Feb 052013
 

Sowohl SPÖ als auch ÖVP reden um den heißen Brei herum: Ghettoschulen gibt es längst. Das gehört geändert

 

kinder-haende

Yusuf hat Pech. Er ist ein vifer Bub, doch er hat leider das, was Bildungsforscher einen “Migrationshintergrund“ nennen und stammt aus einer sogenannten “bildungsfernen“ Schicht. Seine Eltern kamen vor zehn Jahren aus der Türkei und arbeiten in Österreich als Hilfskräfte. Sie können sich eine 45-Quadratmeter-Wohnung in Ottakring leisten. Frühmorgens steht die Mutter auf, zieht ihr Kopftuch an und putzt Büros in der Innenstadt. Sie hofft, dass ihr Sohn eines Tages auch in einer dieser Firmen arbeiten und am österreichischen Wohlstand teilhaben wird. Dafür kamen die Eltern hierher: Yusuf ist in Österreich geboren, besucht in Kürze eine Wiener Volksschule. Er soll es eines Tages besser haben.

Leider lässt die Bildungspolitik Kinder wie ihn im Stich. Sie liefert sich Scheindebatten, anstatt über die echten Probleme zu sprechen. Das beste Beispiel dafür ist die Debatte um die Vorschule: Die ÖVP will, dass Schulanfänger mit mangelnden Deutschkenntnissen ein Vorschuljahr absolvieren müssen, ehe sie in die Volksschule dürfen. Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) warnte zuerst vor “Ghettoklassen“. Jetzt schwenkt sie um und kann sich eine verpflichtende Vorschule vorstellen.

Das ist pure Augenauswischerei. Auch ein verpflichtendes Vorschuljahr, vor dem etliche Experten warnen, löst nicht das tiefere Problem: In vielen Wiener Volksschulen gibt es kaum mehr Kinder, die zu Hause Deutsch sprechen. Die sogenannten “Ghettoklassen“, vor denen die Ministerin warnt, existieren längst. In Bezirken wie Rudolfsheim-Fünfhaus oder Ottakring sind Schulen mit mehr als 90 Prozent Migrantenanteil ganz normal. Continue reading »

Jan 142012
 

Oh Gott! Ich wurde zum zehnjährigen Maturatreffen eingeladen. Freilich über Facebook. Online suchen wir gerade einen Termin. Ein Klassenkamerad hat eine Befragung gestartet, ob die Leute überhaupt kommen wollen. Die Antwortmöglichkeiten lauten etwa “Fix Oida!“, “Wenn alle kommen, komm ich halt auch“ oder “Na bitte, 8 (oder mehr) Jahre waren echt genug.“

Ich stimme für “Fix Oida!“. Facebook ist eine tolle Möglichkeit, um die Ex-Schulkollegen auszuspionieren. Fast jeder hat dort ein Profil. Jetzt weiß ich, dass Harald mittlerweile fast nur noch aus Muskeln besteht, dass Alex fleißig Nachwuchs gezeugt hat und eine andere Klassenkameradin einen äußerst seltsamen Männergeschmack aufweist. Warum ich trotzdem zum Maturatreffen gehe, wenn ich eh schon alles weiß? Weil sicher die Hälfte auf Facebook geschummelt hat. Nie im Leben sind die alle so glücklich/erfolgreich/attraktiv wie auf ihrem Onlineprofil. Continue reading »

Jul 052011
 

Österreichs Schulsystem trichtert Schülern zu viel Wissen ein. Der Lehrplan muss grundlegend umgedacht werden

Die österreichische Schule ist ein Relikt vergangener Tage. Sie stammt aus einer Zeit, als die Habsburger noch über ein Weltreich herrschten, als Lehrer zuallererst Autoritätsfiguren und erst ganz am Schluss Pädagogen waren und als Kinder Unmengen auswendig lernen mussten – ohne recht zu wissen, wofür.

“Es war ein stumpfes, ödes Lernen nicht um des Lebens willen, sondern um des Lernens willen, das uns die alte Pädagogik aufzwang. Und der einzige wirklich beschwingte Glücksmoment, den ich der Schule zu danken habe, wurde der Tag, da ich ihre Tür für immer hinter mir zuschlug.“ Das schrieb Stefan Zweig in seiner Autobiografie “Die Welt von gestern“. Er maturierte im Jahr 1899.

Zweigs Erkenntnis hat auch heute noch Gültigkeit. Ja, es hat sich im letzten Jahrhundert viel getan. Kinder müssen nicht mehr Schillers “Glocke“ auswendig lernen oder im militärisch organisierten Turnunterricht schwere Medizinbälle schupfen.

Aber sie werden in ein enges Korsett vorgegebener Fächer gezwungen. Ein 15-jähriger Gymnasiast verbringt 31 Stunden pro Woche im Unterricht. Wenn er nachmittags heimkommt, muss er die Hausaufgaben machen und für Tests strebern. Es ist ein Fulltime-Job. Gerade zur Prüfungszeit bleibt eine 40-Stunden-Woche, Forderung der Gewerkschaften des vergangenen Jahrhunderts, für Schüler Illusion. Jeder zweite AHS-Schüler fühlt sich auch chronisch belastet. Zumindest gaben das die 15- und 16-Jährigen bei der Pisa-Studie an.

Ist dieser Stress noch gesund? Das fragen sich auch die Eltern. In Deutschland wird derzeit diskutiert, ob die Kinder mit all dem Stoff nicht überfordert werden. Die Hamburger Zeit widmete einem Vater, der die Überlastung seiner Tochter in der Schule beklagt, ein ganzes Dossier. In der Süddeutschen wurde der Alltag sadistischer oder inkompetenter Mathematiklehrer beschrieben.

In Österreich lieferten einander SPÖ und ÖVP unlängst einen Streit über die Sinnhaftigkeit des Lateinunterrichts. Da zweifelte Wiens Bürgermeister Michael Häupl an, ob der Lateinunterricht überhaupt noch zeitgemäß sei. Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle antwortete sogleich: Erst Latein mache aus jungen Menschen Bildungsbürger.

Ist das so? Lernen unsere Kinder noch das Richtige? Continue reading »

Dec 232010
 

Es gibt eine einfache Lösung für all unsere Pisa-Probleme: Wir schwänzen den nervtötenden Test in Zukunft!







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Mein Gott, ist das mühsam: Alle drei Jahre erscheint die Pisa-Studie und führt uns vor Augen, wie miserabel unser Schulsystem im internationalen Vergleich ist. Alle drei Jahre führen wir dann dieselbe Bildungsdebatte, bei der wieder nichts Konkretes herauskommt. Und nebenbei dürfen wir uns auch noch herumstreiten, ob Pisa a) ein kompletter methodischer Schwachsinn oder b) der Nachweis einer gescheiterten Bildungspolitik ist. Wie wäre es stattdessen mit Antwort C: Pisa nervt.



Vielleicht wäre es am klügsten, einfach aus Pisa auszusteigen. Seit zehn Jahren testet die OECD Schüler in dutzenden Ländern – und jedes Mal fällt auf, dass Österreich extrem viele Problemschüler hat. Das sind zum Beispiel 15-Jährige, die nicht richtig lesen können. Trotzdem ist die Politik einer echten Bildungsreform keinen Zentimeter nähergekommen, selbst eine Streberin wie Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) scheitert regelmäßig daran. Zu eingefahren sind die Fronten, zu mächtig die Lehrergewerkschaft, zu verzopft die ÖVP, zu schwach die SPÖ.



Auch heuer dasselbe Spiel. Die Pisa-Ergebnisse waren noch gar nicht bekannt, da erklärte die ÖVP schon, sie werde ihr geliebtes Gymnasium mit Zähnen und Klauen verteidigen. Woraufhin Kanzler Werner Faymann (SPÖ) eine wilde Drohung gegen den Koalitionspartner ausstieß: Er werde öffentlich Druck für die Gesamtschule entfachen, sagte der Kanzler. Was für ein Machtwort! Da holt Vizekanzler Josef Pröll sicherlich gleich seinen bösen Onkel aus Niederösterreich, damit der ihn beschützt.



Die heimische Bildungsdebatte ist wie ein schlecht gemachtes Remake von Und täglich grüßt das Murmeltier. Seit Jahren wiederholen Experten mantraartig ihre Bildungsforderungen: eine Gesamtschule für alle Zehn- bis 14-Jährigen, um die gröbsten sozialen Unterschiede auszuglätten. Mehr Ganztagsschulen, speziell für jene Schüler, denen Mama und Papa nicht die Nachhilfe zahlen. Freilich verdienen auch unsere Lehrer mehr Unterstützung (siehe Schwerpunkt Seite 12) und die Direktoren das Recht, ihre Mitarbeiter selbst auszuwählen – und zu feuern.



Nach zehn Jahren Pisa-Test bleiben somit nur zwei Auswege: Entweder die Regierungspartner einigen sich – entgegen allen Erwartungen – doch noch auf eine echte Bildungsreform. Oder wir erklären das Projekt Schule im 21. Jahrhundert endgültig für gescheitert. Ähnlich wie beim Songcontest ersparen wir uns einfach die internationale Blamage und geben von vornherein w.o.



Freilich wäre der Ausstieg aus Pisa erst der Anfang eines neuen Bildungskurses (in Richtung totale Idiotie). Als nächste Konsequenz sollte Ministerin Schmied zurücktreten und Beamtengewerkschafter Fritz Neugebauer ihr Nachfolger werden. So könnte sichergestellt werden, dass die Betonierer gute Ideen nicht nur verhindern, sondern dass gute Ideen erst gar nicht aufkommen. Erste Verordnung des frischgebackenen Ministers: Das Wort Pisa wird aus dem Unterricht verbannt, die gleichnamige Stadt aus dem Schulatlas gestrichen.



Der nächste Schritt ist die Provinzialisierung des Schulbetriebs. Alle Lehrer werden zu Landeslehrern. Oder noch besser: Sie werden zu Leibeigenen des jeweiligen Landesfürsten. Vor den Landtagswahlen müssen die Kinder dann nette Gedichte verfassen, um dem amtierenden Landeschef zu huldigen. Gleichzeitig hätten wir damit endgültig jede Chance einer österreichweiten Bildungsreform beseitigt. Es gäbe neun unterschiedliche Schulsysteme, für jedes Bundesland eines. Statt mit Pisa über den Tellerrand zu blicken, können wir dann ins Land einischaun. Da schlägt das Herz des niederösterreichischen Landeschefs Erwin Pröll (ÖVP) gleich viel höher.



Baba, Pisa! Servus, St. Pölten! Bei diesem Gedanken wollen alle ernstzunehmenden Bildungsexperten vermutlich sofort auswandern. Sollen sie ruhig, in Österreich hört ohnehin niemand auf sie. In der großkoalitionären Kompromissschule dürfen künftig ausrangierte Politiker ihre Lebensweisheiten vortragen. Exvizekanzler Hubert Gorbach könnte den Englischunterricht übernehmen (The world in Austria is too small to have a good Bildungssystem), der ehemalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser in Mathematik vorrechnen, wieso das Nulldefizit mit null nichts zu tun hat. Und Erwin Pröll könnte im Deutschunterricht sein Lieblingsbuch diskutieren: Der Schatz im Silbersee. Übrigens das einzige Buch, das Pröll je fertiggelesen hat, wie er einst erklärte.



Der Ausstieg aus Pisa wäre somit keine Kapitulation der Politik, sondern eine Chance für einen neuen Bildungskurs. Sollte sich die Regierung doch nicht dazu durchringen können, bleibt uns zumindest eine Hoffnung. Vielleicht schmeißt uns die OECD hinaus.



Die hat heuer schon vorab bekanntgegeben, dass die österreichischen Ergebnisse nur mit Vorbehalt zu genießen seien. Während der Pisa-Testphase wurde in Österreich wieder einmal von den Lehrern gestreikt, sie wehrten sich gegen zwei Stunden Unterricht mehr pro Woche. Die ÖVP-nahe Schülerunion rief damals zum Boykott der Umfrage auf. Diese negative Atmosphäre hat womöglich die Ergebnisse negativ beeinflusst, heißt es. Sehr gut! Wenn wir so weitermachen, disqualifiziert uns die OECD ganz von allein. Dann müssen wir wenigstens nicht mehr darüber diskutieren, ob wir Halbgebildeten überhaupt noch zu retten sind.





Dieser Kommentar wurde in Falter 49/10 veröffentlicht. Illustration: Jochen Schievink


May 052010
 

Was ist nur los mit diesen Kids? Warum reden sie so seltsam? In Wien entwickelt eine Migrantengeneration ihren eigenen Slang. Höchste Zeit, ihnen zuzuhören

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„Wie geht’s, Hurensohn?“, „Seas Wixer!“ So begrüßen sie sich. „Wir sind Prater“, „Gemma Lugner“. So vertreiben sie sich ihre Zeit. „Du bist Bombe!“ „Oida, i pock di net.“ So machen sie einander Komplimente. In den Wiener Gürtelkäfigen, den Parkanlagen und Gemeindebauten haben die Nachkommen der einstigen Gastarbeiter ihre eigene Sprache gefunden. Artikel und Präposition werden überflüssig, die Kinder sprechen einen Mix aus Wienerisch, Serbisch, Türkisch und anderen Einflüssen.

Ghettodeutsch. Türkendeutsch, Jugendsprache. In Wien gibt es noch keinen eindeutigen Begriff dafür. Wer an einem warmen Frühlingstag durch den Prater flaniert, hört aber überall diesen Slang. „Oida, komm jetzt. Du bist mit mir“, sagt ein Mädchen. Sie zieht ihre Freundin am Arm und will Karussell fahren. „Nein, heast, ich bin nicht mit dir!“, widerspricht die andere. Ein paar Meter entfernt steht eine Gruppe von Jungs. Sie sind erst 14 bis 16 Jahre alt, aber schon extrem cool: Mit Baseballkappe, ärmellosem Shirt und abgebrühtem Blick – der eine trägt den türkischen Halbmond am Halsketterl, der andere die tschetschenische Flagge am Kapperl. „Wir sind TKP“, stellen sich die Burschen vor – so als ob die ganze Welt wüsste, dass „TKP“ der Theodor-Körner-Park in Meidling ist. Die Grünanlage ist der Mittelpunkt der Gang, gerne gehen sie auch in den Prater.

Hier, neben Achterbahnen und Schießbuden, treffen sich viele Kids aus Meidling, Rudolfsheim-Fünfhaus und Brigittenau. Eine Clique aus dem 20. Bezirk ist gerade eingetroffen. „Gemma Space Shot“, sagt die eine. „Willst du Schlange warten?“, fragt die andere und zeigt auf die Wartenden. Ein Bursche fällt ihnen ins Gespräch. „Wo ist Tabak“, will er wissen. Und dann auf Türkisch: „Tabak nerede?“

„Tabak nerede“ ist auf Türkisch mindestens genau so falsch wie „Wo ist Tabak?“ auf Deutsch. Untereinander sprechen die Kids eine vereinfachte Form ihrer Muttersprache oder des Deutschen. „Halbsprachigkeit“ nennen Politiker das und warnen vor Ghettobildung. „Die Entwicklung zu Parallel- und Gegengesellschaften hat längst stattgefunden“, sagt die FPÖ. Selbst die Grünen sind alarmiert. „Viele Kinder beherrschen weder ihre Muttersprache noch Deutsch ordentlich. Das ist die schlechteste Voraussetzung für einen jungen Menschen“, meint die grüne Bildungssprecherin Susanne Jerusalem. Es ist klar, dass im kommenden Wahlkampf viel über diese Jugendlichen geredet werden wird. In den Wiener Pflichtschulen hat bereits jedes zweite Kind Migrationshintergrund.

Ich ficke deine Mutter!

 

Manchmal ist die Angst vor der Parallelgesellschaft nachvollziehbar. Tatsächlich gibt es jene Kids, die in ihrer eigenen Welt leben und den Anschluss an Bildungsschichten verlieren. In ihrem Freundeskreis gelten eigene Regeln für Kleidung, Verhalten und Sprache. Man trägt gefälschte „Dolce & Gabbana“-Leiberln, die Mädchen schminken sich wie Schaufensterpuppen, wer in der Hackordnung ganz unten steht, den nennt man „Opfer“. Geschimpft wird mehrsprachig: „Kurac“ ist das serbische Wort für Schwanz. „Ananı Sikeyim“ heißt auf Türkisch „Ich ficke deine Mutter“.

Solche Wörter lernt man, wenn man das Jugendzentrum im 20. Bezirk besucht. Im Freien sitzen ein paar Halbstarke, sie reden Türkisch, spucken viel auf den Boden und erzählen sich, wie cool sie sind. Wenn einer von außen an sie herantritt, tun sich die Burschen schwer. Auf Deutsch wirken sie unsicher, auf Türkisch werden sie ordinär und machen obszöne Handbewegungen. Dann spucken sie wieder auf den Boden. Pubertierende Jugendliche, die um Anerkennung in ihrer Clique kämpfen und sich gegenseitig verbal befetzen: „Ich ficke deine Mutter, ich ficke deine Muschi.“

Das sind die Kids, über die sich die FPÖ echauffiert. Aber die Kritik der Rechtspopulisten greift zu kurz. Diese Burschen sind selbst das, was sie als Schimpfwort sehen: Opfer. Viele hatten schlechte Startbedingungen. Ihre Eltern stammen aus bildungsfernen Schichten, unser Schulsystem sondert die Kinder mit zehn aus. Wer in Deutsch Probleme hat, landet schnell in der Hauptschule. Viele dieser Teenager verstehen Worte wie „Budget“ oder „Schattenseite“ nicht. Sie werden niemals eloquent beim Bewerbungsgespräch auftreten können. Wer Glück hat, macht nach der Hauptschule eine Lehre. Viele sind arbeitslos.

Sprache wäre für die Burschen die große Aufstiegschance. Das inkludiert auch, dass sie ihre Muttersprache beherrschen – egal, ob Türkisch, Bosnisch oder Englisch. Wer seine Muttersprache richtig spricht, lernt leichter Deutsch. Das zeigen linguistische Studien.

Die Sprachforscherin Katharina Brizić hat die Eltern von Wiener Grundschülern mit Migrationshintergrund interviewt und stellte fest: Jene Kinder, die zuhause Deutsch sprechen, sind in der Schule besonders schlecht in Deutsch.

Klingt überraschend, ist aber logisch. Wenn die Eltern zuhause ein fehlerhaftes Deutsch sprechen, lernen die Kinder das falsch. Gleichzeitig geht Sprachpotenzial verloren. Zum Beispiel erzählen Eltern ihren Kindern keine Geschichten mehr, dazu fehlt ihnen das Vokabular in der neuen Sprache. Doch gerade das Märchenerzählen hilft Kindern beim Spracherwerb.

Angesichts solcher Erkenntnisse müsste sich die Integrationspolitik gänzlich neu orientieren. Die Botschaft sollte sein: Türken, lernt Türkisch! Serben, lernt Serbisch!

Des sog i di

Derzeit hängt es vom Zufall und vom Einsatz jedes Einzelnen ab, ob er seine Muttersprache lernt. Die 25-jährige Linda Say hat sich als Jugendliche dazu aufgerafft. Sie begann, selbstständig türkische Bücher zu lesen. „Türkisch und Deutsch sind zwei schöne Sprachen. Man sollte sie richtig sprechen können“, meint Say heute. Sie arbeitet als biomedizinische Analytikerin und schreibt nebenher für das Migrantenmagazin Biber.

Das Türkisch in den Gürtelkäfigen hat nur wenig mit der Schriftsprache der Istanbuler Bildungsbürger zu tun. Vielen jungen Migranten wurde nie die Grammatik ihrer Muttersprache erklärt. Kinder brauchen aber Sprachunterricht. Man stelle sich vor, die österreichische Landjugend, zum Beispiel in der Südsteiermark, würde nicht Schriftdeutsch lernen. Bis zum Schuleintritt können viele Kinder den dritten und vierten Fall nicht unterscheiden. „Des sog i di“, sagen sie in der Klasse. Und der Lehrer bessert sie aus: „Das heißt nicht: ‚Das sag ich dich.‘ Das heißt: ‚Das sag ich dir.‘“

Ähnlich ist das bei den Kindern der Gastarbeiter. Linda Say hat sich selbst die türkische Schriftsprache angeeignet, aber nur wenige haben diese Energie. Oft sind es überdies jene, die ohnehin schon erfolgreich in der Schule strebern. Say ging ins Gymnasium, studiert nun auch Arabisch. Für Biber führt sie Interviews auf Türkisch oder wird für eine Woche auf Recherche nach Istanbul geschickt. Da sieht man den Nutzen der Zweisprachigkeit: Eine Millionenstadt wie Wien bräuchte viel mehr Ärzte, Juristen, Polizisten oder Lehrer, die eine Einwanderersprache beherrschen.

Aber haben Aufsteiger wie Linda Say und Problemfälle wie die Burschen im Jugendzentrum überhaupt etwas gemein? Ja, denn sie alle würden von muttersprachlicher Förderung profitieren. Das erkennen mittlerweile immer mehr Schulen. In der Schopenhauerstraße 79, einer engagierten Hauptschule im 18. Bezirk, wird etwa dreisprachig unterrichtet: Auf Deutsch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Türkisch.

„Grčka“ statt „Griechenland“

Freitag, 10 Uhr. In der Geografiestunde präsentieren die Schüler ihre Gruppenarbeit. Zwei Mädchen stehen an der Tafel, sie haben ein Plakat zum Thema Griechenland, genauer gesagt zu „Grčka“, gemalt. Der Text ist Serbisch, Ivana übersetzt ihn für die Klasse ins Deutsche. „Die Fläche ist 130.000 Quadratkilometer, also die Fläche beträgt 130.000 Quadratkilometer“, sagt die 15-Jährige. Man merkt, wie sehr die Jugendlichen mitdenken müssen, um für die anderen Schüler zu dolmetschen. Dadurch lernen sie aber kompliziertere Begriffe wie „Nachbarstaat“ oder „angrenzend“ in ihrer Muttersprache – und auf Deutsch.

Die 4B der Schopenhauerstraße ist eine jener Klassen, über die Politiker reden: Nur ein Schüler spricht zuhause Deutsch. Der Rest verwendet eine Sprache des ehemaligen Jugoslawiens, Türkisch, Ungarisch, Rumänisch, Farsi oder Urdu Pandschabi. Mit dem dreisprachigen Projekt sollen die Kinder ihren Wortschatz erweitern.

Viele Schulen hätten gute Ideen, es fehlt aber an flächendeckenden Angeboten, an muttersprachlichen Lehrern und Pädagogen, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten können. Und nicht jeder heißt die mehrsprachigen Schulprojekte gut. Die Kronen Zeitung schrieb vergangene Woche: „Aufregung herrscht an der Kooperativen Mittelschule in der Leibnizgasse in Favoriten. In einer ersten Klasse werden die Angaben für die Mathematik-Hausübung in Deutsch, Türkisch und Serbokroatisch verfasst. Zwar haben 90 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund, doch die Aufgaben sind als kinderleicht zu bewerten.“

Das Schulsystem spiegelt die gesellschaftliche Anerkennung einzelner Sprachen wider. Während man an fast jedem Gymnasium in Italienisch oder Französisch, manchmal sogar in Altgriechisch maturieren kann, gibt es noch immer kein türkisches Lehramtsstudium. Dabei kommt die Stadtbevölkerung viel häufiger mit Türkisch in Kontakt, marschiert viel öfter über den Brunnenmarkt als über die Akropolis.

Ivana, das serbischsprachige Mädchen aus der 4B, steht noch immer an der Tafel und führt ihre Präsentation fort. „Griechenland ist in EU seit 1981“, sagt sie. Solche Artikel und Satzstellungsfehler passieren der Schülerin manchmal, sie kam vor sechs Jahren nach Österreich. Oft täuschen solche sprachlichen Schnitzer darüber hinweg, dass es sich um intelligente Kinder handelt. Im Gespräch sagt Ivana gescheite Sätze wie: „Hier geht es uns besser. In Serbien hatten wir keine Perspektive.“

Volim te über alles

Die neue Sprache der Migrantenkinder entsteht teils durch fehlende Sprachkompetenz, teils ist sie auch selbstgewählt. „Mit den Lehrern tue ich auf brav“, sagt Ivana, „aber mit Freunden rede ich ein schmutziges Deutsch.“ Wenn sie chattet, missachtet sie jegliche Rechtschreibregeln. „Nichts“ wird zu „niks“, „jetzt“ wird „jez“, aus „Freunde“ plötzlich „frojnde“. Das schaut für deutsche Muttersprachler komisch aus, für slawischsprachige Kinder wirken diese Formulierungen stimmig. Gewissermaßen deuten sie die deutsche Rechtschreibung für sich um – oder, wie die Soziolinguistin İnci Dirim sagt: „Sie eignen sich die Sprache der Mehrheit an.“

Das Ergebnis klingt manchmal ziemlich unterhaltsam. „Du bist Bombe!“, sagen die Teenager. „Heast, Wixa, was ist mit du?“, grüßen sie sich. Und wenn Ivana ihrer besten Freundin im Chat gute Nacht sagt, schreibt sie: „VTÜA“. Kurz für: „Volim te über alles.“ Ich liebe dich über alles.

Bilinguale Menschen hupfen häufig zwischen den Sprachen hin und her. Ein Satz beginnt in der Muttersprache und endet auf Deutsch. Wenn das französische Diplomatenkind so etwas macht, finden das alle charmant. Wenn der türkische Migrant das tut, wird es fast schon als Anschlag auf den ganzen deutschsprachigen Kulturkreis gedeutet. Dabei sind solche neuen Mischformen ganz normal, Linguisten sprechen von „Code-Switching“. Der Dialekt der ethnischen Minderheit heißt „Ethnolekt“. Jiddisch ist das bekannteste Beispiel dafür, es ist eine Mischung aus Mittelhochdeutsch, Slawisch und Hebräisch. „Ethnolektale Entwicklungen zeigen, dass Menschen mit Sprache arbeiten. Ich sehe das eher als Zeichen von Integration“, sagt Dirim, die eine Professur am Wiener Institut für Germanistik innehat. Gleichzeitig sei die Schule gefordert: Sie muss darauf achten, dass Kinder die Schriftsprache lernen.

Manche Länder haben einen offeneren Umgang mit Zweisprachigkeit. In Kanada ist es normal, wenn Kinder im Unterricht eine Frage auf Arabisch stellen – selbst wenn der Lehrer kein Arabisch spricht. Dann übersetzt die Klasse gemeinsam die Frage. „Interkulturelles Lernen“ nennen das Pädagogen, die Kinder bekommen dabei Selbstvertrauen in die eigene Sprache.

Selbstvertrauen wird nämlich unterschätzt. Wenn Kinder einen selbstsicheren Umgang mit ihrer Muttersprache haben, lernen sie besser Deutsch. Das zeigte eine Studie der Uni Wien. Dabei wurden türkische Kinder in ihrer Muttersprache individuell betreut und ihre Selbstsicherheit beim Türkischreden gefördert. In der Folge erzielten sie bessere Leistungen – auch in Deutsch.

Sprache als Kampfplatz

Doch gerade das Selbstvertrauen wird von Rechtsparteien attackiert. Die FPÖ will Migrantenkindern sogar verbieten, in der Pause ihre Muttersprache zu sprechen. Neu sind solche Kulturkämpfe nicht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand in französischen Schulhöfen der Hinweis: „Es ist verboten, auf den Boden zu spucken und Bretonisch zu sprechen.“

Manche sehen Sprache noch immer als kulturelle Arena, in der sich nur eine Nation, ein Volk durchsetzen kann. Realistisch betrachtet nützen solche Kampfansagen aber nichts. Die Burschen, die vor dem Jugendzentrum sitzen und wenig Zukunftschancen haben, werden nicht plötzlich brillant Deutsch parlieren – bloß weil sie am Tag ein paar Minuten mehr mit Deutsch konfrontiert sind. Die TKP-Gang wird nicht plötzlich die Sprache ihrer Eltern ablegen, das würde ja eine Entfremdung von der Familie bedeuten. Gleichzeitig wird die Gesellschaft diese Kinder aber auch nicht los. Ob du’s glaubst oder nicht, Oida.

Das obige Bild zeigt die Jungs von der TKP-Gang. Sultan, Muhammed, Imran und Talha sind zwischen 14 und 16 Jahre alt. Sie haben haben indische, türkische und tschetschenische Wurzeln. Dieser Artikel ist die Cover-Geschichte des Falter 18/10. Credit: Katharina Gossow

Feb 172010
 

Drei von vier Wienern fordern eine Ganztagsschule. Konservative Bildungspolitiker kommen in Bedrängnis





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78 Prozent sagten also Ja. Sie stimmten für die Einführung einer flächendeckenden Ganztagsschule, so das Zwischenergebnis vom Dienstag. Über die Bedeutung der Volksbefragung wird derzeit heftig gestritten, bisher sind 276.834 Stimmen gezählt, nach dem derzeitigen Stand hat rund ein Viertel der Wahlberechtigten mitgestimmt. Eines ist aber offensichtlich: Es gibt den großen gesellschaftlichen Wunsch, dass die Schule auch am Nachmittag für ihre Kinder da ist.



Erziehung, Förderung, Herzensbildung. Das sind zunehmend Aufgaben, die auch die Schule übernehmen muss. In Wien gibt es besonders viele Familien, bei denen beide Elternteile arbeiten. Der Ruf nach mehr Nachmittagsbetreuung ist in der Hauptstadt besonders laut: 71 Prozent der Wiener Eltern würden ein ganztägiges Schulangebot für ihre Kinder nutzen, weitere elf Prozent tun das schon jetzt, ergab erst kürzlich die Elternbefragung des Ministeriums (Studie als PDF hier). Somit äußern acht von zehn Eltern den Wunsch, dass ihr Nachwuchs nachmittags von der Schule betreut und gefördert wird.



Die Sozialdemokraten erkennen das Thema. Die Ganztagsschule ist die logische Antwort auf den veränderten Berufsalltag, sie kommt vielen Jungfamilien entgegen, die mühevoll ein Nachmittagsprogramm für ihren Nachwuchs organisieren müssen und oft nicht mit der Qualität der Betreuung zufrieden sind: So kann es auch passieren, dass die Kinder ihre Nachmittage nur in dunklen Räumen ohne Bewegungsfreiheit verbringen oder gar keine richtige Hilfe bei den Hausaufgaben bekommen.



Das ist aber nicht einmal das wichtigste Argument für die Ganztagsschule. „Sie beseitigt auch wesentliche soziale Unterschiede“, sagt etwa Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch. Eine Schule, die die Kinder nicht um zwölf Uhr nachhause schickt, muss mehr Verantwortung für die Sprösslinge übernehmen. Jene Kinder, die derzeit keine Nachhilfe gezahlt bekommen, die nachmittags nicht in den Schwimmkurs oder Klavierunterricht geschickt werden oder die außerhalb der Schule vielleicht selten Deutsch sprechen, profitieren am meisten von ihr. Deswegen empfiehlt die OECD schon jetzt, dass Österreich die Ganztagsschule ausbaut. Das würde speziell Migrantenkindern helfen.



/Jetzt kommt es auf die Umsetzung an. In der Stadt werden derzeit 23 Volksschulen und vier Hauptschulen ganztägig geführt, gerade in den Innenstadtbezirken gibt es nur wenige Standorte. Die SPÖ verspricht auf den Stimmzetteln nun ein flächendeckendes Angebot, die ÖVP warnt vor einer „Zwangstagsschule“, in der künftig alle Kinder landen. Doch das ist eine unberechtigte Sorge: Richtige Ganztagsschulen lassen sich nicht über Nacht errichten. Es braucht dafür zum Beispiel auch andere Schulgebäude, in denen Kinder nicht nur pauken, sondern frei herumlaufen, musizieren oder sich ausruhen können.



Eine „verschränkte Ganztagsschule“ will die SPÖ, bei der sich Unterricht, Freizeit und Förderprogramme abwechseln. Anwesenheitspflicht herrscht dort von acht bis 16 Uhr, bis 17.30 Uhr gibt es zusätzlich ein freiwilliges Betreuungsangebot. Die Abwechslung von Lern- und Ruhephasen entspricht der Art, wie Kinder lernen: Statt am Vormittag den geballten Stoff in ihre Köpfe hineinzupressen, sind in der Ganztagsschule Lern- und Ruhephasen auf Vormittag und Nachmittag verteilt. In fünf bis sieben Jahren soll es in jedem Bezirk eine solche Ganztagsschule geben, ausgenommen AHS. Für die Gymnasien ist der Bund und nicht das Land zuständig.



Es mag zaghaft wirken, dass die SPÖ nur in kleinen Schritten das Angebot ausbaut. Doch das ist die vorsichtige Strategie der Genossen. Die wollen nach und nach der Bevölkerung schmackhaft machen, dass Schulen nicht schon mittags zusperren. Ideologisch wünscht sich die SPÖ dieses Modell natürlich langfristig. „Im internationalen Vergleich sind jene Länder besonders erfolgreich, die die Gesamtschule als Regelschule haben“, sagt etwa Stadtrat Oxonitsch, der sich aber davor hütet, von „Verpflichtung“ oder gar „Zwang“ zu sprechen.



Die 78 Prozent Zustimmung geben der SPÖ nun Rückendeckung bei der Auseinandersetzung mit konservativen Bildungspolitikern und Lehrergewerkschaftern, die auf freiwillige Nachmittagsbetreuung pochen und damit den flächendeckenden Ausbau erschweren. Das Ergebnis zeigt auch, dass sich die Gesellschaft verändert hat und viele Menschen dazu stehen. Mit ihrem Ja haben sie nicht nur für bessere Betreuung am Nachmittag gestimmt, sondern auch signalisiert, dass der staatliche Bildungsauftrag nicht um zwölf Uhr Mittag enden kann und danach die Eltern alleine verantwortlich sind, welche Chancen ihre Kinder im Leben bekommen.







VOLKSBEFRAGUNG

Laut Zwischenergebnis vom Dienstag nahmen 26 Prozent der Wahlberechtigten an der Volksbefragung teil, einige Briefwahlstimmen werden aber noch ausgezählt. Eine klare Mehrheit sprach sich für Hundeführerschein, Hausmeister und Ganztagsschule aus, ein knappes Ja zeichnet sich für die Nacht-U-Bahn ab. Das Endergebnis mit allen Briefwahlstimmen wird für den 24. Februar erwartet





Dieser Artikel ist im Falter 07/10 erschienen. Fotos: Heribert Corn und Wienwillswissen.at

Jan 282010
 

/Citymaut, Nacht-U-Bahn, Hausmeister, Ganztagsschule und böse Hunde: Von 11. bis 13. Februar entscheiden die Städter. Der Falter gibt Empfehlungen für die Wiener Volksbefragung ab, zwei davon habe ich verfasst. Hier meine Einschätzung zu Schule und U-Bahn



Nacht-U-Bahn



In Wien fahren täglich Nachtbusse von 0.30 bis 5.00 Uhr. Ein 24-Stunden-U-Bahn-Betrieb am Wochenende kostet pro Jahr fünf Millionen Euro und bewirkt veränderte Fahrtrouten der Nachtbusse an Wochenenden. Sind Sie dafür, dass die U-Bahn am Wochenende auch in der Nacht fährt?“ Die SPÖ lässt diese Frage so klingen, als sei die Nacht-U-Bahn der größte Schwachsinn. Ist sie aber nicht. Es gibt mehrere Städte mit hoher Lebensqualität, die dieses Service am Wochenende bereits bieten – etwa Stockholm, Hamburg, Berlin.



In Wien hingegen denkt man lieber zweimal darüber nach, ob man abends beim Ausgehen etwas länger bleibt. Die letzte U-Bahn? Fährt kurz nach Mitternacht davon. Das Taxi? Ist teuer. Die Nachtbusse? Brauchen lange, und viele wissen gar nicht, wo die nächste Haltestelle ist – es gibt immerhin 23 Nachtbuslinien.



Vom Reumannplatz bis Kagran, von Simmering bis Ottakring. Jeder Wiener kennt die U-Bahn-Stationen, weiß, wie er von dort nachhause findet. Kein anderes öffentliches Verkehrsmittel flitzt so schnell durch die Stadt. Vergleichbare Städte haben gute Erfahrungen mit der Nacht-U-Bahn gemacht. Hamburg führte sie schon vor fünf Jahren ein, die Zahl der Fahrgäste verdreifachte sich daraufhin. Nutzten 2004 noch 30.000 Menschen an Wochenendnächten die Öffis, waren es 2005 schon 90.000.



Freitagabends, samstagnachts. Alle 20 Minuten kommt in Hamburg die U-Bahn oder S-Bahn. Zusätzlich fahren einige Buslinien rund um die Uhr. Das ist notwendig für jene Menschen, die nicht direkt neben den Gleisen wohnen.



Freilich kostet mehr Transport auch mehr Geld. Die Hansestadt zahlt jährlich 3,5 bis vier Millionen Euro für das Service. Von fünf Millionen Euro wird in Wien gesprochen. 101 U-Bahn-Stationen müssten am Wochenende rund um die Uhr geöffnet sein.



Aber sind fünf Millionen Euro für die Stadt und ihre Verkehrsbetriebe eine derart astronomische Summe? Zum Vergleich: Die Volksbefragung kostet inklusive Werbekampagne 6,7 Millionen Euro. Die Wiener Linien befördern pro Jahr 800 Millionen Fahrgäste, heuer investieren sie 471 Millionen Euro in Infrastruktur. Allein in die Verlängerung der U-Bahn fließen davon 300 Millionen Euro. Das derzeitige Nachtbussystem kostet 6,7 Millionen Euro pro Jahr.



In der Volksbefragung wird die U-Bahn nun zu Unrecht auf eine Kostenfrage reduziert. Der öffentliche Verkehr kann nicht nur anhand wirtschaftlicher Kriterien beurteilt werden. Ansonsten müsste man alle Nachtbusse abschaffen und untertags den U-Bahn-Takt verringern. Damit ließe sich noch viel mehr Geld sparen.



Die Nonstop-U-Bahn ist ein Luxus, den sich andere Städte leisten. Denn er fördert auch die Mobilität und das Lebensgefühl. Wien möchte eine pulsierende Metropole und „anders“ sein – doch bitte nicht nach Mitternacht. Das gehört nun geändert.



title=Bild:Wahlempfehlung: JA







Ganztagsschule



Internationale Studien zeigen, dass die Ganztagsschule der entscheidende Erfolgsfaktor für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie darstellt sowie das Bildungsniveau der Bevölkerung deutlich hebt. Sind Sie für ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsschulen in Wien?“ Diese rhetorische Frage könnte sich die Stadtregierung sparen und ohne Zögern die Ganztagsschulen ausbauen. Diese werden dringend gebraucht. Jedes zehnte Kind von Vollzeit-Berufstätigen ist heute nachmittags unbetreut, rechnet die Arbeiterkammer vor. In Wien wünscht sich sogar die Hälfte der Eltern ein ganztägiges Schulangebot, ergab eine Befragung des Unterrichtsministeriums. Derzeit müssen Mütter und Väter mühsam eine Nachmittagsbetreuung suchen, einen Hortplatz zahlen oder wieder einmal die Großeltern um Hilfe bitten.



Es braucht also Schulen, in denen die Kinder nachmittags betreut werden. Nicht nur weil Eltern bis 17 Uhr arbeiten. Sondern auch weil es dem Lernprozess der Schüler entspricht: Derzeit pressen wir Mathematik, Englisch und Geschichte in vier bis sechs Stunden am Vormittag. Hirnforscher fanden heraus, dass sich die Aufmerksamkeit von Kindern auf Vormittag und Nachmittag aufteilt. Wichtig ist ein Rhythmus aus Lern- und Erholungsphasen.



Die Wiener SPÖ will nun mehr Ganztagsschulen mit verschränktem Unterricht anbieten. Unterricht, Sport und Betreuungsphasen wechseln sich ab. Kinder sollen vormittags nicht überlastet und nachmittags zusätzlich gefördert werden.



Österreich ist international eine Ausnahme, kaum ein Land kennt die Halbtagsschule. Diese führt zu sozialer Ungerechtigkeit: Schüler aus reicheren oder besser gebildeten Familien werden nachmittags in den Musikunterricht oder zur Nachhilfe geschickt. Natürlich brauchen solche Kinder die Ganztagsschule weniger als sozial Schwache. Für diese gibt es keine Klavierstunden, keine Mathenachhilfe und oft auch keine Betreuung. Deswegen rät die OECD Österreich, die Ganztagsschule einzuführen. Dort werden Kinder mit Migrationshintergrund auch nachmittags eingebunden und bekommen bessere Bildungschancen.



Die ÖVP warnt vor diesen Plänen. Sie befürchtet eine „Zwangstagsschule“, in der alle verpflichtend vormittags und nachmittags pauken müssen. Das ist Panikmache. Von „verpflichtenden Ganztagsschulen“ traut sich kein roter Politiker reden. Lediglich das freiwillige Angebot soll ausgedehnt werden. In jedem Bezirk will die SPÖ mindestens eine Ganztagsschule errichten.



Mutig wären die Sozialdemokraten, würden sie an einer verpflichtenden Ganztagsschule für alle arbeiten. Oder wenn sie es zumindest wagten, die Wiener Bevölkerung offen zu fragen: „Soll die Halbtagsschule in eine Ganztagsschule umgewandelt werden?“



Langfristig läuft alles auf diesen Schultyp hinaus: Mütter und Väter gehen arbeiten, die Kinder brauchen nachmittags Förderung, und es sollen alle gleich viel Aufmerksamkeit auch nach zwölf Uhr bekommen. Solange die Anzahl der Ganztagsschulen begrenzt und die Halbtagsschule Normalität ist, ist das nicht gegeben.



title=Bild:Wahlempfehlung: JA









Diese Texte sind im Falter 04/10 erschienen und Teil einer größeren Covergeschichte zur Wiener Volksbefragung. Fotos: Heribert Corn / Abstimmungs-Logo: Wienwillswissen.at