Foto: Christian WindErnst Strasser verliert seine Verbündeten. Nun fordert ihn sogar sein Parteichef Josef Pröll zum Rücktritt auf. Jedes Mal, wenn Ernst Strasser schlechte Schlagzeilen macht, muss ich an ein legendäres Telefonat mit ihm denken.

Es war 2008, Strassers E-Mails waren gestohlen und in Medien veröffentlicht worden. Die Korrespondenz zeigt, wie Posten an Parteifreunde vergeben wurden. Der ehemalige Innenminister zeigte den Diebstahl an. Ich fragte ein paar Monate später für den Falter nach, ob man den E-Mail-Dieb schon geschnappt hatte. Strassers Antwort: “Diese Frage müssen Sie meinem Anwalt stellen. Ich gebe dazu keine Auskunft. Nein, wer mein Anwalt ist, das sage ich Ihnen auch nicht.” Weiterlesen… »

Der ungarische Radioredakteur Zsolt Bogár protestierte mit einer Schweigeminute gegen das Mediengesetz – und wurde suspendiert


Es ist das umstrittenste Mediengesetz in Europa. Ende des Jahres beschloss die konservative Regierungspartei Fidesz das neue Gesetz und schränkte damit die Meinungs- und Pressefreiheit massiv ein. Nun muss sich Ministerpräsident Viktor Orbán international rechtfertigen, das Mediengesetz überschattet die EU-Ratspräsidentschaft, die Ungarn zu Beginn des Jahres übernahm. Auch im Inland gibt es Kritik und Demonstrationen. Zwei ungarische Journalisten, Zsolt Bogár und Attila Mong, legten im öffentlich-rechtlichen Radio eine Schweigeminute ein – und wurden suspendiert. Mit dem Falter sprach Redakteur Bogár über die Selbstzensur, die in Ungarn zunimmt, und über seine Hoffnung, dass die Regierung doch noch einlenkt.

Falter: Herr Bogár, wie kam es zu Ihrer Schweigeminute?

Zsolt Bogár: Das Parlament verabschiedete das Mediengesetz frühmorgens am 21. Dezember. Ich hatte durch Zufall eine gemeinsame Sendung mit dem Moderator Attila Mong. Wir hatten schon früher besprochen, dass wir dagegen demonstrieren wollen. Bei uns im Radio gibt es aber die interne Regel, dass wir Nachrichten nicht kommentieren dürfen. Wir wollten diese Regel nicht richtig brechen und haben deswegen eine Schweigeminute eingelegt. In unseren Augen war das eher ein Aufschrei als eine Meinungsäußerung.

Wie haben Sie die Schweigeminute ins Programm geschmuggelt?

Bogár: Unsere Sendung heißt “180 Minuten“. Es ist die populärste Morgensendung in Ungarn, bis zu eine Million Menschen hören zu. Es gibt drei bis vier Redakteure, jeden Tag ist ein anderer zuständig. Um sechs Uhr früh beginnen die Nachrichten, um viertel sieben kommt die erste Ansage des Moderators. Attila Mong begann seine Moderation mit der Schweigeminute. Er sagte: “Heute Nacht wurde das Mediengesetz verabschiedet. Da ich nach unseren internen Regeln keinen Kommentar abgeben darf, lege ich im Einverständnis mit dem Redakteur Zsolt Bogár eine Schweigeminute ein.“ Das war eine lange Minute. Im Radio hört sich das wie eine Ewigkeit an.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Viele Kollegen sind vorsichtiger geworden, die Wahl der Themen änderte sich
Bogár: Wir beide sprachen über das Gesetz und scherzten, wie man kreativ protestieren könnte. Anfangs waren das eher Witze, aber der Gedanke blieb hängen. Schließlich hatten wir die Nase voll. Das Problem ist, dass die Selbstzensur vor einer politischen Wende immer zunimmt. Vergangenen Frühling wurde die neue Regierung gewählt, viele Kollegen sind vorsichtiger geworden, die Wahl der Themen änderte sich. Nach der Wahl hieß es, die öffentlich-rechtlichen Medien werden zusammengelegt, es gibt Kürzungen, viele Journalisten verlieren ihren Job. Dann kam dieses Gesetz. Diese Existenzängste haben die Qualität der Sendungen gesenkt.

Was tun Sie während Ihrer Suspendierung?

Bogár: Ich warte ab. Gegen uns läuft ein Disziplinarverfahren. Wir sollen unsere Handys eingeschaltet lassen und dürfen uns nicht zu weit vom Radio entfernen, falls uns doch jemand benötigt.

Was stört Sie am meisten an dem Gesetz?

Bogár: Da muss man zuerst den Hintergrund verstehen: Es wäre falsch zu sagen, dass früher alles gut und jetzt alles schlecht sei. Auch das Mediengesetz aus dem Jahr 1996 war problematisch und wurde missbraucht. Es gab Korruptionsfälle bei Frequenzvergaben, die Kontrollgremien haben nicht richtig funktioniert. Ich glaube überdies, dass die Sozialisten eine ähnliche Vorstellung von Macht und Pressefreiheit haben. Nur hatten sie während ihrer Regierungszeit keine Zweidrittelmehrheit, um ein solches Mediengesetz durchzusetzen.

Nun hat Fidesz die Zweidrittelmehrheit und kann Gesetze mit gravierenden Folgen ändern.

Bogár: Stimmt. Mit 1. Jänner 2011 trat das Mediengesetz in Kraft. Die Pressefreiheit wurde nicht abgeschafft, aber eingeschränkt. Wir haben noch keine praktischen Erfahrungen, man erkennt aber Tendenzen. Die neu eingerichtete Medienbehörde hat ein ungewöhnlich großes Machtpotenzial. Sie kann fast alles kontrollieren: elektronische Medien, Printmedien, Online-Inhalte. Nirgendwo sonst gibt es in der EU ein derartig mächtiges Kontrollgremium, zumindest ist mir keines bekannt. Die Medienbehörde kontrolliert nicht nur die Einhaltung der Gesetze und verteilt Sendelizenzen, sie kann auch noch hohe Geldstrafen verhängen, Strafen, die Medien in den Ruin treiben können.

Diese Medienbehörde entscheidet nun anscheinend darüber, was im öffentlichen Interesse ist – und was nicht.

Bogár: Das Problem an dem Gesetz ist, dass es äußerst vage formuliert wurde. Zum Beispiel steht darin: Wenn ein Artikel oder eine Sendung die Interessen einer Minderheit oder Mehrheit verletzt, kann das bestraft werden. Was das genau heißen soll, wissen wir nicht. Hinzu kommt, dass die Medienbehörde ausschließlich von regierungsnahen Leuten besetzt ist.

Als Allererstes ging die Behörde gegen den kleinen Radiosender Tilos vor.

Bogár: Das ist ein sehr kleiner Gemeinschaftssender, früher war es ein Piratenradio, heute hören sich maximal 5000 oder 6000 Menschen eine Sendung an. Im September spielte Radio Tilos ein Lied von Ice-T. Ein Bürger hat sich anscheinend beschwert. Ich kann diese Beschwerde noch einigermaßen nachvollziehen, im Text kommt das Wort “Motherfucker“ vor und man hätte sagen sollen: “Dieses Lied ist für Leute ab 16.“ Vielleicht hat Radio Tilos einen Fehler begangen, aber doch keinen Fehler, den man mit hohen Strafen ahndet.

Radio Tilos ist auch als aufmüpfiger Sender bekannt.

Bogár: Ja, zu diesem Fall gibt es auch eine andere Interpretation. Radio Tilos zählt zum liberalen Lager. Viele liberale Journalisten arbeiten dort und man will sie einfach nicht in Ruhe lassen. Dieses Verfahren wäre eine gute Methode, den Sender kaputtzumachen.

Was passiert nun mit der Radiostation?

Bogár: Ihr drohen hohe Strafen. Das ist auch ungeschickt von der Regierung: Jedes Urteil der Medienbehörde, egal ob gerechtfertigt oder nicht, wird als politische Entscheidung gelten. Die Leute werden sagen: Jetzt kommt der Zensor.

Vielleicht kommt es aber gar nicht so weit, weil viele Medien einlenken und sich selbst zensurieren.

In der Selbstzensur sehe ich die größte Gefahr
Bogár: Darin sehe ich die größte Gefahr. In Ungarn und in ähnlichen Ländern reicht es bereits aus, nur über die Einführung eines solchen Gesetzes zu sprechen und schon wird selbstzensuriert. Vor zwei Wochen interviewte eine Radiokollegin einen Menschenrechtler. Es war der internationale Tag der Menschenrechte und der Experte wurde nach Grundrechtsverstößen in Ungarn gefragt. Er zählte solche auf und nannte dann auch das Mediengesetz. Das war sein Pech. Ausgerechnet an diesem Tag wurde berichtet, dass die öffentlich-rechtlichen Medien zusammengelegt und Leute gekündigt werden sollen. Die Reporterin hat angeblich den Menschenrechtler gestoppt und gesagt: “Glauben Sie nicht, dass wir ausgerechnet heute ein solches Interview im öffentlich-rechtlichen Rundfunk veröffentlichen. Ich bin doch nicht dumm, dass ich meine Zukunft verspiele.“ Das ist so ein typischer Fall von Selbstzensur.

Ministerpräsident Viktor Orbán gestaltet nicht nur die Medienlandschaft um, er hat auch das Führungspersonal bei der Polizei ausgetauscht und die Rechte des Verfassungsgerichtshofs eingeschränkt.

Bogár: So ein Personalwechsel ist nach Wahlen nicht ungewöhnlich, neu ist aber die Zweidrittelmehrheit. Die Regierung sagt: Wir haben ein starkes Mandat, wenn wir damit nicht richtig umgehen und die nötigen Reformen nicht durchsetzen, werden wir in vier Jahren abgewählt. Die Konsensdemokratie hat in Ungarn nicht funktioniert, die politischen Lager waren zu gespalten. Nun ist die Zweidrittelmehrheit eine Chance für Reformen. Orbán nutzt den Gestaltungsraum seiner Partei sehr freizügig. Im Fall Mediengesetz ging es mir schon zu weit. Da hat sich die Regierung auf eine unnötige Konfrontation eingelassen, jetzt wird sie im Ausland dafür kritisiert.

Sogar EU-Sanktionen werden angedacht.

Bogár: Sanktionen gingen mir zu weit, ich glaube auch nicht, dass sie kommen. Das Mediengesetz sollte man nicht mit der EU-Ratspräsidentschaft verknüpfen. Ich möchte der Regierung nicht die Chance nehmen, etwas Gutes während der Ratspräsidentschaft auf die Beine zu stellen. Aber man kann schon darüber philosophieren, was die Regierung gerade tut.

Wird dieses Gesetz noch geändert werden?

Bogár: Ja, Orbán sagte bereits vor ausländischen Journalisten, dass man es notfalls ändern könne. Ich glaube, er ist klug und sucht bereits nach einem Ausweg. Wenn das Gesetz so bleibt, wird es der Verfassungsgerichtshof annullieren. Das kann eine Weile dauern, aber ich bezweifle, dass dieses Gesetz einer Überprüfung standhält.

Wurde unter der aktuellen Orbán-Regierung die Demokratie geschwächt?

Bogár: Es gibt mehr antidemokratische Tendenzen. Die Kompetenzen des Verfassungsgerichtshofs wurden eingeschränkt, die obligatorische private Rentenkasse wurde verstaatlicht. Einige Ungarn denken: Das Geld, das ich mein Leben lang zusammengespart habe, ist unsicher. Ungarn steckt in der Krise. Ich bin kein Orbán-Fan, aber ich hoffe noch immer, dass er einen Ausweg aus der Krise sucht und nicht einfach seinen antidemokratischen Neigungen gehorcht – wie man das in dem anderen Lager interpretiert.

Sie sind trotz allem hoffnungsvoll?

Bogár: Natürlich, ansonsten könnte ich einfach das Land verlassen. Viele junge Menschen fragen sich: Warum soll ich in Ungarn bleiben? Sollten sie anderswo eine Möglichkeit finden, wollen sie weg. Dabei gibt es darunter sicherlich einige Personen, die Ungarn bräuchte.
– Zur Person –

Zsolt Bogár ist Redakteur beim öffentlich-rechtlichen Sender MR1-Kossuth Rádió. Der 37-Jährige arbeitete zuvor als Journalist beim Wochenmagazin Magyar Narancs, wo er über Politik, Wirtschaft und Deutschland berichtete und auch Korruptionsfälle in Budapest aufdeckte. Er wurde bereits dreimal für den besten Artikel des Monats mit dem Medienpreis für Qualitätsjournalismus ausgezeichnet

Dieses Interview erschien im Falter (Ausgabe 01-02/11). Das obige Foto stammt von der Wiener Demo gegen das ungarische Mediengesetz

 

Bill Keller, Chefredakteur der New York Times, über die Enthüllungen von Wikileaks, die Zukunft der gedruckten Zeitung und den unersetzbaren Wert von Redaktionen





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Bill Keller ist kein Schwarzmaler, das sagt er über sich selbst. Dabei leidet die New York Times immens an der US-amerikanischen Zeitungskrise und will nun für ihre Onlineausgabe Geld verlangen. Beim Besuch in Wien erklärte der Chefredakteur der New York Times, wie er sich den Qualitätsjournalismus nach dem Tod der Zeitung vorstellen kann, wie er über Medienmogul Rupert Murdoch denkt und warum das vielgerühmte iPad der Branche Geld bringen könnte.





Falter: Herr Keller, wird die Zeitung in 100 Jahren noch existieren? Oder werden sie künftige Generationen nur noch aus dem Museum kennen?



Bill Keller: 100 Jahre sind eine lange Zeit. Ich bin mir zumindest sicher, dass es die Zeitung in zehn, 15 Jahren noch geben wird. Das ist wie bei den Vinylplatten. Die hätten angeblich auch aussterben sollen, wurden aber zu einer Art Sammlerobjekt. Irgendwann wird es sich wirtschaftlich nicht mehr rentieren, Bäume zu fällen und Papier zu bedrucken. Dann wird die Zeitung durch etwas ersetzt, was alle Vorteile des herkömmlichen Drucks hat und noch ein paar Errungenschaften dazu. Für mich ist das keine Tragödie.



Was bedeutet das für Ihre eigene Zeitung? Ihr Herausgeber Arthur Sulzberger sagte bereits: Wir werden den Druck der New York Times irgendwann in der Zukunft einstellen.“



Keller: Stimmt, aber er sagte nicht, wann diese Zukunft eintreten wird. Die Entwicklung erkennen wir jetzt: Wir verkaufen ungefähr eine Million Zeitungen pro Tag, mehr als 30 Millionen Menschen besuchen monatlich unsere Webseite. Wir erreichen somit mehr Leute im Internet als in Print. Die Zukunft ist digital – egal, ob die Zeitung tatsächlich im Internet oder als Applikation auf einem Gerät wie dem iPad gelesen wird. Die Substanz der New York Times ist ja nicht das Ding, das man in der Hand hält. Ihre Substanz ist der Journalismus, den hunderte Reporter, Fotografen, Redakteure und Webproducer erzeugen.



Sie glauben, dass die Onlinezeitung künftig die Verluste der Printzeitung ersetzen kann?



Keller: Ja.



Aber bisher geht diese Rechnung nicht auf.



Keller: Das wird sich ändern. Der Großteil unserer Einnahmen kommt derzeit aus der Zeitung, ein kleinerer Teil kommt aus dem Internet. Mit der Zeit wird Online immer mehr wachsen, wohingegen Print schwindet.



Ab kommendem Jahr wollen Sie für Ihre Onlineausgabe Geld verlangen. Wie soll das funktionieren?



Keller: Die Kunst ist, vom Abonnenten Einnahmen zu generieren, ohne das Werbegeschäft zu vermiesen. Den Werbern geht es um hohe Zugriffszahlen auf die Webseite. Wir planen deswegen ein sogenanntes Zählmodell. Der User bekommt eine bestimmte Anzahl von Artikeln gratis, danach muss er zahlen. Unsere Schranken bleiben dabei beweglich: Wenn die Zugriffe auf die Webseite sinken und die Werbeeinnahmen dadurch gefährdet werden, dürfen die Leute wieder mehr Artikel gratis lesen. Niemand erwartet, dass wir mit diesem System plötzlich irrsinnige Summen verdienen. Mit der Zeit wollen wir aber ein Verständnis dafür schaffen, dass sich unser Journalismus von anderen Angeboten im Netz unterscheidet und dass seine Herstellung teuer ist.



Sie wollen die Leute also zum Umdenken bringen? Derzeit heißt es oft: Für Nachrichten kann man im Internet kein Geld verlangen.



Keller: Und einst hieß es: Niemand wird für Musik online zahlen. Dann entwickelte Apple iTunes und macht heute enorme Gewinne. Mittlerweile gibt es kostenpflichtige Apps für das iPad. Die Leute gewöhnen sich langsam daran, für die digitale Ausgabe des New York Magazine oder von Wired ein bisschen Geld zu zahlen. Dieses Umdenken beginnt also bereits.



Wird das iPad tatsächlich die Branche retten oder ist es ein Hype?



Keller: Gewissermaßen ist es ein Hype. Es ist ein tolles Gerät, aber ich bezweifle, dass ein einziges Gerät ein Monopol auf dem Nachrichtenmarkt haben wird. Es kommen bereits Konkurrenzprodukte auf den Markt. Wichtig ist, dass einem diese Geräte Lust aufs Lesen machen.



In der New York Times gibt es sogar eine eigene Forschungsabteilung. Was passiert dort?



Keller: An manchen Tagen fühlt es sich so an, als sei die gesamte New York Times eine Forschungsabteilung. (Lacht.) Aber Sie meinen wohl unser Research and Development Department. Diese recht kleine Abteilung studiert neue Geräte und überlegt, wie man in den nächsten drei, vier Jahren neue Einnahmen machen könnte. Viel spannender finde ich die generelle Entwicklung in unserem Newsroom. Wir bekommen regelmäßig Auszeichnungen für unsere Innovationen und haben einfallsreiche junge Experten angestellt. In den letzten fünf Jahren haben wir unseren Zeitungs- und Onlinenewsroom zusammengelegt. Das führt zu kreativen Ideen, viele der interessanteren Einfälle stammen dabei von traditionellen Zeitungsredakteuren.



Warum haben denn herkömmliche Journalisten besonders gute Einfälle?



Keller: Herkömmliche Journalisten sind auch nicht blöd. Es gibt zusätzlich noch viele andere kluge Leute – wichtig ist, sie alle in die Diskussion einzuladen. In vielen Redaktionen sitzen auf der einen Seite die Printjournalisten, sie sind quasi die wichtigen Leute, und auf der anderen Seite befindet sich die Digitalabteilung, quasi Mitarbeiter zweiter Klasse. Wenn man die Mauer zwischen ihnen niederreißt, gibt es viel mehr kreative Ideen.



Haben Sie ein Beispiel?



Keller: Einer unserer Moskau-Korrespondenten hat eine Reihe über Putins Russland verfasst. Bevor wir seine Beiträge veröffentlichten, ließ er alle Texte ins Russische übersetzen und stellte sie auf populären russischen Blogs online. Wir haben dort die Leserkommentare gesammelt und diese ins Englische übersetzt. Die besten Kommentare gab es dann auf unserer Webseite und in der Zeitung zu lesen. Auf diese Weise bekamen wir Rückmeldungen von Menschen, die Putins Regime selbst erleben.



Sie sagen: Die Substanz der New York Times ist ihr Journalismus. Ist diese Substanz in den USA gefährdet?



Keller: Ich bin zwar kein Schwarzmaler, einige Zeitungen haben aber schon zugesperrt, viele andere überleben dadurch, dass sie teurere Formen der Berichterstattung abschaffen. Die Washington Post hat letztes Jahr alle nationalen Büros geschlossen; einige Zeitungen leisten sich nicht einmal mehr einen Redakteur in ihrer eigenen Hauptstadt; die investigative Berichterstattung leidet.



Auch die New York Times hat schon Mitarbeiter entlassen. Wenn sich Ihre Hoffnung doch nicht erfüllt und das Onlinegeschäft die Verluste aus Print nicht ausgleichen kann, wären Sie dann für eine staatliche Unterstützung?



Keller: Da bin ich sehr misstrauisch. Die staatliche Medienförderung mag anderswo Tradition sein, bei uns ist sie das nicht. Natürlich gab es immer eine gewisse Unterstützung für US-amerikanische Medien – Zeitungen bekamen zum Beispiel günstigere Posttarife für den Aboversand. Aber bei einer staatlichen Rettungsmaßnahme würde ich mich eher unwohl fühlen.



Sogar wenn es ums Überleben Ihrer Zeitung ginge?



Keller: Wenn es ums Überleben geht, hat man meistens einen sehr starren Blick. Ich will jetzt keine Option ausschließen, aber ein enthusiastischer Anhänger dieser Lösung wäre ich nicht.



In Städten wie Chicago oder San Francisco gibt es keine Zeitung mehr. Wie wirkt sich das auf die amerikanische Demokratie aus?



Keller: Die Gefahr ist offensichtlich. Unsere Demokratie braucht informierte Wähler. Die Menschen brauchen aber gute Informationen, um kluge Entscheidungen zu treffen – ansonsten folgen sie den Demagogen und Schreihälsen im Kabelfernsehen. Bei San Francisco oder Chicago sollte man aber eines berücksichtigen: Dort gibt es seriöse Onlinemedien, wie etwa The Bay Citizen oder Chicago News Cooperative. Sie werden von früheren Printjournalisten geleitet, wir drucken einen Teil ihrer Artikel auch in unserer Lokalausgabe ab. Somit unterstützen wir sie ein bisschen. Diese Onlinemedien wurden mit dem Geld privater Stiftungen oder Spender gegründet, ob sie sich langfristig selbst erhalten können, werden wir noch sehen. Ich finde es jedenfalls wichtig, dass die Leute neue Formen des Qualitätsjournalismus ausprobieren.



Heuer gewann auch zum ersten Mal ein Onlinemedium, nämlich Pro Publica, den Pulitzer-Preis.



Keller: Den ausgezeichneten Text haben wir auch in unserem Magazin abgedruckt. Die Journalistin Sheri Fink schrieb über medizinisches Personal in New Orleans, das Patienten umbrachte.



Ist der Pulitzer-Preis für Pro Publica ein echtes Signal oder doch nur eine Ausnahmeerscheinung?



Keller: Da bin ich hoffnungsvoll. Vielleicht ist es ein Keim, aus dem eine neue Form des Journalismus heranwachsen wird, während die alte vergilbt.



Die neuesten Enthüllungen der Webseite Wikileaks sorgen für Aufregung. Schafft Wikileaks eine neue Form von Aufdeckerjournalismus?



Keller: Das Web hat eine neue Form des Aufdeckerjournalismus geschaffen, weil Experten nun jederzeit ihre Meinung einbringen können, weil die Arbeit der Mainstreammedien auf ihre Richtigkeit hin überprüft werden kann. Aber ob Wikileaks wirklich eine signifikante Neuerung ist, wird sich erst noch zeigen. Ich selbst weiß nicht, von wem die zugespielten Dokumente stammen. Der Verdacht ist aber, dass ein einziger US-Soldat einen Sicherheitsbruch beging und dadurch die großen Wikileaks-Enthüllungen ermöglichte. Dieser Informant wurde verhaftet.



Die New York Times zitiert selbst aus diesen Geheimdokumenten. Wikileaks hat ein sehr radikales Verständnis von Transparenz. Ist so viel Transparenz immer richtig?




Keller: Ich glaube nicht an bedingungslose Transparenz. Die Pressefreiheit inkludiert auch die Freiheit, etwas nicht zu veröffentlichen. Wir haben im aktuellen Fall von dieser Freiheit Gebrauch gemacht und manche Dokumente redigiert, um zum Beispiel Dissidenten zu schützen oder aktuelle Einsätze der Geheimdienste und die nationale Sicherheit womöglich nicht zu gefährden. Wir gaben der Regierung die Möglichkeit, bei allen Informationen Einspruch zu erheben, ehe diese veröffentlicht wurden. Manchmal haben wir diese Hinweise berücksichtigt, manchmal nicht. Aber wir nehmen staatssicherheitliche Bedenken absolut ernst.



Nicht nur das Netz fordert Zeitungen heraus, auch Rupert Murdoch ist Ihr deklarierter Feind. Der Medienmogul kaufte 2007 das Wall Street Journal und will …




Keller: … uns umbringen.



Haben Sie Angst vor Rupert Murdoch?



Keller: Murdoch trat an und sagte: Ich kaufe das Wall Street Journal, ich mache es zu einer allgemeinen Publikumszeitung und bringe die New York Times um.“ Da wurden wir schon nervös. Bisher haben wir aber nicht den Eindruck, dass sich seine Drohungen auf unsere Auflage oder unser Inseratgeschäft ausgewirkt hätten. Das Journal ist eine Wirtschaftszeitung, die traditionell von Montag bis Freitag gelesen wird. Murdoch will eine Samstagsausgabe aufbauen, ist damit bisher aber nicht sehr erfolgreich. Unsere beliebteste Ausgabe ist das Sonntagsblatt, ihre schwächste Ausgabe erscheint am Samstag. Gleichzeitig verliert das Wall Street Journal Teile seiner traditionellen, wirtschaftsorientierten Leserschaft – die wollen wir ihnen wegschnappen.



Murdoch hat sehr viel Geld in das Wall Street Journal gesteckt. Da gibt es sogar die Meinung, dass er damit dem US-amerikanischen Journalismus hilft.



Keller: Schauen Sie, ich finde es immer gut, wenn Menschen in Zeitungen und in Redakteure investieren. Aber in Amerika ist Rupert Murdoch zuallererst für Fox News bekannt – und dafür, wie Fox News den Ton in der öffentlichen Debatte verändert und die Menschen zynischer gemacht hat. Nichts, was Rupert Murdoch mit dem Wall Street Journal macht, kann an diesem Eindruck etwas ändern. Es gibt eine herzhafte Debatte, ob das Journal nun eine bessere Zeitung oder konservativer und unausgewogener ist. Mir fällt es da schwer, objektiv zu sein; aber die Tatsache, dass er in Journalismus Geld steckt, ist grundsätzlich gut.



Nun feierte die extrem rechte Tea Party bei den Kongresswahlen große Erfolge. Sind die Medien daran mit schuld?



Keller: Zuallererst ist das eine Reaktion auf die Wirtschaftslage, in der zehn Prozent aller Erwachsenen keinen Job haben und in denen die Wut wächst. Aber ja, diese Wut und diese Verbitterung wurden auch vom Kabelfernsehen angeheizt. Der Ton im Kabelfernsehen hat sich in den letzten fünf Jahren verändert. Früher gab es CNN, und CNN berichtete einmal besser, einmal schlechter von den Ereignissen dieser Welt. Dann wurden die Schreihälse im Kabelfernsehen lauter, allen voran Fox News. Das hat zur Polarisierung in der Gesellschaft beigetragen.



Bewegen wir uns in ein Zeitalter, in dem sich Emotion und Populismus über sachliche Argumente hinwegsetzen?



Keller: Diese Angst gibt es in den USA, aber ich glaube, sie ist in Europa größer. Europa hat extremere Erfahrung mit Trennung, Spaltung und Polarisierung gemacht als wir. Die aktuelle Entwicklung ist beunruhigend, wir sollten aber nicht vergessen, dass jeden Monat 30 Millionen Menschen die Webseite der New York Times aufrufen; 30 Millionen hören National Public Radio, das sehr gute Nachrichten macht; wohingegen die größten Schreihälse im Kabelfernsehen froh sind, wenn bei ihnen eine Million Menschen einschalten.



Als Europäer bekommt man manchmal den Eindruck, die Mehrheit der US-Amerikaner würde sich über Fox News informieren.



Keller: Nein, Bill O’Reilly, der populärste Schreihals auf Fox News, hat etwa 800.000 oder 900.000 Zuseher. Damit macht der Sender viel Geld, und seine Zuseherzahl wächst. Wenn Menschen um ihre Existenz fürchten, ihr Haus zwangsversteigert wird oder sie den Job verlieren, hören sie den lauten Stimmen eben eher zu. Aber wir sollten das trotzdem in Relation setzen: Die weniger aufgeregten, traditionelleren Nachrichtenmedien haben noch immer ein größeres Publikum als die Schreihälse.









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Zur Person

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Bill Keller, 61, ist seit 2003 Chefredakteur der New York Times. Er arbeitet seit den 80er-Jahren für die „Grey Lady“, war Korrespondent in Moskau und Südafrika und berichtete vom Ende der Sowjetunion sowie der Apartheid. Für seine Berichterstattung aus Russland erhielt er 1989 den Pulitzer-Preis.

Die Times leidet enorm unter der US-Zeitungskrise. Im Vorjahr wurden 100 Redaktionsstellen abgebaut, derzeit arbeiten im Newsroom der Zeitung rund 1150 Menschen. Im ersten Quartal 2011 will die New York Times ihr Online-Bezahlmodell starten und von den Lesern der Webseite künftig Geld verlangen







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Diskussion

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Das Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) veranstaltete Ende November eine Diskussion zum Thema Medien und Demokratie. Zu den international renommierten Diskutanten zählten Bill Keller, Ezio Mauro, Chefredakteur von La Repubblica, Paul Starr von der Princeton University und Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ Mediengruppe









Dieses Interview ist im Falter (Ausgabe 48/10) erschienen. Fotos: Julia Fuchs


Das Blog Kobuk.at ahndet die Verfehlungen der österreichischen Medien. Wie im Web unseriöser Journalismus auffliegt



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Es war eine ganz normale Titelzeile der Krone. In fetten Lettern stand da: „Spesen-Explosion im EU-Parlament!“ Gleich daneben hieß es: „167 Prozent mehr für die eigene Propaganda“. Wer dann die Seite drei aufschlug, wurde über die „hemmungslosen“ Abgeordneten in Straßburg informiert, die zwar das Sparen „predigen“, aber selbst nach „unserem Geld“ greifen. Der Artikel behauptete, dass die EU nun viel mehr Mittel für Stiftungen von Parteien ausgebe.Von 4,3 Millionen Euro im Jahr 2008 sei die Summe auf 11,4 Millionen im Jahr 2011 gestiegen. Ein gefundenes Fressen für die EU-kritische Kronen Zeitung. Einziges Problem an diesen Zahlen: Sie sind falsch.



Ein Blog hat nachrecherchiert. Die Statistik aus dem Jahr 2008 beginnt erst ab dem Monat September, das heißt, die Kronen Zeitung vergleicht die letzten vier Monate von 2008 mit den Gesamtausgaben für 2011 und regt sich dann über eine „Spesenexplosion“ auf. Vielleicht wäre diese Art des Meinungsjournalismus niemals aufgeflogen – wäre da nicht das Weblog Kobuk.at. Es griff im heurigen Frühjahr die Geschichte auf und wies der einflussreichsten Zeitung Österreichs diesen Fehler nach.



Seit einem halben Jahr gibt es Kobuk. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie das Web zum Wachhund der Wachhunde wird. „Wir sind ein Watchblog, also ein Metamedium, das Medien kontrolliert“, sagt Helge Fahrnberger, der die Seite gegründet hat. Er startete im Frühling eine Lehrveranstaltung am Wiener Publizistikinstitut und ahndet seither mit Studierenden journalistische Fehltritte. Auch Gastautoren veröffentlichen immer wieder ihre Medienkritik auf der Seite.



Neu ist die Idee nicht, in Deutschland gibt es schon seit 2004 das berüchtigte Bildblog. Das Onlinemedium wurde mit etlichen Preisen für seine kritische Medienberichterstattung ausgezeichnet. Alle deutschen Medien müssen heute damit rechnen, ihre Fehler dort nachlesen zu können.



„Eine derartige Kontrolle gibt es leider in Österreich nicht“, meint Fahrnberger, „dabei bräuchten wir sie ganz besonders.“ Er würde sich nicht anmaßen, seine Seite mit dem Bildblog zu vergleichen. „Wir sind Amateure“, gibt er zu.



Während beim Bildblog Medienjournalisten arbeiten, besteht die Kobuk-Redaktion aus Studierenden, Bloggern und Gastautoren. „Wir haben nicht die Möglichkeit, nach professionellen journalistischen Kriterien eine breite Basiskontrolle aller österreichischen Medien anzubieten“, sagt Fahrnberger. Aber zumindest ein bisschen mehr Kontrolle ist nun möglich



Kobuk ist ein zutiefst österreichisches Projekt – das zeigt schon der Name. Der stammt von der Schauspiellegende Helmut Qualtinger, 1951 erlaubte sich dieser einen Scherz mit der heimischen Presse. Er erfand den fiktiven grönländischen Schriftsteller Kobuk und informierte die Zeitungen über dessen bevorstehenden Besuch. Als dann etliche Reporter und Fotografen am Wiener Westbahnhof standen, um den weltbekannten Schriftsteller Kobuk zu empfangen, stieg Qualtinger im Pelzmantel aus dem Zug. Auf die Frage, wie es ihm in Wien gefalle, antwortete er dann wienerisch: „Haas is!“



Fahrnberger muss schmunzeln, wenn er diese Geschichte erzählt. Sie zeigt, wie fahrlässig Medien vorgehen. Viel hat sich seit Qualtingers Zeiten anscheinend nicht geändert.



Oft sind es nur kleine Hoppalas, die auf Kobuk auffliegen. Einmal beruft sich die Gratiszeitung Heute auf eine „aktuelle Uni-Studie“, die in Wirklichkeit aus der Presseabteilung eines großen Softwarekonzerns stammt. Ein anderes Mal erscheint in den Salzburger Nachrichten eine gänzlich falsche Europakarte, die sich wohl ein Grafiker aus dem Netz gefischt hat.



Selbst diese kleinen Peinlichkeiten sagen viel über den Zustand der heimischen Redaktionen aus. Dort fehlen Zeit, Geld und professionelles Personal, und so werden Bilder aus dem Netz geklaut oder halbrichtige Informationen kurzerhand abgeschrieben. Für diese Erkenntnis bräuchte man nicht unbedingt ein Blog. Es kann aber auch nicht schaden, wenn mehr Menschen darauf achten, welcher Kobuk ihnen jeden Tag in der Zeitung präsentiert wird.







Dieser Bericht ist im Falter 40/10 erschienen. Das obige Bild warnt vor unseriösem Journalismus. Auch auf schlecht recherchierten Artikeln sollten Warnhinweise angebracht werden, fand der Brite Tom Scott und entwarf ein paar Warnetiketten. Diese wurden mittlerweile vom österreichischen Blogger Robert Harm ins Deutsche übersetzt. Hier kann man die Etiketten herunterladen, auf klebendes Papier ausdrucken und dann selbst zum strengen Kontrolleur papierenen Unsinns werden. (Foto: Reini Hackl)

Web frisst Print, die Krise schlägt zu. Trotzdem gibt es Zeitungen, die mit ungewöhnliche Ideen bestechen oder sich sogar neu erfinden. Ein Blick in die Welt der Zeitungsdesigner

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In ganz Europa stehen Zeitungen unter Druck. Die Lesegewohnheiten ändern sich, viele Menschen warten nicht mehr auf die Zeitung am Frühstückstisch, sondern holen sich ihre Nachrichten gleich aus dem Netz. Die Wirtschaftskrise verschärft dieses Phänomen. Anzeigenumsätze sinken, Medienhäuser entlassen Journalisten. Doch wie können Zeitungen darauf reagieren? Wie müssen sich Printmedien neu positionieren?

Antworten gibt es beim European Newspaper Award. Dieser zeichnet jährlich herausragende Publikationen für ihr Konzept und ihre Gestaltung aus. Der Hauptpreis „European Newspaper of the Year“ wird in den Kategorien überregional erscheinende Zeitung, Regionalzeitung und Lokalzeitung vergeben. Die diesjährigen Gewinner stammen aus Portugal, Deutschland sowie Schweden und zeigen, welche Veränderungen am Printmarkt bevorstehen und wie sich Medien neu erfinden.

Portugal: Rundum-Innovation

i steht für „informação“ (Information auf Portugiesisch) und ist ein ungewöhnliches Produkt. Das handliche Blatt, das bis an den Seitenrand bedruckt werden kann, überzeugte die Jury als beste überregionale Zeitung. Auf den ersten Blick sieht sie dabei eher wie ein Magazin als eine Tageszeitung aus. Das Layout ist verspielt, Bilder bekommen viel Platz – das geht so weit, dass manche Geschichten sogar nur über Illustrationen oder Fotostrecken erzählt werden.

„Wir wollen alles wegwerfen, was in herkömmlichen Zeitungen nicht funktioniert, und eine neue Zeitung bauen“, sagt Art-Director Nick Mrozowski. Tageszeitungen sind üblicherweise nach Ressorts aufgeteilt (Politik, Wirtschaft, Chronik, Kultur, Sport). Die Portugiesen haben ein anderes System: Zuerst bringen sie einen knackigen Nachrichtenüberblick, genannt „Radar“. Hier landen die wichtigsten Meldungen des Tages, kurz erzählt zur schnellen Orientierung.

Danach startet die zweite große Sektion: „Zoom“. Die Texte werden länger, die Artikel bringen mehr Hintergrund. Analyse, Reportage und Essays finden sich hier. Qualitätsjournalismus ja, aber peppig aufgemacht.

In i werden keine herkömmlichen Pressekonferenzfotos abgedruckt, bei denen Politiker am Podium sitzen und ein Fotograf sie abknipst. Um solche Szenen anders zu erzählen, schickt das Blatt mitunter Illustratoren zu wichtigen Politikveranstaltungen. Sie sollen die Atmosphäre einfangen und auf ihre Weise darstellen.

Die große Frage ist, ob das Blatt jeden Tag seinem Qualitätsanspruch gerecht werden kann. Die Mannschaft ist mit 41 Redakteuren, zwei Fotografen und fünf Layoutern verhältnismäßig klein. Subdirektor und Mitgründer André Macedo ist auf eine Zahl sehr stolz: „25 Prozent unserer Leser hatten zuvor keine Zeitung.“ i spreche Portugiesen zwischen 35 und 45 Jahren an, ein überdurchschnittlich junges Publikum.

Das Überraschendste ist aber, dass die Zeitung ausgerechnet im Krisenjahr 2009 erstmals erschien. Ein großes portugiesisches Baukonglomerat finanziert das Blatt, 15 Millionen Euro darf die Zeitung in den ersten vier Jahren kosten, dann soll sie profitabel werden. Derzeit beträgt die Auflage 30.000 Stück. Ab Jänner wird sie verdoppelt.

Die Jury des European Newspaper Awards lobt i als „Rundum-Innovation“. Die Zeitungsmacher spielen sogar mit dem Gedanken, dass Online Print eines Tages überholen wird. „Vielleicht ist unsere Webseite in fünf Jahren wichtiger als die Zeitung“, sagt Mitgründer Macedo. Er fürchtet sich nicht vor dieser Vorstellung.

Deutschland: Zeitung für Leser

Die zweite ausgezeichnete Publikation ist wie ein Gegenentwurf zu den Portugiesen. Die Stuttgarter Zeitung wurde zur besten Lokalzeitung gewählt – ihr Design entspricht dem einer klassischen Tageszeitung.

„Kontinuität und Qualitätsjournalismus“ versprach auch Chefredakteur Joachim Dorfs, als am 20. Juni die erste Ausgabe des überarbeiteten Blattes erschien. Die Regionalzeitung hat eine Auflage von 150.000 Stück und ist trotz der Neugestaltung bemüht, nicht zu bunt zu wirken. So sind die Bilder farbig und auf der Titelseite gibt es ein schönes großes Foto, das ein wichtiges Tagesthema ankündigt, insgesamt hat der Platz für Illustrationen aber abgenommen.

„Mit Bildern sollte man vorsichtig sein, weil man leicht verwechselbar oder beliebig wird“, sagt Art-Director Dirk Steininger. Sein Blatt ist die Antithese zu jenen Zeitungen, die zuletzt größere Fotos und mehr Weißraum einfügten und nun weniger Platz für ihre Artikel haben.

So haben die Stuttgarter eine neue, größere Schrift eingeführt und trotzdem ihre langen Texte beibehalten. Diese Änderung soll einerseits der älter werdenden Leserschaft entgegenkommen, die eine leichter lesbare Typografie will, und andererseits dem seriösen Ruf der Zeitung entsprechen. Immerhin beinhaltet die Stuttgarter Zeitung viele Geschichten, die deutsche Journalisten gerne als „Lesestücke“ bezeichnen. Das vermittelt das textlastige Layout. „Man möchte sich zurücklehnen und einfach nur lesen“, befand ein Jury-Mitglied.

Schweden: Technik bringt’s

Die dritte „European Newspaper of the Year“ ist eine andere Art Medium – ein Lokalblatt, das sich nicht in weltpolitische Fragen vertieft, sondern die Geschehnisse in der Umgebung aufstöbert: Konzerte, Eishockeymatches, Unfälle, Einkommensveränderungen in der Region. Für eine Zeitung wie Smålandsposten, die gerade einmal 38.600-mal gedruckt wird und die sich auf ein Gebiet in Südschweden mit vielen Wäldern und wenig Einwohnern beschränkt, ist es schwierig, optisch mit den großen überregionalen Zeitungen mitzuhalten.

Die Skandinavier beherrschen aber ihr Handwerk. Sie legen viel Wert auf die Bildauswahl, produzieren eine übersichtliche und leserfreundliche Zeitung. Chefredakteur Magnus Karlsson macht den technischen Wandel für den Erfolg mitverantwortlich.

Zum Beispiel engagiert sein Blatt viele Fotografen aus der Region. Diese senden ihre Bilder oft kurz vor Redaktionsschluss aus entlegenen Ortschaften ein. Bevor es mobiles Internet gegeben hat, war das unmöglich.

Für noch wichtiger hält der Chefredakteur das neue redaktionelle System, es handelt sich um ein schwedisches Programm genannt „Newspilot“, das die rasche Layoutierung von Zeitungsseiten ermöglicht. „In 45 Minuten ist eine Seite erstellt“, sagt Karlsson. Die restliche Zeit können seine Mitarbeiter dann für Feinheiten aufbringen: bessere Zwischentitel, aufwendigere Designs oder gutgeschriebene Infoboxen.

Gerade diese Art von Leserservice lobte die Jury. Dazu zählt auch, dass sich unter jedem Artikel E-Mail-Adresse und Telefondurchwahl des zuständigen Redakteurs finden.

Größere Vielfalt

Vom 25. bis 27. April 2010 findet im Wiener Rathaus der „European Newspaper Congress 2009“ statt, dort werden die Zeitungspreise vergeben. Die Ehrung gibt einen Einblick in Trends am Printmarkt: Viele Zeitungen setzen vermehrt auf Hintergrundberichterstattung, die Qualität der Bildauswahl rückt in den Vordergrund.

Für Haika Hinze, Art-Directorin der Zeit und Jurymitglied beim European Newspaper Award, ist die spannendste Erkenntnis, dass die Zeitungen so unterschiedliche Richtungen einschlagen, von den innovativen Portugiesen bis zu den traditionell denkenden Stuttgartern. „Ich nehme wieder eine größere inhaltliche Vielfalt als vor drei, vier Jahren wahr“, meint sie. Die Frage, wie die Zukunft der Zeitung aussehen wird, ist noch lange nicht endgültig geklärt.

Dieser Bericht ist im Falter 48/09 erschienen. Bilder: European Newspaper Award / i / Stuttgarter Zeitung / Smålandsposten

/Die Presse startet eine Sonntagszeitung. Sie sieht ambitioniert aus. Ihre Markteinführung fällt in die Anzeigenflaute





Der erste Blick bietet eine Überraschung. Das Logo der Presse war bisher blau, im Prototypen ihrer neuen Sonntagszeitung sind die Lettern hingegen weiß und weinrot umrandet. „Die Presse“ ist da groß zu lesen. Eine Zeile darunter steht: „am Sonntag“. Das neue Produkt soll im März erscheinen und ein Sonntagsblatt mit Qualitätsjournalismus sein. Dem Falter gelang es, schon vorab einen Blick auf die Zeitung zu werfen. Es war nicht Betriebsspionage. Die Presse hatte die Falter-Mitarbeiterin unwissentlich zum Produkttest geladen.



Keine Frage, die Zeitung hat ein flottes Design. Die Bilder sind groß, das Layout verspielt. Man ist magazinlastiger, weniger nachrichtenorientiert. Viele Elemente erinnern an den Falter: Schon auf der Titelseite findet sich eine Marginalspalte, die Kolumnisten sind mittels Zeichnung und nicht mittels Foto abgebildet, durch das Blatt führt ein Farbleitsystem, das bei der Orientierung zwischen den unterschiedlichen Ressorts hilft. Auch inhaltlich gibt es Parallelen: Der „Narr der Woche“ dolmt Fehltritte auf dem politischen Parkett (siehe Kasten auf Seite 22).



Keine herkömmliche Tageszeitung, sondern ein eigenständiges Produkt mit anderen Ressorts und anderer journalistischer Gewichtung will die Presse am Sonntag sein. Egal ob im Reisereportagenteil „Globo“ oder in der Wirtschaft namens „Eco“, überall menschelt es. Da gibt es ein Porträt von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon und ein Doppelinterview mit Erste-Bank-Chef Andreas Treichl und Opernball-Organisatorin Desirée Treichl-Stürgkh. Zumindest in der Theorie: Der Prototyp der neuen Zeitung beinhaltet keine ausformulierten Artikel, sondern nur Blindtexte.



Es ist ein gewagter Plan. Im März soll bereits die erste Ausgabe der Sonntagszeitung in Plastikbeuteln aushängen, auf den Türmatten der Presse-Abonnenten landen. In der Branche wird indes die Wirtschaftskrise spürbar, Anzeigeneinbrüche führen zu dünneren Zeitungen. Chefredakteur Michael Fleischhacker will, dass sein neues Produkt antizyklisch der Krise trotzt und einen Teil der Werbeverluste ausgleicht. Aber bei der Einführung der Sonntagszeitung geht es auch um die Frage, wie die Zukunft der Tageszeitung aussieht. Fleischhacker glaubt, dass sich das journalistische Geschäft immer mehr auf den Sonntag verlagert.



„Der Sonntag ist der weltweit wichtigste Zeitungstag“, sagt er und erzählt davon, wie vor 15 Jahren die Geschäfte samstags um zwölf Uhr zusperrten. Heute sei der Samstag hingegen ein Erledigungstag, irgendwo zwischen Büro und Baumarkt. Da bleibt nur der Tag darauf zum gemütlichen Zeitunglesen. Sonntagsleser sind für Journalisten ein geduldiges Publikum, dem man auch längere Texte zumuten darf. Für Marketingleute sind sie wiederum wunderbare Werbeadressaten. „Das Wochenende ist für Anzeigenkunden ein sehr wichtiger Platz, da mehr Zeit zum Lesen da ist und auch der Austausch mit dem Partner möglich ist“, sagt Max Palla, Präsident des Austrian Chapters der International Advertising Association.



Kein Wunder also, dass die Presse beim Produkttest als Erstes wissen will, ob die Teilnehmer sonntags Zeitung lesen. Alle bejahen. Eine junge Testerin gibt zu, dass sie am Wochenende auch die Krone liest.



In Österreich wird der Sonntag weitgehend dem Boulevard überlassen. Landesweit hängen Krone bunt, Kurier und Österreich an der Straßenecke aus. Wem das nicht genügt, der muss zur Samstagsausgabe anderer Blätter oder zu einem profil-Abo greifen. Dabei zeigt der Blick über die Grenzen, dass auch Qualitatsmedien am Sonntag überleben können. Die Frankurter Allgemeine Zeitung (FAZ) startete 2001 die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) deutschlandweit. Laut Allensbacher Werbeträger-Analyse hat die FAS heute 993.000 Leser, die FAZ hingegen nur 884.000.



„Für eine Qualitätszeitung am Sonntag gibt es ein Leserpotenzial von knapp einer Million“, sagt Fleischhacker. Er beruft sich auf eine Studie von Marktforscher Imas. Der Sonntag hat aber auch seine eigenen journalistischen Spielregeln: Hier geht es nicht um die schnelle Nachricht, sondern ums Genusslesen. Es ist kein Wunder, dass sich im Prototyp der Presse am Sonntag Reisereportagen, Spaziergänge mit Politikern und persönliche Interviews finden. Auch die FAS pflegt einen leichteren Ton und eine luftigere Aufmachung als ihr Mutterblatt.



„Am Sonntag will man nicht über Shopping oder über Stress lesen, sondern sich entspannen“, sagt Conny Bischofberger, die den Sonntag-Kurier leitet und jahrelang für die Krone bunt Promiinterviews machte. Auch sie arbeitet derzeit an einem Hochglanzmagazin, das der Kurier am 29. März herausbringen will. „Das Hauptblatt wird dafür noch aktueller werden“, meint die Journalistin.



Es kommt Bewegung in den Sonntagsmarkt. Für die Presse macht es Sinn, dieses Format auszuprobieren: Sie hat den Styria-Medienkonzern hinter sich, der das Vertriebssystem Redmail besitzt. Das erleichtert die Zustellung. Überdies ist der Sonntag eine der wenigen Nischen, die sich im Zeitungsgeschäft noch finden lassen. Fleischhackers Blatt könnte einen höheren Marktanteil gut brauchen: Laut Media-Analyse hat sich der Abstand zum Standard vergrößert. Während die Presse eine Reichweite von 3,6 Prozent besitzt, sind es bei der lachsfarbenen Konkurrenz 1,4 Prozent oder 100.000 Leser mehr. „Die Presse allein ist nicht überlebensfähig, sie lebt vom Tropf der Styria“, meint Wolfgang Bergmann, Geschäftsführer des Standard. Das bürgerliche Blatt habe selbst 2007, zu Zeiten der Hochkonjunktur, gerade einmal einen positiven Abschluss geschafft.



Stimmt, sagt Fleischhacker. Er leugnet nicht, dass die Wirtschaftskrise seine Zeitung hart trifft. Für die Tageszeitungsbranche erwartet er heuer einen Rückgang der Anzeigenumsätze von 20 bis 30 Prozent. „Aber was ist sinnvoller? Leute zu entlassen oder offensiv ein neues Produkt zu starten, mit dem man auch Marktanteile gewinnen kann?“



Eine Flucht nach vorne also. Das hört sich nach einem guten Plan an. Aber selbst die Styria kann nicht über Nacht eine Sonntagszeitung starten. Der Vertrieb ist ein Stolperstein. In Bundesländern wie Salzburg ist zum Beispiel unklar, ob eine Hauszustellung möglich ist. Auch räumt der Chefredakteur die Möglichkeit ein, dass sein neues Lieblingsprojekt in letzter Sekunde scheitert. „Wenn wir Ende Februar merken, dass das gesamte Anzeigengeschäft in den Keller rasselt, werden wir die Investition überdenken.“



Zumindest einen Vorteil bringt die Krise für die Styria: Sie ist ein guter Zeitpunkt, um bei der Belegschaft günstige Arbeitskonditionen durchzusetzen. Der Redaktion wurde kommuniziert, dass es zu Einsparungen kommen müsste – oder zur Einführung der Sonntagszeitung. Nun muss die Belegschaft einen Titel pro Woche zusätzlich herstellen, das heißt 48 Seiten für den Sonntag füllen. Mehr Personal gibt es dafür nicht. Ein Triumvirat aus Fleischhacker, Chronikressortleiter Rainer Nowak und Außenpolitikchef Christian Ultsch wird das neue Projekt koordinieren.



Die neuen Betriebsregeln entsprechen trotzdem dem Journalisten-Kollektivvertrag: Wer künftig am Samstag ins Büro geht, bekommt unter der Woche einen Tag frei. Inhaltlich stellt sich hingegen die Frage, ob ein Tageszeitungsteam über genügend Arbeitskräfte verfügt, um zusätzlich eine qualitativ hochwertige Wochenzeitung herauszugeben. Wolfgang Langenbucher, emeritierter Vorstand des Wiener Publizistikinstituts, ist skeptisch. „Dort, wo erfolgreiche Sonntagszeitungen neu gegründet wurden, handelte es sich um ein eigenständiges redaktionelles Produkt. Ich denke etwa an die FAS“, sagt er. Diese Zeitung hat eine eigene Redaktion mit circa 50 Mitarbeitern, zusätzlich schreiben FAZ-Redakteure im Blatt.



Die österreichische Sparvariante verwundert Langenbucher. Die Idee einer Sonntagszeitung gefällt dem Medienwissenschaftler aber grundsätzlich. „Ich sehe zwei Tendenzen: den langsamen Rückgang der Tageszeitung. Und die Neukonzeptionierung als Wochenzeitung.“ In den USA gibt es etwa den Christian Science Monitor, einst eine Tageszeitung. Heute erscheint das Blatt nur noch sonntags und unter der Woche im Internet.



So weit will Fleischhacker nicht gehen. Trotzdem glaubt er, dass das Wochenende zum Rettungsanker im Nachrichtengeschäft werden könnte. „Faktum ist, die größte Überlebenschance der Tageszeitung liegt im Wochenende.“ Wenn der Sonntag nicht die ganze Presselandschaft rettet, so zumindest die Presse.









Durchgeblättert: die Sonntagszeitung der Presse im Schnell-Lesegang



Im März kommt die Sonntagszeitung auf den Markt. Für Presse-Leser sieht die Titelseite der Sonntagszeitung ungewöhnlich aus. Während das Hauptblatt von Montag bis Samstag eine monothematische Seite 1 bringt, erscheint zum Abschluss der Woche der Leitartikel des Chefredakteurs auf der Titelseite. Daneben wird die Coverstory angekündigt, beispielsweise ein Text über Brüder als „liebste Feinde“.



Nach dem Inhaltsverzeichnis folgt die Politik. Wie auch im Rest des Blattes dominieren menschliche Zugänge – vom Porträt des Bundespräsidenten Heinz Fischer bis zum Spaziergang mit der Wiener Grünen-Chefin Maria Vassilakou. Um nicht alt auszuschauen, gibt es einen zweiseitigen Nachrichtenüberblick mit der Tadelkolumne „Narr der Woche“.



Die wirkliche Überraschung kommt nach der Politik. Das Sportressort taucht an zweiter Stelle im Blatt auf. Fünf Seiten Sportberichterstattung sind für die Presse ungewöhnlich viel. Im Ressort „Sport & Spiel“ finden sich aber auch Sudokus und eine Schlussseite mit Hightech- und Internetthemen.



Hier zeigt sich bereits, dass das Blatt zum Teil ungewöhnliche Ressorts besitzt. Es setzt sich aus den Bereichen „Politik“, „Sport & Spiel“, „Eco“ (Wirtschaft), „Wissen“, „Lokal“ (Wien und Gastro), „Leben“ (Erziehung und Familie), „Globo“ (Reisereportagen), „Kultur“ und „Debatte“ zusammen.



Der Prototyp der Zeitung ist bunter, magaziniger. In Stein ist das Blatt aber anscheinend noch nicht gemeißelt. Beim Produkttest werden den Teilnehmern abschließend auch alternative Titelseiten vorgestellt. Auf diesen befindet sich das Presse-Logo nicht am oberen Ende, sondern seitlich links. Vielleicht schaut das Magazin, wenn es im März auf den Markt kommt, ja doch ganz anders aus.




Ungefähr so schaut das Sonntagsblatt aus. Die Illustration ist eine vereinfachte Darstellung des Prototypen. Abweichungen von der Originalvorlage sind möglich – die Skizze wurde aus dem Gedächtnis angefertigt.



Illustration: PM Hoffmann / www.pmhoffmann.de











Dieser Artikel ist im Falter 06/09 erschienen.

/Günter Wallraff berichtet von den neuen Abgründen des Arbeitsmarkts. Eine Begegnung in Wien



Günter Wallraff könnte sich zurücklehnen und nur mehr Geschichten erzählen. Wie er sich in den 70er-Jahren als Hans Esser verkleidet in die Bild-Lokalredaktion einschlich oder wie er in den 80ern die Rolle von Ali Levent Sinirlioglu, dem türkischen Gastarbeiter, annahm. In 38 Sprachen wurde sein Buch „Ganz unten“ übersetzt, in dem er beschreibt, wie er als Ali die Drecksarbeit der Deutschen machte. Die Schweden haben ihm mit einer Wortneuschöpfung sogar ein Denkmal gesetzt: „Wallraffa“ nennen es die Skandinavier, wenn ein Journalist unter falscher Identität recherchiert.



Wallraffen, das tut der 66-Jährige noch heute. Der hagere Mann mit Oberlippenbart und Brille erzählt gerne vor Publikum, wie er sich in große Konzerne einschleicht. Seit einem Jahr publiziert der Journalist wieder in der Zeit, berichtet von den betrügerischen Geschäften im Callcenter oder vom menschenverachtenden Umgang mit den Mitarbeitern einer Brotbackfabrik. Vergangene Woche besuchte er Wien auf Einladung des Renner-Instituts. Noch immer zieht der Mann, der Hans Esser war, das Publikum an. Der Saal ist bis zur letzten Reihe gefüllt. Wallraff liest vor, wie er sich in die Brotfabrik hineinschmuggelte, wie er am Fließband die Aufbackbrötchen für Lidl abpackte. Wie er sich gleich am ersten Tag die Hand am heißen Blech verbrannte. Der Schichtleiter zeigte kein Mitleid dafür. „Ihr seid billiger als neue Bleche“, erklärte er die Unternehmensphilosophie.



Es sind Sätze wie dieser, die Wallraff antreiben. Seine Reportagen zeichnen sich nicht unbedingt dadurch aus, dass er Skandale aufdeckt. Er macht viel eher alltägliche Ausbeutung plastisch sichtbar. „Wenn ich etwas selber erlebe, habe ich eine ganz andere Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit, als wenn ich es vom Hörensagen erfahre“, meint Wallraff. Er sei schon in der Schule schlecht in abstrakten Fächern gewesen, wollte den Inhalt lieber „spüren“.



Aber es steckt nicht nur journalistische Neugier, sondern auch politische Überzeugung in diesem Mann, der sich freiwillig wie Dreck behandeln lässt. Wallraff ist halb Journalist, halb Aktivist. In der Brötchenfabrik wollte er beispielsweise einen Streik anzetteln.



Wallraff ist ein überzeugter Linker, der sich dann besonders freut, wenn er die Unbarmherzigkeit von Kapitalisten decouvriert. Bei der Veranstaltung erzählt er eine sehr bezeichnende Anekdote: In den 70ern recherchierte er im Versicherungshaus Gerling, setzte sich eines Tages in Botenuniform zum Mittagstisch der Direktoren. „Das endete damit, dass der Vorstandsdirektor zu mir sagte:, Sehen Sie mal, das ist wie im Tierreich. Da frisst erst einmal der männliche Löwe, und was er übriglässt, das kriegt die Löwin mit den Jungen. Und danach kommen die Schakale dran. Ich würde sagen, das ist gewachsen. Das ist Natur.‘“ Wallraff nahm diese Aussage damals auf Tonband auf. Er lacht noch heute, wenn er sich zurückerinnert, wie er das Band einem Massenpublikum vorspielte.



Die Auseinandersetzung mit den Angstmachern gefällt Wallraff.
Dafür geht er Risiken ein. Als er in den 70ern in Griechenland gegen die Militärdiktatur demonstriert, wird er aufgegriffen und gefoltert. Als in den 90ern der deutsche Geschäftsmann Helmut Hofer im Iran gesteinigt werden soll, will Wallraff heimlich an seiner Stelle ins Gefängnis. Heute ist er froh, dass Hofer doch noch freigelassen wurde: „Aber es hätte mir sogar Spaß gemacht, mich mit so einem Terrorregime anzulegen. Die hätten mich wahrscheinlich nicht umgebracht, aber es hätte mich eine Zeitlang bei Laune gehalten.“



So umtriebig wie Wallraff ist, wundert es einen, dass es zwischendurch so ruhig um ihn geworden war. Der Journalist war krank, wurde an der Bandscheibe operiert, musste das Gehen neu erlernen. Heute läuft er Marathon. Warum er wieder Reportagen schreibt? „Die Situation ist danach. Es ist schlimmer als zu Beginn meiner Arbeit. Die Angst geht in den Betrieben um. Da werde ich gebraucht.“



Wallraff meint das ernst. Er glaubt, dass es auf ihn ankommt. „Meine Arbeit hat bewusstseinsverändernde Wirkung“, meint er. Noch heute werde er von der türkischen Bevölkerung auf das Buch „Ganz unten“ angesprochen, das bei vielen Gastarbeitern ein neues Selbstvertrauen geweckt habe. Auch in der Brotbackfabrik, die Lidl beliefert, bekommen die Arbeiter nun 24 Prozent mehr Lohn.



Ein paar Jahre will er noch recherchieren. 2009 erscheinen ein neues Buch mit Reportagen und ein Kinofilm, für den Wallraff mit versteckter Kamera filmte. Gleichzeitig bereitet er sich auf eine Zeit vor, wenn die Verkleidung im Schrank bleibt. Gemeinsam mit der deutschen Gewerkschaft will er eine Stiftung für junge Journalisten begründen, die im Wallraff-Stil Missstände aufdecken. „Ich muss daran denken, wer in meine Rolle schlüpft, wenn ich das Ganze altersbedingt nicht mehr schaffe.“





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Wallraff als Hans Esser
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Und als Ali Levent Sinirlioglu



















Dieser Text ist im Falter 51/08 erschienen.

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