Dec 172012
 

Der Student Max Schrems hat sich juristisch mit Facebook angelegt und möchte nun sogar in Irland, wo Facebooks Europazentrale liegt, eine Klage einbringen. Er bekommt prominente Unterstützung: Der Schriftsteller Wolf Haas will ihm helfen, das nötige Geld für die Klage zu sammeln – oder zumindest einen kleinen Teil davon.

Herr Haas, was haben Sie denn gegen Facebook?
Darum geht’s doch gar nicht. Die Frage ist nicht, was man für oder gegen Facebook hat, sondern ob man für Datenschutz ist. Weil mir diese Initiative von Max Schrems gefällt und ich für Datenschutz bin, will ich da nun einen kleinen Beitrag leisten.

Wie wollen Sie denn helfen?
So eine Klage kostet viel Geld. Ich habe circa 500 Wolf-Haas-Bücher daheim herumliegen, sogenannte Belegexemplare. Jetzt habe ich der Initiative von Max Schrems angeboten, eine Signierstunde zu halten. Für eine Spende bekommt man eines meiner Bücher.

Dieses Buch gibt’s zum Beispiel – inklusive Signatur!

Die Klage wird gar nicht direkt gegen Facebook eingebracht, sondern gegen die irische Datenschutzbehörde.
Genau, eine erfolgreiche Klage hätte aber direkte Auswirkungen auf Facebook: Man könnte es dazu zwingen, unsere Persönlichkeitsrechte zu wahren. Wenn jemand zum Beispiel seine Daten löschen lässt, sollte Facebook auch tatsächlich alle Daten löschen.

Als bekannter Autor könnten Sie viele Initiativen unterstützen. Warum diese?
Weil ich Datenschutz für eines der zentralen Themen unserer Zeit halte. Und weil ich viel im Ausland unterwegs bin. Mir gefällt, wenn Österreich einmal mit einer guten Sache auffällt.

Sind Sie überhaupt selbst auf Facebook?
Nein, das Spannende ist aber: Man muss gar nicht Facebook-Mitglied sein, die Seite versucht trotzdem mittels sogenannter Cookies, die eigenen Spuren im Netz zu verfolgen. Deswegen betrifft das Thema einen jeden.

 

Termin:

Signierte Bücher von Wolf Haas für eine Spende gibt es am  Dienstag, 18.12., 17 Uhr im Phil (6., Gumpendorfer Str. 10-12). Infos: crowd4privacy.org

Links:

- Auch Richard Gutjahr hat über Max Schrems Klage berichtet

- Neulich berichtete auch die Süddeutsche über Max Schrems

 

Dieser Text stammt aus Falter 50/12. Fotos: RoRoRo-Verlag, Flickr-User birgerking

Oct 032012
 

David Pogue ist Technikkolumnist der New York Times und Hassobjekt vieler Leser. Ein Gespräch über die Wut im Internet und Technik als Ersatzreligion

Ihm folgen 1,4 Millionen Menschen auf Twitter. Er hat Dutzende Sachbücher geschrieben und moderiert eine Wissenschaftssendung, vor allem ist David Pogue aber als Technikkolumnist der New York Times bekannt. Er ist eine der wichtigsten Stimmen, wenn es um die Einschätzung neuer technologischer Trends geht. Der Amerikaner hat aber nicht nur Fans – für seine Artikel wird er regelmäßig angefeindet, erhält bösartigste E-Mails. “Skeptiker und Feinde sind eine Nebenwirkung des Erfolgs“, meint Pogue zum Falter. Ein Gespräch über die verrohten Sitten im Web, Technik als Religion und den Ideologiekampf zwischen Apple und Google.

Falter: Herr Pogue, Sie schreiben über ein Thema, das viele Menschen äußerst ernst nehmen: Technologie. Bekommen Sie viele Hassmails?

David Pogue: Die ganze Zeit. Auch bin ich ständig das Opfer hasserfüllter Blogeinträge. Das ist schon sehr verstörend. Meine Theorie ist, dass Menschen mittlerweile von Technologie definiert werden. Apple hat dazu beigetragen, dass Gadgets zu Stilobjekten wurden. Wir beurteilen einander nach unseren Einkäufen. Immerhin ist Elektronik teuer. Wenn jemand unser neuestes Gerät schlecht bewertet, etwa in einer Zeitungskolumne, sieht man das fast schon als Beleidigung der eigenen Persönlichkeit. Die Leute sind da sehr, sehr empfindlich.

Haben Sie ein Beispiel, wie Leser Sie beschimpfen?

Pogue: Klar, etwa dieses Mail: “Lieber David, zuerst möchte ich sagen, dass du nur Scheiße redest und dich nicht genügend über die Fakten des Zune (ein MP3-Player von Microsoft, Red.) informiert hast.“ Dann folgt eine Auflistung von Punkten, in denen mir der Leser nicht zustimmt, und zum Schluss heißt es: “Für so einen voreingenommenen Artikel in einer (halbwegs) professionellen Zeitung solltest du in meinen Augen gefeuert werden. Ach, und falls du glaubst, ich arbeite für Microsoft oder habe eine schlechte Rechtschreibung, solltest du wissen, dass ich 15 bin.“

Wow, antworten Sie solchen unfreundlichen Mails?

Pogue: Normalerweise schon. Manchmal schreibe ich nur: “Ich antworte gern Ihren Bedenken, wenn Sie Ihre Nachricht nochmal schicken können, ohne dabei ausfällig zu werden.“ Manchmal gehe ich auch auf die Kommentare ein. In ihrer Antwort entschuldigen sich die Leute dann fast immer und beschwichtigen. Mir scheint, die rechnen keine Sekunde damit, dass ich tatsächlich antworte. Und wenn ich’s dann doch tue, ist ihnen ihr voriges E-Mail furchtbar unangenehm.

Bei Technik werden viele Menschen emotional, sie können stundenlang über Handys, Webseiten oder Betriebssysteme streiten. Ist Technik so eine Art Religionsersatz?

Pogue: Ja, absolut. Wenn Menschen einer Gruppe beitreten, gibt ihnen das eine emotionale Sicherheit, egal, ob es eine politische Partei oder eine elektronische Marke ist. Überdies bietet ihnen das Internet Anonymität, also werden viele Kommentare wesentlich giftiger und schriller als bei einem persönlichen Gespräch. Diese zwei Aspekte zusammen ergeben ein überaus unangenehmes Gemisch.

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Mar 192012
 

Reden wir einmal über Manieren im Web, etwa den Like-Button. Dieser Daumen-hoch-Knopf auf Facebook wird häufig verunglimpft, weil er angeblich Symbol einer Ja-Sager-Gesellschaft ist, die nur jubelt und keine Kritik üben kann. Dieser These stimme ich nicht zu: Wer auf Facebook streiten will, kann das in den Kommentaren tun. Der Like-Knopf hingegen ist vielmehr eine höfliche Geste, ähnlich dem Nicken, wenn man jemandem zustimmt, oder dem Grüßen am Gang.

Deswegen finde ich es total unhöflich, wenn Menschen niemals den Like-Knopf drücken. Finden die gar nicht erfreulich, was ihre Onlinekumpel auf Facebook so tun und schreiben? Ich vermute, Nicht-Liker sind dieselben Leute, die auch am Gang nicht grüßen können. Denen fehlt es an Empathie. Der Like-Knopf ist wie das Lächeln des Internets. Man signalisiert dem anderen: Es ist schön, dass es dich gibt. Und sollten wir das nicht generell viel öfter sagen? Continue reading »

Dec 212011
 

Medienmensch des Jahres: Max Schrems hat sich mit Facebook angelegt und dabei mehr erreicht als manch ein Politiker

Ein junger Österreicher, Igelfrisur, brillantes Englisch, gibt CNN ein Interview. Er sitzt in seinem Wohnzimmer in Wien-Mariahilf, mittels Skype wird er dem amerikanischen Fernsehen zugeschaltet. Zwei Wochen später diskutiert er live auf Al-Jazeera. Es geht um den Datenkraken Facebook, um seine undurchschaubaren Geschäfte und sein Rechtsverständnis.

Nicht nur CNN hat Max Schrems befragt. Die New York Times, der Guardian und die Zeit stellten sich bei ihm an, die Bild widmete ihm die Titelzeile, mit Le Monde saß er im Café Ritter. “L’important, c’est que Facebook respecte la loi“, diktiert er den Franzosen. Es ist wichtig, dass Facebook das Gesetz respektiert

Max Schrems ist 24, stammt aus Salzburg und studiert Jus an der Uni Wien. Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Student aus bürgerlichem Haus nicht von seinen Kollegen vom Juridicum: Er besucht unter der Woche Vorlesungen, am Wochenende Partys. Doch eines lenkt die Aufmerksamkeit der Weltpresse auf ihn: Schrems hat sich mit einem der einflussreichsten Unternehmen der Welt angelegt, er hat die Initiative “Europe vs. Facebook” gegründet und Facebook angezeigt, 22-mal.

Die kalifornische Firma missachtet den europäischen Datenschutz, sie täuscht ihre User, hat unfaire Geschäftsbedingungen, meint Schrems. “Wenn Facebook in Europa Geschäfte machen will“, sagt er, “dann muss es sich an europäisches Recht halten.“

Schrems tat etwas Kluges, ehe er seine 22 Anzeigen verfasste. Er begehrte Auskunft, welche Daten Facebook über ihn eigentlich so abspeichert. Dieses Recht steht jedem europäischen Konsumenten zu, weiß der Jusstudent. Schrems staunte, als ihm Facebook eine CD mit einem 1222 Seiten langen PDF-Dokument übersandte. 1222 Seiten nur über Max Schrems, seine Pinnwandeinträge, seine Facebook-Freunde, seine Ex-Facebook-Freunde und viele andere Informationen, die Schrems längst gelöscht geglaubt hatte.

Wer seine Daten auf Facebook löscht, erkannte Schrems, macht sie oft nur unsichtbar. Sogar private Nachrichten verblieben in den Archiven des Internetriesen, auch wenn Schrems sie vernichten hatte wollen. “Ein klarer Verstoß gegen europäische Datenschutzbestimmungen“, sagt er. Ohne die Zustimmung des Users dürfen Firmen in Europa Daten nicht unendlich lange aufbewahren.

Der Student artikulierte das Unbehagen vieler User und brachte die Anzeigen vor der irischen Datenschutzkommission ein. Denn in Irland hält Facebook eine Tochterfirma, die für alle europäischen Kunden zuständig ist und für die europäisches Recht gilt. Die irischen Datenschützer durchleuchten nun die Webseite, haben zwei Unternehmensprüfungen bei der irischen Tochterfirma durchgeführt. Voraussichtlich werden sie noch diese Woche einen ersten Bericht vorlegen – das Dokument wird zeigen, ob sich die Behörde tatsächlich traut, dem kalifornischen Internetgiganten auf die Füße zu treten. (Update: Der Bericht der Datenschutzkommission ist erschienen und fordert mehr Rechte für die User und mehr Transparenz von Facebook. Hier die Presseaussendung von Max Schrems)
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Oct 092011
 

Die riesigen Datenspeicher sind eine Gefahr für unsere Gesellschaft, sagt Internetexperte Viktor Mayer-Schönberger. Er fordert uns auf, wieder möglichst vergesslich zu werden

Einst war Vergessen die Regel und Erinnerung die Ausnahme. Doch die Computer haben all das auf den Kopf gestellt, die Festplatten werden immer größer, Webseiten wie Facebook gieren danach, unser ganzes Leben digital darzustellen.

Aber Vorsicht! Diese virtuelle Selbstdarstellung ist nur ein Zerrbild, die permanente Erinnerung überfordert unser Hirn, warnt der Jurist und Internetexperte Viktor Mayer-Schönberger. Der gebürtige Österreicher hat lange Zeit in Harvard unterrichtet, ist heute an der Oxford University tätig und hat das Buch “Delete“ verfasst, eine Aufforderung zum Löschen. Dieser Tage ist Mayer-Schönberger in Wien und wird an zwei Diskussionen teilnehmen. Der Falter fragte ihn vorab, warum Erinnerung so schlecht und Vergessen so gut sein soll.

Falter: Herr Mayer-Schönberger, Facebook hat kürzlich ein neues Feature vorgestellt, die Timeline. In Zukunft werden alle Profile als Zeitleiste dargestellt. Dann kann man zurückverfolgen, was ein Onlinefreund in den letzten Jahren auf Facebook alles eingetragen hat, das reicht von der Geburt über den Abschluss des Studiums bis hin zum Start einer neuen Beziehung. Ihnen wird das vermutlich missfallen.

Viktor Mayer-Schönberger: Ja, und zwar aus zwei Gründen. Erstens hat Facebook das sehr trickreich eingeführt. Seit über einem Jahr gibt es bei Facebook Datenschutzeinstellungen, bei denen man festlegen kann, welche Statusmeldungen man mit welchen Freunden teilen möchte. Zum Beispiel, ob man eine Information allgemein zugänglich macht oder nur einem engen Freundeskreis zeigt. Das ist gut. Was aber hat Facebook bei der Timeline getan? Statusmeldungen, die vor der Einführung der Datenschutzeinstellungen verfasst wurden, werden plötzlich öffentlich. Continue reading »

Sep 212011
 

Wir sind solche Mitläufer! Kaum startet Google seinen neuen Facebook-Konkurrenten, strömen alle hin. Angeblich ist Google+ ein revolutionäres Kommunikationstool, um seine Onlinebekanntschaften zu verwalten und die eigene Privatsphäre zu wahren. Das einzige Problem: Der Webdienst war letzte Woche noch gar nicht für alle zugänglich. Eine geniale Marketingstrategie von Google. Zuerst reden sie groß über ihren Webdienst, dann lassen sie niemanden rein.

Also gierte die Onlinecommunity um eine Einladung, alle wollten durch die Hintertür schlüpfen, auch ich. Als ich dann Zutritt bekam, musste ich anderen die Tür aufhalten. Das ganze Wochenende lang versandte ich Einladungen an andere User. Wie Google+ so ist? Ob es unsere Kommunikation verbessert? Ich habe keine Ahnung. Vor lauter Einladungenverschicken hatte ich keine Zeit, mir den Dienst näher anzusehen oder gar darüber nachzudenken. Aber wurscht, Hauptsache, ich kann sagen, ich war als Erste bei dem Hype dabei. Continue reading »

May 012011
 

Ich finde das eine Frechheit. Ich sitze im Büro, draußen ein Hundewetter, drinnen ein Berg an Arbeit. Dann schaut man kurz auf Facebook, um sich aufzuheitern – und wird ganz depressiv. Meine Facebook-Freunde posten Fotos vom Skilauf in Ischgl oder von der tollen Party gestern. Habe ich schon gesagt, dass ich euch alle hasse?

Es geht nicht nur mir so. Neulich hat eine Journalistin in der New York Times darüber geschimpft. “Fear of Missing Out“ nennt Jenna Wortham das Gefühl, wenn online alle anderen mit ihrem Leben prahlen und man selbst fad auf der Couch oder am Arbeitsplatz sitzt. Diese Angst, das eigentliche Leben zu versäumen, ist mir bekannt. Ich versuche es locker zu nehmen: Wahrscheinlich sind die Bilder eine Lüge. Der Schnee war patzig, die Party öd. Und wenn mich das nicht beruhigt, bleibt noch ein Hoffnungsschimmer: Bald fahre ich auf Urlaub. Dann werde ich meine Freizeitfotos hochladen und ihr werdet mich beneiden. Dazu ist Facebook schließlich da. Stimmt’s? Continue reading »