Mar 262013
 

Papst Franz steht sogar im österreichischen Telefonbuch. Ich habe ihn gleich angerufen.

 

time-papst

Nicht der einzige Papst Franz

Grüß Gott, spreche ich mit Papst Franz?
Ja, richtig.

Toll, dass Sie im Telefonbuch stehen! Ich möchte Sie um ein Interview bitten.
Na, ich hab ka Zeit, ich muss weg.

Aber Sie sind schon der richtige Papst?
Ja, der Richtige! Net der in Rom.

Wie finden Sie diese Namensgleichheit?
Na ja, damit muss ich leben!

Haben Sie eine Meinung über Franz I.?
Na, ich bin net der Mensch dafür.

Wie? Sie sind nicht gläubig?
Na.

Derzeit wird gestritten, ob man Franz oder Franziskus sagen soll. Was denken Sie als Experte im Franz-Sein?
Na ja, Franziskus passt auch.

Wird der Name Franz wieder modern?
Das kann ich net beantworten.

Fänden Sie das gut?
Gut, gut … Das ist mir egal.

Haben Sie schon andere auf die Namensgleichheit angesprochen?
Nein.

Aber die ist doch sehr offensichtlich!
Ja, ich weiß schon, dass ich so heiß.

Haben Sie einen Tipp, was Ihr Namensvetter jetzt machen sollte?
Na, ich will das gar net beeinflussen, das kann ich ja sowieso net.

Der andere Papst ist der Vertreter eines wichtigen Vereins. Sind Sie auch irgendwie spirituell unterwegs?
Na, nix, gar nix.

Darf ich Sie noch nach Ihrem Job fragen?
Mein Job? ÖBB.

Also der österreichische Papst arbeitet bei den ÖBB?
Genau. Danke, auf Wiederhören!

 

Dieser Text ist im Falter als Nachfragekolumne “Am Apparat” erschienen (Ausgabe 12/13). Bild: Time Magazine

Feb 062013
 

Die Jugend solle nicht jammern, sondern lieber einen neuen Gesellschaftsentwurf entwickeln und der Band Tocotronic zuhören, meint Soziologe Heinz Bude. Ein Experteninterview mit unkonventionellen Ideen

Falter: Professor Bude, viele Junge haben dieses mulmige Gefühl, dass es vorigen Generationen besser ging. Ist da was dran?

Heinz Bude: Absolut. Den Jungen ist klar, dass sie nicht den gleichen Aufstieg erleben werden wie ihre Eltern. Mein Kollege Ulrich Beck hat immer von einem “Fahrstuhleffekt“ in der Nachkriegszeit gesprochen: Für die gesamte Gesellschaft ging es nach oben. Diesen Aufzug gibt es nicht mehr und für die Jungen ist das interessanterweise eine schmerzhafte Einsicht.

Was ist so interessant daran? Ist doch verständlich, dass den Jungen das nicht gefällt.

Bude: Stimmt. Nur im vergangenen Jahrhundert nahmen die Jugendgenerationen stets eine Konfliktperspektive zu ihren Eltern ein. Ihnen war wichtig, eine andere Zukunft zu finden als jene der Eltern. Das hat sich merkwürdigerweise umgekehrt. Jetzt klagen die Jungen darüber, dass sie es nicht genauso gut haben werden.

Das wahre Problem ist also, dass die Jugend keinen eigenen Generationenentwurf hat?

Bude: Genau so ist es. Ihnen fehlt der Glaube, dass sie selbst eine neue Zukunft für sich entwerfen können. Das führt zur eigentlichen Depression der Jungen. Continue reading »

Dec 172012
 

Der Student Max Schrems hat sich juristisch mit Facebook angelegt und möchte nun sogar in Irland, wo Facebooks Europazentrale liegt, eine Klage einbringen. Er bekommt prominente Unterstützung: Der Schriftsteller Wolf Haas will ihm helfen, das nötige Geld für die Klage zu sammeln – oder zumindest einen kleinen Teil davon.

Herr Haas, was haben Sie denn gegen Facebook?
Darum geht’s doch gar nicht. Die Frage ist nicht, was man für oder gegen Facebook hat, sondern ob man für Datenschutz ist. Weil mir diese Initiative von Max Schrems gefällt und ich für Datenschutz bin, will ich da nun einen kleinen Beitrag leisten.

Wie wollen Sie denn helfen?
So eine Klage kostet viel Geld. Ich habe circa 500 Wolf-Haas-Bücher daheim herumliegen, sogenannte Belegexemplare. Jetzt habe ich der Initiative von Max Schrems angeboten, eine Signierstunde zu halten. Für eine Spende bekommt man eines meiner Bücher.

Dieses Buch gibt’s zum Beispiel – inklusive Signatur!

Die Klage wird gar nicht direkt gegen Facebook eingebracht, sondern gegen die irische Datenschutzbehörde.
Genau, eine erfolgreiche Klage hätte aber direkte Auswirkungen auf Facebook: Man könnte es dazu zwingen, unsere Persönlichkeitsrechte zu wahren. Wenn jemand zum Beispiel seine Daten löschen lässt, sollte Facebook auch tatsächlich alle Daten löschen.

Als bekannter Autor könnten Sie viele Initiativen unterstützen. Warum diese?
Weil ich Datenschutz für eines der zentralen Themen unserer Zeit halte. Und weil ich viel im Ausland unterwegs bin. Mir gefällt, wenn Österreich einmal mit einer guten Sache auffällt.

Sind Sie überhaupt selbst auf Facebook?
Nein, das Spannende ist aber: Man muss gar nicht Facebook-Mitglied sein, die Seite versucht trotzdem mittels sogenannter Cookies, die eigenen Spuren im Netz zu verfolgen. Deswegen betrifft das Thema einen jeden.

 

Termin:

Signierte Bücher von Wolf Haas für eine Spende gibt es am  Dienstag, 18.12., 17 Uhr im Phil (6., Gumpendorfer Str. 10-12). Infos: crowd4privacy.org

Links:

- Auch Richard Gutjahr hat über Max Schrems Klage berichtet

- Neulich berichtete auch die Süddeutsche über Max Schrems

 

Dieser Text stammt aus Falter 50/12. Fotos: RoRoRo-Verlag, Flickr-User birgerking

Oct 032012
 

David Pogue ist Technikkolumnist der New York Times und Hassobjekt vieler Leser. Ein Gespräch über die Wut im Internet und Technik als Ersatzreligion

Ihm folgen 1,4 Millionen Menschen auf Twitter. Er hat Dutzende Sachbücher geschrieben und moderiert eine Wissenschaftssendung, vor allem ist David Pogue aber als Technikkolumnist der New York Times bekannt. Er ist eine der wichtigsten Stimmen, wenn es um die Einschätzung neuer technologischer Trends geht. Der Amerikaner hat aber nicht nur Fans – für seine Artikel wird er regelmäßig angefeindet, erhält bösartigste E-Mails. “Skeptiker und Feinde sind eine Nebenwirkung des Erfolgs“, meint Pogue zum Falter. Ein Gespräch über die verrohten Sitten im Web, Technik als Religion und den Ideologiekampf zwischen Apple und Google.

Falter: Herr Pogue, Sie schreiben über ein Thema, das viele Menschen äußerst ernst nehmen: Technologie. Bekommen Sie viele Hassmails?

David Pogue: Die ganze Zeit. Auch bin ich ständig das Opfer hasserfüllter Blogeinträge. Das ist schon sehr verstörend. Meine Theorie ist, dass Menschen mittlerweile von Technologie definiert werden. Apple hat dazu beigetragen, dass Gadgets zu Stilobjekten wurden. Wir beurteilen einander nach unseren Einkäufen. Immerhin ist Elektronik teuer. Wenn jemand unser neuestes Gerät schlecht bewertet, etwa in einer Zeitungskolumne, sieht man das fast schon als Beleidigung der eigenen Persönlichkeit. Die Leute sind da sehr, sehr empfindlich.

Haben Sie ein Beispiel, wie Leser Sie beschimpfen?

Pogue: Klar, etwa dieses Mail: “Lieber David, zuerst möchte ich sagen, dass du nur Scheiße redest und dich nicht genügend über die Fakten des Zune (ein MP3-Player von Microsoft, Red.) informiert hast.“ Dann folgt eine Auflistung von Punkten, in denen mir der Leser nicht zustimmt, und zum Schluss heißt es: “Für so einen voreingenommenen Artikel in einer (halbwegs) professionellen Zeitung solltest du in meinen Augen gefeuert werden. Ach, und falls du glaubst, ich arbeite für Microsoft oder habe eine schlechte Rechtschreibung, solltest du wissen, dass ich 15 bin.“

Wow, antworten Sie solchen unfreundlichen Mails?

Pogue: Normalerweise schon. Manchmal schreibe ich nur: “Ich antworte gern Ihren Bedenken, wenn Sie Ihre Nachricht nochmal schicken können, ohne dabei ausfällig zu werden.“ Manchmal gehe ich auch auf die Kommentare ein. In ihrer Antwort entschuldigen sich die Leute dann fast immer und beschwichtigen. Mir scheint, die rechnen keine Sekunde damit, dass ich tatsächlich antworte. Und wenn ich’s dann doch tue, ist ihnen ihr voriges E-Mail furchtbar unangenehm.

Bei Technik werden viele Menschen emotional, sie können stundenlang über Handys, Webseiten oder Betriebssysteme streiten. Ist Technik so eine Art Religionsersatz?

Pogue: Ja, absolut. Wenn Menschen einer Gruppe beitreten, gibt ihnen das eine emotionale Sicherheit, egal, ob es eine politische Partei oder eine elektronische Marke ist. Überdies bietet ihnen das Internet Anonymität, also werden viele Kommentare wesentlich giftiger und schriller als bei einem persönlichen Gespräch. Diese zwei Aspekte zusammen ergeben ein überaus unangenehmes Gemisch.

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Sep 252012
 

Politiker als Burnout-Opfer? Sie reden nur ungern darüber, wie ausgebrannt sie sind. Und doch leidet die Politik an akuter Erschöpfung, weiß Daniel Kapp, einst Pressesprecher des Vizekanzlers

Er braucht eine Auszeit, deswegen zieht sich Rudi Anschober bis Jahresende aus der Politik zurück. Der grüne Landesrat leidet an Burnout. Nur selten geben Politiker zu, dass sie am Rande ihrer Kräfte sind oder im Termin-Wirrwarr kaum noch zum Nachdenken kommen. Stattdessen schalten sie den “Autopiloten” ein und hoffen, das nächste Interview heil zu überstehen. Das berichtet zumindest Daniel Kapp, der jahrelang an vorderster Front im Politgeschäft tätig war: Zuletzt arbeitete er als Pressesprecher von Vizekanzler und ÖVP-Chef Josef Pröll, bis dieser aus gesundheitlichen Gründen zurücktrat. Ein Gespräch über eine Politik, der eine wertvolle Ressource fehlt: Zeit.

 

Anschober: Auszeit wegen Burnout

Herr Kapp, sind Politiker wirklich so burnoutgefährdet?

Absolut. Der Job eines Politikers hat eine unglaubliche Beschleunigung erlebt. Rund um die Uhr muss man auf etliche Themen eine Antwort haben und abrufbar sein. Das ist weder für Politiker noch für deren Mitarbeiter auf Dauer beherrschbar.

 

Wie arg ist der Alltag eines Spitzenpolitikers?

Lassen Sie mich die letzte Woche von Josef Pröll schildern: Die begann mit einem Krisengipfel der Finanzminister zu Griechenland. Um fünf in der Früh flog Pröll am Montag nach Brüssel, verhandelte dort zwei Tage lang. Dienstagabend ging es zurück nach Linz, dort gab es Verhandlungen mit Landeshauptleuten und dem Sozialminister zur Pflegelösung, die bis drei Uhr nachts dauerten. Am nächsten morgen um neun da eine Pressekonferenz mit der Präsentation der Verhandlungsergebnisse. Danach ab nach Wien zu einem Termin mit dem Bundespräsidenten. Dann schlief Pröll einmal zuhause. Am Donnerstag ging es weiter nach Innsbruck, zu verschiedenen Terminen, abends eine ÖVP-Frauen-Veranstaltung, tags darauf war ein Skinachmittag mit Opinion Leaders im Hochzillertal geplant. Und bei dieser Gelegenheit hat Pröll dann seinen Lungeninfarkt gehabt. Und all das war nur die unmittelbare Arbeit. Parallel dazu stehen permanent Telefonate und Interviewanfragen an. Und bei jedem Termin muss man voll präsent sein. Irgendwann ist das psychisch und physisch zu viel.

 

War der Stress der Grund für die Lungenembolie von Josef Pröll?

Als Nichtmediziner wäre es vermessen, da Zusammenhänge hinein zu interpretieren. Die Lungenembolie ist eine medizinische Erkrankung und wird mit dem Stress wohl nix zu tun haben. Nur eines ist sicher: Der Job hat ihn sicher dazu gefordert, körperliche Grenzen zu überschreiten.

 

Herr Anschober meint, er habe bis zu 100 Stunden pro Woche gearbeitet. Ist das realistisch?

Ja, als Landesrat muss man ständig am Land unterwegs sein. Das war bei Pröll ähnlich: Der hatte nicht nur seinen Job als Finanzminister und Vizekanzler, sondern musste auch durch die Ländern touren. Diese Erwartungshaltung gibt es in den Bundesländern. Sonst heißt es, man ist abgehoben. Und gleichzeitig gehört auch die Medienmaschinerie bedient. Wenn ein Thema aufkommt, wird einem Parteichef erwartet, dass er nach einem zehn-Stunden-Tag um 22 Uhr in der „ZiB2“ sitzt und voll präsent ein Interview gibt. Ich meine: Politik und Medien bräuchten eine Entschleunigung.

 

Glauben Sie, werden in Zukunft noch mehr Politiker zurücktreten, weil es ihnen einfach zu viel wird?

Stellen Sie sich vor, eine Partei würde sagen: Danke, wir sehen uns das gründlich an und geben in zwei Wochen eine Stellungnahme ab

Sicherlich. Oder es werden Leute nachkommen, die den Job nicht ganz so ernst nehmen und sich auf diese Weise vor der Belastung schützen. Ein Beispiel für die Beschleunigung: Verteidigungsminister Norbert Darabos hat über mehrere Monate hinweg einige Modellen berechnen lassen, wie ein neues Bundesheer aussehen könnte. Das hat er dann präsentiert und in derselben Sekunde wussten FPÖ, BZÖ, ÖVP und Grüne auch schon, was sie davon halten. Wie geht das? Indem sich keiner das seriös angesehen hat. Der Druck ist da, sofort zu reagieren. Stellen Sie sich vor, eine Partei würde sagen: „Danke, wir werden die Modelle zwei Wochen gründlich ansehen und dann eine Stellungnahme abgeben.“ Das wäre zwar seriös, würde aber keiner akzeptieren.

 

Sie fordern Entschleunigung. Wie denn? 

Indem nicht jeder Spitzenpolitiker zu jedem Mist gleich etwas sagen muss. Indem man etwas langsamer diskutiert und Raum zum Nachdenken zulässt. Manchmal kommen mir Politik und Medien wie eine riesige Big-Brother-Show vor, in der jede Drehung und Wendung hysterisch analysiert wird.

 

Ist so eine Entschleunigung realistisch?

Die Frage ist, ob die Medien wirklich von jedem sofort eine Antwort brauchen. Diese Verantwortung liegt bei den Medien und den Politikern. Man kann sich sehr wohl manchmal entziehen. Schüssel hat das mitunter gemacht. Dann wurde ihm vorgeworfen, der Schweigekanzler zu sein.

 

Vielleicht wollte Schüssel auch nur lästige Debatten vermeiden.

Vielleicht war er der Auffassung, es gibt einen Zeitpunkt, wo man etwas sagen muss, und einen Zeitpunkt, wo man sich noch zurückhalten kann.

 

Ärgert Sie, dass viele über die faulen Politiker schimpfen?

Ich bin froh über meinen Ausstieg. Ohne eine Diät zu machen, habe ich seither 20 Kilo abgenommen

Mich ärgern die Fellners dieser Republik, die unangemessene Bilder von Politikern erzeugen. Ich würde nicht zurück in die Politik und bin froh über meinen Ausstieg. Ohne ein Diät zu machen, habe ich seither 20 Kilo abgenommen, weil ich wieder zu normalen Zeiten essen kann, weil ich nicht mehr im selben Ausmaß dem Alkohol ausgesetzt bin. Man ist permanent bei Veranstaltungen, bei der einen gibt es ein Schnapserl, bei der anderen einen Pfiff. Jetzt hab ich wieder Zeit für Freunde, Zeit für Gedanken. All das gab es in der Politik nicht.

 

Sollten sich die Politiker auch trauen, ihre menschlichen Schwächen zu zeigen?

Sicherlich. Nur glaube ich, würde die Medienmaschinerie darauf sehr unbarmherzig reagieren. Die „ZiB2“ hat kein Verständnis dafür, wenn ein Politiker um 22 Uhr nicht mehr ins Studio kommt, wenn ein Thema gerade aktuell ist.

 

Aber auch die Journalisten leiden unter dem Aktualitätsdruck und der permanenten Erreichbarkeit.

Drei Uhr früh. Ich wach auf, seh das SMS und denk mir: “Ich muss den Chef informieren”

Der Unterschied ist nur: Pressesprecher und Politiker sind rund um die Uhr im Job. Ich bin 24 Stunden sieben Tage die Woche die Anlaufstelle für Journalisten gewesen. Die Redakteure haben zwischendurch mal einen Tag frei und da ist ihnen völlig egal, was passiert, weil gerade ein anderer Dienst hat. Zum Ende hin habe ich dann versucht, selbst Grenzen zu ziehen. Von Freitagabend bis Samstagabend hab ich mein Handy abgeschaltet und nur mein Kollege war erreichbar. Wenn ein Thema wichtig genug ist, erreicht es einen ohnehin. So war das beim Tod von Jörg Haider: Da erhielt ich um drei Uhr nachts das SMS. Ich wach auf, seh das SMS und denk mir: „Ich muss den Chef informieren.“ Um sechs Uhr früh läuft das Frühjournal auf Ö1, um sieben Uhr das Morgenjournal, da muss der ÖVP-Chef ein Statement abgeben. Also habe ich Pröll um drei Uhr früh angerufen und kaum war das Gespräch beendet, ruft Fritz Dittelbacher vom ORF an und fragt: „Wann können wir deinen Chef interviewen?“ Um sechs in der früh haben wir dann das Interview vor dem Parlament gemacht. Übrigens an einem Wochenende, das Pröll ausnahmsweise mal mit der Familie verbringen wollte.

 

Nur wissen die meisten Leute nicht, wie schnell diese Medienmaschinerie tickt.

In diesem Geschäft kommen wir nicht mehr zum Nachdenken. Du turnst von einem Tag zum anderen, schaltest den Autopiloten ein

Ja, mir geht’s auch nicht um Mitleid. Die Menschen in der Politik wissen schon, worauf sie sich da einlassen. Nur erklärt das Ganze auch die zunehmende Verflachung. In diesem Geschäft kommen wir nicht mehr zum Nachdenken. Als Pröll Landwirtschaftsminister war, hatten wir noch halbwegs Ruhe, um nachzudenken. Doch irgendwann kommst du in so einen Strudel gleichzeitiger Themen und Anforderungen, dass du dich selber nicht mehr spürst. Dann turnst du nur noch von einem Tag zum anderen, schaltest medial den Autopiloten ein, dessen einziger Anspruch ist, bloß keinen Blödsinn zu sagen. Du turnst dich also von Interview zu Interview und versuchst, ja keinen Wurstsemmel-Sager abzuliefern – also keine achtlose Aussage, die dir wochenlang um die Ohren fliegt. Deswegen verwendest du eine unangreifbare, belanglose und inhaltsleere Floskelsprache, einfach um zu überleben. Das merkt man bei Kanzler Faymann und bei vielen anderen Politikern auch. Diese Politikersprache ist nur noch auf eines ausgerichtet: unbeschadet über die Runden kommen.

 

Zur Person:

Daniel Kapp war von 2000 bis 2011 Pressesprecher verschiedener Regierungsmitglieder, zuletzt von Vizekanzler und Finanzminister Josef Pröll. Nun ist er strategischer Kommunikationsberater, der Standard widmete ihm zu seinem Abgang sogar ein eigenes Porträt (“Niemals nur ein Kofferträger“), auch der Österreichische Journalist berichtete über Kapps neues Berufsleben. Daniel Kapp ist auch auf Twitter.

 

Eine kürzere Fassung dieses Interview ist auch im Falter (Ausgabe 39/12) nachzulesen. Diese längere, ausführliche Fassung gibt es nur hier im Blog. Fotos: European People’s Party / Mauri Ratilainen / Compic & Grüne Wels

 

 

Oct 092011
 

Die riesigen Datenspeicher sind eine Gefahr für unsere Gesellschaft, sagt Internetexperte Viktor Mayer-Schönberger. Er fordert uns auf, wieder möglichst vergesslich zu werden

Einst war Vergessen die Regel und Erinnerung die Ausnahme. Doch die Computer haben all das auf den Kopf gestellt, die Festplatten werden immer größer, Webseiten wie Facebook gieren danach, unser ganzes Leben digital darzustellen.

Aber Vorsicht! Diese virtuelle Selbstdarstellung ist nur ein Zerrbild, die permanente Erinnerung überfordert unser Hirn, warnt der Jurist und Internetexperte Viktor Mayer-Schönberger. Der gebürtige Österreicher hat lange Zeit in Harvard unterrichtet, ist heute an der Oxford University tätig und hat das Buch “Delete“ verfasst, eine Aufforderung zum Löschen. Dieser Tage ist Mayer-Schönberger in Wien und wird an zwei Diskussionen teilnehmen. Der Falter fragte ihn vorab, warum Erinnerung so schlecht und Vergessen so gut sein soll.

Falter: Herr Mayer-Schönberger, Facebook hat kürzlich ein neues Feature vorgestellt, die Timeline. In Zukunft werden alle Profile als Zeitleiste dargestellt. Dann kann man zurückverfolgen, was ein Onlinefreund in den letzten Jahren auf Facebook alles eingetragen hat, das reicht von der Geburt über den Abschluss des Studiums bis hin zum Start einer neuen Beziehung. Ihnen wird das vermutlich missfallen.

Viktor Mayer-Schönberger: Ja, und zwar aus zwei Gründen. Erstens hat Facebook das sehr trickreich eingeführt. Seit über einem Jahr gibt es bei Facebook Datenschutzeinstellungen, bei denen man festlegen kann, welche Statusmeldungen man mit welchen Freunden teilen möchte. Zum Beispiel, ob man eine Information allgemein zugänglich macht oder nur einem engen Freundeskreis zeigt. Das ist gut. Was aber hat Facebook bei der Timeline getan? Statusmeldungen, die vor der Einführung der Datenschutzeinstellungen verfasst wurden, werden plötzlich öffentlich. Continue reading »

Jul 052011
 

In Zukunft darf auch ein Habsburger Bundespräsident werden. Bisher war dies den Nachkommen der Kaiserfamilie verwehrt. Das Parlament hat dieses Verbot aufgehoben. Der Kärntner Ulrich Ferdinand Gudmund Habsburg-Lothringen denkt nun über eine Kandidatur nach.

Herr Habsburg-Lothringen, wollen Sie jetzt Bundespräsident werden?
Ich war schon zwei Mal beim derzeitigen Bundespräsidenten. Er hat mir geschildert, dass das ein sehr interessanter Job sei. Sollte mich eine große Partei aufstellen, würde ich es angehen.

Also in fünf Jahren gibt es vielleicht einen Habsburger als Präsidenten?
Das wäre das Richtige, um sich endlich mit den Habsburgern zu versöhnen. Continue reading »