Feb 052013
 

Sowohl SPÖ als auch ÖVP reden um den heißen Brei herum: Ghettoschulen gibt es längst. Das gehört geändert

 

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Yusuf hat Pech. Er ist ein vifer Bub, doch er hat leider das, was Bildungsforscher einen “Migrationshintergrund“ nennen und stammt aus einer sogenannten “bildungsfernen“ Schicht. Seine Eltern kamen vor zehn Jahren aus der Türkei und arbeiten in Österreich als Hilfskräfte. Sie können sich eine 45-Quadratmeter-Wohnung in Ottakring leisten. Frühmorgens steht die Mutter auf, zieht ihr Kopftuch an und putzt Büros in der Innenstadt. Sie hofft, dass ihr Sohn eines Tages auch in einer dieser Firmen arbeiten und am österreichischen Wohlstand teilhaben wird. Dafür kamen die Eltern hierher: Yusuf ist in Österreich geboren, besucht in Kürze eine Wiener Volksschule. Er soll es eines Tages besser haben.

Leider lässt die Bildungspolitik Kinder wie ihn im Stich. Sie liefert sich Scheindebatten, anstatt über die echten Probleme zu sprechen. Das beste Beispiel dafür ist die Debatte um die Vorschule: Die ÖVP will, dass Schulanfänger mit mangelnden Deutschkenntnissen ein Vorschuljahr absolvieren müssen, ehe sie in die Volksschule dürfen. Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) warnte zuerst vor “Ghettoklassen“. Jetzt schwenkt sie um und kann sich eine verpflichtende Vorschule vorstellen.

Das ist pure Augenauswischerei. Auch ein verpflichtendes Vorschuljahr, vor dem etliche Experten warnen, löst nicht das tiefere Problem: In vielen Wiener Volksschulen gibt es kaum mehr Kinder, die zu Hause Deutsch sprechen. Die sogenannten “Ghettoklassen“, vor denen die Ministerin warnt, existieren längst. In Bezirken wie Rudolfsheim-Fünfhaus oder Ottakring sind Schulen mit mehr als 90 Prozent Migrantenanteil ganz normal. Continue reading »

Oct 042011
 

Wie funktioniert ziviler Ungehorsam in digitalen Zeiten? Die Hacker von Anonymous sind ein schlechtes Beispiel

 

Zuerst waren sie Helden, die Rächer des kleinen Users, digitale Robin Hoods, die sich mit den Mächtigen anlegen und denen die Masse applaudiert. Anonymous hat sich geschickt als aufmüpfige Hackergruppe inszeniert, die Gutes will, auch wenn sie dabei gegen das Gesetz verstößt.

Das Problem mit solchen selbstgerechten Weltverbesserern ist: Irgendwann übertreiben sie es. Irgendwann fühlen sie sich so sehr im Recht, dass sie gar nicht merken, wie sie jemand anderem Unrecht zufügen.

Genau das ist Anonymous passiert. Die Hacker haben vergangene Woche die Daten von 25.000 Polizisten ins Netz gestellt, inklusive Wohnadresse, Name und Geburtsdatum. Anscheinend ist die Privatsphäre von Polizisten nicht schützenswert.

Damit ging Anonymous zu weit und schadete sich selbst. Aus herzigen Internethanseln wurden unbarmherzige Hacker. In den Zeitungskommentaren und Blogeinträgen konnte man mitverfolgen, wie sich die öffentliche Meinung wandelte. Die Presse schrieb von einer “selbstherrlichen Aktion“. Der Blogger Helge Fahrnberger forderte auf Twitter: “Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen“. Das ist übrigens Teil der Hackerethik, formuliert vom deutschen Chaos Computer Club.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Anonymous ein solcher Fehltritt passieren würde. Das Rechtsverständnis der Hacker beschränkt sich auf brachiale Selbstjustiz, die auf dem simplen Grundsatz aufbaut: Auge um Auge. Continue reading »

Jul 142011
 

Im Web mucken Blogger und Journalisten auf. Zu Recht fordern sie einen Staat, der Rede und Antwort steht.

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Derzeit liegt etwas in der Luft. Man kann deutlich spüren, wie sich Unmut regt. Alle paar Wochen entsteht eine neue Internetinitiative, ein neues Blog, das die Missstände im Staat an den Pranger stellt. Sei es die Geheimniskrämerei der Behörden und Ministerien, die die Plattform Amtsgeheimnis.at kritisiert. Seien es die Unvereinbarkeiten der Parlamentarier, die das Webprojekt MeineAbgeordneten.at in Zukunft ausfindig machen will. Oder die dubiosen Verstrickungen von Politik und Medien, die das Blog Kobuk.at vor Augen führt.

Diese Projekte drücken ein tiefes Unbehagen der Zivilgesellschaft aus (siehe Artikel im Falter). Die Machthabenden werden zu wenig kontrolliert. Es fehlt die Möglichkeit, von ihnen Rechenschaft zu fordern. In Kärnten will ein Journalist wissen, wie viel Steuergeld die Landesregierung für ihr pompöses Marketing ausgibt. Keine Auskunft. In Wien fragt der Falter, wer im städtischen Aufsichtsgremium sitzt, das neue Glückspielautomaten bewilligt. Keine Auskunft.

Das schadet unserer Demokratie. Für die Kontrolle der Mächtigen gibt es im Englischen die Phrase to hold someone to account, jemanden zur Rechenschaft zwingen. Wie aber soll man von jemandem Rechenschaft einfordern, wenn man dessen Rechnungen nie vorgelegt bekommt, wenn die accounts verschlossen sind?

Die Verfassung stellt Verschwiegenheit über Auskunftspflicht. Das ist ein juristisches Problem, es ist aber auch ein Versagen des Journalismus. Ein Teil der Medien (die Minderheit) würde gerne genauer hinschauen, darf aber nicht. Der Rest (die Mehrheit) ist gar nicht daran interessiert. Sie hat es sich im System bequem gemacht, bekommt reichlich Anzeigengelder aus den Ministerien zugeschanzt und die nächste Story aus der Presseabteilung gleich dazu. Solche Medien sind nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.

Da ist es nur logisch, dass nun im Netz Widerstand entsteht. Das Web funktioniert teilweise außerhalb der gängigen Machtstrukturen. Im Ernstfall zeigt sich, dass es tatsächlich sein oft beschworenes demokratisches Potenzial hat. Plötzlich schwirren Informationen lose herum. Wir gewöhnen uns daran, dass Daten leicht zugänglich und auffindbar sind. Jeder kennt heute zig Beispiele, wie simpel es ist, an Information heranzukommen – das reicht von der Telefonnummer auf Herold.at bis hin zu Staatsgeheimnissen auf der Enthüllungsplattform Wikileaks.

Nur der österreichische Staat will nicht so recht mitspielen. Er verwaltet extrem viele Daten, teilt diese aber ungern mit der Öffentlichkeit. Zu Recht taucht nun im Web die Frage auf: Ist diese Verschwiegenheit immer berechtigt?

Nehmen wir den Umgang mit Studien: Ministerien geben sehr viel Steuergeld für die Erstellung von Studien aus. Oft werden die Ergebnisse aber nicht präsentiert, sondern in irgendeiner Schublade versteckt – weil die Ergebnisse nicht belegen, was der Minister predigt.

Österreich ist ganz am Anfang der Debatte, es entsteht aber gerade eine neue Bewegung. Man könnte ihre Träger Daten- und Transparenzjunkies nennen. Sie glauben daran, dass mehr Information über den Staat zu einem korrekteren Staat führen. Eigentlich ein Kerngedanke der Demokratie. Im Netz bekommt der Staat noch viel mehr Möglichkeiten, Rechenschaft abzulegen. Auf der ganzen Welt wird gerade über genau dieses Thema diskutiert.

Zum Beispiel in den USA. Dort gibt es den berühmten Freedom of Information Act. Das Gesetz verpflichtet Regierungsstellen dazu, ihre Daten herauszurücken, wenn dies ein Bürger verlangt. Jetzt wird eine Ausdehnung gefordert: Erstens sollen Behörden klare Richtlinien bekommen, wie lange sie eine Anfrage verschleppen dürfen. Zweitens könnte aus einer Holschuld der Bürger eine Bringschuld des Staats werden. Bürgerrechtler fordern, dass Behören Informationen nicht erst nach einer Anfrage offenlegen, sondern dies prophylaktisch tun – auf leicht durchsuchbaren, übersichtlichen Webseiten.

In den USA gibt es schon Beispiele dafür: Der staatliche Konsumentenschutz stellt seine Statistik ins Netz, wie viele Verletzungen bei unterschiedlichen Kinderspielzeugmodellen gemeldet wurden.

Hierzulande ist Transparenz ein Angstthema. Das geht so weit, dass manche Daten gar nicht gespeichert werden. Zumindest behaupten das Kritiker. Sie werfen den Ministerien vor, Statistiken absichtlich nicht zu führen. Auf diese Weise kann die Statistik niemals in die Hände der Opposition oder kritischer Journalisten fallen. Der Datenschützer Hans Zeger wollte einmal wissen, wie viele Hausdurchsuchungen jährlich in Österreich stattfinden. Die Antwort: Diese Information wird nicht erhoben.

Wenn nun Blogger, Internetgeeks und Journalisten aufschreien, ist das ein Warnsignal. Erstens leben wir nicht mehr im Jahr 1972, als man Information unauffällig in irgendwelchen Archiven verstecken konnte. Zweitens muss die Politik Rechenschaft ablegen, sonst wird sie weiter an Vertrauen verlieren. Genau das passiert nämlich derzeit.

Wir stehen vor einer Weggabelung: Entweder wir gelangen in ein Zeitalter des Misstrauens, in dem Bürger und Staat auseinanderdriften und in dem Demagogen die verärgerten Massen anlocken. Oder wir zwingen den Staat, dieses Unbehagen endlich ernst zu nehmen und das zu tun, wofür er eigentlich da ist: den Bürgern Rede und Antwort zu stehen.

Dieser Kommentar ist in Falter 28/11 erschienen, in der Printausgabe trug er den Titel “Tag für Tag ein neuer Geheimnisverrat”. Bild: Flickr-User opensourceway

Dec 232010
 

Es gibt eine einfache Lösung für all unsere Pisa-Probleme: Wir schwänzen den nervtötenden Test in Zukunft!







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Mein Gott, ist das mühsam: Alle drei Jahre erscheint die Pisa-Studie und führt uns vor Augen, wie miserabel unser Schulsystem im internationalen Vergleich ist. Alle drei Jahre führen wir dann dieselbe Bildungsdebatte, bei der wieder nichts Konkretes herauskommt. Und nebenbei dürfen wir uns auch noch herumstreiten, ob Pisa a) ein kompletter methodischer Schwachsinn oder b) der Nachweis einer gescheiterten Bildungspolitik ist. Wie wäre es stattdessen mit Antwort C: Pisa nervt.



Vielleicht wäre es am klügsten, einfach aus Pisa auszusteigen. Seit zehn Jahren testet die OECD Schüler in dutzenden Ländern – und jedes Mal fällt auf, dass Österreich extrem viele Problemschüler hat. Das sind zum Beispiel 15-Jährige, die nicht richtig lesen können. Trotzdem ist die Politik einer echten Bildungsreform keinen Zentimeter nähergekommen, selbst eine Streberin wie Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) scheitert regelmäßig daran. Zu eingefahren sind die Fronten, zu mächtig die Lehrergewerkschaft, zu verzopft die ÖVP, zu schwach die SPÖ.



Auch heuer dasselbe Spiel. Die Pisa-Ergebnisse waren noch gar nicht bekannt, da erklärte die ÖVP schon, sie werde ihr geliebtes Gymnasium mit Zähnen und Klauen verteidigen. Woraufhin Kanzler Werner Faymann (SPÖ) eine wilde Drohung gegen den Koalitionspartner ausstieß: Er werde öffentlich Druck für die Gesamtschule entfachen, sagte der Kanzler. Was für ein Machtwort! Da holt Vizekanzler Josef Pröll sicherlich gleich seinen bösen Onkel aus Niederösterreich, damit der ihn beschützt.



Die heimische Bildungsdebatte ist wie ein schlecht gemachtes Remake von Und täglich grüßt das Murmeltier. Seit Jahren wiederholen Experten mantraartig ihre Bildungsforderungen: eine Gesamtschule für alle Zehn- bis 14-Jährigen, um die gröbsten sozialen Unterschiede auszuglätten. Mehr Ganztagsschulen, speziell für jene Schüler, denen Mama und Papa nicht die Nachhilfe zahlen. Freilich verdienen auch unsere Lehrer mehr Unterstützung (siehe Schwerpunkt Seite 12) und die Direktoren das Recht, ihre Mitarbeiter selbst auszuwählen – und zu feuern.



Nach zehn Jahren Pisa-Test bleiben somit nur zwei Auswege: Entweder die Regierungspartner einigen sich – entgegen allen Erwartungen – doch noch auf eine echte Bildungsreform. Oder wir erklären das Projekt Schule im 21. Jahrhundert endgültig für gescheitert. Ähnlich wie beim Songcontest ersparen wir uns einfach die internationale Blamage und geben von vornherein w.o.



Freilich wäre der Ausstieg aus Pisa erst der Anfang eines neuen Bildungskurses (in Richtung totale Idiotie). Als nächste Konsequenz sollte Ministerin Schmied zurücktreten und Beamtengewerkschafter Fritz Neugebauer ihr Nachfolger werden. So könnte sichergestellt werden, dass die Betonierer gute Ideen nicht nur verhindern, sondern dass gute Ideen erst gar nicht aufkommen. Erste Verordnung des frischgebackenen Ministers: Das Wort Pisa wird aus dem Unterricht verbannt, die gleichnamige Stadt aus dem Schulatlas gestrichen.



Der nächste Schritt ist die Provinzialisierung des Schulbetriebs. Alle Lehrer werden zu Landeslehrern. Oder noch besser: Sie werden zu Leibeigenen des jeweiligen Landesfürsten. Vor den Landtagswahlen müssen die Kinder dann nette Gedichte verfassen, um dem amtierenden Landeschef zu huldigen. Gleichzeitig hätten wir damit endgültig jede Chance einer österreichweiten Bildungsreform beseitigt. Es gäbe neun unterschiedliche Schulsysteme, für jedes Bundesland eines. Statt mit Pisa über den Tellerrand zu blicken, können wir dann ins Land einischaun. Da schlägt das Herz des niederösterreichischen Landeschefs Erwin Pröll (ÖVP) gleich viel höher.



Baba, Pisa! Servus, St. Pölten! Bei diesem Gedanken wollen alle ernstzunehmenden Bildungsexperten vermutlich sofort auswandern. Sollen sie ruhig, in Österreich hört ohnehin niemand auf sie. In der großkoalitionären Kompromissschule dürfen künftig ausrangierte Politiker ihre Lebensweisheiten vortragen. Exvizekanzler Hubert Gorbach könnte den Englischunterricht übernehmen (The world in Austria is too small to have a good Bildungssystem), der ehemalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser in Mathematik vorrechnen, wieso das Nulldefizit mit null nichts zu tun hat. Und Erwin Pröll könnte im Deutschunterricht sein Lieblingsbuch diskutieren: Der Schatz im Silbersee. Übrigens das einzige Buch, das Pröll je fertiggelesen hat, wie er einst erklärte.



Der Ausstieg aus Pisa wäre somit keine Kapitulation der Politik, sondern eine Chance für einen neuen Bildungskurs. Sollte sich die Regierung doch nicht dazu durchringen können, bleibt uns zumindest eine Hoffnung. Vielleicht schmeißt uns die OECD hinaus.



Die hat heuer schon vorab bekanntgegeben, dass die österreichischen Ergebnisse nur mit Vorbehalt zu genießen seien. Während der Pisa-Testphase wurde in Österreich wieder einmal von den Lehrern gestreikt, sie wehrten sich gegen zwei Stunden Unterricht mehr pro Woche. Die ÖVP-nahe Schülerunion rief damals zum Boykott der Umfrage auf. Diese negative Atmosphäre hat womöglich die Ergebnisse negativ beeinflusst, heißt es. Sehr gut! Wenn wir so weitermachen, disqualifiziert uns die OECD ganz von allein. Dann müssen wir wenigstens nicht mehr darüber diskutieren, ob wir Halbgebildeten überhaupt noch zu retten sind.





Dieser Kommentar wurde in Falter 49/10 veröffentlicht. Illustration: Jochen Schievink


Aug 082010
 

/Österreich ist eines der wenigen europäischen Länder, die die allgemeine Wehrpflicht noch nicht abgeschafft haben. Dabei stammt der verpflichtende Dienst mit der Waffe aus der Zeit des Kalten Krieges, als sich ganz Westeuropa vor dem Einmarsch der Roten Armee fürchtete. Heute fehlt diese Bedrohung, weswegen die Politik neue Horrorszenarien entwerfen muss, um die Existenz eines Heeres aus Grundwehrdienern zu rechtfertigen.



Die beste Erklärung bisher: Die Wehrpflicht ist unumstößlich, damit das Bundesheer weiterhin den Katastrophenschutz übernehmen kann. Das hieße also, dass Österreich alljährlich 25.000 jungen Männern ein halbes Lebensjahr stiehlt, um sicherzustellen, dass der Staat beim nächsten Hochwasser nicht komplett untergeht. Die Landesverteidigung ist nur eine von vielen Aufgaben unseres Bundesheeres noch wichtiger ist die Vorbereitung auf den nächsten Lawinenabgang.



Mag schon sein, dass das eine berechtigte Frage ist: Wer soll nach der Abschaffung der Wehrpflicht und der Einführung eines kleinen Berufsheeres im Katastrophenfall einspringen? Die Feuerwehr? Eine freiwillige Helfertruppe? Und was kostet das? Absurd ist aber, die Existenz eines Heeres mit der Wahrscheinlichkeit von Überschwemmungen, Muren- oder Lawinenabgängen zu rechtfertigen.



Den Befürwortern gehen die Argumente für die allgemeine Wehrpflicht aus. An den Auslandseinsätzen dürfen Grundwehrdiener sowieso nicht teilnehmen. Derweil findet in den Kasernen eine Art Beschäftigungstherapie statt. So scheint es, als sei der größte Zweck des Heeres, Jahr für Jahr Rekruten auszubilden die ohnehin niemand braucht.







Dieser Kommentar ist im Falter 28/10 erschienen. Screenshot von der Webseite des Bundesheeres

May 192010
 

Facebook hat das Vertrauen seiner Kunden missbraucht, der Staat darf dem Monopolisten nicht weiter zusehen





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Facebook und die Privatsphäre: ein Krampf. Nein, diese Fotos sind nicht für alle bestimmt. Nein, der eigene Name darf nicht für Werbezwecke benutzt werden. Nein, die Hobbys gehen die Menschen da draußen genauso wenig an.



Viele User sind wütend. Ständig ändert das Webportal seine Privatsphäre-Bestimmungen, dauernd will es Information an einem vorbeischummeln und für alle sichtbar veröffentlichen. Um das zu verhindern, müssen die Benutzer einen Dschungel an Menüs und Untermenüs durchforsten, Dutzende Kästchen an- oder ausklicken. Trotzdem fehlt ihnen der Überblick, welche Daten Facebook weitergibt. Der Onlinedienst fordert die totale Transparenz, selbst lebt er aber pure Intransparenz.



Die Wut ist berechtigt. Diesmal schreien nicht die üblichen Verdächtigen, Datenschützer und Webskeptiker, die es eh schon immer besser wussten. Diesmal melden sich die Rädelsführer des Internet zu Wort. Das Technikmagazin Wired warnt: „Facebook gerät außer Kontrolle.“ Die US-Sozialwissenschaftlerin Danah Boyd sagt: „Menschen werden überlistet, hinters Licht geführt, genötigt und verwirrt, damit sie Dinge machen, deren Konsequenzen sie nicht verstehen.“



Wer nie auf Facebook war, wird diese Emotion womöglich nicht nachvollziehen können. Viele Benutzer sind enttäuscht. Sie traten der Seite bei, weil sie ihnen eine bessere Kontrolle über ihre eigenen Daten versprach. Einst hatte Facebook einen guten Ruf unter den Social Networks. Hier konnte man mit Freunden Nachrichten und Fotos austauschen, ohne sich vor fremden Blicken zu fürchten. Heute ist es umgekehrt: Facebook hat 400 Millionen Mitglieder und nutzt seine Vorherrschaft aus. Seit Dezember ist jedes Profil automatisch öffentlich. Auf dem Freundschaftsportal fand ein Paradigmenwechsel statt. Aus dem Prinzip „alles ist verborgen“ wurde „alles ist offen“. Die Privatsphäre-Bestimmungen des Unternehmens sind mittlerweile länger als die amerikanische Verfassung.



Natürlich geht es ums Geld, natürlich sammeln die Manager von Facebook fleißig Daten, um diese in Bares umzuwandeln. Für Mark Zuckerberg, den 26-jährigen Firmengründer, ist Transparenz aber nicht nur ein Geschäfts-, es ist sogar sein gewünschtes Gesellschaftsmodell. Er sieht die Privatsphäre als „überholtes“ Konzept, als „alte Konvention“, die nicht mehr dem Zeitgeist entspräche. „Mark glaubt wirklich an Transparenz und die Vision einer offenen Gesellschaft, deswegen will er die Menschen auch in diese Richtung drängen“, sagt etwa Sheryl Sandberg, Chief Operating Officer des Webdienstes. Natürlich ist es Zuckerbergs Recht, einen lockeren Umgang mit dem Schutz der eigenen Privatsphäre zu pflegen. Problematisch wird es aber dann, wenn er diesen Transparenzterror auf alle 400 Millionen Facebook-Mitglieder ausdehnt.



Facebook ist heute ungeschlagen die Nummer eins unter den Social Networks. Die Betreiber der Seite wissen ganz genau, dass die User wenige Alternativen haben. Wir Internetjunkies sind in die Facebook-Falle getappt und befreien uns trotzdem nicht daraus. Warum? Weil die Plattform einen Mehrwert bietet. Wer heute Facebook verlässt, verliert zwar nicht die besten Freunde – aber einen Teil seines sozialen Umfelds, darunter ehemalige Studienkollegen oder Freunde aus dem Ausland. Natürlich könnte man anderen sozialen Netzwerken beitreten, doch dort trifft man nicht den ganzen virtuellen Bekanntenkreis an. Deswegen bleiben viele zähneknirschend und hoffen, dass Facebook irgendwann ihre Unzufriedenheit erkennt.



Der Markt regelt sich doch nicht von allein. Facebook ist ein gutes Beispiel dafür. Viele hofften, dass User durch Proteste und Massenaustritte Druck ausüben und eine neue Dialogkultur zwischen Unternehmen und Konsument entstehen könnte. Bisher geschah das nicht, vielmehr fand ein Katz-und-Maus-Spiel statt. Alle paar Monate fallen Facebook neue Transparenztricks ein. Wenn daraufhin der Widerstand groß genug wird, gibt Facebook unter Umständen nach. Und alle jubeln.



Man darf Facebook nicht dankbar sein, bloß weil es sensible Daten mit Respekt behandelt und sagt, was damit passiert. Das sollte das Recht der Konsumenten sein. Weil Facebook de facto ein Monopolist ist, müssen Wettbewerbsbehörden umso strenger darauf pochen. Sogar in den USA wird der Ruf nach Regulation lauter. Auch die EU könnte geschlossener auftreten. Facebook hat seinen Firmensitz zwar in Kalifornien, muss sich aber an europäische Datenschutzstandards halten.



Gibt es Auswege abseits der staatlichen Kontrolle? In der Internetcommunity sammelten vier amerikanische Studenten binnen kurzer Zeit 170.000 Dollar an Spendengeldern. Sie wollen bis September die „Diaspora“ entwickeln – eine Alternative zu Facebook, bei der die Information der Mitglieder nicht zentral gespeichert wird. Stattdessen soll jeder User seine Daten selbst verwalten.



Klingt sympathisch. Noch sind das aber nur gutgemeinte Worte. Und davon gab es in den letzten Jahren mehr als genug: Ein Start-up-Unternehmen nach dem anderen beteuerte, wie vertrauenswürdig es sei – und wurde dann zur Datenkrake. Macht korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut, merkt man hier. Deswegen ist es an der Zeit, nicht mehr auf gute Absichten zu vertrauen, sondern strikte Vorgaben zu machen. Wer tatsächlich Gutes im Sinn hat, wird sich daran nicht stoßen.







Interessante Links:



- Danah Boyd: Facebook and radical transparency

- Electronic Frontier Foundation: Wie Facebook mit der Zeit seine Privacy-Bestimmungen veränderte

- Tolle Grafik der New York Times: Wie schwierig es ist, sein Profil abzuschotten

- Warum bleiben Menschen trotz allem auf Facebook? Medienwissenschaftlerin und Bloggerin Nancy Baym hat das sehr gut in der Ich-Perspektive erklärt

- Facebook-Parodie Openbook: Facebook helps you connect and share with the people in your life. Whether you want to or not.







Dieser Kommentar ist im Falter 20/10 erschienen. Foto: Flickr-User William Brawley

May 052010
 

/Fast könnte man Mitleid bekommen. Die Wirte jammern, dass sie ab 1. Juli den Nichtraucherschutz zur Gänze umsetzen und getrennte Räume für Qualmer und Nichtqualmer anlegen müssen. Doch diese teure und umständliche Lösung haben sie sich selbst eingebrockt. Jahrelang haben sie gegen ein generelles Rauchverbot gekämpft, vor einem Wirtesterben gewarnt. Erst neulich hieß es aus der Wirtschaftskammer, dass 20 Prozent der Lokale den rigiden Nichtraucherschutz nicht überleben würden.



Das ist Unsinn. Die Menschen hören nicht auf, ein Schnitzel im Wirtshaus zu essen, und sie bleiben abends auch nicht zuhause, weil sie nicht mehr an der Zigarette ziehen dürfen. Das zeigt die Erfahrung anderer europäischer Länder. So weit sind wir nur in der österreichischen Debatte noch nicht. Hierzulande wird permanent vom Recht der Raucher gesprochen. Dabei will doch niemand einem anderen verbieten, dass er privat zum Glimmstengel greift. Das kann er ruhig weiterhin vor der Tür, im Gastgarten oder zuhause machen. Nur soll er dabei nicht andere zum Mitrauchen zwingen – nicht einmal das Barpersonal.



Norwegen führte 2004 ein strenges Rauchverbot ein, um Angestellte zu schützen. Solange in einzelnen Clubs oder Beisln gepofelt wird, werden dort Mitarbeiter die krebserregende Luft einatmen müssen. Es ist illusorisch zu glauben, dass nur Kettenraucher hinter der Schank stehen, die sich über eine eingeteerte Lunge freuen.



Deswegen wird langfristig nichts an einem generellen Rauchverbot vorbeiführen. Die Frage ist nur, ob wir bis dahin eine hirnlose Übergangslösung brauchen. Oder lieber gleich alle frei durchatmen können.





Dieser Kommentar ist im Falter 14/10 erschienen