Die Demokratie darf nicht ausgetrickst werden

Der Normalbürger runzelt die Stirn. ACTA, VDS? So ein Buchstabensalat. Bürgerrechtler, Blogger und Piraten hingegen versetzen diese Abkürzungen in Rage: Sie sehen darin einen Anschlag auf die Meinungsfreiheit im Netz. “VDS“ steht für die Vorratsdatenspeicherung, also das provisorische Sammeln der Verbindungsdaten aller Bürger. Die EU hat dies vorgeschrieben, in Kürze wird auch in Österreich für ein halbes Jahr aufgezeichnet, wer mit wem von wo wie lange telefoniert hat. Seit Jahren verurteilen Datenschützer diese generelle Überwachung aller Menschen “auf Vorrat“.

ACTA wiederum ist ein neueres Streitthema. Bis vor kurzem diskutierten nur eingefleischte Juristen und Internetkenner über das Handelsabkommen zum Schutz des Urheberrechts. Das sogenannte Anti-Counterfeiting Trade Agreement sieht zum Beispiel vor, dass Internetanbieter für Urheberrechtsverletzungen ihrer Kunden haftbar gemacht werden können. Der Text bleibt vielerorts vage, Kritiker fürchten schon jetzt Internetzensur.

Das größte Problem an Acta und VDS ist ihr undemokratischer Entstehungsprozess. Beides wurde zuerst hinter verschlossenen Türen ausgeschnapst, bei ACTA fanden jahrelang Geheimverhandlungen unter der Führung Japans und der USA statt. Jahrelang wussten europäische Bürgerrechtler und Parlamentarier nicht, welche rechtlichen Verschärfungen auf sie zukommen. Jetzt ist der Wortlaut bekannt und soll im Eiltempo vom Straßburger Parlament abgesegnet werden. Aus Protest gegen dieses Vorgehen trat nun sogar der EU-Berichterstatter zum ACTA-Abkommen, Kader Arif, zurück. “Es wurden keine Organisationen der Zivilgesellschaft eingebunden und es mangelte seit Beginn der Verhandlungen an Transparenz“, sagte er.

ACTA und VDS sind Chiffren für ein unsauberes Demokratieverständnis. Da werden in geheimen Verhandlungen Dokumente erstellt, und wenn der fertige Entwurf an die Öffentlichkeit dringt, ist es für eine echte Debatte längst zu spät. Diese Geheimniskrämerei auf supranationaler Ebene ist ein guter Trick, um umstrittene Gesetze ohne große Diskussion auf Schiene zu bringen.

Im Juni soll das Europaparlament über ACTA abstimmen. Höchste Zeit, dass sich die Europäer wehren und Nein sagen. Nein zum konkreten Wortlaut, Nein zu Verhandlungen hinter verschlossenen Türen. Schließlich muss auch auf einem globalen Markt mit internationalen Handelsabkommen eines möglich sein: dass normale Bürger und ihre Vertreter eine Mitsprache haben – und nicht nur hastig etwas durchwinken.

 

Links:

>> ACTA-Handelsübereinkommen auf Deutsch (PDF)

>> Kommentar von Markus Beckedahl: Warum ACTA in den Papierkorb gehört (Spiegel.de)

>> Zeichnemit.at ist eine Bürgerinitiative gegen die Vorratsdatenspeicherung

 

Dieser Kommentar erschien im Falter 5/12. Das obige Foto stammt von einem Anonymous-Protest, bei dem auch gegen ACTA demonstriert wurde. Der Aktivist wollte mit seinem Schild auf die Gefahren von ACTA hinweisen.

Oh Gott! Ich wurde zum zehnjährigen Maturatreffen eingeladen. Freilich über Facebook. Online suchen wir gerade einen Termin. Ein Klassenkamerad hat eine Befragung gestartet, ob die Leute überhaupt kommen wollen. Die Antwortmöglichkeiten lauten etwa “Fix Oida!“, “Wenn alle kommen, komm ich halt auch“ oder “Na bitte, 8 (oder mehr) Jahre waren echt genug.“

Ich stimme für “Fix Oida!“. Facebook ist eine tolle Möglichkeit, um die Ex-Schulkollegen auszuspionieren. Fast jeder hat dort ein Profil. Jetzt weiß ich, dass Harald mittlerweile fast nur noch aus Muskeln besteht, dass Alex fleißig Nachwuchs gezeugt hat und eine andere Klassenkameradin einen äußerst seltsamen Männergeschmack aufweist. Warum ich trotzdem zum Maturatreffen gehe, wenn ich eh schon alles weiß? Weil sicher die Hälfte auf Facebook geschummelt hat. Nie im Leben sind die alle so glücklich/erfolgreich/attraktiv wie auf ihrem Onlineprofil. Weiterlesen… »

Medienmensch des Jahres: Max Schrems hat sich mit Facebook angelegt und dabei mehr erreicht als manch ein Politiker

Ein junger Österreicher, Igelfrisur, brillantes Englisch, gibt CNN ein Interview. Er sitzt in seinem Wohnzimmer in Wien-Mariahilf, mittels Skype wird er dem amerikanischen Fernsehen zugeschaltet. Zwei Wochen später diskutiert er live auf Al-Jazeera. Es geht um den Datenkraken Facebook, um seine undurchschaubaren Geschäfte und sein Rechtsverständnis.

Nicht nur CNN hat Max Schrems befragt. Die New York Times, der Guardian und die Zeit stellten sich bei ihm an, die Bild widmete ihm die Titelzeile, mit Le Monde saß er im Café Ritter. “L’important, c’est que Facebook respecte la loi“, diktiert er den Franzosen. Es ist wichtig, dass Facebook das Gesetz respektiert

Max Schrems ist 24, stammt aus Salzburg und studiert Jus an der Uni Wien. Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Student aus bürgerlichem Haus nicht von seinen Kollegen vom Juridicum: Er besucht unter der Woche Vorlesungen, am Wochenende Partys. Doch eines lenkt die Aufmerksamkeit der Weltpresse auf ihn: Schrems hat sich mit einem der einflussreichsten Unternehmen der Welt angelegt, er hat die Initiative “Europe vs. Facebook” gegründet und Facebook angezeigt, 22-mal.

Die kalifornische Firma missachtet den europäischen Datenschutz, sie täuscht ihre User, hat unfaire Geschäftsbedingungen, meint Schrems. “Wenn Facebook in Europa Geschäfte machen will“, sagt er, “dann muss es sich an europäisches Recht halten.“

Schrems tat etwas Kluges, ehe er seine 22 Anzeigen verfasste. Er begehrte Auskunft, welche Daten Facebook über ihn eigentlich so abspeichert. Dieses Recht steht jedem europäischen Konsumenten zu, weiß der Jusstudent. Schrems staunte, als ihm Facebook eine CD mit einem 1222 Seiten langen PDF-Dokument übersandte. 1222 Seiten nur über Max Schrems, seine Pinnwandeinträge, seine Facebook-Freunde, seine Ex-Facebook-Freunde und viele andere Informationen, die Schrems längst gelöscht geglaubt hatte.

Wer seine Daten auf Facebook löscht, erkannte Schrems, macht sie oft nur unsichtbar. Sogar private Nachrichten verblieben in den Archiven des Internetriesen, auch wenn Schrems sie vernichten hatte wollen. “Ein klarer Verstoß gegen europäische Datenschutzbestimmungen“, sagt er. Ohne die Zustimmung des Users dürfen Firmen in Europa Daten nicht unendlich lange aufbewahren.

Der Student artikulierte das Unbehagen vieler User und brachte die Anzeigen vor der irischen Datenschutzkommission ein. Denn in Irland hält Facebook eine Tochterfirma, die für alle europäischen Kunden zuständig ist und für die europäisches Recht gilt. Die irischen Datenschützer durchleuchten nun die Webseite, haben zwei Unternehmensprüfungen bei der irischen Tochterfirma durchgeführt. Voraussichtlich werden sie noch diese Woche einen ersten Bericht vorlegen – das Dokument wird zeigen, ob sich die Behörde tatsächlich traut, dem kalifornischen Internetgiganten auf die Füße zu treten. (Update: Der Bericht der Datenschutzkommission ist erschienen und fordert mehr Rechte für die User und mehr Transparenz von Facebook. Hier die Presseaussendung von Max Schrems)
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Die heimische Politik spielt ein gefährliches Spiel. In regelmäßigen Abständen verschärft sie die Antiterrorgesetze, um der Bevölkerung das Gefühl zu geben, sie würde sie beschützen. Im Namen der “Terrorismusprävention“ findet ein riskantes Umdenken im Sicherheitsapparat statt: Die Polizei soll nicht erst eingreifen, wenn eine Tat passiert oder kurz bevor sie passiert. Das Ziel ist nun, einen potenziellen Terroristen möglichst früh ausfindig zu machen und zu observieren.

Dieser Grundgedanke prägt das neue Anti-Terror-Paket, dessen erster Teil vergangene Woche beschlossen wurde. Als Nächstes soll die Novelle des Sicherheitspolizeigesetzes folgen. Sie sieht zum Beispiel die “erweiterte Gefahrenerforschung“ vor, bei der auch Einzelpersonen frühzeitig überwacht werden dürfen, wenn die Ermittler den Eindruck haben, hier könnte ein potenzieller Terrorist sein Werk beginnen.

Natürlich soll die Polizei Gewalttaten stoppen dürfen. Doch wieder einmal bleibt der Gesetzesentwurf viel zu vage. In welchen Fällen die erweiterte Gefahrenerforschung genau angewendet werden darf, wird beispielsweise ganz schwammig formuliert. Weiterlesen… »

Vom iPhone bis zur Vorratsdatenspeicherung – unser Standort wird permanent erfasst. Das ermöglicht ganz neue Formen der Überwachung

Iwona Wisniewska sitzt im Café Europa im siebten Wiener Gemeindebezirk. Ihr Handy weiß genau, wo sie sich gerade befindet: 48.200454 Grad nördliche Breite; 16.350743 Grad östliche Länge. Das sind ihre Koordinaten. Sie werden rund um die Uhr von Navigationssatelliten, GPS-Technologie und ihrem iPhone ermittelt.

Wisniewska ist nur ein kleiner Punkt auf der Landkarte, eine von etlichen Millionen Smartphone-Besitzern, die sich orten lassen. Die 25-jährige Bloggerin hat kein Problem damit. Im Gegenteil, sie findet diese Lokalisierung praktisch. Wenn sie Fotos macht, weiß ihr iPhone ganz genau, wo das Bild geknipst wurde und speichert diese Information. Wenn Wisniewska einen Lokaltipp in der Nähe sucht, ruft sie einfach die “Foodspotting“-Applikation auf. Diese ermittelt ihren Standort und zeigt Restauranttipps. Wenn sie das Café Europa besucht, dann “checkt“ sie bei Foursquare ein – Foursquare ist eine Mischung aus Ortungsdienst und Onlinespiel, bei der man dem virtuellen Bekanntenkreis zeigt, wo man sich gerade befindet und dabei Punkte sammelt. “Das macht Spaß“, sagt Wisniewska. Sie ist eine geortete Konsumentin.

Handypeilung, GPS, Foursquare. All das gibt es schon länger, doch erst kürzlich wurde es zu einem großen Thema: Da sorgte Apple für Aufregung. Zwei IT-Experten fanden heraus, dass das iPhone permanent die eigene Position ermittelt und diese in einer unverschlüsselten Datei abspeichert. Die richtige Software und Zugang zu einem Computer, an dem das iPhone synchronisiert wurde, genügt: Schon kann man diese Information auslesen und ein Bewegungsprofil erstellen. Weiterlesen… »

Es bleibt noch eine Woche. Ende April wird der Nationalrat die wohl umstrittenste EU-Richtlinie in österreichisches Recht umsetzen müssen: die “Vorratsdatenspeicherung“.

Dieses Regelwerk dreht alles um. Plötzlich braucht es keinen konkreten Tatverdacht, keinen richterlichen Befehl mehr, um die Handy- und Computerdaten der gesamten Bevölkerung aufzuzeichnen. Für ein halbes Jahr wird gespeichert, wann Bürger mit wem wo und wie lange telefoniert hat, wann er eine SMS oder E-Mail verschickt hat. Das ist praktisch für die Polizei, das Handy wird rückwirkend zum Peilsender des Bürgers. Früher hatten die Telekomunternehmen viele dieser Daten für “Verrechnungszwecke“ gespeichert. Nun müssen sie es für den Staat tun. Ein Paradigmenwechsel. Weiterlesen… »

Die USA denken über eine Online Privacy Bill of Rights nach, einen Grundrechtekatalog fürs Internet. Zumindest wollen das die Senatoren John McCain (Republikaner) und John Kerry (Demokrat) vorschlagen. Dieses neue Gesetz könnte verhindern, dass Konzerne alle möglichen Daten von Internetusern sammeln – ohne dass die Leute davon wissen oder es abschalten können. Ich halte diese Bill of Rights für eine tolle Idee, auch für uns in Österreich. Es wird so viel über die Vorratsdatenspeicherung, die Speicherung all unserer Datenspuren und die Informationsgier der Onlinefirmen gesprochen, da wäre es ganz wesentlich, auch einmal über die Rechte der Internetuser zu reden. Besonders toll ist, dass die Amerikaner nun vorpreschen. Erstens ist der Datenschutz in den USA oftmals nicht so ausgeprägt wie in Europa. Zweitens sitzen die größten Internetfirmen allesamt in den USA und unterstehen dort den Gerichten: Ob es uns gefällt oder nicht, im Internet sind wir alle Amerikaner.

 

Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text ist in Ausgabe 11/11 erschienen. Bild: Flickr-User Mike Licht alias NotionsCapital

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