Dec 142011
 

Christine Hödl, Siegerin der ORF-Sendung “Die Große Chance“, über ihr Leben in und nach der Castingshow

Interview:
Ingrid Brodnig & Gerhard Stöger

Gestern war Christine Hödl Kindergärtnerin in Wien, heute taucht ihr Gesicht in allen Medien auf. Sie hat die größte Castingshow des Landes gewonnen; „Siegerin liebt eine Frau“, schrieb daraufhin Österreich am Titelblatt. Viel wird über das Privatleben der 35-Jährigen berichtet, über ihre Frau und ihre Tochter. Wie geht es Hödl mit dieser Aufmerksamkeit?

Die Sängerin wirkt genau so, wie man sie aus dem Fernsehen kennt: Sie ist klein, unkompliziert und einnehmend sympathisch. Einen Unterschied gibt es aber doch: Während Hödl im Fernsehen recht wortkarg war, sprudelt es beim Interview nur so aus ihr heraus. Im Büro ihrer neuen Plattenfirma Sony spricht sie über den Alltag hinter den Kulissen der „Großen Chance“, über den ambivalenten Umgang der Medien, über ihre Karrierehoffnungen – und sie lacht über die Frage nach ihrer Größe, die ihr zuvor auch schon Woman gestellt hatte: Es sind exakt 153 Zentimeter.

Falter: Frau Hödl, wie geht es Ihnen eine Woche nach dem Sieg?

Christine Hödl: Ich konnte mir noch gar nicht die Zeit nehmen, das Ganze Revue passieren zu lassen und abzuklären, was da eigentlich gerade mit mir passiert. Es gibt viel zu viel Trubel um mich herum, außerdem haben die Aufnahmen meines Albums bereits begonnen.

Bekommen Sie eine Auswahl an Songs vorgelegt, die Sie aufnehmen müssen?

Hödl: Nein, das darf ich mir schon aussuchen. Das Album wird meines. Am ersten Studiotag haben wir einen Teil meines Repertoires in einer Rohversion aufgenommen, jetzt müssen wir schauen, was davon wirklich verwendbar ist.

Was war das für ein Gefühl, als plötzlich nur mehr Sie im Scheinwerferlicht standen?

Hödl: Ich habe das gar nicht mitbekommen. Irgendwann hat der Kandidat neben mir gemeint: „Christine, äh, du bist das.“ Ich hatte da längst ein Blackout.

„Die Große Chance“ lebte von permanenter Reizüberflutung. Hatten Sie nie Angst, da unterzugehen?

Hödl: Das Spektakel hat mich nicht gestört. Jeder hatte seine Art, eine Show zu machen, meine war halt sehr minimalistisch. Es ging nicht darum, mit Bomben und Granaten einzuschlagen. Das bin nicht ich.

Wie viel Arbeit steckt hinter so einer Show?

Hödl: Ohne Spaß würde es nicht funktionieren, aber man glaubt gar nicht, wie viel harte Arbeit das hinter den Kulissen ist. In den zwei Wochen vor dem Finale mussten wir täglich ab Mittag dort sein, dann ging es meistens bis Mitternacht. Ich habe eine ganze Sammlung an ORF-Essensgutscheinen zu Hause liegen, weil ich oft gar nicht dazu gekommen bin, die einzulösen. Nikotin und Koffein waren meine Rezepte, um mich bei Laune und munter zu halten.

Hat es Sie überrascht, dass das Showgeschäft so harte Arbeit ist?

Hödl: Ich bin offenkundig sehr naiv in das Ganze hineingegangen. Ich dachte mir: Ich mache die eine oder andere Probe, lasse mich in ein Kostüm stecken und tu halt so als ob. Jetzt weiß ich es besser.

Bei Popmusik geht es immer auch um Show und Illusion. Ihr künstlerisches Konzept ist die Natürlichkeit. Auch weiterhin?

Hödl: Das war kein bewusster Show-Plan. Ich bin so, und das wird so bleiben. Ich darf Gott sei Dank mit Leuten zusammenarbeiten, die mich lassen, wie ich bin. Eigentlich war das auch bei der Show so – ich hab schnell gelernt, mich durchzusetzen, wenn man mich verbiegen wollte.

Christina Stürmer punktete anfangs auch mit ihrer Ungekünsteltheit, aber noch während „Starmania“ wurde sie umgestylt, bekam eine neue Frisur und sprach bald darauf plötzlich Hochdeutsch.

Hödl: Bei so etwas würde ich nicht mitmachen. Ich habe mich vorher informiert, ob das eh keine dieser Shows ist, wo man mich weiblicher machen möchte, mit Glitzer, Haarverlängerungen und solchen Dingen. Continue reading »

May 182010
 





Haha, ich habe es schon immer gewusst. Nur jetzt ist es auch wissenschaftlich belegt: Man wird nicht schlauer, bloß weil man am Computer Gedächtnisspiele spielt. Die boomen seit ein paar Jahren, Nintendo verkauft zum Beispiel „Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging“. Und viele Erwachsene geben tatsächlich Geld dafür aus, um in ihrer Freizeit Gedächtnisübungen zu machen. Doch das fördert nicht die mentale Fitness, sagen britische Forscher. Sie führten mit der BBC eine große Studie durch. 11.500 Menschen nahmen daran teil, die einen betrieben Gehirntraining am Computer, die anderen nicht. Nach sechs Wochen zeigte sich kein Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Alles nur ein guter Marketinggag also. Da lob ich mir herkömmliche Computerspiele. Die tun nicht so, als wären sie unabdingbar für unser geistiges Wohlbefinden, da geht es nur um Unterhaltung. Das finde ich viel sympathischer: Manchmal muss man sich einfach zurücklehnen und seine Zeit mit etwas absolut Nutzlosem verschwenden.







Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Diese Kolumne wurde in Ausgabe 17/10 veröffentlicht

May 182010
 

Brigitte Kulovits-Rupp ist die erste Frau an der Spitze des ORF-Stiftungsrats. Sie fordert mehr Geld für echtes Programm und die Einführung ethischer Richtlinien





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Es war eine echte Überraschung. Brigitte Kulovits-Rupp wurde zur neuen Vorsitzenden des Stiftungsrats gewählt. Und das mit deutlicher Mehrheit. 31 der 35 Stiftungsräte stimmten für die SPÖ-Kandidatin, erstmals führt eine Frau das oberste Kontrollgremium am Küniglberg an. Die ÖVP sicherte sich im Gegenzug die Leitung des Finanz- und Programmausschusses. „Alten Proporz“ nennt die Presse das, „politische Willkür“ sieht das Profil. Wie denkt Kulovits-Rupp über ihre Wahl? Wie nimmt sie den Einfluss der Politik wahr? Und welche Schwerpunkte will sie in den kommenden vier Jahren setzen? Darüber sprach Kulovits-Rupp in ihrem ersten Interview als Vorsitzende, das sie dieser Zeitung gab.



Falter: Frau Kulovits-Rupp, sind Sie eine Proporzlösung?



Brigitte Kulovits-Rupp: Nein, ich bin keine Proporzlösung. Es ging darum, einen mehrheitstauglichen Kandidaten oder eine mehrheitstaugliche Kandidatin zu finden, und es gab sehr großen Zuspruch für meine Person, nicht nur von Rot und Schwarz.



Dabei waren ursprünglich nicht Sie, sondern ein unabhängiger Vorsitzender geplant. Warum kam es nicht dazu?



Kulovits-Rupp: Ich weiß nicht, von wem das geplant gewesen sein soll. Die Entscheidung, wer dem Stiftungsrat vorsitzt, fällt im Stiftungsrat. Die Mitglieder sind weisungsgebunden und unabhängig und haften für ihre Beschlüsse mit dem Privatvermögen. Ich glaube nicht, dass diese Personen am Gängelband irgendwelcher Entscheidungsträger hängen.



Nun wird aber ein Teil der Stiftungsräte von der Politik berufen. Sie sind überdies die Wunschkandidatin der SPÖ, ihr Vize der Kandidat der ÖVP. Inwiefern passt das mit dem Anspruch der Unabhängigkeit zusammen?



Kulovits-Rupp: Der Stiftungsrat wird zum Teil von der Politik beschickt, natürlich spielt sich das nicht in einem Vakuum ab, sondern hat gesellschaftspolitische Relevanz. Auch in der Gesellschaft spielen die Parteien eine Rolle. Mich irritiert, dass dem Stiftungsrat jahrelang vorgeworfen wird, er ist ein zerstrittener Haufen und kriegt nichts auf die Reihe. Und nun haben wir einen Beschluss mit sehr breiter Mehrheit, und es heißt daraufhin, es würde gemauschelt. Es ist der Sache nicht dienlich, das immer nur negativ zu kommentieren. Ich hoffe, dass der Stiftungsrat in Zukunft gemeinsam nach außen hin auftreten kann.



Sie möchten sich als Vorsitzende künftig auch stärker mit dem ORF-Programm befassen. Was wollen Sie da diskutieren?



Kulovits-Rupp: In den letzten Jahren hat sich der Stiftungsrat großteils mit Finanzfragen beschäftigt. Natürlich sind geordnete Finanzen die Voraussetzung für ein gut funktionierendes Unternehmen. Der eigentliche Zweck des ORF ist es aber, Programm zu machen. Es ist an der Zeit, dem mehr Augenmerk zu schenken. Der ORF strahlt im Jahr an die 120.000 Programmstunden aus, doch in der letzten Zeit stand immer weniger Geld fürs Programm zur Verfügung. Dabei sind gerade die Eigenproduktionen beim Publikum beliebt, und wenn man mehr Eigenproduktionen will, muss man entsprechende Mittel zur Verfügung stellen.



Die ÖVP pocht aber weiterhin auf einen Sparkurs. Widerspricht das nicht Ihren Vorstellungen?



Kulovits-Rupp: Sparen ist kein Selbstzweck. Es ist klar, dass das Unternehmen ein Strukturproblem hat. Dieses gilt es zu lösen. Aber man muss festlegen, was der Kernbereich des ORF ist. In den letzten Jahren hatten wir eine Diskussion über die Definition des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Da gibt es zwei Extrempositionen. Die einen meinen, der ORF soll nur das machen, womit niemand Geld verdienen kann. Er soll eine elektronische Wiener Zeitung werden. Auf der anderen Seite gibt es den Anspruch eines Vollprogramms, mit allem, was dazugehört, jeder Sportart, allen Sportrechten. Da wird man einzeln klären müssen: Kann, will und muss ich mir das leisten?



Und wie definieren Sie den öffentlich-rechtlichen Auftrag?


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Brigitte Kulovits-Rupp sitzt seit 2001 im ORF-Stiftungsrat, die 51-Jährige leitet in ihrem Hauptberuf die Öffentlichkeitsabteilung der Arbeiterkammer Burgenland. Vor der Wahl zur neuen Vorsitzenden führte sie bereits den Programmausschuss. Ihre ersten Erfahrungen im ORF sammelte sie 1978, als sie am kritischen Jugendmagazin „Ohne Maulkorb“ mitarbeitete. Kulovits-Rupp studierte Publizistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaften, ist verheiratet und hat drei Kinder

Kulovits-Rupp: Ich bin über das Ergebnis des EU-Verfahrens froh. Da wurde festgestellt, dass es sich um ein Vollprogramm handeln soll, von Kultur, über Information, Sport bis hin zur Unterhaltung. Es geht um ein Programmbouquet. Ich glaube, dass wir den Wünschen der Zuseher auch über neue Spartenkanäle entgegenkommen können. Das wird durch das neue ORF-Gesetz möglich. Wie diese Kanäle im Detail aussehen sollen, wird eine große Herausforderung sein.



In den letzten Monaten gab es immer wieder Diskussionen über die Unvereinbarkeit, darüber, was ein ORF-Moderator in seiner Freizeit tun, womit er zusätzlich Geld verdienen darf. Sind Sie für niedergeschriebene einheitliche Regeln?



Kulovits-Rupp: Ja. Diesen Punkt habe ich mir vorgenommen und auch schon Gespräche geführt. Natürlich muss man unterscheiden, ob jemand fest beim ORF angestellt ist oder nur nebenbei für ihn arbeitet, ob jemand eine Informations- oder eine Unterhaltungssendung moderiert, ob er Redakteur oder Programmverantwortlicher ist. Man wird nicht jeden Einzelfall mit Richtlinien regeln können, aber Grundsätze soll es schon geben.



Sollen ethische Fragen generell schriftlich geregelt werden?



Kulovits-Rupp: Ja, im Zuge der Diskussion um die „Schauplatz“-Reportage wurde auch die Einsetzung einer Arbeitsgruppe zu Programmrichtlinien zugesichert. Ich finde es eine wichtige Aufgabe, zu regeln, was für Journalisten zulässig ist und was nicht. Dadurch gibt man den Mitarbeitern auch eine gewisse Sicherheit.



Im Parlament liegt derzeit das neue ORF-Gesetz. Wie denken Sie darüber?



Kulovits-Rupp: Das Gesetz schafft klarere Spielregeln, auch was die Aufsicht betrifft. Die unabhängige Medienbehörde ist grundsätzlich gut, Klärungsbedarf besteht aber noch, was mit der Verantwortung und Haftung passiert, wenn diese Behörde Beschlüsse des Stiftungsrats aufhebt.



Ihr Vorgänger, Klaus Pekarek, sprach sogar von einer Entmachtung des Stiftungsrats durch die Medienbehörde.



Kulovits-Rupp: Das sind scharfe Worte, die das plakativ ausdrücken. Ich denke, dieser Punkt ist noch nicht ausdiskutiert und es wird darauf ankommen, wie die Formulierung letztlich verfasst ist und ausgelegt werden kann.



Macht es einen Unterschied, dass Sie nun die erste Frau an der Spitze des Stiftungsrats sind?



Kulovits-Rupp: Einen großen sogar. In den letzten Tagen gab es sehr bissige Kommentare, auch einen Leitartikel, in dem ich als Person und meine Kollegin Margit Hauft (Anm.: die neue Leiterin des Programmausschusses) sehr kritisch betrachtet wurden. Ich glaube, das passierte auch deswegen, weil wir Frauen sind. Und sollte ich in meiner Position keine gute Figur machen, wird es jene geben, die sagen: „Na eh klar, ist halt so, weil sie eine Frau ist.“



Wirkt sich die Tatsache, dass Sie eine Frau sind, auf die Führung des Stiftungsrats aus?



Kulovits-Rupp: Ich denke schon. Ich kann mich an stundenlange Diskussionen im Gremium erinnern, in denen nicht erkennbar war, worum es ging. Mir erschien das als Hahnenkämpfe. Ich schätze effizientes Arbeiten und Diskussionen, in denen nahezu jede Facette beleuchtet wird. Aber ich halte wenig davon, das als Podium für Selbstdarstellung zu nutzen.



Jetzt brodelt schon wieder die Gerüchteküche. Es heißt, die ORF-Direktoren könnten frühzeitig ausgetauscht werden, also vor Ende 2011. Ist da was dran?



Kulovits-Rupp: Diese Frage stellt sich derzeit nicht, die Diskussion halte ich für überflüssig.



Im ORF gibt es immer solche Gerüchte, sie werden auch bewusst lanciert. Ist der ORF eine Schlangengrube?



Kulovits-Rupp: Er ist zumindest heikles Terrain. Als Schlangengrube würde ich ihn nicht bezeichnen. Unter Journalisten versucht jeder, dem anderen voraus zu sein, Entwicklungen vorwegzunehmen und als Erster auf einer Neuigkeit zu sitzen. Vielleicht führt das manchmal zu solchen Spekulationen, näher will ich mich dazu aber nicht äußern.





Dieses Interview ist im Falter 17/10 erschienen. Credits: Flickr-User Martin & Julia / ORF Kundendienst

Mar 312010
 

title=Foto:Strache gegen den ORF, Rechtsradikale gegen Strache, die ÖVP gegen den ORF, der ORF gegen die Prinzipien von Qualitätsjournalismus – eine Affäre mit lauter Verlierern



Bericht:

Ingrid Brodnig und Martin Gantner




Damit hatte Philipp R. nicht gerechnet. Über Nacht wurde er zum bekanntesten Rechtsradikalen Österreichs. Die Parteien streiten darüber, was der 19-Jährige bei einer FPÖ-Veranstaltung vielleicht gesagt oder nicht gesagt hat. Journalisten diskutieren, ob der Wiener vom ORF instrumentalisiert wurde. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ob er sich der Wiederbetätigung schuldig machte. Und Philipp selbst? Er sitzt in der Wohnung seiner Mutter, trägt eine Jogginghose, ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „Leben ist Kampf“ und ärgert sich. „Wenn ich gewusst hätte, dass das so endet“, sagt er, „dann hätte ich da nicht mitgemacht.“ Am liebsten hätte er sich niemals vom ORF filmen lassen.



Eine 30-minütige Fernsehreportage stellte das Leben des jungen Skinheads auf den Kopf. Die Reportage handelt vom trostlosen Alltag des Wieners: von den Geldsorgen, die ihn und seine Mutter plagen, von den fehlenden Perspektiven, die den jungen Mann ohne Schulabschluss und ohne Jobchancen umtreiben, bis hin zur Wut, die er spürt, wenn er über „die Ausländer“ schimpft.



Der ORF-Journalist Ed Moschitz hatte Philipp mehrere Monate lang begleitet. Die Zuschauer erleben einen desillusionierten 19-Jährigen auf seinem Weg zum Arbeitsamt und beobachten, wie der Bursche gemeinsam mit seinem Freund vor Gericht erscheinen muss. Moschitz zeigt einen jungen Menschen in seiner ganzen Widersprüchlichkeit: hin- und hergerissen zwischen dumpfem Ausländerhass und Zuneigung zu seinem türkischen Nachbarn, der auf derselben Stiege wohnt.



Übrig bleibt vor allem eine Frage: Wie viel hat der Philipp im Fernsehen mit dem echten Philipp aus dem Gemeindebau zu tun? Der ORF fuhr mit den Rechtsradikalen auch zu einer Wahlkampfveranstaltung der FPÖ in Wiener Neustadt, wo die Jungs hinwollten. Dort stellten sie sich demonstrativ mit Transparenten vor linke Gegendemonstranten und reihten sich ein, um Fotos und Autogramme von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache zu bekommen. „Sieg Heil!“ will dieser dann aus dem Mund von einem der Skins gehört haben. Strache wirft dem Küniglberg Manipulation und Moschitz Anstiftung zum Neonazismus vor. Der ORF dementiert.





Die Interessen der Politik



Die beiden beschuldigten Skinheads bestreiten mittlerweile selbst, in Wiener Neustadt „Sieg Heil!“ gerufen zu haben. Auch das ausgestrahlte Material lässt starke Zweifel an Straches Version aufkommen. Doch den FPÖ-Chef hindert das nicht daran, sich weiter als Opfer des ORF zu gerieren. Er spricht vom „Küniglgate“ und von gebührenfinanzierten Neonazis.



Den Freiheitlichen bietet der Fall eine willkommene Ablenkung von ihrer Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz. Mit ihrem Eiertanz rund um das Verbotsgesetz hatte sie die FPÖ einmal mehr ins rechte Eck gestellt. Auch die ÖVP fordert auf einmal gebetsmühlenartig hehren Qualitätsjournalismus und unverzerrte Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein. Kritiker befürchten, es gehe den Schwarzen nur um die Vormachtstellung auf dem Küniglberg. Nun schaltet sich auch der grüne Sicherheitssprecher Peter Pilz ein und erstattete am Montag Anzeige gegen unbekannt. Er habe den Verdacht, dass Polizeibeamte auf die Skinheads Druck ausübten und zur Falschaussage im Interesse der FPÖ zwangen.



Der Fall hat aber auch eine andere Dimension als das politische Hickhack. Es geht dabei um die Frage: Was dürfen Journalisten – und was nicht? Wann legen sie Spuren, statt diesen nur zu folgen? Ist es legitim, einem jungen Rechtsradikalen Geld zu geben, damit er sich T-Shirts mit einschlägigen Sprüchen kauft? Die Aussagen der Skinheads und Falter-Recherchen lassen die Arbeitsmethoden des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in einem zweifelhaften Licht erscheinen.




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Dieser Bericht erschien als Cover-Geschichte im Falter 13/10

Die Methoden des ORF



Am Küniglberg liegen die Nerven blank. Dem zuständigen Redakteur, Ed Moschitz, wird eine öffentliche Stellungnahme per Weisung untersagt. Nur in der „Zeit im Bild“ durfte er sprechen, um seine Arbeitsweise zu verteidigen. Kaum ein Mitarbeiter will zitiert werden. Sie alle wissen, dass viel auf dem Spiel steht: Für den ORF geht es um seine Glaubwürdigkeit als öffentlich-rechtlicher Sender. Für die „Schauplatz“-Redaktion um den hart erarbeiteten Ruf eines Teams, das für seine Sozialreportagen über die Jahre hinweg zu Recht mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde.



Einer, der Stellung beziehen muss, ist Christian Schüller, Sendungsverantwortlicher vom „Schauplatz“. Er sitzt vergangenen Donnerstag müde in der ORF-Kantine. Die Anstrengungen der letzten Tage sind ihm anzusehen. Er sagt: „Die Kritik der FPÖ ist haltlos. Die Sendung wird die Vorwürfe klar widerlegen.“ Man könne noch so viele Bänder auswerten, auf keinem werde man die von Strache behaupteten Naziparolen finden. „Niemand wurde zu irgendwas gezwungen.“



Die ORF-Führung sprach bisher immer von je 100 Euro, die die beiden Skinheads für die Erlaubnis zum Filmen bekommen hätten. Laut Unternehmenssprecher Pius Strobl scheinen in der ORF-Buchhaltung keine weiteren Zahlungen auf. Die Skinheads widersprechen einander in Details, behaupten aber beide, es sei mehr Geld geflossen. Philipp sagt, es seien 100 Euro pro Drehtag gewesen. Wie Falter-Recherchen im ORF ergaben, dürften die jungen Männer jedenfalls mehr Geld als 200 Euro erhalten haben. 50 Euro bekam zum Beispiel Philipp – bevor er vor laufender Kamera einen rechtsradikalen Shop betrat. Von dem Geld kaufte sich der Skinhead eine Fahne und zwei T-Shirts. Eines davon ist das schwarze Leiberl mit der Aufschrift „Leben ist Kampf“, das er jetzt zuhause trägt. „Leben ist Kampf“ heißt auch ein Song aus dem rechtsradikalen Milieu. Ein Propagandafilm der Nationalsozialisten trug den Titel „Alles Leben ist Kampf“.



Das Geld, das an die beiden Rechtsradikalen floss, wird von ORF-Vertretern das eine Mal als notwendiges Übel für eine heikle Recherche, das andere Mal als normales Vorgehen bezeichnet. Im „Club 2“ vergangenen Donnerstag holte Johannes Fischer, Chef der ORF-Magazine, einen Zettel heraus. Er las vor, dass nicht nur der ORF, sondern auch ZDF, NDR, das Schweizer Fernsehen und der Westdeutsche Rundfunk für die Abtretung von Persönlichkeitsrechten oder für etwaige Aufwandsentschädigungen Geld bezahlen würden.



Beim Zuschauer konnte der Eindruck entstehen, als sei es auch bei den deutschen Kollegen das Normalste der Welt, dass Journalisten ihre Interviewpartner bezahlen. Das stimmt nicht. Natürlich gebe es beim ZDF Aufwandsentschädigungen, sagt Andreas Wunn, Chef vom Dienst der ZDF-Chefredaktion. Gefilmte bekämen manchmal Geld, wenn sie aufgrund eines Drehtermins nicht arbeiten könnten oder einen anderen Termin verpassten. „Grundsätzlich wird aber kein Geld an Protagonisten gezahlt“, sagt Wunn, der so renommierte Magazine wie „Frontal 21“, „ZDF Reporter“ und „ZDF Reportage“ mitverantwortet.





Die Kollegen in Deutschland



„Ich stelle die Situation nicht her, über die ich berichte“, sagt auch Harald Lüders, ein anderer Mitarbeiter des ZDF. Er leitet die Reportageredaktion in Mainz und will die Recherchemethoden des ORF nicht näher kommentieren – für seine eigene Redaktion stellt er jedoch klar: Geld für Neonazis kommt nicht infrage. „Da besteht die Gefahr, dass man Menschen motiviert, sich selbst zu produzieren“, erklärt er. Denn die Leute könnten durch Zahlungen zusätzlich bestrebt sein, der Kamera etwas Sehenswertes zu bieten. Wer trägt dann Schuld an einem Hitlergruß im Fernsehen? Derjenige, der die Hand zum Gruße hob? Oder jene Person, die zuvor Geld gegeben hat, um einen Rechtsradikalen vor die Kamera zu bekommen?



Karlheinz Kopf, Mediensprecher der ÖVP, ortet jedenfalls journalistische Verfehlungen im ORF: „Mein Interesse richtet sich nicht so sehr darauf, ob der ‚Sieg Heil!‘-Ruf wirklich stattgefunden hat – das werden die Gerichte klären –, sondern darauf, ob die Burschen vom Redakteur täglich bezahlt, mit einschlägigen Utensilien ausgestattet und im Produktionsfahrzeug zu einer politischen Kundgebung gefahren wurden.“ Dann nämlich hätte die Redaktion aus einer Reportage fiktionales Programm gemacht und eindeutig Grenzen des journalistisch Erlaubten überschritten.



In der Filmwissenschaft gibt es für Situationen, die erst durch den Journalisten selbst geschaffen werden, einen Fachausdruck: das Pseudoereignis. „Ein Pseudoereignis ist ein Geschehen, das ohne das Zutun oder den Ausblick auf ein Mediengeschehen nicht zustande gekommen wäre. ‚Falsche‘ oder ‚täuschende‘ Ereignisse also, die ohne die Anwesenheit von Medien niemals passiert wären.“



Absurderweise stammt dieses Zitat aus der Magisterarbeit von Ed Moschitz selbst, dem verantwortlichen Redakteur. Er hat seine Diplomarbeit dem Thema „Authentizität in realitätsnahen Fernsehformaten“ gewidmet, sich dort mit der Echtheit, Inszenierung und Manipulation von Reportagen auseinandergesetzt. Umso verwunderlicher ist seine eigene Recherchemethode.





Eine zweifelhafte Bilanz



Am 12. März fahren Moschitz und sein Filmteam die Skinheads auf deren Wunsch hin mit dem Auto nach Wiener Neustadt. Zuerst bringt der Redakteur die Rechtsradikalen zur Strache-Veranstaltung, dann tritt er an den FPÖ-Chef selbst heran und fragt: „Herr Strache, Verzeihung, warum haben die Rechtsradikalen bei Ihrer Ansprache so besonders gejubelt?“ Strache gibt an, keine Neonazis während seiner Rede wahrgenommen zu haben. Erst als er das Fernsehteam sieht, will er Naziparolen gehört haben und wirft Moschitz vor, ein „Agent provocateur“ zu sein. Und die Dinge nehmen ihren Lauf.



Die Justiz wird noch einige Zeit damit zu tun haben, sämtliche Vorwürfe – haltlose wie berechtigte – zu überprüfen. Ein Gutachter wird feststellen, ob das ORF-Band tatsächlich manipuliert wurde, wie das Strache behauptet, oder ob die Naziparolen nie existiert haben, wie die Aussagen der Skinheads und von Moschitz nahelegen. Weiters wird gegen die Neonazis ermittelt, ob sie sich der Wiederbetätigung schuldig gemacht haben. Und bei der Exekutive wird nachgeforscht, ob Polizisten tatsächlich Amtsmissbrauch, Anstiftung zum Amtsmissbrauch oder Nötigung begangen haben.



Doch schon jetzt ist klar, dass der ORF-„Schauplatz“ kein Glanzstück des freien Journalismus war – sondern eine fragwürdige Reportage, die den Küniglberg in Erklärungsnotstand brachte und das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erschütterte. Bedauerlich dabei ist, dass die ethische und juristische Debatte nun das eigentliche Thema überschattet: Hätte der „Schauplatz“ korrekt gearbeitet, hätte man die Skinheads nicht bezahlt und zu einer Jubelveranstaltung für Heinz-Christian Strache geführt, dann wären die 30 Minuten Reportage ein tolles journalistisches Lehrstück gewesen, das die Innensicht eines jungen Rechtsradikalen nachzeichnet und dem Zuseher erklärt, was einen 19-Jährigen heute dazu bewegt, Adolf Hitler anzuhimmeln und Strache-Veranstaltungen zu besuchen.



Statt die Frage zu stellen, was das Bildungssystem, das Arbeitsamt oder der Staat dagegen tun können, streiten Politiker nun über Details einer Fernsehproduktion und tragen ihre Scharmützel aus. Übrig bleibt Philipp. Er sitzt in seiner Wohnung im Wiener Gemeindebau und erlebt gerade seine 15 Minuten zweifelhaften Ruhms. Job ist keiner in Sicht. Auch über die Gräuel des Zweiten Weltkriegs oder die Situation von Migranten in Österreich hat er in dieser Zeit nichts dazugelernt. Nur eines weiß er nun mit Sicherheit: „Ins Fernsehen will ich nach dieser Geschichte nie wieder.“







Das obige Foto zeigt Philipp R. / Credit: Heribert Corn

Jan 102010
 

/Auch wir wundern uns manchmal, wenn wir dieses Blatt aufschlagen. Zum Beispiel letzten Mittwoch. Ich nahm den Frühstückstee in die eine und die Zeitung in die andere Hand. Beim Anblick von Seite 17 hätte ich mich fast verschluckt. Was sah ich da? Kollegin Barbara Tóth in einer Werbung für das ÖVP-Casting-Spektakel Superpraktikant. Die Marketingfritzen rund um Josef „Supervizekanzler“ Pröll warben mitten im Falter mit dem Gesicht einer Falter-Redakteurin! Tóth hatte sich zuvor für die Show, die ab Jänner auf ATV läuft, beworben und ein Foto von sich unter www.superpraktikant.at hochgeladen. Dieses nutzte die ÖVP für ein Inserat. Aber darf sie das überhaupt? Darf sie sich ungefragt mit unserer Kollegin schmücken? Anscheinend ja. Denn wer sich als Prölls Superpraktikant bewirbt, gibt alle Rechte ab. Lädt man etwa ein Foto hoch, darf die ÖVP dieses für Werbung nutzen, erklärt die Webseite. Vorsicht, Internerdler! Das ist wieder so ein Fall, wo man das Kleingedruckte zuerst lesen sollte, bevor man auf „OK“ klickt.











Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 51/09 veröffentlicht. Screenshot: Superpraktikant.at

Oct 152009
 

Super reagierte das ZDF zuletzt auf einen Fehler. In den „Heute“-Nachrichten hatte Sprecher Elmar Bartel das Wort „Phishing“ mit „Fisting“ verwechselt. Dabei ist Ersteres eine Art Internetbetrug, das andere eine eher heftige sexuelle Praxis. Sehr peinlich! Die Onlinecommunity sprang gleich darauf auf und verbreitete den Sager auf YouTube, Twitter und Co. Mittlerweile kann man die Sounddatei auch als Klingelton aufs Handy laden (fragt sich nur: Wer tut so etwas?). Das ZDF blieb gelassen und gestand den Fauxpas auf der eigenen Webseite ein. Dort listeten die Mainzer Fernsehmacher auch andere sprachliche Hoppalas von Herrn Bartel auf. Der hat in seinen 25 Jahren als Nachrichtenstimme schon einiges verzapft. Etwa sprach er von „Kandesbunzler Kohl“, dem „Mein-Rhain-Flughafen“ oder „Nordrhein-vietnamesischen Streitkräften“. Vielleicht will der Mann mit seinen Versprechern aber auch nur auffallen und bringt absichtlich witzige Formulierungen. Das wäre ja quasi Fisting, pardon, Phishing for Compliments.





Phishing – der Versprecher







Phishing – der Song











Digitalia ist die wöchentliche IT-Kolumne des Falter. Dieser Text wurde in Ausgabe 41/09 veröffentlicht