Feb 052013
 

Sowohl SPÖ als auch ÖVP reden um den heißen Brei herum: Ghettoschulen gibt es längst. Das gehört geändert

 

kinder-haende

Yusuf hat Pech. Er ist ein vifer Bub, doch er hat leider das, was Bildungsforscher einen “Migrationshintergrund“ nennen und stammt aus einer sogenannten “bildungsfernen“ Schicht. Seine Eltern kamen vor zehn Jahren aus der Türkei und arbeiten in Österreich als Hilfskräfte. Sie können sich eine 45-Quadratmeter-Wohnung in Ottakring leisten. Frühmorgens steht die Mutter auf, zieht ihr Kopftuch an und putzt Büros in der Innenstadt. Sie hofft, dass ihr Sohn eines Tages auch in einer dieser Firmen arbeiten und am österreichischen Wohlstand teilhaben wird. Dafür kamen die Eltern hierher: Yusuf ist in Österreich geboren, besucht in Kürze eine Wiener Volksschule. Er soll es eines Tages besser haben.

Leider lässt die Bildungspolitik Kinder wie ihn im Stich. Sie liefert sich Scheindebatten, anstatt über die echten Probleme zu sprechen. Das beste Beispiel dafür ist die Debatte um die Vorschule: Die ÖVP will, dass Schulanfänger mit mangelnden Deutschkenntnissen ein Vorschuljahr absolvieren müssen, ehe sie in die Volksschule dürfen. Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) warnte zuerst vor “Ghettoklassen“. Jetzt schwenkt sie um und kann sich eine verpflichtende Vorschule vorstellen.

Das ist pure Augenauswischerei. Auch ein verpflichtendes Vorschuljahr, vor dem etliche Experten warnen, löst nicht das tiefere Problem: In vielen Wiener Volksschulen gibt es kaum mehr Kinder, die zu Hause Deutsch sprechen. Die sogenannten “Ghettoklassen“, vor denen die Ministerin warnt, existieren längst. In Bezirken wie Rudolfsheim-Fünfhaus oder Ottakring sind Schulen mit mehr als 90 Prozent Migrantenanteil ganz normal. Continue reading »

Jul 052011
 

Österreichs Schulsystem trichtert Schülern zu viel Wissen ein. Der Lehrplan muss grundlegend umgedacht werden

Die österreichische Schule ist ein Relikt vergangener Tage. Sie stammt aus einer Zeit, als die Habsburger noch über ein Weltreich herrschten, als Lehrer zuallererst Autoritätsfiguren und erst ganz am Schluss Pädagogen waren und als Kinder Unmengen auswendig lernen mussten – ohne recht zu wissen, wofür.

“Es war ein stumpfes, ödes Lernen nicht um des Lebens willen, sondern um des Lernens willen, das uns die alte Pädagogik aufzwang. Und der einzige wirklich beschwingte Glücksmoment, den ich der Schule zu danken habe, wurde der Tag, da ich ihre Tür für immer hinter mir zuschlug.“ Das schrieb Stefan Zweig in seiner Autobiografie “Die Welt von gestern“. Er maturierte im Jahr 1899.

Zweigs Erkenntnis hat auch heute noch Gültigkeit. Ja, es hat sich im letzten Jahrhundert viel getan. Kinder müssen nicht mehr Schillers “Glocke“ auswendig lernen oder im militärisch organisierten Turnunterricht schwere Medizinbälle schupfen.

Aber sie werden in ein enges Korsett vorgegebener Fächer gezwungen. Ein 15-jähriger Gymnasiast verbringt 31 Stunden pro Woche im Unterricht. Wenn er nachmittags heimkommt, muss er die Hausaufgaben machen und für Tests strebern. Es ist ein Fulltime-Job. Gerade zur Prüfungszeit bleibt eine 40-Stunden-Woche, Forderung der Gewerkschaften des vergangenen Jahrhunderts, für Schüler Illusion. Jeder zweite AHS-Schüler fühlt sich auch chronisch belastet. Zumindest gaben das die 15- und 16-Jährigen bei der Pisa-Studie an.

Ist dieser Stress noch gesund? Das fragen sich auch die Eltern. In Deutschland wird derzeit diskutiert, ob die Kinder mit all dem Stoff nicht überfordert werden. Die Hamburger Zeit widmete einem Vater, der die Überlastung seiner Tochter in der Schule beklagt, ein ganzes Dossier. In der Süddeutschen wurde der Alltag sadistischer oder inkompetenter Mathematiklehrer beschrieben.

In Österreich lieferten einander SPÖ und ÖVP unlängst einen Streit über die Sinnhaftigkeit des Lateinunterrichts. Da zweifelte Wiens Bürgermeister Michael Häupl an, ob der Lateinunterricht überhaupt noch zeitgemäß sei. Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle antwortete sogleich: Erst Latein mache aus jungen Menschen Bildungsbürger.

Ist das so? Lernen unsere Kinder noch das Richtige? Continue reading »

Jul 052011
 

Totaler Stress, Generation Praktikum, Nesthocker: Neue Studien stellen bewährte Mythen über Österreichs Studierende infrage

Generation Praktikum? So nannte man das Heer von Akademikern, das angeblich keinen Job findet. Es existiert nicht, sagt die neue Absolventenstudie im Auftrag des Wissenschaftsministeriums. Studenten müssen nach dem Studium nicht Kaffee kochen, sie bewähren sich relativ schnell auf einem lukrativen Arbeitsmarkt.

Diese Woche wählen Studenten und Studentinnen die ÖH, ihre Interessenvertretung. Zeit für die Frage, wie die Lage der Studierenden abseits der Wahlkampfparolen aussieht – und was sich bei näherer Betrachtung doch nur als Mythos entpuppt.

Mythos 1: Sie sind unzufrieden

Die heutigen Studierenden sind arme Schlucker, sie sitzen in überlaufenen Vorlesungen und ringen um Seminarplätze. Zweifelsohne gibt es in den Massenfächern diese Zustände. Doch die meisten Studenten klagen gar nicht so laut. Mehr als die Hälfte beteuert, mit der Vielfalt des Lehrveranstaltungsangebots zufrieden oder sehr zufrieden zu sein. (Quelle: 1) Continue reading »

Mar 062011
 

Der freie Hochschulzugang ist nur noch eine Farce. Internationale Experten zeigen Auswege

Es ist Zeit für ein bisschen Ehrlichkeit. Das österreichische Hochschulsystem ist nicht mehr tragbar. Semester für Semester dürfen junge Menschen auf die Universität, obwohl jeder weiß, dass sie sich dort gegenseitig auf die Zehen treten und Seminarplätze wegschnappen werden. In den Massenfächern ist ein Teil der Studierenden zum Scheitern verurteilt, sie werden reingelassen, um gleich wieder weggeprüft und rausgeekelt zu werden.

Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) ist nun ein Jahr im Amt. Vergangene Woche stellte sie mit Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) eine neue Zugangsregelung vor – zynisch könnte man es die Lizenz zum Knockout nennen. Ab kommendem Wintersemester werden in allen Fächern einsemestrige Studieneingangsphasen eingeführt, wer eine Prüfung zweimal verhaut, fliegt raus. “Wenn du die Zulassung packst, ist der Abschluss ein Klacks“, scherzte der Standard daraufhin.

Der freie Hochschulzugang ist längst eine Farce, die Universitäten wollen die Studierenden möglichst schnell wieder loswerden. Auch die große Koalition bezeichnet ihr neues Konzept bloß als “Übergangslösung“ und kündigt eine Studienplatzfinanzierung an. Dabei bekommen die Unis für jeden Studenten eine fixe Summe vom Staat. Ob sich Rot-Schwarz dies tatsächlich umzusetzen traut, muss sich erst zeigen. Dabei gäbe es genug Ideen von Bildungsforschern und Beispiele anderer Länder für eine Zukunft ohne freien Hochschulzugang.

1. Für jeden Studenten Geld

Der Unibetrieb ist wie eine große Party, bei der niemand weiß, wie viele Gäste kommen und wie viel Weißwein, Bier und Cola sie trinken werden. Nur eines zeichnet sich ab: Es ist nicht genug für alle da. Laut Gesetz müssen die Universitäten alle Maturanten aufnehmen, allerdings gibt ihnen der Staat nicht zusätzliches Geld für mehr Studierende. “Das Problem der österreichischen Hochschulpolitik ist, dass man sich in den Sack lügt“, sagt etwa Georg Winckler, Rektor der Uni Wien. Die Unis tun so, als könnten sie unendlich viele Studierende aufnehmen – doch die Zahl der Vorlesenden und Hörsäle ist beschränkt.

Die meisten europäischen Länder machen das anders. In England ist die Zahl der Studienplätze festgeschrieben. Die Hochschulen bekommen für jeden Studierenden einen fixen Betrag pro Jahr, für Wirtschaftsstudenten gibt es 2650 Pfund, für Medizinstudenten 14.500 Pfund, da Fachrichtungen mit viel Labortätigkeiten und Kleingruppen teurer sind als die sogenannten “Bücherstudien“. Mit diesen Summen können die Institute genau kalkulieren und heben zusätzlich Studiengebühren ein.

Ein ähnliches System gibt es an den österreichischen Fachhochschulen. Hier zahlt der Bund durchschnittlich 5800 Euro pro Student. Die Finanzierung pro Kopf hätte einen großen Vorteil: Die Politik muss sich dazu bekennen, wie viele Studenten sie haben will – und deren Ausbildung dann auch finanzieren. Kostenwahrheit nennen die Betriebswirte das.

2. Mehr Studienplätze schaffen

Wie viele Akademiker will der Staat überhaupt? Wie viele Studienplätze soll es in den einzelnen Fächern geben? Der Hochschulforscher Hans Pechar sagt, was die Regierung nicht so deutlich ausspricht: “In Fächern wie Publizistik oder Psychologie wird man darüber nachdenken müssen, die Studienplätze zu reduzieren oder die Zahl der Fakultätsmitglieder massiv zu erhöhen.“

Die Massenfächer brauchen mehr Geld oder eine Beschränkung der Studienplätze. Dabei hat Österreich keinesfalls zu viele, sondern viel zu wenige Akademiker (nur 18 Prozent). Restriktive Beschränkungen können zu einem Mangel an Arbeitsplätzen führen, wie man am Lehrer- und Ärztemangel in einigen europäischen Ländern sieht.

Es gibt keine Zauberformel, wie viele Studienplätze ein Staat braucht. Viele Länder orientieren sich an den bestehenden Zahlen und justieren dann immer wieder nach. “Das Ministerium versucht, die Bedürfnisse des Markts abzuschätzen, aber es gibt keine fixen Kriterien dafür“, sagt Osmo Kivinen, Bildungswissenschaftler der Universität Turku. Das finnische Modell ist für Österreich lehrreich: Dort entscheiden strenge Zugangsregeln, Schulnoten und Aufnahmetests über die Verteilung der Studienplätze – und trotzdem gibt es doppelt so viele Akademiker wie bei uns. Auch ein Land mit Zugangsbeschränkungen kann viele Akademiker haben.

3. Die richtigen Köpfe finden

In Österreich herrscht eine riesige Angst vor Auswahlverfahren. Ist das jetzige System so viel fairer? Am Papier dürfen sich alle Maturanten zum Studium inskribieren. In den Massenfächern nimmt man allerdings in Kauf, dass viele junge Menschen dann an Knockout-Prüfungen scheitern oder im Unistau aufgeben – und oft sehr viel Lebenszeit verlieren.

In den meisten europäischen Staaten gibt es Zugangsbeschränkungen, in Österreich wird die Zahl der Medizin-, Veterinärmedizin-, Psychologie- und Publizistikplätze bereits begrenzt. Wenn die Studienplatzfinanzierung kommt, kann sich Bildungspsychologin Christiane Spiel einen österreichweiten Test vorstellen: “Alle Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen könnten sich zusammentun und ein Testpaket entwickeln“, sagt sie. Dann müsste nicht jede Universität ihr eigenes Auswahlverfahren kreieren. In Schweden findet man ein solches System bereits, den Swedish Scholastic Aptitude Test (SweSAT). Schwedische Bewerber können entweder über diesen Leistungstest oder über Schulnoten einen Hochschulplatz ergattern.

Die Schattenseite: Jedes Auswahlverfahren hat seinen blinden Fleck, im schlimmsten Fall wird eine sehr homogene Gruppe zum Studium zugelassen. Beim heimischen Eignungstest zum Medizinstudium schneiden österreichische Frauen etwa deutlich schlechter als ihre männlichen Mitbewerber ab. Wollen wir in Zukunft weniger weibliche Ärzte?

Psychologin Spiel plädiert für Zusatzkriterien. “Man sollte über Quoten nachdenken“, sagt sie, “ein Prozentsatz der Studierenden könnte über andere Kriterien ausgewählt werden.“ So könnten Medizinbewerber bevorzugt werden, die zuvor als Pfleger gearbeitet oder eine lange Wartezeit in Kauf genommen haben. Diese Bewerber tun sich vielleicht bei den Prüfungen schwerer, aber sie haben bewiesen, dass ihnen das Fach am Herzen liegt. Das ist übrigens ein positiver Nebeneffekt der Selektion: “Auswahlverfahren prüfen auch, welchen Einsatz jemand für ein Studium aufbringen will“, sagt Spiel. Ein gutes Beispiel stammt von der Wiener Publizistik. Das Institut kündigte eine Aufnahmeprüfung an, woraufhin sich viel weniger Bewerber als erwartet meldeten. Aufgrund der fehlenden Aspiranten wurde der Test sogar abgesagt.

4. Raus aus den Schützengräben!

Der rote Reformer Bruno Kreisky führte den freien Hochschulzugang ein – die Hoffnung, dass dadurch die Arbeiterkinder an die Unis strömen, wurde aber nicht erfüllt. In den Hörsälen sitzen vorrangig die Akademikersprösslinge, wir Österreicher vererben unseren Bildungsstand an unseren Nachwuchs. Das Schulsystem siebt die Kinder mit zehn Jahren aus: Die einen dürfen ins Gymnasium, den direkten Weg zur Universität, die anderen landen in der Hauptschule, oft eine Bildungssackgasse.

Hochschulpolitik ist nur ein Teil des Bildungspuzzles. Es ist zu spät, Maturanten ein Chemiestudium einreden zu wollen, wenn sie niemals eine Begeisterung fürs Fach entwickelt haben. Ebenso absurd ist es, die Kinder mit zehn Jahren zu trennen und bei den 18-Jährigen von Bildungschancen zu reden. Hier müssten beide Parteien die ideologischen Schützengräben verlassen. Andere Länder zeigen, welche ambitionierten Ziele man sich setzen kann: Sowohl die Briten als auch die Finnen wollen, dass jeder Zweite inskribiert. Beide Länder haben eine Gesamtschule.

5. Mehr FHs gründen

Es reicht nicht, Zugangsbeschränkungen einzuführen. Die Frage ist, wo in Zukunft all die jungen Leute unterkommen sollen? Eine mögliche Antwort lautet: an der Fachhochschule. So haben es die Finnen gemacht, mehr als die Hälfte ihrer Maturanten studieren an der Ammattikorkeakoulu, der finnischen FH.

Das deckt ein reales Bedürfnis der Studierenden ab: Viele wollen keine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen, sondern eine solide Ausbildung für den Arbeitsmarkt erhalten. Der Fachhochschulsektor könnte wesentlich ausgebaut werden. Viele Maturanten würden lieber an einer FH studieren, bekommen aber keinen Platz und gehen zwangsweise an die Uni, die bereits überfüllt ist. Es ist ein weiteres Beispiel, wie man den Stau an den heimischen Universitäten stückweise abbauen kann. Freilich gibt der nordische Staat dafür auch mehr aus: Finnland investiert 1,6 Prozent des BIP in den Hochschulsektor, bei uns sind es noch immer 1,3. Eines soll der Staat nämlich nicht glauben, dass Zugangsbeschränkungen da sind, um Geld zu sparen.

 

Folgende Personen standen als Gesprächspartner zur Verfügung. Wir danken für ihre Auskunftsbereitschaft:

Thomas Estermann, Fachbereichsleiter der European University Association
Osmo Kivinen, Soziologe der Universität Turku
Heinrich Mayr, Rektor der Uni Klagenfurt Hans Pechar, Hochschulforscher der Uni Klagenfurt
Christiane Spiel, Psychologin der Uni Wien
Ulrich Teichler, Soziologe der Uni Kassel
Martin Unger, Soziologe des Instituts für Höhere Studien
Philip Walker, Sprecher des Higher Education Funding Council for England
Georg Winckler, Rektor der Uni Wien

Dieser Artikel erschien im Falter (Ausgabe 4/11). Bild: Wordle

Dec 232010
 

title=IlluPolen holt bei Pisa gewaltig auf und zeigt, dass sich Mut in der Bildungspolitik schon in relativ kurzer Zeit bezahlt macht





Die Polen haben Grund zum Jubeln. Schritt für Schritt holen sie beim Pisa-Test auf. Sie haben ein marodes Schulwesen in ein modernes und international bestauntes Bildungswesen transformiert – und das binnen eines einzigen Jahrzehnts. Belegten sie im Jahr 2000 beim Lesen noch Platz 23, erreichten sie nun Platz zwölf – und sind damit das sechstbeste EU-Mitglied. Österreich hingegen stürzte im selben Zeitraum ab – von Platz 19 auf Platz 31.



Während der Erfolg der Pisa-Klassenbesten Finnland, Südkorea oder Kanada vielfach bestaunt, beschrieben und erklärt wurde ist, ist Polen bislang nur ein Geheimtipp unter Bildungsforschern.



Dabei hat das 40-Millionen-Einwohner-Land allen vorgemacht, dass eine große Schulreform überraschend schnell Früchte tragen kann – und dass sich Mut in der Bildungspolitik tatsächlich auszahlt.



Vor wenigen Jahren noch rangierte Polen am Ende des internationalen Schulrankings. Das Bildungssystem konnte international nicht mithalten, ein großer Teil der Bevölkerung wurde schlicht nicht hinreichend gefördert. 1998 wagte Polen die große Reform. Unter dem Motto Anschluss an Europa führte die damalige konservative Regierung eine Strukturreform durch. 1999 trat ihr Gesetz in Kraft: Die achtjährige Grundschule wurde um zwei Jahre verkürzt, dafür ein daran anschließendes dreijähriges Gimnazjum eingeführt.



Mit unserem Gymnasium hat das polnische Gimnazjum aber wenig zu tun. Ins Gimnazjum gehen alle polnischen Kinder, es ist quasi ihre Gesamtschule. Somit wurde die gemeinsame Schulpflicht um ein Jahr verlängert, erklärt Wolfgang Hörner, emeritierter Professor der Universität Leipzig und Polen-Experte. Während in Österreich und Deutschland die Kinder bereits mit zehn Jahren getrennt und in die Hauptschule oder aufs Gymnasium geschickt werden, wird in Polen erst mit 16 Jahren entschieden, wer ins Oberstufengymnasium oder etwa in eine berufsbildende Schule kommt.



Polen liefert den Beweis, dass sich eine längere Gesamtschulzeit positiv auf den Lernerfolg (und damit auch auf die Pisa-Ergebnisse) auswirkt – selbst wenn die Gesamtschuldauer nur um ein einziges Jahr ausgedehnt wird. Die Verbesserung der polnischen Schülerleistung, gemessen von Pisa, ist beeindruckend, steht in einem Bericht der OECD. Für den Aufstieg habe der verspätete Eintritt in die Berufsausbildung eine wesentliche Rolle gespielt. Bessere Ergebnisse bei Pisa heißt auch, dass es weniger Risikoschüler und weniger soziale Unterschiede als etwa hierzulande gibt.



Hat Polen Ende der 90er nur das Grundgerüst seines Schulsystems neu errichtet? Nein, das wäre zu kurz gegriffen. Das neue Gimnazjum sollte auch helfen, einen modernen Unterricht in den Klassenzimmern zu etablieren. Die polnischen Lehrpläne wurden abgespeckt, den Schulen wurde mehr Autonomie und Eigenverantwortung eingeräumt, und die Lehrer wurden motiviert, neue Unterrichtskonzepte auszuprobieren.



Die große Strukturreform war Anlass, auch die Didaktik im Klassenzimmer zu verändern. Wahrscheinlich ist auch das ein Grund, warum Polen so schnell bei Pisa aufholen konnte: Eine massive und grundlegende Reform hat mehr Durchschlagskraft als die nahezu kosmetischen Eingriffe, wie sie etwa in Österreich durchgeführt werden, wo die ÖVP seit Jahrzehnten die Einführung der Gesamtschule blockiert und entscheidende Schritte parteipolitischen Scharmützeln geopfert werden.



Ausgerechnet die konservative Regierung unter Ministerpräsident Jerzy Buzek setzte die Reform durch und verlängerte die Gesamtschulzeit. Heute will niemand mehr zum alten System zurückkehren. Unabhängig von jeglicher Couleur hat niemand die neunjährige gemeinsamen Schule angetastet, erklärt Erziehungswissenschaftler Hörner.



Mehr noch: Die guten Pisa-Noten beflügeln die Polen zu weiteren Neuerungen. Für uns ist die Reform ein fortschreitender Prozess, erklärt Michal Federowicz, der polnische Pisa-Koordinator. Polen gibt sich mit seinen Ergebnissen noch keineswegs zufrieden und will weiter ins Spitzenfeld vordringen. Derzeit überarbeiten wir unsere Lehrpläne. Wir wollen weniger auf Information und mehr auf kritisches Denken setzen, erklärt der Pisa-Chef.





Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Diese Kolumne wurde in Ausgabe 50/10 veröffentlicht. Illustration: Jochen Schievink


Dec 232010
 

Es gibt eine einfache Lösung für all unsere Pisa-Probleme: Wir schwänzen den nervtötenden Test in Zukunft!







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Mein Gott, ist das mühsam: Alle drei Jahre erscheint die Pisa-Studie und führt uns vor Augen, wie miserabel unser Schulsystem im internationalen Vergleich ist. Alle drei Jahre führen wir dann dieselbe Bildungsdebatte, bei der wieder nichts Konkretes herauskommt. Und nebenbei dürfen wir uns auch noch herumstreiten, ob Pisa a) ein kompletter methodischer Schwachsinn oder b) der Nachweis einer gescheiterten Bildungspolitik ist. Wie wäre es stattdessen mit Antwort C: Pisa nervt.



Vielleicht wäre es am klügsten, einfach aus Pisa auszusteigen. Seit zehn Jahren testet die OECD Schüler in dutzenden Ländern – und jedes Mal fällt auf, dass Österreich extrem viele Problemschüler hat. Das sind zum Beispiel 15-Jährige, die nicht richtig lesen können. Trotzdem ist die Politik einer echten Bildungsreform keinen Zentimeter nähergekommen, selbst eine Streberin wie Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) scheitert regelmäßig daran. Zu eingefahren sind die Fronten, zu mächtig die Lehrergewerkschaft, zu verzopft die ÖVP, zu schwach die SPÖ.



Auch heuer dasselbe Spiel. Die Pisa-Ergebnisse waren noch gar nicht bekannt, da erklärte die ÖVP schon, sie werde ihr geliebtes Gymnasium mit Zähnen und Klauen verteidigen. Woraufhin Kanzler Werner Faymann (SPÖ) eine wilde Drohung gegen den Koalitionspartner ausstieß: Er werde öffentlich Druck für die Gesamtschule entfachen, sagte der Kanzler. Was für ein Machtwort! Da holt Vizekanzler Josef Pröll sicherlich gleich seinen bösen Onkel aus Niederösterreich, damit der ihn beschützt.



Die heimische Bildungsdebatte ist wie ein schlecht gemachtes Remake von Und täglich grüßt das Murmeltier. Seit Jahren wiederholen Experten mantraartig ihre Bildungsforderungen: eine Gesamtschule für alle Zehn- bis 14-Jährigen, um die gröbsten sozialen Unterschiede auszuglätten. Mehr Ganztagsschulen, speziell für jene Schüler, denen Mama und Papa nicht die Nachhilfe zahlen. Freilich verdienen auch unsere Lehrer mehr Unterstützung (siehe Schwerpunkt Seite 12) und die Direktoren das Recht, ihre Mitarbeiter selbst auszuwählen – und zu feuern.



Nach zehn Jahren Pisa-Test bleiben somit nur zwei Auswege: Entweder die Regierungspartner einigen sich – entgegen allen Erwartungen – doch noch auf eine echte Bildungsreform. Oder wir erklären das Projekt Schule im 21. Jahrhundert endgültig für gescheitert. Ähnlich wie beim Songcontest ersparen wir uns einfach die internationale Blamage und geben von vornherein w.o.



Freilich wäre der Ausstieg aus Pisa erst der Anfang eines neuen Bildungskurses (in Richtung totale Idiotie). Als nächste Konsequenz sollte Ministerin Schmied zurücktreten und Beamtengewerkschafter Fritz Neugebauer ihr Nachfolger werden. So könnte sichergestellt werden, dass die Betonierer gute Ideen nicht nur verhindern, sondern dass gute Ideen erst gar nicht aufkommen. Erste Verordnung des frischgebackenen Ministers: Das Wort Pisa wird aus dem Unterricht verbannt, die gleichnamige Stadt aus dem Schulatlas gestrichen.



Der nächste Schritt ist die Provinzialisierung des Schulbetriebs. Alle Lehrer werden zu Landeslehrern. Oder noch besser: Sie werden zu Leibeigenen des jeweiligen Landesfürsten. Vor den Landtagswahlen müssen die Kinder dann nette Gedichte verfassen, um dem amtierenden Landeschef zu huldigen. Gleichzeitig hätten wir damit endgültig jede Chance einer österreichweiten Bildungsreform beseitigt. Es gäbe neun unterschiedliche Schulsysteme, für jedes Bundesland eines. Statt mit Pisa über den Tellerrand zu blicken, können wir dann ins Land einischaun. Da schlägt das Herz des niederösterreichischen Landeschefs Erwin Pröll (ÖVP) gleich viel höher.



Baba, Pisa! Servus, St. Pölten! Bei diesem Gedanken wollen alle ernstzunehmenden Bildungsexperten vermutlich sofort auswandern. Sollen sie ruhig, in Österreich hört ohnehin niemand auf sie. In der großkoalitionären Kompromissschule dürfen künftig ausrangierte Politiker ihre Lebensweisheiten vortragen. Exvizekanzler Hubert Gorbach könnte den Englischunterricht übernehmen (The world in Austria is too small to have a good Bildungssystem), der ehemalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser in Mathematik vorrechnen, wieso das Nulldefizit mit null nichts zu tun hat. Und Erwin Pröll könnte im Deutschunterricht sein Lieblingsbuch diskutieren: Der Schatz im Silbersee. Übrigens das einzige Buch, das Pröll je fertiggelesen hat, wie er einst erklärte.



Der Ausstieg aus Pisa wäre somit keine Kapitulation der Politik, sondern eine Chance für einen neuen Bildungskurs. Sollte sich die Regierung doch nicht dazu durchringen können, bleibt uns zumindest eine Hoffnung. Vielleicht schmeißt uns die OECD hinaus.



Die hat heuer schon vorab bekanntgegeben, dass die österreichischen Ergebnisse nur mit Vorbehalt zu genießen seien. Während der Pisa-Testphase wurde in Österreich wieder einmal von den Lehrern gestreikt, sie wehrten sich gegen zwei Stunden Unterricht mehr pro Woche. Die ÖVP-nahe Schülerunion rief damals zum Boykott der Umfrage auf. Diese negative Atmosphäre hat womöglich die Ergebnisse negativ beeinflusst, heißt es. Sehr gut! Wenn wir so weitermachen, disqualifiziert uns die OECD ganz von allein. Dann müssen wir wenigstens nicht mehr darüber diskutieren, ob wir Halbgebildeten überhaupt noch zu retten sind.





Dieser Kommentar wurde in Falter 49/10 veröffentlicht. Illustration: Jochen Schievink


Nov 112010
 

/Die Debatte um die Familienbeihilfe entgleist total. Derzeit müssen sich Studierende vorwerfen lassen, verhätschelt, faul oder gar Sozialschmarotzer zu sein. Gleichzeitig geriert sich Finanzminister Josef Pröll (ÖVP) als Mister Leistungsgesellschaft und erteilt den Studenten kluge Ratschläge. Man kann doch zur Sanierung des Landes verlangen, dass sich die 24- und 25-Jährigen auf eigene Beine stellen, meint er.



Pröll hat offenbar schon lange keine Universität mehr von innen gesehen. Viele junge Menschen würden sehr gerne mit 24 ihr Studium abgeschlossen haben und endlich auf eigenen Beinen stehen. Doch das wird ihnen verunmöglicht. An der heutigen Massenuniversität herrscht ein Stau, zuerst bekommen die Leute keinen Platz in den vorgeschriebenen Seminaren, dann verhindern sogenannte Voraussetzungsketten, dass sie einen Teil des Curriculums vorziehen und schneller studieren. Zum Abschluss müssen sie noch um Diplomarbeitsbetreuer streiten, was erneut für Verzögerung sorgt. Erst neulich gab es ein wegweisendes Urteil des Obersten Gerichtshofs. Der bestätigte, dass ein Medizinstudent von seiner Universität gebremst wurde und diese zu wenige Lehrveranstaltungsplätze anbot. Natürlich bummeln etliche Studenten oder suchen noch nach ihrer Berufung. Aber viele, die zielstrebig sind, werden ausgebremst.



Wenn die Regierung den 24-Jährigen die Beihilfe wegnehmen will, muss sie vorher bessere Studienbedingungen schaffen. Es ist absolut unfair, die jungen Menschen erst im Studium aufzuhalten und ihnen dann die Beihilfe zu streichen – oder sie subtil als Faulpelze zu verunglimpfen. Viele Junge wollen studieren. Nur wo, bitte, sind die Ressourcen dafür?









Dieser Kommentar ist im Falter (Ausgabe 44/10) erschienen.