögen die Verträge legal aussehen, de facto wird das tschechische Arbeitsrecht ausgehöhlt, die staatliche Kontrolle fehlt und die Gewerkschaften sind für die Migranten nicht zuständig. Letztlich sei das auch für den Nachbarstaat Österreich bedenklich, meint Biffl: „Bei der Produktion von Gütern stehen wir in einem Wettbewerb. Diese Arbeitsbedingungen sind in keiner Weise mit westlichen Standards vereinbar. Natürlich ist die Produktion dort billiger.“

Die Vietnamesen sind nicht die einzige ausgebeutete Migrantengruppe. Auch Ukrainer kommen mit schwindeligen Agenturen ins Land, die ihnen horrende Summen abknöpfen. „Diese Agenturen sind wie die Mafia“, sagt Ruslan Rymbaluk, ein ukrainischer Hilfsarbeiter. Warum er trotzdem hier bleibt? Zu Hause hat er als Verkäufer 200 Euro pro Monat verdient, da sind selbst schlechte Jobs hier besser bezahlt. Jetzt hat der 39-Jährige noch eine Familie zu ernähren, er lernte seine Frau in einer Fleischfabrik kennen, ihr Baby ist ein paar Monate alt. „Bevor die Situation zu Hause nicht besser wird, gehen wir nicht heim“, sagt er.

/Manche Gastarbeiter kehren nicht mehr in die Heimat zurück. Österreich machte diese Erfahrung mit den türkischen Einwanderern, die man seit den 60er-Jahren ins Land brachte und von denen viele geblieben sind. Nun steht der tschechische Staat vor der Herausforderung, wie er mit dieser Situation umgehen soll: Bietet er Sprachkurse für Einwanderer an? Fördert das Schulsystem die Ausbildung der Migrantenkinder? „Wir werden riesige Probleme mit der Integration bekommen, aber für den Staat hat dieses Thema keine Priorität“, meint Jan Schroth von der Internationalen Organisation für Migration. Während der Krise führte die Regierung ein freiwilliges Rückkehrprogramm ein. Einen Gratisflug und 500 Euro Taschengeld gab es für legale Migranten, die sich zur Heimkehr überreden ließen. Das Programm floppte: Einem Vietnamesen, der mehrere tausend US-Dollar Schulden hat, helfen 500 Euro nicht weiter.

Erst langsam entwickelt sich eine Debatte rund um Integration. „Das Erste, was sich verbessern muss, sind die Sprachkenntnisse“, sagt zum Beispiel die 21-jährige Do Thu Trang, selbst Kind von Einwanderern. Aber meist dreht sich die Debatte – ähnlich wie in Österreich – um Migranten, die den Tschechen angeblich Jobs wegnehmen oder den Staat Geld kosten würden.

Do Thu Trang ist ein Beispiel für gelungene Integration. An der Prager Uni belegt sie deutsch-tschechische Studien, sie spricht Vietnamesisch, Deutsch und Englisch fließend, am besten kann sie Tschechisch. „Vielleicht werde ich eines Tages einen Tschechen heiraten“, meint sie, „oder nach Deutschland arbeiten gehen.“ Eine Rückkehr in die vermeintliche Heimat kann sie sich nicht vorstellen. So geht es vielen aus ihrer Generation. „Man nennt uns Bananenkinder“, sagt Do Thu Trang. Außen gelb, innen weiß, scherzen die Tschechen. Sie findet das nicht rassistisch, da sei etwas Wahres dran: Sie ist im Westen aufgewachsen, aber laut Reisepass Vietnamesin.

Zwischen der Studentin Do Thu Trang und der Gastarbeiterin Nguyen Thu Nhan liegen Welten. Ihr Beispiel zeigt aber, wie sehr sich Europa und die ehemaligen Ostblockstaaten weiterentwickelt haben. In Tschechien gibt es mittlerweile mehr Einwanderer als Auswanderer. Die Menschen kommen mit der Hoffnung, vom neuen Reichtum profitieren zu dürfen. Eine Hoffnung, die sich aber nicht immer erfüllt.

Das trifft auch auf Nguyen zu, die in ihrem rosaroten Gewand im Arbeiterheim sitzt. Es wird gerade dunkel, die 22-Jährige wird bald schlafen gehen, sie muss morgen wieder früh aus dem Bett. Wovon sie träumt? Jedenfalls nicht von Europa. „Ich habe nicht den Traum, hier zu bleiben“, meint sie, „ich will nur meine Schulden zahlen und nach Hause.“

* Name von der Redaktion geändert

Foto 1: Nguyen Thu Nhan (rechts) im Wohnheim. Die Vietnamesen schlafen zu zweit im Zimmer, teilen sich eine Küche. Der Gemeinschaftsraum mit Bar ist etwas schicker eingerichtet

Foto 2: Die Studentin Do Thu Trang. Sie sagt: Man nennt uns Bananenkinder.

/Wie geht Europa mit Migration um?

Zu diesem Thema wurde Eurotours 2010 gestartet: 26 heimische Jungjournalisten recherchieren in 26 EU-Ländern. Für den Falter fuhr ich nach Tschechien. Eurotours ist ein Projekt der Europapartnerschaft zwischen EU-Kommission, Europäischem Parlament und Republik Österreich. Infos unter www.facebook.com/eurotours2010


Diese Reportage ist im Falter (Ausgabe 37/10) erschienen

Aug 112010
 

PC, Laptop, iPhone: Wie viel Ausbeutung steckt in unseren schicken Computern?



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Unter den Fenstern der Computerfabrik im südchinesischen Shenzhen sind Netze aufgespannt. Gelbe Netze, die Herabstürzende auffangen sollen. Junge Arbeiter sind hier aus dem Fenster gesprungen, weil sie den Tod diesem Leben vorzogen. Sie hatten zuvor in Zwölf-Stunden-Schichten gearbeitet, Überstunden gemacht, Drill und strenge Disziplinierungsmaßnahmen ertragen. Am Monatsende hatte es bei höchster Anstrengung 230 Euro gegeben.



In der chinesischen Stadt Shenzhen steht der größte Fabrikskomplex der Welt mit mehr als 300.000 Mitarbeitern. Die taiwanesische Firma Foxconn stellt hier für Apple, Dell und Hewlett Packard Computer her. Heuer brachten sich zehn Mitarbeiter in Shenzhen um und drei weitere aus anderen Foxconn-Fabriken in China. Sie sprangen in den Tod. Seither gibt es die Netze. Und internationale Aufmerksamkeit entstand, unter welchen Bedingungen Computer hergestellt werden.



Die Hightech-Branche ist zu einer Billiglohnindustrie verkommen. Die Konsumenten geben viel Geld für den schicken Laptop oder das neueste Kultprodukt der Marke Apple aus. Was aber die wenigsten wissen: In den Fabriken, die Mikrochips, Prozessoren, Tastaturen oder Touchscreens herstellen, ist die Bezahlung schlecht, die Belastung hoch, und manchmal kommt es sogar vor, dass Mitarbeiter vergiftet werden, weil sie mit toxischen Substanzen in Kontakt kommen. Unter solchen Umständen entstehen die Geräte, nach denen wir gieren und die wir stolz dem Freundeskreis präsentieren, die wir auf unseren Schreibtisch stellen oder sogar in den Urlaub mitnehmen.



Sie machen etliche Überstunden



Die Produktion findet großteils in Ländern wie China statt, wo es theoretisch zwar ein Arbeitsrecht gibt, das in der Praxis aber nicht kontrolliert wird; oder in Malaysia, wo es bisher weder einen Mindestlohn noch eine Gewerkschaft in der Elektronikbranche gibt. Das System der Computerherstellung ist darauf ausgerichtet, dass am untersten Ende, am Fließband, billige Arbeitskräfte stehen.



Die Arbeiter müssen stundenlang hochkonzentriert monotone Tätigkeiten verrichten. Trotz der starken Belastung haben sie ein miserables Einkommen. In den großen Hallen arbeiten jene, denen wenig Wahl am Arbeitsmarkt bleibt. In China sind das hauptsächlich junge Frauen vom Land, die keine Ausbildung haben; in Malaysia häufig Migranten aus Nepal, Indonesien oder Kambodscha.



Foxconn behauptet, die Selbstmorde hätten nichts mit den Arbeitsbedingungen zu tun, die Familien der Verstorbenen sehen das anders. Überstunden, Stress, Drill gehören zum Alltag. Foxconn ist exemplarisch für die Branche. Ohne Überstunden verdienen die Mitarbeiter im Monat 1200 Yuan, umgerechnet 130 Euro. Vor den Selbstmorden und den Protesten in China waren es noch 110 Euro.



Dieses Grundgehalt ist bewusst niedrig. Die Mitarbeiter machen Überstunden, um es aufzubessern. Viele Arbeiter verlassen nur selten das Fabriksgelände. Denn sie leben in den fabrikseigenen Wohnheimen, wo oft zehn Menschen in einem Zimmer schlafen, und essen die Menüs in der Kantine, um Geld zu sparen. Mit 130 Euro lässt sich auch in der teuren Stadt Shenzhen nicht wirklich leben.



„Wir sehen durchaus Verbesserungen. Aber wir sehen keine substanzielle Veränderung“, meint Debby Chan von Sacom, der Non-Profit-Organisation Students and Scholars Against Corporate Misbehavior. Chan führt regelmäßig Gespräche mit den Menschen in den Fabriken durch. Auch nach der Gehaltserhöhung klagen sie über die Arbeitsbelastung und den Drill. Auf dem Fabriksgelände dürfen Arbeiter nur in Zweierreihen marschieren. Drei Menschen nebeneinander sind verboten. In manchen Produktionsbereichen, so wird berichtet, gibt es vorgeschriebene Zeiten, wann man auf die Toilette gehen darf. Normalerweise haben die Arbeiter alle zwei Stunden eine Zehn-Minuten-Pause. Wenn die Produktion aber im Rückstand ist, wird diese mitunter gestrichen.



47 vergiftete Mitarbeiter



Es wäre jedoch unfair, Foxconn als schwarzes Schaf der Branche darzustellen. Die Computerindustrie hat sich insgesamt gewandelt. In den 80er-Jahren produzierten Konzerne wie IBM noch unter ihrem eigenen Dach. Schritt für Schritt wanderte die Produktion dann in den ärmeren Süden oder den ärmeren Osten. Von den USA nach Mexiko, von West- nach Osteuropa. Nach der New-Economy-Pleite zu Beginn der Nullerjahre verlagerten sich die Produktionsstätten vermehrt nach Asien. Dort haben Firmen wie Foxconn aus Taiwan, Flextronics aus Singapur oder Jabil aus den USA ihre Fabriken errichtet. Jedes zweite Notebook kommt heute aus China, viele Festplatten aus Thailand, viele Computerchips aus Malaysia.



Wer die Laptops und PCs am billigsten herstellt, bekommt die Aufträge der großen Elektronikmarken. „Hightech-Sweatshops“ nennt Sarah Bormann von der deutschen Organisation WEED das.



Der Name täuscht. Sweatshops werden oft für überfüllte, dunkle, dreckige Fabrikshallen gehalten. Das ist in der IT-Branche nicht so, hier muss es auch aus Qualitätsgründen sauber sein. In den großen Hallen schaut es deswegen gepflegt aus. „Auf den ersten Blick sieht man keinen Unterschied zu den Firmen in Industrieländern“, meint auch Bormann, die einige Standorte besucht hat.



In den Hightech-Sweatshops müssen keine Menschen verhungern, weil sie sich nicht einmal das tägliche Brot leisten können. Hier wird niemand gezwungen, am Fließband zu stehen. Das Problem ist vielmehr, dass die Arbeiter an den Rand ihres Leistungsvermögens gebracht werden. Woche für Woche machen sie bis zur Erschöpfung Überstunden, weil die Bezahlung so schlecht ist. Die unabhängigen Beobachter hören immer dieselben Klagen von Mitarbeitern, die stundenlang am Fließband stehen: „Ich arbeite wie eine Maschine und mein Gehirn ist eingerostet“; „ich fühle mich leer“; „das Leben ist bedeutungslos“. Es hat einen Grund, warum es in Europa strenge Auflagen zur Fabriksarbeit gibt.



Körperliche und geistige Erschöpfung ist nicht die einzige Schattenseite. Bei der Herstellung eines Computers werden toxische Substanzen verwendet. Im Vorjahr musste die Firma Wintek eingestehen, dass 47 chinesische Mitarbeiter vergiftet wurden. Sie hatten die Bildschirme des iPhone mit der giftigen Substanz N-Hexan gereinigt. Es verursacht Nervenschäden. Viele Arbeiter fühlten, wie die Kraft aus ihren Beinen wich, sie das Gefühl in den Fingern verloren. Sacom berichtet sogar von einem Mitarbeiter, der neun Monate im Krankenhaus lag.



So reagierte Apple bisher



„Von Apple kam bis heute keine Reaktion“, sagt Debby Chan. Für sie ist der Konzern aus Kalifornien ein wahres Feindbild. „Die allerwenigsten Rückmeldungen kommen von Apple“, sagt sie. Als die Selbstmorde in Shenzhen bekannt wurden, sprang Firmenboss Steve Jobs sogar Foxconn zur Seite. Man würde sich die Arbeitsbedingungen zwar gründlich ansehen, eines sei aber sicher: „Foxconn ist kein Sweatshop.“ Und dann relativierte er die Bedeutung der Suizidserie, indem er darauf verwies, dass rein statistisch sogar die USA eine höhere Selbstmordrate hätten.



Das Dilemma daran: Auch andere Firmen lassen ihre Geräte bei Foxconn, Wintek und Co herstellen. „Ich kann keine Kaufempfehlung aussprechen“, sagt Sarah Bormann von Weed. Anders als bei Kleidung oder Nahrungsmitteln gibt es noch keinen Computer, von dem sich behaupten ließe, er sei fair produziert worden. Meist ist nicht einmal nachvollziehbar, aus welchen Fabriken die tausend Einzelteile der Hightech-Geräte kommen. Über dieses Thema reden die Markenfirmen nicht so gern.



Damit machen es sich die Companys aber zu einfach. Denn Firmen wie Dell, Apple und Hewlett Packard kaufen längst nicht nur Einzelteile ein. Mittlerweile lagern sie den gesamten Produktionsprozess aus. Das Design mag dann noch von diesen Firmen stammen, die gesamte Herstellung, von der ersten Lötung bis zur letzten Schraube, findet bei sogenannten „Kontraktfertigern“ statt. Die liefern 100.000 verkaufsfertige Laptops oder Tablet-PCs nach Europa. Deswegen steht zum Beispiel auf der Rückseite des iPhone in winzigen Buchstaben: „Designed by Apple in California. Assembled in China.“



Rein rechtlich ist Foxconn nur ein Geschäftspartner von Apple. De facto ist das Unternehmen aber der wirkliche Produzent des iPhone. Wenn wir in Europa besonders viele Apple-Handys bestellen, heißt das, dass im Werk in Shenzhen besonders viele Überstunden geschoben werden müssen.



Die Arbeiter wehren sich



So funktioniert der globale Handel heutzutage, in der Kleidungsbranche ist das längst bekannt. Nur von der IT-Branche hatten bisher viele keine Ahnung. „Ihr sauberes Image bröckelt“, sagt Sarah Bormann.



Die Selbstmorde haben in China eine Streikwelle ausgelöst. Foxconn hat daraufhin die Löhne angehoben. Bedeutsam sind diese Proteste aber, weil die chinesischen Arbeiter endlich ihre Stimme erhoben haben. In einem Land, wo es keine unabhängigen Gewerkschaften und Arbeitnehmerschutz nur auf dem Papier gibt, braucht es Druck von innen. Ebenso in Malaysia, wo derzeit eine Gewerkschaft für den Computersektor entsteht.



Damit sich in der Branche wirklich etwas ändert, muss aber auch Druck von außen kommen. Deswegen wurde die europäische Kampagne „Procure IT Fair“ gestartet. Sie will öffentliche Einrichtungen dazu motivieren, mehr Verantwortung von den Computerfirmen einzufordern. Der einzelne Konsument ist machtlos. Aber wenn Ministerien, Universitäten und Kommunen ihre Computer auch nach sozialen Kriterien wählen, steigt der Druck auf die Hersteller. Derzeit läuft Apple zum Beispiel Gefahr, zum Buhmann der Branche zu werden.



Es ist aber sicherlich noch ein langer Weg, bis der erste vollkommen fair produzierte PC vom Band läuft. In der Zwischenzeit hängen noch die gelben Netze vor der Fabrik in Shenzhen.











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Online-Petition


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Die europäische Kampagne „Procure IT Fair“ will auf die unfairen Arbeitsbedingungen in den IT-Fabriken hinweisen und öffentliche Einrichtungen auffordern, Druck auf die Hersteller auszuüben. Zu den Organisatoren der Kampagne zählen NGOs wie Weed aus Deutschland oder Südwind aus Österreich. Infos und eine Unterschriftenliste gibt es zum Beispiel unter www.clean-it.at





Dieser Bericht ist im Falter Falter 32/10 erschienen. Bild: Sacom

Jun 062010
 

/Nach 15 Jahren gibt es wieder einen Frauenbericht. Dieser zeigt, dass die Frauen bei der Bildung deutlich aufgeholt haben. Trotzdem verdienen sie wesentlich weniger. Ulrike Famira-Mühlberger, Arbeitsmarktexpertin des Wifo, über die Gründe.



Frauen sind heute besser gebildet, zum Teil sogar besser als Männer. Warum verdienen sie trotzdem schlechter?



Da sind drei Aspekte wichtig. Zum einen gibt es in den Bildungsabschlüssen eine starke Segregation. Frauen konzentrieren sich auf relativ wenige und schlechter bezahlte Berufssparten und Ausbildungen.



Also zum Beispiel Sozialberufe oder geisteswissenschaftliche Studien?



Genau. Der zweite Punkt ist, dass gut ausgebildete Frauen mit ähnlichen Gehältern wie ihre männlichen Kollegen im Beruf einsteigen, im Laufe der Zeit verdienen sie aber weniger wegen Karriereunterbrechungen oder geringerer Arbeitszeitflexibilität. Drittens wird übersehen, dass zwar junge Frauen besser gebildet sind, über alle Altersgruppen hinweg ist das Bildungsniveau der Frauen aber noch etwas schlechter als jenes der Männer.



Wenn Frauen Kinder kriegen, schadet das ihrem Einkommen?



Ja, das ist der wichtigste Faktor des Lohnunterschiedes. Wenn Frauen heiraten und Kinder kriegen, verdienen sie in der Regel weniger. Interessant ist hierbei, dass Männer durch Ehe und Kinder hingegen an Lohn dazugewinnen.



Nun wird eine bessere Kinderbetreuung gefordert. Ist das der Knackpunkt, um die Lohnunterschiede zu beseitigen?



Ja. Ganztägige leistbare Kinderbetreuungsplätze sind der Knackpunkt. Wichtig ist auch die Ganztagsschule, denn nicht nur kleine Kinder brauchen Betreuung. Außerdem gehören die Männer stärker eingebunden. Das „Use it or lose it“-Prinzip des Kinderbetreuungsgeldes sollte verstärkt werden. Wenn die Väter die Karenz nicht in Anspruch nehmen, verliert die Familie den Anspruch auf die Karenzzeit.





Am Apparat ist die Telefonkolumne des Falter. Dieses Interview ist in Ausgabe 22/10 erschienen. Das obige Foto ist ein Toilettenzeichen aus Südtirol. Credit: Flickr-User Niccolò Caranti